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Full text of "Geschichte der römischen Litteratur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian"

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HANDBUCH 

DER 

KLASSISCHEN 



AUEETUMS-WISSENSCHAFT 

in systematischer Darstellung 

mit besonderer Rücksicht auf Geschichte und Methodik der einzelnen 

Disziplinen. 



In Verbindung mit Gymn.-Rektor Dr. Autenrieth (Nürnberg), Prof. Dp. Ad. 
Bauer (Graz), Prof. Dr. Blass (Kiel), Prof. Dr. Brug^mann (Leipzig), Prof. 
Dr. Busolt (Kiel), Prof. Dr. v. Christ (München), Prof. Dr. Flasch (Erlangen), 
Prof. Dr. Gleditsch (Berlin), Prof. Dr. Günther (München), Prof. Dr. Heer- 
Aegen (Erlangen), Oberl. Dr. Hinrichs f (Berlin), Prof. Dr. Hommel (Mün- 
chen), Prof. Dr. Hübner (Berlin), Prof. Dr. Jul. Jung: (Prag), Dr. Knaack 
(Stettin), Priv.-Doz. Dr. Krumbacher (München), Dr. Larfeld (Remscheid), Dr. 
LoUing: (Athen), Prof. Dr. Niese (Marburg), Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Nissen 
(Bonn), Priv.-Doz. Dr. Öhmichen (München), Prof. Dr. Pöhlmann (Erlangen), 
Prof. Dr. 0. Richter (Berlin), Prof. Dr. Schanz (Würzburg), Geh. Oberschulrat 
Prof. Dr. Schiller (Giessen), Gymn.-Dir. Schmalz (Tauberbischofsheim), Ober- 
lehrer Dr. F. Steng^el (Berlin), Professor Dr. Stolz (Innsbruck), Prof. Dr. 
Ung:er (Würzburg), Geheimrat Dr. v. Urlichs f (Würzburg), Prof. Dr. Moritz 
Voigft (Leipzig), Gymn.-Dir. Dr. Volkmann (Jauer), Dr. Weil (Berlin), Prof. 
Dr. Windelband (Strassburg), Prof. Dr. Wissowa (Marburg) 

herausgegeben von 

Dr. Iwan von Mjiller, , 

ord. Prof. der klassischen Philologie in Erlangen. 



Achter Band, 

tiescMchte oe^romiscnen Litteratur 

bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. 



M>00<^>*}<^S>f«<^^<X>0. 



MÜNCHEN. 
C. H. BECK'SOHE VERLAGSBUCHHANDLUNG (OSKAR BECK). 

1890. 



GESCHICHTE 



DER 



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RÖMISCHEN LITTERATÜR 







ii 





Von 



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/ 



Martin Schanz, 

ord. Professor an der Universität Würzburg. 



Erster Teil: 



,* 



Die römische Litteratur in der Zeit der Republik. 





l7Mii*i*{*a!»:iiia 
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MÜNCHEN. 
C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG (OSKAR BECK). 

1890. 






Allo Rechio vorbehalten 



C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördli 



ugen. 



» 



Vorrede, 



Wie die Einleitung besagt, soll die Geschichte der römischen 
Litteratur bis zum grossen Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian vor- / 

geführt werden. Wir geben hiemit den ersten Teil, der den Anfang 
der Litteratur und ihre Entwicklung in der republikanischen Zeit um- 
fasst und zwar, da eine in sich geschlossene Periode zur Darstellung 
kommt, als einen für sich bestehenden und selbständigen. Die Fort- 
setzung des Werks wird in kurzer Zeit erfolgen. 

Es wird dem freundlichen Leser nicht unerwünscht sein, wenn 
ich mich hier über die Art und Weise der Behandlung mit einigen 
Worten ausspreche. 

Vor allem war mein Bestreben darauf gerichtet, dem Stoff eine 
möglichst übersichtliche Form zu geben; zu dem Zweck habe 
ich innerhalb bestimmter chronologischer Abschnitte den generischen 
Gesichtspunkt durchgeführt und alles sachlich Zusammengehörige ver- 
einigt; weiterhin habe ich durch Inhaltsangaben, welche an die 
Spitze der einzelnen Paragraphen treten, den Gang der Betrachtung 
aufs schärfste markiert; endlich wurde durch Einführung des grossen 
und des kleinen Drui;ks ein Mittel gewonnen, gewisse Partien vor- 
zuschieben und andere dagegen in den Hintergrund zu rücken. 
Die Knappheit, die schon durch die Einreihung meiner Arbeit 
in ein grösseres Ganze geboten war, bildete den zweiten Gegen- 
stand meiner Sorge. Ich glaubte dieselbe vornehmlich zu erreichen 
durch Einschränkung der Litteraturangaben. Alle Abhandlungen kriti- 
scher und sprachlicher Natur, welche unsere Wissenschaft in fast un- 



VI Vorrede. 

abselibarer Weise erzeugt, konnten, da sie mit der Litteraturgescliiclite 
wenig oder nichts zu thun haben, übergangen werden. Für die Kenntnis 
solcher Schriften haben wir so vortreffliche bibliographische Hilfsmittel, 
dass sich die Litteraturgeschichte mit einem ein für allemal ausge- 
sprochenen Hinweis begnügen darf. Sie darf dies um so eher thun, 
als auch die weitgehendsten Angaben in dieser Beziehung dennoch 
nicht die Benützung bibliographischer Hilfsmittel für den, der sich 
eingehender mit einem Schriftsteller beschäftigen will, entbehrlich 
machen. Auch eine Geschichte der Ausgaben lag nicht in unserm 
Plan ; wir führten in der Regel nur die neusten Ausgaben, besonders 
diejenigen an, welche die kritische Grundlage eines Schriftstellers fest- 
setzen. Wer mehr erfahren will, hat sich an Engelmann-Preuss' 
hibliotheca scriptorum classicorum und an die Vorreden grösserer Aus- 
gaben zu wenden. Da in den kritischen Editionen auch über die 
handschriftlichen Quellen mehr oder weniger ausführlich Rechenschaft 
abgelegt wird, so durften wir uns hier ebenfalls auf die allerwesent- 
lichsten Angaben beschränken. Schriften dagegen, welche sich auf 
litterarische Fragen beziehen, mussten, wenn nicht veraltet oder un- 
brauchbar, dem Leser zur Kenntnis gebracht werden; doch geschah 
dies manchmal in der Weise, dass nur auf ein Hauptwerk, in dem 
sich die ganze vorausgehende Litteratur angegeben findet, aufmerksam 
gemacht wurde. Durch die Weglassung oder Beschränkung der Lit- 
teraturangaben, welche sich bei genauerem Zusehen als drückender 
Ballast der Litteraturgeschichte darstellen, haben wir mehr Raum für 
die schriftstellerischen Produkte selbst gewonnen. Über dieselben den 
Leser nach verschiedenen Seiten hin zu instruieren, war unser vor- 
nehmstes Ziel. Vor allem haben wir über die Lebensumstände des 
Autors, soweit es notwendig, Aufschlüsse erteilt, dann durch knappe 
Inhaltsangaben eine bestimmte Vorstellung von den Werken zu er- 
wecken versucht, weiter kurze Charakteristiken angeschlossen, endlich 
auch bei den wichtigern Schriftstellern die Wirkung ihrer Produkte 
auf die Zeitgenossen und die späteren Epochen mit einigen Strichen 
gezeichnet. Mit Vorliebe flochten wir in unserer Darstellung Stellen 
aus den Schriftwerken oder den Fragmenten ein; solche sind ja oft 
mehr geeignet als die längste Auseinandersetzung, zu erreichen, was 
jeder Litterarhistoriker erreichen will, dass nämlich der Name aufhört, 
blosser Name zu sein und zu einem lebensvollen Bilde wird. Was 



Vorrede. VII 

die Beweismittel und Belege anlangt, so miissten alle, welche zur Er- 
kenntnis des litterarischen Thatbestands notwendig sind, zur Vorlage 
kommen. Dem Leser soll in unserm Buch kein Stückwerk geboten 
werden, es muss ihm die Möglichkeit gewahrt bleiben, alle Behaup- 
tungen an der Hand der Belege zu kontrollieren ; er hat ein Anrecht 
auf eine, wenn auch kurz gefasste, doch für die erste Orientierung 
völlig ausreichende Litteraturgeschichte. In Bezug auf die Mitteilung 
der Beweise und Belege haben wir einen doppelten Weg eingeschlagen, 
die minder wichtigen teilten wir in einfachen Zahlencitaten meist 
gleich im Text mit, die wichtigeren dagegen ausgeschrieben in den 
klein gedruckten Partien. 

Dies wäre es, was ich über die äussere Einrichtung des Buchs 
zu sagen hätte. So sehr ich nun überzeugt bin, dass der äussere 
Eahmen für die Erreichung des gesteckten Ziels nicht belanglos ist, 
so hängt doch der Erfolg der Arbeit wesentlich von dem dargebotenen 
Inhalt ab. Darüber muss nun die Entscheidung kompetenter Beur- 
teiler abgewartet werden. Eines darf ich aber vielleicht hervorheben, 
dass ich es an Sorgfalt nicht fehlen Hess. Die Zeugnisse wurden 
aufs gewissenhafteste geprüft, die sekundäre Litteratur, soweit sie mir 
zugänglich war, durchgearbeitet, auch den litterar-historischen Werken 
die gebührende Beachtung geschenkt; doch der Hauptnachdruck wurde, 
um ein klares, frisches Bild zu erhalten, auf die fort und fort 
wiederholte Lektüre der Schriften und Fragmente der Autoren gelegt. 

So möge denn nach diesen Worten das Buch in die Welt hinaus- 
treten und freundliche Aufnahme finden! Gerade der Litterarhistoriker, 
der des Eeizes, den die Einzelforschung gewährt, fast ganz entbehren 
muss, der sein Hauptaugenmerk stets auf die Abwehr des Verfehlten 
und Verkehrten zu richten hat, der den Druck der ungeheuer an- 
schwellenden sekundären Litteratur auszuhalten hat, bedarf zu seiner 
Aufmunterung der gütigen Nachsicht und der freundlichen Belehrung 
von Seiten der Fachgenossen. 

Würzburg im Monat Mai 1890. 

Prof. Dr. Martin Schanz. 



A. 

Inhaltsverzeichnis zum Ersten Teil. 



Einleitung. Seite 

1. Ziel 1 

2. Umfang und Gliederung 1 

3. Methode 2 

4. Entwicklung der römischen Litteraturgeschichte 3 

Erste Periode: 
Elemente der nationalen Lltteratur. 

1. Volk und Sprache. 

5. Verhältnis des römischen Volks zur Litteratur 9 

6. Die Stellung der lateinischen Sprache; ihre Entwicklung . . 10 

2. Poesie. 

7. Das nationale Versmass 11 

8. Die heiligen Lieder 12 

9. Die Fescenninen 13 

10. Die Totenklagen und die Ahnenlieder 14 

11. Weissagungen und Sprüche 15 

3. Prosaaufzeichnungen. 

12. Die Schrift 16 

13. Die Amtsbücher 17 

14. Die amtliche Chronik 18 

15. Die XII Tafeln 20 

16. Jus Papirianum 21 

17. Jus Flavianum 22 

18. Verträge und Gesetze 22 

19. Die Leichenrede und das Elogium 23 

20. Der erste römische Schriftsteller 24 

21. Rückblick 25 

Zweite Periode: 

Die römische Knnstiltteratur. 

A. Die Lltteratnr vom zweiten panischen Krieg bl6 znui Aasgang des 

Bnndesgenossenkriegs (240—88). 

22. Der Hellenismus in der römischen Litteratur 28 

a) Die Poesie. 

1. L. Livius Andronicus. 

23. Die lateinische Odyssee 28 

24. Das griechische Drama in Rom 28 

25. Die römische Dichterzunft 29 



Inhaltsverzeichnis zam Ersten Teil. IX 

2. Cn. Naevius. gelte 

26. Naevius* Komödien und Satiren 30 

27. Das historische Schauspiel 32 

28. Das historische Epos 32 

29. Naevius* Ende 33 

3. T. Maccius Plautus. 

30. Lehen des Plautus 33 

31. Sichtung des plautinischen Corpus durch Varro 34 

32. Die Stoffe in den plautinischen Komödien 35 

Amphitruo 8. 85; Aslnaria S. 85; Aulalarto S. S6: Gaptivi S. 36; (^urculio 8. 37; Gasioa 
8. 37 ; GistellariA 8. 37 ; Epfdicu« B. 88 ; Baocbldes 8. 38 ; MostelUrU 8. 39 ; Menftechmi 8. 39 ; 
HUes a 40; Memtor 8. 41; Piiendolus a 41; Poenuhis 8. 42; Perm 8. 48: Rndents 8. 43; 
Stlchns a 44; Trioummns ä 44; Truculentun 8. 45; Vldularia a 46. 

33. Die plautinischen Prologe 46 

34. Charakteristik des Plautus 47 

35. Fortleben des Plaujkus 50 

4. Q. Ennius. 

36. Das Leben des Ennius 53 

37. Ennius' dramatische Dichtungen 54 

38. Das Ennianische Epos ,die Jahrbücher* 55 

39. Ennius* übrige Gedichte 57 

5. M. Pacuvius und Statins Caecilius. 

40. Die Schule des Ennius 59 

6. P. Terentius und andere Palliatendichter. 

41. Leben des P. Terentius Afer 61 

42. Die Chronologie der Terenzianischen Komödien 62 

43. Die Stoffe der Terenzianischen Komödien 63 

AndrlA a 63; Hecyn a 64; Ueaotontimorumeuos 8. 65; Eunacbus 8. 66; Phormio 8. 67; 
Adelphoe 8. 68. 

44. Charakteristik des Terentius 69 

45. Fortleben des Terentius 70 

46. Die übrigen Palliatendichter 72 

47. Rückblick. Charakteristik der Palliata 73 

7. L. Accius. 

48. Der Höhepunkt der Tragödie 76 

49. Accius' Parerga 77 

50. Accius* Schriftreformen 78 

8. C. Titius und C. Julius Caesar Strabo. 

51. Symptome des Niedergangs der Tragödie 79 

52. Rückblick. Charakteristik der röm. Tragödie 80 

9. Titinius, T. Quinctiu« Atta, L. Afranius. 

53. Das lateinische Originallustspiel (fabula togata) 82 

54. Das Theaterwesen 85 

10. C. Lucilius. 

55. Die Buchsatura 88 

56. Das Leben des C. Lucilius 90 

57. Das Corpus der Satiren des Lucilius 91 

58. Inhalt einzelner Bücher der Satiren 91 

59. Charakteristik des Lucilius . . , 92 

11. Die übrigen Dichter. 

60. Dramatisches 94 

61. Episches (Hostins, A. Furius) 95 

62. Didaktisches 96 

63. Die epigrammatische Dichtung 97 



X 



InhaltaTerseidinis snm Ersten Teil. 



64. 



65. 
66. 
67. 
68. 
69. 
70. 

71. 



b) Die Prosa. ' 

«) Die Historiker. 
1. Q. Fabius Pictor und andere Annalisten. 
Römische Annalistik in griech. Sprache 

Q. Fabius Pictor 8. 98; L. Gincias Alimentus 8. 99; P. Ck)rDelias 8cipio 8. 99; A. Postumiiu 
Albintis 8. 99; G. Acilios 8. 100. 

2. M. Porcius Cato. 

Reaktion gegen den fortschreitenden Hellenismus 

Catos Unterweisungen — die erste lateinische Encyklopädie 

Catos fachwissenschaftliche Spezialschriften .... 

Catos Ur- und Zeitgeschichten 

Catos Reden imd Briefe 

Fortleben Catos * . 



8. Die lateinischen Annalisten. 
Die allgemeinen Stadtchroniken 



71* 
72. 
73. 



74. 
75. 



76. 

77. 



78. 
79. 
80. 



81. 
82. 



L. CaasiuB Hemina 8. 106; L. Oalpumius Piso 8. 107; C Seinpronius Tuditanus 8. 107; 
Cd. OelUus 8. 107; YennoDiiis 8. 107; C. Fanniu« 8trabo 8. 107. 

4. L. Coelius Antipater. 
. Die historische Monographie 

5. Sempronius Asellio. 
Die Zeitgeschichte ... 

6. M. Aemilius Scaurus, Q. Lutatius Catulus, P. Rutilius Rufus. 
Die Autobiographien und die Denkschriften 

ß) Die Redner. 

Die Beredsamkeit bis C. Gracchus 

Die Beredsamkeit von C. Gracchus bis M. Antonius und L. Crassus 

y) Die Fachgelehrten. 
1. Die Philologen (L. Aelius Stilo Praeconinus) 

Die Entstehung der römischen Philologie 

Die grammatische Streitfrage: Analogie oder Anomalie 

2. Die Juristen. 

Die erste umfassende Bearbeitung des Rechts 

Regularjurisprudenz 

Systematisches Recht 

3. Die landwirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen 

Schriftsteller. 

Das Werk des Karthagers Mago 

Die einheimischen Schriftsteller 



83. Rückblick 

B. Tom Ausgang des Bandesgenossenkriegs bis zum Ende der Bepublik 

(87—80 T. Chr.). 

84. Die Latinisierung Italiens 

a) Die Poesie. 

1. L. Pomponius und Novius. 

85. Die Atellana (die oskische Posse) 

2. Decimus Laberius und Publilius Syrus. 

86. Der Mimus oder das Lebensbild . 

87. Charakteristik des Mimus 

88. Decimus Laberius 

89. Die Sprüche des Publilius Syrus 

3. Cn. Matius, Laevius, Sueius. 

90. Mimiamben 



Seite 

98 



100 
102 
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123 



126 



127 

129 
130 
131 
132 

134 



InhaltsTerseiclmi« snm Bnten Teil« 



XI 



Seite 

91. Erotopaegnien (Liebesscherze) , . 134 

92. Das erste römische Idyll 135 

4. T. Lucretius Carus. 

93. Biographisches 135 

94. Lucretius' Gedicht über das Wesen alles Seins (de rerum natura) 137 

95. Würdigung des Gedichts 139 

5. Die jungrömische Dichterschule. 

96. Charakter der neuen Richtung 141 

a) Valerius Cato und C. Licinius Macer Calvus. 

97. Die Führer der neuen Richtung 142 

98. Valerius Catos Dichtungen 143 

99. Die Dirae und die Lydia ... 143 

100. C. Licinius Calvus' Dichtungen 145 

p) M. Furius Bibaculus. 

101. Des Furius Spottpoesie 146 

y) Valerius Catullus. 

102. Catulls Leben . . - 146 

103. Die Sammlung der catullischen Gedichte 148 

104. Catulls grössere Gedichte 149 

105. Catulls kleine Gedichte 151 

106. Fortleben Catulls 152 

cf) C. Helvius Cinna und die übrigen Dichter der Schule. 

107. Cinnas Smyma und Propempticon 153 

108. Die übrigen Dichter des Kreises 154 

C Memmiiu S. 154; Tiddas 8. 154; Q. Goruiflcios S. 154; Ck)nielia8 Nepos S. 155. 

6. P. Terentius Varro. 

109. Verbindung der nationalen und alezandrinischen Richtung .... 155 

7. Die übrigen Dichter. 

110. Annalen und Lehrgedichte 156 

111. Satiren 156 

b) Die Prosa. 

«) Die Historiker. 

1. Q. Claudius Quadrigarius, Valerius Antias, Licinius Macer, 

Q. Aelius Tubero und andere. 

112. Die allgemeinen Stadtchroniken 157 

Q. Claudius Quadrigarius 8. 157. Valerius Antias 8. 158. G. Licinius Maccr S. 159. 
Q. AGlins Tubero S. 159. SoriboDius Libo. Procilius 8. 100. 

2. Cornelius Sisenna und andere. 
311. Die Zeitgeschichte 160 

3. L. Cornelius Sulla. 

114. Die Autobiographien 162 

4. Voltacilius Pitholaus. 

115. Die Biographie 162 

5. T. Pomponius Atticus. 

116. Die Zeittafel (annalis) des Atticus 162 

6. C. Julius Caesar. 

117. Biographisches 164 

118. Caesars Memoiren (commentarii) 165 

119. Charakteristik der Memoiren 166 

120. Nicht erhaltene Schriften Caesars 167 

7. Hirtius und andere Fortsetzer Caesars. 

121. Die Supplemente zu Caesars Commentarii 169 

122. Die Autorschaft der Supplemente • 170 



Xn InhaltsTerzeichnis zum Ersten Teil. 

8. Cornelius Nepos. Softe 

123. Sein Leben 174 

124. Die Feldhermbiographien . 175 

125. Die Struktur des biographischen Werks des Nepos 176 

126. Die verlorenen Schriften 177 

127. Charakteristik des Cornelius 178 

9. C. Sallustius Crispus. 

128. Sein Leben 179 

129. Die Monographie über die catilinarische Verschwörung (bellum Catüinae) . 180 

130. Der jugurthinische Krieg (de hello Jugurthino) 182 

131. Sallusts Historiae 182 

132. Charakteristik des Sallust 184 

133. Fortleben des Sallust 185 

134. Pseudosallustiana 187 

135. Die römische Stadtzeitung 188 

ß) Die Redner, 
1. Q. Hortensius Hortulus. 

136. Der asianische Barockstil . . . 189 

137. Der asianische Barockstil in Rom 190 

2. Die Attiker. 

138. Reaktion. Die rhodische und die attische Beredsamkeit . . . 191 

139. Anhänger der attischen Richtung 192 

M. Calidius S. 192: 0. Licinius Galyiis S. 192; M. Junias Brutus B. 193; Q. Oorniflcius 
8. 193; C. Scribonius Ourio und M. Oaelins Bnfus 8. 194. 

3. M. Tullius Cicero. 

140. Biographisches 194 

€t) Ciceros Reden. 

141. Die erste Periode der ciceronischen Beredsamkeit (81 — 66) . . 196 

p. QulDctlo 8. 196; p. Roscio Am. 8. 197; p. Boscio oomoedo 8. 198; p. TuUio 8. 199. 
Die im Process g. Yerres gehaltenen 7 Beden 8. 200 ; p. Fonteio 8. 202 ; p. Caecina 8. 202. 

142. Die zweite Periode der ciceronischen Beredsamkeit (66—59) . . . 203 

Do imperio Co. Pompe! 8. 203; p. Clnentio 8. 204; über das Ackergesets 8. 205; p. Ba- 
birio perduelUonis reo 8. 206; Catilin. Beden 8. 207; p. Murena 8. 209; p. Sulla 8. 210; 
p. Archia 8. 211; p. Flacco 8. 211. 

143. Dritte Periode der ciceronischen Beredsamkeit (57 — 52) . . . . 212 

Die Beden: post reditum im 8enat 8. 212, vor dem Volk 8. 213. de domo 8. 213, de haru- 
spicum respoDso 8. 213, p. 8esiio 8. 214. in Yatinium 8. 215. p. Gaelio 8. 215, de proyincüs 
oonsularibus 8. 216, p. Balbo 8. 217, in Pisonem 8. 217, p. Plaocio 8. 218, p. Scauro 8. 218, 
p. G. Babirio Poetnmo 8. 219, p. Milone 8. 220. 

144. Die vierte Periode der ciceronischen Beredsamkeit (46—43) . . 221 

p. Maroello 8. 221 ; p. Ligario 8. 222; p. Deiotaro 8. 223; die 14 phillpp. Beden 8. 223. 

145. Verlorene Reden 226 

146. Kommentare zu den ciceronischen Reden 228 

147. Charakteristik der ciceronischen Beredsamkeit 229 

ß) Ciceros rhetorische Schriften. 

148. Rhetorica 231 

149. De oratore 232 

150. Brutus de claris oratoribus 233 

151. Orator ad M. Brutum 234 

152. De optimo genere oratorum 235 

153. De partitione oratoria (Partitiones oratoriae) 236 

154. Ad C. Trebatium Topica 236 

y) Ciceros Briefe. 

155. Die erhaltenen Briefsanmilungen 238 

156. Entstehung der Briefsammlungen 240 

157. Charakteristik 241 

Ocflchicbtc der Überlieferung der Briefe 8. 242. 

6) Ciceros philosophische Schriften. 

158. De republica 1. VI 243 

159. De legibus 1. III 245 

160. Paradoxa Stoicorum ad M. Brutum 246 

161. De finibus bonorum et malorum 1. V 247 



InhaltsverzeicEniB inm Ersten Teil. XIII 

Seite 

162. Academica 248 

163. Tusculananim disputationum 1. V 250 

164. De deortun natura 1. III 251 

165. Cato maior de senectute 253 

166. De divinatione 255 

167. De fato 256 

168. Timaeus 257 

169. Laelius de amicitia 258 

170. De officiis 1. IH 259 

171. Verlorene philosophische Schriften 260 

C}oiMK>litÜo S. 260: Hortensiu« 8. ^1 ; de glorU S. 262 ; de virtutibus S. 262; de augnriis 
H. 262; de iure civili 8. 262; die ÜberaeizuDgen des Xenophonttscheo Oeconomicus und 
des plat. ProtagorM 8. 263. 

172. Charakteristik der philosophischen Schriftstellerei Ciceros .... 263 

e) Die historischen und geographischen Schriften Ciceros. 

173. Die Memoiren Ciceros 265 

174. Geographisches 266 

e) Ciceros Gedichte. 

175. Ciceros politische Gedichte 266 

176. Ciceros übrige Gedichte und Übersetzungen 267 

177. Rückblick auf die ciceronische Schriftstellerei 268 

178. Fortleben Ciceros 269 

M. TulUos Tiro: Tironische Noten 8. 272. 

4. Quintus TuUius Cicero. 

179. Das Commentariolum petitionis 273 

180. Die verlorenen Schriften des Q. Cicero 274 

y) Die Fachgelehrten. 

1. Die Polyhistoren. 

a) P. Nigidius Figulus. 

181. Abstruse Gelehrsamkeit 274 

ß) M. Terentius Varro. 

182. Das Leben Varros 276 

183. Der Katalog der varronischen Schriften 276 

184. Varros Saturae Menippeae (1. CL.) 277 

185. Philosophisch-historische Abhandlungen (Logistaricoft l, LXXVI) . 279 

186. Vereinigung von Wort und Bild (Imagines) 280 

187. Römische Altertumskunde (antiquUatum verum hum. et dimn. l. XLI) . . 281 

188. Die erste Encyclopädie der artes libertües (Disciplinarum L IX) . . . 283 

189. Varros juristisches Werk (de iure civili l. XV) 283 

190. Miscellanea (Epistolicae quaestiones) . 284 

191. Varros Geographie (de ora maritima) 284 

192. Die erhaltenen Bücher Varros de lingua latina 285 

193. Die erhaltene Schrift Varros über die Landwirthchaft (rerum rusticarum /. III) 287 

2. Die Philologen. 

194. Trennung des grammatischen und rhetorischen Unterrichts .... 288 

195. Lehrer der Grammatik und Rhetorik 289 

AureliuB Opilius 8. 289; Autonlua Onipbo 8. 2tf9; M. Pompilius Audroiiicua S. 289; L. Or- 
bilius PupfUufl 8. 299; L. AteluH PraetexUtus 8. 290; SUberius Eros 8. 290; ^"»11(1 Tflrl' " 
8. 290; Epldma 8. 290; SextuaClod^UB 8. 291. ' 

196. Andere Philologen '. ' 291 

Santn 8. 291 ; Q. Ckwcouiiu & 291 ; S er. Clodiaa 8. 292. 

197. Auetor ad Herennium (das vorzüglicnsXe Lelirbuch der römischen Rhetorik) . 292 

3. Die Juristen. 

198. Die Schule des Servius Sulpicius Rufus 296 

199. Rechtsdenkmäler 297 

4. Die Schriftsteller des geistlichen Rechts. 

200. Die disciplina auguralis 298 

201. Die disciplina Etrusca 299 

TArqaitins Prisciu 8. 299; A. Cftecina 8. SOG. 




XIV ZeittafeL 

5. Die Schriftsteller der realen Disziplinen. Seite 

202. Landwirtschaft 301 

208. Hauswirtschaft 801 

204. Naturkunde 802 

Statius SeboniB S. 902; L. Manlius S. 903; L. TarutiuR Fin^nos 8. 803. 




205. Rückblick 808 



B. 

Zeittafel. 



508 erster Handelsvertrag der Römer und Karthager (nach Polybius). 

498 Bundesvertrag des Sp. Cassius mit den Latinem. 

456 Lex Icilia de Aventino publicando, 

451—450 Gesetzgebimg der XII Tafeln. 

444 Bundesvertrag mit Ardea. 

428 Weihung des linnenen Panzers des Vejenterkönigs Tolumnius. 

387/6 Brand des Kapitel. 

364 etrurische Schauspieler treten an den ludi Romani auf. 

348 erster HandelsveHrag der Römer und Karthager (nach Diodor). 
c. 304 Veröffentlichung des ganzen Kalenders, einschliesslich der Gerichtstage, der Prozess- 
formulare durch Flavius. 

296 Appius Claudius Caecus lässt im Tempel der Bellona seine Ahnenbilder mit In- 
schriften aufstellen. 

280 Rede des Appius Claudius Caecus gegen den Frieden mit Pyrrhus. Der erste Rechts- 
lehrer Ti. Coruncanius Cons. 

272 Andronicus kommt nach Rom. 

264 — 241 der erste punische Krieg, den der Dichter Naevius mitmacht und später besingt, 
c. 251 Plautus* Geburt. 

249 Seit diesem Jahr werden die Prodigien in der amtlichen Chronik ausführlicher ver- 
zeichnet. 

240 An den ludi Romani führt Livius Andronicus eine griechische Tragödie und Komödie 
in Übersetzung auf. 

239—169 Q. Ennius. 

235 Naevius beginnt seine dramatische Thätigkeit. 

234—149 M. Porcius Cato. 

221 Die Leichenrede des Q. Caecilius Metellus auf seinen Vater. 

220 Geburt des M. Pacuvius, Zeitgenossen des Statius Caecilius. Wahrscheinliche Ein- 
führung der ludi plebei, 

216 Der Historiker Q. Fabius Pictor wird nach Delphi geschickt. 

213 Die einlaufenden Weissagungen werden nach Senatsbeschluss gesammelt. Der vates 
Marcius, 

212 Errichtung der ludi Apollinares, 

210 Der Historiker L. Cincius Alimentus Prätor. 

207 Bittgesang des Livius Andronicus. Dankeslied. Gründung der römischen Dichterzunft. 

204 Ennius kommt durch M. Porcius Cato nach Rom. 

198 Sex. Aelius Paetus Catus, der Verfasser der Tripertita Cons. 

189 Ennius begleitet den M. Fulvius Nobilior auf seinem Zug nach Ätolien. 

184 Tod des Plautus. M. Porcius Cato Censor. 

180—103 C. Lucilius. 

174 Die Errichtung einer steinernen Bühne. 

173 Die Epikureer Alkaeos und Philiskos werden aus Rom ausgewiesen. 

170 Geburt des Dichters L. Accius. 

168 C. Sulpicius Gallus sagt die Mondfinsternis vom 21. Juni voraus. 

167 Rede des L. Aemilius Paulus Macedonicus über seine Kriegsthaten. 

167 — 150 die achäischen Geiseln in Rom, darunter Polybius. 

166 Terentius* erstes Stück, die Andria aufgeführt. 



Zeittafel. XV 

c. 165 Der pergamenische Grammatiker Krates kommt nach Rom. Entstehung der römi- 
schen Philologie. 
c. 164 Rede des Ti. Sempronios Gracchus in griechischer Sprache in Rhodos gehalten. 

161 Ausweisung der griechischen Rhetoren und Philosophen. Rede des Dichters C. Titius 
für das Luxusgesetz. 

159 Tod des Terentius. 

155 Die athenischen Gesandten Critolaus, Cameades, Diogenes in Rom. 

154 — 121 C. Gracchus, der grösste Redner Roms (C. Papirius Carho). 

152 Tod des Urhebers der regula Catoniana, M. Porcius Cato, Sohnes des Cato Gensorius. 

151 Der Historiker A. Postumius Albinus Cons. 

150 Trebius Niger begleitet den Prokonsul L. Lucullus nach Baetica. 

149 Die erste quaestio perpetua auf Grund der lex C<Upurnia des Historikers L. Cal- 
pumius Piso. Der Jurist M'. Manilius Cons.» sein Zeitgenosse der Jurist M. Junius 
Brutus. 

145 Mmnmius l&sst ausser der Btlhne fOr die Schauspiele einen Zuschauerraum mit 
Sitzplätsen errichten (Holzbau). 

144 Der Redner Ser. Sulpicius Galba Cons. 

143 — 87 Der Redner M. Antonius. 

142 C. Acilius schreibt eine römische Geschichte in griechischer Sprache. 

140 — 91 Der Redner L. Licinius Crassus. 

138 — 78 L. Cornelius Sulla (Eriminalgesetzgebung, Memoiren). Sein litterarischer Ge- 
hilfe Epicadus. Auetor ad Herennium. 

137 Der Redner M. Aemilius Lepidus Porcina Cons. 

134 Der Historiker Sempronius Asellio Militärtribun. 

133 Rede des jüngeren Scipio Africanus gegen die lex iudiciaria des Ti. Gracchus. Der 
Jurist P. Mucius Scaevola Cons. 

Kreis def* Sciplo nnd Lftclinn. Q. Valeiinn Bnranii*, Porcius Licinns. L. Afranins. 

131 berühmte Rede des Q. Caecilius Metellus Macedonicus über die Volksvermehmng. 
129 Der Historiker C. Sempronius Tuditanus Cons. Um diese Zeit besingt Hostius den 

istrischen Krieg. 
122 Der Historiker C. Fannius Strabo Cons. 
c. 115 Die Monographie des L. Coelius Antipater über den zweiten punischen Krieg. 
121 Der Redner C. Scribonius Curio Prätor. 
116 — 27 M. Terentius Varro. Zeitgenosse der Dichter Laevius, jüngerer Zeitgenosse der 

Gelehrte Santra. 
115 Censorische Massregel gegen die ars ludicra. Der Memoirenschriftateller M. Aemilius 

Scaurus Cons. 
114 — 50 Q. Hortensius Hortalus. 

109 — 32 T. Pomponius Atticus. Zeitgenosse Cornelius Nepos. 
106 — 43 M. Tullius Cicero. Gleichzeitig die Grammatiker Curtius Nicia, Ser. Clodius, der 

Astrolog L. Tarutius Firmanus. 
105 die Gladiatorenspiele werden zur staatlichen Feier erhoben. Der Memoirenschrift- 

steller P. Rutilius Rufns Cons. 
105 — 43 der Mimendichter D. Laberius. 

105 — 43 der Jurist Ser. Sulpicius Rufus. Seine Schüler A. Ofilius und P. Alfenus Varus. 
103 Tod des Palliatendichters Turpilius. 
102—43 Q. Tullius Cicero. 

100 L. Aelius Stilo begleitet den Q. Metellus Numidicus ins Exil. 

100 — 44 C. Julius Caesar. Sein Lehrer M. Antonius Gnipho. In Beziehungen zu ihm 
standen der Jurist C. Trebatius Testa der Schriftsteiler über Hauswirtschaft und C 
Matius. 
99 die künstlerische Dekoration im Theater durch Claudius Pulcher eingeführt. 
97—53 T. Lucretius Carus. 
95 der Jurist Q. Mucius Scaevola Cons. 

92 Massregelung der lateinischen Rhetoren durch L. Licinius Crassus. 
c. 91 Einführung der Masken. 

c. 89 Blüte des Atellanendichters L. Pomponius (Novius). 

c. 88 die erste lateinische Rhetorschule des L. Plotius Gallus (Sevius Nicanor Gründer 
der ersten lat. grammatische Schule). 
88 Cassius Dionysius widmet seine griechische Übersetzung des Carthagers Mago dem 

Prätor Sextilius. 
87 Tod des Tragödiendichters und Redners C. Julius Caesar Strabo. 
c. 86 — 34 C. Sallustius Crispus. 
c. 84 — 54 C. Valerius Catullus. 
83 — 30 Triumvir M. Antonius (die Rhetoren Epidius, Sextus Clodius). 



XVI 



Zeittafel. - Beriohtigimgen. 



83 Brand des Capitol. Untergang der sibyllinischen Bücher. 

82 Geburt des P. Terentius Varro Atacinus. 

82—47 der Redner und Dichter C. Licinius Galvus. Zeitgenosse des Grammatikers und 
Dichters Valerius Cato und des Dichters M. Furius Bibaculus. 

81 L. Yoltacilius Pitholaus erö£Phet in Rom eine lateinische Rhetorschule. 

78 der Historiker L. Cornelius Sisenna Prätor. 

77 Tod des Togatendichters T. Quinctius Atta. 

74 Sueius (Idyllendichter) Ädil. 

73 der Historiker C. Licinius Macer Volkstribun. 

72 der griechische Dichter Parthenius kommt nach Rom. 

67 Tod des Historikers L. Cornelius Sisenna, des Zeitgenossen der Historiker Q. Clau- 
dius Quadrigarius und Valerius Antias. 

63 der Lehrer L. Orbilius Pupillus kommt nach Rom. 

59 der landwirtschaftliche Schriftsteiler Cn. Tremellius Scrofa Vigintivir mit Varro. 
Organisation der römischen Stadtzeitung durch Caesar. Aufeeichnung und Publi- 
kation der Senatsverhandlungen. 

57 — 56 der Prätor C. Memmius, Catull, C. Helvius Cinna in Bithynien. 

55 Pompeius errichtet ein steinernes Theater. 

54 der Auguralschriftsteller Appius Claudius Pulcher, Gönner des Philologen L. Ateius 
Praetextatus Cons. M. Tulhus Tiro von Cicero fi*eigelassen. 

52 der Redner M. Caelius Rufus Volkstribun. 

48 der Jurist und Historiker Q. Aelius Tubero kämpft in der Schlacht von Pharsalus. 

47 Tod des Redners M. Calidius. 

46 A. Caecinas Querelae. 

45 Wettstreit der beiden Mimendichter D. Laberius und Publilrus Syrus. Tod des Ni- 
gidius Figulus. 

44 Rede des M. Brutus auf dem Kapitol. (Sein Lehrer Staberius Eros.) 

43 Tod des A. Hirtius, Fortsetzers Caesars. 

41 Tod des Dichters Q. Comificius. 



Berichtigungen. 



p. 79 Anm. Col. 2 Z. 3 von unten lies , Antonius* für ^Antouins". 

p. 104 Z. 14 von unten lies „Tode (149)" für ,Tode*. 

p. 108 Anm. besteht Inkonsequenz bezüglich der Schreibung des Kompendiums F. 

p. 108 ist durch ein Versehen des Setzers § 71 nochmals gesetzt worden; ich bezeichnet« 
daher diesen zweiten § 71 im Inhaltsverzeichnis mit § 71*. 

p. 109 Anm. lies , Untersuchung." für , Untersuchung". 

p. 111 Z. 10 von oben lies „P. Rutilius Rufus (Cons. 105)" statt ^P. Rutilius Rufus". 

p. 115 Text Z. 11 von unten lies ,p. 107" statt ,p. 117". 

p. 118 Text Z. 5 von unten sind die Worte «nach Smyma" zu streichen. Es werden ver- 
schiedene Orte des Exils angegeben, aber nicht Smyma. 

p. 192 Abs. 2 Z. 5 von oben lies ,§ 100" statt ,§ 101". 

p. 269 ,§178 Fortleben Ciceros". Hier hätten noch die Verse des Cornelius Severus auf 
den Tod Ciceros (rhetor Seneca p. 37 Bu.) erwähnt werden sollen. 

p. 289 ist bei Sevius Nicanor nach dem Wort , erhalten" hinzuzufügen ,vgl. § 111". 

p. 290 Abs. 7 Anm. Z. 5 von oben ist statt „Über Lenaeus war § 133 die Rede" zu lesen 
„Über Lenaeus war § 111 und § 133 die Rede". 

Da der Druck bereits im vorigen Jahr begonnen wurde, so fehlen manche der neueren 
Litteraturerscheinungen. 



Einleitung. 

1. Ziel. Die römische Litteraturgeschichte hat die Aufgabe, das 
Geistesleben des römischen Volkes, soweit es durch Sprache und Schrift 
zur Erscheinung kommt, darzustellen. Ihr erstes Geschäft ist daher, das 
gesamte Schrifttum, das die Römer hervorgebracht haben, zu verzeichnen. 
Allein bei diesem äusserlichen Registrieren darf sie nicht stehen bleiben, 
sie muss auch darnach trachten, das aufgespeicherte Material nach einer 
Idee zu verarbeiten. Diese Idee kann nur die Idee der Kunst sein; es 
muss untersucht werden, wie sich Stoff und Form durchdringen, es muss, 
mit anderen Worten, die Komposition eines Schriftwerks Prüfung und 
Würdigung erfahren. Es gibt Schriften, für welche die äussere Form 
nebensächlich ist, da alles Schwergewicht auf den Inhalt fällt. Hieher 
gehört zum grossen Teil die philosophische und die sich aus ihr ab- 
zweigende fachwissenschaftliche Litteratur. Solche Werke treten in der 
Litteraturgeschichte zurück, ihre volle Geltung erhalten sie in der Ge- 
schichte der Wissenschaften. Allein eine scharfe Grenze kann nicht 
gezogen werden, denn es können auch Schriften dieser Art Meisterstücke 
der Komposition sein, wie dies z. B. Plato im Gegensatz zu Aristoteles er- 
weist. Bei anderen Zweigen des litterarischen Schaffens dagegen ist, da 
sie die Phantasie der Leser oder Hörer in Anspruch nehmen, die künst- 
lerische Form wesentlich, so bei den veAchiedenen Gattungen der Poesie, 
dann bei der historischen und der rhetorischen Prosa. Diesen Zweigen 
wendet daher die Litteraturgeschichte mit Recht die grösste Aufmerk- 
samkeit zu. 

Da wir der Litteratargeschichie die RegiBtriertmg des gesamten Schrifttams zuweisen, 
so gehören zu ihr theoretisch betrachtet auch die Inschriften; denn das Schreibmaterial 
kann keinen wesentlichen Unterschied begründen; auch sind thatsächlich die verschieden- 
artigsten litterarischen Formen auf Inschriften zu Tage getreten wie Gedichte, Reden u. A. 
Allein da dieselben überwiegend rein praktische, keine künstlerische Zwecke verfolgen, 
so hat die Litteraturgeschichte nur selten Gelegenheit, sie heranzuziehen, zumal eine eigene 
Disziplin, die Epigraphik für sie besteht. — Ribbeck, Aufgaben und Ziele einer antiken 
Litteraturgeschichte Leipz. 1887. 

2. umfang und Qliederung. Unsere Aufgabe ist die Darstellung 
der Litteratur des römischen Volks. Da dieses im Jahre 476 vom Schau- 
platz der Geschichte abtrat, so könnten wir hier die Grenze unserer Auf- 
gabe setzen. Allein der Verlust der politischen Selbständigkeit eines 
Volkes bedingt nicht notwendiger Weise auch den Untergang seiner Lit- 

Handbnch der kUsa. Altertumswissenschaft. \UL 1 



2 Bömisobe Litteratnrgesohiohie. 

teratur. Wir können daher über dieses Jahr hinausgehen und müssen es 
thun, wenn sich uns in der nachfolgenden Zeit ein Ereignis darbietet, das 
sich besser zur Grenzmarke eignet. Wir meinen, ein solches Ereignis ist 
das grosse Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian (527 — 565). In dem- 
selben ist das Grösste, was der römische Geist geschaffen, zusammen- 
gefasst worden; keine Schöpfung der römischen Litteratur hat auf alle 
modernen Kulturvölker so tief eingewirkt als diese. Wir gedenken daher, 
unsere Litteraturgeschichte von den Anfängen bis zu dieser Epoche aus- 
zudehnen. Der grosse Zeitraimi, den wir hiemit abgesteckt haben, fordert 
eine Gliederung. Wir gewinnen dieselbe, wenn wir die Litteratur der 
Republik trennen von der Litteratur der Kaiserzeit. Durch die Änderung 
der Regierungsform ist die Stellung der Litteratur in Rom eine wesentlich 
andere geworden; denn der Schriftsteller richtet jetzt nicht mehr seine 
Blicke auf die Nation, sondern auf den Herrscher. Innerhalb des ersten 
Teils werden wir wiederum folgende Abteilungen machen. Wir behandeln 
zuerst die Elemente der nationalen Litteratur. Darauf folgt die mit dem 
zweiten punischen Krieg beginnende, unter hellenischem Einfluss stehende 
Kunstlitteratur. In dieser zweiten Abteilung macht einen starken Ein- 
schnitt das Ende des Bundesgenossenkriegs, durch welchen die Latini- 
sierung Italiens angebahnt wurde. Auf diese Weise stellt sich folgende 
Gliederung heraus: 

I. Elemente der nationalen Litteratur. 

n. Die unter dem Einfluss des Hellenismus stehende Kunstlitteratur. 

A) Vom zweiten punischen Krieg bis zum Ende des Bundesgenossen- 
kriegs. 

B) Vom Ende des Bundesgenossenkriegs bis zum Untergang der 
Republik. 

Über die Gliederung des zweiten Teils werden wir in der Einleitung 
zu demselben handeln. 

3. Methode. Nach zwei Methoden kann die Litteraturgeschichte 
behandelt werden; entweder man legt die einzelnen Fächer der Litteratur 
zu Grunde und verzeichnet chronologisch Alles, was in denselben geleistet 
worden (eidographische Methode), oder man geht von einzelnen Schrift- 
stellern aus und führt sie mit ihren Schriften der Zeitfolge nach vor 
(synchronistische Methode). Beide Methoden haben ihre Vorzüge und ihre 
Nachteile. Bei dem eidographischen Verfahren erhalten wir eine genaue 
Einsicht in die Entwicklung der einzelnen Gattungen der Litteratur, aber 
wir erfahren nichts von den Zeitströmungen, unter denen der Schriftsteller 
arbeitete, auch tritt uns das Bild der schriftstellerischen Individualitaten 
nur unvollkommen entgegen, besonders wenn sich dieselben in mehreren 
Litteraturzweigen versucht haben. Die zweite Methode zeigt uns das 
Werden der Gesamtlitteratur, das Werden der schriftstellerischen Persön- 
lichkeiten, nicht aber das Werden der Gattungen. Es ist sonach klar, 
dass beide Methoden miteinander verbunden werden müssen. Diese Ver- 
bindung darf aber nicht in der Weise bewerkstelligt werden, dass man 
zwei Teile unterscheidet und in dem einen Teil diese, in dem andern Teil 
jene Betrachtungsweise zu Grunde legt. Wir werden beide Methoden mit- 



Einleitung. 3 

• 

inander zu verschmelzen suchen. Zu dem Zweck setzen wir nicht allzu- 
rosse Zeitabschnitte fest; innerhalb derselben scheiden wir aber die Schrift- 
teller, soweit dies nur angeht, nach Gattungen; jedoch werden wir die 
chriftstellerei, falls sie sich auf mehrere Zweige verteilt, nicht zerreissen. 
fafur hoffen wir noch durch Übersichten und Rückblicke dem systema- 
schen Moment vollends gerecht zu werden. Was die Behandlung der 
inzelnen Schriftsteller anlangt, so haben wir eine vierfache Aufgabe zu 
^n. Die erste ist die Feststellung der Zeit- und Lebensumstände des 
Lutors. Hiebei handelt es sich aber nicht um eine vollständige Biographie, 
ondem um Hervorhebung der Momente, welche zum Verständnis der 
Wirksamkeit des Schriftstellers notwendig sind. Die zweite Aufgabe ist, 
ie litterarischen Schöpfungen des Autors zu verzeichnen. Nicht selten 
3t derselbe unbekannt und muss erst durch Kombination ermittelt werden; 
der es laufen unechte Werke unter seinem Namen um, es muss daher 
Schtes und Unechtes geschieden werden. Sind diese beiden Aufgaben 
gelöst, so ist damit die Grundlage zur Beurteilung des litterarischen Er- 
:eugnisses gegeben. Wir haben dann zu untersuchen, in welchem Zustand 
ler Verfasser das Werk hinterlassen hat, wie weit es Original oder Kopie 
st, welche Stellung es in der Litteratur einnimmt. Endlich haben wir 
loch das Schicksal des Werkes ins Auge zu fassen, seine Überlieferung 
md seine Wirkung auf spätere Zeiten. Es ist klar, dass der Schwerpunkt 
n den drei «ersten Aufgaben liegt. Der Litterarhistoriker hat, wenn er 
tin richtiges Bild der Litteratur gewinnen will, sowohl die verlorenen als 
lie erhaltenen Schriften zu berücksichtigen; selbstverständlich wird er 
änger bei den erhaltenen verweilen. 

4. Entwicklung der römischen Litteraturgeschichte. Bei einer 
laturgemässen Entwicklung der Litteratur tritt die wissenschaftliche Be- 
handlung derselben erst verhältnismässig spät hervor. ^ Da aber in der 
ömischen Litteratur durch den Zusammenstoss derselben mit der hoch- 
intwickelten griechischen der organische Verlauf unterbrochen ist, so 
inden wir sehr früh litterarhistorische Studien. Die griechisch-perga- 
nenische Philologie gehörte ja zu den ersten Fächern, welche nach Rom 
rerpflanzt wurden. Die erste litterarhistorische Thätigkeit, auf die wir 
>ei den Römern stossen, besteht in der Anlegung von Verzeichnissen der 
itterarischen Schöpfungen {indices); solche waren besonders dann not- 
wendig, wenn es sich um Scheidung echten und unechten Gutes handelte, 
i'lautus bot hiezu reichliche Gelegenheit. Gleichzeitig finden wir auch das 
itterarhistorische Gedicht, für das die Römer eine grosse Vorliebe hatten. 
>asselbe fand Pflege durch Accius, Porcius Licinus, Volcacius Sedigitus 
md Andere. Eine grosse Ausdehnung gewann die litterarhistorische 
Forschung bei Varro. In einer Reihe von Schriften handelte er über die 
rerschiedenartigsten Stoffe, über Dichter, im besonderen über Plautus, 
iber die Stileigentümlichkeit der Autoren, über das Theaterwesen, über 



^) Hier handelt es sieb nur um einen 
:anz allgemein gehaltenen Überblick; denn 
er unten folgenden Darstellung durften wir 
icht vorgreifen. Auch Schriften, welche 



zwar litterarhistorisches Material enthalten« 
aber andere Zwecke verfolgen (Velleius, 
Quintilian u. A.) müssen übergangen werden. 



4 Bömische Litteratnrgeschichie. 

Bibliotheken u. a. Auch schuf er ein epochemachendes Werk, Portraits 
berühmter Persönlichkeiten mit Epigrammen und einem erläuternden Text 
In demselben waren natürlich auch die hervorragenden Schriftsteller be- 
rücksichtigt. Ebenso hatte Cornelius Nepos in seinen Biographien die 
Grössen der Litteratur geschildert, mit ihm werden Santra und Hyginus 
erwähnt. Aus den litterarhistorischen Schriften der republikanischen Zeit ist 
nur eine einzige ganz erhalten, nämlich Ciceros Brutus, der einen Abriss der 
Geschichte der Beredsamkeit bis zum Ende der Republik giebt. In der 
Kaiserzeit war das wichtigste litterarhistorische Werk Suetons De viris 
(in literis) illustrihus. Würde uns dasselbe erhalten sein, so würde es für 
die römische Litteratur grundlegend sein. Allein von demselben ist nur 
ein Fragment auf uns gekommen, nämlich der letzte Abschnitt über 
die Grammatiker und Rhetoren und selbst dieser ist am Schluss ver- 
stümmelt. Hiezu gesellen sich Ergänzungen aus Hieronymus' Bearbeitung 
der Eusebianischen Chronik und noch einige anderweitig gerettete Bestand- 
teile. Vorbild ward Sueton für den Kirchenvater Hieronjrmus, der die 
kirchlichen Schriftsteller von Christus bis 392 behandelte, imd für seinen 
Fortsetzer Gennadius. 

Im Mittelalter richtete die Litteraturgeschichte, soweit von einer 
solchen die Rede sein kann, ihre Blicke fast ausschliesslich auf die scrip- 
tores ecclesiastici, nur ausnahmsweise auf die scriptores profaniA) Auch 
nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften dauerte es noch sehr 
lange, bis sich die Litteraturgeschichte zu einer fest geschlossenen Disziplin 
entwickelte. Von Werken, welche litterargeschichtlicher Natur waren, nenne 
ich Gyraldus (1479 — 1552) De historia poetarum tarn graecorum quam 
latinorum dialogi (1545). Eine bedeutende und auch noch heutzutage nicht 
entbehrlich gewordene Leistung ist G. J. Vossius* Werk: De historids^ iz- 
tinis 1. in 1627. Da der Verfasser auch de historicis graecis geschrieben, 
so ist sein Blick für diese Litteraturgattung besonders geschärft worden. 
Es folgt das Repertorium des J. A. Fabricius, die JBibliotheca (atina, welche 
über die Äusserliclikeiten nicht hinauskam. Einen höheren Standpunkt 
gewinnt die gruppierende Darstellung des J. Nie. Funccius (Giessen 1720), 
der die Namen für die Gruppen den Lebensaltern entnonmien. FaLäters 
Quaestiones Romanae s. idea historiae literarum Rotnanarum, Leipzig 1718, 
gehen tiefer auf die inneren Kräfte der Litteratur ein. Ziel und Aufbau 
der ganzen Disziplin zeigt F. A. Wolf in seiner Geschichte der römischen 
Litteratur, ein Leitfaden für akademische Vorlesungen, Halle 1787, wozu 
als Ergänzung konmit: Vorlesung über die Geschichte der römischen Lit- 
teratur, herausgegeben von Gürtler, Leipzig 1839. Auf dem Fundament, 
das F. A. Wolf gelegt, ruhen die neueren wissenschaftlichen Darstellungen 
der römischen Litteratur. Unter denselben ragen drei hervor, die vollständigen 
Litteraturgeschichten von Bernhardy und Teuflfel und die Geschichte der 
römischen Dichtung von 0. Ribbeck. Die Werke von Bernhardy und Teuflfel 
haben miteinander gemein, dass sie den Stoflf in einem allgemeinen und in 



*) Einen derartigen Versnch des Conbad 
voK HiBSCHAU (c. 1070—1150) ^Dialogits 
super auctorea sive didasccUon'^ hat der in 



der mittelalterlichen Litteratur sehr bewan- 
derte G. Schepps, Würzb. 1889 herausgege- 
ben und sachkundig erläutert 



Einleitimg. 5 

einem besonderen Teil darlegen, jedoch mit dem Unterschied, dass Bem- 
hardy in dem allgemeinen Teil die litterarische Bewegung schildert (innere 
Litteraturgeschichte), in dem besonderen dagegen die einzelnen Fächer des 
litterarischen Schaffens behandelt (äussere Litteraturgeschichte), Teuflfel um- 
gekehrt zuerst das in den verschiedenen Sparten von den Römern Ge- 
leistete in einem summarischen Umriss dem Leser vorführt (sachlicher Teil) 
und dann in dem Hauptteil (besonderer und persönlicher Teil) die Schrift- 
steller chronologisch aufzählt und würdigt. Wir sehen, der eine schreitet 
von der chronologischen Behandlungsweise zur systematischen, der andere 
von der systematischen zur chronologischen. Wir haben uns bereits oben 
gegen diese Teilung ausgesprochen, will man sie aber einmal vornehmen, 
so scheint mir der Weg, den Bemhardy eingeschlagen, der bessere zu sein. 
Jeder der beiden Autoren hat seine Vorzüge und seine Mängel. Bemhardy 
ragt hervor durch die Tiefe der Auffassung und den Reichtum der Betrach- 
tungen, Teuffel durch klare, mit den Quellenstellen belegte, kritisch gesich- 
tete Darlegung des Stoffs. Bei Bemhardy liegt der Schwerpunkt in der 
zusammenhängenden Darstellung des Textes, bei Teuffei in den Noten. Als 
Hand- und Nachschlagebuch ist daher Teuffei mehr zu empfehlen, Bem- 
hardy dagegen für die Lektüre und das Studium geeigneter. In der Be- 
urteilung der litterarischen Produkte ist Bemhardy weit origineller und 
ausführlicher als Teuffei. Die Darstellungs weise Teuffels ist durchsichtig 
und leicht verständlich, der Stil Bernhardys dagegen leidet an Schwer- 
fälligkeit und an Vorliebe für philosophische Abstraktionen, wenn gleich 
diese Schattenseite in der römischen Litteraturgeschichte weniger hervor- 
tritt als in der griechischen. Beide Werke wenden sich an das gelehrte 
Publikum, für alle gebildeten Kreise ist dagegen Ribbecks Geschichte der 
römischen Dichtung bestimmt. Ist es an und für sich erfreulich, wenn die 
Resultate der gelehrten Forschung allgemein zugänglich gemacht werden, 
so ist es doppelt erfreulich, wenn ein Meister des Fachs sich einer solchen 
Aufgabe unterzieht. Eine seltene Vereinigung einer Reihe von Eigenschaf- 
ten hat Ribbeck in den Stand gesetzt, ein vortreffliches Werk zu liefern. 
Er beherrscht das Gebiet, das er behandelt, nach allen Seiten hin, er be- 
sitzt ein scharfes Urteil und einen feinen Geschmack, er verfügt über die 
Gabe der lichtvollen, vom Druck der Gelehrsamkeit völlig freien Darstellung. 
Der Leser spürt den Hauch klassischen Denkens und Fühlens in diesem 
schönen Buch. 

Litteratur. Wir geben eine Auswahl. Schoell, Histoire de lalittirature r omaine, 
Paris 1815. 4 Bde. Bahr, Geschichte der römischen Literatur, Karlsruhe 1828. 4. Ausg. 
in 2 Bd. 1868 — 70. Hiezukommen drei Supplementbände: 1. Die christlichen Dichter und 
GeschichtBchreiber 1836 (2. Aufl. 1872), II. Die christlich-römische Theologie 1837, III. Ge- 
schichte der römischen Literatur im Earolingischen Zeitalter 1840. Klotz, Handbuch der 
lat Litteraturgeschichte I. Teil, Leipz. 1846 (nicht vollendet). Bernhardt, Grundriss der 
römischen Litteratur, 5. Aufl. Halle 1872. Trüffel, Geschichte der römischen Litteratur 
4. Aufl. bearbeitet von L. Schwäre, Leipz. 1882. Munk, Geschichte der röm. Litteratur. 
2. Aufl. von 0. Seyffert, I. Bd. Berl. 1875, II. Bd. Berl. 1877, (enthält viele übersetzte 
Stellen). Srllar, The roman poets of the Repuhlic. Oxford 1881. Fatuh, £tude8 sur 
la poesie latine, Paris 1883. 0. Rirreck, Geschichte der römischen Dichtung, I. Dichtung 
der Republik, Stuttg. 1887. Erert. Geschichte der christlich-lat. Literatur bis zum Zeitalter 
Karls des Grossen. Leipz. 1874. —Kompendien: Horrmann, Leitfaden zur Geschichte der 
röm. Litteratur, Magdeburg 1851. Kopp, Geschichte der röm. Litteratur 5. Aufl., Berl. 1885. 
Brhdeb, Grundriss der römisch. Litteraturgeschichte, Leipz. 1876. Für griech. und röm. 



6 Bömische Lüteratargeschichte. 

Litte ratur: Passow^ Grundzfige der griech. und r5m. Litteratargescbichte. 2. Aufl. Berlio 
1829. I'reodeb, Handbuch der griech. und röm. Litteraturgeschichte nach dem Dänischen 
von HoFFA, Marb. 1847. Mahly, Geschichte der antiken Litteratur 2 Bde., Leipz. 1880. 
Hilfsmittel: HObneb, Grundriss. zu Vorlesungen fiber die röm. Litteraturgeschichte 4. Aufl., 
Berl. 1878 (enthält Titel und Litteraturangaben). Bei dem furchtbaren Anschwellen der 
philologischen Litteratur, das besonders durch die Programme und Dissertationen herror- 
gerufen wird, ist es für den Litterarhistoriker ganz unmöglich, die auf einen Schriftsteller 
bezügliche Litteratur vollständig zu geben. Wir haben uns auf eine sehr knappe Auswahl 
beschränkt, indem wir vorzüglich die Schriften, welche Litterarhistorisches bieten, namhaft 
machen, dagegen die Abbandlungen, welche Kritisches, Grammatisches, Metrisches behan- 
deln, mit Stillschweigen übergehen. Wir glaubten um so mehr unsere Litteraturgeschichte 
von diesem Ballaste befreien zu dürfen, als es jetzt vortrefiTliche bibliographische Hand- 
bücher gibt, aus denen man die gesamte Litteratur, die man braucht, kennen lernen kann. 
Solche sind: Engelmank, Bibliotheca scriptorum classicorum, 8. Aufl. bearbeitet von E. 
Pbeüss, Leipz. 1882 (gibt die Litteratur von 1700 — 1878). Calvaby's bibliotheca philolo- 
gica classica, welche jährlich in vier Heften erscheint Bibliotheca phüologica, Geordnete 
Übers, aller auf dem Gebiete der klass. Altertumswissensch , wie der älteren und neueren 
Sprachwissenschaft — erschienenen Bücher. Göttingen jährl. in 2 Heften (dem Hermes 
beigegeben). Hiezu kommen die Referate in Bubsians Jahresber. der Fortschritte der 
klass. Altertumswiss. herausgegeb. von I. Müllbb und im Philologus. — Clibton, Fasti Bo- 
mani 2 Bde. Oxford 1845. Fisoheb, Röm. Zeittafeln von Roms Gründung bis auf Augnstos 
Tod 1846. Peteb, Zeittafeln der römischen Geschichte 6. Aufl. Halle 1882. 



Erster Teil. 



Die römische Litteratur 



in der Zeit der Republik. 



* Erste Periode: 



Elemente der nationalen Litteratur 



1. Volk und Sprache. 

5. Verhältnis des römischen Volks zur Litteratur. Die natür- 
lichen Lebensbedingungen sind es, welche zumeist die geistige Eigentüm- 
Mchkeit eines Volkes bestimmen. Dem römischen Volk war von der Natur 
eine Wohnstätte angewiesen, welche dasselbe zwang, fortwährend auf der 
Hut zu sein und stete Kämpfe mit den Nachbarn zu führen. Ein Volk 
mit solchem Wohnsitz konnte sich daher nicht eines freien, ungebundenen 
Daseins erfreuen; um seine Existenz zu wahren, musste es sich in um- 
friedete Orte zusanmienschliessen und sich eine Organisation schaffen, 
welche die Unterordnung des individuellen Willens unter den Gesamtwillen 
zur Voraussetzung hatte. Dies führt zur Bildung der politischen Gemeinde 
und zur Heeresorganisation, aber vernichtet jene Freiheit des Geistes, 
welche für das litterarische Schaffen unerlässlich ist. Nach den natür- 
lichen Existenzbedingungen kann also die Grösse des römischen Volkes 
nicht in der Litteratur liegen. Sie liegt auch nicht in der Durchbildung 
religiöser Ideen und in der Schöpfung religiöser Kunstgebilde; denn auch 
die Religion nahm den Charakter der Gebundenheit an, d. h. das religiöse 
Leben stellte sich als strenge, durch Furcht diktierte Beobachtung gewisser 
Vorschriften dar. Wie im politischen und im religiösen Leben Alles zur 
festen Norm drängte, so auch im Privatleben. Hier muss die starre Ord- 
nung, welche das Römertum ausmacht, feste Sitte, festes Recht herbei- 
führen. Damit haben wir die Wurzeln der römischen Grösse aufgedeckt; 
es ist dies einmal die militärisch-politische Organisation, welche zum Welt- 
reich führte, dann die feste Ordnung der privaten Lebensverhältnisse, 
welche der Welt das vollkommenste Privatrecht liefert. Wenn Heine die 
Römer »eine casuistische Soldateska" nennt, so hat er witzig das wahre 
Wesen des römischen Volkes dargelegt. Sonach dürfen wir nicht mit 
allzuhoch gespannten Erwartungen an die römische Litteratur herantreten; 
sie hat keine originellen Schöpfungen ersten Rangs aufzuweisen, ihre Be- 
deutung ruht vielmehr darin, dass die Ideen, welche der griechische Geist 



10 BOmische Litteraturgeachichte. I. Die Zeit der Republik. 1. Periode. 

ausgeprägt hat, durch sie eine universelle Verbreitung erhalten. Die 
römische Litteratur bildet die Brücke, die den Hellenismus zur modernen 
Welt überleitet. 

Über die Lage Roms bandelt einsicbtig PöflLMAim, «Die Anfänge Roms, Erl. 1881. 
Vgl. p. 24. ,Es war gewiss von giosser Bedeutung, dass Höben wie der Palatin und das 
Kapitel, die isoliert und rings von Senkungen umgeben, für die ältesten Befestigungs- 
anlagen vorzüglicb geeignet waren, gerade am Strome lagen, der die natfirlicbe Grenzwehr 
Latiums gegen die nördlicben Nacbbam war, und zwar gerade an der Stelle, wo die ein- 
zige Insel im Unterlauf des Stromes das Überscbreiten dieser Scbutzwebr erleicbterte. Der 
Besitz dieser Position muss fOr die ganze Ebene von Anfang an eine Lebensfrage gewesen 
sein und die Sage lässt es noeb deutlicb erkennen, wie viel umstritten dieser inmitten 
dreier Völkergebiete an der Landesmark gelegene Punkt seit uralten Zeiten gewesen ist. 
Diese Lage batte aber aucb nocb eine weitere Bedeutung. Sie hat ohne Zweifel mächtig 
dazu mitgewirkt, dass die ursprünglich isolierten Niederlassungen auf den Tiberhöhen sich 
zu einem einheitlichen politiscnen und ökonomischen Organismus zusammenschlössen, d. h. 
dass aus einem Aggregat von selbständigen Ortschaften die Stadt Rom entstand.* Ähnlich 
WiBTERSHEiM, Völkerwanderung 1, 374. — Zur Stelle Heines (Ges. W. 3, 171) bemerkt 
Bebnats, Ges. Abb. 2, 255 vortrefiHich: „Das Ineinander von Gericht und Gefecht, die 
Doppelschneide der juristischen Logik und des Kriegsschwertes ist ein wesentlicher Zng 
des Römertums ; ja man darf sagen, dass er im Verein mit der nicht minder wesentlichen 
und ebenfalls junstisch gefärbten Götterangst das römische Wesen erschöpft." Sehr be- 
lehrend sind nir Erkenntnis des römischen Volkscharakters Jhkbiko, Geist des römischen 
Rechts, Leipz. 2. Aufl. 1866—71. Nissen, Ital Landeskunde, Berl. 1883. Zellbb, Religion 
und Philosophie bei den Griechen in den Abh. 2, 93. 

6. Die Stellung der lateinischen Sprache; ihre Entwicklung. Die 

lateinische Sprache gehört zu der Gruppe indogermanischer Sprachen, welche 
man die , mittelitalische ^ nennt und deren vorzüglichste Glieder ausser dem 
Lateinischen das Oskische und das ümbrische sind. Das politische Über- 
gewicht des römischen Volkes hinderte die Entwicklung jener verwandten 
Idiome, sie wurden keine Litteratursprachen und gingen schliesslich zu 
Grund. Uns sind sie nur durch Inschriften bekannt geworden, das Oskische 
besonders durch die tabula Bantina, ein Verfassungsgesetz der Stadt Bantia 
in Apulien, durch den Cippus Abellanus, einen Bundesvertrag zwischen Nola 
und Abella wegen eines gemeinsamen Tempels, durch die Weihinschrift 
von Agnone, endlich durch eine Execrationstafel von Capua, das Ümbrische 
durch die rituelle Normen enthaltenden 7 Tafeln von Iguvium. Was nun 
die Geschicke der lateinischen Sprache anlangt, so dringt sie in dem Masse 
vor, in dem sich die Herrschaft der Römer ausbreitet. Sie besiegt nicht 
nur die mittelitalischen Idiome, sondern auch die übrigen Sprachen Italiens, 
ja auch Sprachen der ausseritalischen Länder werden durch sie dem Unter- 
gang geweiht. Ihre Entwicklung zur Schriftsprache spielt sich aber in 
Rom ab ; denn fast die gesamte römische Litteratur ist in Rom entstanden 
und Rom ist noch weit mehr das Zentrum für die lateinische Litteratur 
geworden als heutzutage Paris das Zentrum der französischen Litteratur 
ist. Wie die Verfassung des römischen Reichs im Wesen ein Stadtregiment 
bleibt, so ist die lateinische Litteratur fast nur Stadtlitteratur d. h. Litteratiur 
Roms geblieben. Mit Recht spricht man daher von einer römischen, nicht 
von einer lateinischen Litteraturgeschichte. Erst in den spätesten Zeiten 
bildeten sich andere Zentren für die lateinische Litteratur, z. B. in Gallien und 
in Afrika. Die Ausbildung des Lateinischen zur Litteratursprache erfolgte in 
erster Linie durch Fremde, deren Ziel vor allem sein musste, Orthographie 
und Flexion fest zu regeln. Es folgten dann die Versuche der Periodi- 



Poesie. Der satiimische Vers. 



11 



ßienmg ; sie führten zu bewunderungswürdigen Resultaten und fanden ihren 
Höhepunkt in Cicero. Die kommende Periode strebt das Pikante des Stils 
an; es verschieben sich oft die Grenzen der Poesie und Prosa; die Periodo- 
logie kommt in Verfall. Endlich drang die Volkssprache in die Litteratur 
ein; damit ward das Ende der lateinischen Sprache vorbereitet. Die all- 
mählich zu Litteratursprachen sich ausbildenden Volksidiome schmälern das 
Gebiet der lateinischen Sprache und belassen sie nur als Verständigungs- 
mittel der gelehrten Welt. Aber auch in dieser zurückgedrängten Position 
hört sie nicht auf, sich weiter zu entwickeln und die Bedürfnisse der Spre- 
chenden zu decken, bis sie durch den Humanismus, der die ungeheuere 
Kliift zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewahrend auf die alten 
Muster verwies und die Nachahmung als das leitende Prinzip für die 
Lateinschreibenden hinstellte, zu einer wirklich toten Sprache wurde. Nach 
der Ausbildung, welche die lateinische Sprache erfahren, ist sie wegen des 
ihr innewohnenden Numerus sehr geeignet für die rhetorische Darstellung, 
die sich leider nur zu oft auch der Poesie mitteilte. Dagegen ist sie viel 
weniger passend für die philosophische Rede; denn sie ist verhältnissmässig 
arm an Substantiven, besonders an Abstractis, auch in Zusammensetzungen 
ist sie beschränkt.') 

Eine brauchbare Obersiebt über Charakter der mittelitalischen Sprachen nnd der 
darauf bezflglichen Litteratur giebt Deeckb in Oböber's Grundriss der roman. Philo]. 1, 
335 — 350. BuDiKSKT, Die Ausbreitung der lat. Sprache Ober Italien und die Provinzen 
des röm. Reichs, Berl. 1881. Nettlesbip, The historical Development of Classical LcUin 
Prose, The Journal of Fhilology 15, 35. Wie durch den Humanismus, bes. durch des 
Laurentius Valla Buch Eleganixae laiini sermonis die lateinische Sprache eine tote wurde, 
zeigt sehr schön Vablsn in Lorenzo Yalia. Ein Vortrag« Almanach der Wiener Ak. 1864. 

2. Poesie. 

7. Das nationale Yersmass. Die gebundene Rede stellt sich zu- 
nächst dar in dem Verse. Die Römer hatten hiefür den Ausdruck Carmen. 
Allein es gibt noch eine zweite Form der gebundenen Rede, die Formel, 
der Spruch, die zwar nicht dem Metrum unterworfen sind, aber doch eine 
feste unabänderliche Gestalt erhalten und sich dadurch der individuellen 
Willkür entziehen. Auch von dieser Form der Rede wurde Carmen ge- 
braucht. So bezeichnet Livius 1, 24 die Formel für ein Bündnis als 
Carmen, ebenso die Formel der Kriegserklärung (1, 32), Gesetzesworte 
(1, 26; 3, 64), die Schwurformel (10, 38). Beide Formen der gebundenen 
Rede können durch Alliteration gestützt werden. Für die altlateinischo 
nationale Poesie war das regelmässige Organ der saturnische Vers. 
Mit dem Namen »saturnisch** wollte man (wie mit dem in Anlehnung an 
Ennius fr. 155 B. gebrauchten „ faunisch ") auf das hohe Alter des Verses 
hinweisen. Der saturnische Vers ist aber nicht bloss den Römern, sondern 
auch andern Völkern des mittelitalischen Sprachstammes eigentümlich. 
Das Wesen des Saturniers beruht auf der Quantität, jedoch so, dass nur 
die Hebungen als massgebend erscheinen, während die Senkungen für den 



*) Vielleicht darf auch hier ein witziger 
Ausspruch Hbines angefahrt werden (Ges. W. 
5, 144): «Die Sprache der Römer kann nie 
ihren Ursprung verleugnen. Sie ist eine Kom- 



mandosprache ffir Feldherm, eine Dekretal- 
spräche fQr Administratoren, eine Justiz- 
Sprache fQr Wucherer, eine Lapidarsprache 
für das steinharte Römervolk.* 



12 Eömiache LitteratorgeBchichte. I. Die Zeit der Republik, 1. Periode. 

Bau des Verses ziemlich indifferent sind. Das Indifferente der Senkungen 
zeigt sich darin, dass sie einmal lang oder kurz sein dürfen, dann (natür- 
lich mit gewissen Beschränkungen) durch zwei kurze Silben ausgedrückt 
werden können, endlich dass dieselben (in der Regel nur die sechste, 
ausnahmsweise auch die dritte) unterdrückt werden können. Eine andere 
hervorstechende Eigentümlichkeit des Verses ist, dass derselbe in zwei 
Hälften zerfällt und demnach als zusammengesetzter Vers erscheint. Das 
ursprüngliche Element des Verses bilden drei Hebungen und vier Senkungen 

• ^" • "" . • "~ • 

eno8 Loses iuvate. 

Dieses Element wird, um den Satumier zu bilden, in der Weise verdoppelt^ 
dass entweder in dem zuerst gesetzten die letzte Senkung, oder in dem 
an zweiter Stelle stehenden die erste Senkung in Wegfall kommt. Daraus 
ergeben sich folgende zwei Formen des Saturniers: 



... — . I - . 

Jionc oino ploirume cosentiant Eomai 
mcUum dabunt Metelli Naevio poetae. 

Die zweite Form ist die Normalform geworden. 

Zwei Streitfragen spielen hier herein; die eine bezieht sich darauf, ob das camnen 
stets metrische Form haben mOsse. Ich glaube, dass diese Frage zu verneinen ist Zeigt 
uns doch die Geschichte anderer Völker, dass auch diese nicht metrische Spräche 
und nicht metrische B«chtsformeln haben; auch in der Etymologie des Wortes findet jene 
Anschauung keine genügende StQtze, vgl. Bahbens, Fleckeis. J. 135, 65. Über diese Streit- 
frage handeln Ritsghl, Opusc. 4, 298; Düntzer, Zeitschr. f. d. Gymnasial w. 11, 2; Petkb 
in comm. philoh in honorem Retfferscheidii p. 65; Jordan, Krit. Beitr. p. 178. Die zweite 
Streitfrage ist die, ob das quanti tierende oder das accentuierende Prinzip dem Satumier 
zu Grunde lag. Für das accentuierende Prinzip hat sich in neuester Zeit besonders nach 
dem Vorgange Westphals 0. Keller ausgesprochen. Nach seiner Ansicht sei das quanti- 
tierende Prinzip für die römische Litteratur erst durch Ennius eingefühii worden. Allein 
das völlige Verschwinden der accentuierenden Poesie — sie tritt ja erst weit später auf — 
lässt sich bei jener Annahme nur schwer erklären. Vgl. W. Meyeb, Anfang und Ursprung 
der lat. und griech. rythmischen Dichtung in den Abb. der bayr. Akademie 17 Bd. 2 Abtb. 
p. 267. 

Litteratur mit Auswahl: Ritschl, Opusc. 4, 82. BOcheleb, Fleckeis. J. 87, 
328. A. Spengel, Philol. 23, 80. Havet, De Satumio Latinorum versu, Paris 1880. 
L. MÜLLEB, Der Satumische Vers, Leipz. 1885. Barrens, Fragmenta poetarum Rom., 
Leipzig 1886 p. 6. BOcheleb, Anthologiae epigr. lat. spec. lil, Bonn 1876 (Bearbei- 
tung der inschriftlichen Satumier). 0. Eelleb, Der Satumische Vers als rhythmisch 
erwiesen, Prag 1883. Der Satumische Vers, zweite Abhandlung, Prag 1886. Thubneysen, 
Der Satumier und sein Verhältnis zum späteren römischen Volksverse, Halle 1885. 
UsENEB, Altgriech. Versbau, Bonn 1887 p. 76. Über den Satumier als italischen Vers 
„quem {sc, Satumium) nostri existimaverunt proprium esse Italicae regionis^* vgl. Cab- 
sius Bassüs, Gr. L. 6, 265, vgl. BOcheleb, Rhein. Mua, 30, 441 ; 33, 274. 




rischen Poesie. 

8. Die heiligen Lieder. Als die älteste Form der Poesie werden 
wir diejenige zu betrachten haben, in der zugleich gesungen und getanzt 
wird. Diese Verbindung von Tanz und Gesang kam nach ausdrücklichem 
Zeugniss in den heiligen Liedern vor. Wir kennen genauer zwei Arten 
derselben, die Lieder der Salier (Springer) und die Lieder der Fratres 
arvales (Flurbrüder). Die Salier, die in zwei Kollegien von je zwölf 
Mann geteilt waren, in die Salii Palatini mit dem Heiligtum auf dem 
Palatium und in die Salii Agonales oder Collini mit dem Heiligtum auf 



k 



PooBie. Die heiligen Lieder. Die Feacenninen. 13 

dem Quirinal, führten im Monat März zu Ehren des Mars gradivus und 
später auch des Quirinus mehrere Tage hintereinander einen Festzug auf. 
Hiebei tanzten sie, an die heiligen Schilder, die sie trugen, schlagend, einen 
WaflFentanz und sangen Lieder (Dionys. 2, 70). Über diese Lieder liegt uns 
bei Festus ein wertvolles Zeugnis vor. Damach zerfielen sie in zwei Teile, 
in Anrufungen der einzelnen Gottheiten, wie des Lichtgottes Leucesius, des 
Sonnengottes Ozeul und anderer, dann in eine Gesamtanrufung, der dann 
die blossen Namen der Angerufenen folgten. Dieser letzte Teil führte den 
Namen axamenta und nahm in der späteren Zeit auch fürstliche Persön- 
lichkeiten wie Augustus, Germanicus u. a. auf. Diese Lieder waren später 
den Saliern selbst nicht mehr verständlich (Quint. 1, 6, 40, Hör. ep. 2, 
1, 86). Sie wurden daher kommentiert z. B. von L. Aeliüs Stilo (Varro 
de 1. 1. 7, 2). Ausser einer Anzahl Glossen sind uns drei schwer verdor- 
bene Bruchstücke überliefert, deren Herstellung auf verschiedene Weise 
versucht wurde. Wichtiger als diese Fragmente ist das alte Lied der Flur- 
brüder (Varro de 1. 1. 5, 85), deren Cult ihren Mittelpunkt in einer sonst nicht 
näher bekannten ländlichen Gottheit, der Dea dia, findet. Li deren Hain 
führten die Flurbrüder im Monat Mai einen Tanz mit Gesang auf, um 
Segen für die Fluren zu erflehen. Das dabei gesungene Lied ist uns durch 
ein Steinprotokoll des Jahres 218 nach Chr., in dem die zur Feier vorge- 
nommenen Handlungen verzeichnet waren, erhalten. Auch dieses Lied 
bietet der Rekonstruierung und Erklärung grosse Schwierigkeiten. Soviel 
ist aber klar, dass das Gebet zuerst von den Lases Hilfe erfleht, dann den 
Mars um Schonung angeht, endlich zum Schluss nochmals an diesen Gott 
sich wendet. 

Für die Lieder der Salier liegt die wichtige Stelle bei Festus im Auszog des Paulus 
vor p. 3 0. Mülleb: axamenta dicebantur carmina Saliaria, quae a Salus sacerdotibus 
canebaniur, in universos homines composita, nam in deo8 singtUos versus facti a notni- 
nüms eorum appeUabantur, ut Januli, Junonii, Minervii, Dass Tiomines verdorben ist, 
erscheiot unzweifelhaft Härtung setzt dafür semones, eine Konjektur, welche Nippbbdby 
zu Tac. Ann. 2, 83 annimmt, während sie Jobdan, Er. Beitr. p. 204 verwirft, indem er in den 
auch im Arvallied erscheinenden setnanes Saatgottheiten erkennt. Allein an unserer Stelle 
erfordert der Gegensatz universos deos und semo kann, wenn es mit Mommsen gleich se hemo 
gefasst wird, deus bedeuten. Die Zweiteilung des Carmen Saliare steht unter allen Um- 
ständen fest. Carminis Saliaris reliquiae. Ed. Zakdbr, Lund 1888; Bahbens, Fragm, nr. 
1 — 19. Erläuterungen bei Bbbok, Od. 1, 477; Jordan, Krit Beitr. p. 211. 

Für die Denkmäler der Arvalbrüder ist jetzt die Hauptschrift Henzen, Acta Ar- 
Valium^ Berl. 1874. vgl. p. CCIV. Weiswbilbb, Zur Erklärung der Arvalact. Fleckeis. J. 139,37. 
Über die ursprüngliche Bedeutung der Arvalbrüder vgl. Hoffmann, Verb, der 27. Philologen- 
vers, in Breslau p. 67—97. Bähbens, Acca Laurentia, Fleckeis. Jahrb. 131, 787. Die 
reiche Litteratur zur Erklärung des Lieds findet sich verzeichnet in Schneideb's dialectorum 
Italica/rum exempla selecta, Leipz. 1886 1, l^^^gL Momnsbn, R. Gesch. P 222. 

Hier erwähne ich auch die Zaubergej^^^^^VA^I^jle r. r. 1, 2, 27, terra pestim 
teneio, scUus hie manito; vgl. Plin. n. h. 287 

b) Anfänge der dramatischen Poesie. 

9. Die Feacenninen. Die Anfänge der dramatischen Poesie knüpfen 
sich, wie bei andern Völkeni, so auch in Rom an die Festesfreude. Bereits 
Van'o hatte in seinem Werke über den Ursprung der dramatischen Poesie 
in den verschiedenen Festen, z. B. den Compitalien, Luperealien Ansätze 
zum Drama gefunden. Bekannt ist die Schilderung des Erntefestes bei 
Horaz Ep. 2, 1, 139; hier erhalten wir für ein dramatisches Element einen 




14 Römische Littoratiirgesohiohie. L Die Zeit der Bepsblik. L Pmk 

bestimmten Namen; es ist dies die Fescennina lieenÜa. Sie stellt taAm 

in Versen, welche Scherz und Spott zum Inhalt, den Dialog zur Form UnI 

Der Name Fescenninus wird von Fescennium in Etrurien abgel^; m 

mOsste darnach annehmen, es seien jene Spottverse besonders dort gepie^ 

worden; allein viel wahrscheinlicher ist ein Zusammenhang des Wortes ■( 

faseinum, einem Symbol der Zeugungskraft. Ausser dem Erntefest iBJg 

diese dialogischen Scherz- und Spottlieder auch bei Hochzeiten Y«'w@ida| 

'Y Auch hier heissen sie Fescennini. Dass diese »fescenninische Ausgäisea 

1 heit' uns den Anfang des italischen Drama darstellt, kann nicht bowoli 

1 werden ; auch die gelehrte Forschung des Altertums verkannte das md 

wie ein ätiologischer Bericht bei Livius 7, 2 zeigt. Hier wird lAd 
ausdrücklich eine Weiterentwicklung der Fescenninen mit der Bühne inV 
bindung gebracht. Der Bericht überliefert folgendes: Im Jahre 364 v. 
wurden an den ludi Romani zu den Girkusspielen, die im Wettfahren 
Pferderennen bestanden, Bühnenspiele hinzugefügt, indem Scbauspv 
die aus Etrurien herbeigeholt wurden, Tänze zur Flötenbegleitung auS 
ten. Dieses Beispiel wirkte auf die Jugend; es führte zu einer Refonx 
Fescennini^ diese wurden jetzt mit Gesang und Tanz zur Flötenbeglei 
verbunden. Dieses Gebilde hiess nach dem Bericht satura. Allein d 
Bericht fordert Zweifel heraus. Es ist unmöglich, dass Gesang und 
erst später hinzukamen; denn, wie wir bei den heiligen Liedern sahei 
die Verbindung von Tanz und Gesang der naturgemässe, daher urspi 
liehe Ausdruck der gehobenen Stimmung. Der Fortschritt beruhte wc 
dem Heraustreten aus der Improvisation, in einem aufgezeichneten 
Schwierig ist die Etymologie des Wortes satura. Am wahrscheinlic 
ist die Deutung als Spiel der satyH. So konnten die lustigen, in £ 
feile gehüllten Landleute, die das Fest feierten, genannt werden. Der 
dem Saturae zugeschrieben werden, ist Naevius. Bei ihm werden wir 
noch an die Form zu denken haben, die nicht für die Lektüre, sondei 
die Darstellung berechnet war. 

Fesius p. 85. Fescennini verstis, qui canebantur in nuptiis, ex urbe Fescenm 
euntur aUati, sive ideo dicti quia faseinum putcibantur arcere, Dbbckb, Die F 
p, 46 n. 113. Das Hochzeitslied wurde auch ein Zweig der Kunsidichtung. Vgl. 
61 n, 62. Über den Livianischen Bericht handelt ausführlich Lbo, Hermes 24, 7' 
Hauptsi^lle ist 7, 2, 7 : non, siciU ante, Fescennina versu simüem ineompositum lern 
rudern aUemis iaciebant, sed inpUtas modis saturas descripto tarn ad tibicinem can 
tuque eanffruenti peragebant. Ober satura vgl. Mommsbn, R. Gesch. 1' 28; 0. I 
Philo]. 45, 389; Ribbbck, Gesch. d. r. Dichtung 1, 9. 

Ausser den Fesceninnen bieten uns noch die carmina triumphalia der Soldaten 
und 9poUf sowie auch den Dialog Liv. 4, 53, 1 1 alternis inconditi versus müitari licentia 

0) Anfänge der epischen Poesie. 

10. Die Totenklagen und die Almenlieder. Als zweite For 
■ Poesie betrachten wir die Gredichte, in denen sich der Tanz abgelös 

und nur noch der Gesang vorhanden ist. Es sind dies die Totenklag 
das Ahnenlied. Die Totenklage kennen wir nur in der späteren 
Eine Frau (praeficq) wird gedungen, um vor dem Hause des Verstor 
Zeichen der Trauer zu geben und das Trauerlied anzustimmen, in das 
die anderen miteinstimmten. Dieses Lied, welches den Namen nenia i 
lief auf eine Verherrlichung des Verstorbenen hinaus. Das Lied ers 



I 



1 



Poesie. Die Totenklagen nnd die Ahnenlieder. Weissagungen nnd Sprüche. 15 

t ml später und kam dann in Verruf und Verachtung. Über das Ahnenlied 
nakii liegen uns zwei Zeugnisse vor, eines, das auf den alten Cato zurückgeht, 
ü^: ^ ein anderes, das von dem Antiquar Varro herrührt. Beide Zeugen berich- 
t gep^ ten übereinstimmend, dass beim Gastmahl das Lob berühmter Männer ge^ 
^i^tsi sungen wurde. Sie weichen aber insofern von einander ab, dass nach Varro 
^ 6^ £naben diese Gesänge aufführten, während nach Cato die Teilnehmer am 
wei^s Gastmahl der Beihe nach jene Lieder sangen, weiterhin dass Varro die 
g^tsr. liieder mit und ohne Flötenbegleitung recitieren lässt, während Cato Tisch- 
lezu^: lieder ohne Flötenbegleitung nicht erwähnt. Was diese Differenzen anlangt, 
las m^i so ist die letztere einfach dadurch zu lösen, dass man die Flötenbegleitung 

t»ib:4 zwar nicht als obligat, aber doch als regelmässig ansieht, die erste dadurch, 
i m\4 dass man in dem Enabengesang und in dem Rundgesang zeitlich ge- 
64 Y. 'J4 trennte Formen erblickt und zwar den Enabengesang für die ursprüngliche, 
ir^ iJ den Rundgesang für die spätere von den Griechen rezipierte Form hält. 
lh^^ Diese Sitte der Tischlieder war bereits zur Zeit Catos seit längerem ausser 

aufflkl Gebrauch gekommen. Über den Lihalt der Lieder sind uns keine genaueren 
fcHTsq ^tteilungen überliefert. Allein die römische Geschichte bietet uns eine 
»g]ei^ Reihe der schönsten Sagen dar. Diese Sagen müssen doch einmal von 
in di^ Dichtem geschaffen worden sein. Wir werden nicht irren, wenn wir an- 
nd Tis nehmen, dass dieselben in den Tischliedem ihre Wurzeln haben. Soweit 
EÜien, ^ ist. die Hypothese Niebuhrs im höchsten Grade wahrscheinlich, dagegen an 
rsproM , ^^^ Zusammenschluss der Lieder zu einem die ganze ältere Geschichte um- 

wohl n fassenden Ganzen braucht man nicht zu denken. 

en Ten Festus p. 163. naenia est Carmen, quod in fwnere laudandi grcUia eantatur ad iibiam 

V \*tä ^'^ tibias et fides* Varbo bei Nonios 1, 210 Müllbb). Festus p. 223 praeficae dicun- 

liiclisl€| tuf mulieres ad lamentandum mortuum conductae quae dant cetens modum phmgendi etc, 
Vabbo de ]. ]. 1, 70 praefica dicta, ut Awelius scribit, midier, ad luctum quae conduceretur, 
quae ante domum mortui laude8 eitM caneret. Wehb, De Rom. nenia im Propempticon 
f. E. CuBTius, Gott. 1868, p. 11. Mit der nenia ist die metrische Grabaufschrift (elogium) 
verwandt Am wichtigsten sind die elogia Scipionum, von denen vier im satumischen 
Mass abgefasst sind, vgl. Schkbideb, Dtalect, Italic, exempla I nr. 88—91. 

Cic. Tusc. 4, 2, 3 m Originü>u8 dixit Cato, morem apud maiorea hunc eptdarum 
fuisse, ut deinceps qui accubarent canerent ad tibiam clarorum virorum laudes atque vir- 
tutes; ibid. 1, 2, 3; Brat. 19, 75; Vabbo bei Nonios 1, 105 Müllbb: m conviviia pueri mo- 
desti ut cantarent carmina antiqua, in quibtis laudis erant maiorum, et assa voce et cum 
teibicine. Auf diese Sitte spielt Hör. carm. 4, 15, 25 an. Schweglbb, R Gesch. 1, 53. 



erer^i 



^, 



d) Anfänge der didaktischen Poesie. 
11. Weissagungen und Sprflche. Während die von uns bisher be- 
trachteten Formen der Poesie mit Gesang und Tanz oder mit Gesang allein 
verbunden waren, erhalten wir in der Spruchdichtung im weitesten Sinne 
gefasst eine Form der Poesie, welche lediglich durch das Wort zu wir- 
ken bestimmt ist. Vor allem gehören hieher die Weissagungen. Ausser 
den sibyllinischen Büchern, die als offizielles Wahrsagebuch galten, waren 
auch viele Privatweissagungen seit den ältesten Zeiten in Umlauf. Beson- 
ders berühmt waren die Sprüche des Sehers Marcius. Livius erzählt 25, 12, 
dass 213 V. Ch. ein Senatebeschluss die Sammlung der umlaufenden Weis- 
sagimgen anordnete. Hiebei kamen auch zwei vaticinia des Sehers Marcius 
zum Vorschein; in dem ersten war die Schlacht von Cannä vorausgesagt; 
in dem zweiten war als Mittel zur Vertreibung der Feinde die Einsetzung 
von Spielen zu Ehren des Apollo vorgeschrieben. Dieselben (Itidi Apolli'- 



16 BOmische LitteratnrgeBchichte. L Die Zeit der Republik. 1. Periode. 

nares) wurden in der That 212 eingerichtet. Das Factum wird nicht an- 1^ 
gezweifelt werden können, dass im J. 213 solche Weissagungen unter dem |^ 
Namen des Marcius in Umlauf waren. Dass dieselben seitdem aufbewahrt 
wurden, berichten nur spätere Quellen. Wenn dies aber auch geschah, w 
werden sie wohl im J. 83 mit den sibyllinischen Büchern bei dem Brand 
des Capitol untergegangen sein. Da die Citate bei Livius an Hexameter 
anklingen, so ist wahrscheinlich, dass dieselben erst in viel späterer Zeit 
gemacht wurden. Auch weltliche Sprüche gab es von Marcius; es sind 
uns drei Fragmente überliefert; das eine lautet: sprich zuletzt, schweig 
zuerst. Wie Marcius, so werden noch andere ihre Erfahrungen in Begeh 
niedergelegt haben. Eine landwirtschaftliche Vorschrift ist uns aus einem 
alten Gedicht eines Vaters an seinen Sohn überliefert. Zur religiösen Spruch- 
dichtung gehörten auch die Lose (sortes), es waren dies Sprüche, die auf 
Stäbchen geschrieben waren, die von den nach der Zukunft Forschenden 
gezogen wurden. Den Charakter dieser sortes können wir aus späteren 
Proben kennen lernen. 

Cicero spricht von zwei Brüdern Marcii de div, 1, 40,89; Livius dagegen kennt nar 
einen. Wahrscheinlich haben die zwei Weissagungen zu zwei Brüdern geführt Die Anf* 
bewahrung der vaticinia Marciana berichten Serv. zur Aen. 6, 70, Symmachus, ep. 4, 34. 
Vgl. Madvio, Verfassung des röm. Staats 2, 646 ; Erörterungen bei Babbeks, fragm. p. 22 
vgl. p. 36. — Die erwähnte Bauernregel Festus p. 93 lautet: hibemo pulvere, vemo liUo grandia 
farra, camille, metes. Die Sortes im CLL. 1, 267, bei Sgbneideb, Dialect. Italic, exempla 99. 

3. Prosaaufzeichnungen. 

12. Die Schrift. Das Lied bedarf der schriftlichen Fixierung nicht, 
durch das Metrum gestützt vermag es sich im Gedächtnis fortzupflanzen. 
Auch der gebundene Satz, das Sprichwort und die Formel (carmen) ist 
nicht auf die schriftliche Fixierung angewiesen. Allein zur Ausbildung der 
Prosa ist die Schrift unbedingt notwendig. Die Italer haben die Schriffc- 
zeichen von den Griechen erhalten; von dem chalkidischen Alphabet, das 
bei den campanischen Griechen üblich war, stammen zwei Gruppen von 
Alphabeten, einmal die etruskisch-umbrisch-oskische Gruppe, andrerseits die 
lateinisch-faliskische Gruppe. Beide Gruppen haben sich unabhängig von- 
einander aus jenem Mutteralphabet entwickelt. Das lateinisch-faliskische 
Alphabet hat die Eigentümlichkeit, dass es für den Laut F das Digamma 
nimmt, wodurch die Fähigkeit verloren geht, U und V in der Schrift zu 
differenzieren und die Notwendigkeit entsteht, das Vokalzeichen auch für 
das Konsonantenzeichen zu setzen, während die andere Gruppe für den Laut 
F ein eigenes Zeichen geschaffen. Die Zahl der überkommenen Lautzeichen 
blieb nicht intakt. Einmal fielen die Aspiraten weg. Dann als die Aussprache 
nicht mehr scharf zwischen der gutturalen Media undTenuis unterschied, wurde 
ein Zeichen (E) überflüssig, man behielt conform der Aussprache das Zeichen 
für die Media bei. Ebenso fiel, weil Z in der Aussprache mit S nahezu zusam- 
menfiel, das Zeichen Z weg. Diese ausgeschiedenen Buchstaben wurden zwar 
später wieder eingeführt, allein man griff hiebei nicht ganz zu dem Ursprüng- 
lichen zurück. Das Zeichen der gutturalen Media (C) wurde nämlich für die 
Tennis willkürlich festgesetzt und für die gutturale Media ein neues Zeichen 
aus Abzweigung von C (G) eingeführt. Dieser neue Buchstabe trat an den Platz 



Prosa. Die Sohrift. öffentliche Denkmäler. 17 

des verdrängten Z. Als daher in späterer Zeit auch dieses Zeichen besonders 
wegen der griechischen Worte wieder hervorgesucht wurde, konnte es seinen 
ursprünglichen Platz, der besetzt war, nicht mehr erhalten, sondern musste 
an den Schluss des Alphabets gestellt werden. Zu gleicher Zeit wurde, da 
das ü im Laufe der Zeit im Griechischen zu Ü geworden war, wegen der 
Schreibung griechischer Wörter die Form Y im Lautwert von Ü aus dem 
Griechischen hertibergenonmien und vor Z gestellt. Beide Lautzeichen, Y 
und Z, wurden aber immer als fremde empfunden. Damit war das latei- 
nische Alphabet im wesentlichen zum Abschluss gekommen. 

Die weiteren Versuche zur Verbesserung des Alphabets bezogen 
sich auf die Bezeichnung der aspirierten Laute durch die betreffenden 
Tenues in Verbindung mit H, dann auf die Einführung der Doppelzeichen, 
endlich auf den Ausdruck der Vokallänge durch die Schrift. Der Gram- 
matiker Verrius Flaccus und der Kaiser Claudius machten noch einmal 
den Versuch, das Alphabet durch neue Zeichen zu bereichern, allein ohne 
Erfolg. Dass auch die Schriftzeichen ihren Entwicklungsgang durchgemacht 
haben, zeigen die Inschriften und Ritschl hat an Hand derselben diesen 
Entwicklungsgang in einer trefflichen Abhandlung aufgedeckt. 

Wie alt die Schreibkunst bei den Römern ist, kann nur vermutungs- 
weise bestimmt werden. Schon die Königszeit kennt Schriftdenkmäler, 
aUein Mommsek nimmt mit Recht an, dass wir noch bedeutend weiter zu- 
rückgehen müssen. An eines soll aber hierbei erinnert werden, dass das 
Schriftdenkmal noch kein Litteraturdenkmal ist. Letzteres kann erst auf- 
treten, nachdem die Schreibkunst lange Zeit geübt ist und die Schreib- 
materialien sich vervollkommnet haben. 

EiBCBHOFT, Stadien zum griech. Alphabet' p. 116 und 121; Mommsbn, Rom. Gesch. 
1* 216; Ritschl, zur Geschichte des lat. Alphabets op. 4, 691; Corssbn, Aussprache P p. 1. 

a. öffentliche Denkmäler. 

13. Die Amtsbflcher. Am meisten -sind auf die Schreibkunst die 
Behörden angewiesen; denn hier reicht mündliche Tradition am wenigsten 
aus. Das Amt erfordert die schriftliche Anleitung, es erfordert auch der 
Zukunft wegen die schriftliche Fixierung der Amtshandlungen. Die Amts- 
bücher gehören daher sicherlich zu den ältesten Denkmälern des Schrift- 
tums. Wir können vier Gattungen derselben unterscheiden: 1) Agenda^ 
d. h. Schriften, welche die Normen für die Ausübung des* Dienstes ent- 
hielten ; 2) die Entscheidungen strittiger Fälle und die Verfügungen ; 3) Pro- 
tokolle (acta), welche die Amtshandlungen verzeichneten; endlich 4) die 
Mitgliederverzeichnisse der Kollegien {album, fasti). Die beiden ersten 
Gattungen glaubte man bisher durch die festen Bezeichnungen lihri und 
commentarii unterschieden; in der That werden oft lihri pontificales \m& 
commentarii pontificunty Uhri augurales und daneben commentarii augurum, 
commentarii consulum u. s. w. erwähnt; allein wenn auch zugegeben werden 
muss, dass in unsern Quellen sehr oft dieser Unterschied gemacht ist, so 
finden sich doch auch wiederum Stellen, wo derselbe nicht beachtet worden 
ist. Dagegen tritt uns eine entschieden spezifische Bezeichnung von ge- 
wissen Amtsschriften der ersten Art in den „Jndigitammta'' des Pontifikal- 

H«Bdbiich der klaM. AltertunuwisBeiMcbaft. VJII. 2 



18 Römische Litteratnrgeschichte. 1. Die 2eit der Republik. 1. Periode. 

archivs entgegen; es sind dies »Gebetsformulare**, welche die Anweisung Itf 
enthielten, welche Götter in bestimmten Lagen des Lebens und zu be- Icski 
stimmten Zwecken anzurufen seien und in welcher Weise. Bei der grosscD to^^ 
Zahl der Götter, welche durch Personifizierung der Begriffe gewonnen lis^ 
wurden, bei dem abergläubischen Sinn der Römer, welcher auf die FonDiit^ 
den höchsten Wert legte, kam diesen Gebetsformularen sicherlich eine grosse ^^ 
Bedeutung zu. Auch bei den weltlichen Behörden stossen wir auf emige 
Amtsschriften mit speziellem Namen. Es sind dies die tabulae censom, 
Instruktionspapiere für die Vornahme des Census. Ausserdem werden noch |^ 
libri Untei erwähnt, es sollen dies Magistratsverzeichnisse sein, welche, auf 
Leinwand geschrieben, im Tempel der Juno Moneta auf dem Eapitol auf- 
bewahrt waren. Auf sie berufen sich die Historiker Licinius Macer und 
Q. Aelius Tubero. Allein die Echtheit derselben ist nicht glaubhaft. Dass 
auch die Amtsbücher durch die gallische Katastrophe hart mitgenommen 
wurden, ist von vornherein wahrscheinlich, von dem Pontifikalarchiv bezeugt 
dies Livius ausdrücklich (6, 1, 2). An die Amtsbücher knüpft sich ein 
Litteraturzweig , den wir den isagogischen nennen können. Dionysius 
1, 74 berichtet uns von censorischen Leitfäden {Tifirjrixd vjiofivijfiaTa), die 
sich vom Vater auf den Sohn vererbten. Es ist sehr glaublich, dass ähn- 
liche „Leitfäden** noch mehrere vorhanden waren. 

Den Unterschied zwischen libri und commentarii, den präsds Hübneb, Flbcksis. J. 
79, 408 formuliert hat, leugnet Reiffebsoheh); vgl. Reoell, De augurum Ubris p. 41. über 
den Inhalt der tabulae censoriae sieh Mommsek, Rom. Staatsr. 2, 1, n. 380 Anm. 2. Auszüge 
daraus bei Varro de 1. 1. 6, 86. Überreste von Verzeichnissen der Mitglieder von Priester* 
koUegien sind gesammelt CIL. 6, 1976. Die libri Untei werden bei Livius erwähnt 4, 7, 12; 
4,13,7; 4.20,8; 4,23,3. 

Litte ratur: Ambbosch, Über die Religionsbttcher der Römer, Bonn 1843; Pbbtbisch. 
quaest, de libris pontificiis, Berl. 1874, fragmenta librorum pontificiorum^ Tilsit 1878; 
Rboell, de augurum püblicorum libris, part.I, Berl. 1878; Fragmenta augur,, Hirschberg 1882. 

14. Die amtliche Chronik. Wie im Mittelalter aus der Ostertafel 
die Chronik entstanden ist, so bei den Römern aus dem Kalender. Es 
war Sache der Pontifices, die Zeitrechnung festzustellen und zu diesem 
Zweck die Schaltung vorzunehmen. Mit dem Kalender mussten aber zu- 
gleich aus religiösen Rücksichten die Tage festgestellt werden, an denen 
es gestattet war, Recht zu sprechen {fari) und mit dem Volk zu verhandeln 
{dies fasti im ursprünglichen Sinn), und die Tage, an denen beides nicht 
gestattet war {dies nefasti). Da der dies fasti bedeutend mehr waren als 
der dies nefasti, so erhielt der Kalender den Namen fasti. Den Kalender 
machten die Pontifices in Abschnitten bekannt; Cn. Flaviüs veröffentlichte 
den ganzen Kalender für ein Jahr (c. 304). Seitdem musste der ganze 
Kalender jährlich bekannt gemacht werden. Jedoch ist uns über die Art 
der Bekanntmachung nichts überliefert. Damit eine Jahreszählung durch- 
geführt werden konnte, wurde dem Kalender wohl zugleich ein Verzeichnis 
der eponymen Magistrate beigegeben. Nur aus dieser Verbindung erklärt 
sich, dass auch diese Eponymenliste den Namen fasti erhalten konnte. 
Auch ist sehr wahrscheinlich, dass dem Magistratsverzeichnisse historische 
Notizen beigeschrieben wurden. Diese drei Teile des Kalenders, die wir 
auf diese Weise bekommen, die Tages- oder Monatstafel, die Jahres- 
oder Magistratstafel, die Chronik mussten mit der Zeit durch die Fülle 



i 



Prosa, öffentliche Denkmäler. 19 

des Stoffes ihre Vereinigung lösen. Bei der Chronik scheint dies sehr bald 
eingetreten zu sein. Nach den beiden uns vorliegenden Zeugnissen hatte 
dieselbe, selbständig geworden, folgende Gestalt: Der FonHfex maximus 
liess vor seinem Amtslokal eine weisse Tafel aufstellen, auf der oben die 
Konsuln und die anderen Magistrate verzeichnet waren. Trat nun ein 
wichtiges Ereignis ein, so wurde dasselbe mit dem Tagesdatum ^ auf die 
Tafel geschrieben ; die zweite Version der Überlieferung, es seien die That- 
sachen erst am Ende des Jahres auf einmal auf die Tafel geschrieben 
worden, ist wenig wahrscheinlich. Die auf der Tafel stehenden Notizen 
i¥aren kurz und dürftig (Gell. 5, 18, 8); es waren nicht bloss politische 
Ereignisse notiert, sondern auch Teuerung, Sonnen- und Mondsfinstemisse 
(Gell. 2, 28, 6); der Prodigien war seit 249 v. Chr. ausführlicher Erwähnung 
gethan. Selbstverständlich, dass diese Chronik, als von den Pontifices aus- 
gehend, offizieUen Charakter trug. Diese Tafeln wurden im Amtslokal der 
Pontifices aufbewahrt, sie konnten also dort eingesehen und abgeschrieben 
werden. Auf diese Weise mussten sich Chroniken in Buchform bilden, 
welche natürlich durch Weglassungen oder auch durch Zusätze verschiedene 
Fassung erhielten. Diese Annalen, welche sich Privatpersonen auf diese 
Weise anlegten, traten aber in den Hintergrund, als mit dem Abkom- 
men der amtlichen Annalentafel eine Redaktion der Annalen in Buch- 
form und zwar in 80 Büchern eintrat. Da diese Annalen jetzt die voll- 
ständigsten und wegen des offiziellen Charakters zugleich die wichtigsten 
waren, erhielten sie den Namen annales maximi und traten dadurch in 
Gegensatz zu jenen weniger umfangreichen Privatannalen. Das Abkommen 
der öffentlichen Annalen wird mit dem Pontifikat des P. Mucius Scaevola 
(um 123) in Verbindung gebracht. Die Geschichtschreibung war damals 
so entwickelt, dass jene rudimentäre Form nicht mehr genügen konnte. 
Wahrscheinlich ist aber auch die litterarische Bearbeitung der Annalen 
auf diesen P. Mucius Scaevola zurückzuführen. Die Tafeln gingen beim 
gaUischen Brand zu Grunde, es sind also die vor diesem Ereignis voraus- 
liegenden rekonstruiert worden. Am besten lernen wir die Annalen aus 
Diodor kennen. 

Die Steinkalender sind gesammelt und erlftutert von Mommsbn, CIL. 1, 293; die 
Bnchkalender werden wir später besprechen. Eine Magistratstafel (zugleich mit einer 
Trinmphtafel) sind die fasH Capiiolini, sogenannt, weil sie sich jetzt auf dem Capitol befinden. 
Ursprünglich bedeckten sie die Amtswohnung des Pontifex maximtAS, die Regia, wo sie 
und zwar die Magistratstafeln früher als die Triumphtafeln zur Zeit des Angustus aufge- 
stellt und einige Zeit fortgesetzt wurden. Vgl. Hibschfeld, Die Gapitolinischen Fasten 
Hermes 9, 94 u. 11, 154; Mommsbn, Rom. Forsch. 2, 58 — 85; Hülsen, Die Abfassungszeit 
der Gapitolinischen Fasten Hermes 24, 185. Sie stehen CIL. 1, 414. In einer scharfsin- 
nigen Abhandlung de fastis constUaribus antiquissitnia Leipz. Stud. IX sucht Gichorius sie 
auf eine in Atticus' Annalis vorgenommene Redaktion (vgl. p. 258) zurückzuführen. 

Die zwei Stellen über die anncUea maximi sind : Servius in Verg. Aen. I, 873 
üa autem annales conficiehantur : tabtUam dealbatam quotannis pontifex maximus liabuit, 
in qua praeseriptis canstUum nominihus et aliorum magistratuum digna memoratu notare 
consueverat domi müitiaeque terra marique gesta per singulos dies, cuius düigentiae 
tmnuos commentarios in octoginta libros veteres rctulcrunt eosque a pontificibus maximis^ 
a quibus fiebcmt, annales maximos appellarunt, Gic. de or. 2, 12, 52 ab initio rerum 
Bomanarum usque ad P. Miicium pantificem maximum res omnes singulorum annorum 
mandabat litteris pontifex maximus referebatque in album et proponebat tabulam domi, 
potesias ut esset populo cognoscendi, Soltau, Rom. Ghronologie p. 445 will nach diesen 
beiden Zeugnissen eine Pontifikaltafel, durch welche dem Volke gesicherte Kunde der 

2* 



20 BOmiBche Litteratnrgeachichte. I. Die Zeit der Republik. 1. Periode. 

wichtigeren Ereignisse za teil werden sollte' (Bulletins) und eine Jabreschronik unts- 
sebeiden. 

Litteratur: Schwegler, Rom. Gesch. 1, 7; Hübkeb, Die anncUes maxitni der Rdmer 
Fleckbis. J. 79, 401 — 423. Pbtbb, Histaricorum Romanorum reliquiae 1, IX. Nnzsce, 
Die röm. Annalistik. Berl. 1873. Nissen, Erit. Untersncbungen über die Quellen des 
livios p. 86. 

15. Die XTT Tafeln. Als das grösste Werk, das in Prosa in dieser 
Zeit abgefasst wurde, sind die Gesetze der auf dem Forum aufgestellten 
Xn Erztafeln zu betrachten, von denen zehn im J. 451, zwei im J. 450 
abgefasst wurden. Über das Wesen dieser Gesetzgebung besteht keine 
Divergenz der Meinung; im grossen Ganzen haben wir in den XII Tafeln 
das nationale Gewohnheitsrecht der Römer kodifiziert, und zwar ist Kriminal-, 
Givilrecht, Civilprozess noch nicht geschieden, ja auch einzelne staatsrecht- 
liche Bestimmungen waren darin aufgenommen. Die politische Bedeutung 
dieser Gesetzgebung besteht darin, dass der Willkür im Rechtsprechen ein 
starker Damm entgegengestellt wird. Denn einmal gewinnt der Rechtssatz 
erst durch schriftliche Fixierung einen klaren und bestimmten Inhalt, ak- 
dann kann die Rechtsprechung jederzeit der öffentlichen Eontrolle unter- 
worfen werden. Neben der politischen Bedeutung haben die Tafeln noch 
eine sehr hoch anzuschlagende litterarische, Sie enthalten den ersten 
Versuch, die lateinische Sprache für die Schriftprosa gefügig zu machen, 
d. h. den ersten Versuch der Periodologie, durch die ja die geschriebene 
Rede von der gesprochenen sich besonders abhebt. Der harte Perioden- 
bau der Fragmente, der auf den Subjektswechsel gar keine Rücksicht 
nimmt, zeigt, wie schwierig dieser Versuch war. Aber noch in anderer 
Hinsicht tritt die litterarische Bedeutung der XII Tafeln hervor. Sie 
wurden das Lese- und Memorierbuch der römischen Jugend; dadurch 
wirkten sie nicht bloss auf die Charakterbildung mächtig ein, sondern die 
Jugend lernte die Schriftprosa zuerst aus den XII Tafeln. Wie bei uns 
Luthers Bibelübersetzung unsern Sprachschatz wesentlich beeinflusst, so 
muss auch die Sprache der XII Tafeln den römischen Stil durchtränkt 
haben. So finden sich denn in der That in den Autoren genug SteUen, 
die nur durch die Beziehung auf ein XII Tafelgesetz ihr volles Licht er- 
halten. Weiterhin werden die XII Tafeln das Objekt, an dem die römische 
Philologie ihre Kräfte versuchte, indem sie ausser Kurs gekommene Wörter 
erklärte. Doch die nachhaltigste Wirkung übten die Tafeln auf die Ent- 
wicklung des Rechts und der Rechtswissenschaft aus. Die Interpretation 
suchte das XII Tafelgesetz zu erläutern und fortwährend in Einklang mit 
den Bedürfnissen des Lebens zu erhalten. Darauf beruhte die stetige 
Weiterentwicklung des Rechts. 

Von den XII Tafeln ist uns keine erbalten ; sie gingen bei der Gallischen Eroberong 
(387/6) zu Grund; ob sie wieder hergestellt wurden oder ein anderweitiger Ersatz gesucht 
wurde, ist nicht sicher. Vgl. Eablowa, Rechtsgesch. 1, 108. Wir sind daher auf die An- 
gaben bei den Schriftstellern angewiesen, welche aus rechtlichen oder sprachlichen Rflck- 
sichten entweder ganze Gesetze oder Teile zitieren. Die Restauration des Gesetzgebunes- 
Werkes ist daher ein sehr schwieriges Problem und kann nur in unvollkommener Weise 
gelöst werden; einmal erscheint der Wortlaut der Gesetze vielfach modernisiert, indem 
sie sich der Sprache der jeweiligen Generation anpassen. Alte Formen, die in den 
XII Tafeln vorhanden sein mussten, sind nicht selten spurlos verschwunden. Es ist daher 
sehr fraglich, ob es Oberhaupt möglich ist, die Urform aer Gesetze herzustellen und ob wir 
uns nicht zufrieden geben müssen, wenn es uns gelingt, die Gesetze in der Fassung, 



Prosa, öffentliche Denkmäler. 21 

in der sie bei den Schriftstellern einer bestimmten Epoche erscheinen, zu geben. Noch 
weniger als die Form der Gesetze können wir die Reihenfolge der Tafeln und der (besetze 
ermitteln. Ein um die Geschichte des römischen Rechts hochverdienter Gelehrter Dibk- 
SSV z. B. hat einen derartigen Versach gemacht, allein derselbe hält genauerer Prüfung 
nicht Stand. 

Litteratur: Dibksbh, Kritik und Herstellung des Textes der XII Tafelfragmente. 
Leipz. 1864. M. Voigt, Geschichte und allgemeine juristische Lehrbegriffe der XII Tafeln. 
2 Bde. Leipz. 1883. Legis XII tdbularum rdiquiae. Ed. R. Sohoell. Leipz. 1866. 

16. Jos Papirianum. Ausser den XII Tafeln begegnet uns noch 
^eine Kodifikation, nämlich die Kodifikation der Königsgesetze {leges regiae) 
im sog. itis Papirianum. Dieselbe ist aber eine litterarische, d. h. in Buch- 
form gebrachte. Nach dem Zeugnis des Pomponius (Dig. 1, 2, 2, 2) ist 
es eine Sammlung der Gesetze, welche die Könige gegeben haben, ver- 
anstaltet von einem Sex. Papirius zur Zeit des Tarquinius Superbus. Dio- 
nysius berichtet 3, 36 noch ausführlicher, dass ein Oberpontifex C. Papirius 
nach der Vertreibung der Könige eine Sammlung sakraler Bestimmungen 
wieder zur öffentlichen Kenntnis gebracht habe, nachdem eine solche Pu- 
blikation des Ancus Marcius im Lauf der Zeit zu Grund gegangen sei. 
Allein es ist schwer, sich jene Gesetze des itis Papirianum als von den 
Königen erlassene Gesetze zu denken, es ist unmöglich, in jenem Papirius, 
dessen Vorname schwankend angegeben wird, den Redaktor der Gesetzes- 
sammlung zu erblicken. Die erste schriftliche Gesetzgebung erhalten wir 
mit den XII Tafeln; deren Notwendigkeit zeigt, dass zuvor eine kodifizierte 
Gesetzgebung nicht existierte. Sonach haben wir die Zeit der Redaktion 
und die Person des Redaktors als apokryph anzusehen. Wie steht es nun 
mit dem Inhalt? Soweit die Fragmente es erkennen lassen, sind die Königs- 
gesetze Bestimmungen ritueller und sacralrechtlicher Natur, welche für 
das Publikum allgemeines Interesse haben, und zwar solche, die in den 
Amtsbereich der Pontifices fielen. Sonach werden die Königsgesetze auf 
einem Auszug aus den Pontifikalbüchern beruhen. Dieser Sammlung, welche 
auf privatem Weg erfolgte, wurde der Name jenes Oberpontifex Papirius 
vorgesetzt, um ihr mehr Gewicht zu verleihen. Kommentiert wurde das 
Buch von Granius Flaccus, einem Zeitgenossen Cäsars (Dig. 50, 16, 144). 
Also muss die Sammlung schon damals bestanden haben. Ob sie noch 
weiter zurückgeht, hängt davon ab, ob anzunehmen ist, dass Gassius Hemina 
(um 146), der von Numa zwei Gesetze anführt (fr. 12 und 13 p. 99 Peter), 
dieselben aus dem papirischen Rechtsbuch entnommen. Ist die Verteilung 
der Gesetze unter die einzelnen Könige ein Werk des Redaktors, so ist 
die Frage entschieden. Waren aber schon von den Pontifices die Gesetze 
mit den Königen verknüpft, so ist das Zeugnis für die Zeit der Redaktion 
irrelevant. 

Neben den leges regiae finden wir auch zitiert commeniarii regii. Beide eind ver- 
schieden. «Die Kommentarien sind die pontificale Sacralordnung überhaupt, die leges re- 
gicte eine ' daraus f flr das Publikum ausgezogene Anweisung, hauptsächlich zur Vermeidung 
des pi{tculum^ Mommsbn, Staatsr. 2, 1 p. 42, 2. Nach Sohm, Instit.' 29, Anm. 1 führen die 
leges regiae ihren Namen wahrscheinlich lediglich daher, dass diese Ordnungen dem un- 
mittelbaren Schutz der Könige unterstellt waren, geradeso wie altattische Kultusordnungen 
den Namen «königliche Gesetze* lediglich deshalb führten, weil ihre Handhabung dem 
Archon-König oblag. 

Litteratur: Das gesamte Material gibt M. Voigt, Über die leges regiae. Abb. der 
Sachs. Gesellsch. der Wissensch. 7, 557, seine Darlegung kommt aber zu unhaltbaren Re- 
sultaten« 



22 Eömische Litteratnrgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 1. Periode. 

17. Jus Flayianum. Das Landrecht war kodifiziert, man wusste, 
was Rechtens ist, allein es fehlte noch die allgemeine Kenntnis der Mittel 
und Wege, sein Recht geltend zu machen. Zu diesem Zwecke war es 
notwendig, einmal zu wissen, welches die Tage waren, an denen Recht 
gesprochen werden durfte, dann welches die Prozessformen waren, um 
einen Rechtsstreit giltig einzuleiten. Dieses Wissen war aber ein Privi- 
legium der Pontifices. Sonach war noch immer das Recht gebunden und 
unfrei. Diese Gebundenheit wurde beseitigt durch eine kühne That, welche 
Appius Claudius Caecus hervorgerufen hatte. Sein Schreiber Cn. Flavius 
stellte (vgl. § 14) ein Verzeichnis der Gerichts- und der anderen Tage auf 
dem Forum auf (Liv. 9, 46), ferner veröffentlichte er Prozessformulare (legis 
actiones Dig. 1, 2, 2, 7) in Buchform. Dieses Buch hiess jus Flavianuw, 
Mit dieser Publikation hörte alles Geheimnis des Rechtes auf. Wir stossen 
daher auch bald auf den ersten Rechtslehrer, Ti. Coruncanius (Cons. 280), wel- 
cher der erste plebejische Pontifex maximtis war. Er erteilte nämlich seine 
Rechtsbescheide öffentlich, so dass zuhören konnte, wer wollte, nicht bloss 
der einen Rechtsbescheid Suchende, und knüpfte Erörterungen daran. Damit 
that wiederum die Rechtskunde einen weiteren Schritt in die Öffentlichkeit. 
Die Kunst, das Recht anzuwenden, ward jetzt verallgemeinert, sie trat 
aus dem Kreis der Pontifices heraus. Schriften hinterliess Coruncanius 
nicht, allein es hatten sich von ihm mehrere Rechtsbescheide und merk- 
würdige Äusserungen oder Handlungen {memorabilia) durch Tradition er- 
halten. 

Hauptstellen über Ti. Coruncanius Dig. 1, 2, 2, 35 und 38. Vgl. Jobs, Römische 
Rechtswissenschaft zur Zeit der Republik 1, 73. 

Die Fragmente der vorjustinianischen Juristen sind gesammelt von Huschkb iuris- 
prudentiae Anteiuatinianae quae super sunt. Ed. IV Leipz. 1879. Eine Sammlung der 
Fragmente der Juristen aus der Zeit der Republik nebst Kommentar stellt Jobs in Aussicht 

18. Verträge und Gesetze. Ihre Zahl ist klein; denn durch den 
Brand, der bei der gallischen Eroberung (387/6) Rom mit Ausnahme des 
Kapitel einäscherte, sind die meisten zu Grund gegangen. Durch Augen- 
zeugen haben wir nur von folgenden Schriftdenkmälern aus der Zeit vor 
dem gallischen Brande Kunde erhalten. 1) Dionysius sah noch (4, 26) 
den Bündnisvertrag, der zwischen Rom und den Latinern unter Servius 
Tullius abgeschlossen wurde. Derselbe war auf eine eherne Tafel mit 
altgriechischen Buchstaben eingegraben; die Tafel war in dem Bundestempel 
der Diana auf dem Aventin aufgestellt. 2) In gleicher Weise schildert 
nach Autopsie Dionysius 4, 58 den Vertrag eines Tarquinius mit Gabii ; er 
stand auf einem mit einer Rindshaut überzogenen Schild im Tempel des 
Sancus auf dem Quirinal, welcher Tempel wahrscheinlich auch der gallischen 
Katastrophe entgangen war. Auf diesen Vertrag spielt Horaz Ep. 2, 1,25 an. 
3) Polybius setzt (3, 22) den ersten Handelsvertrag der Römer mit den Kartha- 
gern, dessen Inhalt er angibt, ins Jahr 508; er fügt bei, dass derselbe in einer 
Sprache abgefasst war, welche den Gelehrten seiner Zeit Schwierigkeiten 
machte. Allein es ist strittig, ob dieser Vertrag hieher gehört, da Diodor 
16, 69 den ersten dieser mit Karthago geschlossenen Handelsverträge ins 
Jahr 348 setzt. 4) Cicero erinnerte sich noch, in seiner Jugendzeit den 
Bundesvertrag gesehen zu haben, den Sp. Cassius 493 v. Ch. mit den La- 



Prosa. Familiendenkmäler. 23 

tinem schloss; er stand auf einer ehernen Säule, die auf dem Forum auf- 
gestellt war (Cic. p. Balbo 23, 53). 5) Livius gedenkt 7, 3 des Gesetzes 
(lex priscis litteris verhisque scripta) vom Einschlagen des Jahresnagels; 
dasselbe war im kapitolinischen Tempel angeheftet. 6) Zur Zeit des Dio- 
nysius (10, 32) befand sich noch im Aventintempel die eherne Säule, auf 
der das Gesetz des L. Icilius Ruga (456) betreffend die Verteilung des auf 
dem Aventin befindlichen ager puhlicus an die armen Plebejer für Bauplätze 
geschrieben stand. 7) Der Bundesvertrag mit Ardea (444) scheint noch 
dem Licinius Macer aus der Zeit des Sulla zugänglich gewesen zu sein 
(Liv. 4, 7). 8) Endlich — um auch dies gleich hier zu erwähnen — las 
die Inschrift auf dem linnenen Panzer des Vejenter Königs Tolumnius den 
der Konsul A. Cornelius Cossus im Fidenatenkrig besiegt und dessen Panzer 
er im Tempel des Juppiter Feretrius geweiht hatte (wahrscheinlich 428), 
noch Augustus (Liv. 4, 20). 

Das sind die ältesten Schriftdenkmäler, von denen uns noch die 
späteste Zeit auf Autopsie hin Kunde gibt. Alles sonstige der galli- 
schen Katastrophe vorausliegende Schrifttum, das wir ei'wähnt finden, ist 
zweifelhafter Natur. Man begreift darnach, wie unsicher die Überlieferung 
der ältesten römischen Geschichte sein musste, und versteht die Klage 
des Livius (6, 1). 

Yarro erwähnt nach Macrobius 1, 13, 21 antiquimmam legem incisam in colwnna 
aerea a L, Fitumo et Furio consuUbiM (472). 

Litteratnr: Schwbgleb, Rom. Geschichte 1, 18—21. Mommsek, R. Gesch. 1*, 216. 
Forsch. 2, 159. 238. Rom. Chrono!.* p. 93. Die reiche Litteratur über die karthagischen 
Verträge siehe bei Meltzeb, Geschichte der Karthager 1, 487 and bei Soltau, Philolog. 48, 
131. Besonders wichtig sind Mommsgn, Rom. Chronologie* p. 320, welcher den ersten 
Vertrag ins Jahr 348 v. Ch. setzt, und Nissen, Flbckeis. J. 97, 321, welcher Polybios folgt. 

b. FamiliendenkmOler. 

19. Die Leichenrede und das Elogium. Von Privataufzeichnungen 
sind für die ältesten Zeiten nur wenige Spuren vorhanden. Die wichtigste 
ist die Leichenrede (laudatio funebris). Es war Sitte, dass auf den 
vornehmen Verstorbenen von einem Angehörigen, der dem Toten am 
nächsten stand und zugleich befähigt war, oder wenn es sich um ein öffent- 
liches Leichenbegängnis handelte, von einem hiezu bestellten Beamten auf 
dem Forum eine Leichenrede gehalten wurde. Diese Sitte, welche auf 
Polybius grossen Eindruck machte und ihn zu einer sehr interessanten, den 
Leser ungemein fesselnden Schilderung veranlasste (6, 53), geht sehr weit 
zurück, wie man aus Dionysius 5, 17 zu schliessen berechtigt ist. Solche 
Reden wurden wohl anfangs nicht aufgeschrieben; schriftlich fixiert fan- 
den sie ihre passende Stätte im Familienarchiv; von da aus nahmen sie, 
besonders wenn es sich um berühmte Persönlichkeiten handelte, nicht selten 
auch den Weg in die Öffentlichkeit. Die Schriftsteller geben uns Kunde 
von solchen umlaufenden Reden; so bezeugt Plutarch ausdrücklich, dass 
zu seiner Zeit noch die Leichenrede vorhanden gewesen sei, die Fabius 
Maximus Cunctator auf seinen Sohn hielt (Fab. 1, 30); Plinius (n. h. 7, 139) 
führt aus der Leichenrede des Q. Caecilius Metellus auf seinen Vater 
(221 V. Ch.) Gedanken an. Auf den jüngeren Scipio gab es eine Leichenrede, 



24 Römische LitieratargeBchichie. I. Die Zeit der Republik, 1. Periode. 

die Laelius für Q. Pabius Maximus schrieb. Die scholia Bobiensia haben 
uns p. 283 Or. aus dieser Rede ein Kolon erhalten. Nach Cicero scheinen 
diese Reden von künstlerischer Form weit entfernt gewesen zu sein (de or. 2, 
84, 341). Verwandt mit der Leichenrede ist das elogium, die Aufschrift 
unter dem Ahnenbild (auch index , titulus). Dasselbe kann als eine abge- 
kürzte Leichenrede angesehen werden. Es war nämlich Sitte, die Ahnen- 
bilder und die Stammbäume im Atrium aufzubewahren und bei jedem Ahnen- 
bild die Thaten und Ehren des Dargestellten kurz zu verzeichnen. Auch 
diese Sitte muss sehr weit zurückgehen; dies erhellt daraus, dass Appius 
Claudius in dem von ihm 296 v. Ch. gestifteten Tempel der Bellona seine 
Ahnenbilder mit den Aufschriften aufstellen konnte (Plin. n. h. 35, 12). Auf 
diese Weise war eine Familienchronik in Rudimenten vorhanden; später, 
wohl gegen Ende der Republik, wurden, wie es scheint, aus diesen elogia 
Familienchroniken gemacht; so erwähnt Gellius 13, 20, 17 eine Denkschrift 
über die Porcische Familie. . Die Autoren klagen, dass durch diese Leichen- 
reden und Elegien die Geschichte verfälscht wurde (Cic. Brut. 16, 62, Liv. 8, 
40,4). Man wird diese Klage berechtigt finden, man braucht sich nur 
daran zu erinnern, wie nach Aufkommen der Aeneassage es üblich wurde, 
den Stammbaum auf trojanische Hilden hinaufzuführen. 

Litteratur: Sohwegleb, Rom. Gesch. 1, 14. Gbaff, De Bomanarum laiidationibus, 
Dorpat 1862. Hübner, Hermes Ij 440. Mommsen, CIL. 1, 277. Petbb, Histortcorum roma- 
norum reliquiae 1, XXVIII. 

c. Appius Clandiiui Caecus. 

20. Der erste römische Schriftsteller. Die bisherige Betrachtung 
hat uns Schriftdenkmäler kennen gelehrt, welche durch äussere Bedürfnisse 
hervorgerufen wurden; sie hat uns aber auch freie Schöpfungen des Geistes 
und zwar in mannigfacher Gestalt vorgeführt. Allein an bestimmte Namen 
konnten wir diese Produkte nicht anknüpfen. Wir hatten Schriftwerke, 
aber keine Schriftsteller. Mit Appius Claudius Caecus (Cons. 307 und 296), 
dessen grossartigen Einfluss auf die Verfassungsverhältnisse, Rechtsentwick- 
lung (vgl. § 17) die politische Geschichte darzulegen hat, dessen grossartige 
Bauten seinen Namen unsterblich gemacht haben, erhalten wir auch den 
ersten römischen Schriftsteller. Es sind zwei Werke, welche die Litteratur 
von ihm lange Zeit bewahrt hat, ein Werk der Prosa und ein Werk der 
Poesie. Als der König Pyrrhus im J. 280 durch einen Abgesandten, den 
Thessaler Eineas, mit dem Senat wegen eines Friedens unterhandeln liess, 
trat Appius Claudius, schon hochbetagt damals, auf und sprach in so ein- 
dringlicher Weise dagegen, dass die Priedensanträge zurückgewiesen wurden. 
Diese berühmte Rede des Appius Claudius wurde aufgezeichnet und publi- 
ziert; sie war noch zu Ciceros Zeit vorhanden (Cato m. 16). Noch wichtiger 
ist das zweite Werk, eine Spruchsammlung {sententiae), in Satumiem. 
Drei Sprüche sind uns aus derselben erhalten, darunter der jetzt in aller 
Mund lebende „Jeder ist seines Glückes Schmied.* Cicero nennt diese 
Spruchsammlung pythagoreisch, er denkt wohl an die goldenen Sprüche 
des Pythagoras (Tusc. 4, 2, 4). Möglich, ja wahrscheinlich ist es, dass die 
griechische Spruchdichtung auf Appius Claudius eingewirkt hat. 



Appius Claudias Caecns. 25 

Die ersten Schriftsteller eind zugleich die ersten Sprachmeister. Auch 
bei Claudius trifft dies zu. Es werden einige Neuerungen in der Schrift 
ihm zugeschrieben. Er führte die Schreibung von r statt s in gewissen 
Wörtern durch; es scheinen dies besonders Eigennamen gewesen zu sein, 
die noch die alte Schreibung bewahrten, nachdem längst der Lautwandel 
von s zu r sich vollzogen (Dig. 1, 2, 2, 36); er verdrängte das z aus dem 
lateinischen Alphabet; später wieder aufgenommen, konnte es seine frühere 
Stelle im Alphabet nicht mehr erhalten, sondern blieb ans Ende desselben 
gebannt (Mart. Cap. 3, 261 p. 64 Eyssenh. vgl. § 12). 

Auch im Altertum bestand die Tradition, dass Appius Claudius der erste Schriftsteller 
sei. Ungeschickt Isidor. orig. 1, 87, 2 : apud Romanos — Appius Caecus adverstts Pyrrhum 
solutam orationem primus exercuit, • 

In den Dig. 1, 2, 2, 86 wird dem Appius Claudius auch eine Schrift de mswt- 
pcUiontbus beigelegt, jedoch mit dem Beisatz qui Über tum exstat Was mit usur- 
pcUiones hier geroeint sei, ist strittig. Die einen verstehen darunter Fälle der Anwen- 
dung der XII Tafeln und halten das Werk iür eine Responsensammlung, andere fassen 
usurpationes als Unterbrechungen des ustis und erblicken in dem Werk eine Sammlung 
Yon Formularien fQr Usurpationen. Die Autorschaft des Appius Claudius ist mir sehr 
zweifelhaft; vielleicht wurde einer Usurpationen-Sammlung der Name Appius Claudius bei- 
gef&gty wie der des Papirius der Sammlung der leges regiae. Vgl. Joes, Rom. Rechts- 
wissensch. 1, 86. 

Die Einführung des r statt s durch Appius Claudius bezweifelt Jobdan, Erit. 
Beitr. p. 155, Cichorius de fastis p. 175, vgl. dagegen G. Mbyeb, Zeitschr. f. österr. 
Gjrmn. 81, 121. Wenn Jordan p. 154 dem Appius Claudius statt dem Spurius Carvilius 
die Erfindung des neuen Zeichens für die gutturale Media beilegen will, so ist richtig, dass 
zwischen der Ausscheidung des z und der Einfahrung des g insofern ein Zusammenhang 
gegeben ist, als das neu eingeführte g im Alphabet die Stelle des ausgeschiedenen z ein- 
nimmt Allein dies kann auch durch die Annahme erklärt werden, dass zwischen Appius 
Claudius und Spurius Carvilius persönliche oder zum mindesten geistige Beziehungen be- 
standen haben. Vgl. Havbt, Bevtte de phih 2, 15-18. 



21. Bttckblick. Wenn wir auf die erste Periode der römischen Lit- 
teratur zurückblicken, so erkennen wir, dass von einer Litteratur im strengen 
Sinne des Wortes noch nicht die Rede sein kann, dass uns hier nur Keime 
und Ansätze zur Litteratur vorliegen. Allein es wäre unrecht, dieselben 
gering zu schätzen oder gar beiseite zu lassen. Diese Keime und Ansätze 
haben ja ihre Wurzeln noch in nationalem Boden. Nicht als ob es in 
dieser Periode an Anregungen von aussen, besonders von Griechenland 
völlig gefehlt hätte; allein von solchen Anregungen ist noch ein weiter 
Weg bis zur förmlichen Übernahme einer fremden Kultur und Litteratur. 
Die Litteraturanfänge des römischen Volks tragen deutlich an der Stirne, 
wess Geistes Kind sie sind. Nehmen wir die gebundene Rede, so fehlt der 
aus dem Herzen frisch hervorsprudelnde Liederquell, der uns des Sängers 
Leid und Freud erschliesst, dafür sprosst empor das Kultuslied, das den 
Segen der Himmlischen erfleht, das Ahnenlied, das die Thaten der Vor- 
fahren pf eist, der Spruch, durch den der Vater den Sohn unterweist. Nur 
als Begleiterin des Festes stellt sich die Dichtkunst in den Dienst der 
individuellen TJngebundenheit und Freiheit. Nehmen wir die Prosa, so 
knüpfen die Formen, die über das Bedürfnis des praktischen Lebens hinaus- 
gehen, wie das Ahnenlied an das Gemeinwesen an. Es sind dies die 
schlichten historischen Aufzeichnungen, welche aber alle Keime der Ent- 



26 Römische Litieratnrgeschichte. L Die Zeit der Republik. 1. Periode. 

Wicklung in sich tragen, und die Leichenrede, die zum Preise berühmter 
Toten gesprochen wurde. Dass aus diesen Elementen eine Litteratur heraus- 
wachsen konnte, wer wollte das leugnen? Wer wollte z.B. in Abrede stellen, 
dass sich aus dem Festlied und Festspiel eine dramatische Form heraus- 
bilden konnte? Allein andrerseits dürfen wir nicht vergessen, dass zu 
einer vollen Blüte einer Litteratur vor allen Dingen die Freiheit, TJnge- 
bundenheit des individuellen Lebens gehört — auf diese Güter musste aber 
das römische Volk verzichten, wenn es die ihm von dem Geschick über- 
wiesene Rolle durchführen wollte. 



Zweite Periode: 

Die römische Kunstlitteratur. 



A. Die Litteratur vom zweiten panischen Krieg bis zum 
Ausgang des Bundesgenossenkriegs (240-88). 

22. Der Hellenismus in der römischen Litteratur. An mannig- 
fachen Beziehungen zwischen Rom und Oriechenland hat es seit den ältesten 
Zeiten nicht gefehlt. Das Alphabet erhielten die Römer von den Griechen; 
griechische Religionsvorstellungen ergossen sich nach Rom ; ein interessanter 
Beleg hiefür sind die in griechischer Sprache abgefassten sibyllinischen 
Orakel, welche in schwierigen Lagen befragt wurden. Bezeugt ist der 
griechische Einfluss auf die Zwölf tafelgesetzgebung; auch in den staatlichen 
Einrichtungen der Römer lassen sich unschwer griechische Elemente er- 
kennen. Ferner bestanden ausgedehnte Handelsbeziehungen zwischen Rom 
imd Griechenland, welche die Kenntnis der griechischen Sprache von Seiten 
der Römer zur Notwendigkeit machten. So war denn der römische Boden 
für die griechische Litteratur sehr empfänglich gemacht. Diese musste 
sich in vollen Strömen nach Rom ergiessen, als die politischen Verhältnisse 
die Römer und Griechen in noch engere und häufigere Beziehungen zu 
einander brachten. Dies geschah durch den Krieg mit Tarent (282 — 272), 
der die unteritalischen Griechen, dann durch den ersten punischen Krieg 
(264 — 241), der die sicilischen Griechen den Römern näher rückte. Durch 
diese Kriege kam eine Masse Hellenen nach Rom. Diese aber brachten 
mit nach Rom ihre heimische Litteratur. Diese Litteratur aber hatte be- 
reits alle Stufen der Entwicklung durchgemacht; sie lag da als ein voll- 
endetes Ganze von unvergänglicher Schönheit, die römische Litteratur da- 
gegen stak noch in den allerersten Anfängen. Von einem Kampf der 
römischen Litteratur mit der griechischen konnte sonach keine Rede sein; da 
das Schwache dem Starken zu weichen hat, war der nationalen Litteratur 
die weitere organische Entwicklung versagt. Es tritt jetzt die Überführung 
der griechischen Litteratur nach Rom ein. Durch Übersetzungen der grie- 
chischen Schriftwerke suchte man zunächst die Bedürfnisse der gebildeten 
Gesellschaft, besonders der Schule zu befriedigen. Man verfuhr hiebei sehr 



28 RömiBche Litteratnrgeschiohie. I. Die Zeit der Republik. 2* Periode. 

willkürlich, je nach Laune, je nach Zufall griff man bald zu diesem, bald 
zu jenem Werk. Damit ist der fragmentarische Charakter der römischen 
Litteratur für alle Zeiten festgestellt. Diese Litteraturübertragung ging 
in der Zeit des zweiten punischen Kriegs vor sich; von dieser Zeit an 
datiert die römische Kunstlitteratur. Mit Recht singt daher der Dichter 

Porcius Licinus (Gell. 17, 21): 

Poenico hello secundo Muaa pinnato gradu 
Intulit se bellicosam in Romuii gentem feram, 

a) Die Poesie. 

1. L. Livius Andronicus. 

23. Die lateinische Odyssee. Ein zufälliges Ereignis sollte eine 
grosse Wendung im römischen Geistesleben herbeiführen. Durch den Ta- 
rentinischen Krieg kam der Grieche Andronicus (272) mit anderen Ge- 
fangenen nach Rom; er muss damals sehr jung gewesen sein, da wir ihn 
noch 207 thätig finden. Sein Herr wurde der berühmte M. Livius Salinator, 
dessen Kinder er später unterrichtete. Freigelassen führte er den Namen 
L. Livius Andronicus. Er blieb Schulmeister, sein Unterricht erstreckte 
sich auf beide Sprachen (Suet. de gramm. 1). Für seinen griechischen 
Unterricht hatte er Lehrmittel in Fülle; dagegen fehlte es für den lateini- 
schen an Litteraturwerken, an denen sich der jugendliche Geist bilden 
konnte. Wohl um diesen Notstand zu beseitigen, übersetzte Livius die 
Odyssee; wir finden noch zur Zeit des Horaz diese Übersetzung als Schul- 
buch, mit dem Orbilius seine Schüler quälte. Als Versmass wählte Li- 
vius das nationale Mass, den Saturnier. Seine Übersetzung begann mit 
den Worten 

virüm mihi, Camina, inseci versutum. 

Schon aus diesem Verse erkennt man, dass der Ton dieser Übersetzung 
ein ganz anderer war als der des Originals. Sie muss einen steifen, mit- 
unter komischen Eindruck gemacht haben. Schon die konsequente Wieder- 
gabe der griechischen Götternamen durch römische (wie z. B. Moria statt 
MoTqa fr. 12 B.) mutet uns eigentümlich an. Seine Kenntnis der homeri- 
schen Sprache muss nicht besonders tiefgegangen sein; wenigstens wäre 
das sonderbare Missverständnis im 31. Fragment sonst nicht möglich ge- 
gewesen. Die spätere Zeit konnte kein Gefallen mehr an diesem Werke 
finden; Cicero vergleicht es Brut. 18, 71 mit den rohen Versuchen des 
Dädalus auf dem Gebiete der Kunst. 

Die Bedenken wegen des Vornamens L. beseitigt Mommren, R. Gesch. 1^ 881. Die 
Herkunft aus Tarent und die Gefangennahme des Livius geht hervor aus Cic. Brut 18, 71. 
Hieronym. ad. a. 1830 (2, 125 Seh.) oh ingenii merüum a lAvio ScUinatore, cuius liberos 
enidiebat, libertate donatus est. 

Die Fragmente sind gesammelt bei L. MOlleb, Der satum. Vers p. 124, bei Bin- 
BBNS, fragmenta p. r. p. 87. 

24. Das griechische Drama in Bom. Dramatische Elemente waren 
in Rom vorhanden, sie versprachen auch eine erfreuliche Blüte; allein ihre 
Entwicklung wurde gestört durch ein Ereignis des Jahres 240. In diesem 
Jahre wurde nämlich an den ludi Romani von Andronicus eine Tragödie und 
eine Komödie in lateinischer Bearbeitung auf die Bühne gebracht. Schon 
in formeller Beziehung war dies eine ganz bedeutende That. Das alte 



L. Liviiis AndroniooB. 29 

saturnische Mass, dies war klar, konnte hier nicht zur Anwendung gelangen ; 
auch war eine grössere Mannigfaltigkeit von Massen geboten. Andronicus stand 
also vor dem Problem, wie die griechischen Metra auf die römische Sprache 
zu übertragen seien. Dies erforderte vor allem genaueres Eingehen auf 
die Quantität der Silben. Aber auch für das metrische Schema mussten 
bestimmte Normen aufgestellt werden. Diese Normen sind grundlegend 
für die römische Verskunst geworden. Bezüglich der Aufführung seiner 
Stücke erhalten wir einen merkwürdigen Bericht von Livius (7, 2). Andronicus 
habe selbst die Hauptrolle übernommen; da er die Gesänge (Monodien) 
infolge des Dacaporufens öfters habe wiederholen müssen, hätte seine 
Stimme versagt; um sich zu schonen, habe er die Erlaubnis erbeten und 
erhalten, durch einen Knaben die Arie singen zu lassen, während er nur 
die entsprechenden Oesten dazu machte. Wir haben Grund, diese Er- 
zählung anzuzweifeln; der ganze Bericht des Livius trägt einen unverkenn- 
bar ätiologischen Charakter an sich; die Erzählung wird daher nur ein 
Versuch sein, die Thatsache, dass später die Schauspieler die Monodien 
öfters nicht mehr selbst sangen, aus dem Ursprung des römischen Dra- 
mas heraus zu erklären. Von den Dramen, die Andronicus übersetzte, sind 
nur wenige Fragmente erhalten; von den Komödien haben wir nicht viel 
mehr als einige Titel. Die von Andronicus bearbeiteten Tragödien sind, soweit 
wir sie kennen, folgende: Achilles, Aiax mastigophoros, Equos Troianos, 
Aegisthus, Hermiona, Andromeda, Danae (welches Stück L. Müller dem 
Naevius zuteilt), Ino, Tereus. Auch über diese Stücke fällte die spätere 
gebildete Zeit ein hartes Urteil; Cicero meint (Brut. 18, 71), sie verdienten 
nicht zum zweitenmal gelesen zu werden. Allein trotzdem haben diese 
Versuche eine grosse Bedeutung; sie haben der römischen Welt ein hoch- 
bedeutsames Stück der griechischen Litteratur zugänglich gemacht. 

Fflr die Festsielluog dieses wichtigen Ereignisses sind massgebend Cic. Brut. 18, 72, 
Lwms primus fabulam C, Claudio Caeci filio et M, Tudüano canstUibtut docuit, anno ipso 
ante quam natus est Ennius, post Eomam conditam autem quarto decumo et quingentesumo, 
ut hie ait, quem nos sequimur. Est enim inter scriptores de numero annorum controversia 
in Bezng aof das Jahr^ Cassiod. Chron. zum J. 239 in Bezug auf das Festspiel (ludis Bomanis 
primum tragoedia et comoedia — ad scenam data). Über den ätiologischen Charakter der 
Livianischen Erzllhlung vgl. Leo ,Vabbo und die Satire* Hermes 24, 75. 

Die Fragmente der Tragiker und Komiker sind gesammelt von 0. Ribbeck, vol. I 
fragm. tragic., Leipz. 1871 vol. II fragm. comic., Leipz. 1873, auf die ein für allemal hiermit 
verwiesen wird. Ergänzend tritt hinzu Ribbeck, Die röm. Tragödie, Leipz. 1875. lAvi Andro- 
nid ei Cn, Naevi falnUarum reliquiae. Ed. L. Mülleb, Berlin 1885. 

25. Die römische Dichterzunft. Im Jahre 207 stellten sich sehr 
traurige Vorzeichen ein; zur Abwehr derselben beschlossen die Pontifices, 
dass dreimal neun Jungfrauen durch die Stadt ziehen und ein Lied singen 
sollten. Das Lied wurde von Andronicus verfasst. Als die Jungfrauen im 
Tempel des Juppiter Stator es einübten, schlug der Blitz in den Tempel der 
Juno Regina auf dem Aventin ein. Dieses Prodigium deuteten die Haru- 
spices auf die Matronen und verlangten für die Göttin eine Sühne. Zu 
einem Geschenk, das der Juno dargebracht wurde, kam noch die mit 
ganz besonderer Feierlichkeit ausgestattete Prozession, die uns Livius 
27, 37 beschrieben hat. Bei derselben wurde das von Andronicus ge- 
dichtete Lied von den 27 Jungfrauen gesungen. Auch Tanzbewegungen 
waren mit dem Gesang verbunden. Livius fällt über das Lied kein 



30 Römische Litteratorgeschichte. L Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

günstiges Urteil; für die damalige Zeit, die noch keine Kultur entwickelt 
hatte, sei es vielleicht annehmbar gewesen, jetzt müsse es dem Leser ab- 
stossend und holpericht erscheinen. Aus Festus erhalten wir ebenfalls 
Kunde von einem Jungfrauenlied. Dasselbe kann nicht mit dem vori- 
gen identisch sein, während das vorige Lied ein Bittgesang war, 
haben wir in dem von Festus erwähnten ein Danklied; denn Festus 
bezeichnet ja als Entstehungsursache ausdrücklich die günstigere Wendung, 
die im zweiten punischen Krieg in der politischen Lage eingetreten sei; 
diese günstigere Wendung wurde aber bekanntlich durch die Schlacht bei 
Sena (207) herbeigeführt. Was liegt also näher als die Annahme, dass 
Livius dieses Lied zum Preise seines Patrons geschrieben, des M. Livius 
Salinator, der in jener entscheidenden Schlacht mit Claudius Nero den 
Hasdrubal geschlagen hatte? An dieses Lied knüpft sich ein für die Lit- 
teratur nicht unwichtiges Ereignis. Zur Belohnung des Dichters wurde 
den Dichtern und Schauspielern (scribis histrionibiisque) der Tempel der 
Minerva Uuf dem Aventin angewiesen, in dem sie zu gemeinsamem Gottes- 
dienst und zur gemeinsamen Beratung „zusammentreten" (consisiere) konnten. 
Damit hatte der Stand der Dichter offizielle Anerkennung gefunden. 

Festus p, 333 cum Livius Ändronicus hello Punico secundo scripsisset Carmen quod 
a virginibus est cantatum, quia prosperius resp. populi romani geri coepta est, piAlice 
adtributa est ei in Aventino aedis Minervae, in qua liceret sciibis histrionibusque consistere 
(Ober diesen technischen Ausdruck Mommsen, Hermes 1, 809) ae dona ponere, in honorem 
Um, quia is et scribebat fabulas et agebat. 

In die Zeit des Livius fällt das Carmen Priami in Satumiem und das Carmen Neid 
in Senaren ; ygl. Bahbbns fragm. p. 52. 

Blicken wir auf die Thätigkeit des Livius zurück, so sehen wir, dass 
er in drei Gebieten sich versuchte, im epischen durch seine Odyssee, im 
dramatischen durch seine Tragödien und Komödien, endlich im lyrischen 
durch seine Jungfrauenchöre {Parthenien). Zu allen drei Gattungen wurde 
er durch praktische Bedürfnisse geführt, zur Odyssee durch den Mangel 
an lateinischen Lehrmitteln, zu den Dramata und den Jungfrauenchören 
durch das Streben, die öffentliche Feier durch das Festspiel und das Fest- 
gedicht zu erhöhen. Als Schulmeister und als Maitre de plaisir, um mit 
Mommsen zu reden, hat Livius die römische Eunstlitteratur begründet. 

2. Cn. Naevius. 

26. Naevius' Komödien und Satiren. Als zweite Persönlichkeit er- 
scheint in der römischen Litteratur Cn. Naevius. Wenn wir zwischen ihm 
und seinem Vorgänger einen Vergleich ziehen, so ergeben sich gleich in den 
äusseren Verhältnissen bedeutende Differenzen. Livius ist ein aus der 
Fremde stammender Sklave, Naevius ist freier Lateiner aus Campanien; 
der erstere ist Schulmeister, Naevius Soldat im punischen Krieg; Livius 
wird durch Bedürfnis und Gelegenheit zum Dichter, den Naevius dagegen 
führt sein Genius auf den Parnass ; der Tarentinische Freigelassene schreibt 
ein Gedicht zum Lobe eines vornehmen Römers, der Campaner, eine starke, 
selbstbewusste, ja trotzige Natur, greift in seinen Gedichten die vornehme 
römische Welt an. Wie Livius, so versucht sich auch Naevius zugleich 
in mehreren Gebieten der Dichtkunst, im Drama und im Epos. Im Drama 



Cn. Naevins. 



31 



zog ihn die Komödie bei weitem mehr an als die Tragödie. Man sieht 
dies daraus, dass Eomödientitel beträchtlich mehr überliefert sind als 
Tragödientitel. Seine Komödien haben die Eigentümlichkeit gehabt, dass 
sie die Gegenwart hereinzogen und sich Ausfälle gegen vornehme Staats- 
männer der damaligen Zeit gestatteten. Gellius berichtet uns (3, 3, 15), 
dass Naevius wegen seiner Schmähungen ins Gefängnis geworfen wurde, 
auf welches Ereignis Plautus Mil. glor. 211 anspielt, und seine Befreiung 
erst dann erwirken konnte, als er in neuen Komödien sein Unrecht den 
angegriffenen Personen gegenüber gut gemacht hatte. In den vorhandenen 
Fragmenten der Komödien finden wir, soweit bestimmte Stücke in Frage 
kommen, zwar Sätze, die eine persönliche Spitze haben können wie fr. 9 
und 72 Ribb., allein eine Verhöhnung mit Namen können wir nur bei dem 
Maler Theodotus (fr. 99 Ribb.) aufzeigen. Aber jene Verse, in denen der 
Dichter von dem Sieger von Zama erzählt, dass ihn seinerzeit der Vater 
vom Liebchen heimtreiben musste (Gell. 7, 8), werden einer Komödie ent- 
nommen sein. Die Zuteilung anderer Fragmente ist zweifelhaft, da Naevius 
noch eine Gattung gepflegt hat, in der er zu Angriffen genug Gelegenheit 
fand, die satura. Und zwar scheint dieselbe die Form der Fescenninen 
gehabt zu haben, d. h. Rede und Gegenrede. Wenigstens weist das einzige 
Fragment, das ausdrücklich einer Satire beigelegt wird (Festus p. 257), 
auf einen Dialog hin. *) Sonach wird allem Anschein nach auch der Streit 
mit den Metellern Gegenstand einer Satire gewesen sein. Diese Pflege 
der alten nationalen dramatischen Form entspricht ganz dem Wesen des 
Naevius. Mit der Berücksichtigung der Gegenwart in den Komödien 
setzt er aber gewissermassen die Richtung der satura fort. Naevius 
nimmt also seinem Original gegenüber nicht bloss die Stelle eines Über- 
setzers oder Bearbeiters ein, sondern behält sich eigenes Schaffen vor. 
Diese Freiheit prägt sich auch noch in einer andern Erscheinung aus, in der 
Kontamination (Prol.Ter.Andr. 18). Man versteht darunter die Verschmel- 
zung zweier Stücke zu einem. Wenn der Inhalt der beiden Stücke nicht 
sehr ähnlich war, konnte es sich natürlich nur um einzelne Szenen bei der 
Herübemahme handeln. Aus den Fragmenten können wir fast nur „das 
Mädchen von Tarent" (Tarentilla) in einigen Hauptzügen feststellen; diesem 
Stücke gehören die reizenden Verse an, in denen das schelmische Mädchen 
geschildert wird, das für alle irgend eine Gunst bereit hat*) (75 Ribb.). 

Über die PersonalDotizen des Naevius vgl. Mommsen, R. Gesch. 1', 899. Seine dra- 
matische Thatigkeit scheint der Dichter nach Varro bei Gellius 17, 21, 45 235 v. Chr. 
begonnen zu haben. Es heisst: eodemque anno (519 u. c.) Cn, Naevius poeta fabtUas 
apud poptdum dedit, quem M. Varro in libro de poetia primo stipendia feciase ait hello 
Poenico primo idque ipsum Naevium dicere in eo carmine quod de eodem hello scripsit. 
Die zwei berühmten Satumier, die den Streit zwischen Naevius und den Metellern dar- 
legen, sind : Foto Metilli Hömai cönsules fiunt und malüm dahünt Metilli Ndeviö poHae, 
Über die Folgen dieses Streits ist die Hauptstelle Gellius 3, 3, 15: De Naevio — aceepi» 



') Was sonst noch BXhbbns den Sati- 
ren zuteilt (vgl. Fleck EIS. J. 133, 404), 
beruht lediglich auf Vermutung. Besonders 
bedenklich ist seine Behandlung der Stelle 
Ciceros Cato m. 7, 20, wo er durch Verbindung 
der geteilten Überlieferung in Naevii poe- 
tae ludo nnd in Naef^ii posteriore libro, zu 



in Naevii poetae ludoi'um posteriore libro 
zwei BQcher ^ Scherze* d. h. Satiren des 
Naevius gewinnt. Vgl. dagegen Ribbiok, 
Tragic. fragm.« p. 278. 

*) Wir werden nicht irren, wenn wir 
den Naevius als den Vorläufer der Togaten- 
dichter betrachten. 



32 RömiBche Litteratorgeschichte. I. Die Zeit der Republik, 2. Periode. 

mu8 fabulaa eum in carcere duas scripsiase, Hariolum et Leontem, cum ob assiduam malt- 
dicentiam et prohra in principes civitatis de Graecorum poetarum more dicta, in vineuk 
Rotnae a triumviris coniectiM esset, ünde post a tribunis plebis exemptus est, cum m to 
quas supra dixi fabvlis delicta sua et petulantias dictorum quibus multos antea laeserat 
düuisset. Da Q. Caecilius Metellus Consul 206 war, so wird die Einkerkerung des Naevios 
in dieses Jahr faUen. Ausführlich behandelt diese Sache West American J. of Philology 8, 17. 

27. Das historische Schauspiel. Der Tragödie schenkt Naevius, wie 
gesagt, weniger Aufmerksamkeit; es werden nur 7 Tragödientitel mit Frag- 
menten überliefert, darunter zwei, „Das Trojanische Pferd** und „Danae*', die 
auchLivius bearbeitet hatte. Ausser diesen beiden kennen wir noch: der aus- 
ziehende Hektor, Aesiona, Andromacha, Iphigenia, Lykurgos. Allein trotz- 
dem ist hier das Wirken des Dichters noch einschneidender; er schuf mit 
Anlehnung an die Form der Tragödie das historische Schauspiel. Mit 
genialem Blick erkannte der Dichter, dass die eigenen Thaten des römi- 
schen Volks das Feld für das ernste Schauspiel der Römer seien, nicht 
eine fremde Götter- oder Heroenwelt. Da also in dieser Gattung statt der 
griechischen Helden römische Könige und Feldherren auftraten, und diese 
die toga praetexta trugen, so erhielt das historische Schauspiel den Namen 
fabula praetexta oder praetextata. Zwei Stücke sind uns von Naevius be- 
kannt. Den Stoff entnahm er einmal aus der Romulussage, er schrieb 
einen Romulus, dann auch aus der Geschichte der Gegenwart, es geschah 
dies in dem Stück, in dem er den Sieg des Marcellus über den Galater- 
häuptling Virdumarus bei Clastidium (222) feierte. 

Bezüglich der Praetextae besteht eine Schwierigkeit wegen des Bomülus. Yarro 
zitiert nämlich diesen (de 1. 1. 7, 54; 7, 107 j, Festus p. 270 einen Lupus, Donat zu Ter. 
Ad. 4, 1, 21 eine cUimonia Bemi et Romuli. Dass der erste und der dritte Titel auf das- 
selbe Stück hinweisen, ist wohl nicht zweifelhaft. Vgl. M. Haupt, opusc. 1, 190. Aber 
auch der Romulus und der Lupus werden identisch sein, da im Lupus nach fr. 5 der König 
Amulius auftritt. Die Identität leugnete einst Ribbeck, Die röm. Trag. p. 63. Mit Clastidiaiii 
ist vielleicht identisch die bei Diom. 490 K. genannte Prätexta eines ungenannten Dichten. 
Vgl. Ribbeck, Trag, fragm.^ p. 365. Müller nimmt sie für Eunius in Anspruch (Q. Enn. 
p. 102). — Livi Andronici et Cn. Naevi fabularum reliquiae. Em. L. Müller, Berlin 1885. 

28. Das historische Epos. Auch im Epos ging Naevius weit über 
Livius hinaus, nicht eine Übersetzung lieferte er, sondern ein selbständiges 
Werk, dessen Stoflf der Geschichte entnommen war. Als alter Mann (Cic. 
Cato m. 14, 50) schrieb er ein Gedicht über den ersten punischen Krieg im 
saturnischen Masse. Er hatte diesen Krieg selbst mitgemacht und sich 
auch dessen in seinem Epos gerühmt. Das Gedicht war nicht abgeteilt; 
erst der Grammatiker Octavius Lampadio zerlegte dasselbe in sieben Bücher; 
allein diese Buchausgabe scheint erst später allgemein geworden zu sein. 
Der Fragmente sind uns nur wenige erhalten, doch von jedem Buch, mit 
Ausnahme des fünften, dem wir mit Sicherheit kein Fragment zuteilen 
können. Die Beschreibung des Kriegs begann erst mit dem dritten Buch; 
in den zwei vorausgehenden Büchern behandelte der Dichter die dem Kriege 
vorausliegende Geschichte, er griff zurück bis auf Aeneas. Unter den Frag- 
menten ist keines, das sich durch poetische Schönheit auszeichnet. Das 
Gedicht scheint versifizierte Prosa gewesen zu sein, also ein nüchternes 
und steifes Werk; aber die geschilderten grossen Thaten der Römer sprachen 
um so beredter. Damit steht im Einklang das Urteil Ciceros (Brut. 75), 
der es einem Werke Myrons, d. h. einem nicht durchgeistigten plastischen 
Werke vergleicht und als Vorzug desselben nui* die Klarheit hervorzuheben 



T. Maccins Plantus. 33 

Bv^eiss. Ein Bild von dem Tone mag das mehrfach angeführte Fragment 
[37 B 41 M) geben: 

transit Melüdm Romänus, insulam integram, oram 
urit populdtur västat; rem hosHüm concinnat. 

Commentatoren des Epos erwähnt Vabbo, de 1. 1. 7, 39. Über die BucheiDteilung 
landelt BOchblsr, Rh. Mus. 40, 148. Die Fragmente siehe bei Möllsb, Ausg. des Ennius 
p. 157 und der Sat. Vers p. 134, Bähbei9S, fragin. p. 43. Über den Ton können ausser 37 
noch belehren fr. 3, 4, 24 u. 48 B. 

29. Naevius' Ende. Traurig sind die letzten Schicksale des Naevius. 
Nach einem Bericht des Hieronymus starb der Dichter in der Verbannung 
in Utica, wohin er durch seine Feinde, die Meteller, getrieben wurde. Es 
kann sein Tod nicht vor dem Ende des IL punischen Kriegs stattgefunden 
liaben, denn sein Angriff auf Scipio setzt dessen Sieg bei Zama voraus. 
Allein trotz dieser Verfolgungen hatte sich Naevius doch einen Platz im 
Herzen des römischen Volkes erobert. Noch späterhin fühlte es, welchen 
Genius es in diesem Dichter besessen. Eine zu seinen Ehren verfasste 
Grabschrift (Gell. 1, 24, 1) klagt, dass die Römer ihr Latein vergessen 
hätten, seit Naevius ins unterirdische Haus hinabgestiegen. Und noch 
Horaz muss bekennen, dass der alte Dichter in den Händen seiner Zeit- 
genossen sich befand (Ep. 2, 1, 53). 

Cic. Brut. 15, 60: his consulibus, ut in veteribus cotnmentanis scriptum est (204 v. Chr.) 
Naevius est moriwus; quamquam Varro noster — putat in hoc erratum vitamque Naevi 
producit longius. Hieronymus zu J. 1816 = 201 v. Chr. (2, 125 Seh.): Natvius comicus 
Uticae moritur, pulsus Boma f actione nobilium ac praecipue Metelli, 

Litteratur: Klussmann, Cn. Naevii — vitam descripsit, carminum reliquias col- 
legit . . . Jena 1843. Bkrchbm, De Cn. Naevii poetae vita et scriptis, Münster 1861. 

3. T. Maccius Plautus. 

30. Leben des Plautus. T. Maccius Plautus stammt aus dem um- 
brischen Sarsina. Über sein Leben ist die klassische Stelle Gellius 3, 3, 14. 
Es treten drei Abschnitte in demselben hervor. Plautus war zuerst in 
Rom Bedienter von Schauspielern; in dieser Stellung verdiente er sich so 
viel, dass er in die Fremde ziehen und einen Handel anfangen konnte; 
nachdem er alle seine früher gemachten Ersparnisse eingebüsst, kehrte er 
nach Rom zurück und nahm bei einem Müller Dienste. Hier schrieb er 
seine drei ersten Stücke, den Saturio, den Addictus und ein drittes, dessen 
Titel wir nicht kennen. Sonst ist uns aus seinem Leben nichts bekannt 
als sein Todesjahr, welches 184 anzusetzen ist (Cic. Brut. 15, 60). Welches 
Alter er erreicht, d. h. wann er geboren wurde, kann annähernd etwa durch 
folgende Kombination ermittelt werden. Wenn Cicero in seinem Dialog 
Cato m. 14, 50 den Pseudolus, der 191 aufgeführt wurde, als ein Werk be- 
zeichnet, dem das Alter des Dichters gewidmet wurde, so werden wir wohl 
annehmen können, dass Plautus damals etwa 60 Jahr alt war. Dies würde 
ungefähr auf 251 als Geburtsjahr führen. Wenn weiterhin aus dem wechsel- 
vollen Leben des Plautus der Schluss gezogen werden darf, dass er wohl 
kaum vor dem dreissigsten Lebensjahr anfing, Komödien zu schreiben, so 
bekämen wir als Zeitraum, in dem sich die dichterische Thätigkeit des 
Plautus entfaltete, etwa 221 — 184, d. h. sie würde den zweiten punischen 
Krieg und noch anderthalb Dezennien darüber hinaus umfasst haben. 

Früher hiess man den Dichter M. Accius Plautus. Den wirklichen Namen T. Maccius 
Handbuch der klaai. AlkertumawiMenBchalt. YIU, 3 



34 Römische Litteratorgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Plautus eruierte Ritschi aus dem Ambrosianiscfaen Palimpsest, er liegt auch zu Gruod im 
Prolog des Mercator 6 und im Index des Accius bei Gell. 3, 3, 9 (Parerga p. 13). Gegen 
diese Entdeckung erhob sich mehrfach Opposition, die wiederum von Her^ wirksam be- 
kämpft wurde, zuletzt solche von Cocchia Riv. dt filologia 1884 p. 20. Einige Schwierigkeit 
macht Asin. Prol. 11 

DemophUus scripsü, Maccus vortit harbare 

die bestbezeugte Form Maccus. Diesen Wechsel von Maccius und Maccus erklärt Buchsleb, 
Rh. Mus. 41, 12 so: Sarsinas poeta dum Momae scaenam tenet ludosque facü populo, 
simpliciter maccus rocabcdur^ ioculator yeXütTonoiog etc. Fostea Umher civitatem Bo- 
manam adeptus cum iria nomina sumeret ritu civium, tracto gentilicio ab artis npera et 
appellatione qua inclaruerat, ex Ploto tnacco (actus est 2\ Maccius Plautus. Consvmüx 
ratiane persaepe accidit, qui publicus erat servus, ut in libertatem vindicatus T. Publiäui 
existeret. Die Stelle des Gellius 3, 3, 14 lautet: Saturionem et Äddictum et tertiam 
quandam, cuius nunc mihi namen nan stU>petit, in pistrino eum scripsisse, Varro et ple- 
rique alii memariae tradiderunt, cum pecunia omni, quam in operis artificum scenicoruw 
pepererat, in mercatibus perdita inops Romam redisset et ob quaerendum victum ad circum- 
agendas molas, quae trusatiles vocantur, operam pistori locasset. 

31. Sichtung des plautinischen Corpus durch Varro. Unter Plautus' 
Namen waren nach Gellius Zeugnis 3, 3, 11 ungefähr 130 Komödien in 
Umlauf. Von vornherein ist nicht wahrscheinlich, dass alle diese Stücke 
plautinisches Erzeugnis waren. Da Plautus in der Palliata tonangebend 
war, so wird sich, wie dies bei allen hervorragenden Litteraturerscheinungen 
der Fall ist, an den Meister ein Kreis von Nachahmern und Nachtretern 
angeschlossen haben. Die auf diese Weise entstandenen Nachahmungen 
konnten aber um so leichter den Namen des Plautus annehmen, als es an 
einer durchgreifenden Kontrolle von selten des Publikums fehlte. Die Stücke 
kamen ja zumeist nur durch die Aufführung zur allgemeinen Kenntnis. 
Wenn das Stück gefiel, war der Name des Autor von sehr untergeordneter 
Bedeutung. Auch die Theaterdirektoren, welche die Stücke für die Auf- 
führung sammelten, hatten kein Interesse, sorgfaltige Untei-suchungen über 
die Autorschaft der einzelnen Komödien anzustellen. Daher ist es niclit 
zu verwundern, wenn bei dieser Sorglosigkeit die Sonderung des Eigentums 
zurücktrat und der berühmte Name des Plautus für eine ganze Reihe von 
Produkten herhalten musste. Es war daher keine geringe Aufgabe für 
römische Philologie, in diesem Chaos Ordnung zu schaffen. An dieser 
Arbeit beteiligten sich Aelius Stilo, Aurelius Opilius, Volcacius Sedigitus, 
L. Accius, Serv. Clodius, Manilius (Gell. 3, 3, 1). Sie entwarfen Verzeich- 
nisse der echten plautinischen Stücke. Einen entscheidenden Abschluss 
erhielten diese Studien durch Varro. Er unterschied drei Klassen der 
plautinischen Stücke. In die erste Klasse setzte er die Stücke, welche 
von allen Forschern als plautinisch bezeugt waren. Der zweiten Klasse 
wies er diejenigen zu, für welche als plautinische die Mehrzahl der Zeu- 
gen sprachen und ausserdem historische Erwägungen und Stilbeobach- 
tungen. Es blieb dann noch eine kleine Klasse übrig, die in den Ver- 
zeichnissen der Gelehrten entweder fehlten oder auch ausdrücklich als 
nichtplautinische aufgeführt waren ; hier konnten nur Gründe, aus dem Stil 
und der Darstellung hergenommen, den plautinischen Ursprung darthun. 
Für die erste Klasse erhielt er 21 Stücke. Nun sind uns auch gerade 
21 Stücke überliefert, eines, die Vidularia, das im Mittelalter verloren 
ging, stand noch im Ambrosianischen Palimpsest. Hier an einen Zufall 
zu denken, ist unmöglich; wir werden vielmehr zu dem Schluss gezwungen, 



T. MacciuB Plantus. 35 

dass unsere 21 Stücke diejenigen sind, welche Varro in die erste Klasse 
gestellt hat. Es sind dies die sogenannten fabulae Yarronianae. Wir 
haben sonach nur Komödien von Plautus, welche den Gelehrten des Alter- 
ums bezüglich der Echtheit gar keinen Zweifel darboten; es ist unbe- 
strittenes Gut. 

Meisierhafti ist diese Sache untersucht von Ritschl, Parerga p. 72 und besonders 
p. 121. Gell. 3, 3, 3: praeter ülaa unam et viginti, quae ,Varr(mianae' voeanturf quas 
idcirco a eeteris segregavit, quoniam dubiosae non erant, sed consensu omnium Plauti esse 
censebantiMTf quasdatn item alias probavit adductus filo atque facetia sennonis Hauto con- 
gruentis easqxie iam nominibus aliorum occupatas Plauto vindicavit, 

32. Die Stoffe in den plautinischen Eomödien. Wir zählen die 
Komödien auf in der Reihenfolge, in der sie uns die zweite Quelle der 
Überlieferung erhalten hat. 

1. Amphitruo. Der Inhalt dieser Komödie beruht auf Verwechs- 
lungen und zwar werden diese Verwechslungen durch göttliche Personen 
bewirkt. Juppiter gibt sich nämlich für den thebanischen Feldherrn Am- 
phitruo aus und nähert sich unter dieser Verhüllung dessen Gattin Alkmene, 
Mercur aber nimmt die Gestalt des Dieners des Amphitruo, des Sosia, an. 
Die Situationen, die sich daraus entwickeln, sind ungemein amüsant. Der 
Prolog nennt v. 59 das Stück eine Tragicomoedia. In der That ist es eine 
Parodie des Mythos von Juppiter und Alkmene, indem das Göttliche in 
niedrige Situationen gebracht ist. Das Original rührt wahrscheinlich von 
einem Dichter der mittleren Komödie her.') 

Durch den Verlust einer Blätterlage sind im 4. Akt nahezu 300 Verse verloren ge- 
gangen, welche den Schluss der 2. Scene, 2 ganze Scenen und den Anfang der 3. ent- 
hielten. Wir sind hier nur auf die von Grammatikern zitierten Verse angewiesen. Den 
Inhalt und den Aufbau des Verlorenen suchen zu bestimmen ausser Ussino (p. 330) und Gobtz- 
T^BWB (p. 114), E. Hoffmann, De Plautvnae Ämphitruonis exemplari et fragmentis, Breslau 
1848; ScHROEDBR, De fragmentis Ämphitruonis, Strassburg 1879; Brandt, Rh. Mus. 34, 575. 

Den Stoff des Amphitruo behandelt in elegischem Masse die mittelalterliche Dich- 
tung des Vitalis. Moderne Bearbeiter des Amphitruo sind MoLi:kBB (1668) und H. von 
Klbist (1807). 

2. Asinaria (Eselskomödie). Das Stück, das nach dem 'Ovayog des 
Demophilus bearbeitet ist, hat seinen Namen von der für verkaufte Esel 
an den Hausverwalter abzuliefernden Geldsumme, welche von einem Sklaven 
unterschlagen wird, um dem jungen Herrn sein Liebchen zu sichern. Da 
auch der Vater an diesem Liebchen seinen Anteil haben möchte, hilft er 
zur Erschwindelung der Summe getreulich mit. Doch die Strafe folgt, er 
wird von seiner Frau über seiner Nichtswürdigkeit ertappt. Das Stück 
hat viel Possenhaftes. 

Prolog. 13 inest lepos luditsque in hac comoedia. Ridicula res est. Ribbeck ur- 
teilt Ober dieses Stück (Rh. Mus. 37, 54): «Der Verfasser scheint sich im Qrossen und 
Ganzen an sein griechisches Original gehalten zu haben, einer etwas ausgelassenen, bis- . 
weilen (III 2) ins Kindische übergehenden Posse mit anmutig sentimentalen Intermezzi, 
aber widerwärtig senilem Hautgout. Von Kontamination keine Spur. Aber besonders die 
beiden Sklavenrollen sind beträchtlich romanisiert.** Weiterhin erkennt Ribbeck Spuren der 
Überarbeitung für eine wiederholte Aufftihrung und statuiert nach dem Vorgang A. Spenoels, 
Die Akteneinteilung bei Plautus p. 47 wegen Vs. 580—584 eine grössere Lücke nach Vs. 495 ; 
ferner eine solche nach Vs. 809 zur Ausfüllung der dort vorhandenen Pause, die Verse 829, 
830 seien die Reste der ausgefallenen Scene. Gegen die Annahme einer doppelten Recen- 
sion des Ausgangs I 1 von Goetz-Loewe, praef. p. XXII vgl. Rauterberg, qnaest. Plautin. 
Wilhelmshaven 1883 p. 2. Weitgehende Hypothese über Lückenhaftigkeit bei H. Schenkel, 
Zeitschr. f. österr. Gymn. 33, 42. 

') Bebgk, Griech. Literaturgesch. 4, 123 Anm. 8. 



36 EOmische Litieraturgeschichte. I. Die Zeit der Eepnblik. 2. Periode. 

3. Aulularia (Die Topfkomödie). Diese Komödie ist ein Charakter- 
stück von grosser Schönheit, sie schildert uns einen Geizhals, von dessen 
Goldtopf sie den Namen hat. Die Verwicklungen knüpfen sich einmal an 
den Goldtopf, welchen der Geizhals in grösster Angst hütet und versteckt 
und trotzdem nicht vor Entdeckung und Diebstahl schützen kann, dann 
an des Geizhalsen Tochter, welcher der junge Lyconides Gewalt angethan 
hatte, und die dessen Onkel Megadorus in Unkenntnis der Sachlage zur 
Frau nehmen will. Der Schluss des Stückes ist verloren gegangen, allein 
über den Ausgang der Handlung kann kein Zweifel aufkommen. Lyconides 
erhält des Geizhalsen Tochter zur Frau, der Geizhals dagegen wieder seinen 
Goldtopf, den der Sklave des Lyconides gestohlen hatte; allein da in einem 
Fragment der Geizhals sagt, dass er jetzt ruhig schlafe, während ihn früher 
die Unruhe verzehrte, so wird er den Goldtopf seinem Schwiegersohn als 
Mitgift überlassen haben. Die Schilderungen sind ausserordentlich spannend, 
da der Geizige überall Verrat wittert; besonders ergötzlich ist die Szene, 
wo er, als er seinen Schatz verbergen will, einen Sklaven entdeckt. 

Welcher Dichter das Original geliefert, lässt sich nicht sicher nachweisen.'^ Am 
wahrscheinlichsten ist noch Menander, vgl. Fbavcken, Verslagen en Mededeelingen Deel. XI 
Amsterdam 1882. Ein Prohlem, das die Auffassung der Komposition beeinflusst, ist die 
Erscheinung, tdass der Sklave Strobilus zugleich Sklave des Lyconides und seines Onkels 
Megadorus ist. Goetz, Yorr. zur Ausg. p. VIII erklärt dieselbe durch die Annahme einer 
Überarbeitung. Der Sklave des Megadorus habe bei Plautus den Namen Pythodicus geführt 
und dieser Name habe sich II 7 durch Zufall in die Überarbeitung hinübergerettet. Einen 
andern Weg der Lösung schlfigt Dziatzko, Rh. Mus. 37, 266 ein. Er glaubt, Plautus habe 
bei seiner Bearbeitung des griechischen Stücks den Hausstand des Megadorus und seiner 
Schwester Eunomia bzw. des Lyconides miteinander verbunden, so dass er letztere im Hause 
des ersteren, bzw. in einer Abteilung wohnen Hess, habe aber diese Änderung des Originals 
nicht konsequent überall beachtet und sei in Widersprüche gefallen. Der Sklaven seien 
aber bei Plautus zwei gewesen, und zwar habe der des Megadorus wahrscheinlich im Ori- 
ginal wie bei Plautus Pythodicus geheissen, der des Lyconides Strobilus. Erst eine spätere 
Überarbeitung habe, Plautus in verwirrender Weise überbietend, den Sklaven Strobilus zum 
gemeinschaftlichen gemacht. 

Auf freier Nachahmung der Aulularia beruht der Querolus, etwa aus dem IV./V. Jahrb. 
Bekannt ist, dass die Aulularia auch für Moli^b*s TAvare (1668) Vorbild war. 

4. Captivi (Die Gefangenen). Dieses Stück, das nicht durch 
strenge Einheit der Zeit zusammengehalten wird, steht unter den plautini- 
schen Stücken einzig da; es enthält keine Frauenrolle, keinen Kuppler, 
keine Liebesintrigue. Nur der Rollentausch und die Figur des Parasiten 
erinnern an die Komödie. Es ist ein Rührstück. Ein Ätoler hatte zwei 
Söhne verloren, der eine war im Alter von vier Jahren von einem Sklaven 
verkauft worden, der andere war in Kriegsgefangenschaft nach Elis ge- 
kommen. Um den kriegsgefangenen Sohn auslösen zu können, hatte der 
Vater elische Gefangene angekauft. Zwei derselben, Herr (Philocrates) 
und Sklave (Tyndarus) werden nun der Mittelpunkt der Handlung. Es 
findet ein Rollentausch statt, der Herr gibt sich für den Sklaven, der 
Sklave für den Herrn aus. Der vermeintliche Sklave wird von dem Ätoler 
nach Elis geschickt, um die Auslösung des Sohnes zu bewirken. Nach der 
Abreise wird der Rollentausch entdeckt und der treue, aufopfernde Tyn- 
darus hart bestraft. Da kommt Philocrates mit dem gefangenen Sohn des 
Atolers aus Elis — und weiter ergibt sich, dass Tyndarus der zweite im 
vierten Lebensjahr geraubte Sohn des Ätolers ist. 



i 



T. Maooms Flaatas. 37 

Bekannt ist das günstige Urteil Lessings Ober dieses Stück: „Die Gefangenen sind 
as schönste Stück, das jemals auf die Bühne gekommen ist und zwar aus keiner anderen 
rsache als weil es der Absicht der Lustspiele am nächsten kommt und auch mit den 
brigen zufälligen Schönheiten reichlich versehen ist/ Einige Widersprüche hebt Langen, 
laut. Stud. 116 hervor. 

5. Curculio. So heisst der Parasit, in dessen Händen die Intriguo 
88 Stückes ruht. Durch dieselbe (vermittelst eines Ringes) gelingt es, 
as für ein Mädclien von einem Soldaten hinterlegte Geld zu erhalten und 
amit vom Leno das Mädchen. Das Erscheinen des Soldaten bringt die 
'erwicklung. Sie löst sich dadurch, dass das Mädchen als Schwester des 
oldaten erkannt und seinem Liebhaber verlobt wird. Wir haben ein 
chwaches Intriguenstück mit Erkenntnisszene; doch finden sich hübsche 
Einzelheiten. Merkwürdig ist eine Art Parabase im Anfang des IV. Aktes, 
w der Garderobenmeister darlegt, wo die verschiedenen Menschenklassen 
n Rom aufzufinden; dieselbe enthält aber sicher unplautinische Bestandteile. 

Über die Zeit des Originals (nach 308) vgl. Wilamowitz, Philol. Unters. 9, 37. Das 
)riginal hat wahrscheinlich Kürzungen erfahren. Vgl. Ribbbok, Ber. über die Verh. der 
ächs. Ges. der Wissensch. 31 (1879) p. 80—103. 

6. Casina. Das Stück hat seinen Namen von der Casina, um die 
lieh die Handlung des Stückes dreht. Nach ihr ist Vater und Sohn lüstern. 
Jeide schieben aber ihre Diener vor, für die Casina als Frau erkoren 
Verden soll, der Vater seinen Hausverwalter, der Sohn seinen Waffenträger. 
3a keiner der beiden Diener von Casina ablassen will, wird das Los ge- 
vorfen. Davon führt das griechische Original, die Kh]Qovf.i€voi des Diphilos, 
leinen Namen; auch für die lateinische Bearbeitung findet sich der Titel 
.Sortientes". Das Los entscheidet für den Hausverwalter und damit für 
len Vater. Beide finden aber als Braut den verkleideten Waffenträger, 
ler ihnen übel mitspielt. In einem kurzen Epilog wird auf die weitere 
Entwicklung der Handlung als im Hause vor sich gehend hingewiesen; 
"asina wird nämlich als Tochter des Nachbars erkannt, sie wird jetzt die 
•'rau des jungen Herrn. 

Teuffel vermutet, dass bei einer späteren Aufführung des Stücks der Schluss de« 
)rigina]s weggelassen wurde, während der Prologschreiber das vollständige Stück noch 
annte uud zur Erläuterung des abgekürzten benützte (Stud. u. Charakt. p. 259). Machia- 
ELLi's CHzia hat zur Quelle die Casina. 

7. Cistellaria (Die Kästchenkomödie). Alcesimarchus liebt 
eidenschaftlich die Selenium; allein sein Vater hatte für ihn die Tochter 
)emiphos bestimmt. Ein Kästchen mit Erkennungszeichen {crepundia) 
►ringt die Entdeckung, dass Selenium auch eine Tochter Demiphos von 
einer jetzigen zweiten Frau ist, der er in seiner Jugend Gewalt angethan 
Latte. Der naturgemässe Ausgang, dass Alcesimarchus nun doch der 
Ichwiegersohn Demiphos wird, kommt nicht mehr zur Darstellung, es wird 
a dem Schlusswort nur gesagt, dass das Weitere im Innern des Hauses 
ich abspielen werde. Das Stück ist im Grunde genommen keine Komödie, 
ondern ein Rührstück. Da eine Stelle (87) eine Übersetzung eines Frag- 
rients Menanders ist (558 Kock), so werden wir als Original ein Stück 
fenanders anzusehen haben. 

Das Stück hat in der einen Quelle der Überlieferung nach Vs. 215 einen grossen 
lusfall erlitten; derselbe kann wegen Schwierigkeit der Lesung nur sehr unvollkommen 
urch den Ambrosianischen Palimpsest ersetzt werden. Hiezu kommen einzelne Zitate, 



f 



38 ROmiBche Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

vgl. Studemund, Ind. scliol, Grifphisw. 1871/72 p. 8. Fbstus zitiert p. 301, p. 352 den Vs. 3.^ 
unter dem Namen Syrus. Man hat angenommen, dass der Sklave Syrus in der aosgefalleDen 
Partie eine Rolle gespielt und dass nach ihm auch das Stück (von Gelehrten) benannt 
wurde (Ritschl, Parerga p. 164). Andere nehmen dagegen ein eigenes Stück Syrus ao, 
in dem der Vers der Cistellaria wiederholt wurde (VVinteb, Plaut, fragm. p. 6). 

8. Epidicus. Für Stratippocles, der in den Krieg gegen die The- 
baner gezogen war, hatte der Sklave Epidicus eine Saitenspielerin vom 
Kuppler gekauft. Um das hiezu nötige Geld zu erhalten, hatte er dem 
Vater des Stratippocles Periphanes vorgeschwindelt, die Saitenspielerin sei 
dessen natürliche Tochter. Mittlerweile war Stratippocles heimgekehrt; er 
hatte sich eine Gefangene aus der thebanischen Beute gekauft. Auch für 
dieses zweite Liebchen sollte von Epidicus das Kaufgeld beschafft werden. 
Zufällig erfuhr der Sklave, dass Periphanes von dem Liebesverhältnis sein© 
Sohnes zur Saitenspielerin Kunde erhalten und darüber betrübt sei. Dies 
benutzend redet Epidicus dem alten Herrn ein, man müsse diese Saiten- 
spielerin schnell selbst kaufen, um sie dann beiseite zu schaffen und dem 
Sohne zu entziehen. Auch diese List glückt, eine bereits seit längerer 
Zeit frei gewordene Saitenspielerin wird gemietet und ins Haus des Peri- 
phanes gebracht; der Sklave hat wiederum das nötige Geld. Allein nun 
kommen die schlimmen Streiche an den Tag. Es stellt sich heraus, dass 
die zweite Saitenspielerin nicht die Geliebte des Stratippocles und die erste 
nicht die natürliche Tochter des Periphanes ist. Ein Zufall hilft Epidicus 
aus der Klemme. Das aus der Beute angekaufte Mädchen war die wirk- 
liche natürliche Tochter des Periphanes. Stratippocles hatte also statt 
einer Geliebten eine Stiefschwester erhalten. Die Intrigue des Stücks ist, 
wie man sieht, ziemlich verwickelt. 

So spannend und lehhaft die Handlung durchgeführt ist, so finden sich doch im ein- 
zelnen vielfach Widersprüche, auf die hingewiesen haben Scaliobr, vgl. die Ausgabe des 
Epidicus von Götz p. XXI Anm., Laoewio, Z. f. A. 1841 p. 1086, Lanorbhb, Miscell. philoL, 
Göttingen 187G p. 12, Fbancken, Mnemos. 1879 p. 185, Reinhardt, Fleckeis. J. 111, 194, 
Götz, Ausg. p. XaT. Man hat daher Umarbeitung (retractatio) oder Kontamination des Stücks 
angenommen. Dagegen sucht Schbedingbr, obs. in PL Epidicum^ Münnerst. Progr. 1884, 
nach dem Vorgang R. Müller's, De Plauti Epidico, Bonn 1855 (p. 13), zu zeigen, dass 
weder cantaminaiio (p. 20) noch retractatio (p. 49) stattgefunden habe, wogegen Langbebr 
in seinen Plautina (Programm von Friedland 1886) seine Ansicht Über Kontamination des 
Stücks im wesentlichen aufrecht hält (p. 17). Über das Stück und einen schlechten Schaa- 
spieler in demselben spricht Plautus Bacch. 214. 

9. Bacchides. Zwei Hetären, Schwestern des Namens Bacchis, 
geben dem Stück den Namen, dessen Anfang verloren gegangen ist. Das 
Original war wohl das Stück Menanders mit dem Titel Jlg i^anardür. Den 
zwei Hetären stellt der Dichter zwei junge mit einander befreundete Leute 
als Liebhaber gegenüber. Das eine Verhältnis entwickelt sich vor unseren 
Augen, wir sehen, wie ein braver Jüngling ins Garn der Liebe gezogen 
wird. Dies gibt dem Dichter zugleich Gelegenheit, eine köstliche Neben- 
figur einzuführen, den über den Fall seines Zöglings jammernden Päda- 
gogen. Das andere Verhältnis dauert schon geraume Zeit; die Bacchis, 
die der junge Mnesilochus liebt, befindet sich in den Händen eines Soldaten. 
Um sie zu befreien, bedarf es einer beträchtlichen Geldsumme. Diese wird 
von der Hauptperson des Stücks, dem Sklaven Chrysalus, erschwindelt. 
Allein durch ein Missverständniss gibt Mnesilochus das Errungene wieder 
preis. Es muss daher zum zweitenmale und zwar unter weit schwieri- 



T. Maocms Plantas. 39 

geren Verhältnissen der Betrug durchgeführt werden. Chrysalus ist aber 
seiner Sache so sicher, dass er den Alten sogar durch einen Brief vor 
seinen Schlichen warnen lässt. Wiederum ist Chrysalus siegreich, ja er 
schlägt eine noch grössere Summe heraus als das erste Mal. Endlich 
kommen die Gaunereien heraus; die Väter der* beiden jungen Freunde 
i^ollen ihre Söhne von den Hetären holen — und sie werden selbst 
das Opfer derselben. Ein heiteres, anmutiges Stück, in dem vorzüg- 
lich die Siegesgewissheit des Chrysalus unser volles Interesse in An- 
spruch nimmt. 

Ober den verlorenen Eingang hat mit Benützung der von Gramraatikera mitgeteilten 
Stellen in einer bahnbrechenden Abhandlung Ritschl gehandelt (Opusc. 2, 292), die in einem 
wesentlichen Punkt Ussino (Ausgabe p. 372) berichtigt hat Vgl. auch Lbo zum Eingang 
des Stücks. Einen neuen Versuch, den Inhalt der verlorenen Szenen zu bestimmen, machen 
Tastara, De Plauti Bdcchidibtts, Pisa 1885 (vgl. Bubsians, Jahresber. 47. Bd. II. Abtlg. 
p. 79), RiBBBCK, Rh. Mus. 42, 111. Eine kurze Disposition gibt Götz in seiner Ausgabe p. 8. 
Auch bei diesem StQck wurde Umarbeitung in einem Umfang angenommen, der ganz un- 
zolässlich erscheint, von Brachmann, De Bacchidum Plautinae retractatione scenica capüa V 
in den Leipz. Stud. 3, 59 und von Anspach, De Bacchidum retractatione scenica, Bonn 1882. 
Gegen dieselbe richtet sich Weise, De Bacchidum Plautinae retractatione quae fertur, 
Berlin 1883. 

10. Mostellaria (Gespensterkomödie). In dieser Komödie handelt 
es sich zuerst darum, einem Alten, der von der Fremde heimkehrt, den 
Zutritt zum Hause, in dem sich* gerade der Sohn mit einem bereits be- 
trunkenen Freunde beim Gelage befindet, zu verwehren. Der listige Sklave 
bewirkt dies durch die Lüge, das Haus sei verlassen worden, da sich in 
demselben ein Gespenst gezeigt habe. Die Ankunft eines Wechslers, der 
sein Geld haben will, bringt eine neue Verwicklung. Der Sklave lügt 
dem Alten vor, der Sohn hätte für das geliehene Geld das Nachbarhaus 
gekauft. Der Vater will das Haus besichtigen. Auch dieser Schwierigkeit 
wird der Sklave Herr. Endlich reisst das Lügengewebe. Der Sklave 
schützt sich durch die Flucht auf einen Altar. Der Vater wird versöhnt, 
nachdem der Freund seines Sohnes für ihn gesprochen und, was am wirk- 
samsten war, die Bezahlung der Schulden in Aussicht gestellt. Wie in 
den Bacchides der Sklave Chrysalus, so ist hier der Sklave Tranio die 
Glanzfigur des Stückes. 

Als Original des Stücks wird mit grosser Wahrscheinlichkeit das 4'aafia des Philemon 
hingestellt. Ja nach der sinnreichen Verbesserung Leo 's (Hermes 18, 560), hat Philemon 
sich sogar scherzweise selbst genannt 1135: si amicus Deiphüo aut Philemoni es, dicito 
eis quo pacto tuos te servos ludificaverit vgl. Ritschl, Parerga p. 159. Unsere Komödie wird 
daher auch 4»dafjia zitiert Festüs, p. 162 und p. 305. Die Mostellaria Hegt der ausgezeich- 
neten Komödie des dänischen Dichters Holbero: ,iDv^ Uausgespenst oder Abracadabra* zu 
grund, vgl. Lobbmz, Ausg. p. 56. Die Namen der zwei Sklaven Tranio und Grumio sind be- 
kanntlich in Shake8Pkare*8: «Der Widerspenstigen Zähmung*^ übergegangen. 

11. Menaechmi. Die Zwillingsbrüder Menaechmus und Sosikles 
werden durch ein widriges Schicksal von einander getrennt, der eine lebt 
in Epidamnus, der andere, Sosicles, in Syrakus. Um seinen Bruder zu 
suchen, durchzieht der Syrakusaner die ganze Welt. Er kam auch nach 
Epidamnus. Da der Syrakusaner dem Epidamnier in allem Äusserlichen 
vollständig gleich ist und seit dem Verschwinden seines Bruders auch noch 
den Namen Menaechmus führt, so entsteht eine Reihe der ergötzlichsten 
Verwicklungen. 

Über das Original ist eine sichere Angabe nicht möglich, da der Stoff in der grie- 



40 Römische Litteratnrgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

chiscben Komödie unter dem Namen Jldvfioi oder Jldvfiiu vielfach behandelt wurde. Sekr 
ausgedehnte Überarbeitung des Stücks behauptet mit Bücheler, Rh. Mus. 35, 481 Sohses- 
BURG, De Menaechmis Plautina retractata, Bonn 1882 (p. 44) ^»mtsere ab retrtictatoribus tw- 
batam et laceratam nos habere fabviam^*, besonders gelte dies von IV 2. Gegen eine solche 
erklären sich mit Recht Vahlbn, Ausg. p. IV und Ribbeck (Rh. Mus. 37, 531), der aber zugibt 
dass auch dieses Stück mit nachplautinischen Zuthaten versetzt ist. £ine solche Vs. 1099—1110 
umfassend, wies nach Götz, Rh. Mus. 35, 481. In der modernen Litteratur wirkt unser 
Stück nach z. B. in der Komödie der Irrungen von Shakespeare, der aber durch Einf&b- 
rung eines zweiten Zwillingspaares (nach Amphitruo) die Verwirrung noch gesteigert hat. 

12. Miles gloriosus (Der bramarbasierende Soldat). Die 
Haupthandlung des Stücks ist, einem prahlerischen und lüsternen Soldaten 
sein Liebchen, die Philocomasium, zu entreissen, welche der junge Pleu- 
sicles liebt. Dies bewirkt der intriguierende Sklave dadurch, dass dem 
Soldaten der Glaube beigebracht wird, der alte Nachbar habe eine junge 
schöne Frau, welche sterblich in ihn verliebt sei. Der Soldat lässt sich 
auf die Sache ein. Ja um mit dieser Nachbarsfrau ungestört zusammen- 
leben zu können, gibt er der Philocomasium den Laufpass. Diese zieht 
mit Pleusicles von dannen. Dem Soldaten wird aber übel mitgespielt; 
kaum hatte er sich ins Nachbarhaus begeben, um seiner neuen Liebe froh 
zu werden, da fällt man über ihn als Ehebrecher her und droht ihm mit 
dem Schlimmsten, was dem Mann widerfahren kann. Dieser Handlung 
geht eine ganz anders geartete voraus. • Um Pleusicles, der im Nachbar- 
hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen, Gelegenheit zu geben, mit der Philo- 
comasium ungestört zusammen zu kommen, wird die Wand zwischen der 
Wohnung des Soldaten und dem Nachbarhaus durchbrochen. Als nun der 
Wächter des Mädchens dasselbe einmal in den Armen eines anderen im 
Nachbarhause entdeckt hatte, wurde diesem Wächter ein reizendes Doppel- 
spiel vorgeführt, indem Philocomasium bald in dem einen, bald in dem 
dem andern Hause erscheint. Seine Ungläubigkeit wird durch die Finte 
beschwichtigt, es sei die ganz gleich aussehende Schwester der Philoco- 
masium angekommen und im Nachbarhause eingekehrt. 

Das Stück, das keine eigentlichen Cantica hat, ist überaus anmutig 
und unterhaltend. Bei dem frischen Zug, der durch das Ganze weht, lassen 
wir uns über manche Schwäche der Komposition gern hinwegtäuschen. 

Als Original des Stücks wird im Prolog vs. 86 ein ^AXatittip genannt; des Dichters 
Name wird verschwiegen. Aus unserer Inhaltsangabe geht hervor, dass wir eine Komödie 
in der Komödie haben; denn die Geschichte von der durchbrochenen Wand und das sich 
daran knüpfende Doppebpiel steht für sich da; der Dichter benutzt das Motiv nicht weiter, 
sondern bringt eine ganz anders aufgebaute Entführungsgeschichte. Es scheint also, dass 
zwei Argumente in unserer Komödie miteinander verwoben wurden. Die Frage entsteht, 
ob diese Zusammenarbeitnng dem griechischen oder dem lateinischen Dichter zuzuschreiben 
ist. Bei der zweiten Annahme hätte man sich zwei Originale folgenden Inhalts zu denken. 
Das eine, der 'JXa^cSy, gab eine EntfÜhruugsgeschichte, einem prahlerischen Soldaten wird 
sein Mädchen entrissen. Aber auch das andere Original lief auf eine Entführungsgeschichte 
hinaus, nur dass hier die Entführung vermittels der durchbrochenen Wand durchgeführt 
war. Dies beweisen Erzählungen, die wirklich diesen Schluss enthalten. Vgl. Zarncke, 
Parallelen zur Entführungsgeschichte im Miles gloriosus, Rh. Mus. 39, 22. Plautus würde 
also, um seinen Stoff so mannigfaltig als möglich zu gestalten, die Entführungsgeschichtc 
des ersten Originals durch eine anders geartete eines zweiten Originals ersetzt haben. Die 
grosse Länge des Stücks, manche Anstösse und Widersprüche in der Komposition würden 
sich daiaus erklären. Viel schwieriger gestaltet sich die Sache, wenn wir schon dem 
Alazondichter die Entwicklung der Handlung, wie sie bei Plautus gestaltet ist, zuweisen. 
Wir müssten uns dann die Sache nach Zarnckb p. 25 etwa so denken: Dem Alazondichter 
lag eine griechische Novelle vor, in der eine Entführungsgeschichte auf der durchbrochenen 
Wand basierte. Dieses Motiv der durchbrochenen Wand benützte der griechische Komödien- 



T. Maccins Plantas. 41 

dichter, führte aber noch den Prahlhans ein; um nicht zu ermüden, sab er im weiteren 
Verlauf des Stücks von jenem Motiv ab, nur am Schluss verwertete er jene Novelle wiederum 
für seine EntfÜhningsszene. Mir erscheint die zuerst vorgetragene Ansicht als die natür- 
lichere. Vgl. Lorenz in seiner Ausgabe p. 34, der für die episodische Charakterschilderung 
39b — 764 ein drittes Original annimmt. Ribbeck, Älazon mit Obersetzung des Müea glo- 
riosus p. 55—75 spricht sich ebenfalls dahin aus (p. 72j, dass mehrere getrennte Originale 
in eins verschmolzen sein mögen oder vielmehr Teile derselben. Oberarbeitung und Kon- 
t4in]ination sucht weitläufig nachzuweisen J. Schmidt, Fleckeis. J. IX. Supplementb. p. 323 
vgl. besonders p. 390 und p. 401. Bezüglich der Abfassungszeit erhalten wir einen Wink 
durch Vs. 211 : nam 08 columnatum poeicte esse indatidivi harbarOy quoi hini custodes semper 
totis horis occttbant, wo auf die Gefangenschaft des Dichters Naevius deutlich angespielt 
ist. Diese Anspielung führt auf die erste Zeit des dichterischen Schaffens unseres Dichters, 
auf das Jahr 206 oder nicht lange darnach. Vgl. West American J. of Philology 8, 17, 
der aber mit Unrecht in der militärisch gehaltenen Aufforderung 218 fg. eine Zeitanspielung 
ftus dem J. 205 sieht. Über die Figuren des Miles gloriosus und seines Parasiten bei 
älteren und neueren Dichtem vgl. Lorekz, Miles* p. 230—247. 

13. Mercator (Der Kaufmann). Auch in diesem Stück, dessen 
Original nach Angabe des Prologs der "Efinogog des Philemon ist, spielt 
das hässliche Motiv, dass sich Vater und Sohn um ein Liebchen streiten. 
Der junge Charinus hatte von seiner Handelsreise nach Rhodos eine schöne 
Hetäre mitgebracht. Als der Vater das Schiflf des Sohnes besichtigte und 
des schönen Mädchens ansichtig wurde, entbrannte er in Liebe für dasselbe. 
Es war sein fester Entschluss, dasselbe in seinen Besitz zu bringen. Er 
sehlägt daher dem Sohne, der die Hetäre als Dienstmädchen für die Mutter 
gekauft zu haben vorgibt, vor, man müsse, da eine solche Person für die 
Mutter nicht geeignet sei, dieselbe wiederum verkaufen. Nach einem er- 
götzlichen Gegenkampf des Charinus setzt der Vater seinen Willen unter 
Beihilfe seines Freundes, des Lysimachus, durch ; dieser kauft das Mädchen 
und bringt es in sein Haus. Eben war man daran, ein lustiges Mahl zu 
bereiten, als die Frau des Lysimachus unvermutet vom Land kommt und 
die Hetäre im Hause findet. Es entsteht eine peinliche Situation, welche 
der gedungene Koch noch verschärft. Zum Glück erscheint Eutychus, der 
Sohn des Lysimachus. Nachdem er lange vergeblich die verkaufte Hetäre 
seines Freundes, der aus Kummer über sein Liebesunglück in die Fremde 
ziehen will, gesucht, findet er sie im eigenen Haus. Er vermag daher seine 
Mutter vollständig zu beruhigen. Dem Vater des Charinus wird sein Un- 
recht vorgehalten; er tritt einen heuchlerischen Rückzug an. Das Stück 
ist im ganzen nur mittelmässig, sowohl in der Erfindung als in der Durch- 
führung. 

Spuren einer Umarbeitung findet an drei Stellen Ritschl, vgl. p. VI seiner Ausgabe, 
p. X Götz, welchen Gedanken Ribbeck aufgreift und weiter verfolgt, Emendationum Mer- 
catoris Plautinae spicüegium, Leipz. 1883, p. 4—14. Derselbe führt auch aus, dass eine 
wesentliche Abweichung vom Original nicht anzunehmen ist (p. 2—4). 

14. Pseudolus. Um diesen Sklaven, die Hauptperson des Stücks, 
konzentriert sich alles Interesse. Der Hauptreiz besteht darin, dass der 
Schalk ausdrücklich vor seinen Schlichen warnt und die Gewarnten trotz- 
dem übertölpelt. Das Argument ist die alte Liebesgeschichte. Calidorus 
liebt Phoenicium; aber der grausame Leno Ballio hatte dieselbe treuloser- 
weise um zwanzig Minen an einen Soldaten verkauft; fünfzehn Minen waren 
bereits bezahlt. Werden auch noch die schuldigen fünf Minen entrichtet, 
80 ist Phoenicium für Calidorus verloren. Der sicherste Weg scheint daher 
zu sein, die ganze Kaufsumme zusammenzubringen und dem Soldaten zuvor- 



42 Römische Litter atargeschichte. I. Die Zeit der Repablik. 2, Periode. 

zukommen. Der Zufall kommt Pseudolus zu Hilfe. Der Soldat schickt 
einen Boten mit den fünf Minen und mit Brief und Siegel. Diesen trifft 
glücklicherweise Pseudolus; das Geld vermag er dem Boten nicht zu 
entlocken, wohl aber Brief und Siegel — damit ist er Herr der Situation 
geworden. Es wird rasch ein Kerl als Bote des Soldaten ausstaffiert, mit 
Geld, Brief und Siegel versehen und zum Leno geschickt; er erhielt die Phoe- 
nicium. Schon frohlockt der gewarnte Ballio darüber, dass er nun jeder 
Gefahr seitens des Pseudolus überhoben sei, als der echte Bote erscheint. 
Sein Unglück ist jetzt da; er verliert die Phoenicium, muss die erhaltenen 
zwanzig Minen zurückzahlen, ja noch dieselbe Kaufsumme an den Vater des 
Calidorus Simo infolge der Wette, dass Pseudolus ihm nicht die Phoenicium 
entlocken werde, entrichten. Aber diese Summe geht dem Simo wieder 
verloren; denn auch er hatte eine Wette von zwanzig Minen mit Pseudolus 
eingegangen, dass diesem die Entführung der Phoenicium nicht glücken 
werde. Die Zeichnung des Pseudolus ist eine ganz vortreffliche. Wir 
staunen über sein unerschütterliches Selbstvertrauen und über seine Genia- 
lität, mit der er alles wie spielend abwickelt. Auch Ballio ist, wenngleich 
mit etwas starken Farben, gut charakterisiert. Über das ganze Stück ist 
Frische und Heiterkeit ausgegossen. 

Zwei* Episoden bilden III, 1 (767) u. HI, 2 (790), über welche Saüppb bemerkt {quaest. 
PlaiUin. p. 8): et similis huitis puer et coquus in alia fabula, an dicam in pluribuSf plebe- 
culae ita placuerant, ut poeta personas spectatoribus gratissimas etiam huic fabulae risus 
captandi causa praeter necessitatem adderet. Über eine vom römischen Dichter herrüh- 
rende Zeitanspielung (296—298) vgl. Kibssling, Rh. Mos. 23, 416. Von den neueren bat 
das Stück direkt nachgeahmt Holbero in seinem „Diderich Menschenschreck **. Vgl. Lobenz, 
Ausg. p. 30. 

15. Poenulus (Der Punier). Von zwei in den Händen eines Hui-en- 
wirts zu Kalydon in Ätolien befindlichen karthagischen Mädchen liebt eines 
ein Jüngling, der ebenfalls aus Karthago stammte, später als Freigelassener 
in sehr guten Verhältnissen lebte. Da der Hurenwirt nicht willfahrig ist, 
wird von dem Sklaven des Jünglings ein Schabernack inszeniert, der den 
Hurenwirt vor Gericht und in grosse Verlegenheit bringen soll. Allein 
die gerichtliche Verhandlung wird unterlassen, der junge Mann kommt auf 
diesem Weg nicht zum Besitz seiner Geliebten. Hiezu verhilft ihm eine 
Erkennungsgeschichte. Es kommt der Karthager Hanno, der seine ihm 
einst geraubten Töchter sucht; er trifft den Jüngling und entdeckt, dass 
er sein Verwandter ist; in den zwei karthagischen Mädchen erkennt er 
seine Töchter. Den Schaden im Stück trägt der Huren wirt; der Jüngling, 
der Karthager, ja endlich noch eine Nebenfigur, ein Soldat, stürmen auf 
ihn ein. Der Poenulus ist zwar reich an schönen komischen Einzelnheiten, 
allein die Komposition ist sehr mangelhaft. Es scheint, dass zwei argu- 
menta verschmolzen wurden. Auch Spuren einer zweiten Rezension trägt 
das Stück an sich, so hat es einen doppelten Schluss. Berühmt ist in 
dem Stück das eingestreute Punische. Als Original lag ein KaQxrj^oviog 
vor. Der römische Dichter nannte sein Stück Poenulus, bei einer späteren 
Aufführung kam wahrscheinlich der Titel Patruus pultiphagonides ') auf. 

Die Zusammenarbeitung aus zwei Stücken begründet eingehend Francken, De Poentdi 
*) oder vielleicht Patruus allein. Fbanoken, Mnem.^ 4, 164. 



T. Maccins Plaatos. 43 

üomposüione, Mnein.' 4, 168, dem mit einif^en ModifikatioDen Langrehr, De Plauti 
Poenulo, Friedi. 1883 p. 23 folgt. \gL auch Reinhardt in Studbmund's Stud. 1, 97. Da- 
gegen sucht Götz, De composüione PoentUi, 1883/84 p. 8, durch Vereetzung der Szenen 
LV 1 UDd 2 vor Sz. 11 die Schwierigkeiten zu beseitigen, gibt aber die Möglichkeit der Kon- 
tamination zu. Die Umstellung billigt Sbyffert, Burs. Jahresber. 47 Bd. II p. 115. Über 
len doppelten Ausgang handelt Hasper, De Poenuli duplici exitu, Fleckeis. J., Suppl. 8, 
279 — 305; die übrige Litteratur darüber ist zusammengestellt in der Ausgabe von Götz und 
L#5wE p. 170. Über retractatio und interpolatio Schürte, De Poentdo Plautina quaest. 
:rit , Bonn 1883. 

16. Persa (Der Perser). Der Liebende ist diesmal ein Sklave; er 
will sein Liebchen von einem Leno loskaufen, hat aber nicht das nötige 
Geld dazu. Dies verschafft ihm ein anderer Sklave durch Unterschlagung 
einer für den Einkauf von Ochsen bestimmten Summe. Nun soll aber 
dem Leno diese Loskaufsumme wieder entrissen werden. Dies geschieht 
dadurch, dass jener Kollege zum zweitenmale hilft; er verkleidet sich als 
Perser — daher der Name des Stücks — und verkauft die verkleidete 
Tochter des Parasiten als eine angeblich aus Arabien entführte Freie an 
den Leno. Da der Parasit gleich nach der Auszahlung der Kaufsumme 
seine Tochter als Freigeborne reklamiert, verliert der Leno Geld und Mäd- 
chen und wird noch schrecklich verhöhnt. Ein niedriges Stück mit dürrer 
Handlung und niedriger Komik, angemessen der niedrigen Gesellschaft, 
aus der sich die handelnden Personen zusammensetzen. Das Stück ist für 
ein rohes Publikum bestimmt. 

Kontamination nimmt an und begründet in ganz unzureichender Weise Jjsendijk, De 
T. Macci Plauti Persa, Utrecht 1884 p. 47—92, bes. p. 88. Verkürzung der Szene IV 9 
erscheint Ritscbl wahrscheinlich, Ausg. p. IX. Vgl. Götz, Ada soc. Lips. 6, 800. 

17. Rudens (Das Seil). Die Voraussetzung des Stücks ist ein See- 
sturm. Durch denselben werden zwei Mädchen, welche ein Kuppler nach 
Sizilien führen wollte, an die Küste von Cyrene verschlagen. Diese Reise 
des Kupplers schloss aber einen Vertragsbruch gegen Plesidippus in sich, 
welcher eines dieser Mädchen (Palaestra) liebte und um eine bestimmte 
Summe aus den Händen des Kupplers befreien wollte. Am Landungsort 
befand sich ein Tempel der Venus und die Wohnung des alten Daemones. 
Nach einiger Zeit kommt der ebenfalls ans Land verschlagene Kuppler 
und will die Mädchen, die sich ins Heiligtum der Venus geflüchtet hatten, 
mit Gewalt fortreissen. Dem widersetzt sich Daemones. Plesidippus wii-d 
geholt, der Kuppler kommt vor Gericht. Inzwischen wird von einem 
Sklaven des Daemones, Gripus, ein Koffer aus dem Meer ans Land gezogen. 
Derselbe enthält crepundia, aus denen sich ergibt, dass die Geliebte des 
Plesidippus die Tochter des Daemones ist. Der avayvoyQiaig folgt die Ver- 
lobung mit Plesidippus. Den Schaden hat wiederum der Kuppler. Das 
Stück, dessen Original eine Komödie des Diphilos war, lässt die heitere 
Komik vermissen, es ist mehr ein Schauspiel, das aber schon durch die 
reiche Szenerie den Hörer einnehmen musste. Eine Merkwürdigkeit ist zu 
Anfang des zweiten Aktes der Chor, in dem die Fischer ihr ärmliches 
Dasein schildern. 

Den Titel des Originals überliefert der Prolog (vs. 32) nicht. F. Scholl vermutet 
als solchen Jli^Qa (Rh. Mus. 43, 298). Der lateinische Name rührt von dem Seile her, an 
dem Trachalio den Koffer festhält, so dass ihn Gripus nicht fortschaffen kann (Vs. 1015, 1031). 
Es stellt dies eine komische Scene dar. Den sonderbaren Titel wählte der Dichter wohl 
deshalb, weil er bereits eine Yidularia — dies wäre die passendste Bezeichnung gewesen — 



44 Römische Litieratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

geschrieben hatte. Bezüglich der Komposition bemerkt Fbancken, Mnemos.^ 3, 35: sceM 
illa^ in qua de possessione thesauri mventi aUercantur Trachaiio et Gripus^ nimia protrada 
est; colloquium Scepamionis et Ampeliscae (414—484) plane poterat abesse. Tum mdm 
fortasse exspectationi spectatorum consuluisset poeta, st vidtdo primum invento apparuisid 
Palaestram esse Äthenis natam (741), Die Schwächen des Stücks erörtert auch Lakgbbrb. 
Plautina, Fried!. 1888, wobei er p. 8 zu dem Ergebnis kommt: uni Plauto nimis festmanii 
et dummodo spectatorum delectationi serviat, argumentum levius persequetUi eius modi 
offensiones adscribamus necesse est, 

18. Stichus. Zwei Schwestern harren bereits seit drei Jahren ihrer 
Gatten, zweier Brüder, die in die Fremde gezogen waren, um ihre durch 
Leichtsinn zerrütteten Vermögensverhältnisse wiederherzustellen, aber bisher 
keine Nachricht von sich gegeben hatten. Der Vater redet seinen Töchtern 
zu, die Gatten fahren zu lassen. Allein die Töchter bewahren fest die 
eheliche Treue und sie werden für ihre Treue belohnt. Eben kommen die 
beiden Gatten mit Schätzen reich beladen zurück. Der Schwiegervater ist 
jetzt auch versöhnt. Es wird auf ein Mahl der Familienglieder hingewiesen, 
zur Darstellung aber kommt es im Stücke nicht. Dafür aber finden wir 
in der letzten Szene ein Gelage der Sklaven der beiden Familien, des 
Stichus, nach dem das Stück benannt ist, des Sagarinus und der gemein- 
schaftlichen Geliebten Stephanium. Aus der Inhaltsangabe ersieht man, 
dass keine Verwicklung vorliegt, und dass die letzte Szene in einem sehr 
losen Zusammenhang mit dem Vorausgehenden steht. Die Komik des 
Stücks liefert ein Parasit, ein elender Hungerleider. Einige Einzelheiten 
sind reizend, z. B. die Schilderung des Botens, der die Nachricht von der 
Ankunft der Herren überbringt; allerliebst ist femer, und für den Schau- 
spieler äusserst dankbar, der apohgus des Schwiegervaters (538); auch die 
Schlusszene hat viel Drolliges. Allein von einer künstlerischen Komposition 
unseres Stücks kann keine Rede sein. 

Als Original des Stücks waren in der Didaskalie die Adelphen Menanders ge- 
nannt. Da diese Komödie, soweit sie uns aus Terenz* Nachahmung bekannt ist, nicht mit 
dem im Stichus behandelten Argument übereinstimmt, so hat man eine Verderbnis der Di- 
daskalie gefolgert Vgl. Ritschl, Parerga p. 270; Stüdekund^ De actae Stichi tempore 
in Comment. Mommsen p. 801 {nee constat, utrum fabulae an poetae an adeo utriusqut 
nomen falsa in didascuiiam irrepserit). Diese bedenkliche Folgerung beseitigt F. Scholl, 
der gestützt auf ein Scholion zu Plato p. 276 Herrn, eine zweite Komödie Menanders, des 
Titeis Adelphoe gewinnt (Fleokeis. J. 1879 p. 44). Vgl. Dziatzko zu Terenz Ädelphoe 6, 1. 

Um die merkwürdige Beschaffenheit des Stichus zu erklären, hat man zwei Wege 
eingeschlagen; man nimmt Kontamination an, wie solche Wintek^ Plauti fragm. p. 82—86 
ausführlicher begründet hat. Nach ihm ist der jetzige Stichus sehr bald aus zwei planti- 
nischen Komödien zusammengesetzt worden, aus einer Nervolaria am Anfang und aus 
einem Stichus am Ende. Als Stütze für diese Hypothese dient Festus, bei dem zwei in 
unserm Stichus stehenden Verse (352 u. 91) der Nervolaria zugeschrieben werden. Andere 
Gelehrte statuieren dagegen mit Recht Verkürzung eines Originals und zwar werden wir 
diese abbreviierende Thätigkeit gleich dem Dichter selbst, dem es nur um Aneinanderrei- 
hung einiger wirksamen Scenen zu thun war, nicht erst einem Diaskeuasten beilegen. Vgl. 
Götz, Acta soc. Lips. 6, 302. 

19. Trinummus ist dem Schatz Philemons nachgebildet. Das plau- 
tinische Stück hat seinen Namen von dem Dreier, den der Sykophant für 
seine Dienste erhielt.') Ein junger Mann mit Namen Lesbonicus war in 
der Abwesenheit seines Vaters Charmides sehr verschwenderisch gewesen, 
so dass er zuletzt gezwungen war, sein Haus zu verkaufen. In diesem 

') Vs. 841 knie ego die nomen Tri- bus nummis hodie locavi ad artis nuga^ 
nummo facio : nam ego operam meam \ tri' torias. 



T. Maccitts Plantns. 45 

Haus aber war ein Schatz verborgen. Dies wusste Callicles, dem Cliar- 
xnides für die Dauer seiner Abwesenheit den Lesbonicus anvertraut hatte. 
XJm diesen Schatz zu retten, hatte Callicles das Haus selbst gekauft. Nun 
trifft es sich, dass um Lesbonicus' Schwester ein treflFlich gearteter Jüngling 
aus guter Familie wirbt. Um die nötige Mitgift zu beschaffen, zugleich 
aber Lesbonicus in Unkenntnis des Schatzes zu erhalten, wird von Callicles 
ein Sykophant gedungen, der angeblich die Mitgift von dem in der Fremde 
-weilenden Vater überbringt. Allein der Sykophant trifft mit dem inzwischen 
zurückgekehrten Charmides zusammen. Dies führt zu einer heiteren Szene. 
Der Schluss ist, dass der junge Taugenichts unter der Bedingung Ver- 
zeihung erhält, dass er die Tochter des Callicles zur Frau nimmt. Das 
an moralischen Ergüssen reiche Stück verläuft im ganzen sehr ruhig und 
ist mehr ein Familiendrama als eine Komödie. Bemerkenswert ist, dass 
keine weibliche Rolle in demselben erscheint. 

Für die Abfassungszeit gewinnt Ritschl in der Erwähnung der neuen Ädilen Ys. 990 
einen Anhaltspunkt (Parerga p. 389). Vom Amtsantritt der Magistrate im März ausgehend 
Bcbliesst er, von neuen Ädilen könne nur bei den im Apnl stattfindenden Megalesia 
gesprochen werden, sonach müsse das Stück nach 194 fallen, da erst in diesem Jahr diese 
Spiele szenisch wurden. Das LBssiKo'sche Stück «der Schats* (1750) ist eine vortreiflichc 
Bearbeitung der plautinischen Komödie; vgl. Seldneb, Lessings Verhältnis zu altr. Korn. 
Mannh. 1881 p. 28. Über andere moderne Bearbeitungen vgl. Lessino, Hamb. Dramaturgie 
9. Stück (7, 56 Göschen). 

20. Truculentus (Der Polterer). Eine Hetäre hat drei Liebhaber 
und beutet alle drei in schändlicher Habsucht aus. Die einzige schwache 
Verwicklung des Stücks besteht darin, dass die Hetäre, um einen der drei 
Liebhaber, einen Soldaten, gehörig auszunützen, vorgibt, sie habe ihm einen 
Sohn geboren. Zu diesem Zweck wurde ein fremdes Kind unterschoben. 
Es stellte sich aber bald heraus, dass dieses Kind einer Freigeborenen zum 
Vater den zweiten der drei Liebhaber hat. Damit ist dieser für die Hetäre 
verloren, denn er muss das verführte Mädchen heiraten. In dem Stück 
kommt ein Sklave vor, der sehr grob, truculentus, und dem Hetärenvolk 
feindselig ist; dieser Sklave gibt dem Stück seinen Namen. Merkwürdig 
ist aber, dass dieser Sklave plötzlich ein ganz anderer wird. Von allen 
plautinischen Stücken ist nach meiner Ansicht der Truculentus das un- 
erfreulichste; denn der Stoflf ist ein sehr abstossender und gemeiner, und 
wir werden nicht durch wahrhaft heitere Szenen entschädigt. 

Diesem traurigen Eindruck gegenüber, den das Stück macht, muss man sich wun- 
dem, wenn uns Cicero erzählt, dass Plautus am Truculentus als einem Werk seines Alters 
besondere Freude gehabt habe. Cato m. 14, 50 quam gaudebat hello 8uo Punico Naevius ! 
quam Truculento Plautus! quam Pseudolo! Obwohl die Überlieferung des Stückes die 
denkbar schlechteste ist, so lassen sich doch die Gebrechen derselben unmöglich aus ihr 
erklären, es irrt daher Spbngel, wenn er in seiner Ausgabe p. V schreibt : tertii actus qui 
integer non est sunt scaenae III i, et III 2, quartus totus intercidit (nisi quod III 1 et 
III 2 etiam quarti actus et tertius totus intercidisse potest), £s liegt allem Anschein 
nach eine Verkürzung des Originals vor. Ribbeck bemerkt hier passend (Hb. Mus. 37, 422) : 
ySchon der Titel Truculentus lässt vermuten, dass dieser Rolle m dem unverkürzten Stück 
ein weiterer Spielraum als in den zwei einzigen uns erhaltenen Scenen eingeräumt gewesen 
sein muss, namentlich kann in der zweiten (III 2) die Umwandlung des Charakters kaum 
so unmotiviert eingetreten sein, wie sie Donat bereits vorfand." Welches Original vorlag, 
wissen wir nicht; denn Schölls Ansicht, dass dieses der Sikyonios des Menander sei, hat 
Ribbeck, Alazon p. 79 widerlegt. 



*) Er motiviert es damit v. 672 postquam in urhem crebro commeo. 



46 Römische LiiteifatargeBcliiohie. t. Die 2eit der ftepnblik. 2. Periode. 



21. Vidularia (Das Kofferstück). Von diesem Stück haben wir 
ausser den Grammatikerzitaten noch grössere Bruchstücke im ambrosiani- 
schen Palimpsest. Die Handlung ist der im Rudens dargestellten ausser- 
ordentlich ähnlich. Der junge Nicodemus hatte sich aus einem Schiffbruch 
gerettet, aber dabei seinen Koffer {vidulus) verloren, der den Ring, welcher 
das Erkennungszeichen seiner Abkunft war, enthielt. Später, findet ein 
Fischer — die Handlung spielt am Meere — den Koffer des Nicodemus. 
Der Ring verhilft dem Nicodemus zu seinem Vater, bei dem er, ohne es 
zu wissen, nach dem Schiffbruch Dienste genommen hatte. 

Aus dem Prolog hat Studeitund mit grossem Scharfsinn ZQge ermittelt, aus denen 
sich das Wort Schedia (das fQr vorübergehenden Gebrauch rasch hergestellte Schiff) ergibt. 
Ohne Zweifel war damit das Original bezeichnet. Da wir nun von keinem andern Dichter 
als von Diphilos eine 2/£dta kennen (Kock fragm. 2, 567), so war damit der Verfasser 
des Originals festgestellt. Nun ist das Original für den Rudens ebenfalls eine Komödie 
des Diphilos. Wir hätten sonach zwei , Parallelkomödien ** desselben Autors. Vgl. Studemukd, 
Über zwei Parallelkomödien des Diphilos nebst dem Anhang ,die Fragmente der Plautini* 
sehen Vidularia auf Grund einer erneuten Vergleichung des Ambrosianischen Palimpsestes' 
in den Verb, der 36. Philologenvers, zu Karlsruhe 1882 p. 33. (Ein Abdruck der Fragmente 
findet sich auch bei Wintbb, Plauti fragm. p. 49). 

Dies sind die sog. fabulae Varronianae des Plautus. Überschauen 
wir die Namen, so finden wir Sachnamen und zwar doppelter Art, 
einmal in adjektivischer Gestalt mit Ergänzung von fabula z. B. Mostel- 
laria, dann als Substantive z. B. Rudens, ferner Personennamen und zwar 
sowohl Eigennamen als Gattungsnamen (Stichus — Der Kaufmann). 

Über die Zeit der einzelnen Stücke wären wir genau unterrichtet, 
wenn uns die Didaskalien erhalten wären. Wir haben aber deren nur 
zwei in Trümmern im Ambrosianus erhalten, eine zum Stichus und eine 
zum Pseudolus. Die Didaskalie zum Stichus belehrt uns, dass derselbe 
200 V. Chr. an den plebeischen Spielen, >) die zum Pseudolus, dass derselbe 
bei den megalesischen Spielen d. J. 191 aufgeführt wurde. Die relative 
Zeitbestimmung der übrigen Stücke beruht auf anderen Indicien. Wir 
haben auf solche beim Truculentus, beim Miles gloriosus, beim Epidicus, 
beim Rudens, beim Trinummus aufmerksam gemacht. 

Verlorene Stücke des Plautus. Ausser den 21 fabulae Varronianae haben 
wir noch Kenntnis und grlVssten teils auch Fragmente von folgenden StUcken: Acharistio, 
Addictus, Agroecus, Anus, Artemo, Astraba, Bac^ria, Bis compressa, Caecus vel Praedones, 
Calceolus. Carbonaria, Cesistio (Cacistio, Ritschl Parerga p. 151, Cocistrio, Löwk Prodr. p. 291), 
Colax (dieses Stück hält Ritscbl Parerg. p. 104 nach dem Prolog, des Terenz zu Kun. 25 
für eine Neubearbeitung des Menandreischen Colax des Naevius), Commorientes, Condalium, 
Comicula, Dyscolus, Faeneratrix, Fretum, Frivolaria, Fugitivi, Gemini lenones, Hortulus, 
Lipargus (?), Nervolaria, Pagon, Parasitus medicus, Parasitus piger, Saturio, Sitellitergus, 
Syrus, Trigemini. Vgl. Ritschl, opusc. 3, 178. Fr. Winter, Plauti fabularum depei'dita- 
rum fragmenta. Bonn 1885. 

33. Die plautinischen Prologe. Eine eigene Erörterung erfordern 
die plautinischen Prologe. Es ist nämlich eine Eigentümlichkeit der neueren 
Komödie, durch einen Prolog die Zuschauer über die Voraussetzung und 
den Gang der Handlung im allgemeinen zu unterrichten, auch Namen und 



^) Dass die Didaskalie wirklich zum 
Stichus gehörte, setzt Studemukd De actae 
Sticht Plautinae tempore^ nachdem Ritschl 
mit der scharfsinnigen Abhandlung „die 
Plautinischen Didaskalien*^ Parerga p. 249 



den Weg gezeigt, in den Comm. Mommsek. 
p. 7S2 bes. 802 dadurch ausser Zweifel, dass 
er beweist, dass Worte desauf demselben Blatte 
stehenden Arguments, welche er entzifferte, 
zweifellos auf den Stichus sich beziehen. 



T. Maccias l^laaias. 



47 



Verfasser des Originals und der Bearbeitung mitzuteilen. Das letzte war 
aber nicht unbedingt notwendig, weil vor der Aufführung eine feierliche 
Vorstellung des Theaterpersonals*) und die pronuntiatio tiiuli statthatte. 
Vielleicht konnte auch der ganze Prolog fehlen. Das Institut des Prologs 
der neueren Komödie ist eine Fortsetzung des euripideischen Prologs. Zu 
Plautus sind uns 15 Prologe erhalten, zu 6 Stücken liegen keine vor, 
nämlich zu Bacchides, Epidicus, Mostellaria, Persa, Stichus, Curculio.*) Von 
den 15 uns erhaltenen Prologen werden 4 von allegorischen Personen ge- 
sprochen, der zum Trinummus von der Luxuria (und Inopia), der zur Au- 
lularia vom Lar familiaris, der zum Rudens vom Arcturus, der zur Cistel- 
laria vom Auxilium; in 3 Stücken spricht eine handelnde Person des Stückes 
selbst den Prolog, im Mercator, Miles gloriosus, Amphitruo, dagegen in den 
übrigen Stücken, in den Captivi, den Menaechmi, im Truculentus, in der 
Asinaria, im Pseudolus,') im Poenulus, in der Casina, in der Vidularia^) ein 
jüngerer Schauspieler im eigenen Kostüme, der selbst den Namen Prologus 
führte.^) Die Prologe des Miles gloriosus und der Cistellaria werden nicht 
vor der Eröffnung des Stückes gesprochen, sondern nach dem ersten Akt. 
Die Prüfung der Prologe ergibt den Satz, dass kein einziger völlig 
als plautinisch betrachtet werden kann. Von dem zur Casina steht fest, 
dass er für eine zweite Aufführung bestimmt war (v. 11 — 13). Bei anderen 
stehen bald äussere, bald innere Gründe, bald beide zugleich der vollen 
Autorschaft Plautus' entgegen. Äussere Gründe, wenn feste Sitzplätze 
erwähnt werden, die es zur Zeit des Plautus nicht gab; innere Gründe, 
wenn fade Spassmacherei und unerträgliches Geschwätz sich breit macht. 
Wieder andere können einen plautinischen Kern haben, aber Überarbeitungen 
und Zusätze haben die ursprüngliche Gestalt bis zur Unkenntlichkeit ge- 
trübt.^) Es bleibt endlich eine ganz kleine Anzahl von Prologen, in denen 
trotz der Thätigkeit einer zweiten Hand das plautinische Eigentum er- 
kennbar ist. Dies dürfte beim Trinummus und beim Rudens der Fall sein. 

Die Würdigung der plautinischen Prologe hat scharfsinnig Ritschl angehahnt (Pa- 
rerga p. 180). — Libbio, De prologia Terent. et Plaut, Görlitz 1859. Dziatzko, De pro- 
logis Plaut, et Ter. Bonn 1864. Aber die plant. Prolog. Luzem 1867. Lorenz zum 
Miles p. 38. — Über den Rudensprolog Dziatzko, Rh. Mus. 24, 576; Akspach, Fleckeis. .1. 
139, 169. Ober den Truculentusprolog Dziatzko, Rh. Mus. 29, 51. Über den Mercatorprolog 
1. c. 26, 421; 29, 63. Anspach. Fleckeis. J. 139, 171. Über den Poonulusprolog Schubth, 
De Poenulo quaest. Bonn 1883 cap. I. 

34. Charakteristik des Plautus. Da Plautus in seinen Komödien 
keine Originale, sondern Übersetzungen lieferte, so bestand die erste Thätig- 
keit desselben in der Auswahl der zu bearbeitenden Komödien. Zu den 
vorhandenen 21 Stücken können wir vier Dichter als Schöpfer von Origi- 



») Vgl. RoHDE, Rh. Mus. 38, 264. 

^) Dieses Stück hat aber eine Art Para- 
base IV, 1. 

^) Von dem Prolog zu diesem Stück 
haben wir nur zwei Verse. 

*) Reste des zu diesem Stück gehörigen 
Prologs hat aus dem Ambrosianus Stude- 
MüKD entziffert. Vgl. Verh. der Karlsr. Phi- 
lologenvers. 1882 p. 43. 

*j Hec. prol. 11, 1 orator advenio or^ 
natu prologi. Stddemund unterscheidet 1. c. 



p. 41 drei Arten dieser Prologgattung; a) 
ausser der Erzählung des argumentum wird 
auch das nomen d.h. Namen und Verfasser 
des griech. Orginals und des lat. Stückes 
angeführt; b) bloss das argumentum wird 
erzählt, das nomen nicht erwähnt; c) bloss 
das nomen wird erwähnt, das argumentum 
zu erzählen abgelehnt. 

^) Vgl. die Bemerkung Ribbbcks zum 
Miles Vs. 79. 



48 Eömische Litieratargeschichte. L Die 2eit der Republik. 2. Periode. 

nalen sicher nachweisen, Menander, Philemon, Diphilos und DemophilosJ) 
Da der letzte Dichter uns nicht weiter bekannt ist, so ist zu folgern, das8 
Plautus auch zu ganz entlegenen Quellen grifif, falls ihm ein Stück zusagte. 
Die ausgewählten Stücke repräsentieren uns ganz verschiedene Seiten der 
Komödie. Es findet sich unter denselben eine Charakterkomödie (Au- 
lularia), vielleicht war auch das Original des Truculentus eine solche, eine 
mythologische Travestie (Amphitruo), Rühr- und Familienstücke 
wie die Captivi, der Trinummus, der Stichus in seinem Hauptteil und die 
drei unter sich verwandten Stücke Cistellaria, Rudens, Vidularia. Bei den 
meisten Stücken ruht aber das Hauptgewicht auf der Intrigue. Die Muster 
dieser Gattung sind Pseudolus und Bacchides, in denen die Unerschöpflich- 
keit der intriguierenden Hauptperson in der Auffindung neuer Mittel und 
Wege dargelegt wird. Auf eine Erkennungsszene laufen hinaus Curculio, 
Epidicus, Poenulus. Rivalität in der Liebe zwischen Vater und Sohn spielt 
sich ab in der Casina und im Mercator. Durch ein ganz neues Motiv, 
durch ein angebliches Gespenst wird die Intrigue in der Mostellaria ge- 
tragen. Auch die Verwechslungskomödie ist vertreten, eine solche 
sind die Menaechmi, in der Nebenhandlung der Miles. Auch im Amphitruo 
war dieses Motiv verarbeitet. Manche Stücke lassen die niedrige Komik 
so stark hervortreten, dass wir sie als Possen bezeichnen können, wie 
die Asinaria und der Persa. Die gelungensten Stücke dürften sein: Au- 
lularia, Captivi, Epidicus, Bacchides, Mostellaria, Menaechmi, Miles, Pseu- 
dolus, Trinummus. Wir sehen also, dass Plautus sich in den verschiedensten 
Gattungen versucht hat und daher als die vorzüglichste Quelle für die 
Erkenntnis der neueren Komödie betrachtet werden kann. Es entsteht 
nun die Frage, wie sich Plautus' Bearbeitung zu den Originalen verhält. 
Das erste, was hier berücksichtigt werden muss, ist die Kontamination. 
Dass auch Plautus von diesem Kunstmittel Gebrauch gemacht hat, bezeugt 
der Prolog zur Andria vs. 15; denn hier beruft sich Terenz zur Abwehr 
der Angriffe auf seine kontaminierende Thätigkeit auf den Vorgang des 
Naevius, Ennius, Plautus. Allein der Nachweis der Kontamination in den 
einzelnen Stücken ist deswegen erschwert, weil uns hier äussere Zeugnisse 
abgehen und wir lediglich auf die Betrachtung der Komposition angewiesen 
sind. Mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit kann die Kontamination 
für den Poenulus und den Miles angenommen werden. Ausser der Kon- 
tamination scheint der Dichter auch Verkürzung des Originals vorge- 
nommen zu haben. Solche liegt höchst wahrscheinlich vor im Curculio, 
Stichus, Truculentus; wir haben keinen stichhaltigen Grund, diese ver- 
kürzende Thätigkeit erst späteren Bearbeitern der Stücke beizulegen. Dass 
beide Operationen der Komposition nicht zum Vorteil gereichen konnten, 
ist klar. Es fehlt nicht an Anzeichen, dass auch sonst der Dichter nicht 
ängstlich auf der strengen Durchführung des Arguments verharrte. Wir 
stossen vielfach auf Widersprüche, Vergesslichkeiten, Sprünge und andere 
Mängel der Komposition. Die Plautusforscher suchen meistens spätere 
Bearbeitungen verantwortlich zu machen, die „retractatio'^ ist zu einer Art 

*) Poseidippos, der für die Menaechmi (vg). Schoell p. XVI) und Curculio die Ori- 
ginale geliefert haben soll, wagten wir nicht aufzunehmen. 



T. Maccins Plantus. 



49 



Panacee geworden. Allein wenn man sich die rasche Produktion des 
Dichters vergegenwärtigt, wenn man bedenkt, dass die Stücke zunächst 
SU einer einmaligen Aufführung, nicht zur peinlichen Lektüre bestimmt 
nraren, wird man der Ansicht nicht beipflichten können, welche den Dichter 
7on allen derartigen^ Verstössen zu befreien trachtet.*) Hat doch der 
Dichter auch die Dissonanz der Darstellung nicht vermieden. Wir finden 
)ei ihm eine Menge Dinge, welche für die griechischen Zuschauer, nicht 
iber für die römischen berechnet waren. So sind z. B. die Lokalitäten, 
iie Anspielungen auf die tragischen Mythenkreise, sehr viele sakrale Dinge 
ind historische Persönlichkeiten, Geldverhältnisse unverändert aus dem 
original herübergenommen. Daneben aber sucht Plautus mit Vorliebe 
•ömische Lokaltöne einzumischen; er ersetzt, wo er nur kann, in seiner 
Schilderung griechische Verhältnisse durch analoge römische. Dadurch ist 
3in vom Standpunkt der Kunst durchaus zu verwerfendes Durcheinander 
3ntstanden; die Einheitlichkeit des Hintergrunds ist zerstört. Wenn man 
äus diesen römischen Bestandteilen geschlossen hat, dass sich Plautus 
seinem Original gegenüber aufs freieste bewegt hat, so ist dies unrichtig. 
Hätte Plautus sich nur ganz allgemein an sein Original gehalten, so würde 
er die griechischen Unverständlichkeiten doch wohl zuerst beseitigt haben. 
Es ist keine Frage, nicht die Komposition, sondern die reiche metrische 
und sprachliche Gestaltung ist es, in der die Meisterschaft des Dichters 
zu suchen ist. In der Metrik musste Plautus vielfach selbständig und 
produktiv vorgehen. Der römische Komödiendichter hatte eine Reihe von 
Metra in Anwendung zu bringen, für die in seinen Originalen gar keine 
Muster vorhanden waren, weil die Griechen diese nicht gebrauchten. Aber 
auch sonst war der Dichter durchaus nicht an das Metrum seiner Vorlage 
gebunden, er konnte nach freier Wahl einen Wechsel eintreten lassen. 
Die grösste metrische Selbständigkeit entfalte aber Plautus ohne Zweifel 
in den Cantica. Als Metriker ist Plautus bewunderungswürdig durch die 
Mannigfaltigkeit, die er in seinen Gebilden zeigt. In dieser Beziehung 
steht er weit über Terenz. Auch die strenge Gesetzesmässigkeit des Vers- 
baus hat man immer mehr anerkennen müssen, seit die Geschichte der 
lateinischen Sprache erforscht wurde; durch dieselbe sind viele anscheinende 
Unregelmässigkeiten und Härten in ein anderes Licht getreten. Wohl noch 
höher ist die sprachliche Kunst des Dichters zu stellen. Freilich ist es 
die Sprache der Gasse, die er im Gegensatz zu Terenz kultiviert. Aber 



') Auch in modernen Dichtem weist 
solche Widerspruche und Yergesslichkeiten 
nach G. Sauppb, Wanderungen auf dem 6e- 
hiete der Sprache u. Literatur 1868 p. 222. 
Vgl. Gbppebt, Plaut. Stud. 1, 61. Auf eine 
interessante Inconsequenz in Wielands „Lady 
Johanna Gray", das nach dem englischen 
Original des Nicholas Rowe bearbeitet ist, 
macht Lbssibg in seinen Briefen die neueste 
Litteratnr betreffend nr. 64 (5, 147 Göschen) 
auftnerksam. Wieland hat die rührende 
Episode des Pembrocks herausgerissen, trotz- 
dem Iftsst er den Guilford zur Johanna sa- 
gen: «Pembrok, ach mein Freund, Mein 

Huadbttch der Umi. AltcriamswisgeiiAcliaft. VIIX. 



Pembrock selbst, vom Gardiner betrogen, 
Fiel zu Marien ab." Man weiss gar nicht, 
fährt Lbssing fort, was das für ein Pem- 
brock hier ist und wie Guilford auf einmal 
eines Freundes namentlich gedenkt, der in 
dem Stücke ganz und gar nicht vorkommt? 
Aber nun werden Sie cQeses Rätsel auflösen 
können. Es ist eben der Pembrock des 
RowB, dem er in seinem Stücke keinen Platz 
gönnen wollen, und der ihm dafür den Possen 
tbut, sich, gleichsam wider seinen Willen, 
einmal einzuschleichen. Vgl. Götz, Acta soo. 
Lips. 4, 312. 



50 Römische Litieratnrgeschiehte. I. Die Zeit der Eepablik. 2. Periode. 

hier verfügt er über alle Mittel, die Rede komisch zu gestalten; Allittera- 
tionen, Assonanzen, etymologische Figuren, Wortspiele, komische Neubil- 
dungen fesseln den Leser. Sein Wortschatz ist, da er aus dem Born 
der Volksspi'ache schöpft, ein ungeheuer reicher; besonders an Schimpf- 
worten besitzt er den denkbar grössten Vorrat. Dieser plebejische Zug, 
der ohne Zweifel das Original vergröberte, erregte bei den fein gebildeten 
Schriftstellern der augusteischen Zeit Anstoss, wie wir aus Horaz' Poetik 
270 ersehen. Aber derselbe Horaz hat auch an einem anderen Ort auf das 
hingewiesen, was jederzeit den Leser des Dichters erfrischt, auf die leben- 
dige, rasch dahin eilende Rede, einen Vorzug, den auch Varro an Plautus 
erkannt hat. Und in dieser Lebendigkeit und Frische der Diktion hat 
kein späterer römischer Schriftsteller den Dichter erreicht, geschweige denn 
übertroflfen. Wir finden es daher entschuldbar, wenn Aelius Stilo in starker 
Übertreibung sagte, die Musen würden, wenn sie lateinisch sprächen, sich 
des plautinischen Idioms bedienen, und wir streiten nicht dagegen, wenn 
des Dichters Epitaphium klagt, dass seit seinem Tode die Komödie trauert, 
die Bühne verlassen dasteht, Scherz, Spiel, Lust und zahllose Weisen ver- 
stummt sind. 

Beiträge znr Charakteristik des Plautus liefert der bekannte Aufsatz im 2. Band der 
opusc. RiTSCBLS p. 732, Klein im 2. Band seiner Geschichte des Dramas p. 480. So geist 
reich der Verfasser unleugbar ist, so ungeniessbar ist seine Darstellung; es ist gährender 
Most, kein reiner, klarer Wein. Weise, Die Komödien des Plautus — beleuchtet. Qned- 
linb. 1866. Sehr nützliche Winke geben Lakoen's Plaut. Studien. Berl. 1886. In diesem 
Buch werden die Mängel der plautinischen Dichtung durch alle Stöcke hindurch behandelt, 
um ein Fundament dafür zu gewinnen, wie weit die retractatio an diesen Mängeln schuld 
ist Mit Recht spricht sich Langen gegen die allzu ausgedehnte Anwendung dieses Heil 
mittels aus; ebenso Hibbeck, Rh. Mus. 37, 531. Die Ansicht, dass Plautus sich enger an 
seine Vorlage angeschlossen als man bisher glaubte, hat Kiesslino in seinen AniUecta 
Plautina (1878. 1883) ausgesprochen und begründet. Seinen Gedanken fahren weiter aus 
seine Schüler Schuster, Quomodo Plautus AtHca exemplaria transtulerit. Greifs w. 1884, 
wo die religiösen Dinge behandelt sind und Ostermatee, De historia fabuUiri in comoe- 
diia Plautinis. Greifsw. 1884, wo die mythischen Anspielungen untersucht sind Dass 
Plautus auch Dinge aus dem Original herübernahm, die römische Zuhörer unmöglich ver- 
stehen konnten und die Plautus wohl selbst nicht verstand, beweist schön Aulul. 394, wo 
sich eine Anspielung auf den Angriff der Gallier auf das delphische Heiligtum im J. 279 
findet. Vgl. Kiesslino, Rh. Mus. 23, 214. Einige feine Beobacntungen über das Verhältnis 
des Dichters zum Original bei Leo, Herm. 18, 559. 

Über Prosodie und Metrik handeln (Auswahl) : Mülleb, Plautinische Prosodie, Berlin 
1869. Nachtr. Berl. 1871. Studemund, De canticis PI, Halle 1863. Cbain, Die Composition 
der pl. Gantica, Berl. 1865. Christ, Metr. Bemerk, zu den cantica des PI. Sitzungsber. 
der Münchener Ak. 1871, 41. Winter, Die metr. Reconstruction der plaut. Cantica. Mün- 
chen 1879. A. Spbnoel, Reformvorschläge zur Metrik der lyr. Versarten bei PL und den 
übr. Scenikern. Berl. 1882. W. Meyer, Ober die Beobachtung des Wortaccentes in der 
altl. Poesie. Abb. der Münch. Akad. 17. Bd. 1. Abth. Leo, Rh. Mus. 40, 162. 

Die Eigentümlichkeiten der pl. Sprache sind gut gekennzeichnet von Lorenz zu Psendol. 
p. 37. Viele Beobachtungen über den Sprachgebrauch bietet Langen, bes. in der Schrift Bei- 
träge zur Kritik u. Erklärung des PI. Leipz. 1880. Hör. ep. 2, 1, 58 Plautus ad txemplar 
Siculi properare Epicharmi (dicüur). Varro in der saiura Menippea Parmeno nr, 399 
Buech. in argumeniis Caecüius poscit palmam, in ethesin Terentius, in sermonibus Plautus, 
Quint. 10, 1, 99 in comoedia maociine daudicamus, licet Varro Musas Aelii Stilanis sen^ 
tentia Plautino dicat sermone locuturas fuisse, si latine loqui vellent. Gell, 1, 24 Epigramma 
Plauti, quod dubitassemus an Plauti foret, nisi a M. Varrone positum esset in libro de 
poetis primo : Postquam est mortem aptus Plautus, Comoedia luget \ Scacna est deserta, 
dein Risus, Ludus Jocusque \ Et Numeri innumeri simul omnes conlacrimarunt, 

35. Fortleben des Plautus. Auch nach dem Tode des Dichters 
lebten seine Werke fort. Als nach dem. frühen Hinscheiden des Terenz 



T. Maccms Plantns. 51 

die dichterische Produktion auf dem Gebiet der fabula palliata nachgelassen, 
wurden die alten Stücke des Plautus wieder vorgesucht und da sie dem 
Bewusstsein der damaligen Generation fast ganz entrückt waren, gleichsam 
als fabulcte novae wieder auf die Bühne gebracht. Eine interessante Stelle 
über diesen Vorgang enthält der Casinaprolog, wo es im Eingang heisst: 

Antiqua opera et verha quom vobis placent, 
Äequam est placere ante alias veteres fabulas; 
Nam nunc novae quae prodeunt comoediae, 
Multo sunt nequiores quam nummi novi, 
Nos postquam populi rumoretn intelleximus 
Studiose expetere vos Plautinas fabulas, 
Antiquam eius edidimus comoediam, 
Quam vos probastis^ qui estis in senioribus ; 
Nam iuniorum qui sunt^ non norunty scio. 

Diese Wiederaufführung der plautinischen Stücke wurde aber insofern für 
den Dichter verhängnisvoll, als dieselbe zu Überarbeitungen und Inter- 
polationen führte, wodurch der ursprüngliche Text der Komödien vielfach 
getrübt wurde. Auch das gelehrte Studium warf sich sehr früh auf die 
Werke des Dichters. Dasselbe äusserte sich einmal in Anlegung von Ver- 
zeichnissen der echten Stücke des Plautus (pinakographische Thätigkeit), 
dann in Erklärung seltener Wörter (Glossographie), endlich in Kommen- 
tierung ganzer Komödien. Die Pinakographen sind bereits oben von uns 
aufgeführt worden. Als Glossographen, welche neben anderen Schrift- 
stellern auch Plautus benützt haben, lernen wir kennen z. B. Aurelius 
Opilius, Servius Clodius. Kommentatoren *) des Plautus sind Sisenna imd 
Terentius Scaurus. Zu den Kommentaren können wir auch die metrischen 
Inhaltsangaben {argumenta) rechnen. Sie zerfallen in zwei Klassen, in 
akrostichische, welche durch die Anfangsbuchstaben der Verse den 
Namen des Stückes darstellen. Diese sind uns lediglich durch die zweite 
Klasse der Überlieferung, die Palatini, erhalten, nicht durch den Ambro- 
sianus. Die zweite Klasse umfasst die nichtakrostichischen Argumenta. 
Akrostichische sind uns zu allen Stücken überliefert, die Bacchides und 
die Vidularia ausgenommen, also im ganzen 19 Stück. Von den nicht- 
akrostichischen überliefert uns die palatinische Rezension vier (Amphitruo, 
Aulularia, Mercator, Miles), der Ambrosianus ein vollständiges zum Pseu- 
dolus, zwei unvollständige zum Persa und zum Stichus. Den Inhalt können 
die nichtakrostichischen Argumente besser darlegen als die akrostichischen. 
Im Mittelalter fand Plautus wenig oder gar keine Beachtung. Beim Wieder- 
aufleben der Wissenschaften waren in Italien nur die acht ersten Stücke 
bekannt; gelegentlich des Basler Konzils wurde von Nikolaus von Trier 
eine Handschrift gefunden, welche ausser den drei ersten und Captivi bis 
Vs. 503 auch die 12 letzten Stücke enthielt. Damit war Plautus der mo- 
dernen Kultur zugänglich gemacht. 

Über die Wiederaufführung der plautinischen Komödien, die Kommentatoren, Glosso- 
graphen handelt grundlegend Ritschl, rarerg p. 199 p. 357. — Zur plautinischen Glosso- 
graphie (Placidus) vgl. dessen opusc. 3, 55 ; Loewb, Prodromus 254. ~ Zur retractatio sieh 
Reinhardt in Studbmüvds Stud. 1, 79; Götz, Acta, Lips. 6, 235. — Die argumenta hat 



') Textesrecensionen oder doch wenig- 
stens Textesstudien nimmt mit Unrecht von 
Seiten des Ser. Clodius (und vielleicht Si- 



senna) Bebok, Beitr. zur lat. Gramm. 1, 
124 an. 



52 Eömisehe Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

zuletzt geprüft Opitz, De argumentorum metricorum latinorum arte et origine, Leipz. Stad. 
6, 195, wobei er zu folgendem Ergebnis gekommen ist: Die nicbtakrostichischen stammeD 
aus derselben Zeit wie die von Sulpicius ApoUinaris verfassten Periochae zu Terenz (p. 227), 
sie rühren zwar nicht von Sulpicius ApoUinaris her, sind aber derselben Schule zuzuweisen 
(p. 229). Die akrostichischen Argumenta fallen in die Zeit der Antoninen (p. 275); der 
Verfasser der Akrosticha ahmt die Non-acrosticha nach (p. 261). Endlich wird noch fol- 
gende allgemeine Betrachtung über die Argumente der Komödien angeschlossen (p. 279): 
Flautina orta esse post Terentiana, quia ad horum exemplar videntur esse conscriptOj ut 
liceat tarn cum aliqtia probahüitate hanc proponere serietn, qua periochis Sulpicii stuxe- 
dunt non-acrosticha, his acrosticha. Bezüglich der Akrosticha bestreitet dies Ergebnis 
0. Seyffert, von dem Satz ausgehend, dass bei dem Verfasser eine solche genaue Kenntnis 
der plautinischen Prosodie vorliege, wie sie zur Zeit der Antoninen nicht möglich war, die 
Akrosticha seien daher schwerlich später als 100 Jahre nach dem Tod des Dichters anza- 
setzen (Philol. 16, 448; Bübsian, Jahi-esber. 47 (1886) p. 22). 

Überlieferung. Die handschriftliche Oberlieferung des Plautus führt auf zwei 
Quellen, den ambrosianischen Palimpsest in Mailand (A. s. V) und die Rezension der PflÜzer 
Handschriften {Palatini). Der ambrosianische Palimpsest, ursprünglich dem Kloster Bobio 
angehörig, wurde im 8. Jahrhundert auseinandergerissen und ein Teil nach Austilgung der 
ursprünglichen Schrift benützt, um die Bücher der Könige des alten Testaments darauf zo 
schreiben. Es sind 236 Pergamentblätter in Grossquart. Ritscbl, opus. 2, 168 gibt folgeodes 
Bild: , Abgesehen von 7 Komödien, von denen gar nichts oder wenig mehr als nichts übrig 
ist, lässt sich das, was von den 14 übrigen erhalten ist, genau auf die Hälfte derselben 
berechnen, so jedoch, dass es sich — keineswegs zu unserm Schaden — sehr ungleich aof 
sie verteilt, indem an 2 Stücken nur sehr wenig fehlt, 2 mit mehr als der Hälfte, 3 unge- 
fähr zur Hälfte, 7 mit weniger als der Hälfte erhalten sind. Von dieser Gesamtzahl moss 
freilich noch die nicht ganz kleine Zahl von Blättern in Abzug kommen, deren Inhalt zwar 
im allgemeinen bestimmbar, auf denen aber im einzelnen wenig oder so gut wie gar nichts 
zu lesen ist.** Genauere Aufzählung des Erhaltenen bei Gbppert, Über d. Cod. Ambros. p. 26. 
Den Codex hat Mai entdeckt und zu entziffern versucht. (Plauti fragm, inedita, Mailand 
1815). Weiter haben sich mit demselben beschäftigt Schwarziiann 1835, Ritscbl 1837, 
Geppebt 1845 u. 1846, Stttdemünd (von 1867 an), endlich Löwe. Die dieser Handschrift zo 
Grunde liegende Recension fällt in die Zeit nach dem Metriker Heliodor und vor dem 
Grammatiker Charisius. (Studemund, Festgruss, Würzb. 1868 p. 40). Dieser Recension steht 
die der Palatini gegenüber. Diese Handschriften waren ursprünglich im Besitz des Game- 
rarius und kamen dann in die Heidelberger Bibliothek. Die eine derselben, der sog. vetui 
(B. s. XL) befindet sich jetzt in Rom, er enthält 20 Komödien, von der Vidularia nur den 
Titel; die andere, der sog. Decurtaitis (C. s. XI), der in Heidelberg aufbewahrt wird, 
enthält nur die 12 letzten Stücke (Bacchides— Truculentus). Zu dieser Recension gehört 
auch Vaticanus 3870 oder (nach seinem ehemaligen Besitzer, dem Kardinal Orsini) Ursinia- 
nus D. s. XL sehr ähnlich dem C; in den 12 Stücken, die er mit C gemeinsam hat, stammt 
er aus derselben Quelle; diesen Stücken gehen aber voraus Amphitr., Asinar., AuloL, 
Captivi zum Teil; hier zeigt er grosse Übereinstimmung mit B. Es ist die Handschrift, 
durch welche die 12 letzten Stücke in Italien bekannt wurden. Für die acht ersten Stücke 
gehören noch hieher ein Ambrosianus (E. s. XIII) und ein Britanniens (I. s. XI). Über einen 
letzt verschollenen Codex des Tumebus, einen vorzüglichen Vertreter der Palatinischen 
Recension handelt Götz-Löwe praef. zum Poenul. p. VII. über das Verhältnis der beiden 
Recensionen zu einander vgl. Berok, Beitr. zur lat. Gramm. 1, 122: «Die verhältnismässig 

J'ungen Pfälzer Handschriften repräsentieren die ältere Recension. während der weit höher 
tinaufreichende Mailänder Palimpsest eine spätere Recension darbietet,*^ und weiterhin: 
»Die Recension der Palatini entfernt sich weniger oft von der echten Form des Originals 
als der Ambrosianus.* Vgl. Niemeteb, De Plauti fabularum recensione duplici, Berl. 1877. 
Baibh, De Plauti fabularum recensionibus Ämbrosiana et Palatina, Berl. 1884. Richtig 
abwägend Ribbeck zu Emendat. Mercat. p. 21. 

Ausgaben. Die erste vollständige Ausgabe des Plautus, besorgt von G. Merula, 
erschien 1472 zu Venedig. Die nächste epochemachende Leistung war die Ausgabe des 
Pylades Buccardus, Brescia 1506. Durch die Aldina (1522) wurde dieser Text die Vulgata 
bis auf Gambbabiüs, der durch die Benützung der Palatini Plautus eine ganz neue Ge- 
stalt gab (Basel 1552). Die Erklärung wurde durch D. Lambin gefördert. Von den 
späteren Ausgaben gewann grossen Einfluss die von J. Fr. Gronov (Leyden 1664), ihr Text 
wurde Vulg&ta bis in die neueste Zeit hinein. Die Auffindung des Ambrosianus gab den 
plautinischen Studien einen neuen Aufschwung, derselbe ist unzertrennlich mit dem Namen 
Fr. Ritschl verbunden. Seine Ausgabe begann zu erscheinen 1848, der erste Band enthält 
die berühmten Prolegomena. Diese Ausgabe wurde nicht vollendet. Dafür wurde 1871 
(Teubnbr) eine ganz neue Ausgabe begonnen und von Götz, Löwe, Scholl fortgesetzt. Die- 



Q. Ennins. 



53 



selbe ist zur Zeit nicht beendigt. Vollständig liegt dagegen Ussino^s Ausgabe vor in fünf 
Bänden (Kopenh. 1875 — 1886). Femer wurde eine Ausgabe begonnen von Leo (Wbid- 
üAVv), Nicht vollendete Textausgabe von Fleckbisbn (Teubneb). Ausgaben einzelner Stücke 
(Auswahl): Truculentus, Ed. A. Spengel, Götting. 1868; Aulularia with notes by W. Waokbb, 
Cambridge 1876, von Langen, Paderb. 1889; Trinummus von Wagneb, Gambr. 1875; Me- 
naechmi, ed. J. Vahlen, Berl. 1882; Miles Gloriosus, ed. 0. Ribbeck, Leipz. 1881; Über- 
setzung dazu im Alazon, Leipz. 1882; Mostellaria with notes by Sonnenschein, Cambridge 
1884. Ausgaben mit deutschem Kommentar von Lobbnz: Pseudolus, Mostellaria, Miles 
(Wkidmann); von Bbix: Trinummus, Captivi, Menaechmi, Miles (Teubneb). 

Ober das Fortleben des Plautus in der modernen Bühnendichtung handeln unter an- 
deren Steinuoff, das Fortleben des Plautus auf der Bühne, Blankenburg 1881 ; Güntheb, 
Plautusemeuerungen in der deutschen Litteratur des XY. — XVII. Jahrb., Leipz. 1886; Rein- 
HABD8TÖTTNEB, Die plaut. Lustspicle in spät. Bearb., Leipz. 1880. 

4. Q. Ennius. 

36. Das Leben des Ennius. Ennius ist in Rudiae, dem heutigen 
Rugge') 239 geboren. Zwei Sprachgebiete drängten sich ihm auf, das 
griechische und das oskische. Beide Sprachen musste er daher kennen 
lernen. Als er nun auch Latein dazu erlernt hatte, konnte er von 
sich rühmen, dass er drei Zungen {tria corda) habe (Gell. 17, 17, 1). Er 
that Kriegsdienste in Sardinien. Und von da nahm ihn — ein für die 
Entwicklung der römischen Litteratur wichtiges Ereignis — M. Porcius 
Cato im J. 204 mit nach Rom (Nep. Cato 1,4). Hier gab er Unterricht 
im Lateinischen und im Griechischen (Suet. gramm. 1). Seine Dichtungen 
verschafften ihm die Gunst der vornehmen römischen Welt. Er war mit 
dem älteren Scipio Africanus vertraut; auch Scipio Nasica zählte er zu 
seinen Bekannten und Cicero erzählt de or, 2, 276 eine gar ergötzliche 
Anekdote. Der Historiker oder Graecomane A. Postumius Albinus widmete 
sein historisches Werk dem Ennius. Dass die Dichtkunst bereits eine 
Macht war, beweist die Thatsache, dass M. Fulvius Nobilior den Dichter 
auf seinem Zug nach Ätolien (189) mitnahm, nicht dass er dort mitkämpfe, 
sondern dass er der Verkünder seines Ruhmes werde (Cic. Tusc. 1, 3). 
Dieser vornehmen Familie verdankt Ennius auch das römische Bürgerrecht. 
Der Sohn des M. Fulvius Nobilior Quintus geleitete im J. 184 eine Bürger- 
kolonie nach Potentia und Pisaurum und hatte das Recht, ^) auch Fremde 
unter die Zahl der Kolonisten aufzunehmen, wodurch sie römische Bür- 
ger wurden (Cic. Brut. 20, 79). Von diesem Rechte machte er dem 
Ennius gegenüber Gebrauch, so dass dieser dann später von sich singen 
konnte: 

«Römer sind wir jetzond, die vordem Rudiner nur waren.' 

Von seinem Privatleben erfahren wir, dass er auf dem Aventin wohnte 
und zwar in sehr bescheidenen Verhältnissen, nur von einer Magd bedient. 
Sein Hausgenosse war der Dichter Statins Caecilius. Sein Charakterbild 
können wir aus dem Dichter selbst entwerfen; in seinen Jahrbüchern wird 
von ihm der Vertraute eines vornehmen Römers geschildert; es ist ein 
Mann, dem der hohe Herr, wenn er nach des Tages Mühen heimkehrt, 
sein Herz ausschütten kann; denn der Hausfreund ist verschwiegen und 



*) Die Lage desselben auf der Strasse 
zwischen Brindisi und Tarent weist nach 
E. CoccHiA, Bivüta dt filologia 13, 31. So- 



nach war das Griechische seine Mutter- 
sprache. 

2) Vgl. MoMMSBN, Rom. Gesch. 1«, 798. 



54 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

ohne Arg, er ist wohl unterrichtet, treu, lieb, beredt, genügsam, zufiieden, 
geschickt, mit seinem Worte zur rechten Zeit bereit, umgänglich, des Wort- 
schwalles Feind, der Vorzeit trefflicher Kenner. Der erste römische Philo- 
log L. Aelius Stilo bezeugt, dass mit diesen Worten der Dichter sich selbst 
schildere (Gell. 12, 4, 1). Nur ein Zug ist vergessen, den uns Horaz auf- 
bewahrt hat, dass nämlich Ennius den Becher liebte und denselben gern 
leerte, ehe er zur Arbeit schritt (Ep. 1,19, 7). Ennius starb im Jahre 169 
am Podagra. 

Das Geburtsjahr wissen wir durch Varro bei Gell. 17, 21, 43 consules secimtur Q, Va- 
lerius et C. Mamilius, quibtis natum esse Q. Ennium poetam M, Varro in primo de poetü 
libro scripsit Über des Dichters häusliche Verhältnisse vgl. Hieronym. 2, 123 Scb. 

37. Ennius' dramatische Dichtungen. Höchst wahrscheinlich be- 
gann Ennius seine dichterische Thätigkeit mit Tragödien; er entfaltete 
hier eine grosse Fruchtbarkeit und pflegte diese Gattung, die er zu grosser 
Blüte brachte, bis an sein Lebensende; noch in seinem Todesjahr wurde 
eine Tragödie, der Thyestes, von ihm aufgeführt (Cic. Brut. 20, 78). Es 
sind uns 22 Titel mit Fragmenten überliefert. Bei der Auswahl der Ori- 
ginale bevorzugte Ennius den trojanischen Sagenkreis, von den Dichtern 
wiederum den Euripides, zu dem ihn schon dessen skeptische, aufgeklärte 
Gesinnung hinziehen musste. Zu den Originalen nahm er eine vielfach 
freie Stellung ein; belehrend ist hier besonders eine Vergleichung der Frag- 
mente seiner Medea exul mit der euripideischen. Gleich der Eingang zeigt 
dem Original gegenüber sowohl Kürzung als Erweiterung. Dass der Dichter 
die Metra seine Vorlage hie und da änderte, können wir öfters nachweisen, 
ein Beispiel möge genügen; in der Hecuba gab er die Rede der Hecuba, 
die bei Euripides in Trimetern abgefasst ist, in trochäischen Septenaren vgl. 
fr. 189 M. mit Eur. 293. Interessant ist seine Behandlung von Aeschyl. 
Eum. 902, wo ein sprachliches Kunststück angebracht wird (fr. 229 M). 
Aber auch in den Organismus der griechischen Vorlage griff der römische 
Dichter ein; um hier nur ein Beispiel zu erwähnen, in seiner Iphigenie 
hat er den euripideischen Jungfrauenchor durch einen Soldatenchor ersetzt 
(fr. 54 M). Auf der andern Seite freilich behielt er wieder Züge seines 
Originals bei, die für die Römer nicht verständlich waren; z. B. brachte 
er Etymologien, die den griechischen Namen erläutern wie die der Namen 
Alexander und Andromache (Varro de 1. 1. 7, 82). Dieselbe Wahrnehmung 
eines Schwankens zwischen freier und sklavischer Übertragung des Ori- 
ginals konnten wir ja auch bei Plautus machen. Die Tragödien des Ennius 
waren, wie wir aus Cicero ersehen können, selbst in späterer Zeit noch 
sehr beliebt. Auch eine Prätexta können wir mit Sicherheit Ennius bei- 
legen, nämlich den Raub der Sabinerinnen; denn das einzige daraus 
von Julius Victor (rhet. lat. min. 402 H) erhaltene Fragment führt auf ein 
Drama. Dies kann aber in dem gegebenen Fall nur eine Praetexta sein; 
für eine solche eignete sich der gewählte Stoff ganz vortrefflich. Einen auf 
einen Dialog hinweisenden Vers enthält auch die Ambracia (p. 77 v. 35 M); 
wir werden daher mit Wahrscheinlichkeit diese Schöpfung ebenfalls als 
eine Praetexta betrachten dürfen, in welcher der Dichter die Eroberung 
Ambracias im ätolischen Feldzug durch seinen Gönner M. Fulvius Nobilior 



Q. EnniuB. 55 

verherrlicht hat. Für die Komödie scheint Ennius wenig Neigung gezeigt 
zu haben. Zwei Eomödientitel lassen sich feststellen. Bemerkenswert ist, 
dass er von Terenz im Prolog zur Andria 18 zu denen gezählt vrird, welche 
die Kontamination in Anwendung brachten. 

Für eine Praetexta hält die Ambracia Ribbeck, Rom. Trag. p. 207, für eine den 
Satiren zuzuteilende epische Dichtung L. Mülleb, Ennius p. 108; Bahrens (fr. 495) fQr einen 
ausserhalb der Satiren stehenden Panegyricus, indem er sich hiebei auf de vir. ill. 52 stützt: 
qtMim victoriatn (M, Fulvi de Ambracia) — Q, Ennius amicus eiiM instgni laude cele' 
bravit, eine Stelle, die ebensogut auf eine Praetexta bezogen werden kann. 

38. Das Ennianische Epos ,,die Jahrbücher'^ Naevius' punischer 
Krieg regte Ennius zur Nachahmung an; auch er wollte die Thaten des 
römischen Volkes besingen. Sein Umgang mit der vornehmen römischen 
Welt, der ihn den grossen historischen Ereignissen näher brachte, mag die 
Anregung zu diesem Gedanken gegeben haben. Sein Epos, das er »Jahr- 
bücher" {Annales) betitelte, behandelte die Geschichte Roms von der Ein- 
wanderung des Aeneas bis auf seine Zeit herab. Die grosse Masse des Stoffes 
zwang den Dichter sofort zu einer Gliederung desselben und führte zur 
Bucheinteilung, während Naevius sein Gedicht ohne jede Abteilung erschei- 
nen lassen konnte. Es wird uns von 18 Büchern berichtet (Diom. p. 484 K). 
Wie schon der Titel des Gedichts zeigt, besang der Dichter in grossem 
Ganzen die Ereignisse nach der chronologischen Reihenfolge; die Gliede- 
rung kann sich also nur darin zeigen, dass er Wendepunkte der Geschichte 
aufsucht und markiert. Eine höhere Einheit und Abgeschlossenheit findet 
bei einem solchen Werke nicht statt; es können daher auch Fortsetzungen 
gegeben werden. Von einer solchen Fortsetzung berichtet Plinius. Die 
Heldenthaten eines Bruderpaares im istrischen Kriege (178/7) war die Ver- 
anlassung, dass Ennius das 16. Buch hinzufügte. Wir müssen also hier 
einen Einschnitt annehmen. Allein damit war die Thätigkeit des Ennius 
noch nicht abgeschlossen, denn es kam noch ein 17. und 18. Buch hinzu. 
Noch im Jahr 172, also drei Jahre vor seinem Tod, arbeitete Ennius an 
seinen Jahrbüchern. Auch in den vorausgegangenen 15 Büchern gewahren 
wir deutlich einen Einschnitt; diesen bildet das 7. Buch, mit dem die Dar- 
stellung der punischen Kriege anhebt; der Dichter sprach hier von seinem 
Unternehmen im Gegensatz zu seinem Vorgänger und scheint in einem 
Fragment (224 M) auf Einwürfe seiner Gegner geantwortet zu haben. Es 
müssten sonach die ersten 6 Bücher bereits bekannt gewesen sein. Von 
dem ganzen Epos sind uns etwa 600 Verse oder Versteile erhalten, also 
sicherlich nur ein geringer Bruchteil des Ganzen. Der Aufbau ist daher 
ein schvrieriger. Soweit wir sehen können, schloss der Dichter öfters drei 
Bücher zu einem grösseren Ganzen zusammen. So schilderten die Bücher 
1 — 3 die Ankunft des Aeneas und die Königszeit, die Bücher 7 — 9, wie 
es scheint, die punischen, 10—12 den macedonischen Krieg. Weiter lässt 
sich zeigen, dass im 6. Buch der Krieg mit Pyrrhus, im 13. und 14. der 
Krieg mit Antiochus, im 16., wie bereits erwähnt, der istrische Feldzug 
behandelt war. Wie weit der Stoff geführt war, können wir nicht genau 
angeben, da die Fragmente des 17. und 18. Buchs zu unbestimmt sind. 
Die Behandlung des Stoffs war eine ungleiche; über die ältere Zeit ging 
der Dichter rascher weg; dagegen verweilte er länger bei der Geschichte 



56 Römische LiÜeraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periodo. 



seiner Zeit, und der erste punische Krieg wurde, weil bereits von Naevius 
besungen, kürzer abgemacht (Cic. Brut. 19, 76). In der Art der Behandlung 
unterscheidet sich Ennius wesentlich von Naevius. Während Naevius in 
schlichter Weise und im nationalen Versmass die Heldenthaten der Römer 
im I. punischen Krieg erzählte, lehnt Ennius sein Epos an Homer an und 
will eine Kunstdichtung liefern. Seine Abhängigkeit von Homer deutet 
der Dichter gleich im Eingang seiner Jahrbücher an; er führt sie mit 
einem Traum ein, es sei ihm, erzählt er, auf dem Parnass Homers Schatten 
erschienen und habe ihm unter Thränen die Geheimnisse des Weltalls er- 
schlossen; auch das Leben nach dem Tode habe er berührt und dabei 
mitgeteilt, dass seine Seele, die auch einmal ein Pfau beherbergt, später 
in Ennius übergegangen sei. Man sieht, wie der Dichter mit der schönen 
Vision sich als zweiten Homer bei den Römern einführt. Und in der That, 
wollte Ennius dem vielfach dürren Stoff der Chroniken Leben einhauchen, 
so blieb ihm nichts anderes übrig, als die poetischen Züge und die poetische 
Technik dem Homer zu entlehnen. So konnten die Gleichnisse verwendet 
werden, in den Fragmenten finden wir das Bild vom Pferde, das seine 
Fesseln sprengt und durch die Ebene rast (II. 6, 506 fr. 458 M). Aber der 
Nachahmer scheut sich auch nicht, ganze Schilderungen Homers auf ähn- 
liche Situationen zu übertragen ;0 so wird das, was Homer vom Kampf 
des Aias singt, auf den Kampf eines Römers übertragen (IL 16, 102 vgl. 
mit 450 M). Auch in dem Versmass schliesst sich Ennius an Homer an, 
indem er den Satumier aufgibt und den Hexameter für seine Dichtung 
wählt. Selbstverständlich mussten die Gesetze des homerischen Hexameters 
vielfach modifiziert werden; z. B. gleich in der Cäsur wich Ennius von 
Homer ab; während bei Homer die männliche und weibliche Cäsur des 
HI. Fusses gleich häufig sind, setzte er hier die männliche Cäsur als die 
Normalform fest. So wurde der Ennius der Ordner des lateinischen 
Hexameters. Da aber der Hexameter der Normalvers wurde, nach dem 
sich auch andere Metra richteten, so reicht der Einfluss des Ennius in der 
lateinischen Metrik noch weiter. Aber noch in einer anderen Beziehung 
wirkte Ennius bahnbrechend, nämlich in der Prosodie. Für den sceni- 
schen Dichter war es in den meisten Fällen gleichgültig, ob in der Senkung 
eine lange oder kurze Silbe stand; er kam daher hier viel seltner in die 
Lage, die Natur einer Silbe auf ihre Quantität hin zu prüfen. Der dak- 
tylische Dichter kennt nur kurze oder lange Silben, er ist daher auf Schritt 
und Tritt auf Untersuchungen über die Länge und Kürze der Silben an- 
gewiesen. Diese Aufgabe war aber um so schwieriger, als die Schrift 
Ennius nicht so zu Hilfe kam wie bei den Griechen. Ennius musste sich 
daher grösstenteils auf sein Ohr verlassen. Aber auch die Positionslänge 
erforderte eine genaue Regelung. Sie erfolgte im Anschluss an die Griechen 
und Ennius unterschied hier genau zwischen daktylischer und scenischer 



*) Diese Nachahmung Homers benutzt 
£. Zarncke, um bei den Historikern die Spu- 
ren der Ennianinchen Annalen nachzuweisen. 
«Wo wir in Darstellungen der Geschichte 
jener Zeit die auch Ennius in seinen An- 
nalen schilderte, den Homer nachgeahmt 



finden, da haben wir auch — mit gewissen 
Ausnahmen, aber doch in überwiegender 
Mehrzahl der Fälle — den Ennius." {Com- 
ment. philol. m honwen Ribbeckit p. 274). 
Belehrend Liv. 2, 20, 1 und II. 8, 15. 



Q. EnniuB. 57 

Poesie. Auch auf orthographische Probleme ward er dadurch geführt ; die 
Konsonantenverdopplung in der Schrift wird auf ihn zurückgeführt (Festus 
p. 293). Aus dem Gesagten wird man abnehmen können, wie weit Ennius 
den Naevius hinter sich Hess. Sein Gedicht blieb das Hauptepos der Re- 
publik. Als die sich auf die Alexandriner stützende Kunstpoesie aufkam, 
wollte man Ennius beiseite schieben. Allein dass auch damals Ennius 
noch ein gern gelesener Autor war, ersieht man aus Hör. ep. 2, 1, 50. Die 
Kaiserzeit prägte sogar für das Gedicht einen neuen und zwar viel ent- 
sprechenderen Titel Romais aus (Diom. p. 484 K). Unter den Fragmen- 
ten befinden sich manche, die uns ein Bild von der Kunst des Dichters 
gewähren können. Vielleicht genügen, um einen ersten Eindruck zu er- 
halten, die zwei längeren Bruchstücke, die Cicero seinem Werk über die 
Wahrsagung einverleibt hat, die eindringliche Erzählung, die Ilia ihrer 
Schwester über ein ihr gewordenes, für die Zukunft bedeutungsvolles Traum- 
bild gibt (1, 20, 40), dann die anschauliche Schilderung der Vogelschau des 
Brüderpaares Romulus und Remus (1, 48, 107). 

Über die Gliederung der ADnalen handelt zuletzt Vablrn, Abh. der Berl. Akad. 1886 
p. 1 — 88, der nachzuweisen versucht (p. 35), «dass Ennius' 18 BQcher der Annalen in drei 
Hexaden zerfielen, deren jede für sich abgeschlossen und möglicherweise fQr sich heraus- 
l^egeben war, und ferner dass an das Ende der zweiten Hexas d. h. an den Schluss des 
XII. Buchs ein Epilog gefügt war, der roit einem Rückblick auf die grossen Männer Roms 
Äusserungen über des Dichters eigenes Leben verband.** Ausgangspunkt für diese Betrach- 
tung ist Uell. 17, 21, 43, wo aus Yarros Schrift de poetis über Enuius mitgeteilt wird, cum 
septimutn et sexagesimum annum haberet, duodecitnum anncUem acripsiaae idque ipaum 
Ennium m eodem libro dicere. Nach dieser Stelle hätte also Ennius 172 d. h. 3 Jahre vor 
seinem Tode das 12. Buch goschrieben. Abgesehen davou, dass dann Ennius die 6 folgen- 
den Bücher in drei Jahren hätte abfassen müssen, tritt jener Annahme hindernd in den 
Weg, dass das 16. Buch nicht lange nach 177 anzusetzen ist. Durch Bergk's Entdeckung 
des istnschen Königs Epulo in diesem Buch steht nämlich, wie mir scheint, fest, dass der 
istrische Krieg der Jahre 178/7 darin behandelt war. Da nun, wie aus Plinius n. h. 7, 101 
Q. Ennius T, Caecüium Teucrum fratremque eiiM praecipue mtratus propter eo8 sextum 
decimum annum adiecU annalem hervorgeht, die Heldenthaten zweier Brüder den Anlass 
zu diesem Buche gaben, so ist zu vermuten, dass dieses nicht lange nach jenen Heldenthaten 
abgefasst ist. Und, wie L. Müller fein beobachtet hat (Q. E. p. 178), weist das Fragment 430 M. 
selbst darauf hin. Wir müssen also die Buchzahl bei Gellius für verdorben erachten; statt 
XII ist wahrscheinlich XVIII zu setzen. Ist dies richtig, d. h. schrieb der Dichter am 
letzten Buch im J. 172, so konnten die Ereignisse kaum über 173 hinaus behandelt sein. 
Vgl. F. ScBöLL, Rhein. Mus. 43, 158. Für nicht vollendet hält L. Müller das Werk, von 
dem er vier Ausgaben statuiert, die erste B. I— VI, die zweite B. I— XV, die dritte 
B. I— XVI, die vierte B. I— XVI II. An der Vollendung — es sollten 20 Bücher werden — 
sei Ennius durch den Tod verhindert worden (Q. Ennius p. 128). 

Für die Beliebtheit der Annalen zeugt die Thätigkeit, die sich an dieselben anschloss. 
Das Epos wurde bald nach seinem Entstehen in öffentlichen Versammlungen vorgelesen, so 
von Q. Vargunteius (Suet. gr. 2). Ja noch zu Gellius' Zeit trat ein solcher Vorleser, En- 
nianista, auf (Gell. 18, 5, 2). Auch Grammatiker machten Ennius zum Gegenstand ihrer 
Studien. So emendierte nicht lange nach Eunius' Tod Octavius Lampadio die Annalen 
(Gell. 18, 5, 11), M. Pompilius Andronicus (zur Zeit Sullas) schrieb annalium elenchi, welche 
dann später Orbilius herausgab. Auch der um dieselbe Zeit lebende Antonius Gnipho com- 
mentierte das Epos (Büchbleb, Rhein. Mus. 36, 334). 

39. Ennius' übrige Oedichte. Ausser den Tragödien bearbeitete 
Ennius auch andere griechische Produkte. In seinem Epicharmus setzt 
Ennius in troch. Tetrametern naturphilosophische Leinten auseinander. Als 
die vier Elemente erscheinen Wasser, Erde, Luft, Sonne. Der Leib ist 
Erde, die Seele Feuer. Juppiter ist die Luft. Die Einkleidung war ein 
Traum; Ennius glaubte sich in die Unterwelt versetzt. Da nun nach 
einigen Zitaten (Varro 1. 1. 5, 59, 5, 68) Epicharmus in dem Gedichte selbst 



\ 



58 Römische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Bepablik. 2. Periode. 



spricht, so wird anzunehmen sein, dass Ennius seine Lehre als eine Offen- 
barung des Epicharmus, die ihm in der Unterwelt geworden, dargestellt 
hat. Diese Einkleidung wird aber nur den Sinn haben, dass dem Ennia- 
nischen Gedicht ein griechisches und vielleicht ein unterschobenes Werk 
des Epicharmus zu Grunde lag. Dem Epicharmos wohnte die Tendenz der 
Aufklärung inne. Diese Tendenz zeigt noch in verstärktem Masse der 
Euhemerus oder die heilige Geschichte. Euhemerus, Freund des Kas- 
sander, schrieb ein Buch, betitelt „heilige Urkunde** {isqu avaygaipi^). Er 
gab nämlich vor, auf einer fernen Insel in einem Zeustempel auf einer 
Säule eine Inschrift über die Urgeschichte der Welt gefundeji zu haben, 
darnach seien die Götter nichts als durch Klugheit hervorragende Menschen 
gewesen, die man vergötterte. Aus der Ennianischen Bearbeitung gibt 
uns Lactantius die meisten Auszüge; dieselben sind in Prosa abgefasst 
und zwar in einer Prosa, die gar nichts Altertümliches enthält. Wenn 
also der Euhemerus des Ennius im Gegensatz zu seinem Original in ge- 
bundener Rede abgefasst war — es fehlt hiefür aber an einem stichhaltigen 
Argument*) — , so müsste man annehmen, dass das Gedicht später in Prosa 
umgesetzt wurde. Unter dem Titel „Feinschmeckerisches** (Hedu- 
phagetica vgl. Apul. Apol. 39) schrieb Ennius ein gastronomisches Gedicht, 
aus dem sich ein der Form nach sehr hartes Fragment über die verschie- 
denen Fundorte der Fische erhalten hat. Es war, wie die Vergleichung*) 
zeigt, eine Bearbeitung der gastronomischen „Rundreise** des Archestratos 
von Gela mit dem Titel "^Hävnad-sia. Sehr wenig Fragmente sind uns 
auch von Sota erhalten. Sota ist die Koseform von Sotades. Dieser zur 
Zeit des Ptolemaeus Philadelphus lebende Dichter ist der Hauptvertreter 
einer meist schlüpfrigen Unterhaltungsgattung im jonischen Mass. Diese 
führte der Sota des Ennius in die römische Litteratui* ein und mit ihr 
zugleich das metrum Sotadeum, Aus den Praecepta, mit denen wohl der 
anderweitig zitierte Protrepticus identisch ist, haben wir nichts als eine 
Sentenz in troch. Tetrametern und ein Wort. Auch Epigramme schrieb 
Ennius; es sind uns drei erhalten; zwei beziehen sich auf Scipio, in dem 
dritten verbittet sich der Dichter die Thränen nach seinem Tod, denn er 
lebe fort im Andenken der Menschen. In diesen Epigrammen kam zum 
erstenmal das elegische Distichon in der römischen Litteratur 
zur Anwendung. Das letzte, was wir von Ennius zu verzeichnen haben, 
sind Satirae. Es werden 6 Bücher zitiert. Dass die dialogische Form 
darin vorkam, beweist das Gespräch zwischen Tod und Leben, das den 
Satiren beigeschrieben wird (Quintil. 9, 2, 36). Dieselbe zeigt sich noch 
einigemal in den Fragmenten. In die Satiren war auch die Äsopische Fabel 
von der Haubenlerche aufgenommen, am Schluss war ausdrücklich die 
Lehre beigefügt, dass man in dem, was man selbst thun könne, sich nicht 



^) Vgl. Bebok, Gr. Literaturgesch. 4, 33. 

^) MüLLEB bemerkt Edüiub p. 113 »dass 
die Übertragung des Etidius poetisch war, 
ist schon an sich wahrscheinJich, da von 
prosaischen Schriften desselben nichts be- 
gannt ist Auch meint Vahlen mit Grund, 



dass bei Columella 9, 2 die Worte Euhe- 
merus poeta auf Ennius gehen." 

«) fr. LVI p. 156 bei Brandt, Parad. 
epic. Graecorum et Archeatrati reliquiae. 

Über den Einfluss des Gedichts auf Lucilius 
vgl. Marx, Stud. Lucil. p. 78. 



H. PacuYiiui. StatiuB CaciliuB. 59 

auf die Freunde verlasse. Der Metra können wir in den Satiren verschie- 
dene nachweisen. 

Als drittes Buch der Satiren oder wenigstens als Bestandteil desselben wird in der 
Regel der Scipio betrachtet, ohne dass biefür ein Zeugnis vorliegt. Von dem Scipio sind 
nns mit namentlicher Quellenangabe drei Fragmente überliefert; in den zwei ersten (Gell. 
4, 7, Macrob. 6, 2, 26) erscheinen trochäische Tetrameter, in dem dritten (Macrob. 6, 4, 6) 
der berflchtigte Hexameter: sparsis hastia longvts campus splendet et horret. Gerade diese 
Verschiedenheit des Metrums hat die Annahme eines Cyclus von Scipioliedem und die Zu- 
teilim^ dieses Cyclus zu den Satiren veranlasst. Allein da Ennius in diesem Gedicht sagte, 
nnr ein Homer könne Scipio würdig besingen, so wird man nicht sowohl an eine Satire, 
als an ein Epos denken müssen. Vielleicht ist ein Irrtum bei dem Zitat des Hexameters 
anzunehmen. Vgl. Huo bei Vahlen p. LXXXV. Anders löst die Schwierigkeit Ribbbck, comic, 
fragm., p. CXVII. Aus dem Scipio stammen die wunderschönen Verse, in denen der Dichter 
schildert, wie sich Stille über das ganze Weltall senkt, wie Neptun den Wogen Einhalt 
gebietet, der Sonnengott der Rosse Lauf hemmt und das Laub in den Bäumen sich nicht 
mehr regt. Ausser dem Scipio werden von manchen Gelehrten auch die oben genannten 
nach griechischen Autoren bearbeiteten Stücke den Satiren eingereiht. Auch diese Zu- 
teilung beruht lediglich auf Vermutung und auf der Vorstellung, die man sich von der 
Satire macht. Die Zahl von 6 B. beruht auf Donat. Phorm. 2, 2, 25; Porphyr, p. 2il M. hat 4 B. 

Ennius' litterarische Bedeutung ruht vorzugsweise in seinen Tra- 
gödien und in seinen Annalen. Weder seine Komödien noch seine Satiren 
scheinen tieferen Eindruck gemacht zu haben. Er ist der Schöpfer der 
römischen Kunstdichtung nach griechischem Muster. Er hat, wie Lucretius 
singt, den unverwelklichen Kranz von Helikons Höhen in Italiens Gefilde 
gebracht. Er hat, wie die Muse ihm sagte, den Römern das feurige Lied 
aus dem Herzen heraus kredenzt, aber er hat ihnen auch den Giftbecher 
gereicht, der für die heimischen Sitten tötlich werden sollte. 

Litter atur: Ennianae poesia reliquiae, Rec. J. Vahlen, Leipz. 1854. Bebgk, En- 
niana in seinen Kl. philol. Sehr. 1 p. 211 — 316. Q. Enni carminum reliquiae, Äccedunt 
Naevii belli Poenici qttae aupersunt, Em. et adnot. L. Müllbr, Pctersb. 1884. L. Müller, 
Q. Ennius. Eine Einleitung in das Studium der r5m. Poesie. Petersb. 1884. Bähbens, Ennius 
und seine Vorgänger, Fleokeis. J. 133, 401. 

Hier muss noch eines jüngeren Ennius gedacht werden, über den wir Kunde erbalten 
aus Suet. gr. 1: qiLod non/nulli tradvmt duos libros de litteris syllabisque, item 
de metris ab eodem Ennio (d. h. dem Verfasser der Annalen) editos, iure arguit L. Cotta 
non poetae sed posterioris Ennii esse, cuius etiam de augurandi diaciplina volumina 
feruntur. Wohl diesem jüngeren Ennius ist auch zuzuschreiben, was Isidor von stenogra- 
phischen Zeichen (notaej berichtet (orig. 1,22 p. 98 M.): vulgares notas Ennius primus 
müle et centum invenit, 

5. M. Pacuvius und Statins Caecilius. 

40. Di<^ Schule des Ennius. Als Schüler und Anhänger des Ennius 
erscheinen sein Schwestersohn M. Pacuvius, der 220 v. Chr. in Brundisium 
geboren wurde und später nach Rom wanderte, in hohem Alter sich nach 
Tarent begab und dort starb, und Statins Caecilius. Beide unterscheiden 
sich dadurch von Ennius, dass sie nur eine dramatische Gattung kultivieren, 
Pacuvius die Tragödie und das mit ihr in Zusammenhang stehende histo- 
rische Schauspiel, Caecilius dagegen nur die Komödie. Ausserdem ver- 
suchte sich Pacuvius auch in Satiren (Diom. p. 485 K.); allein von dieser Thä- 
tigkeit des Pacuvius sind alle Spuren erloschen. Die Zahl seiner Tragödien 
ist nicht sehr gross, wir zählen deren etwas über ein Dutzend. Allein 
wir dürfen nicht vergessen, dass Pacuvius auch Maler war und sich daher 
nicht ausschliesslich der Dichtkunst widmen konnte. Überschaut man die 
Stoffe, so erkennt man, dass der Dichter einsame Pfade wandelt und ent- 



1 



60 Römische litteratnrgeachichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

legene Sagenkreise aufsucht. Sehr berühmt sind geworden Teucer (Cic. de 
or. 1, 58, 246), in der die viel bewunderte Anrede Telamons an Teucer 
vorkam Q. c. 2, 46, 193), Iliona, aus der Cic. Tusc. 1, 44, 106 die ergreifende 
Scene mitteilt, in welcher der Schatten des ermordeten Deiphilos seiner 
Mutter erscheint und um ein Begräbnis bittet; die Antiopa, welche eine 
Hauptrolle für den Schauspieler Rupilius bildete (Cic. de oflf. 1, 31, 114), 
die Niptra, aus denen wiederum eine packende Scene Cicero mitteilt (Tusc. 
2, 21, 48), Chryses, der den edlen Wettstreit des Orestes und Pylades ent- 
hielt (Cic. de amic. 7, 24). Unter den Fragmenten hat von jeBer die präch- 
tige Schilderung eines Sturms die Bewunderung erregt ; vgl. Cic. de div. 1, 
14, 24, de or. 3, 39, 157. Auch die Stimme der Aufklärung hören wir 
einigemal, wie wenn der Dichter vor den Zeichendeutern warnt (Cic. de 
div. 1, 57, 131) oder wenn er das schöne Fragment des Euripides (fr. 836 N.) 
von dem Äther als Vater, der Erde als Mutter aller Dinge in vergröberter 
Übersetzung dem Leser bietet (fr. 86). Wie Ennius, so hat auch Pacuvius 
das historische Schauspiel nicht unangebaut gelassen. Es ist dies sein 
Paulus, der allem Anscheine nach den Sieg des L. Aemilius Paulus über 
den König Perseus bei Pydna (168) feierte. Über Pacuvius liegen uns 
mehrere Urteile aus dem Altertume vor. Cicero nennt ihn (de opt. g. 1, 2) 
den grössten Tragiker, er thut dies wahrscheinlich wegen des nachhaltigen 
Eindrucks, den die Stücke auf die Zuschauer machten. Horaz charakterisiert 
ihn (ep. 2, 1, 56) als po'eta doctm, und dieses Prädikat verdient Pacuvius 
schon wegen seiner Kenntnis auch der entlegensten Sagenkreise, dann 
wegen der künstlerischen Behandlung der Stoffe. Seinem Stil teilt Varro 
bei Gellius 6 (7), 14, 6 die Eigenschaft der „Fülle** zu, Cicero dagegen (Brut 
74, 258) will Unlateinisches in seiner Darstellung wie in der des Caecilius 
finden; und in der That zeigen die Fragmente manches Auffällige in der 
Diktion. 

Über seine Lebensyerhftltnisse vgl. Cic. Brut. 64, 229. — Plin. n. h. 35, 19 celebrata 
est in foro boario aedes Herculis Pacuvii poetae pictura; Enni sorore genüiM hie fuit 
clarioremque artem eam Romae fecit gloria scenae, — Über seinen Abgang nach Tarent 
vgl. Gell. 13, 2, 2. — Die Sonderbarkeiten in der Diction des P. behandelt eingehend Eübik, 
De Ciceronia poetarum studiis p. 50. L. Müller, De Pacuvii fabulis, Berlin 1889. 

Statins Caecilius ist ein Insuhrer und gehört sonach dem kelti- 
schen Stamme an; ursprünglich Sklave mit dem Namen Statins, nahm er 
später den Gentilnamen seines Herrn Caecilius an (Gell. 4, 20, 13). Er 
war Hausgenosse des Ennius. Er schrieb nur Komödien, meist nach Me- 
nander; es sind über 40 Titel überliefert, in der Regel griechische. Die Frag- 
mente sind nur in ganz wenigen Fällen ausreichend, um einige Grundzüge 
der Handlung zu erkennen. Selten zieht ein Fragment unsere Aufmerk- 
samkeit in höherem Grade auf sich, wie z. B. das über die Macht des 
Liebesgottes (fr. 259) oder die Klage des Jünglings über die Nachsicht seines 
Vaters (fr. 199 bei Cic. de nat. d. 3, 29, 72). Gellius stellt 2, 23 aus dem 
Halsband {Plocium) mehrere Stellen der Übersetzung und des Originals 
zusammen, um zu zeigen, wie stark die Kopie vom Original abstach und 
wie willkürlich auch noch der Dichter verfuhr. Eine Roheit, von der im 
Original keine Spur vorhanden, ist besonders charakteristisch; einer Frau 
wird unterschoben, dass sie vom heimkehrenden Gatten geküsst sein will. 



k 



P. TerentiuB. gl 

damit er ausspeie, was er auswärts getrunken. Schon die grosse Anzahl 
der Stücke gestattet den Schluss, dass Caecilius, wenn auch nach manchem 
verfehlten Versuch (Prolog. Hecyr. 2, 14), lebhaften Anklang fand. Ja, als 
Terenz seine Andria zur Aufführung bringen wollte, erhielt er von den 
Adilen den Befehl, sie erst von Caecilius prüfen zu lassen. Von den spätem 
Kunstrichtem rühmt Varro sein nd&oq^ Horaz seine gravitas. 

Charis. p. 241 E. naSi] vero Trdbea et Caecüiua et Atilius facile moverunt. Hör. ep. 
2, 1, 59 dicüur vincere Caecüitis gravitate, Terentius arte. Skeptisch zu betrachieD sind 
die Worte Giceros ad Attic. 1, 3, 10 C. nuUua latinüatis auctor est. Das andere Lob 
Vabbo^s (Non. 1, GIO M.) in argumentia poscit palmam gebQhrt nicht Cäcilius, sondern seinen 
Originalen. An das Faktum der Vorlesung knüpft sieb eine Streitfrage. Die Andria wurde 
ir>6 V. Chr. aufgeführt. Nun berichtet aber Hieronymus zu 1838 = 179 v. Chr. (2, 125 Seh.): 
S. C. darvA habetur, natione Inhaber Goilus et Ennii primum conttibemalis, Quidam Me^ 
diolanensem ferunt, Mortuus est anno post mortem Ennii. Das Todesjahr wäre sonach 
168 V. Chr. Man hat dieses Jahr bezweifelt, weil man die Prüfung und die Aufführung des 
Stücks nicht zeitlich trennen wollte. Allein die Annahme, dass trotz des Lobes, das Cae- 
cilius der Andria spendete, dieselbe doch einige Jahre später zur Aufführung kam, kann 
nicht als eine unmögliche bezeichnet werden. 

6. P. Terentius und andere Palliadendichter. 

» 

41. Leben des P. Terentius Afer. Durch den Kommentar des 
Donat besitzen wir eine Biographie des Terenz, welche Sueton verfasst 
hat. Dieselbe stellt sich als ein Extrakt der verschiedenen Untersuchungen 
dar, welche die Gelehrten des Altertums über Terenz anstellten. Wie 
sehr in den Nachrichten über das Leben der Schriftsteller sich die Phan- 
tasie der Berichterstatter wirksam erwies, wie wenig Sicheres hier man 
eigentlich wusste, vermag das Suetonische Schriftstück aufs beste zur 
Anschauung zu bringen. Aus der Summe der Notizen über Suetons Leben 
wird sich folgender fester Kern herausschälen lassen. Das Leben und 
Wirken des Dichters Terenz fallt in die Zeit vom Ende des zweiten puni- 
schen Krieges bis zum Anfang des dritten. Er war geboren zu Karthago, 
der Beiname Afer weist aber darauf hin, dass er kein Punier war, son- 
dern einem afrischen (libyschen) Stamme angehörte.*) Durch Kauf oder 
durch Geschenk kam er in die Hände des römischen Senators Terentius 
Lucanus, der ihn wegen seiner hohen geistigen Anlagen und seiner kör- 
perlichen Vorzüge unterrichten Hess und später freigab. Als Freigelassener 
fand er Zugang zu den vornehmen Häusern des Scipio Africanus minor 
und des Laelius, was für seine Ausbildung höchst erfolgreich wurde, denn 
in jenem Kreise war edle griechische Bildung und feine Umgangssprache 
heimisch ; auch verkehrten dort die hervorragendsten Schriftsteller der da- 
maligen Zeit. Das erste Stück, mit dem Terenz auftrat (166), war das 
Mädchen von Andres. Der noch unbekannte Dichter musste aber diese 
Komödie erst dem berühmten Caecilius zur Prüfung vorlegen. Nach dem 
Mädchen von Andres schrieb Terenz noch fünf Komödien. Nachdem alle 
seine Schöpfungen aufgeführt waren — die letzten Aufführungen fallen in 
das Jahr 160 — , machte er eine Reise nach Griechenland, von der er 
nicht mehr zurückkehrte; er starb bereits 159. Dieses Jahr ist als ein 
fester Punkt im Leben des Terenz zu betrachten, d. h. auf eine wahre 
Überlieferung zurückzuführen. Dagegen scheint das Geburtsjahr auf Kom- 

1) Bähkeks, Fleckeis. 123, 401. 



62 Römische LitteratnrgeBchichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

bination zu beruhen. Die Biographie berichtet, dass Terenz, ehe er noch 
das fünfundzwanzigste Lebensjahr überschritten, die eben erwähnte Reise 
nach Griechenland im Jahre 160 unternahm. Sonach müsste er nahezu 
185 geboren sein. Allein dann würde Terenz bereits im Alter von 19 
Jahren sein Mädchen von Andres (166) aufgeführt haben, was ungewöhn- 
lich früh sein würde, da ein solches Werk doch auch längere Studien und 
Übungen voraussetzt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Jahr 185 des- 
wegen als Geburtsjahr des Terenz angesetzt wurde, weil es auch das Ge- 
burtsjahr des jüngeren Scipio war, dessen Beziehungen zu Terenz allge- 
mein bekannt waren. Wir müssen das Geburtsjahr des Terenz ohne 
Zweifel weiter hinauf rücken. 

Die Biographie des Terenz stand in Suetons Werk De mris illustrü)ti8 nnd zwar in 
dem Abschnitt de po'etis. Dieselbe ist vortrefflich von Ritschl bearbeitet in Reiffeb- 
8CHEID8 C Stietonii reliquiae und opusc. 3, 204. Zu dieser Biographie kommt noch der 
Zusatz des Donat, das sog. auctarium Donati. Die Differenzpunkte der alten Litterator- 
historiker beziehen sich 1) auf die Art und Weise« wie T. nach Rom kam; 2) auf das 
Verhältnis des T. zu Scipio und Laelius in freundschaftlicher und litterarischer Beziehung; 
8) endlich auf seinen Tod. — über die Unrichtigkeit des Geburtsjahrs 185 handelt vo^ 
trefflich Saüppe, Nachr. d. Gott. Ges. 1870 p. 111. 

42. Die Chronologie der Terenzianischen Komödien. Terenz schrieb 
sechs Komödien, welche sämtlich aufgeführt wurden. Die äussere Geschichte 
derselben lernen wir aus den didaskalischen Notizen kennen, welche den 
einzelnen Stücken (mit Ausnahmen der Andria) in den Handschriften vor- 
ausgeschickt werden und welche sich in den dem Donat zugeschriebenen 
praefationes (mit Ausnahme des Heautontimorumenos) vorfinden. Auf 
wen diese Notizen zurückgehen, lässt sich nicht bestimmt sagen, viel- 
leicht war die Quelle eine einschlägige Schrift VaiTos. In diesen didas- 
kalischen Notizen waren, wenn sie vollständig waren, folgende Punkte 
berücksichtigt: 1) Namen des Stücks und des lateinischen Dichters; 2) 
Festspiel der Aufführung; 3) die Leiter des Festspiels ; 4) Hauptschauspie- 
ler und Direktor der Truppe; 5) Komponist; 6) die Gattung der Flöten- 
musik; 7) Dichter und Titel des griechischen Originals; 8) die Nummer 
des Stücks in der Reihenfolge der Werke des Dichters; 9) die Konsuln 
des Jahrs, in dem die Aufführung des Stücks statt fand. Mit Hilfe 
dieser Angaben können wir Zeit der Aufführung und das Festspiel be- 
stimmen: 

166 Andria an den ludi Magalenses, 

163 Heautontimorumenos an den ludi Megalenses, 

161 Eunuchus an den ludi Magalenses, 

161 Phormio an den ludi Romani, 

160 Adelphoe an den ludi funerales des Aemilius Paulus, 

160 Hecyra an den ludi Romani. 
Bezüglich der Hecyra ist jedoch zu bemerken, dass bereits 165 an 
den ludi Megalenses eine Aufführung des Stücks versucht wurde, dieselbe 
aber nicht zu Stande kam, ferner dass 160 an den ludi funerales des 
Aemilius Paulus die Aufführung begonnen, aber nicht beendigt wurde. 
Als Darsteller für alle Stücke wird L. Ambivius Turpio genannt; wir wer- 
den ihn als den Hauptschauspieler und Direktor der Truppe anzusehen 
haben. Schwieriger ist es, die Aufgabe der in der Regel noch vorkQmmen- 



P. TerentiuB. 63 

den zweiten Persönlichkeit, des L. Hatilius aus Praeneste zu deuten. Ent- 
weder ist an ein Eompagniegeschäft mit einem zweiten Schauspieldirektor 
zu denken oder die neben Ambivius Turpio genannte Persönlichkeit war 
bei einer zweiten Aufjführung thätig. Der Komponist der Flötenmusik, 
welche von einem einzigen Bläser ausgeführt wurde, ist in allen Stücken 
Flaccus, der Sklave des Claudius. 

43. Die Stoffe der Terenzianischen Eomödien. Wir legen in der 
Aufzählung der Stücke die Zeit der Abfassung zu Grunde. 

1. Andria (DasMädchen von Andres). Pamphilus liebte ein verlasse- 
nes Mädchen aus Andres. Sein Vater Simo hatte ihm aber die Tochter des 
Chremes bestimmt. Und eine solche Verbindung war auch ganz nach dem 
Sinn und Wunsch des Chremes. Allein als Chremes von dem Liebesver- 
hältnis des Pamphilus Kunde erhielt, zog er seine Einwilligung zurück. 
Um nun eine feste Handhabe zu erhalten, gegen seinen Sohn ernstlich 
vorzugehen, fingiert Simo Vorbereitungen zur Hochzeit. Der listige Sklave 
Davus rät seinem Herrn Pamphilus, scheinbar auf die Heirat einzugehen, 
dadurch komme Simos' Plan in Verwirrung u. s. w. Allein bald darauf 
gelingt es Simo, Chremes umzustimmen, sodass dieser zum zweiten Mal 
seine Einwilligung zur Hochzeit gibt. Für Pamphilus wird die Situation 
um so peinlicher, als das Mädchen von Andres inzwischen eines Knaben 
von Pamphilus genesen ist. Doch Davus ist nicht verlegen, er weiss das 
neugeborene Kind dem Chremes vor Augen zu bringen. Jetzt weigert sich 
Chremes entschieden, dem Pamphilus seine Tochter zu geben. Da kommt 
zur rechten Zeit ein Fremder, durch den sich herausstellt, dass daa Mäd- 
chen von Andres eine Tochter des Chremes ist. Mit dieser Entdeckung 
steht der Verbindung des Pamphilus und des Mädchens aus Andros kein 
Hindernis mehr im Wege. Was wird aber jetzt aus der ersten von Pam- 
philus verschmähten Tochter des Chremes? Ihre Geschicke werden durch 
eine Nebenhandlung entschieden, deren Träger Charinus und sein Sklave 
Byrria sind. Charinus liebt die dem Pamphilus zugedachte Tochter des 
Chremes, dadurch berühren ihn die Verwicklungen des Stückes in hohem 
Grad. Die erwähnte Entdeckung bringt auch ihn zum erwünschten Ziel. 
Allein die Verlobung des Charinus kommt nicht mehr im Stück zur Dar- 
stellung, auf dieselbe wird als im Innern des Hauses vor sich gehend hin- 
gewiesen. 

Das Original ist die Andria des Menander, allein er benutzte auch 
die Perinthia desselben Dichters. Das Stück ist spannend geschrieben; die 
auftretenden Personen sind gut charakterisiert. Die Exposition der ersten 
Scene, in der ein sogenanntes ngoaionov nqotaxixov verwendet ist, muss 
als ganz vortrefflich bezeichnet werden. 

Die 'Jy^Qia und die JleQty&ia hatten das gleiche Argument, das sie aber nicht in 
gleicher Weise durchführten. Dies besagen die Worte des Prologs: non ita dissimüi sunt 
argumenta, et tarnen dissimüi oratione sunt factae ac stilo. Die erste Soene der beiden 
8tücke hatte aber auch fast gleichen Wortlaut; Donat zu prol. 10 2>Wyna scetia Perinthiae 
paene iisdem verbis quibus Andiia (Menandri) scripta est, cetera dissimilia sunt exceptis 
duobus locis, altera ad versus XI, altera ad versus XX qui in utraque fahula pasiti 
sunt; nur bestand ein Unterschied der Komposition, indem in der Andria die Scene einen 
Monolog des Alten, in der Perinthia einen Dialog zwischen ihm und seiner Frau enthielt (Donat 
prol. 13). Den Dialog der ersten Scene hat Terenz sonach aus der Perinthia genommen, 



f 



64 Römische Litteratnrgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

i'edoch mit der Modifikation, dass er statt der Frau den Freigelassenen einf&hrte. Die 
Nebenhandlung hat der Dichter selbst erfunden ; zu dieser Annahme wird man durch die 
klaren Worte Donats zu 2, 1^ 1 gezwungen: has persona» Terentius addidü fabtdae, nom 
nan sunt apud Mcnandrum. Vgl. Grauert, Analekten p. 198. Die Behauptung Ihim 
guaest, Terentionae, Bonn 1843 p. 8, dem Teuffel, Stud. p. 280 und Ribbeck, Gesch. der 
röm. Dichtung 1, 133 beistimmen, dass die beiden Personen aus der Perintbia entlehnt 
seien, ist eine irrige. 

Mit weisem Bedacht hat der Dichter auf die Verlobung des Charinns nur hinge- 
wiesen ; in jOngeren Handschriften findet sich ein zweiter Schluss, in dem diese Verlobang 
noch dargestellt wird. Dass dieser Schluss nicht von Terenz sein kann, steht fest Ober die 
Zeit der Abfassung desselben gehen die Ansichten sehr auseinander. Nach Ritscbl, Parerga 
p. 62 wurde derselbe bald nach Terenz von einem Dichter für eine zweite Aufführung g^ 
macht, dagegen teilt ihn einem Schauspieler der auf Terenz folgenden Zeit Gbeifeld, De 
Andriae geniino exitu, Berl. 1886 p. 41 zu, einem Gelehrten des II. Jahrb. n. Ch. Dziatzko 
(Fleckeis. J. 1876 p. 235), Braun, Quaest. Ter. p. 21 einem solchen des IV. Jahrh. n. Ck 
Einen dritten Schluss, in dem auch Simo auftritt, hat Zucker in einem Erlanger G»dex 
entdeckt, vgl. Schmidt, Über die Zahl der Schauspieler bei PI. und Ter. p. 39. 

2. Hecyra (Die Schwiegermutter). Pamphilus, der eine Hetäre 
liebte, wird von seinem Vater zur Ehe mit Philumena gezwungen. Er 
lässt sie daher unberührt, aber von Tag zu Tag ziehen ihn die treflflichen 
Eigenschaften der Frau mehr an. Eine angefallene Erbschaft führt ihn 
in die Fremde. Wähi'end seiner Abwesenheit zieht sich Philumena von 
der Schwiegermutter zurück und kehrt schliesslich ins väterliche Haus zu- 
rück. Daraus erwachsen der armen Schwiegermutter, von der das Stück 
den Namen hat, Vorwürfe von Seiten ihres Gatten; die Schuld an dem 
Zerwürfnis wird auf sie abgeladen. Da kommt Pamphilus von seiner Reise 
zurück und erfahrt zu seinem Schrecken, dass seine Frau schon vor der 
Hochzeit infolge einer nächtlichen Vergewaltigung schwanger war und 
eben einen Knaben geboren hatte. Da er der Mutter der Philumena 
Schweigen gelobt und auch sein Schwiegervater den wahren Sachverhalt 
nicht erfährt, kommt er mit seiner Weigerung, seine Frau ins Haus zu- 
rückzuführen in eine peinliche Situation. Aus derselben befreit ihn die 
von ihm früher geliebte Hetäre. Man hatte sie kommen lassen, weil man 
noch an fortdauernde Beziehungen derselben zu Pamphilus glaubte. Sie 
trägt den King, den Pamphilus einst Nachts einem Mädchen abgezogen 
und ihr zum Geschenk gemacht hatte. Es war der Ring, den bei jenem 
nächtlichen Abenteuer Philumena verloren hatte. Somit war der Vater 
des geborenen Knaben entdeckt, es war Pamphilus selbst. Das Stück hat 
keine komischen Scenen, es ist ein Familienstück mit einer einfachen Ver- 
wicklung. Da der Hecyra alle heiteren Momente fehlen, so begreift man, 
wie das römische Publikum nur schwer für dieselbe zu erwärmen war. 

In Bezug auf das Original bestehen abweichende Angaben. Donat fOhrt in seinem 
Kommentar 5 Stellen aus ApoUodor an und vergleicht damit den lateinischen Wortlaut 
Der Codex Bembinus nennt dagegen in der Didaskalie als Original ein Stück Menanders 
(Graeca Menandru). Es kann keinen Augenblick zweifelhaft sein, dass die letzte Angabe 
gegenüber der ersten, welche uns Originalstellen mitteilt, nicht beachtet werden darf, und 
dass wir denmach eine ^Exvgti des ApoUodor als Vorlage für Terenz anzusehen haben. 
Wenn Donat in der praef. zur Hecyra sagt: haec fabula Apollodari dicitur esse Graeca 
(ähnlich im Auctarium zur vita), so werden wir nicht daraus schliessen, dass Donat an der 
Autorschaft ApoUodors gezweifelt hat, sondern dass er die Originale nicht selbst eingesehen, 
sondern Gewährsmännern folgt. Wenn endlich Apoll. Sidon. £p. 4, 12 Ähnlichkeit zwi- 
schen der Hecyra und den 'EntrQinoyteg Menanders finden will, so besagen diese Worte 
nichts über das Original der Hecyra. Nur soviel lassen sie erkennen, dass die *EniTQinoyTes 
dies nicht waren. Hildebrandt, De Hecyrae Terentianae origine, Halle 1884 wül eine 
spätere misslungene Überarbeitung des Stücks durch den Dichter nachweisen (p. 51). 



H. TerentiuB. 65 

3. Heautontimorumenos (Der Selbstpeiniger). Menedemus hatte 
seinen Sohn Clinia, der die Antiphila liebt, durch seine fortwährenden 
Vorwürfe in fremden Kriegsdienst getrieben. Aus Reue darüber legt sich 
Menedemus die grössten Entbehrungen auf und quält sich Tag und Nacht 
für seinen Sohn. Diesen seinen Kummer legt er seinem Nachbar Chremes 
dar, dessen Sohn Clitipho ein heimliches Liebesverhältnis mit der ver- 
schwenderischen Bacchis unterhält. Clinia kam bald von der Fremde zu- 
rück, aus Furcht vor seinem Vater steigt er heimlich bei seinem Freunde 
Clitipho ab. Das Erste ist, dass er Erkundigungen über die Antiphila ein- 
ziehen lässt. Der Sklave Syrus bringt sie selbst, aber mit ihr auch die 
Bacchis ins Haus des Chremes, dem vorgespiegelt wird, die Bacchis sei 
die Geliebte Clinias; zu ihrem Gefolge gehört Antiphila. Chremes teilt 
dem Menedemus die Ankunft Clinias mit, zugleich schildert er die Ver- 
schwendungssucht der Bacchis. Als Menedemus trotzdem in seiner Freude 
über die Ankunft des Sohnes zu allen Opfern bereit ist, so rät Chremes 
ihm, wenigstens sich dieselben ablocken zu lassen, damit auf seine Güte 
nicht allzusehr gesündigt werde. Ja er muntert sogar den Syrus zu 
einem Anschlage gegen Menedemus auf. Da wird durch einen Ring die 
Entdeckung gemacht, dass Antiphila die Tochter des Chremes sei. Die Ent- 
deckung bringt aber den Trug, dass Bacchis die Geliebte Clinias sei, in 
grosse Gefahr, das Liebesverhältnis des Clinia und der Antiphila braucht 
ja jetzt nicht mehr die Öffentlichkeit zu scheuen. Syrus fordert daher den 
Clinia auf, wenn er ins väterliche Haus zurückkehre, auch die Bacchis 
mitzunehmen, seinem Vater aber den Sachverhalt darzulegen. Eine neue 
Schwierigkeit stellt sich ein, die Bacchis verlangt die ihr versprochenen 
zehn Minen. Syrus entlockt mit Leichtigkeit dieselben dem Chremes. Allein 
die Täuschung bezüglich der Bacchis naht ihrem Ende. Zwar stellt sich 
Chremes, als ihm Menedemus die Wahrheit mitteilte, noch immer ungläu- 
big und vermutet eine dem Menedemus gestellte Falle — Syrus hatte ja 
ebenfalls die Wahrheit von diesem Gesichtspunkt aus mitgeteilt — allein 
nur zu bald muss er erkennen, dass er der Übertölpelte ist. In Zorn ent- 
brannt will er Clitipho enterben, allein der gütliche Zuspruch der Mutter 
und die Bereitwilligkeit Clitiphos, die Bacchis fahren lassen und eine or- 
dentliche Ehe eingehen zu wollen, versöhnt ihn; auch Syrus erhält Ver- 
zeihung. 

Das Stück ist sehr mittelmässig. Die Intrigue ist schwach, es ist 
kein rechter Zug in derselben, dem Syrus fehlt ein fester Plan, wir wer- 
den hin und her geworfen. Die einzige Komik des Stückes besteht darin, 
dass Chremes, der so klug zu sein glaubt und die väterliche Strenge durch- 
aus gewahrt wissen will, selbst ein Opfer der Täuschung wird. Der Charakter 
des Selbstquälers verliert sich sofort nach dem ersten Akt, aus demselben 
wird fast ein Schwächling. Charakterfigur des Stückes ist bloss Chremes. 

Ausdrücklich sagt der Prolog, dass der Dichter hier keine Kontamination vorgenom- 
men. Den Charakter des Stückes bestimmt der Prolog, indem er es eine fabula stataria 
nennt, d. h. ein Stück mit ruhiger, gemessener Handlung. Über die Komposition siehe 
Yekedioeb, Fleckeis. J. 109, 129, der nachzuweisen versucht, dass Terenz die sich auf 
Clitipho und Bacchis beziehenden Scenen aus eigener Erfindung hinzugefügt habe; allein 
dem widerstreitet Prol. v. 4. Vgl. Kampe, Die Lustspiele des Terenz und ihre griech. 
Originale, Halberst. 1884 p. 15. 

B»ndbiich der kUaa. AltertnmuwiiaenflobAft vm. 5 



\ 



66 Bömische LitteraturgeBchichte. t. Die 2eit der ftepnblik. ä. Periode. 

4. Eunuchus (Der Verschnittene). Mit der Hetäre Thais war 
ein schönes Mädchen aufgezogen worden, das die Mutter als Geschenk von 
einem Kaufmann erhalten; es war ein geraubtes Kind. Nach dem Tod 
der Mutter hatte der habgierige Bruder der Thais das Mädchen zum Ver- 
kauf ausgeboten. Zum guten Glück kam gerade der Geliebte der Thais, 
der Soldat Thraso dazu, er kauft, ohne den Sachverhalt zu kennen, das 
Mädchen, Pamphila mit Namen, als Geschenk für seine Freundin. Die 
Übergabe verzögert sich aber, weil Thais auch dem Phaedria ihre Gunst 
zugewendet hatte. Um den Soldaten zu beruhigen, bestimmt Thais den 
Phaedria, sich auf zwei Tage von ihr zurückzuziehen; denn auf den Be- 
sitz der Pamphila legt sie den höchsten Wert, da sie deren Bruder auf 
der Spur zu sein glaubt. Phaedria fügt sich in das Unvermeidliche; ehe 
er sich zurückzieht, gibt er seinem Sklaven Parmeno den Befehl, die für 
Thais gekauften Geschenke, eine äthiopische Magd und einen Eunuchen, 
an Ort und Stelle zu bringen. Auch der Soldat lässt jetzt die Pamphila 
von seinem Parasiten Gnatho ins Haus der Thais bringen. Der Zufall 
wollte, dass Phaedrias Bruder Chaerea der Pamphila ansichtig wird ; er ent- 
brennt in Liebe zu ihr und wünscht in ihre Nähe zu kommen. Scherzend 
riet ihm Parmeno, das Kleid des Eunuchen anzuziehen und sich in dieser 
Verkleidung ins Haus der Thais führen zu lassen. Chaerea greift mit Leiden- 
schaft diesen Plan auf, er kommt als verkleideter Eunuche in die Nähe 
der geliebten Pamphila. Das Unheil, das er hier angerichtet, erfahren wir 
aus der Unterredung, die er mit einem ihm begegnenden Freunde pflegt. 
Im Hause der Hetäre entsteht eine grosse Verwirrung. Die Mägde mel- 
den die Gewaltthat und Flucht des Eunuchen dem Phaedria. Dieser holt 
den wirklichen Eunuchen aus dem Hause — es stellt sich heraus, dass 
der Übelthäter ein ganz anderer, — der Bruder Phaedrias ist. Die 
weitere Entwicklung der Handlung knüpft sich an Pamphila. Durch das 
Erscheinen ihres Bruders Chremes entsteht eine eifersüchtige Scene zwi- 
schen dem Soldaten und der Thais; der Soldat will sein Geschenk, die 
Pamphila wieder haben, er schreitet in komischer Weise mit seinen Tra- 
banten zu einem militärischen Angriff; da proklamiert Chremes die Pam- 
phila als seine freigeborene Schwester. Durch diese Erklärung erhält jetzt 
Chaerea auch die Möglichkeit, sein Unrecht zu sühnen, er erbittet sich die 
Pamphila zur Frau. Phaedria kann wieder in den Besitz seiner geliebten 
Thais treten, jedoch räumt er auch dem Soldaten einen Anteil ein, damit 
er die Kosten der Liebe auf dessen Schultern abladen kann. Parmeno 
büsst durch die namenlose Angst, in die ihn die Erzählung einer listigen 
Magd von dem seinem Herrn drohenden Unheil versetzt hatte, für seinen 
Ratschlag. 

Aus dieser Darlegung dürfte erhellen, wie spannend diese Komödie 
geschrieben ist. Sie erregt unser Interesse durch den von der Heeres- 
strasse abliegenden Stoff, den sie behandelt. Die einzelnen Phasen der 
Handlung sind enge verbunden. Die Personen sind vortrefflich gezeich- 
net; besonders gelungen ist Chaerea und unter den Nebenpersonen die 
Magd Pythias. Das Original ist der Eunuch des Menander; aber den 
Soldaten und den Parasiten entlehnte er dem „Schmeichler*' desselben 



P. Terentiiis. g7 

Dichters.*) Es sind dies zwei köstliche Figuren. Wir hegreifen, dass 
das Stück so sehr dem Puhlikum gefiel, dass es sofort wiederholt werden 
musste, und dem Dichter ein grosses Honorar eintrug. 

Die Komposition beleuchten vorzugsweise folgende Zeugnisse: Schol. zu Pers. Sat. 
5, 161 hunc locum de Menandri Eunucho traxU, in quo Darum servum Chaerestratus ado^ 
lescens adloquitur, tanquam amare Chrysidis meretricis derelicttis, idemque tarnen ab ea 
revocatus ad illam redit. apud Terentium personae inmutatae sunt. Donat zu 3, 4, 1 bene 
inventa persona est, cui narret Chaerea, ne unus diu loquatur, ut apud Menandrum. Pro- 
log. 30 Co lax Menandrist: in east parasitus colax et miles gloriosus: eas se non negat 
personas transtulisse in Eunuchum suam ex Graeca, Warum Terenz Personennamen ge- 
ändert hat — beim Menandrischen Eunuchus (wie beim Kolax in der eingeschobenen Partie) 
— dafür vermögen wir keinen Grund anzugeben. Was den zweiten Punkt, die Einführung 
des Antipho (539) betrifft, so sehe ich keinen Grimd, der Kotiz des Donat mit Ihne, 
Qoaest. Ter. p. 15 und Teuffel, Stud. p. 282 zu misstrauen ; denn die Möglichkeit wird nicht 
geläugnet werden können, dass Chaerea auch in einem Monolog seine Schandthat bekannt 
geben konnte. Freilich ist der Dialog hier passender. Die richtige Auffassung der letzten 
Stelle hängt von der Vorstellung ab, die man sich vom Eunuchen Menanders macht. Fast 
zweifellos erscheint, dass auch dieses Stück einen Rivalen dem Liebhaber gegenüber- 
stellte. Das Zerwürfnis mit der Geliebten, auf das auch Fragmente hinweisen, die Tren- 
nung für einige Tage und anderes erklären sich so auf einfache Weise. Dass aber gerade 
ein Soldat der Rivale war, lässt sich natürlich nicht behaupten, ja es ist nicht einmal 
nach der obigen Stelle wahrscheinlich. Die Kontamination wird darin bestanden haben, 
dass Terenz den einfachen Rivalen durch zwei Charakterfiguren, den Soldaten und den 
Parasiten des Kolax ersetzt hat. Vgl. Grauebt, Anal. p. 168. Interessant ist es, was der 
Prolog weiter berichtet, dass der Kolax schon früher lateinisch bearbeitet war. 

Über die ganze Frage der Komposition handelt Braun, Quaest. Terent. p. 23 — 40, 
der aber den Rivalen im Eunuchen Menanders läugnet. Über die Benützung des Eunuchus 
durch UoLBERO vgl. Lorenz, Miles^ p. 243. 

5. Phormio. Dieses Stück ist nach dem ^Emdixa^oiievoq des Apol- 
lodor bearbeitet; Terenz nahm aber statt der für die Römer weniger ver- 
ständlichen Appellativbezeichnung das Nomen proprium. Phormio ist der 
Parasit, der die Intriguen durchführt. Die zwei Brüder Chremes und De- 
mipho waren verreist. Während ihrer Abwesenheit übertrugen sie die 
Aufsicht über ihre Söhne dem Sklaven Geta. Allein dieser hielt mehr zu 
den Söhnen als zu den Vätern. So konnte es geschehen, dass die beiden 
jungen Herrn in Liebeshändel verflochten wurden. Antipho, Demiphos Sohn, 
hatte eine Ehe mit einer armen Waise Phanium aus Lemnos eingegangen, 
nach einer von Phormio eingefädelten Intrigue scheinbar als nächster Ver- 
wandter durch das Gesetz dazu gezwungen, wobei Phormio den Kläger 
machte {imdixa^oiisvog). Phaedria, der Sohn des Chremes aber hatte sich 
in eine Zitherspielerin verliebt. Im Verlaufe der Komödie wird Phaedria 
von dem Missgeschick betroffen, dass der Kuppler die Zitherspielerin ver- 
kauft hat und nur auf vieles Zm*eden hin sich bestimmen lässt, wenn Phaedria 
des andern Tags die Kaufsumme (von 30 Minen) früher erlege, die Zither- 
spielerin ihm überlassen zu wollen. Den heimgekehrten Vätern gegenüber 
gilt es nun einmal, die Ehe Antiphos aufrecht zu erhalten, dann das Löse- 
geld für die Geliebte Phaedrias aufzutreiben. Beide Aufgaben löst Phor- 
mio; er setzt zuerst beim Zweiten an. Dem über die Ehe Antiphos be- 
stürzten Vater erklärt er, er wolle Phanium selbst heiraten, wenn ihm 30 
Minen gegeben würden. Seine List glückt ihm. Aber was wird nun aus 
Antipho ? 



') Dies zeigt trefflich Grausbt, Anal. p. 153. Über THraso vgl. Ribbeck, Alazon 
p. 39, LoBSKZ, Miles^ p. 236. 



68 Römische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Eepublik. 2. Periode. 

Hier wäre nun eine neue Intrigue des Parasiten notwendig gewesen, 
um zunächst einen Aufschub seiner Heirat mit Phanium zu bewirken. AUein 
die Lösung führt die Tyche herbei, Phanium wird als die Tochter des 
Chremes aus einer Verbindung, die er in Lemnos hatte, erkannt. Sie war 
Antipho ohnehin zugedacht, er ist also ihres Besitzes sicher. Phormio 
aber zieht sich und Phaedria dadurch aus der Schlinge, dass er die Liebe 
des Chremes dessen Frau denunziert. 

Die einfache Intrigue ist gut und frisch durchgeführt und die beiden 
Alten und die beiden Jungen sind trefflich gezeichnet. 

MoLii^BE's Les fourberies de Scapin stehen unter dem Einfloss des Terenzianischen 
Phormio. 

6. Adelphoe (Die Brüder). Das Stück führt uns zwei Brüder, 
Micio und Demea vor; der erste ist ein feiner Junggesell, der andere ein 
strenger, engherziger Bauer. Neben diesen beiden Alten lernen wir die beiden 
Söhne Demeas kennen, den Aeschinus, der von Micio, und den Ctesipho, 
der von Demea erzogen wird. Die Erziehung leitet natürlich Jeder nach 
seiner Weise. Micio vertritt milde und liberale Grundsätze, Aeschinus 
strenge und altvaterische. Das Resultat ist aber bei beiden das gleiche, 
Aeschinus hat hinter dem Rücken seines Onkels Pamphila, die Tochter 
einer armen Witwe Sostrata verführt, Ctesipho heimlich ein Liebesverhält- 
nis mit einer Zitherspielerin angefangen. Die Verwicklung, welche das 
Stück darbietet, besteht darin, dass Aeschinus die Zitherspielerin (Vs. 451) 
dem Kuppler, der sie verkaufen will, entreisst und dadurch einen öffent- 
lichen Skandal hervorruft. Diese Gewaltthat kommt zur Kenntnis der So- 
strata; die vermeintliche Untreue des Aeschinus ruft dort die grösste Be- 
stürzung hervor. Auch Demea hatte Kunde von Aeschinus* Gewaltthat er- 
halten; sein Unwille gegen Micios Erziehungsweise tritt stark hervor; er 
freut sich, dass wenigstens der von ihm erzogene Sohn andere Bahnen 
einschlägt. Der Sklave Syrus bestärkt ihn boshaft in seinem Glauben. 
Da muss er die Entdeckung machen, dass Ctesipho so schlimme Wege 
wandelt wie sein Bruder. Nachdem Demea zur Erkenntnis gelangt ist, 
dass er mit seiner Erziehung Schiffbruch gelitten, geht er zu dem entge- 
gengesetzten System über; er will jetzt Micio an Liberalität überbieten 
und führt dies gleich praktisch durch, jedoch so, dass Micio fast allein die 
Kosten trägt. Aus lauter Liberalität muss Micio sogar die alte Sostrata 
zur Frau nehmen. Was will der Dichter mit diesem sonderbaren, ja un- 
vernünftigen Vorgehen Demeas? Bisher hatte Demea den Spott tragen 
müssen; auch waren die Sympathien der Zuschauer sicher mehr auf Sei- 
ten des frischen und selbständigen Aeschinus als auf selten des ängst- 
lichen, auf fremde Hilfe angewiesenen Ctesipho. Allein auch die Er- 
ziehungsmethode Micios hatte ihre grossen Schattenseiten, sie ging in 
der Nachsicht und Milde zu weit, sie artete in Schwäche aus. Wie 
leicht aber auf diesem Wege Beifall erlangt werden kann, legt der 
Dichter durch eine starke Übertreibung am Schlüsse dar. Das rich- 
tige Erziehungsprinzip beruht auf Strenge und Milde zugleich; und 
dieses spricht Demea deutlich aus, wenn er Willfährigkeit nur am 
rechten Platz gestatten und in das ungebundene Treiben der Söhne, 



k 



P. TerentiuB. 



69 



wenn es Not thut, mit einem Tadel oder einer Korrektur eingrei-^ 
fen will. 

Das Stück verdient schon darum die grösste Beachtung, weil dasselbe 
ein praktisch-ethisches Problem behandelt. Die psychologische Durchfüh- 
rung dieses Problems erhält unser Interesse bis zum Schluss, in dem uns 
die erzwungene Heirat Micios abstösst. Das Original war eine gleich- 
namige Komödie Menanders, hinein verwoben wurde noch eine Scene der 
„Miteinandersterbenden^ des Diphilus. 

Von Menander gab es zwei Stücke des Namens '^deXtpoi. Das eine liegt dem plau- 
tinischen Stichus zu Grunde, das zweite bearbeitete Terenz für die vorliegende Komödie. 
Allein die lateinische Bearbeitung nahm Änderungen am Original vor, deren wir einige 
vorführen wollen. Bei Menander geht Micio bereitwillig auf die ihm angesonnene Ehe 
ein, bei Terenz sträubt er sich dagegen (Donat zu Vs. 938). Durch dieses Sträuben wird 
aber für uns die Sache noch peinlicher, denn jetzt erscheint die £he als Strafe. Andern- 
falls wirft die sofortige Bereitwilligkeit, Sostrata zur Frau zu nehmen, ein Licht auf den 
leichtsinnigen Charakter Micios. Eine zweite, minder wichtige Abweichung, die Donat zu 
Vs. 351 anmerkt, besteht darin, dass bei Menander für die Sostrata ihr Bruder eintritt, 
bei Terenz dagegen ein Verwandter ihres verstorbenen Mannes. Diese Änderung steigert 
die Hilflosigkeit und Verlassenheit der armen Familie (Grauert, Anal. p. 146). 

Ausser den Änderungen, die am Original vorgenommen wurden, verschmolz Terenz 
auch noch eine Scene der ^vyano&yiJaxoyTeg des Diphilus mit seiner Bearbeitung. Es ist 
dies die erste Scene des zweiten Aktes, in der die Zitherspielerin dem Leho gewaltsam 
entrissen wird (Prolog. Vs. 9). Allein der fremde Ursprung dieser eingeschobenen Partie 
ist noch ersichtlich, das entrissene Mädchen ist hier eine Freie (vgl. Vs. 194), in den Adel- 
phoe dagegen ist die Zitherspielerin eine Sklavin. Ob die Entlehnung noch weiter geht, 
ist strittig und verschieden beantwortet worden. Siehe Grauert, Anal. p. 134; Ihne, Quaest. 
Ter. p. 26 ; Teuffel, Stud. p. 284 ; Spenoel, Ausg. p. XIII ; Dziatzko, Ausg. p. 9. Vgl. noch 
über die Komposition Fielitz, Fleckeis. J. 97, 675 mit den Entgegnungen von Klasen, 
Quam rationem Terentius in contaminatis fabulis componendis secutus esse mdeatur P, I qtiae 
Adelphos complectitur. Rheine 1884, p. 16. 

44. Charakteristik des Terentius. Aus unseren Darlegungen über 
die Stoflfe der Terenzianischen Komödien hat sich ergeben, dass nur zwei 
griechische Dichter die Originale geliefert haben, Menander und Apollodo- 
rus. Terenz griff bloss nach den Dichtern, welche ihm ruhig gehaltene 
Komödien darboten. Es fragt sich, wie der Dichter sich zu seinen Ori- 
ginalen verhält. Eines ergibt sofort die Lektüre der sechs Komödien, dass 
nirgends der griechische Charakter verwischt wurde. Es findet sich in 
sämtlichen Stücken so gut wie keine Anspielung auf römische Verhältnisse. ') 
Nicht einmal die Titel mag der Dichter latinisieren, auch die „redenden 
Namen" der auftretenden Personen, selbst wenn sie Terenz erfunden hat, 
sind durchweg griechische. Wollen wir nun weiter feststellen, in wel- 
chem Grade Terenz seine Originale erreicht hat, so sind wir bei dem 
Fehlen derselben auf Zeugnisse angewiesen. Zum Glück rühren diese 
von bedeutenden Sachkennern, von Cäsar und Cicero her. Cäsar nennt 
den Terentius einen „halbierten Menander", da er zwar die Feinheit und 
Zierlichkeit seines Vorbilds erreiche, nicht aber seine Kraft. Ganz ähn- 
lich lautet das Urteil Ciceros: Terenz habe uns den Menander mit ge- 
dämpften Affekten {sedatis niotibus) gegeben. Diese Urteile werden durch 



1) Ich weiss, dass man auch hei Terenz 
Anspielungen auf römische Verhältnisse und 
Änderungen zu Gunsten des römischen Pub- 
likums hat finden wollen (vgl. Regel, Terenz 
im Verhältnis zu seinen griech. Originalen, 



Wetzl. 1884 p. 12: ,Den auf griechischem 
Grunde gehaltenen Komödien ist eine ge- 
wisse römische Färbung gegeben*), allein die- 
selben sind sehr zweifelhafter Natur und 
scheinbar. 



i 



70 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

die erhaltenen Komödien bestätigt. Alles Schwergewicht fällt auf das 
ri&oq^ nicht auf das ndd^oq. Alle derbere Komik, alles Zotenhafte und 
Burleske ist vermieden. Auch das lyrische Element tritt sehr in den Hin- 
tergrund und infolge dessen sind die metrischen Gebilde bei ihm einfacher 
und dürftiger als bei Plautus. Im übrigen scheint er sich treu an sebe 
Vorlage gehalten zu haben, nur von einem Kunstmittel hat er reicheren 
Gebrauch als seine Vorgänger gemacht, von der sogenannten Kontamina- 
tion, die wir in der Hälfte der Stücke mit Sicherheit nachweisen konnten. 
Aber gerade dieses Hineinarbeiten von Partien aus fremden Stücken lässt 
schliessen, dass es dem Dichter an eigener Erfindungsgabe mangelte. Mit 
der Kompositionsweise des Terenz steht auch seine Sprache in Einklang. 
Wenn Plautus die Sprache der Gasse spricht, so spricht Terenz die Sprache 
des Salon. Den komischen Verdrehungen, den Neubildungen, den griechi- 
schen Brocken des Plautus geht er aus dem Weg. Wie Cäsar urteilt, ist 
Terenz Freund des reinen Stils, nach Cicero ist seine Sprache zierlich und 
anmutig. Die Verschiedenheiten, welche Terenz von Plautus trennen, er- 
klären sich, wenn man das Publikum ins Auge fasst, an das sich Terenz 
wendet. Es ist die vornehme, von hellenistischen Ideen erfüllte Gesell- 
schaft Roms, die für ihn bei der Komposition und der Darstellung mass- 
gebend war. Wenn seine Gegner, unter denen sich besonders Luscius 
Lanuvinus hervorthat, die Meinung verbreiteten, dass vornehme Leute ihm 
bei der Bearbeitung der Komödien an die Hand gingen — es wurden be- 
sonders Scipio und Laelius genannt — , so werden wir aus dieser Nach- * 
rede den Schluss ziehen dürfen, dass Terenz' Dichtungen in jenen Kreisen 
reichen Beifall fanden. 

Über sein litterarisches Schaffen und seine litterarischen Kämpfe geben die Prologe 
interessant« Aufschlüsse. Bei Terenz dient nämlich der Prolog wesentlich dazu, die Ajq- 
gelegenheiten des Dichters oder Direktors dem Publikum vorzutragen. Die Darlegung d^ 
Arguments, die früher dem Prolog zugewiesen war, konnte dadurch erspart werden, dass 
in dem Stück selbst eine klare Exposition gegeben wurde. Hiezu dienen (in Andria, 
Phormio, Hecyra) Tigocatna nQoranxa d. h. Personen, welche im Eingang auftreten, um 
die Zuschauer in die Handlung des Stücks einzuführen, dann aber vom Schauplatz ver- 
schwinden. Zu allen Stücken sind Prologe erhalten, zur Hecyra sogar zwei, nämlich Reste 
eines zur zweiten versuchten Aufführung, ein vollständiger zur dritten. Ob sich von den 
übrigen Prologen auch manche auf eine spätere Aufführung beziehen, ist strittig. In der 
Andria hängt die Entscheidung ab von der Auffassung des Plurals im Verse 5 nam in 
prologis scrihundis operam abutiturf ob prologia im eigentlichen Sinn zu verstehen ist oder 
nicht. Gesprochen wurden der Prolog zum Heautontimorumenos und der zweit« zur Hecyra 
vom Schauspieldirektor L. Ambivius, die übrigen von einem jüngeren Schauspieler in einem 
besonderen Kostüme. 

Drei Vorwürfe sind es, welche die Gegner gegen Terenz erheben und welche er zu 
widerlegen sucht, 1) die Kontamination (Andria 16); 2) Beihilfe von seit«n seiner vorneh- 
men Freunde (Adelphoe 15); endlich 3) tenuis oratio et scriptura levis (Phorm. 5). — 
DziATZKo, De proJogis Plaut, et Terent. quaest. sei. Bonn 1863; Schindler, Ohserv. crit. 
et hist. in Ter. Halle 1881 ; Havet, Hernie de philol. 10, 16. Roericht, Quaest. scenieae 
ex prologis Terentianis petüae, Strassb. 1885 ; Boissier, Les prologues de T4rence (M^lan<,es 
Graux p. 79). 

46. Fortleben des Terentius. Auch nach dem Tode des Terenz 
wurden seine Stücke noch aufgeführt. Man griff gern zu den Meistern 
zurück, da es bald an Palliatendichtern fehlte. Für diese zweiten Auf- 
führungen geben uns die didaskalischen Notizen Anhaltspunkte. Aus den- 
selben hat DziATZKO *) eine zweite Aufführung der Andria in der Zeit von 

>) Über die Terenz. Didaskalien Rh. Mus. 20, 570; 21, 64. 



P. TerentiuB. 



71 



143 — 134, des Eunuchus im Jahre 146, des Heautontimorumenos*) im Jahre 
146, des Phormio^) im Jahre 141 erschlossen. Aber nicht bloss im Re- 
pertoire erhielt sich Terenz längere Zeit, auch in den Kreis der gelehrten 
Forschung trat er ein. Es beschäftigten sich mit ihm die Litteraturhisto- 
riker, Biographen, Altertumsforscher; aus der von Sueton verfassten vita 
lernen wir eine ganze Reihe von solchen Gelehrten kennen: Fenestella, 
Cornelius Nepos, Porcius Licinus, Volcacius Sedigitus, Varro, Santra, Q. 
Cosconius, Cicero, Caesar. Aus dem Auctarium Donati kommt noch hinzu 
der Kritiker Maecius (Tarpa) und der Dichter Vagellius oder wie er hiess. Auf 
scenische mit Terenz zusammenhängende Studien weisen unsere Didaska- 
lien hin. Sie fanden wohl ihren Abschluss in der ausgedehnten Thätigkeit 
M. Varros. Als Terenz dem Sprachbewusstsein ferner trat, war kommen- 
tierende Thätigkeit geboten. Solche bezeugt von Probus, Aemilius Asper 
der Kommentar des Donat, von Helenius Acro (zum Eunuchus und den 
Adelphi) und vielleicht von Arruntius Celsus (zum Phormio) lateinische 
Grammatiker. Erhalten ist uns einmal ein Kommentar unter dem Namen 
des Aelius Donatus s. IV zu allen Stücken mit Ausnahme des Heautonti- 
morumenos. Allein dieser Kommentar ist kein einheitliches Werk. Es 
sind zwei Hauptmassen zusammengeflossen, ein Kommentar des Donat und 
ein solcher des Euanthius, eines älteren Zeitgenossen Donats.^) In dem 
Kommentar stecken Notizen, die für uns sehr wertvoll sind. Besonders 
interessieren uns die Vergleichungen der griechischen Originale. Einen 
weit geringeren Nutzen hat für uns der Kommentar des Eugraphius ; der 
Zweck dieses Kommentars ist, den Schülern die rhetorischen Regeln an 
der. Hand des Terenz darzulegen. Dies setzt aber das Verständnis des 
Autors voraus. Es werden daher auch erklärende Bemerkungen gegeben. 
Hier waren ihm Quellen ein Virgilkommentar und die Terenzkommentare 
des Donatus und Euanthius und zwar wahrscheinlich in ihrem unverbun- 
denen Zustand. '') Die rhetorischen Bemerkungen haben nur für die Ge- 
schichte der Rhetorik und des Unterrichts einige Bedeutung.*») Ohne Wert 



') Geppert dagegen über die Terenz, 
Didaskalien, Jahrb. Suppl. 18 (1852) p. 560 
nimmt das J. 138 an. 

') RiTSCHL erachtet auch das Jahr 140 
für möglich (Parerga p. 251 Anm.), Leo, Rh. 
Mos. 38, 342, dagegen hält mit WiLHAims 
das COS. für falsch und glaubt, dass die 
Caepiones vielmehr in gleichem Jahr ^dilen 
waren, d. h. etwa 149 — 147. Von der He- 
cyra sehe ich ab, da hier die ßchlussfolge- 
rung auf dem zweiten Schauspieler L. Sergius 
beruht. Von den Adelphoe wollte Dziatzko 
früher mit andern die Aufführung des Jahres 
160 als die zweite ansehen ; neuerdings 
(Ausg. des Phormio p. 12) stellt er die Sache 
als zweifelhaft hin. 

*) So ist z. B. in dem unserem Kommentar 
vorausgehenden commentum de comoedia (her- 
ausgegeben von Reiffebsch^id, Bresl. Ind. 
lect. 1874/5) der erste Teil bis 8, 4 von 
£uanthius, der folgende von Donat. Die 
den einzelnen Stücken vorausgeschickten 



praefationes legt man gewöhnlich dem Donat 
bei, während Scheidemantel , Quaestiones 
Eimnthianae, Leipz. 1883 sie dem Euanthius 
beigelegt wissen will (p. 25 — 46). Zur Schei- 
dung des Eigentums der beiden hat Usener 
ein Kriterium Rh. Mus. 23, 495 aufgestellt. 
Auch ScHEiDEiiANTEL p. 47 uud Leo, Rh. 
Mus. 38, 330 beschäftigen sich mit dieser 
Frage. Ehe eine kritische Ausgabe Donats 
vorliegt, ruhen solche Untersuchungen auf 
keinem festen Boden. 

*) Gebstenbero, De Eugraphio, Jena 
1886, p. 55 fg. 

"Eugraphius kann nur 
ermittelt werden. Geb- 
STENBERO^qHpnt>|di|^J durch Betrachtung 
des Verh3ln^i3es.|^^^ygraphius zu Cassio- 
dorius und Isidor , zW^dc^^^atz : Et*§tg^hium 
rhetorem Cassiodori^ a^iiüleht natu minorem 
fuisse et media »aecitlo ^exltf vel paulo post 
medium commentarios Ter^H^tianos scripsisse 
cofUendimus. 




/ 



\ 



72 Römische Litieraturgeschiühte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

sind die Schollen des codex Bembinus, Zu den Kommentaren gehören in 
gewissem Sinne auch die metrischen Inhaltsangaben zu den einzelnen 
Stücken. Sie rühren von G. Sulpicius ApoUinaris her und umfassen je 
12 Senare. 

Die handschriftliche Überlieferang des Terenz stellt sich uns in zwei Quellen dar; 
die eine ist der cod. Bembinus s. IV/V (von seinem früheren Besitzer, dem Kardinal Pietro 
Bembo so genannt); ihm stehen gegenüber alle übrigen Handschriften (mit Donat), welche 
in der subscriptio auf die Rezension eines Calliopius (wahrsch. s. III) hinweisen. Dies« 
calliopischen Handschriften zerfallen in zwei Grappen, die eine ist, um wenigstens ein 
Kriterium anzugeben, durch Bilder illustriert (Parisinus, Vaticanus, Ambrosianus u. a.), 
die zweite dagegen ist bilderlos (Victorianus, Decurtatus). Welche von beiden Grappen 
massgebend sei, ist strittig. Während Leo, Rh. Mus. 38, 317 in der Sippe des Yictorianos 
die beste Überlieferung der calliopischen Recension erkennt, nimmt Dziatzko (mit Schin»- 
leb) an, dass der Text dieser Sippe ursprünglich mit dem Bembinus dieselbe Grundlage 
gehabt habe, dass er aber dann allmählich der calliopischen Rezension nahegebracht wurde 
und auch die subatcripHo mit aufnahm. Die Entscheidung der Frage ist von geringem Be- 
lang, da feststeht, dass für die Texteskritik des Terenz der Bembinus Führer sein moss; 
denn die calliopische Rezension gibt eben einen mit Absicht zugerichteten Text. Vgl. Sydow, 
De fide Hbi'orum Terentianorum ex CalUopii recensione ductorum. Berlin 1878. Entspre- 
chend der doppelten Überlieferung des Terenz stellen sich auch die didaskalischen Notizen 
in doppelter Fassung dar, in der des codex Bembinus und in der der calliopischen Hand- 
schriften, welcher sich die praefafiones Donats anschliessen. Auch in den Didaskahen 
spiegelt sich wiederum der Charakter der beiden Quellen der Überlieferung. Der Bembinus 
gibt eine «zufällige und kritiklose, aber im einzelnen zuverlässige *', die calliopische Rezen- 
sion eine „überlegte" Fassung. Grundlegend für die Didaskalien ist die Abhandlung Dziatz- 
K08 Rh. Mus. 20, 570; 21, 64 bes. 88. 

Ausgaben. Terentii Comoediae, Ed. Bentley. Cambridge 1726. Epochemachend 
bes. wegen der metrischen Behandlung. Berühmt das vorausgeschickte de metris Teren- 
tianis schediasmn, Hauptausgabe P. Terentii Comoediae. Ed. Fr. Umpfenbach (mit vollstän- 
digem Apparat). Die Scholien des Bembinus publizierte Umpfenbach, Hermes 2, 337; Er- 
gänzungen und Berichtigungen hiezu von Studemund, Fleckeis. J. 97, 546. Textausgaben 
von Fleckeisen (Teubner) und Dziatzko (B. Tauchnitz), letztere mit Prolegomena über das 
Leben des Dichters u. s. w. Kommentierte Ausgaben von W. Waoner (mit englischen 
Noten), Cambridge 1869, A. Spenoel (Andria, Adelphoe bei Weidmann), von Dziatzko (Phor- 
mio, Adelphoe bei Teubner), von C. Meissner (Andria, Bemburg 1876). 

Die Scholien des Donat und Eugraphius sind bequem vereinigt in der Terenzausgabe 
von Klotz. 2 Bde. Leipz. 1838 und 1840. 

Erläuterungsschriften: Conradt, Deversuum Terentianorum stnictiiray Berl. 1870 
(Herm. 10, 101), Die metrische Composition der Komödien des T., Berl. 1876; Meissner, 
Die Cantica des T., Leipz. 1882. 

46. Die übrigen Palliatendichter. In die Zeit des Caecilius und 
Terenz gehören noch einige Palliatendichter, über die uns meist nur sehr 
dürftige Notizen überliefert sind. Trabea wird von Varro neben Atilius 
und Caecilius als ein Dichter genannt, der in Erregung der Affekte aus- 
gezeichnet gewesen sei (Charis. p. 241 K.). In den Tusculanen teilt uns Cicero 
4,31,67 ein Fragment mit, in dem mit lebhaften Farben die Erwartung eines 
Liebenden, die Geliebte zu sehen, geschildert wird. EinAquilius erscheint 
als Dichter der Boeotia, während sie Varro des Stils wegen dem Plautus 
beilegen wollte (Gell. 3, 3, 3). Von Licinius Imbrex (vielleicht identisch 
mit P. Licinius Tegula, dem Verfasser eines heiligen im Jahre 200 ge- 
sungenen Gedichts, Liv. 31, 12) wird eine Neaera zitiert (Gell. 13, 23, 16). 
Den Luscius Lanuvinus Icennen wir als vetus poefa aus den Prologen des 
Terenz. Er verfocht mit Leidenschaft das Prinzip, die griechischen Pal- 
liatae wortgetreu zu übertragen. Ein Phasma (Gespenst) und einen The- 
saurus hat er nach Prolog. Eun. 9 geschrieben, die Argumente der beiden 
Stücke erzählt Donat in seinem Kommentar zu der Stelle. Palliatendichter 
waren ferner Juventius (Gell. 18, 12,2) und Vatronius, von dem ein Burra 



^ 



TarpiliuB und andere Palliaiendichter. 



73 



betiteltes Stück ermittelt ist. Endlich ist Turpilius (f 103 in Sinuessa; 
vgl. Hieron. Seh. 2, 133) zu nennen. Es sind nur 13 Komödientitel über- 
liefert. Sie sind alle griechisch. Die Fragmente, die an seltenen Wort- 
bildungen reich sind, haben nichts besonders Anziehendes. Abgegriffene 
Sätze enthalten das Fragment 9, dass es nicht leicht sei dahin zu gelangen, 
wo die Weisheit thront, es sei ein langsamer Gang, und das Fragment 
142 »Mit je weniger Jemand zufrieden ist, desto glücklicher ist er, wie 
jene Philosophen sagen, denen alles genügt; eine lebhafte Aufforderung, 
eine Hetäre zu verlassen, gibt Fragment 160. 

Die Ermittlung des Dichters Vatronius aus der Placidus-Glosse Deuerl. p. 13 Burrae 
Vatraniae, fatuae ae stuptdae, a fahxda quadam Vatroni auctoris quam Burra inscripsit 
vel a meretrice Burra verdanken wir Bücheleb, Rh. Mus. 33, 310. Er weist den Namen 
Vatronius in Pränestinischen Inschriften nach. y,PraenesHnos Plauti et Lucili temporibua 
qui latine laquehantur propter sermoni^ vitia fere despiciehant. agnoscendus igitur Vatro- 
nius est poeta praeteritus quidem a Volcacio in iudicio comicorum, sed quem fabulam fecisse 
Burramque inscripsisse fortasse meretricis nomine auctor fide dignus tradiderit. Burra 
latine eM quae Graecis JIvQQa^ idque Diphilus nomen indiderat fabulae cuius unus superest 
versiculus pronuntiatus a mutiere.*' — Die 13 Titel der Turpilianischen Komödien sind : Boe- 
thuntes, Canephorus, Demetrius, Demiurgus, Epiclerus, Hetaera, Lemniae, Leucadia, Lindia, 
Paediom, Paraterusa, Philopator, Thrasyleon. Über die Leucadia vgl. Ribbeok Fleckeis. 
J. 69, 34. — Gbaütofp, TurpU. comoediarum reliquiae. Bonn 1853. 



47. Rückblick. Charakteristik der Palliata. Die Palliata ist im 
Wesentlichen an drei Namen geknüpft, an Plautus, Caecilius Statius und 
Terenz. Ihre Entwicklung verläuft in der Weise, dass bei Plautus Grie- 
chisches und Römisches bunt durcheinanderlaufen, seine Nachfolger dagegen 
mehr und mehr die Reinheit der Gattung anstreben. Die Dichter erringen 
damit den Beifall der Gebildeten, allein sie verlieren den Boden bei der 
grossen Masse der Zuschauer.^) Die Rolle der Palliata war ausgespielt, es 
traten andere Formen, die Togata, die Atellana, der Mimus an ihre Stelle. ') 
Ehe wir von derselben scheiden, wollen wir noch einige Worte zur Cha- 
rakterisierung derselben beifügen. In der fabula palliata haben wir das 
vielfach getrübte Abbild einer ausländischen Litteraturgattung, der neueren 
griechischen Komödie; wir müssen uns das stets gegenwärtig halten; wir 
nennen oft Plautus und Terenz, wo nur der griechische Dichter gemeint 
sein kann. Der Römer ist zunächst Bearbeiter eines gi'iechischen Ori- 
ginals, das Argument ist nicht sein Werk.^) Allein trotzdem bleibt ihm 
noch genug Spielraum zur Bethätigung eigener Kraft. Die wörtliche Über- 
setzung kennt das Altertum nicht ; der Übersetzer ist also hier Nachdichter. 
Er kann sein Original kürzen, erweitern, er kann es metrisch verschieden 



*) BoissiER, Mäanges Graux p. 85: 
Cest une difficuUS qu'on a MtSe chez nous 
en ouvrant des thidtres diffSrents pour les 
diverses classes de la sociSti^: chacun va oü 
son Mucatian VappeUe et ou il est sür de 
trouver 1e plaisir. Mais il n'g avait alors 
qu*un seul thMtre; les jeux scMques ^tant 
des fites religieuses destinies au peuple en- 
tier, il faUait qu*il y füt rhini^ et des gens 
dHntelligence et d*4ducation diffdrentes 4taient 
condamnees ä entendre les memes pikces. Si 
le poHe plaisait aux uns, il risquait de dS- 



plaire aux autres^ et quand ü voulait tenir 
le milieUy il y avait de grandes chances qu'il 
les mSconfentdt tous ä la fois. 

*) Inwieweit die censorische Massregel 
des J. 115 hrtem ludicram ex urbe remove- 
runt, wobei der latinus tihicen cum cantore 
und der ludus talarius (Cassiodor p. 620 M. 
vgl. Hertz, Ind. Vratislav. 1873) ausgenommen 
wurden, auf die Entwicklung der Komödie 
einwirkte, wissen wir nicht. 

ä) argumentum graecissat heisst es im 
Prolog zu den Menaechmi Vs. 11. 



( 



74 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



gestalten ; er kann Scenen aus einem zweiten Stück in das seinige hineio- 
arbeiten, er kann endlich Nebenfiguren aus eigener Erfindung hinzufugen. 
Immer bleibt aber die Bearbeitung ein fremdes Gewächs, das seinen Ursprung 
nicht verleugnet. Dass ein solches fremdes Produkt von den Römern herüber- 
genommen werden konnte, beruht auf dem kosmopolitischen Charakter dessel- 
ben. Während die alte griechische Komödie durch und durch national gehalten 
ist, gibt die neuere Komödie ein Gesellschaftsbild und zwar in so allge- 
meinen Zügen, dass es mit entsprechenden Modificationen bei allen Völkern 
vorkommen kann. Die Zeit brachte diese Veränderung der Komödie mit 
sich ; seit dem Untergang der griechischen Freiheit war die politische Sa- 
tire gebrochen, es blieb die Familie übrig, auf diese zog sich die Komödie 
zurück. Die Figuren, die uns jetzt entgegentreten, sind: leichtsinnige 
Jünglinge, verschlagene, spitzbübische Sklaven, habsüchtige und wortbrü- 
chige Kuppler und Kupplerinnen, Hetären in verschiedenen Abstufungen, 
geldgierige, liebenswürdige, kokette, ferner betrogene Väter, hungrige und 
spassmachende Parasiten, grosssprecherische Soldaten.*) Es ist eben die 
Gesellschaft, wie sie ein im Niedergang befindliches Volk hervorbringt. 
Für den Dichter bestand nun die Aufgabe darin, diese Figuren plastisch 
darzustellen und in eine Intrigue zu verflechten. Diese Intrigue ist in der 
Regel sehr einfach und wiederholt sich bis zum Überdruss. Ein junger 
Herr hat eine Liebe, dieser Liebe stellt sich ein Hinderniss entgegen, ge- 
wöhnlich fehlt es an Geld, ein verschlagener Sklave wird zu Hilfe geru- 
fen, die Intrigue beginnt, ein Vater oder ein Kuppler wird weidlich ge- 
prellt. Oft tritt noch durch eine dvayvoiQiaig eine glückliche Lösung ein, 
es wird nämlich eine Geliebte als ein freigeborenes Mädchen erkannt. Ein 
solches Gesellschaftsbild lässt sich mit entsprechenden Änderungen auf 
alle Völker übertragen ; und wirklich haben durch Vermittlung der Römer 
fast alle modernen Kulturnationen aus diesem Quell geschöpft. Freilich ist 
es ein sehr bedenkliches Gut, das die Römer aus Griechenland geholt 
haben ; es kann auch nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, dass diese 
Hetären weit demoralisierend auf die Zuschauer einwirken musste.^) 

Der Bau der neueren Komödie war sehr einfach ; charakteristisch für 
sie ist, dass ihr der Chor fehlt, was aber nicht ein Zusammenauftreten 
mehrerer Personen ausschliesst. In den Stücken unterscheiden wir den Prolog 
und den Epilog. Im Prolog führt der Dichter die Zuschauer in die Handlung 
ein, indem er einen Umriss derselben gibt; einen andern Charakter gibt, wie 
wir gesehen haben, dem Prolog Terenz. Denn diesem Dichter dient der- 
selbe dazu, sich gegen die Angriffe seiner Gegner zu verteidigen. Im 
Epilog wird der Zuschauer aufgefordert, Beifall zu klatschen. Wenn der 
Hörer nicht ermüden und die richtige Wirkung des Stücks erfahren sollte, 
so waren Pausen notwendig. Dass solche Pausen bestanden, bezeugt aufs 
bestimmteste eine Stelle im Pseudolus (Vs. 551), wo der Flötenspieler 
eingeladen wird, einstweilen das Publikum zu unterhalten. Der Dichter 
wird daher sein Stück in eine Anzahl Akte zerlegt haben. Da die mass- 



^) Einige dieser Typen greift der Pro- 
log zu den Captivi heraus Vs. 57 : hie neque 
periunis lenost nee meretrix mala neque mi- 



les gloriosus, 

*) Neümanw, Geschichte Roms 1, 50. 



Charakteristik der Palliata. 



75 



gebende handschriftliche Überlieferung des Plautus und Terenz eine Akten- 
einteilung nicht kennt, so können wir nur auf innere Gründe hin be- 
stimmen, in wie viel Akte ein Dichter ein Stück zerlegt hat. Die An- 
zahl von fünf Akten, welche später die Gelehrten, vielleicht unter dem 
Einfluss Varros, als Regel festgesetzt haben und die auch Horaz (ad. Pis. 
189) von dem Dichter fordert, scheint keineswegs absolut notwendig zu 
• sein ; dagegen wird die Anzahl von drei Akten die normale sein, denn der 
Aufbau einer Komödie setzt Exposition, Verwicklung, Lösung voraus. Von 
untergeordneter Bedeutung für die Komposition des Stückes ist die Sce- 
nenabteilung. Diese hat sich in unsrer Überlieferung mehr oder weni- 
ger erhalten. Sie wird durch ein vorausgeschicktes Verzeichnis der in 
einer Scene auftretenden Personen markiert. Ursprünglich waren nur die 
Rollen aufgezählt,*) zu denen die griechischen Buchstaben, durch welche 
die Personen im Text unterschieden wurden, hinzutraten, erst später wurden 
zur grösseren Deutlichkeit die wirklichen Personennamen hinzugefügt. 

Da das Drama fast im gesamten Altertum für die Aufführung, nicht 
für die Lektüre bestimmt ist, so ist zur Würdigung eines Stückes durchaus 
notwendig, von dem Vortrag sich eine bestimmte Vorstellung zu machen. 
Es werden in den Komödien gesprochene und gesungene Partien un- 
terschieden. Die Termini, die hiefür ausgeprägt wurden, sind diverbia 
(deverbia^) und cantica, welche in den Codices Palaüni des Plautus in der 
Form der Noten DV und C erscheinen. Aus diesen den einzelnen Scenen 
vorausgeschickten Noten haben Ritschi und Bergk interessante Aufschlüsse 
über die Vortragsweise der Komödien gewonnen. Als rein gesprochene 
Partien erscheinen bloss die in jambischen Senaren abgefassten Partien. 
Alle übrigen Versarten dagegen hatten Musikbegleitung und erhalten in- 
folge dessen die Note C, d. h. es sind cantica. Allein bei denselben kann 
nicht eine Art des Vortrags stattgehabt haben; die trochäischen Septe- 
nare (mit den jambischen Septenaren und den jambischen Oktonaren) wur- 
den unter Musikbegleitung gesprochen, die übrigen lyrischen Metra da- 
gegen unter Musikbegleitung gesungen. So lösen sich in der Komödie De- 
klamation, Melodrama und Rezitativ in bunter Reihenfolge ab. 

Die neuere Komödie ist ausführlich charakterisiert in der Gr. Literaturgeschichte 
Bebgks 4, 170; trefflich auch bei O.Müller 2,251. Über die Charakterfiguren derselben 
handelt meisterhaft Ribbeck in seinen ethologischen Studien, Alazon, Leipz. 1882; Colax 
IX. Bd. der Abb. Sachs. Ges. der Wiss. (1883); Agroikos ebenda X. Bd. (1888) p. 1, dann 
in der Geschichte der römischen Dichtung 1, 63. 

Über die Akteneinteilung vgl. Donat, Praef. zum Eunuch. 10, 6 R. Actus sane in- 
plicaiiores sunt in ea, ut qui non faciie a parum doctis distingui possint, ideo quia tenendi 
spectatoris causa vuU poeta noster omnes quinque actus velxU unum fieri, ne respiret quo- 
dammodo atque distincta alicubi continuatione succedentium rerum ante auJaea suhlata fa- 
stidiosius spectator exurgat; zu den Adelphoe 7, 1 R. hoc etiam ut cetera huiusmodi poe- 
mata quinque actus habeat necesse est choris divisos a Graecis poetis: quos etsi retinendi 
causa [iam] inconditi spectatoris minime distinguunt Latini comici metuentes scilicet, ne 
quis fastidiosus finito actu velut admonitus abeundi reliquae comoediae fiat contemptor et 
surgatf tarnen a doctis veteribus discreti atque disiuneti sunt. Euanthius, De comoedia 6, 
4 R, quod Latini fecerunt comici^ unde apud iUos dirimere actus quinquepartitos difficile 
est. Spenoel, Die Akteneinteilung der Komödien des Plautus. München 1877 stellt fol- 



» ) Se YFFEBT, Burs. Jahresb. 47 ( 1 886), p. 1 1 . 

*) Diese Form hält Dziatzko für die 

allein richtige. Vgl. Rhein. Mus. 26, 101 ; 



Fleckeis. J. 103, 819. Dagegen vgl. Bü- 
CHELBR, Fleckeis. J. 103, 273 ; Ritschl, Opusc. 
3, 25. 



1 



76 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

genden Satz p. 57 auf: „Die Akteinteilung steht mit der metrischen und mu8ikaliscb«n 
Komposition im engsten Zusanmienhang, das musikalische Element bildet einen integrieren- 
den Bestandteil eines jeden Aktes; nur der erste, der die Exposition enthält, kann dessen 
entbehren. Keine Komödie hat sechs oder mehr Akte, auch die Dreiteilung muss als mit 
der metrischen Komposition unvereinbar aufgegeben werden; ebensowenig finden sich för 
die Vierteilung stichhaltige Beispiele. Jede Komödie hat vielmehr fünf Akte imd die An- 
gaben des Donatus (und Euanthius) müssen wieder zu Ehren konrnien." Vgl. dagegen 
Lorenz zur Mostell. 16, 20; Ribbeck, Gesch. der röm. Dichtung 1, 109. Auch für die 
Scenenabteilung betont Spengel „Scenentitel und Scenenabteilungen in der lat. Komödie" 
Sitzungsber. der Münchener Akad. 1883 p. 257 sehr die musikalische Begleitung als ein 
massgebendes Element. Die Litteratur über die Bezeichnung der Rollen durch griechische 
Buchstaben siehe bei Scholl zur III. Ausg. des Trinunmius p. LIV. — Die Abhandlung 
RiTscHLs über die Cantica und die Diverbia findet sich Opusc. 3, 1 — 54, die Berqks Opusc 

1, 192 — 207. Auch für Terenz sind Noten der Vortragsweise bezeugt durch Donat, Praef. 
Adelphoe 7, 11 R. modulata est (fabuJa) Hhiis dextris — saepe tarnen mutatis per seaenam 
rnodis cantata, quod significat titulus scaenae Habens svbiectas personis lUteras M. M. C. 
item diverbia ab histrionibtis crebro pronuntiata sunt, quae significantur D et V litteri» 
secundum personarum nomina praescriptis in eo loco ubi incipit scaena. Statt der Note C 
der plautinischen Palatini tritt hier M. M. C auf, bezüglich DV herrscht Übereinstimmong 
zwischen Donat und den Palatini. Ritschl hält den Bericht Donats für unvollständig. 
„Er geht mit einem Sprunge von den „rantica saepe mutatis modis^ = M. M. C. zu den 
Diverbia = DV über und lässt die dazwischen liegende Stufe, die cantica non mutatis oder 
wenigstens non saepe mtUatis modis = G ganz aus*^ (p. 41). 

7. L. Accius. 

48. Der Höhepunkt der Tragödie. L. Accius (Attius) war 170 vor 
Chr. geboren. Sein Vater, Freigelassener eines Accius, nahm an der 184 
nach Pisaurum in Umbrien deduzierten Kolonie Teil. Des Dichters Todes- 
jahr kennen wir nicht, aber er lebte so lange, dass Cicero als junger Mensch 
sich mit ihm unterhalten konnte (Brut. 28, 107). Er stand in näheren 
Beziehungen zum Dichter Pacuvius, dem er seinen Atreus vorlas (Gell. 13, 

2, 2). Mit ihm erreicht die römische Tragödie ihren Höhepunkt. Dies 
erkannten schon die Alten, bei Velleius ist es klar ausgesprochen. Kein 
Dichter hat eine so grosse Anzahl Tragödien hinterlassen, es werden nahe- 
zu 50 Titel erwähnt, keiner hat in so umfassendem Masse die verschie- 
denen'Sagenkreise seinen Landsleuten vorgeführt und keiner soviel Dichter 
ausgeschöpft wie er. Aus den überlieferten Titeln heben wir die hervor, 
welche bei Cicero berücksichtigt werden : ^) Aegisthus, Armorum Judicium, 
Athamas, Atreus, Clytemestra, Epigoni, Epinausimache, Euiysaces, Medea, 
Melanippus, Meleager, Myrmidones, Nyctegresia, Philocteta, Prometheus, 
Telephus, Troades. Mehrere Stücke erhielten sich längere Zeit auf dem 
Repertoire; Eurysaces wurde z. B. 57 aufgeführt, Clytemestra 56, Tereus 
104 und 44. Wie bei den andern Dichtern, so haben wir auch bei Accius 
in seinen Tragödien im allgemeinen freie Übersetzungen vor uns. Dies er- 
kennen wir deutlich, wenn wir das Fragment, das den Anfang der Phoe- 
nissen (fr. 581) enthält, mit dem Original vergleichen. Allein auch selb- 
ständiges Schaffen des Accius vermögen wir nachzuweisen. Stellen, wie 
die in den Myrmidonen (fr. 4), wo scharf zwischen pertinacia und pervica- 
da geschieden wird, müssen dem Original fremd gewesen sein. Aber er 
ging noch weiter; auch in dem Aufbau des Stücks nahm er Änderungen 
vor. In seiner Antigene hielt er sich nicht strikte an Sophokles, sein 



*) KüBiK, De Ciceronis po^tarum Latinorum studiis, p. 73. 



L. AociUB. 77 

iloktet weist auf Benützung mehrerer Originale hin. Seine stilistische 
nst müssen wir hoch anschlagen; es blickt Schwung und Kraft nicht 
ten aus den Fragmenten. Am besten wird der Leser sich einen be- 
nmten Eindruck von der Darstellungsweise des Accius machen können, 
an er von dem berühmten Fragmente Kenntnis nimmt, in dem ein Hirte, 
noch niemals ein Schiff gesehen hatte, das Herankommen der Argo 
üdert (Cic. De nat. d. 2, 35, 89; fr. 391).: 

tanta moles lahitur 
Fremibunda ex alto ingenti sonitu et spiritu. 
Prae se undas volvit, vwiices vi suscitcU; 
Butt prolapsaf pelagus respargit reflcU. 
Ita dum interruptum credas nimbum voltner, 
Dum quod sublime ventis expulsum rapi 
Saxum aut procellis, vel globosos turbines 
Existere ictos undis eancursantibus: 
Nisi qua$ terrestris pontus strages conciet, 
Aut forte Triton fuscina evertens specus 
Supter radices penitus undante in freto 
Molem ex profundo saxeam ad caelum erigit. 

Ausser den Tragödien schrieb Accius auch zwei Praetextae, den Bru- 
und die Aeneadae oder den Decius. Die erste Praetexta behandelt 
1 Sturz der Tarquinier durch Brutus infolge der Schandthat, welche der 
nigssohn an der Lucretia verübt hatte. Es ist eine ansprechende Ver- 
itung, dass diese Prätexta zu Ehren des D. Junius Brutus (Cons. 138), 
t dem der Dichter aufs innigste befreundet war (Cic. p. Arch. 11, 27), 
lichtet wurde. Durch Cicero (de div. 1, 22, 44) sind uns zwei grössere 
ägmente erhalten. Das erste schildert einen Traum, den König Tar- 
inius gehabt, in einfacher und schlichter Weise; in dem zweiten wird 
• Traum von den Traumdeutern erklärt und der Königssturz vorausge- 
^. In den Aeneadae (P. Decius Mus) wird der Opfertod des einen Kon- 
s, des P. Decius Mus in der Schlacht bei Sentinum 295 verherrlicht, 
r Titel Aeneadae zwingt uns zur Annahme, dass die Familie der Decier 
b Aeneas in Zusammenhang gebracht war. 

Hieronym. 2, 129 Seh. — Accius natus Mancino et Serrano cosa, (170 vgl. Cic. Brut. 

229) parentibus Hbertinis — seni iam Pactivio Tarenti 8ua scripta recitavit. a quo et 
dus Accianus iuxta Pisaurum dicitur, quia illuc inter colonos fuerat ex nrbe deductus. 

letzte Bemerkung kann nur auf den Vater bezogen werden, da die Kolonie 184 dedu- 
•t wurde. Persönliche Vorkommnisse berichten aus seinem Leben Comific. 1, 24; 2, 19; 
1. n. h. 34, 19; Quint. 5, 13, 43; Valer. Max. 3, 7, 11 — Vell. 1, 17, 1 in Accio circaque 
I Romana tragoedia est. 

49. Accius' Parerga. Ausser den Tragödien und Prätexten dichtete 
cius auch noch anderes. Es wird erwähnt Praxi dika, d. h. ein Ge- 
ht, welches der segenspendenden Göttin, der Tochter der Demeter 
widmet war. Es war in jambischen Senaren abgefasst und behandelte 
adwirtschaftliches. Weiter haben wir Kunde und Fragmente von Di- 
scalicon libri. Dieselben hatten, wie Lachmann nachgewiesen, Sota- 
m zum Versmass und bestanden mindestens aus 9 Büchern. Diese Lit- 
aturgattung wurde von Aristoteles begründet, der auf Grund inschrift- 
len Materials ein Werk didaaxah'ai schrieb, in dem alle amtlichen No- 
m, welche sich auf die Aufführung der Dramen bezogen, zusammenge- 
llt waren. Dieses Werk also reizte Accius zur Nachahmung. Nach 



\ 



78 ftömische LitteraiargeBcliichte. I. Die Zeit der ftepnblik. 2. Periode. 



den wenigen Fragmenten, die uns erhalten sind, besprach Accius nicht 
bloss Römer, sondern auch Griechen, dann scheint er ausser der dramati- 
schen noch andere Dichtungsgattungen behandelt zu haben. Ein verwandtes 
Werk waren diePragmaticon libri. Von denselben sind drei Frag- 
mente übrig, welche aus trochäischen Septenaren bestehen. Auch ein 
annalistisches Gedicht des Accius ist durch eine Reihe von Hexametern, 
welche aus demselben sich erhalten haben, festgestellt. Femer zählt Pli- 
nius Ep. 5, 3, 6 den Accius unter denjenigen auf, welche Liebesgedichte 
geschrieben haben. Endlich lesen wir bei Cicero in der Rede für Archias 
11, 27, dass Accius saturnisc.he (schol. Bob. p. 359 Or.) Epigramme ver- 
fasste, mit denen D. Junius Brutus den von ihm errichteten Tempel des 
Mars schmückte. Alle diese Gedichte waren vielleicht in einer Sammlung 
unter dem Titel Parerga vereinigt. 

Der zuletzt ausgesprochene Satz wurde von 0. Ribbeck, Rh. Mus. 41, 681 aufge- 
stellt. Seine Beweisführung ist folgende : Plinius gedenkt 18, 200 (vgl. noch Ind. zu B. 18) 
eines Werkes des Accius mit dem unverständlichen Titel Praxidicum. Das Citat enthält 
eine Vorschrift üher das Säen. Mit Rücksicht darauf hahen wir als den richtigen Titel 
Praxidica, d. h. Persephone, die aus der Erde den Fruchtsegen emporsendet, anzusehen. 
Bei Nonius 1, 82 Müller werden zwei Senare dem Accius beigelegt, welche das Pflügen 
behandeln. Es ist kaum zweifelhaft, dass diese Senare der Praxidica des Accius entnom- 
men sind. Da aber Nonius seinem Zitat die Worte Parergon lib. I beifügt, so spricht Rib- 
beck die bestechende Vermutung aus, dass die Praxidica das erste Buch der Parerga bil- 
deten. Da von den Annalen die auffallende Buchzahl XXVII angegeben wird, so vermutet 
er weiter, dass dieses XXVII Buch nicht auf die Annalen, sondern auf die Parerga sich 
bezog. So werden auch die Didascalica, Pragmatica und die Übrigen poetischen Kleinig- 
keiten in dieser Sammlung sich befunden haben. 

60. Accius' Schriftreformen. Wie wir aus Lucilius ersehen kön- 
nen, war die Reform der Schrift lange Zeit ein sehr beliebtes Thema bei 
den Römern. Auch Accius beteiligte sich an derselben in ziemlich inten- 
siver Weise. Vor allem beschäftigte ihn das Problem, wie die Vokallänge 
durch die Schrift zu bezeichnen sei ; er wählte für a, e, u nach dem Vor- 
gang der Osker das Mittel der Verdoppelung der Vokale, für langes i da- 
gegen die Schreibung durch den Diphthongen ei.*) Gegen die Verdopp- 
lungen erklärte sich im IX. Buch Lucilius, auch mit der Schreibung ei 
war er nicht einverstanden, hier wollte er Scheidung zwischen offenem i 
(ei) und dem geschlossenen i (i), welche Laute damals schon anfingen 
zusammenzufliessen.^) Zu Lebzeiten des Dichters fand die Reform Anklang, 
wir treffen sie in Inschriften, später verschwand sie. Ferner wollte er 
gg, gc statt ng, nc geschrieben wissen, also aggulus, agcora. 

Aus den Zitaten ergibt sich nicht, ob diese Neuerungen von Accius 
nach Art des Lucilius theoretisch in einer eigenen Schrift behandelt, oder 
ob dieselben nur praktisch in seinen Gedichten durchgeführt waren. Ist 
das erstere der Fall, so wird diese Schrift ebenfalls in den Parerga ihren 
Platz gehabt haben.') 



>) Dass er, wie es scheint, oo vermied, 
erklärt Ritschl Opusc. 4, 157 daraus, dass 
in dem Vorbild des Dichters, im Oskischen 
sich kein oo fand, da hier Überhaupt der 
Vokal o aufgegeben ist. Auch i wurde hier 
nicht verdoppelt. Dass auch bei andern 



Stämmen diese Gemination Üblich war, zeigt 
Jordan, Krit. Beitr. p. 125. 

^) L. MüLLEB, Leben des Lucil. p. 39. 
Thubneysen, Ztschr. f. vergl. Spracht. 30, 
498. 

') L. MüLLEB, Lucil. p. 318 quotquot 



C. Titiaa. C Julias Caesar Strabo. 



79 



Schwieriger ist die Notiz zu beurteilen, dass Accius in seiner Schrift von y und z 
keinen Gebrauch machte, da zugleich auf das gegenteilige Verfahren eines Livius und 
Naevius hingewiesen wird: Mar. Vict. p. 8 K. idem (Accius) nee z Uteram nee y in libros 
suos rettulU quiaqiMe ante fecerant Naevius et Livius; Ritschl (Opusc. 4, 150) schreibt 
rettulit, quamquam illud ante fecerant Naevius et Livius, Müller dagegen dem Gedanken 
nach richtig: quias dupUcata et u apte videbantur exprimi; nam neque ante fecerant Nae- 
Hus et Livius, Bahrens rettulit, quod aeque ante fecerant N, et L. vgl. Priscian 1, 30 H. 

— Über die Gemination Mar. Vict. p. 8 K. cum longa syllaba scribenda esset, duas vocaJes 
ponebat, praeterquam quae in „i" literam incideret; hanc enim per e et i scribebat. vgl. 

Vel. Long. p. 55 K. — Über die Schreibung gg, gc Mar. Vict. p. 8 K. Accius cum scriberet 

angueis, aggueis ponebat (nach Ritschl-Müller) Priscian, 1, 30 H. — Über griechische 

Formen in seinen Tragödien vgl. Varro de 1. 1. 10, 70. 

Litteratur: Die Fragmente der Parerga stehen in Müllers Lucilius p. 303—311, 

bei Bahrens Fragm. p. 266 — 272. — G. Hermann, De L. Attii libris didascalicon (Opusc. 

8, 390). Lachmann, De versibus Sotadeis et Attii didascalicis (Kl. Schriften 2, 67). Mad- 

vio, De L. Attii Didascalicis commentatio (Opusc. acad., Kopenh. 1887 p. 70). Ritschl, De 

vocalibus geminatis deque L, Accio grammatico (Opusc. 4, 142). 

8. C. Titius und C. Julius Caesar Strabo. 

51. Symptome des Niedergangs der Tragödie. Reinerhaltung der 
Gattung gilt als ein oberstes Gesetz im litterarischen Schaffen des Alter- 
tums. Dieses Gesetz verletzte C. Titius, der zugleich Redner und Dichter 
war. Von seinen Reden ist diejenige bekannt, welche er als junger Mensch 
im Jahre 161 für das Luxusgesetz hielt. Daraus ist uns die berühmte 
Stelle') erhalten, welche einen Richter schildert, der noch halbtrunken von 
einem Gelage zur Sitzung sich begibt, dort mit Widerwillen die Zeugen 
und Advokaten anhört und sich bei seinen Genossen beklagt, dass ihn die 
langweilige Geschichte vom Trunk und Mahl abhalte. Das Fragment zeigt 
einen Meister in der Kunst zu charakterisieren. Seine dichterische Thä- 
tigkeit kann nur nach den Äusserungen Ciceros beurteilt werden. Denn 
lediglich einen Tragödientitel Protesilaus können wir durch Konjektur ihm 
beilegen (Ribbeck, Tragic. fr. p. 116). Von seinem Stil sagt aber Cicero, 
dass er den tragischen Charakter verleugnete; denn das Zugespitzte, Wi- 
tzige in seinen Reden übertrug er auch in seine Tragödien. Es ist daher 
nicht zu verwundern, wenn ihn der Togatendichter Afranius sich zum 
Muster nahm. Den tragischen Ton wusste auch C.Julius Caesar Strabo 
(t 87) nicht recht anzuschlagen. Er war zu gleicher Zeit mit Accius thä- 
tig, aber es scheint eine gewisse Spannung zwischen beiden Dichtern be- 
standen zu haben, wenigstens wird erzählt, dass Accius vor dem vorneh- 
men Mann nicht aufstand, wenn derselbe in der Dichterzunft erschien 
(Valer. Max. 3, 7, 11). Wie Titius, so war auch Julius Caesar Redner und 
Dichter zugleich. Als Redner gehörte er zu den berühmtesten Sachwal- 
tern, auch dem Tragödiendichter spendet Asconius (p. 22 K. S.) Lob. Sechs 
Reden können wir von ihm nachweisen, darunter die Rede gegen T. Al- 
bucius wegen Erpressung (103), die gegen den Volkstribunen C. Scribonius 



extant auctorum veterum testimonia de L. 
Accio grammatico, ad autographa scriptorum 
eius et quidem potissimum trctgoediarum (nam 
reliqua muJto minus percrebuere) videntur 
speetare. Auch Ritschl äussert sich bezüg- 
lich eines eigenen Werks sehr skeptisch 
(Opusc. 4, 153). 

^) Bei Macrobius 3, 16, 14. Übersetzt 



von MoxMSEK, R. G. 2^, 403. L. Müller, 
Q. Ennius p. 96 stellt die Identität des Ver- 
fassers dieses Fragments mit dem Tragö- 
diendichter in Abrede, Macrobius habe sich 
im Namen geirrt. Auf das Ciceronische 
(Brut. 45, I61)eiusdem aetatis (wie M. Antonius 
und Crassus) ist meines Erachtens kein ent- 
scheidendes Gewicht zu legen. 



80 Römische litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

(90) und die gegen den Volkstribunen P. Sulpicius Rufus (88). Tragödien von 
ihm kennen wir drei, Adrastus, Teuthras, Tecmesa ; an Fragmenten (p. 227 
R.) haben wir im Ganzen drei, von denen zwei dem Adrastus angehören, 
eines dem Teuthras. Sein Stil prägte sich nach dem Urteil Ciceros in glei- 
cher Weise in seinen Tragödien wie in seinen Reden aus, es war »Anmut 
ohne Kraft" (lenitas sine nervis). Diese Anmut arbeitete aber auf Aus- 
gleichung der Gegensätze hin, so dass er das Tragische fast komisch, das 
Traurige milde, das Ernste heiter behandelte, kurz Ernst und Scherz mit- 
einander verband. Diese Art der Darstellung war eine ganz neue. 

Cic. Brut. 45, 167: Huit^ (Titii) orationes tantum argutiarumf tantutn exemplorum, 
tantum urbanitatis habent, tU paene Ättico stilo scriptae esse videantur, Easdem argutias 
in tragoedias satis quidem ille acutem sed parum tragice transtulit Quem studebai imitari 
L, Afranius poita, homo perargutus, in fabulis quidem etiam, ut scitis, disertus. Diese 
Nachahmung des Afranius beschränkt Mommsen wohl unrichtig auf die Reden des Titius 
(R. G. 2**, 455). Bei dem Atellanendichter Novius (Vs. 67) wird nee unquam \ vidit rostrum 
in tragoedia tantum TitipheatrumJ auf unsem Titius bezogen. Vgl. Bücheleb, Ind. leä. 
Gryphisw. 1868/69 p. 4. Über den Sinn der Verse siehe Ribbeck, R. Tragöd. p. 613. — 
Cic. Brut. 48, 177 sunt eius (C, Julii Caesaris) aliquot orationes, ex quibus, sicut ex eius- 
dem tragoediis, lenitas eius sine nervis pe^'spici potest; de or. 3, 8, 30 quid? noster hk 
Cctesar nonne novam quandam rationem attulit orationis et dicendi genus induxit prope 
singulare? quis unquam res praeter hunc tragicas paene comice, tristis remisse, severas 
hilare, forensis scenica prope venustate tractamt, ut neque iocus magnitudine rerum exclu- 
deretur nee gravitas facetiis minueretur? 



62. Bückblick. Charakteristik der römischen Tragödie. Wenn 
wir auf die Entwicklung der Tragödie zurückblicken, so sehen wir sie in 
fortwährendem Aufsteigen bis auf Accius. Livius führte die übersetzte 
Tragödie ein, ihm werden wir die Einführung der metrischen Gesetze im 
wesentlichen zuzuschreiben haben. Naevius machte den kühnen Versuch, 
statt der übersetzten Tragödie eine originale zu schaffen ; dies führte zum 
historischen Schauspiele. Stil und Komposition fanden ihre Vollendung 
durch Ennius, Pacuvius und Accius. Besonders mit Accius war der Kul- 
minationspunkt der Tragödie erreicht. Aber bereits zu seiner Zeit zeigten 
sich Symptome des Niedergangs derselben, und bald erlosch fast gänzlich 
die tragische Produktion. Dass sich die Stoffe der alten griechischen Sage 
erschöpfen mussten, ist nicht verwunderlich. Aber merkwürdig ist, dass 
die nationale Form der Tragödie, das historische Schauspiel nicht zur vol- 
len Entfaltung gelangte. Da hier die Stoffe der römischen Geschichte ent- 
nommen wurden, so hätte man bei dem Nationalstolz der Römer erwartet, 
dass die Praetexta völlig an Stelle der übersetzten Tragödie trete. Dass 
dies nicht eintrat, kann seinen Grund nur darin haben, dass im grossen 
Ganzen den Römern jene feinere und edlere Bildung, welche zum Genuss 
der tragischen Schönheit befähigt, abging. Das Theater war den Meisten 
viel mehr eine Quelle der Erholung als eine Quelle der Erhebung. Inter- 
essant ist, was wir im Prolog des Amphitruo lesen (Vs. 51). Als der Pro- 
logsprecher das Wort „Tragödie" in den Mund nahm, runzelten die Zu- 
schauer die Stirn. Die komische Produktion überragt daher die tragische 
um ein Beträchtliches. Im Jahre 105 trat überdies ein Ereignis ein, wel- 
ches der gesamten dramatischen Dichtung recht schädlich werden sollte. 
In diesem Jahre ward nämlich unter den Konsuln P. Rutilius Rufus und 



Charakteristik der Tragödie. 



81 



C. ManKus die Gladiatorenspiele zu einer staatlichen Feier erhoben. Durch 
den häufigen Anblick solcher Metzeleien musste das Gefühl der Zuschauer 
ungemein verwildern und für Aufnahme edlerer Dichtungen unempfäng- 
lich gemacht werden.*) 

Es wird hier der geeignete Ort sein, von der römischen Tragödie 
ein allgemeines Bild zu entwerfen. Wie die Komödien, so waren auch 
die Tragödien, wenn man von den wenigen Prätextatae absieht, Übersetzun- 
gen. Bei diesen Übersetzungen war es aber niemals auf genaue, wörtliche 
Übereinstimmung abgesehen. Da die Tragödie sich in einer gehobenen, 
der Alltäglichkeit abgewandten Sphäre bewegt, so muss dem entsprechend 
die Sprache einen gewissen Schwung erhalten. Die Nachlässigkeiten der 
Volkssprache, die sich der Komödiendichter gestatten kann, sind hier aus- 
geschlossen. Für Anwendung rhetorischer Figuren bietet sich dem tragi- 
schen Dichter vielfach Gelegenheit. Oft begnügte sich aber der Dichter 
nicht mit der blossen Thätigkeit des freien Übersetzens, sondern nahm 
selbständige Änderungen am Originale vor. Wir haben dafür das Zeugnis 
Ciceros (Tusc. 2, 21, 49), der uns berichtet, dass Pacuvius die Scene der 
Niptra, in der Sophokles den verwundeten Odysseus furchtbar jammern 
lässt, änderte. Die Klagen des Odysseus erschienen dem Römer unmänn- 
lich. Ziemlich weitgehend waren die Änderungen in den Massen, so wur- 
den z. B. oft die Trimeterpartien in trochäische Tetrameter umgesetzt; dann 
wendeten die Eömer auch Metra an, welche den Griechen ganz unbekannt 
waren. Auch Spuren der Kontamination sind vorhanden. Am durchgrei- 
fendsten war die Diskrepanz zwischen der Bearbeitung und dem Original 
in den Chorgesängen. Dass solche sowohl in der Tragödie als in der Prä- 
textata vorhanden waren, kann nicht bezweifelt werden. Schon die Titel 
der Stücke, als auch erhaltene Fragmente erweisen dies. Freilich war die 
Stellung des Chors in der römischen Tragödie eine andere als in der grie- 
chischen. Schon äusserlich macht sich ein bemerkenswerter Unterschied 
geltend; der griechische Chor hat in der Orchestra seinen regelmässigen 
Standort, der römische Chor weilt mit den Schauspielern auf der Bühne. 
Damit ist aber eine wesentliche Einschränkung der Tanzbewegungen und 
Evolutionen desselben gegeben. Auch wird der auf der Bühne erschei- 
nende Chor viel mehr in die Handlung hineingezogen als der in der Or- 
chestra. Dass viele Chorgesänge nicht mehr für die jetzige Stellung des 
Chors auf der Bühne passten, ist einleuchtend. Aber auch das dürfte klar 
sein, dass ein ständiger Aufenthalt des Chors auf der Bühne vielfach hin- 
derlich sein musste; es wird daher der römische Bearbeiter sich in der 
Regel darauf beschränkt haben, den Chor nur zeitweilig auftreten zu las- 
sen, wobei er auch den Chor wechseln konnte. Donat endlich deutet im 



^) BücHELER hat dieses Faktum aus En- 
nodius p. 284 Hartel gewonnen (Rh. Mus. 38, 
478). Er bemerkt noch: „Zehn Jahre vorher 
war aUe ars ludicra nicht einheimischen Ur- 
sprungs aus Rom ausgewiesen worden (Cas- 
siodor chron. J. 639/115); es offenbart sich in 
dieser ganzen Periode so mannigfach, besonders 
Handbuch der klaos. Altcrtnmawiagenaohaft. VUI. 



auch in ihren Schauspielen ein Antagonis- 
mus gegen die mit dem Griechentum ver- 
wachsene feinere imd edlere Art, ein ge- 
wisser Rückfall in die Rohheit des italischen 
Naturmenschen ; auch die staatliche Aufnahme 
jener Metzeleien kann ein Symptom davon 
scheinen. *" 

6 



i 



82 Bömische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 3. Periode. 

Argument zur AndriaO an, dass der Chor auch in den Zwischenakten ge- 
sungen habe ; hier konnten Embolia, frei eingelegte Lieder verwendet we^ 
den. Sonach war in den Chorpartien eine gewisse Selbständigkeit diBs Be- 
arbeiters durchaus notwendig ; wir können solche auch nachweisen ; so z. B. 
hat Ennius in der Iphigenie den Jungfrauenchor durch einen Soldatenchor 
ersetzt. Aber wie auch der römische Dichter verfahren mochte, die Idea- 
lität des griechischen Chors war dahin, nur ein zertrümmertes Bild des 
Chorlieds bot die römische Tragödie. 

Wie die Komödie, so zerfiel auch die Tragödie in zwei Partien, Di- 
verbia (Deverbia) und Cantica. Wenn wir das, was über die Vortrags- 
weise der beiden Partien in der Komödie ermittelt ist, auf die Tragödie 
übertragen^) dürfen, so ist der Umfang der Cantica grösser als man bis- 
her angenommen hat, indem nicht bloss die gesungenen Partien, sondern 
auch die zur Musikbegleitung gesprochenen dazu gehörten. Für reine De- 
klamation waren nur die jambischen Senare bestimmt, die anderen trochä- 
ischen und jambischen Verse (Septenare, jambische Oktonare) dagegen 
wurden unter Flötenbegleitung gesprochen. Was den Vortrag der in freien 
lyrischen Massen abgefassten Cantica anlangt, so wird uns berichtet, dass 
solche von einem eigenen Sänger zur Flötenbegleitung gesungen wurden, 
während der Schauspieler sich auf die Gestikulation beschränkte. Allein 
dies kann sich nur auf die Monodien bezogen haben, und wird selbst da 
nicht stete Regel gewesen sein. 

Ribbeck, Die röm. Tragödie (Leipzig 1875) p. 632. L. Mülleb, Q. Ennius, p. 75. 
Bergk, Opusc. 1, 225 handelt über das Verh^tnis der latein. Bearbeitungen zu den Originalen. 
— Grysar, Das Canticum und der Chor in der röm. Tragödie in den Sitzungsber. d. Wien. 
Ak. 15, 365. 0. Jahn, Hermes 2, 227 „Über den Chor der röm. Tragödie*. Jahn ver- 
mutet (p. 229), dass für die Gestaltung des röm. Chors der Nebenchor der griech. Tr^ödien 
von grossem Einfluss war; „in ihm waren die Elemente gegeben, welche weiter zu ent- 
wickeln waren, indem man die brauchbaren Bestandteile des Hauptchors in denselben hin- 
überleitete.** 

9. Titinius, T. Quinctius Atta, L. Afranius. 

63. Das lateinische Originallastspiel (Fabula togata). Wir ru- 
fen uns die Worte des Horaz (ad Pis. 285) ins Gedächtnis: 

Nil intemptatum nostri liquere poetae^ 
nee minimum mef'uet'e decus vestigia Graeca 
ausi deser&t'e et celehrare domesHca facta 
rel qui praetextas vel qui docuere togata«. 

Wie in der Tragödie neben den Übersetzungen aus dem Griechischen 
eine Originalform in der Prätexta sich herausbildete, so erscheint auch in 
der Komödie neben den übersetzten Stücken (fabulae paUiatae) das Origi- 
nallustspiel, die fabula togata, in der die Darstellenden nicht das griechi- 
sche Pallium, sondern die römische Toga trugen. Das nationale Schauspiel 
verdanken wir dem Naevius ; vielleicht verdanken wir ihm auch das latei- 
nische Originallustspiel. So kann z. B. die Tunicularia sehr gut ein sol- 
ches gewesen sein. Allein die nächste Zeit nach Naevius hatte noch ge- 



^) Est igitur attente animadverten^ 
duntf ubi et quando scena racua sit omni- 
hus personiSf tU in ea chorus rel tibicen au» 
diri poüsity qnod cum viderimuSy ibi actum 



esse finifum debemus agnoscere, 

') Bergk überträgt es auch auf die 
griechische Tragödie (Opusc. 1, 199, 7). 



TitinioB. T. Quinctins Atta. L. Afranias. 



83 



nug mit den griechischen Übersetzungen zu thun; erst nachdem hier eine 
Ermattung eingetreten, versuchte man sich in selbständigen Schöpfungen. 
An drei Dichter knüpft sich diese neue Entwicklungsstufe der römischen 
Komödie, an Titinius, T. Quinctius Atta und L. Afranius. Über die 
Zeit dieser Dichter sind wir nur sehr mangelhaft unterrichtet. Der Tod des 
Atta wird von Hieronymus (2, 135 Seh.) in das Jahr 77 verlegt, Afranius 
wird von Velleius Paterculus (2, 9, 2) als ein Zeitgenosse des Scipio und 
des Laelius aufgeführt; über Titinius gebricht es durchaus an chronologi- 
schen Angaben, nur aus der Varronischen Aufzählung Titinius, Terentius, 
Atta kann man schliessen, dass Titinius älter als Terentius war. Das 
Wirken dieser Dichter muss in die Zeit nach Terenz fallen, denn seine 
an litterarischen Anspielungen reichen Prologe berichten noch nichts über 
das Originallustspiel, obwohl sich Anlass zur Erwähnung genugsam dar- 
geboten. Allem Anschein nach liegt das Wirken der drei Dichter zeitlich 
nicht weit auseinander. Das neue Produkt charakterisiert sich dadurch, 
dass es nicht mehr Übersetzung, sondern Nachdichtung ist. Allein 
auch diese Neuschöpfung bewegt sich durchaus in dem Rahmen des grie- 
chischen Intriguenstückes ; der Schauplatz der frei erfundenen Handlung 
ist aber nicht mehr Griechenland, sondern* Italien '), die Familie nicht mehr 
die griechische, sondern die lateinische. Die Latinisierung der Familie ist 
dadurch gekennzeichnet, dass der listige Sklave, der seinen Herrn über- 
tölpelt, als dem römischen Gefühl widerstreitend ausgemerzt wird, und dass 
das weibliche Element der Familie stärker hervortritt. Es ist selbstver- 
ständlich, dass die Titel heimisches Gepräge tragen und dass auch die 
griechischen Brocken, die aus dem Original die Übersetzer der palliata 
beibehalten, hier keinen Platz mehr hatten. Im Selbstgefühl des Lateiners 
spricht Titinius (148, 104) verächtlich sogar von den Leuten, welche os- 
kisch und volskisch sprechen, da sie das Latein nicht kennen. Wir be- 
klagen es sehr, dass von diesen lateinisches Leben darstellenden Stücken 
keines auf die Nachwelt gekommen ist. Wir können daher nur aus den 
Titeln und wenigen unzusammenhängenden Fragmenten ein dürftiges Bild 
gewinnen. Von Titinius sind Titel von fünfzehn Stücken überliefert, neun da- 
von tragen Frauennamen. Mehrere dieser Titel führen uns in lateinische 
Landstädte wie die Zitherspielerin oder die Ferentinatin, die Setinerin, die 
Veliternerin. Von Atta haben wir sehr wenige Fragmente aus zwölf 
Stücken*). In der Charakterzeichnung war er von Varro neben Titinius 
und Terentius als Meister hingestellt. Fronte p. 62 rühmt seine Kunst, 
die weibliche Rede darzustellen. Seine Stücke scheinen noch in der Augu- 



') MoMHSEN stellt die Ansicht auf, dass 
der Schauplatz der fdbuJa togata stets eine 
Stadt lateinischen Rechts war. Die Stadt 
und die Bürgerschaft Roms auf die Bühne 
zu bringen sei überhaupt dem Lustspieldich- 
ter untersagt gewesen. « Durch die Erstre- 
ckung des Bürgerrechts auf ganz Italien ging 
den Lustspieldichtem diese lateinische In- 
scenierung verloren, da das cisalpinische Gal- 
lien, das rechtlich an die Stelle der lateini- 
nischen Gemeinden gesetzt ward, für den 



hauptstädtischen Bühnendichter zu fem lag, 
und es scheint damit auch die fabula togata 
in der That verschwunden zu sein. Indess 
traten die rechtlich untergegangenen Ge- 
meinden Italiens, wie Capua und Atella, in 
diese Lücke ein und insofem ist die fabula 
Atellana gewissermassen die Fortsetzung der 
togata."" (R. Gesch. 1«, 904). 

*) Darunter eines mit dem Titel Satura, 
welches daher Bähbens in seine Sammlung 
p. 274 aufgenommen hat. 



84 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



steischen Zeit zum Repertoire gehört zu haben (Hör. ep. 2, 1, 79). Die 
reichste Thätigkeit aber auf dem Gebiet der Togata entfaltete L. Afranius. 
Die Titel von über 40 Stücken sind überliefert. Sie beziehen sich auf 
einzelne Stände wie der Haarkräusler (cinerarius), der Augur, der Ober- 
schaflfner, auf Charaktere wie der Verschwender (Prodigus), der Heuch- 
ler (Shmilans), der Wagehals (Temerarius), auf verwandtschaftliche Ver- 
hältnisse wie die Schwestern, die Gatten, die Tanten, auf Handlungen und 
Vorgänge wie das Verbrechen, die Scheidung, der Brand, der Aufgefangene 
(exceptus), auf Gegenstände wie der Brief, auf Feste wie die CompitaUen 
u, s. f. Gewiss eine reiche Mannigfaltigkeit der Stoflfe. In der Ausführung 
hat sich Afranius von seinen Vorgängern entfernt; wie es scheint, tritt 
bei ihm die Schilderung des lateinischen Lebens zurück und das allgemeine 
Gesellschaftsbild wiederum vor. Wenigstens liegen uns ausdrückliebe Zeug- 
nisse vor, dass er sich an Menander angeschlossen hat. Bekannt ist der 
Ausspruch des Horaz (Ep. 2, 1, 57), dass Afranius' Toga auch dem Menan- 
der wohl angestanden (convenisse) haben würde. Ferner weist Cicero de 
finibus 1, 3, 7 auf die Entlehnungen des Afranius aus Menander hin. End- 
lich liegt uns noch das Zeugnis des Dichters selbst vor. In dem Prolog 
zu den Compitalien (168, 25) gesteht er auf die Vorwürfe, die ihm wegen 
dieser Entlehnungen gemacht wurden, offen ein, dass er dem Menander 
manches entnommen, allein dies sei nicht bloss bei Menander, sondern 
auch bei andern Dichtern geschehen, er nehme eben das Gute da, wo es 
zu finden sei. Und in der That wird einmal in den Fragmenten das Dik- 
tum des Pacuvius angeführt (165, 7), dass sich nicht leicht eine treffliche 
Frau finde. Ein anderer Vers des erwähnten Prologs zu den Compitalien 
drückt seine Bewunderung für Terenz aus, indem er zweifelnd fragt, ob 
man einen nennen könne, der sich mit diesem Dichter vergleichen lasse ^) 
(169, 29). Es scheint aber, dass Afranius nicht bloss Einzelheiten — da- 
runter wieder griechische Brocken — andern Dichtern entlehnt hat, son- 
dern auch ganze Argumente. So wird seine Thais nach der Menandri- 
schen gearbeitet sein. Leider führte der Dichter auch ein griechisches 
Laster, die Knabenliebe in seine Stücke ein (Quint. 10, 1, 100). Von sei- 
nen Stücken wurde der Simulans noch im Jahre 58 aufgeführt (Cic. pro 
Sestio 55, 118), sein Incendium noch unter Nero (Suet. Ner. 11). Aus den 
Fragmenten der drei Togatendichter wollen wir wenigstens einige heraus- 
heben. Wie bei den andern Komikern, so waren auch hier allgemeine 
Sentenzen dem Scherz und Spiel beigemischt. „Den Kindern ist das Leben 
der Eltern wenig wert, die lieber von den Ihrigen gefürchtet als verehrt 
sein wollen" (170, 34). „Warum streben wir nach Allzuviel? Das Allzu- 
viel frommt niemandem" (175, 78). In einem Fragment (202, 298) stellt 
sich uns die Weisheit als eine Tochter des Usus und der Memoria dar. 
Unter den übrigen Fragmenten ragen stark diejenigen hervor, welche sich 
auf das Familienleben beziehen. Eine Frau beklagt sich über ihren Mann, 
welcher ihre Mitgift verprasst (135, 15). An einer andern Stelle machen 



*) Dass dieser Vers einer Randbemer- 
kung seine Entstehung verdanke, ist eine 



ganz unwahrscheinliche Annahme Nipperdeys 
(Opusc. p. 588). 



^ 



Das Theaterwesen. 85 

die Männer wegen der Mitgift den gehorsamen Diener der Frauen 
(144, 70). „Wie glücklich, ruft wohl eine Frau aus (177, 100), sind die 
Gattinnen auf der Bühne, die ihren Mann plötzlich durch Streit und auch 
durch Wohlwollen ins Gedränge bringen (urgent)! Was geschehen soll, 
wenn einer mit seiner Hure aufs Land entweichen will, wird uns 139, 43 
verraten. „Wer bist du, der hier in Sandalen, blossen Hauptes bei später 
Nacht dem Zug ausgesetzt unter freiem Himmel weilt, während der Frost 
Kieselsteine spaltet?** wird Einer, der sicherlich eine Liebesaflfaire hatte, 
angerufen (178, 104). Entrüstet fährt jemand darein (184, 161) „Einen 
Müller soll sie heiraten? Warum nicht lieber einen Konditor, damit sie 
dem Sohn des Bruders Torten schicken kann.** Auch in das Treiben der 
Handwerkerwelt führen manche Reste. Die Walker, deren Geschäft ein 
interessantes Fragment des Titinius (137, 28) schildert, klagen, dass sie 
Tag und Nacht keine Ruhe haben (137, 27). Die Weberinnen werfen den 
Walkern vor „Wenn wir nichts weben, habt ihr Walker Feierabend** (136, 
26). Ein Schuster will mit seinem Leisten seinem Gegner die Zähne ein- 
schlagen (218, 419). In anmutiger Weise preisen öfters unsere Dichter 
Jugend und Schönheit. „Schön ist die Jungfrau, die halbe Mitgift nennen 
dies die, welchen die Frage der Mitgift keine Sorge macht** (184, 156). 
In frischer Weise hebt ein Mädchen seine Eigenschaften hervor, es befin- 
den sich darunter Jugend und Schönheit, die ihm, wenn es wilK die Gunst 
der Männer einbringen (173, 61). Eine arme Frau bildet sich ein, sie 
könne durch inneren Wert ersetzen, was ihr äusserlich fehlt (142, 58). 
Allein die wahren Zaubermittel der Frau sind ausser der Willfährigkeit 
Jugend und ein schönes Gesicht (213, 378): 

Si possent homines delenimentis capi, 
Otnnea haherent nunc amcUores anu8. 
Aetas et corpus tenerum et marigeratio, 
Haec sunt venena formosarum mulierum; 
Mala aetas nulla delenimenta invenit. 

Wegen der vielfachen Darstellung des Handwerkerlebens hiessen diese Komödien 
auch tahernariae (Diomedes p. 489 K). Über das Zurücktreten des Sklavenelements vgl. Donat 
zu Ter. Eun. 12: Concessum est in palliata poetis comicis servos dominis sapientiores fingere, 
quod item in togata fere non licet. Die Varronische Charakteristik lautet: Charis. p. 241 K: 
rjBtl nullis aliis servare convenit quam Titinio, Terentio, Attae. Einen Kommentator des 
Afranius mit Namen Paulus erwähnt Charis. p. 241 K. Neukirch, De fabufa togata Roma- 
norum, accedunt fahülarum togatarum reliquiae. Leipzig 1833. Die Fragmente sind jetzt 
in der RisBECK'schen Sammlung nachzusehen 2^, 133 — 222. 



64. Das Theaterwesen. Zum Verständnis der dramatischen Dich- 
tung gehört, dass man ein klares Bild von der Aufführung derselben ge- 
winnt; das dramatische Produkt tritt ja eigentlich nur durch die Darstel- 
lung in das Leben ein. Wie bei den Griechen, so war auch bei den 
Römern die dramatische Auflführung Festspiel. In der republikanischen 
Zeit sind es vornehmlich vier Feste, an denen regelmässig scenische Dar- 
stellungen stattfanden. Zuerst sah das uralte zu Ehren der kapitolinischen 
Gottheiten gefeierte Fest der ludi Romani (magni) eine dramatische Auf- 
fuhrung, als Livius Andronicus im Jahre 240 eine Tragödie und eine Ko- 
mödie auf die Bühne brachte. Die Festleier fiel in den September, Leiter 
derselben waren die curulischen Ädilen. Seit 214 dauerten die Bühnen- 



\ 



QQ Eömische Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



aufführungen vier Tage (Liv. 24, 43). Wahrscheinlich i. J. 220 kamen die ludi 
p/eiei hinzu, ^) deren Feier in den November fällt. Die Festleitung hatten die 
plebejischen Ädilen. Aus der Didaskalie zum plautinischen Stichus erfahren 
wir, dass derselbe im J. 200 an diesem Fest aufgeführt wurde. Damit 
ist der scenische Charakter dargethan. Ein neues Fest brachte das Jahr 212, 
nämlich die ludi Apollinares, die im Juli vom Praetor urbanus ausgerichtet 
wurden. Hier waren scenische Spiele gleich von Anfang an eingefühlt.*) 
Das vierte Fest, die ludi Megalenses, wurde zum erstenmal im April 204 
zu Ehren der Magna mater gefeiert. Die erste scenische Aufführung 
leiteten die curulischen Adilen des Jahres 194 (Liv. 34, 54). Nur Darstel- 
lung von Mimen, wie es scheint, war an einem fünften Feste gestattet, 
den FloraUa, welche seit 173 regelmässig April — Mai von den curulischen 
Ädilen *) abgehalten wurden. Nach der Berechnung Mommsens ergeben sich 
etwa 48 Tage im Jahr für Theateraufführungen.*) Allein diese Zahl steigert 
sich beträchtlich durch die Vorstellungen, welche bei ausserordentlichen 
Festlichkeiten gegeben wurden. Es wird uns berichtet von scenischen ludi 
funebres, ludi votivi, Dedikationsspielen und Triumphalspielen. Die Fest- 
leiter erhielten vom Staate eine bestimmte Summe, die im Laufe der Jahre 
beträchtlich stieg, allein dieselbe reichte nicht aus, besonders seit es Sitte 
wurde, durch glänzende Ausstattung der Spiele sich beim Volke für künf- 
tige Wahlen zu empfehlen. Was hier verschwenderisch verausgabt wurde, 
musste aus den Provinzen wieder erpresst werden. 

Sehr langsam entwickelte sich der Theaterbau. Anfangs wurde so- 
wohl die Bühne als ein Stehplatz für die Zuschauer (cavea) provisorisch bei 
der Festfeier hergestellt. Aus diesen provisorischen Einrichtungen stabile 
zu schaffen, musste die Aufgabe der nächsten Zukunft sein. Einen solchen 
Versuch machte zunächst der Censor M. Aemilius Lepidus 179 für die ludi 
Apollinares (Liv. 40, 51); allein der Bau scheint bald wieder weggerissen 
worden zu sein. Im Jahre 174 wurde die Errichtung einer steinernen 
Bühne von den Censoren für die vier grossen Bühnenfeste in Pacht ge- 
geben; es war dann nur mehr der Platz für die Zuschauer herzustellen 
(Liv. 41,27). Dem Vorhaben des Censor Cassius Longinus, ein stehendes 
steinernes Theater zu errichten (154), trat Scipio Nasica entgegen; der 
Bau wurde eingestellt (Vell. 1,15,3). Endlich brachte das Jahr 145 eine 
entscheidende Verbesserung. Mummius, der Eroberer Korinths, Hess für 
seine Triumphalspiele ausser der Scene einen Zuschauerraum mit Sitz- 
stufen errichten. Damit war das erste vollständige Theater nach grie- 
chischem Muster gegeben. Allein auch dieser Bau war, weil von Holz, 
nur provisorisch (Tac. Ann. 14, 20). Ein stehendes Theater mit steinernem 
Zuschauerraum kam in unserer Periode nicht mehr zu stände; dies war 
der folgenden vorbehalten. Erst Pompejus errichtete 55 ein solches. Auch 
die Dekoration hielt sich längere Zeit auf einer sehr primitiven Stufe. 
Erst im J. 99 scheint eine künstlerische durch Claudius Pulcher eingeführt 
worden zu sein (Val. Max. 2, 4, 6). Der Dekorationswechsel beschränkte 



») MoMMSEN, R.G. 1 « 808. Staater. 2, 1 , p.489. 
') Mabquardt, Rom. Staateverw. 3, 480. 
Anders Ribbfck, Rom. Trag. p. 649. 



^) Man sollte plebejische Ädilen erwar- 
ten. Vgl. MoMMSEN, R. Staater. II, 1, p. 490. 
••) MoMMSEN, CIL 1, p. 377. 



Das Theaterwesen. 



87 



sich vorläufig auf die Hinterwand (scena dudilis), bis später die Periakten 
(scena versüis) hinzukamen (Val. Max. 2, 4, 6). 

Die Hauptsorge der Fes t leite r war, ein durchschlagendes Stück für 
die Spiele zu erhalten. Zu diesem Zwecke mussten sie sich mit einem 
Dichter in Beziehung setzen und ihm ein Stück abkaufen (Ter. Eun. 
prol. 20). In der Regel aber werden die Festleiter sich einer Mittelsperson, 
des Schauspieldirektors (dominus gregis) bedient haben, dem sie gegen eine 
Pauschalsumme Ankauf des Stücks, Ausstattung u. s. w. übertragen haben 
werden (Ter. Hec. Prol. II 47). 0» Der Schauspieldirektor besass dann ein 
solches von ihm gekauftes Stück als Eigentum und konnte es bei späteren 
Aufführungen wiederum verwerten. 

Die Zahl der Schauspieler war im römischen Drama an keine Be- 
schränkung gebunden. Ausser dem Honorar, das sie vom Direktor aus 
dem Staatsschatz erhielten, wurden sie von dem Festgeber noch bei erfolg- 
reichem Spiel mit freiwilligen Geschenken bedacht, unter den Direktoren 
der verschiedenen Gesellschaften, welche zugleich die Hauptrolle übernahmen, 
fand, wie aus Anspielungen ersichtlich ist,'*) ein Wettkampf statt. Dem 
Sieger ward eine Palme zu teil. Im Gegensatz zu den Griechen spielten 
anfänglich die römischen Schauspieler nicht mit Masken. Perrücken ge- 
nügten, um die verschiedenen Typen der darzustellenden Personen zu er- 
halten. Allein gegen das Ende unserer Epoche kam der Gebrauch der 
Masken auf. Donat berichtet de com. p. 10, 1 R., dass mit Masken in der 
Komödie zuerst Cincius Faliscus, in der Tragödie Minucius Prothymus auf- 
getreten sei. Der Grammatiker Diomedes dagegen hat aus einer guten 
Quelle die Notiz (p. 489 K.), dass zuerst der Schauspieler Roscius wegen seiner 
scheelen Augen die Masken benützt habe. Vielleicht lassen sich die beiden 
Nachrichten miteinander vereinigen, wenn wir mit Ribbeck annehmen, 
dass Roscius unter jenen Direktoren mit der Neuerung auftrat. Im J. 91 
war sie bereits vor nicht gar langer Zeit eingeführt worden; denn Cic. de 
or. 3, 59, 221 heisst es, dass die älteren Leute mit den Masken noch nicht 
zufrieden waren. Also hatten diese noch maskenlose Schauspieler gesehen. 

Die Musik in dem Drama war entweder selbständig wie in den 
Zwischenakten oder begleitend. Sie bestand in Flötenmusik, die von einem 
Bläser ausgeführt wurde. Das Instrument, das hiebei in Anwendung kam, 
war stets die Doppelflöte, d. h. es waren zwei Rohre durch ein Mundstück 
miteinander verbunden. In den erhaltenen Didaskalien wird dieses Flöten- 
paar entweder bezeichnet durch tibiis paribus, tibiis duabus dextris, tibiis 
imparibus, tibiis Sarranis. 

Diese Bezeichnungen machen der Interpretation Schwierigkeiten. Die Doppelflöte 
konnte so zusammengesetzt sein, dass das rechte Rohr entweder dieselbe Länge imd die- 
selbe Konstruktion hatte, wie das linke, oder auch nicht. Im ersten Fall hatte man tibiae 
pares, im zweiten tibi<ie impares. Nun sollte man meinen, dass die tibiae pares entweder 



*) Anders erklärt Donat (fabulas) pretio 
meo emtas. Danach „hätte der Schauspiel- 
direktor eine Abschätzung des zu erwer- 
benden Stfickes den Festleitem gemacht, da- 
mit aber zugleich eine Garantie übernom- 
men für das Bühnenglück des Stücks, so 
dass er den Kaufpreis dem Käufer zurück- 



erstatten musste, wenn das Stück durchfiel/ 
Diese Ansicht billigt und führt durch Ritschl, 
Parerga p. 328. 

2) Die Stellen finden sich zusammenge- 
stellt bei Ribbeck, Rom. Trag. p. 670 Anm. 
125 (Trinumm. 705 ; Phormio prol. 16 u. s. w.). 



88 Römische Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



duae dextrae oder duae sinistrae sein konnten. Bei dieser Annahme aber würde die Be- 
zeichnung tibiis parihus unvollkommen sein, femer würde man auch duabus sinistris er- 
warten. Um dieser Schwierigkeit zu entgehen, ist man gezwimgen, entweder tibiis paribus 
mit tibiis duabus dextris zu identifizieren und die tibiis Sarranis dann für eine zweite 
Gattung der tibiae pares anzusehen oder die tibiae pares als eine Überhaupt von dem duae 
dextrae und Sarranae verschiedene Gattung aufzufassen. Vgl. Dziatzko, Rh. Mus. 20, 594. 
Litteratur: Das Theaterwesen der Republik ist in meisterhaften Abhandlungen von 
RiTSCHL aufgehellt worden; dieselben finden sich in seinen Parerga. L. Friedländeb im 
111. Bd. des Handb. der rdm. Altert, von Mabquabdt u. Mommsen p. 462 u. p. 508. Ribbeck, 
Rom. Trag. p. 647 („Theater und Schauspieler"). Arnold, Das altrömische Theatergebäude. 
Würzb. 1873. Populär: Opitz, Schauspiel und Theaterwesen der Griechen und Römer. 
Leipzig 1889. 

10. C. Lucilius. 

65. Die Buchsatura. Schon mehrmals war in unserer Darstellung 
von der satura die Rede. Zuerst lernten wir sie kennen als ein dramati- 
sches Gebilde, als eine Vereinigung von Dialog, Tanz und Gesang. Dann 
trafen wir sie wiederum bei Naevius; allein das einzige uns erhaltene 
Fragment konnte uns keinen andern Aufschluss erteilen, als dass dasselbe 
auf einen Dialog hinwies. Bei dem nächsten Satirenschriftsteller, bei Ennius, 
sind wir besser daran; hier liegt eine kleine Anzahl von Fragmenten vor; 
dagegen sind bei seinem Nachahmer, Pacuvius wiederum alle Spuren 
erloschen. Für Ennius und Pacuvius erhalten wir aber eine Begriflfsbestim- 
mung der von ihnen gepflegten Satire; sie wird als „ein aus verschiedenen 
Dichtungen zusammengesetztes Gedicht" definiert. Allein in dieser Gestalt 
kann die Definition unmöglich richtig sein, ein Gedicht, das aus mehreren 
Dichtungen besteht, ist kein Gedicht mehr, sondern eine Sammlung von 
Gedichten.^ Und als eine Sammlung vermischter Gedichte werden 
die Satiren des Ennius allgemein angesehen. Mit dieser Begriffsbestimmung 
wird auch der Name satura in Einklang gebracht. Wie satura im reli- 
giösen Leben die mit verschiedenen Opfergaben besetzte Schüssel heisst, 
wie eine aus verschiedenen Ingredienzien bestehende Pastete den Namen 
satura führt, wie in der Gesetzessprache satura mit Ergänzung von lex 
das Gesetz genannt wird, welches verschiedene Materien zusammenfasst, 
so soll satura (mit Unterverstehung von poesis) die vermischte Dichtung, 
die Miscellanpoesie bedeuten. Dass auch der Plural saturae in Anwendung 
kam, wird durch den ganz analogen Gebrauch von silvae und prata statt 
Silva und pratum gerechtfertigt. Dieser Erklärung steht aber eine grosse 
Schwierigkeit entgegen. Es fehlt die Brücke, die von der Buchsatura zur 
dramatischen führt; denn selbstverständlich kann ja dort nicht von einer 
Sammlung von Gedichten die Rede sein; es müsste also dort das „Ver- 
mischte" auf die einzelne satura bezogen werden; allein eine solche Be- 
ziehung erlaubt nicht der Inhalt, denn auch das dramatische Gebilde muss 
einheitlich sein; aber auch nicht von der Mischung der Formen, Dialog, 
Tanz und Gesang, wie man annahm, kann der Name satura herrühren, 
denn auch andern Dichtungsgattungen sind solche Mischungen eigentümlich, 
wie z. B. den heiligen Liedern die Mischung von Gesang und Tanz. Um 
diesen Schwierigkeiten zu entgehen, haben Kiessling und Leo *) die Ansicht 



*) Lüg. Müllbr, Q. Ennius p. 106. 

') Kiessling, Einl. zu den Satiren p. VII ; 



Leo, Hermes 24, 77 „Jedenfalls muss die 
vorhistorische satura aus der Geschichte der 



Die Bnchsatura. 



89 



ausgesprochen, dass die Bezeichnung satura für die alten Improvisationen 
der römischen Bühne bloss in den Köpfen derjenigen Litteraturhistoriker 
existiert hat, „welche bei der Vergleichung der römischen Bühnendichtung 
mit ihren attischen Mustern, neben der Tragödie und Komödie eine der 
Gattung der 2cnvQoi entsprechende primitive Form römischer scenischer 
Dichtung vermissten." Allein diese Ansicht kann nicht richtig sein, wir 
finden zweimal satura als Titel von Komödien und zwar, was wichtig ist, 
von nationalen Komödien. Atta betitelte so eine Togata, Pomponius so 
eine Atellana. Ein solcher Titel lässt sich nur durch Anlehnung an die 
alte satura erklären. Hiess aber die alte dramatische Form wirklich satura, 
so muss die Buchsatura des Ennius sich an dieselbe angeschlossen haben; 
es ist nicht denkbar, dass satura hier etwas anderes und wiederum dort 
etwas anderes bedeutete. Wir müssen also zeigen, welches Band zwischen 
der dramatischen satura und der Buchsatura besteht. 

Wir haben die dramatische satura als Spiel der Satyri, der Böcke 
d. h. der in Bocksfelle gehüllten Landsleute betrachtet. Der Charakter 
dieses Spiels war Scherz und Heiterkeit, die Form Dialog, Gesang, Tanz. 
Eine schwache Vorstellung desselben kann die Einlage vom Kampfe des 
Sarmentus und des Messius in Hör. sat. 1, 5, 51 und die Erzählung vom 
Rechtshandel des Rupilius Rex und des Persius (Hör. sat. 1, 7) uns ge- 
währen. Wird die satura nun Lesern, nicht Zuschauern vorgeführt, so 
bleibt als Gemeinsames der heitere Charakter und die dialogische 
Form. Und ich denke, diese beiden Dinge machten ursprünglich das 
Wesen der Buchsatura aus. Der Inhalt konnte natürlich verschieden sein, 
nur auf das Ethos und die dialogische Einkleidung kam es an. Und diese 
können wir bei Ennius mehrfach nachweisen. So stellte er einen Streit 
zwischen Tod und Leben dar; im dritten Buch verteidigte sich, wie es 
scheint, ^) der Dichter in einer Unterredung gegen Angriflfe auf seine Werke, 
auch dem Fragment des sechsten Buchs liegt ein Dialog zu Grund. Es 
ist nicht notwendig, dass jede satura einen förmlichen Dialog enthält; der 
dialogische Charakter ist gewahrt, wenn der Dichter hie und da einen 
Anderen sprechen lässt und das Ganze als eine Plauderei mit dem Leser 
erscheint. Mit der Zeit konnte auch der Dialog zurücktreten, allein noch 
bei Horaz weisen nahezu alle Satiren das dialogische Element auf.*) Einen 
eigenen Charakter gab der Satura Lucilius, indem er das Moment der 
Kritik und der Belehrung in sie aufnimmt und das yeXoTov zum cr/roi;- 
doyäkoiov wendet. Besonders sind es die öffentlichen Zustände, die Gegen- 
stand seiner Plaudereien werden. Dadurch tritt die satura an Stelle der 
alten attischen Komödie.^) Dass auf die Buchsatura auch griechische Vor- 



römischen Poesie in ihre Quellenkunde ver- 
setzt werden.* Und vorher: ,Der Litterar- 
historiker hat augenscheinlich nur nach einem 
Ausdruck gesucht, der eine noch in freier 
Form sich bewegende Dichtungsart schick- 
lich bezeichnen konnte; er fand den von 
Ennius aus der Sprache des Lebens (per 
aaturam) eingeführten Titel bezeichnend. Mög- 
lich auch, dass er der Etymologie satura 
— aatvQw folgend den Namen nach dem 



aristotelischen dtd t6 ix aaxvqixov /xsiaßa- 
Xett^ oipk nneaefjivvv^ (Poet. 1149 a 20) bil- 
dete ; sicher, dass er — diese satura in Ana- 
logie zum Sat3rrspiel setzt. ** 

*) Ribbeck, Gesch. der r. Dicht. 1, 49. 

^) Vgl. Oebtneb, Horazens Bemerkungen 
Über sich selbst in den Satiren. Gr.Strelitz 
1880 p. 6. 

*) Mabx, Interpretationum Hexas, Ro- 
stock 1888/89 p. 12. 



90 Römiflche Litteratnrgeschichte. I. IMe Zeit der Republik. 2. Periode. 



bilder einwirkten, kann nicht bezweifelt werden. Es gab von Timon unter 
dem Titel adrvQoi Gedichte, denen dieselben Eigenschaften zugeschrieben 
werden, die wir der Buchsatura zugeschrieben haben. ^ Horaz nennt die 
Plaudereien des Bion (Ep. 2, 2, 60). Auch Krates und besonders Menippus 
aus Gadara lieferten dem römischen Dichter Muster. Der Ausspruch Quin- 
tilians 10, 1, 93 satira tota nostra est lässt sich nicht aufrecht halten. 

Über die satura ist die Hauptstelle bei Diomedes p. 485 K Satira dicitur carmen 
apiid Romanos nunc quidem maledicum et ad carpenda hominum vitia archaeae comoediae 
eharactere compositum^ quäle scripserunt Lucilius et Horatius et Persius (vielleicht bloss 
quäle scripsit Lucilius y vgl. Leo, Hermes 24, 69); et (sed'RBiFV'EB&csEiTi) olim carmen quod 
ex variis poematihus constabat satira vocabatur, quäle scripserunt Pacuvius et Ennius, Sa- 
tira autem dicta sive a Satyris, quod similiter in hoc carmine ridiculae res pudendaeque 
dicunturj quae velut a Satyris proferuntur et fiunt; sive satura a lance, qucte referta imriis 
multisque primitiis in sacro apud priscos dis inferebatur et a copia ac saturitate rei satura 
vocabatur — sive a quodam genere farciminiSf quod multis rebus refertum saturam dicit 
Varro vocitatum, est autem hoc positum in secundo libro Plautinarum quaestionum „satura 
est uva passa et polenta et nuclei pini ex mulso consparsi dd haec alii addunt 
et de malo punico grana . alii autem dictam putant a lege satura, quae uno rogatu multa 
simid conprehendat, quod scilicet et satura carmine multa simul poemata conprehenduntur, 
cuius saturae legis Lucilius meminit in primo per saturam aedilem factum qui legi- 
bus solvat et Sallustius in lugurtha „deinde quasi per saturam sententiis exqui- 
sitis in dediiionem accipitur.^ 

Mit MoMMSEN, R. Gesch. 1®, 28 und Ribbeck, Gesch. der r. Dicht. 1, 9 halten wir 
an dem Zusammenhang der satura mit adrvQov fest; freilich bleibt eine Schwierigkeit, näm- 
lich die Entstehung der Form satura. 0. Eelleb erklärt Philol. 45, 391 : „Der Titel (satura) 
wurde statt saturi vorgezogen, weil den Römern ein substantiviertes satura schon geläufig 
war, während ihnen die hellenischen Halbgötter adtvqoi fremd waren.'' 

Litter atur: Casaubonus de satyrica Graecorum poesi et Romanorum satira (1605); 
hier wird der Unterschied zwischen dem Satyrdrama und der römischen Satire dargelegt; 
allein dass zwischen beiden doch ein Zusammenhang besteht, dürfte aus dem Obigen her- 
vorgehen. Vgl. Chbist, Gr. Litteraturgesch. p. 144. Von den vielen Abhandlungen, welche 
sich mit der Satire beschäftigen, nenne ich folgende: Roth, Kl. Schriften 2, 384 u. 411. 
Haase, Die römische Satire in Prutz' Deutsch. Mus. 1851 p. 858. Bibt, Zwei politische 
Satiren des alten Rom, Marb. 1888. Heinze, De Horatio Bionis imitatore, Bonn 1889. 

66. Das Leben des C. Lucilius. Suessa Aurunca in Campanien ist 
die Heimat des Dichters Lucilius. Daher nennt ihn Juvenal 1,20 magnus 
Auruncae alumnus. Hier wurde er 180 aus einem vornehmen Qeschlechte 
geboren. Von seinen Familienverhältnissen wissen wir noch, dass sein 
Bruder Senator war und eine Tochter hatte, welche nachmals die Mutter 
des Pompeius Magnus geworden ist. Unter Scipio diente er im numan- 
tinischen Krieg (134). Sein Leben brachte er,, wie es scheint, grösstenteils 2) 
in Rom zu; die Satiren wenigstens können nur dort abgefasst sein. Er 
besass ein eigenes Haus (Asconius p. 12 K. Seh.). Seinem vertrauten Umgang 
mit Scipio und Laelius hat Horaz ein schönes Denkmal Sat. 2, 1, 71 gesetzt. 
Auch mit dem Philosophen Clitomachus muss er sehr befreundet gewesen 
sein, da ihm dieser ein Buch widmete (Cic. acad. 2, 32, 102). Gestorben 
ist Lucilius im J. 103; verheiratet war er, wie es scheint, nicht. 

HieronymuB gibt als Geburtsjahr 1870 a. Abrah. = 147 v. Chr. (2, 129 Seh.) an, als 
Sterbjahr 1914 a. Abrah. = 103 v. Chr. (2, 133 Seh.): C, Lucilius satirarum scriptor 
Neapoli moritur ac publico funere effertur anno aetatis XLVL Allein das Geburtsjahr ist 
unrichtig bestinmit, denn es würde dann Lucilius in einem kaum glaublich jungen Alter 
Kriegsdienste gethan haben ; auch fordert das vertrauliche Verhältnis zu Scipio ein höheres 
Alter; endlich würde Hör. Sat. 2, 1, 34 senex von Lucilius auffallend gesagt sein, wenn er mit 



*) Wachsmuth, Sillographi^ p. 25, de- 
finiert die oärvQot als carmina ax<onnxd 
colloquentium personarum vicibus distineta. 



*) Eine längere Abwesenheit (von etwa 
126—119) sucht Marx, Stud. Luc. p. 93 zu 
erweisen. 



C. LaoUins. 



91 



dem 46. Lebensjahre gestorben wäre. Es ist eine sinnreiche Vermutung M. Havpt's, dass eine 
Verwechslung der Konsuln A. Postumius Albinus und C. Calpumius Piso des Jahres 180 
mit Sp. Postumius Albinus und L. Calpumius Piso des Jahres 147 stattgefunden. Damit 
werden alle Schwierigkeiten beseitigt. Für die Lebensverhältnisse des Lucilius sind noch 
folgende Stellen zu berücksichtigen: Voll. Pat. 2, 9, 3 qui (IaicJ sub P. Africano Nu- 
mantino hello equea militaverat, 2, 29, 2 Cn, (Pompeius) genitua matre Luciliay stirpis sena- 
toriae, Äcro ad Hör. saL 2, 1, 7ä feriur Lucilius maior avunculus fuisse Pompei Magni. 
(Falsch bei Porphyrie zur Stelle: etenim avia Pompei Lucilii soror fuerat. Diese Worte 
sind Interpolation. Vgl. Marx, Stud. Lucil. p. 92, 1.) 

57. Das Corpus der Satiren des Lucilius. Die Satiren ^) des Lu- 
cilius waren in 30 Bücher eingeteilt. Diese 30 Bücher wurden aber nicht 
auf einmal, sondern successiv veröffentlicht. Auf diese successive Ver- 
öffentlichung führen folgende Spuren: Varro citiert de 1. 1. 5, 17 eine Aus- 
gabe der ersten 21 Bücher; Nonius' Citaten liegen zwei Ausgaben zu Grund, 
darunter eine, welche die letzten fünf Bücher nicht kennt. Dies führt 
allem Anschein nach auf 3 Teile, von denen der erste die Bücher 1 — 21, 
der zweite 22—25, der dritte 26 — 30 umfasste. Diese drei Teile charak- 
terisieren sich aber als Einheiten durch das verschiedene Mass, in dem 
sie gedichtet sind; die Bücher 1 — 21 weisen nur den Hexameter auf, von 
den Büchern 22 — 25 sind so wenig Fragmente überliefert, dass hier über 
das Metrum keine sichere Entscheidung getroffen werden kann; soviel ist 
aber gewiss, dass das Distichon in dem 22. Buch, das hier fast allein in 
Betracht kommt, angewendet wurde. In dem dritten Teil endlich erschienen 
verschiedene Metra, am häufigsten trochäische Septenare und jambische 
Senare.*) Eine Sonderstellung nimmt hier wieder das 30. Buch ein, das 
aus lauter Hexametern bestand und vielleicht für sich herausgegeben wurde. 
Diese drei Bände sind nicht chronologisch zu einer Gesamtausgabe ver- 
bunden. Der dritte Teil ist der früheste. Man kann dies schon daraus 
ersehen, dass der Dichter im Eingang des 26. Buchs sein Satirenschreiben 
rechtfertigt, sozusagen sein Programm entwirft. Es sind aber auch chro- 
nologische Judicien dafür vorhanden. Diese weisen im 26. Buch auf c. 131 
(26,57), im 1. auf c. 126 d.h. auf die Zeit unmittelbar nach dem Tode 
des Lupus. Die Anordnung der drei Teile erfolgte augenscheinlich nach 
metrischen Rücksichten, man begann mit dem geläufigsten Masse, dem 
Hexameter, an das sich natürlich die Partie in Distichen anreihte; die 
gemischten Metra des dritten Teils bildeten den Schluss. 

Über das Corpus vgl. Lachhakn, Kl. Schriften 2, 62, Möller's Ausgabe p. IX — XII 
zu Nonius 2, 371. Unsere Darstellung schliesst sich an die scharfsinnige Untersuchung der 
Studia Lucüiana von Mabx, Bonn 1882, p. 86 — 91 an. Die Abfassung des zweiten Buchs 
setzt Mabx p. 91 c. 119, das elfte c. 110 an. 

58. Inhalt einzelner Bücher der Satiren. Fragmente sind uns 
von allen Büchern erhalten mit Ausnahme der Bücher 21, 24 und 25,^) 
zu denen Müller noch Buch 23 hinzufügt. Die Bestimmung des Inhalts 
einzelner Bücher ist deshalb schwierig, weil in einem Buche mehrere Sa- 



^) Die er vielleicht schon sermones 
nannte vgl. 30, 34 M. und dazu Marx, Stud. 
Lucil. p. 44. 

^) Nach LxcBMAKs bestand das B. 26 
und 27 aus trochäischen Septenaren, 28 aus 
jambischen Senaren, 29 aus beiden Vers- 
arten, MüLLEB weicht ab in Bezug auf B. 28 



und 29, für die er neben den trochäischen 
Septenaren auch jambische Trimeter und 
dactylische Hexameter annimmt (Leben des 
Lucil. p. 27, Ausg. p. XI). 

^) Ein kurzes Citat des 25. Buches wird 
von Müller dem 26. (Vs. 99) zugewiesen. 



92 Römische Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



tiren vereinigt sein konnten und höchst wahrscheinlich, worauf die Frag- 
mente führen, auch vereinigt waren. Doch sind immerhin einige Andeu- 
tungen möglich. Im 1. Buch wird in zwei Götterversammlungen über den 
princeps senatus L, Cornelius Lentulus Lupus beraten und sein Untergang 
beschlossen (Serv, Aen. 10, 104). Eine Satire des 2. Buchs behandelte den 
Prozess des Q. Mucius Scaevola und T. Albucius; der letztere hatte den 
ersteren wegen Erpressung in Asien belangt. Im 3. Buch war eine Reise 
von Rom bis zur sicilischen Meerenge geschildert. Diese Reisebeschreibung 
wurde bekanntlich von Horaz Sat; 1, 5 nachgeahmt. Von dem 4. Buch 
wird berichtet, dass Persius seine dritte Satire nach der lucilischen ge- 
staltete, in der gegen die Üppigkeit zu Feld gezogen wurde. Das 9. Buch 
bezog sich auf grammatische und litterarische Probleme, besonders auf die 
damals schwebenden orthographischen Fragen. Das 10. Buch begeisterte 
Persius zur Abfassung von Satiren und zur Nachahmung des Eingangs. 
Im 13. Buch weisen mehrere Fragmente auf ein Thema hin, wie es bei 
Horaz Sat. 2, 4 behandelt ist. Das 14. Buch führt den jüngeren Scipio 
redend ein; er erzählt seine grosse Reise. Das 16. Buch überschrieben 
die Grammatiker „Collyra**, weil Lucilius in demselben viel von dieser 
seiner Geliebten sprach. Aus den Fragmenten des 26. Buchs können drei 
Satiren herausgeschält werden, eine, in der er sein litterarisches Unter- 
nehmen rechtfertigt, eine zweite, welche Scipios numantinischen Krieg pries, 
endlich eine dritte, welche erotische Dinge behandelte. Auch im 30. Buch 
war von seiner satirischen Dichtung die Rede. 

Porph. zu Hör. sat. 1, 5, 1 Lucilio hac satira aemulatur Horatius iter suum a Roma 
Brundesium iisque describens, quod et ille in tertio lihro fecit; primo a Roma Capuam usque 
et inde fretum Siciliense. Schol. Pers. 3, 1 hanc satyram poeta ex Lucili lihro quarto 
transtulit castigantis luxuriam et vitia diviium. Vita Persii p, 238 ed. Jahn lecto libro 
Lucilii decimo vehementer satira^ componere instituUy cuius libri initium imitatus est^ sibi 
primo f mox omnibus detracfurus etc. Porphyr. Hör. Carm. 1, 22, 10 liber Lucilii sextus 
decimus Collyra inscribitur, eo quod de CoUyra amica scriptus sit. Reconstructionsver- 
suche stellten ausser den Herausgebern an in neuerer Zeit Marx, Stud. Lucil. für das 1. B. 
p. 54, für das 2. p. 68, für das 13. p. 77, für das 14. p. 81, für das 30. p. 42; Bücheler, 
für das 10. B. Rh. Mus. 39, 287; 0. Keller, für das 3. Philol. 45, 553; Birt, Zwei polit. 
Sat. für das 26. B. p. 74, p. 89, p. 112. 

69. Charakteristik des Lucilius. Die Beurteilung des Lucilius muss 
sich zunächst auf die Fragmente des Dichters stützen; ergänzend treten 
drei Horazische Satiren (1,4; 1, 10; 2, 1), in denen Lucilius' dichterisches 
Schaffen beurteilt wird, hinzu. Bei der Durchmusterung der Fragmente 
erkennt man, dass Lucilius das Leben in allen seinen Erscheinungen seiner 
Kritik unterworfen hat. Im Vordergrund stand aber die Politik; bekannt 
ist der Horazische Vers (Sat. 2, 1,69): 

Primores populi arripuit populumque tributim. 

Besonders im ersten Buch waren die Gebrechen des staatlichen Lebens 
schonungslos aufgedeckt; es beraten dort die Götter über die schleichende 
Krankheit (16 M.) und über die Mittel und Wege, wie dem römischen 
Gemeinwesen aufgeholfen werden könne (14). Gern vergleicht der Dichter 



Wir citieren durchweg nach Müllers 
Ausgabe, da die willkürliche Behandlung, 
welche die Fragmente in der neuen Ausgabe 



von Bährens erfahren haben, die Benützung 
derselben erschwert. 



C. Lncilina. 93 

die grosse Zeit, in der das römische Volk zwar in Schlachten, aber nie- 
mals im Krieg besiegt worden sei (26, 53) und in der es den alten, schlauen 
Wolf, den Hannibal, aus Italien verjagt (29, 2 — 5), mit der Jetztzeit, in 
der es einem Viriathus unterlegen sei (26, 55). Den politischen Grössen 
seiner Zeit, einem Lupus, einem Metellus, einem Asellus, geht er scharf 
zu Leibe. Noch sind uns in den Fragmenten einige Bilder dieser Art 
erhalten (11, 14 fg.). Aber auch die Gebrechen der Gesellschaft entgingen 
dem scharfen Blick des Dichters nicht; bekannt ist jenes schöne Fragment, 
in dem er mit lebhaften Farben schildert, wie alles in Rom vom Tages- 
grauen bis in die Nacht hinein sich abmüht, andere zu täuschen und zu 
prellen, selbst aber in der Rolle des Biedermanns aufzutreten (p. 133, 15). 
Die zu seiner Zeit stark hervortretende Gräkomanie verhöhnt er in der 
Person \jes Albucius, der griechisch begrüsst sein wollte (p. 135, 26). Gegen 
den um sich greifenden Luxus werden scharfe Worte geschleudert. Der 
Prasser Gallonius, der den Stör auf die Tafel brachte, wird als ein un- 
glücklicher Mann geschildert, der niemals gut gegessen, da er alles auf 
diesen seinen Lieblingsfisch verschwendet (4, 4). Selbst auf die religiösen 
Anschauungen richtet er sein wachsames Auge, er tadelt in merkwürdigen 
Versen die abergläubische Verehrung der Bildwerke, als seien sie Personen 
(15, 5). Sehr beschäftigen den Dichter wie den scipionischen Kreis die 
grammatischen Fragen und die Litteratur. Die Orthographie war damals ein 
viel behandeltes Problem geworden, auch unser Dichter beteiligt sich durch 
positive Vorschläge an demselben (9, 12 fg.). In der Litteratur erregt der 
Schwulst und der unnatürliche Ausdruck der tragischen Dichter seinen 
Spott (29, 81). Aber auch die kleinen Ereignisse seines Lebens, wie z. B. 
seine Reise bis zur sicilischen Meerenge weiss er in anmutiger Weise zu 
erzählen. Kurz was auf den Dichter in der langen Zeit seines Lebens 
Eindruck gemacht, das legt er in seinen Plaudereien dem Leser vor, so 
dass Horaz mit Recht sagen kann, Lucilius' Leben liege in seinen Satiren 
wie auf einer Votivtafel offen vor den Augen des Lesers da. Der Form 
hat der Satiriker weniger Sorgfalt zugewendet; spottet er doch des ge- 
drechselten Stils und vergleicht ihn einer Mosaik (p. 135, 33); er ist weit- 
schweifig (Hör. sat. 1,4,11), er mischt lateinische und griechische Worte, 
wie sie ihm gerade in den Wurf kommen (Hör. sat. 1,10, 20). Kein Wunder, 
dass der augusteische Kunstdichter an seiner Schlottrigkeit Anstoss nimmt 
und spöttisch bemerkt, dass Lucilius oft in einer Stunde 200 Verse herab- 
leiere. Lucilius verschmähte eben alles Gemachte und Gekünstelte; wie 
sich ihm ein Gedanken aufdrängte, wurde er ohne grosse Ängstlichkeit 
hingeworfen. Aber diese unmittelbare Darlegung der Empfindung muss 
einen Hauptreiz dieser Dichtungen ausgemacht haben; es kommt hinzu, 
dass an die Beurteilung der Dinge eine scharf ausgeprägte, in ihrem Kern 
vortreffliche Individualität herantritt, der nicht der Spott das alleinige 
Ziel ist. Nicht ohne Rührung lesen wir jene schöne Stelle, in der er be- 
kennt, dass er durch seine Verse mit allem Eifer des Volkes Wohl zu 
fördern suche, und gleich darauf finden wir ein Gebet um reichen Segen 
für das Vaterland (27, 1). In einem anmutigen Fragment, in dem er die 
altrömische virtus schildert, führt er unter anderem aus, Tugend sei es, 



94 RömiBche Litteratnrgeschiohte. I. Die Zeit der Eepublik. 2. Periode. 

der bösen Menschen und der bösen Sitten Feind zu sein, dagegen der guten 
Menschen und der guten Sitten Freund, das Wohl des Vaterlandes in die 
erste Linie zu stellen, das Wohl der Eltern in die zweite, das eigene in 
die letzte (p. 133, 9). Bei der hohen Meinung, die er von seinem Dichter- 
beruf hat, darf man sich nicht wundern, wenn er oifen ausspricht, dass 
ein Lucilius kein Steuerpächter werden kann (26, 16), und sich rühmt, dass 
seine Gedichte von vielen allein noch gelesen werden (30, 4). Lucilius* 
Bedeutung für die römische Litteratur ist eine grosse; er hat den von 
Naevius ausgestreuten Samen weiter entwickelt, durch ihn ist der satura 
Kritik der Gegenwart vorwiegend als Aufgabe zugefallen; seine Satiren 
gaben den Römern Ersatz für die alte griechische Komödie. 

Lucilius wurde bald kommentiert, so von Laelius Archelaus und Yettius Philocomus, 
bei dem letztem hörte die Erklärung der Grammatiker und Dichter Valerius Cato, der 
später selbst die Verbesserung der Lucilianischen Satiren unternahm (Suet. gr. 2; Hör. 
sat. 1, 10 in den vorausgeschickten unechten Versen, über welche zu vgl. Mabx, Rh. Mus. 
41, 553). In der Ciceronischen Zeit schrieb Curtius Nicia über Lucilius (Suet. gr. 14). In 
der Augusteischen Zeit wurde er viel gelesen, wie dies aus der Opposition des Horaz er- 
hellt. Der Kritiker Valerius Probus zur Zeit Neros besorgte eine kritische Ausgabe, vgl. 
Anecd. Parisin. p. 137 Reiffersch.: Probus, qui illas (sc. notas) in Vergüio et Horatio et 
Lucilio (überliefert Lucretio, das Richtige stellte her Bernhardt) appoauit ut Homero Äri- 
starchus. Zur Zeit Hadrians, da man die alten Schriftsteller sehr kultivierte, wurden auch 
die Satiren des Lucilius fleissig behandelt. 

Litteratur: Die erste vortreffliche Ausgabe stanmit von Franz Dousa, Leyden 
1597, dem sein Vater Janvs Dousa und Scalioer Beiträge spendeten. In neuester Zeit hat 
die erste grundlegende Ausgabe L. Müller, Leipzig 1872 publiziert. Als Ergänzung hiezu 
erschien desselben Verfassers Schrift, Leben und Werke des G. Lucilius, Leipzig 1876. Aus 
dem Nachlass C. Lachxann's veröffentlichte J. Vahlen, C. Lucilii saturarum, Berlin 1876, 
wozu als Ergänzung kommt Härder, index. Lucil.f Berl. 1878. In den Fragmenta poeta- 
rum Romanarum von Bährbns findet sich Lucilius p. 139 — 266. Da die meisten Fragmente 
von Nonius überliefert sind, so hängt die Kritik des Lucilius mit der Exitik des Nonius 
zusanmien. Um die Erklärung und Kritik der Fragmente haben sich ausser den Heraus- 
gebern Francken, Bücheler, Marx, Stowasser bemüht. 



Hier ist vielleicht der passende Ort, des lustigen Kneipgesetzes (lex convivalis) zu 
gedenken, welches Valerius aus Vibo Valentina verfasst hatte. Da als Antragsteller Tappo 
eingeführt wurde, so hiess die lex auch lex Tappula. Und unter diesem Namen wird sie 
auch bei Lucilius erwähnt (p. 158, vs. 177). Vgl. Fest. p. 363 M. Tappulam legem con- 
tHvalem ficto nomine conscripsit iocoso carmine Valerius ValentinuSy cuius meminit Lucilius 
hoc modo: Tappulam rident legem congerrae Opimi. Von dieser lex Tappula ist die Ein- 
leitung in einer bronzenen Kopie in neuerer Zeit in Vercellae aufgefunden worden. Vgl. 
Philol. Wochenschr. 1882 n. 25 p. 795—796. Wohl derselbe Valerius machte auch ein Gedicht, 
in quo puerum praetextatum et ingenuam virginem a se corruptam poetico ioco significaverat 
(Valer. Max. 8, 1, 8). Als er daher den C. Cosconius wegen Erpressungen anklagt«, liess 
der Verteidiger das schändliche Gedicht vorlesen und erreichte, dass C. Cosconius trotz 
seiner offenkundigen Schuld freigesprochen wurde. 

11. Die übrigen Dichter. 

60. Dramatisches. Als Palliatendiehter wird ein Atilius in dem 
Kanon des Volcacius Sedigitus an fünfter Stelle genannt. Wir kennen 
nur eine Palliata unter dem Namen des Atilius; es ist ein „Weiberfeind** 
(misogynos), den Cic. Tusc. 4, 11, 25 erwähnt. Aus einer unbekannten Palliata 
desselben citiert Cicero an einer andern Stelle einen Vers; zugleich nennt 
er ihn hier in Bezug auf den Stil einen ^;o^Ya durissimus (ad Attic. 14, 20, 3). 
Cicero kannte aber von einem Atilius auch eine Tragödie, nämlich eine 
Übersetzung der Sophokleischen Elektra, er nennt sie eine schlechte Über- 



Die ftbrigen Dichter. 95 

Setzung (de fin. 1, 2, 5). Seinem Urteil fügt er das Urteil des Licinius bei, 
der Atilius einen ferreus scriptor nennt. Im Stil gleichen sich also beide 
Dichter, der Komiker und der Tragiker, wir werden sie daher identifizieren 
dürfen. Ganz anders lautet das Urteil in Bezug auf die dramatische Wir- 
kung. Varro zählt den Atilius neben Trabea und Caecilius zu denjenigen, 
welche die ndO^rj besonders zu erregen verstanden (Charis. p. 241 K). Und 
dieses Lob wird bestätigt durch die Nachricht Suetons (Caes. 84), dass 
beim Leichenbegängnis Caesars ein Canticum aus der Elektra des Atilius 
aufgeführt wurde. Ist die Identifizierung des Komikers und des Tragikers 
richtig, so wird Atilius bald nach Ennius anzusetzen sein; und vor Caeci- 
lius nennt ihn auch Varro an der angeführten Stelle. 

RiTSCHL wollte unsem Dichter mit dem Schauspieler L. Hatilius aus Praeneste iden- 
tifizieren, vgl. Parerga p. 11 Amn. p. 196; allein dies ist ganz unsicher. Siehe Dziatzko, 
Rh. Mus. 21, 72, Anm. 18. 

61. Episches. Wir haben zwei Dichter zu verzeichnen: 

1) Hostius. Ennius hatte den istrischen Krieg der Jahre 178 und 
177 in seinem Epos besungen. Dieses Beispiel reizte Hostius, einen spä- 
teren Krieg mit den Istrern, nämlich den des Jahres 129 zum Gegenstand 
eines Epos zu machen. Die Annahme scheint aber unabweislich zu sein, 
dass ein Mann nur dann auf den Gedanken kommen kann, diesen unbe- 
deutenden Krieg zu besingen, wenn er zu gleicher Zeit lebte und wenn er 
einen Zeitgenossen verherrlichen wollte. Von dem Epos, das mindestens 
drei Bücher hatte, sind nur c. 7 Fragmente erhalten. 

Die Beziehung auf den Krieg des J. 129 hat zuerst Berok behauptet. Vgl. Fleckeis. J. 
83, 322 (Opusc. 1, 254). Über diesen Krieg berichtet Mommsen 2«, 169. „129 demütigte der 
Konsul Tuditanus in Verbindung mit dem tüchtigen Decimus Brutus, dem Bezwinger der 
spanischen Gallaeker, die Japyden und trug, nachdem er anfänglich eine Niederlage erlitten, 
schliesslich die römischen Waffen tief nach Dalmatien hinein bis an den Kerkafluss, 25 
deutsche Meilen abwärts von Aquileia." Dieser Sempronius Tuditanus war auch Geschicht- 
schreiber; vielleicht wurde durch ihn das Epos yeranlasst. 

2) A. Furius von Antium. Gellius teilt uns 18,11 von Furius 
(ex poematis Furianis) sechs Hexameter mit, um dessen Vorliebe für In- 
choativa darzuthun. Die Bruchstücke sind allgemeiner Natur, weisen aber 
doch auf Kampf (fr. 1 u. 3 B. p. 276) und damit auf ein historisches Gedicht 
hin. Da in der Kapitelüberschrift ausdrücklich Furius Antias genannt 
wird, so kann hier über den Autor kein Zweifel obwalten. Nicht ohne 
Schwierigkeit ist die Zuteilung anderer Fragmente. Macrobius gibt im 
6. Buch ebenfalls mehrere Hexameter eines Furius und zwar aus einem 
Gedicht, das er mit „annalis" bezeichnet. Er citiert von diesem Gedicht 
das 11. Buch. Zeitanspielungen finden sich auch hier nicht. Endlich tritt 
bei Horaz ein Furius auf; es wird dort (Sat. 2, 5, 40) der Vers desselben 

Juppiter hibernas cana nive conspuit Alpeß 

verspottet. Acre teilt zur Stelle mit, dass der Vers aus des Furius Biba- 
culus „Pragmatia belli Gallici^ stamme. Allein hier muss ein Irrtum des 
Berichterstatters vorliegen. Niemand berichtet etwas von einem histori- 
schen Epos dieses Furius; ein solches widerstreitet auch ganz der Richtung 
der Schule, zu der er gehörte. Endlich können wir ihm, den wir aus den 
echten Fragmenten als einen ganz vorzüglichen Dichter kennen lernen, die 
von Horaz gerügte Geschmacklosigkeit nicht zutrauen. Horaz muss also 



96 BömiBche Litteraturgesohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

einen andern Furius im Sinne haben; welchen er im Sinne hat, ersehen 
wir aus Sat. 1, 10, 36, wo allem Anschein nach wiederum unser Furius 
auftritt; denn an beiden Stellen haben wir einen »schwülstigen** Dichter; 
auch scheint die zweite Stelle jenes Gedicht über den gallischen Krieg zu 
streifen. Ist diese Identifizierung richtig, so müssen wir den Furius nach 
der zweiten Stelle Alpinus nennen und ihm noch ein Gedicht, eine Aethiopis, 
beilegen. Es wären also noch die von Macrobius mitgeteilten Fragmente 
zu beurteilen; hier sehe ich nun keinen stichhaltigen Grund, dieselben dem 
Furius Antias abzusprechen. Das annalistische Gedicht des Furius scheint 
bis auf die Gegenwart herabgegangen zu sein; denn wenn der Sieger im 
Cimbernkrieg, Q. Lutatius Catulus, eine Denkschrift in Form eines Briefs 
über sein Konsulat und seine Thaten an Furius schickte, so wird der Zweck 
der Zusendung gewesen sein, dass er in den Annalen des Furius berück- 
sichtigt sein wollte (Cic. Brut. 35, 132). 

Zu Hör. Sat. 2, 5, 40 teilt Acro den oben stehenden Vers mit und bemerkt: Furius 
Vivaculus in pragntatia belli Galliciy vgl. Quint. 8, 6, 17; zu 1, 10, 36 heisst es bei Acro; 
Bihaculum quendam poetam gallum tangit, bei Porphyrie Cornelius Alpinus (Memnona) hexa- 
metris versibus nimirum describit, wobei aber zu bemerken, dass die Worte Cornelius 
Alpinus in der besten Handschrift fehlen. Ein anderes Verfahren als das im Texte einge- 
haltene schlagen Bähbens und Ribbeck ein; Bähbens belässt nur die von Gellius mii^e- 
teilten Verse dem Furius Antias, in dem von Macrobius und Horaz erwähnten Dichter er- 
kennt er den Furius Bibaculus, vgl. fragm. p. 318 und Conmient. Catull. p. 21. Ribbeck 
dagegen Gresch. d. röm. Dicht. 1, 295 sieht bei Gellius, Macrobius, Horaz (von Sat. 1, 10, 44 
ist nicht die Rede) denselben Dichter und zwar Furius Antias, dessen Annalen den galli- 
schen d. h. cimbrischen Krieg behandelt hätten. Dass an den zwei Stellen des Horaz der 
Dichter Furius Alpinus gemeint ist, hat Nippebdey Opusc. p. 499 dargethan. 

62. Didaktisches. Lehrhaftes dichtete Q. Valerius aus Sora, den 
Cic. de or. 3, 11, 43 den literatissimMs omnium togatorum nennt. Er gehörte, 
wie es nach fr. 1 B. p. 272 scheint, dem Kreise des jüngeren Scipio 
an. Unter den wenigen Fragmenten, welche wir Varro und Plinius ver- 
danken, tadelt eines eine prosodische Eigentümlichkeit des Dichters Accius, 
zwei Hexameter besingen Juppiter im stoischen Sinne. Ferner erwähnt 
Plinius praef. 33 ein Werk desselben mit dem Titel inomideg. Hier war 
wohl über den geheimen Namen Roms gehandelt (Plin. n. h. 3, 65). Ein 
litterarhistorisches Lehrgedicht, dessen Titel wir nicht kennen, schrieb 
Porcius Licinus.^) Er gehört allem Anschein nach der Zeit des Scipio 
und Laelius an; er wird von Gellius 19,9 vor Q. Lutatius (Cons. 102) ge- 
stellt. Aus diesem Werk stammt das Dutzend trochäischer Tetrameter 
über Terentius, welche uns eine Vorstellung von dem Werke liefern; es war 
der litterarische Klatsch darin niedergelegt. Auch Angaben über Ennius 
und über Atilius enthalten die Fragmente. Diesem litterarhistorischen Ge- 
dichte entstammen jene vielcitierten Verse, welche den Einzug der Muse 
in das kriegerische Rom besingen (Gell. 17, 21,45). Ungefähr in dieselbe 
Zeit gehört das Gedicht „über die Dichter" des Volcacius^) Sedigitus. 
Da er die Togata und den Mimus nicht berücksichtigt, scheint er die Blüte- 
zeit dieser Gattungen nicht erlebt zu haben. Aus diesem Buch stammt 
der Kanon der zehn Palliatendichter, den er nach dem Muster des wohl 



*) Madvig, Opusc. 85. 

^) Dies die richtige Schreibung, nicht Volcatius. Vgl. Bücheleb, Rh. Mus. 33, 492. 



Die ftbrigen Dichter. 97 

in Pergamon entstandenen Kanon ^) der zehn Redner entworfen hatte. Es 
folgen sich die Dichter in dieser Reihenfolge, für welche ein Prinzip bis 
jetzt nicht sicher nachgewiesen werden konnte: Caecilius, Plautus, Naevius, 
Licinius, Atilius, Terentius, Turpilius, Trabea, Luscius, Ennius (Gell. 15, 24). 

Aus einem litterarischen Gedicht, in welchem dem Terenz vorgeworfen wird, dass 
seine Stücke von Scipio herrührten, werden von Donat in seinem Zusatz zum Leben des 
Terenz 35 drei Senare aufgeführt und einem Vallegius in actione beigelegt. Statt Vallegiw* 
haben Bücheler und Ribbeck Vagellius geschrieben, was Ritschl aufgenommen. Neuer- 
dings vermutet BI^cheleb, Rh. Mus. 33, 492 den bekannten Dichter Volcacias, Leo, Rh. Mus. 
38, 321 greift diese Vermutung auf und schreibt weiter statt in actione — in enumeratione^ 
damit auf denselben Abschnitt der Schrift des Volcacius de poi^is hingewiesen werde, aus 
dem Sueton in der Vita des Terenz einen Senar über die Hecyra mitteilt. Allein ich be- 
zweifle die Richtigkeit dieser Vermutungen. Die Anrede Terenti passt nicht gut in ein 
litterarhistorisches Werk, wohl aber in eine „Verhandlung**, welcher der Dichter unterworfen 
wird. Vagellius wird der nächsten Zeit nach Terenz angehören. 

Litteratur: Über Porcius Licinus vgl. Vahlen, Monatsber. der Berl. Akad. 1876 
p. 789. Ladewio, Über den Kanon des Volcacius Sedigitus, Neustrelitz 1842 betrachtet als 
Kriterium des Kanons den grösseren oder geringeren Grad von Originalität, Ibeb, De Vol- 
cacii Sedigiti canone, Münster 1865 das grössere oder geringere Mass des nu&og (p. 4). 

63. Die epigrammatische Dichtung. Das Epigramm im eigent- 
lichen Sinn des Wortes findet die häufigste Anwendung auf dem Grab- 
denkmal. Die ursprünglich einfache Form desselben mag die Grabschrift 
auf Pacuvius zur Anschauung bringen*) (Gell. 1,24,4): 

AdulescenSf tarn etsi properaSy te hoc saa^um rogat, 
Ut sese aspiciaSf deinde quod scriptum est legas: 
Hie sunt poetae Pacuvi Marci sita 
Ossa . hoc völeham nescius ne esses . vale. 

Auch inschriftlich sind uns mehrere Grabepigramme erhalten, welche durch 
die Natürlichkeit des Tons den Leser fesseln; man vergl. in den Exempla 
von Schneider die Nr. 324, 325 und 326. Ganz anderer Art ist das künst- 
liche, nach alexandrinischer Manier gedichtete Epigramm. Hier kommt 
alles auf einen scharf zugespitzten Gedanken an. So werden in einem 
Epigramm des uns bereits bekannten Porcius Licinus die Feuer suchenden 
Hirten auf eine alles in Brand steckende Persönlichkeit aufmerksam ge- 
macht (Gell. 19, 9, 13). In sehr künstlicher und gesuchter Weise malt ein 
Epigramm des Valerius Aedituus die Angst und Scheu des Liebhabers, 
der Geliebten sein Verlangen kundzugeben;^) ein anderes Epigramm des- 
selben Dichters enthält die Gedankenspitze, dass das Feuer der Liebe nur 
durch die Liebe gelöscht werden könne (Gell. 19, "9, 11 u. 12).'*) Der aus 
dem Cimbernkrieg bekannte Q. Lutatius Catulus dichtet nach Callima- 
chus ein Epigramm, in dem er sein verlornes Herz bei dem geliebten 
Theotimus suchen will (Gell. 19, 9, 14). In einem andern feiert er den 
Schauspieler Roscius in folgender schwärmerischer Weise (Cic. de n. d. 1, 
28, 79) 

Constiteram exorientem Auroram forte salutans^ 

cum subito a laeva Roscius exoritur. 
Face mihi liceatj caeUsteSy dicere vestra, 

mortalis visust pulcrior esse deo. 



*) Brzoska, De canone decem oratorum 
Atticorum, p. 79. 

2) BücHELEB, Rh. Mus. 37, 521 vergleicht 
in einer interessanten Darlegung ein ganz 
ähnliches, das er auf den aus Lucilius be- 
kannten praeco Granius bezieht. 



') Schulze, Fleckeis. J. 131, 631 macht 
auf die Nachahmung der berühmten sapphi- 
schen Ode (paiyexai /lot aufmerksam. 

*) Ein diesem ähnliches pompejanisches 
Epigramm der sullanisch - ciceronischen Pe- 
riode behandelt Bücheler, Rh. Mus. 38, 474. 



Eaadbuch der klaas. AltcrtumswiaBeuscbaft. VIII 7 



98 Römische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Varro fuhrt in einer satura Menippea Non. 1, 122 M. einen Pompilius vor, der sich 
einen Schüler des Pacuvius nennt. Diesen Pompilius stellt man durch Conjectur (statt 
Papinius) Varro 1. 1. 7, 28 her und legt ihm das dort stehende scherzhafte Epigramm bei. 
— Zur Kritik und Erklärung der epigrammatischen Dichtung vgl. Usener, Rhein. Mus. 19, 
150; 20, 147; Maixner, Ztschr. f. österr. G. 36, 583; 38, 17. 



b) Die Prosa. 

a) Die Historiker. 
1. Q. Fabius Pictor und andere Annalisten. 

64. Römische Axmalistik in griechischer Sprache. Wir finden 
bei den Römern dieselbe Erscheinung, die wir auch bei andern Völkern 
in der Zeit der beginnenden Litteratur finden. Der Dichter bedient sich 
zur Darstellung der Geschichte des heimischen Idioms, der Prosaiker eines 
fremden. Die Entwicklung der Poesie geht ja der Entwicklung der Prosa 
voraus. Es bedarf längerer Zeit, bis die Prosa fähig wird, das Organ für 
eine längere zusammenhängende Rede zu werden.*) Die Verschiedenheit 
des Idioms beim Dichter und beim Prosaiker schliesst aber auch eine Ver- 
schiedenheit des Lesepublikums in sich; der lateinische Dichter wendet 
sich an die gesamte römische Welt, der griechisch schreibende römische 
Historiker richtet seine Worte nur an die Gebildeten seiner Nation, zu 
gleicher Zeit aber auch an das Ausland. Die Schriftsteller, welche in 
griechischer Sprache römische Annalen schrieben, sind folgende: 

1. Q. Fabius Pictor. Dieser vornehme Mann wurde nach der 
Schlacht bei Cannä zum delphischen Orakel geschickt, um dasselbe wegen 
der gefahrvollen Lage zu befragen (Liv. 22, 57). Seine Geschichte (Graeci 
annales Cic. de div. 1, 21, 43) ging von Äneas bis auf seine Zeit. Über 
die Art und Weise, wie Fabius den Stoff behandelte, spricht sich Dionys. 
1, 6 allgemein so aus: er und Cincius Alimentus hätten das Selbsterlebte 
ausführlich behandelt, die Zeit nach der Gründung Roms dagegen kurz. 
Danach muss man vermuten, dass auch die Gründungsgeschichte ausführ- 
lich behandelt war. Dass Fabius für den zweiten punischen Krieg eine 
sehr wichtige Quelle werden musste (Liv. 22, 7), kann man bei seiner her- 
vorragenden Lebensstellung von vorn herein abnehmen ; es geht dies selbst 
aus den tadelnden Bemerkungen des Polybius hervor (3, 9; 1, 14). Aber 
auch für die vorausgehende Zeit verdanken wir ihm höchst wichtige Nach- 
richten. So stammt nach Niese (Hermes 13, 410) die wertvolle polybia- 
nische (2, 18) Darstellung der gallischen Kriege bis zum Jahre 222 aus 
Fabius, ebenso die wichtige Übersicht der römischen Geschichte von dem 
Gallierbrand an (1, 6). Auch das Verzeichnis der italischen Wehrfähigen 
aus 225 V. Ch. bei Polyb. 2, 24 geht nach ausdrücklichem Zeugnis (Eutrop. 
3, 5; Oros. 4, 13) auf Fabius zurück. Vgl. Mommsen, R. Forsch. 2, 382; 
Beloch, Der ital. Bund, p. 93. 

Neben den griechischen Annalen werden auch lateinische Annalen eines Fabius Pictor 
erwähnt z. B. von Quint. 1, 6, 12. Femer wird von Nonius 2, 171 M nach dem Zitat 
Fabius Pictor verum Romanarum Hb, I fortgefahren: idem iuris pontificii lib, III (vgl. 
Gell. 1, 12, 14; 10, 15). Alle diese drei Werke teilten unserem Q. Fabius Pictor zu Nipper- 
DEY, Opusc. p. 399, Hertz, Fleckeis. J. 1862 p. 47— -49. Allein diese Annahme verträgt sich 



^) Zarncke, Der Einfluss der griechi- 
schen Literatur auf die Entwicklung der 



röm. Prosa in Comm. philol. zu Ehren Rib- 
becks p. 270. 



OriechiBoh schreibende Annalisten. 99 

nicht mit der oben dargelegten Ansicht yon der Unzulänglichkeit der lateinischen Sprache 
für ein Prosawerk in der damaligen Zeit. Auch bestehen Discrepanzen zwischen den grie- 
chischen und lateinischen Annalen, vgl. Soltau, Fleckeis. J. 1886 p. 479. Es müssen da- 
her das Werk de iure pontificio und die lateinischen Annalen, die vielleicht eine Über- 
arbeitung der griechischen Annalen waren, Fabiem einer späteren Zeit zugewiesen werden. 
Manche wie Du Ribu nehmen als Autor der lateinischen Annalen und des ius pontificium 
den bei Cicero Brut. 21, 81 genannten Ser. Fabius Pictor in Anspruch, vgl. Petes, fr. 
p. LXXVmi, p. GLXXX ; allein Cicero erwähnt an der Stelle keine Schriften des Ser. Fabius 
Pictor, er sagt bloss et iuris et litterarum et antiquitatis bene peritus und in den Zitaten 
findet sich dafür kein Anhalt. Dagegen liegen bestimmte Zeugnisse von einem andern 
Fabier, dem Q. Fabius Maximus Servilianus (Cons. 142) vor; Macrobius teilt 1, 16, 25 ein 
Fragment unter seinem Namen aus einem XU. Buch einer pontifikalen Schrift mit; die 
Schol. Veron. zu Georg. 3, 7 p. 79 K. sprechen von einem Servilianus histariarum scriptor. 
Vgl. Dionys. 1, 7, der den Fabius Maximus mit Cato und Valerius Antias zusanunenstellt 
(Peter f. CLXXXH). 

Haeless, De Fahiis et Aufidiis rerum romanarum scriptoribus, Bonn 1853. Du 
RiEU, Disputatio de gente Fahia^ Leyden 1856. Heydbnbbioh, Fabius Pictor und Livius, 
Freib. 1868. 

2. L. Cincius Alimentus. Mit Fabius Pictor wird von Dionys. 1,6 
zusammengenannt L. Cincius Alimentus. Er war Praetor 210 und im han- 
nibalischen Kriege thätig. In seinen Annalen erzählt er, dass er in Han- 
nibals Gefangenschaft geriet (Liv. 21, 38). Seine Annalen waren, wie wir 
oben gesehen haben, ganz so angelegt wie die fabischen. Das Werk wird 
nicht viel angeführt, dagegen werden von Cincius noch erwähnt antiqua- 
rische und staatsrechtliche Schriften wie de fastis (Macrob. 1, 12, 12), de 
comüiis, de consulum potestate (Festus p. 241), de officio iuris consulti (Fe- 
stus p. 173), mystagogicon lihri (Festus p. 363), de re militari (Gell. 16,4, 1), 
de verbis priscis (Festus p. 330). Es ist unmöglich, mit Niebühr, Rom. 
Gesch. 1*, 281 den Altertumsforscher und den Geschichtschreiber für eine 
und dieselbe Person zu halten. Eine Schrift de verbis priscis ist zu einer 
Zeit, wo es noch fast keine Litteratur gab, nicht denkbar. 

Die Zeit des jüngeren Cincius fällt gegen den Anfang unserer Ära ; Verrius Flaccus, 
aus dem Festus schöpft, lagen bereits die Schriften desselben vor. Bezüglich des griechi- 
schen Gescbichtswerks spricht Mommsen, Rom. Gesch. 1*, 921 die Vermutung aus, dass das- 
selbe wahrscheinlich unterschoben und ein Machwerk aus augusteischer Zeit sei (vgl. dazu 
Mommsen, Rom. Chronol. 268). Plüss, De Cinciis rerum Romanarum scriptoribuSf Bonn 
1865 nimmt p. 34 an, der Antiquar Cincius habe auch lateinische Annalen geschrieben, die 
mit den griechischen des älteren Cincius öfters verwechselt worden seien. M. Hertz, De 
Lueiis Cinciis, BerUn 1842. Plüss, N. Schw. Mus. 1866, p. 36. 

3. P. Cornelius Scipio, der Sohn des Africanus verfasste eine Ge- 
schichte in griechischer Sprache, welche nach dem Urteil Ciceros (Brut. 
19, 77) ausserordentlich anmutig geschrieben war. Da kein Fragment von 
dieser Schrift erhalten ist, kann der Inhalt nicht näher bestimmt werden. 

4. A. Postumius Albinus (Cons. 151) schrieb ein griechisches 
Gedicht und eine griechische von den ältesten Zeiten anhebende Geschichte, 
welche Polyb. 39, 12 (40, 6) eine pragmatische nennt. In diesem Werke 
hatte der Verfasser im Eingang für etwaige sprachliche Fehler sich die 
Nachsicht des Lesers erbeten, da er ja geborner Römer sei. Darüber 
spottete der alte Cato, es sei ja nicht notwendig gewesen, griechisch zu 
schreiben (Gell. 11, 8, 2). Aus einem neuerdings entdeckten Bruchstück 
eines Historikers erfahren wir, dass die Geschichte dem Dichter En- 
nius, dem Hauptvertreter des Hellenismus in der damaligen Zeit gewidmet 
war; sie musste also vor 169 v. Ch., dem Todesjahr des Ennius abgefasst 

7* 



1 



100 Römische Litteratnrgeaohichte. I. Die Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

sein und war demnach wohl ein Jugendwerk, in dem sich jene Entschul- 
digung weniger sonderbar ausnimmt. Weiter hören wir, dass im Prooe- 
mium von den zwei sich befehdenden Richtungen, der hellenisierenden und 
der nationalen die Rede war. Dass Albinus Graecomane war, besagt nicht 
bloss der Anonymus, sondern auch andere Schriftsteller wie Polybius a. a. 0. 
und Cicero, der eine sich auf die bekannte griechische Gesandtschaft be- 
ziehende Anekdote erzählt (Acad. pr. 2, 45, 137). 

Das Bruchstück des Anonymus wurde von Giac. Cortese gefunden und publiziert 
Rivista di filogia 12, 396 ; publiziert und besprochen ist es auch von Bücheleb, Rhein. Mus. 
39, 623. Da Macrobius einen lateinischen Satz aus dem ersten Buch des Geschichtswerks des 
Albinus citiert (3, 20, 5), so wird man auf eine lateinische Übersetzung des Geschichtswerks 
schliessen dürfen. Servius citiert zu Aen. 9, 710 Postumius de adventu Aeneae; es wird 
hier ein Irrtum des Servius vorliegen. Gedicht und Geschichtswerk identifiziert Ribbeck 
Gesch. d. röm. Dicht. 1,51. 

5. C. Acilius. Es wird uns berichtet, dass der Senator C. Acilius 
155 V. Ch. die Reden der athenischen Gesandten im Senat verdolmetschte 
(Gell. 6, 14, 9). Cicero erwähnt einen Acilius, der in griechischer Sprache 
eine Geschichte schrieb, in der die Schlacht bei Cannä vorkam (de oflf. 3, 
32, 115). Von vornherein ist die Annahme wahrscheinlich, dass beide Per- 
sonen identisch sind. Unser Historiker ist ohne Zweifel auch in der Li- 
vianischen Periocha 53 anzunehmen, nach der ein Senator C. Julius im 
Jahre 142 eine griechische Geschichte schreibt. Einen Historiker C. Julius 
kennen wir nicht, wohl aber den gerade damals lebenden Senator C. Aci- 
lius, den Hertz auch an der erwähnten Stelle hergestellt hat. Das Ge- 
schichtswerk begann mit der Urzeit (Plut. Rom. 21) und ging bis auf seine 
Zeit herab (Dionys. 3, 67). 

Livius 25, 39, 12 ist von einem Claudius die Rede, qui annaJes Acilianos ex Graeco 
in Latinum sermonem vertit; 35, 14, 5 heisst es Claudius seaUus Graecos Acilianos libros — 
tradit. Über das Verhältnis des Claudius zu Acilius werden wir bei Claudius handeln. 

Litteratur: Vossius, De historicis latinis iibri IIL Ed. ü. Leyden 1651. Die 
Fragmente der älteren lateinischen Historiker findet man jetzt am besten gesanmielt in 
Historicorum Romanorum reliquiae. Ed. H. Peter, vol. I, Leipz. 1870 (dazu Ausgabe von 
1883); auf dieses Werk sei ein für allemal hingewiesen. In den Prolegomena findet man 
auch die Litteratur zu den einzelnen Historikern. Recht brauchbar ist der Abriss der grie- 
chischen und römischen Geschichte von A. Schaefer, 2. Abt. Römische Geschichte bis 
auf Justinian. 2. Aufl. bes. von H. Nissen, Leipz. 1885, weil hier die entscheidenden Stel- 
len abgedruckt sind. Nitzsch, Die römische Analistik bis auf Valerius Antias, Berl. 1873. 
Nissen, Krit. Unters, über die Quellen der IV. und V. Dekade des Livius, Berl. 1863 (eine 
musterhafte, reiche Belehrung gewährende Leistung). 

2. M. Porcius Cato. 

65. Beaction gegen den fortschreitenden Hellenismus. Nach 
dem zweiten punischen Krieg gewahren wir ein bedeutendes Fortschreiten 
der hellenistischen Richtung. Die persönlichen Berührungen mit den Grie- 
chen mehrten sich. Im Jahre 167 wurden tausend Geiseln aus vornehmen 
achäischen Familien nach Italien gebracht und hier siebzehn Jahre lang 
(167—150) zurückgehalten. Es ist klar, dass eine solche Masse hochste- 
hender und feingebildeter Griechen die italische Gesellschaft mit ihrer Bil- 
dung beeinflussen musste. Am deutlichsten zeigt sich dies im Hause des 
Aemilius Paulus, des Siegers von Pydna. Unter seiner Beute befand sich 
die griechische Büchersammlung des Königs Perseus; er schenkte sie sei- 
nen Söhnen (Plut. Paul. 28) ; es war die erste griechische Bibliothek, die 



« 



• 



• 



M. Porcins Cato. 101 

nach Rom kam (Isidor. orig. 6, 5). Um seinen Sohn Scipio Africanus 
minor und dessen Freund Laelius sammelten sich hervorragende Griechen 
und Freunde der griechischen Bildung, wir finden hier einen der tausend 
Geiseln, den Megalopolitaner Polybius, dem der Gedanke einer Vereinigung 
der Welt unter römischer Herrschaft auf Grundlage der griechischen Bil- 
dung klar vorschwebt, und den Stoiker Panaetius. Auch Terentius und 
Lucilius gehörten diesem Kreise an. Im Jahre 155 kamen drei Philoso- 
phen als athenische Gesandte nach Rom, es waren dies der Peripatetiker 
Critolaus, der Akademiker Carneades und der Stoiker Diogenes (Gell. 6 (7), 
14, 8). Mit Begeisterung lauschten die Jünglinge Roms den Vorträgen 
dieser Philosophen und bewunderten besonders die überlegene Dialektik 
des Carneades (Plut. Cato 22). Nicht weniger erfolgreich war zehn Jahre 
zuvor die Gesandtschaft des berühmten pergamenischen Grammatikers und 
Rivalen Aristarchs Crates von Mallos gewesen (Suet. gramm. 2). Durch 
ihn wurden die Römer mit der griechischen Grammatik und der griechi- 
schen Philologie bekannt, die sie auf die heimische Sprache und Litteratur 
übertrugen. Auch die griechische Rhetorik mit ihren Spitzfindigkeiten 
bürgerte sich in Rom ein. An Reaktionsmassregeln gegen diese helleni- 
sierenden Bestrebungen fehlte es nicht. Bereits 173 wurden zwei Epiku- 
reer Alkaeos und Philiskos aus Rom ausgewiesen (Athen. 12 p. 547); im 
Jahre 161 wurde ein Senatsbeschluss gefasst, der die Behörden ermächtigte, 
den (griechischen) Philosophen und Rhetoren den Aufenthalt in Rom zu 
untersagen (Sueton rhet. 1; Gell. 15, 11, 1). Der entschiedenste Geg- 
ner des Hellenismus war M. Porcius Cato. Gebürtig in Tusculum 234 
machte er als junger Mann mehrere Feldzüge mit, war Quästor des P. 
Scipio in Sicilien und Afrika, verwaltete als Prätor (198) Sardinien und 
kommandierte als Konsul in Spanien (195). Seine Censur (184) war so 
berühmt geworden, dass ihm die spätere Zeit den Beinamen Censorius 
erteilte. Diesen Römer von echtem Schrot und Korn kränkte der Helle- 
nismus mit seinen kosmopolitischen Tendenzen. Er bekämpfte ihn daher, 
wo sich nur eine Gelegenheit dazu darbot. Als die athenischen Philosophen 
durch ihre Vorträge auf die römische Jugend einen grossen Eindruck 
machten, drängte Cato zur schleunigen Erledigung ihrer Angelegenheit, 
damit die Jugend wieder ihre gewohnten Beschäftigungen aufnehme. Auch 
die zahlreichen griechischen Ärzte in Rom waren ihm ein Dorn im Auge. 
Sie haben sich verschworen, polterte er, alle „Barbaren** durch ihre Arz- 
nei zu töten und lassen sich noch dafür bezahlen. Sein Hass gegen die 
Griechen bekundet sich in dem Schmähwort „es ist ein nichtsnutziges Ge- 
schlecht". Von dem Umsichgreifen der griechischen Litteratur befürchtet 
er schwere Nachteile. Wenn jenes Volk, klagt er, uns seine Litteratur 
aufdrängt, wird es alles zu Grunde richten. Er wollte, dass man ihre 
Schriften sich ansehe, aber nicht sich aneigne (Plin. n. h. 29, 7, 14). Um 
die griechische Litteratur wirksam bekämpfen zu können, machte er sich 
selbst im Alter mit ihr bekannt. Ersatz für sie suchend griff er selbst 
zum Griffel. Als ein Mann, der nicht einmal dem otium die Ungebunden- 
heit gönnte (Cic. Plane. 66), richtete er hier seine Blicke zunächst auf das, 
was den Römern notwendig und nützlich ist. Allein damit konnte er die 



102 Römische Litteratnrgeflohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

wachgewordenen Geister nicht bannen. Auch in dem Reich des Geistes 
gilt das Recht des Stärkeren. Die griechische Litteratur war eine Macht. 
Sich derselben weise zu unterwerfen, das Gute aus ihr für die Nation nutz- 
bar zu machen, das Schlechte zu verdrängen, dies wäre die richtige Auf- 
gabe gewesen. Allein dazu war der Blick des alten Gate zu wenig um- 
fassend gewesen. Die Reaktion gegen den Hellenismus missglückte. Ja 
an Gate vollzog sich die Nemesis; indem er den Dichter Ennius aus Sar- 
dinien nach Rom brachte, gab er Rom einen der hervorragendsten Reprä- 
sentanten des Hellenismus. So musste sich denn erfüllen, was später der 
Dichter sagt, dass der Besiegte dem Sieger seine Bildung aufzwang. 

Über Cato haben wir zwei Biographien, die des Cornelius Nepos und die des Plutarch. 
Drukaiw, Greschichte Roms 5, 97. 

66. Catos Unterweisungen — die erste lateinische Encyklopä- 
die. Wir leiten unsere Besprechung der Catonischen Schriftstellerei mit 
dem Werke ein, durch das er einen Ersatz für die griechische Wissen- 
schaft geben wollte. Citate bringen Unterweisungen Catos über Ackerbau, 
Beredsamkeit, Medizin. Da diese Unterweisungen öfters an den Sohn ge- 
richtet erscheinen, so werden wir vermuten dürfen, dass sie der Verfasser 
zu einander in Verbindung gesetzt wissen wollte. Wenn es aber, wie man 
annehmen muss, Catos Absicht war, seinem Sohn Regeln für alles, was 
not thut, zu geben, so wird er auch noch andere Disziplinen behandelt 
haben. So ist es kaum denkbar, dass er die Jurisprudenz weggelassen, 
zumal Cicero auf eine solche Schriftstellerei hinweist (de or. 3, 33, 135), 
und die Rhetorik stark zur Behandlung der Jurisprudenz drängte. Auch 
dem Kriegswesen wird er seine Aufmerksamkeit zugewendet haben. Allein 
wir können dies alles nicht nachweisen. Ebensowenig können wir dar- 
thun, dass das cartnen de moribus „der Spruch über die Sitten* an 
seinen Sohn gerichtet und somit ein Teil jener Encyklopädie war. Aus 
den überkommenen sicheren Fragmenten, besonders aus dem über die 
griechischen Mediziner, gewinnen wir eine Vorstellung von der Behand- 
lungsweise. Die Sätze, die Cato in den einzelnen Sphären erprobt hatte, 
wurden apodiktisch, im Befehlston vorgetragen. Es fand keine Erörterung 
statt, wie ein Seher wollte er nach seinen Worten seine Sätze verkünden. 
Dass viele der vorgebrachten Sätze engherzig waren, lässt sich schon aus 
der Stelle über die Mediziner entnehmen; manche aber sind wahre Gold- 
körner, wie das wundervolle: rem tene, verba sequentur, halte die Sache 
fest, die Worte werden schon folgen. 

Wie das Werk betitelt war, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Nonius 1, 206 M. 
citiert in praeceptis ad filium; Servius ad Verg. Georg. 2, 95 in libris quos seripsit ad filium 
2, 412 in libris ad filium de agricuUuray Plinius n. h. 7, 51, 171 Cato ad filium. Vielleicht 
war der Titel nur ad filium, F. Scholl, Rhein. Mus. 33, 481 nimmt nach Plinius 7, 51, 
171 ; 29, 1, 27, Seneca controv. p. 49 Bu., Columella 11, 1, 26 den Titel „araculum** für das 
Werk in Anspruch. Allein jene Citate sind so zu erkl&ren, dass öfters Cato seine Lehren 
als Seher- und Orakelsprüche hinstellte. Belehrend ist hier das Fragment über die Medi- 
ziner, wo es heisst „ff hoc puta vatem dixisse'^y mit Rücksicht darauf sagt dann Plin. n. h. 
29, 1, 27 lues morum vatem prorsus cottidie facit Catonem et araclum. 

Aus dem Carmen de moribus werden von Gellius 11, 2 drei Stellen citiert (darnach 
Nonius 2, 69 M.) ; die erste handelt von der avaritia, die zweite von der guten alten Zeit, 
in der die Dichtkunst noch nichts galt und der Dichter ein Bummler hiess, die dritte ver- 
gleicht das Menschenleben mit dem Eisen, das, wenn es nicht gebraucht wird, vom Rost 
zerfressen wird. Sowie die Sätze bei Gellius vorliegen, sind sie Prosa. Ob sie früher in 



M. Poroina Cato. 103 

gebundener Form abgefasst waren (in diesem Fall wohl in Satnmiem), wissen wir nicht; 
Carmen nötigt nicht zu einer solchen Annahme. Anders Ritschl, Opusc. 4, 300 ; L. Müller, 
Der sat. Vers p. 95. 

0. Jahn, Über röm. Encyclopäd. in Ber. der sAchs. Ges. der Wissensch. I (1849) 
p. 263. 

67. Catos fachwissenschaftliche Spezialschriften. Ausser den Unter- 
weisungen verfasste Cato auch noch Spezialschriften über einzelne Fächer. 
So finden wir in unsern Quellen öfters eine Schrift Catos über das Kriegs- 
wesen erwähnt (Plin. n. h. praef. 30; Festus p. 214, p. 306; Gellius 6 (7), 4, 
5). Die daraus erhaltenen Fragmente weisen keine Beziehung zu dem 
Sohne Catos auf. Das Buch scheint sich an das Volk zu wenden, es wer- 
den die Missbräuche im Militärwesen besonders scharf behandelt worden 
sein. In einem Fragment heisst es: Das Volk soll arbeiten, damit nicht 
die Bekränzung wegen des Verkaufs in die Sklaverei, sondern wegen des 
Sieges erfolge (Festus p. 306). Ferner schrieb Cato neben den Unterweisungen 
über die Landwirtschaft einen Wirtschaftsratgeber (de agricultura)^ die 
einzige Schrift, die uns von Cato erhalten ist, und die älteste 
der uns erhaltenen lateinischen Prosaschriften. Das Charakteri- 
stische dieser Schrift ist, dass Landwirtschaft und Hauswirtschaft noch 
nicht geschieden sind. Wir finden nämlich neben landwirtschaftlichen Vor- 
schriften Heilmittel, Kochrezepte, Formularien, Religiöses u. s. w. Die An- 
ordnung der Vorschriften erfolgt in der Weise, dass sich die verwandten 
zu Gruppen zusammenschliessen wie c. 1—22 die über die Gutseinrichtung. 
Allein sehr oft findet sich die grösste Regellosigkeit. Es frargt sich, wie 
dieselbe entstanden ist. Der erste Gedanke dürfte sein, die Störung der 
Überlieferung zuzuschreiben. In der That hat dieselbe nachteilig auf das 
Werk eingewirkt ; denn einmal erkennen wir, dass die alten Schreibweisen 
und viele Formen systematisch ausgemerzt und dafür solche aus der Zeit 
des Augustus eingeführt wurden. Ferner finden wir öfters dieselbe Regel 
in einer doppelten Form, in einer älteren und einer jüngeren z. B. 51. 52 
II 133; 5 II 142. 143; 91 || 129. Da sich beide Formen bei Plinius nach- 
weisen lassen z. B. 51. 52 || Plin. 15, 44; 133 || Plin. 15, 127, so muss die 
jüngere Rezension vor Plinius fallen. So werden auch Störungen in der 
Anordnung dem willkürlichen Eingreifen späterer Hände aufzubürden sein ; 
allein eine vollständige Erklärung für die jetzige Beschaffenheit unserer 
Schrift wird dadurch nicht ermöglicht werden. Wir werden daher kaum 
der Annahme entgehen können, dass das Werk nicht völlig geordnet und 
fertig aus der Hand Catos hervorgegangen ist. 

NiTzscH hat Z. f. Alterthumsw. 1845 p. 493 den Nachweis zu liefern versucht, dass 
Cato bei Abfassung seiner Schrift einen bestimmten Güterkomplex des L. Manlius bei Ca- 
sinum und Venafrum im Auge gehabt habe, der auf öl- und Weinbau eingerichtet war, 
während das Getreideland in Händen von Pächtern lag; daher sei vom Getreidebau wenig 
die Rede. Diese Ansicht ist unhaltbar. — Die Annahme VAmiENS, Z. f. österr. Gjmn. X 
(1859) p. 170, dass der commeniarius quo medeatur filio, sertds. familiarihus (Plin. 29, 8, 15) 
verschieden von den an den Sohn gerichteten Mahnungen und Vorschriften über ärztlichen 
Gebrauch sei, ist nicht wahrscheinlich. 

Überlieferung: Die landwirtschaftliche Schrift Catos beruht (wie die Varros) auf 
einer verloren gegangenen Handschrift der Markusbibliothek in Florenz, welche nach Keil 
die Quelle aller übrigen Codices der beiden Werke wurde. Zur Restituierung des Marcia- 
nus dienen apographa und bes. eine in Paris befindliche Kollation der Marcianus, welche 
Politianus in die editio princeps eingetragen hatte. 



i 



104 Römische Litteratnrgesohiohte. I. Die Zeit der Republik. 2, Periode. 

Litteratur. M. Caianis de agricuUura liher M. Terentii Varronis rerum rustica- 
rum lihri IIL Rec. H. Keil, Lips. 1884. R. Klotz, Über Catos Schrift de re rustica, 
N. Jahrb. f. Philol. X (1844) 1 — 73. Schoendobffeb, De genuina Catonis de agricidtura 
lihri forma Part. I de syntaxi Catonis, Königsb. 1885. P. Weise, Qtiaestionum Catoniana- 
rum capita V 1886 (treffliche Dissertation). Ergänzend und berichtigend hiezu vgl. Rei- 
TZENSTEiN, Wochcnschr. f. kl. Philol. 1888 Nr. 19 p..587. 

68. Catos Ur- und Zeitgeschichten. Die erste römische Geschichte 
in lateinischer Prosa sind Catos Ursprungsgeschichten (origines). Über 
dieselben belehrt uns des Näheren die klassische Stelle des Cornelius Nepos 
im Cato 3; wir müssen um so mehr Bedeutung dieser Stelle zuerkennen, 
da Nepos sich mit Cato eingehend beschäftigt hat. Das Werk bestand 
aus sieben Büchern; im ersten war die römische Königszeit behandelt, 
im zweiten und dritten der Ursprung der italischen Gemeinden, das 
vierte Buch schilderte den ersten punischen Krieg, das fünfte den 
zweiten, die folgenden Kriege waren bis zur Prätur des Servius Galba 
(151, allein die Erzählung ging noch etwas weiter, bis 149) Gegen- 
stand des sechsten und siebenten Buchs. In dieser Inhaltsübersicht treten 
uns sofort zwei Schwierigkeiten entgegen, einmal passt der Titel nur auf 
einen Teil des Werks, nämlich auf die drei ersten Bücher — auch Cor- 
nelius Nepos ist dies nicht entgangen — dann bemerken wir in der In- 
haltsangabe eine grosse Kluft, es fehlt nämlich die Zeit von der Vertrei- 
bung der Könige bis auf den ersten punischen Krieg. Zwar haben manche 
Forscher hier eine mangelhafte Berichterstattung des C. Nepos angenom- 
men und behauptet, jene Zeit sei entweder im zweiten und dritten Buch 
oder in der Einleitung des vierten behandelt worden. Allein die erste An- 
nahme bestätigt kein Fragment des zweiten und diitten Buchs; gegen die 
zweite Annahme spricht schon der Gegensatz, in dem sich Cato nach einem 
uns überkommenen Fragment des vierten Buchs (fr. 77 P.) zu der dürren 
annalistischen Behandlung, welche hier hätte in Anwendung kommen müssen, 
stellt. Beide Schwierigkeiten lösen sich sofort, wenn wir es nicht mit 
einem Werk zu thun haben, sondern mit zwei Werken, von denen das 
erste die Vorgeschichte Italiens, das andere im wesentlichen die Zeitge- 
schichte des Verfassers gibt. Für diese Ansicht spricht der Umstand, dass 
nach Cicero Brut. 23, 89 Cato noch wenige Tage oder Monate vor seinem 
Tode mit dem siebenten Buch beschäftigt war. Es darf also als wahr- 
scheinlich angenommen werden, dass Cato die vier letzten Bücher gar 
nicht selbst herausgab. Die drei ersten Bücher aber waren, scheint es, 
bereits längere Zeit publiziert; denn im zweiten Buch wird ein Ereignis 
vom Perseuskrieg, also doch wohl von der Gegenwart aus und für die 
Gegenwart datiert (fr. 49 P.). Wurde die Zeitgeschichte erst später mit 
der Ursprungsgeschichte vereinigt, so erklärt sich leicht, wie der Titel 
„origines" auf das Ganze übertragen werden konnte. Cato hat also mit 
richtigem Blick für seine Geschichtschreibung zwei Gebiete ausersehen, 
die reichen Stoff bargen, das Gebiet der Sage und das Gebiet der Zeit- 
geschichte. In den „Origines* war nicht bloss die Gründung Roms und 
dessen Geschichte erzählt, sondern auch die übrigen Volksstämme, die mit 
Rom in Berührung kamen, behandelt, ihre Herkunft, die Gründung ihrer Ge- 
meinden. Manche treffliche Bemerkungen waren hier eingestreut wie „Gal- 



M. Porcina Cato. 105 

lien wirft allen seinen Eifer auf zwei Dinge, aufs Kriegswesen und auf 
die geistreiche Rede* (fr. 34P.). Seine Zeitgeschichte war hauptsächlich 
eine Geschichte der Kriege. Aber auch hier schlug Cato einen neuen Weg 
ein, er führte die Ereignisse nicht nach den Jahren auf, wie es die An- 
nalisten thaten, sondern verband das Zusammengehörige zu einem „Ab- 
schnitt**. Weiterhin war es eine Eigentümlichkeit dieser Bücher, dass die 
Feldherrn nicht mit Namen, sondern lediglich nach ihrem Amt bezeich- 
net waren, wie es auch in den alten Annalen üblich war.^) Ein Bild von 
der Darstellung gewinnen wir durch die berühmte Erzählung von der That 
des Tribunen Q. Caedicius, welche er mit der des Leonidas vergleicht (fr. 
83 P.). Es ist eine höchst anschauliche und eindringliche Schilderung. Diese 
Anschaulichkeit wird auch durch Einlage der Reden, welche Cato hielt, 
gefördert. Als charakteristische Eigenschaft des ganzen Werkes gibt Nepos 
noch an, dass besonders auch Merkwürdigkeiten in geographischer und 
ethnographischer Hinsicht berücksichtigt waren, dann dass demselben der 
gelehrte Anstrich, wie er sich in Reflexionen und allgemeinen Betrach- 
tungen kundgibt, fehlte, dagegen überall Sorgfalt und Fleiss sichtbar war. 
Der Verlust dieses Werks ist unersetzlich. Mit Recht sagt Niebuhr*): 
Wäre es möglich, ein verloren gegangenes Werk durch Beschwörung der 
Geister wieder zu erlangen, so würde das erste alte Werk, das wir zu ver- 
langen hätten, die Origines des Cato sein. 

69. Gates Beden und Briefe. Die grosse staatsmännische Thätig- 
keit Catos hatte eine ausgedehnte rednerische Thätigkeit im Gefolge. In 
seinem Alter redigierte er eine Sammlung der berühmtesten Reden (Cic. 
Cato 38). Cicero kannte deren mehr als 150 (Brut. 17, 65).») Uns sind 
besonders durch Grammatiker Fragmente aus etwa 80 erhalten, von denen 
keine über sein Konsulatsjahr (195) zurückgeht. Ein grösseres Bruchstück, 
welches uns ein Bild von der catonischen Beredsamkeit geben kann, ist 
das aus der Rede für die Rhodier, welche während des Kriegs mit Per- 
seus eine bedenkliche Hinneigung für den König an den Tag gelegt hat- 
ten. Diese Rede war in das Geschichtswerk Catos aufgenommen worden 
(p. 21 Jordan). Mit Recht sagt Gellius 6 (7), 3, 53, dem wir die Erhaltung 
dieses Bruchstückes verdanken, dass all dieses geordneter und wohlklin- 
gender, aber nicht eindringlicher und lebendiger gesagt werden konnte. 
Von dieser wundervollen Eindringlichkeit zeugt auch ein Fragment, wel- 
ches der Rede „über seinen Aufwand** entnommen ist (p. 37 J.), und die 
Fragmente, welche aus den Reden gegen Q. Minucius Thermus stammen 
und dessen grausame Auspeitschung einer Senatskommission wegen schlech- 
ter Proviantlieferung zum Gegenstand haben (p. 39, p. 41 J.), endlich die 
Bruchstücke, in denen ein komisches Bild eines Volkstribunen entworfen 
wird (p. 57 J.). Wie jetzt noch unsere Fragmentsammlung zeigt, müssen 
die Reden einen Schatz von kernigen Sätzen und Wahrheiten enthalten 

') Niese, De annalibus Romanis ohser- I avi scriptas (Gell. 13, 20 (19), 19). Aufifallend 



rationesj Marb. 1886. 

*) Rom. Geschichte nach Niebuhrs Vor- 
trägen. Von Schmitz (Zeiss) 1, 56. 

») Auch sein Enkel M. Cato (Cons. 118) 
hinterliess muUas arationes ad exemflum 



ist aber, dass Cicero ihn im Brutus nicht 
erwähnt. Vielleicht floss sein Eigentum mit 
dem seines Grossvaters zusammen (Teuffel, 
R. Literäturg. § 141, 1). 



\ 



106 Römisohe Litteratnrgesohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

haben, vgl. V, 1 p. 38 ; LXV, 1 p. 67 ; LXX, 1 p. 69 (über die ungleiche 
Behandlung der grossen und der kleinen Diebe). 

Auch eine Sammlung der Catonischen Briefe gab es. Cicero wenig- 
stens citiert de oflf. 1, 11, 37 einen Brief Catos an seinen Sohn. 

Wie diese beiden Gattungen durch Cato in die Litteratur eingeführt wurden, so auch 
eine dritte ,,die Blunjenlese**, das Florilegium; er sammelte nämlich witzige kernige 
Aussprüche anderer (dnog>&eyfiata xal yytofioXoyiai) ; vgl. Cic. de oflf. I,v29, 104; Plutarch 
Cato m. 2. 

70. FortlebeD Catos. Die Schriften Catos hielten lange Zeit das 
Interesse der Leser wach. Besonders gefielen die treffenden Lebenswahr- 
heiten und Aussprüche. Es wurden daher dieselben in einer Sammlung 
vereinigt. Schon Cicero scheint ein solches Corpus vor sich gehabt zu 
haben; noch deutlicher liegt dasselbe in der Plutarchischen Biographie 
Catos vor. Weiterhin regte die Sprache Catos zu Forschungen an; Ver- 
rius schrieb eine Schrift de obscuris Catonis (Gell. 17, 6, 2), d. h. erläuterte 
die nicht mehr gebräuchlichen Worte. Ferner erregte die scharfe Unter- 
scheidung der Begriffe bei Cato die Aufmerksamkeit der Grammatiker und 
führte zu Sammlungen von Synonyma. In der archaisierenden Periode 
wurde Cato mit Vorliebe behandelt, Cornelius Fronte und besonders A. 
Gellius sind Bewunderer desselben. 

Isidor. differentiarum sive de proprietate sermonum l. II praef. 5, 10 Migne consue- 
ttido ohtinuit pleraque ah auctortbus indifferenter accipi, quae quidem quamvis »imilia vide- 
antur^ quadatn tarnen propria inter se origine distinguuntur. De his apud Latinos Cato 
primus scripsity ad cuius exemplum ipse paucissimas partim edidij partim ex auctorum 
libris deprampsi; dass Cato selbst eine solche Sammlung angelegt, ist natürlich unrichtig. 
In späterer Zeit erhält Cato sogar typische Bedeutung, es sammeln sich um seinen Namen 
als den eines weisen Mannes (Cato philosophtis) Spruchsammlungen. So werden 74 fast 
nur einzeilige Sprüche (in Hexametern), welche Riese in der Anthol. 1. unter Nr. 716 ver- 
öffentlicht hat, auch als proverbia Catonis philosophi handschriftlich bezeichnet. Wölfflin 
hat 13 sententiae, die den Namen Catos tragen, aus Gnomensammlungen herausgeschält 
(Senecae monita p. 26). Doch am wichtigsten wurde eine Sammlung, die mit einem Briefe 
beginnt, 56 (57) kurze prosaische Sprüche folgen lässt, dann in 4 Büchern zweizeilige aus Hexa- 
metern bestehende liooensregeln darbietet. Diese Sanmilung muss bereits im 4. Jahrhun- 
dert vorhanden gewesen sein, vorausgesetzt, dass der Brief des comes archiatrorum Vin- 
dicianus an Valentinian (f 375), in dem H, 22 erwähnt ist, echt ist. „Kein Werk hat wäh- 
rend des Mittelalters eine entfernt so weite Verbreitung gefunden, wie die unter dem Namen 
des Cato bekannten lateinischen Distichen. Sie waren das Faktotum beim Unterricht der 
Jugend, die aus ihnen die Anfangsgründe der Granmiatik, Poesie, Moral kennen lernte, sie 
blieben meistens ein Lieblingsbuch auch noch der Erwachsenen ** (Zarncke, Der deutsche^ 
Cato, Leipz. 1852 p. 1). Fast alle europäischen Litteraturen enthalten Bearbeitungen Catonis 
philosophi libri. Ed. F. Hauthal, Berlin 1869. Anthol. lat. Ed. Bährens, vol. HI, 205. 

Allgemeine Litteratur über Cato: M. Catonis praeter librum de re rustica 
qtiae extant. Rec. H. Jordan, Lips. 1860. 0. Ribbeck, M. Porcius Cato als Schriftsteller, 
Schweiz. Mus. 1, 7 — 33. Vollertsen, Quaestionum Catonianarum capita duo, Kiel 1880. 

3. Die lateinischen Annalisten. 

71. Die allgemeinen Stadtchroniken. Den Erfolg hatte die histo- 
rische Schriftstellerei Catos, dass jetzt die lateinische Sprache die fast all- 
gemein regelmässige für die Geschichtschreibung wurde. Dagegen drang 
nicht die Opposition Catos gegen die Chroniken durch ; denn es treten uns 
auch nach Cato noch Darstellungen entgegen, welche im Anschluss an die 
offizielle Chronik die Ereignisse von der Gründung der Stadt bis auf die 
Gegenwart führten. Solche Darstellungen lieferten: 

1. L. Cassius Hemina. Von seiner Geschichte werden vier Bücher 



Die lateinischen Annalisten. 107 

citiert; das erste behandelte die Urzeit, das zweite die Zeit von Romulus 
bis wenigstens auf den gallischen Krieg, das vierte, das den Separattitel 
„bellum Punicum posterior** führte (Prise. 7 p. 347 H.), den hannibalischen 
Krieg. Da die Geschichte noch ein Ereignis des Jahres 146 v. Ch. er- 
wähnte (Censorinus 17, 11), so ist wahrscheinlich, dass sie mehr als vier 
Bücher umfasste. Die Herausgabe erfolgte wohl successive. 

Wegen des Citats bei Nonius s. v, moliri 1, 560 M. 1. 11 de censorihus: et in area 
[in] CapUoli signa quae erant demoliunt mit Hertz, De hiMoricorum Roman, reliquiis 
quaegtionum capita quinque Index lect. aestiv., 1871 p. 2 eine eigene Schrift Hexinas über 
die Censoren anzunehmen, ist keine unbedingte Notwendigkeit vorhanden. 

2. L. Calpurnius Piso Frugi, Gegner der Gracchen, auf dessen 
Gesetzesvorschlag hin 149 v. Ch. die erste ständige kriminale Kommission 
und zwar über das Verbrechen der Erpressung eingesetzt wurde, verfasste 
Annalen in sieben Büchern von Äneas bis auf seine Zeit. Zwei Züge 
treten, wie es scheint, in seiner Geschichte scharf hervor, einmal das Be- 
streben, der eingerissenen Sittenverderbnis zu steuern (fr. 33; 40), dann 
ein die Sage auflösendes Grübeln (fr. 6). Die Darstellung war nach Cicero 
eine dürre und trockne (Brut. 27, 106). Dieses Urteil bestätigen die Frag- 
mente, man vergl. die Erzählung von Romulus (fr. 8) und die von dem 
Schreiber Cn. Flavius (fr. 27). 

Man hat wegen gewisser Fragmente (z. B. 4 und 44) noch einen Antiquar Piso (0. Jahn) 
oder wenigstens ein zweites antiquarisches Werk unsres Piso (Hebtz) angenommen; allein 
mit unrecht, vgl. Peter CLXXX a IIL Dagegen haben wir noch einen jüngeren sonst nicht 
näher bekannten Historiker C. Piso bei Plut. Mar. 45, 5, mit einem Fragment über den 
Tod des Marius. 

3. C. Sempronius Tuditanus (Cons. 129). Seine allgemeine Stadt- 
chronik reichte bis zum Triumph des T. Quinctius Flaminius (fr. 6). Auch 
libri magistratuum verfasste er, es wird das 13. Buch bei Gellius 13, 15, 4 
citiert. 

4. Cn. Gellius, derselbe, gegen den M. Cato eine Rede für L. Turins 
hielt (Gell. 14, 2, 21), begann ebenfalls mit den ältesten Zeiten ; er muss 
sehr ausführlich gewesen sein, denn es wird das 97. Buch angeführt (Cha- 
risius p. 54 K. ; fr. 29) ; im 3. Buch war erst der Raub der Sabinerinnen er- 
zählt (fr. 15); im 1. Buch war viel von Erfindungen die Rede. Bei Livius 
ist sein Werk nicht berücksichtigt. 

Man hat wegen eines Gitates bei Nonius s. v. bubo 1, 285 M. unter de^i Namen A. 
Gellius, femer wegen des Plurals Gellii bei Cic. de div. 1, 26, 55 — Cic. de leg. 1, 2, 6 ist 
nur durch Konjektur Gellii hergestellt worden — einen zweiten Historiker A. Gellius sta- 
tuiert; allein bei Nonius liegt entweder eine Verwechslung des Cn. Gellius mit dem be- 
kannten A. Gellius vor oder es ist As eil io mit Antonius Augustinus zu schreiben ; der Plural 
bei Cicero beweist nichts. Vgl. Nippbrdby, Opusc. 399; Meltzer, Fleckeis. J. 1872 p. 429. 

5. In dieselbe Zeit wird gehören der Historiker Vennonius. Nur 
an drei Stellen wird derselbe erwähnt: Cic. de leg. 1, 2, 6; ad Attic. 12, 3, 
1 ; Dionys. 4, 15. 

6. C. Fannius Strabo. Der Schwiegersohn des Laelius und Schüler 
des Panaetius, stand zuerst auf Seite des C. Oracchus, durch dessen Ein- 
fluss er 122 v. Ch. das Konsulat erhielt, wandte sich aber in seinem Kon- 
sulat von demselben ab und bekämpfte ihn in einer Rede. Von seiner 
Geschichte wird das erste und das achte Buch citiert. Das einzige 
Fragment des ersten Buches enthält einen allgemeinen Gedanken ; im ach- 



\ 



108 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



ten Buch war mehrmals von Drepanum die Rede (fr. 3); es wird also in 
demselben der erste punische Krieg behandelt worden sein. Für die grac- 
chische Zeit war Fannius eine Hauptquelle, Plutarch scheint ihm in seinen 
Biographien der Gracchen gefolgt zu sein. Von dem Ansehen, dessen 
sich sein Werk erfreute, zeugt auch die Thatsache, dass M. Brutus sich 
aus demselben einen Auszug machte (Cic. ad Attic. 12, 5, 3). 

Die von Cic. Brut. 26, 99 — 102 durchgeführte Unterscheidung von zwei Schriftsteilem 
des Namens Fannius (der eine C. F., der andere M. F.) betrachtet als eine irrige Mommsen, 
C. J. L. 1, 158; nach ihm ist der C. Fannius C. f. zu streichen. Zweifel gegen Mommsen 
erhebt Hirschfeld, Die Annalen des C. Fannius, Wien. Stud. 7, 127 : „Ob der Geschicht- 
schreiber Fannius mit dem Schwiegersohn des Laelius (an der Identität mit dem Konsul 
d. J. 122 V. Ch. C. Fannius M. f. ist allerdings wohl nicht zu zweifeln) identisch sei, ist 
mir sehr fraglich. Atticus ist der Ansicht nicht gewesen (ad Attic. 12, 5, 3).* Über Fannius 
als Redner werden wir unten p. 115 handeln. 

4. L. Coelius Antipater. 

71. Die historische Monographie. Gegenüber der Geschichtschrei- 
bung, welche mit der Gründung von Rom begann, muss das Aufkommen 
der historischen Monographie als ein grosser Fortschritt angesehen wer- 
den ; denn das Herausgreifen eines wichtigen Zeitabschnitts leitet über zur 
tieferen Auffassung und zur kunstmässigen Darstellung des Stoffs. An 
den Namen des Coelius Antipater knüpft sich dieser Fortschritt in der 
Geschichtschreibung. Er wählte sich eine Zeitepoche aus, welche einmal 
wegen ihrer hohen Bedeutung für eine Sonderdarstellung geeignet war 
und dann als eine der nächsten Vergangenheit angehörige der Forschung 
keine übergrossen Schwierigkeiten entgegenstellte. Es ist dies der zweite 
punische Krieg. 

Das Werk, das unter verschiedenen Namen citiert wird, bestand aus 
sieben Büchern, im ersten Buch waren die Kriege der Punier in Spanien 
und die ersten Feldzüge Hannibals in Italien erzählt, in dem zweiten stand 
die Schlacht bei Cannä, das dritte begann mit dem Jahre 214, ins sechste 
fiel die Landung Scipios in Afrika (fr. 41), das siebente erzählte die Ge- 
fangennahme des Königs Syphax (fr. 44) und die übrigen Ereignisse bis 
zum Schluss des Kriegs. Antipater benutzte für sein Werk sowohl ein- 
heimische Quellen als auch, was sehr wichtig ist, fremde aus dem gegne- 
rischen Lager ; unter den letzten wird Silen, der sich bei Hannibal befand, 
ausdrücklich genannt (fr. 11); von den einheimischen zog er zu Rat Fabius 
Pictor, Cato (fr. 25), die Leichenrede auf Marcellus (fr. 29). Diese letzte 
Stelle zeigt, dass er zwischen verschiedenen Berichten kritisch zu scheiden 
versuchte. Andrerseits erkennen wir aus den Fragmenten, dass er zum 
Aberglauben geneigt war und auf Träume und Vorzeichen grosses Gewicht 
legte (fr. 19; 20; 34). Auch Ausschmückungen finden sich, so war die Über- 
fahrt Scipios nach Afrika in wunderlicher Weise erzählt. Zur Charakte- 
risierung seiner Darstellung heben wir hervor, dass er häufig von der 
Form der Rede Gebrauch machte,') dass er mit Vorliebe das Praesens 
historicum setzte, endlich dass er in der Wortstellung sich dichterische 



^) Gilbert p. 464 ^Es sind nicht weni- 
ger als 16 Fragmente uns erhalten, welche 
Reden entlehnt sind, und wir können we- 



nigstens 6 verschiedene Reden erkennen, die 
in dem Werk des Coelius Platz gehabt ha- 
ben/ 



L. CoeliuB Antipater. Sempronius Asellio. 109 

Freiheiten gestattete. Ausdrücklich wird berichtet, dass er stilistisch En- 
nius nacheiferte (Fronte p. 62 N.). Antipater muss sonach der Darstellung 
grosse Aufmerksamkeit gewidmet und dahin gestrebt haben, den Leser zu 
fesseln, und wenn Cicero von dem modernen Geschmack aus vieles an 
Antipater vermisst, so geht doch soviel aus seinen urteilen (de or. 2, 12, 
54; Brut. 26, 102) hervor, dass Antipater in Bezug auf die Darstellung 
seine Vorgänger überholte. Ein Werk wie das Antipaters musste sich 
eines hohen Ansehens erfreuen; es bildet die Hauptquelle für den zweiten 
punischen Krieg. M. Brutus machte von demselben einen Auszug (Cic. ad 
Attic. 13, 8). 

Ausser diesem Werk hat man noch ein zweites Antipater beigelegt z. B. Sieolin, 
der die Fragmente 1. c. p. 88—92 ausgeschieden, und zwar weil sich gewisse Fragraönte 
schwer in den Rahmen des punischen Kriegs einreihen lassen, dann aber ganz besonders 
weil fr. 50 den Tod des C. uracchus voraussetzt, während der punische Krieg dem um 128 
V. Ch. gestorbenen Laelius, dem Freunde Scipios gewidmet war. Vgl. Cic. or. 69, 229, wo 
die Warnung erlassen wird, ne aut verba traiciamus aperte. — quod se L. Caelius Anti- 
pater in prooemio belli Punici nisi necessario facturum negat. Et hie quidem, qui haue a 
LaeliOy ad quem scripsit, cui ae purgat, veniam petit et utitur ea traiectione rerborum et 
nihilo tarnen aptius explet concluditque sententias. Allein an dieser Stelle ist L. Aelio statt 
Laelio zu lesen. Dies zeigt Comificius 4, 8 et ai verborum traiectionem vitabimusj nisi 
quae erit concinna, qua de re posterius loquemur, quo in ritio est Coelius (dies ist die 
massgebende handschriftliche Überlieferung, nicht Lucilius) ut haec est : In priore (so int«r- 
pungiert Mabx) libro has res ad te scriptas Lud misimus Äeli, Wie bei Cicero, so wird 
also auch bei Comificius die traiectio verborum als Eigentümlickeit des Coelius hingestellt. 
Dieser L. Aelius ist der bekannte Grammatiker L. Aelius Stilo, der Lehrer Ciceros, der 
noch über 100 v. Ch. hinauslebte. Vgl. die scharfsinnige Deduktion bei Marx, Stud. Lucil. 
Bonn 1882 p. 96—98. Damit fällt das gewichtigste Argument, das für ein zweites Werk 
Antipaters geltend gemacht werden kann. Schon der Umstand, dass auch von dem sup- 
ponierten zweiten Werk wie von dem ersten ebenfalls 7 Bücher bekannt sind, femer dass 
Citate ohne jede Bezeichnung des Werks einfach die Buchzahl anführen z. B. fr. 32, hätte 
misstrauisch machen sollen. Die Fragmente, die einer Einreibung in den punischen Krieg 
Schwierigkeiten bereiten, sind teils andern Autoren zuzuweisen — L. Coelius wird oft mit 
ähnlichen Namen verwechselt — teils bildeten sie einen Bestandteil von Excursen.^) Für 
die Zeit der Abfassung bildet das Jahr 122 v. Ch., das Todesjahr des C. Gracchus eine Grenze, 
über die wir nicht zurückgehen dürfen. Weiter hinab führt eine von Neumann, Phil. 45, 
385 veranstaltete Betrachtung des fr. 56, wo als Afrikaumsegier, den C. A. gesehen haben 
will, Eudoxos von Kyzikos vermutet wird. Diese Reise föUt aber einige Jahre nach 117 
v. Ch. -- Gegen den Anfang des 3. Buchs mit 214 (nach Gell. 10, 1, 3 fr. 59) streitet 
Gilbert 1. c. p. 374. 

Festus p. 158 M. citiert Alfius libro I belli Carthaginiensis. Da wir keinen Alfius 
kennen, vermutet Nippebdey, Opusc. p. 402 Caelius für Alfius, wogegen Einwände erhebt 
Peter 1, CCXXXVI. 

Litteratur: Meltzer, De L. Caelio Antipatro, Leipz. 1867. E. Wölfflin, Antio- 
chus von Syrakus und Caelius Antipater, Winterthur 1872. Hesselbabth, Hist. kritische 
Untersuchungen zur dritten Dekade des Livius, Halle 1889. Gilbert, Die Fragmente des 
L. Coelius Antipater, Fleckeis. J. Suppl. 10, 365. Sieolin, Die Fragmente des L. Caelius 
Antipater. Ebenda 11, 3. 

5. Sempronius Asellio. 

72. Die Zeitgeschichte. In der Geschichtschreibung macht es einen 
wesentlichen Unterschied, ob der Historiker Selbsterlebtes oder von anderen 
Berichtetes zu erzählen weiss. Im zweiten Fall kann der Stoff nicht ver- 
mehrt werden, der Darstellende kann ihn prüfen und sichten, er kann ihn 
künstlerisch gestalten, allein immer bleibt die Abhängigkeit von seiner 
Quelle bestehen. Dagegen bei dem Selbsterlebten gibt der Historiker neuen 

') Hesselbabth, Hist. krit. Untersuchung p. 659. 



I 



110 ROmiBche litteratnrgeBchichte. 1. Die 2eit der Eepublik. 2. Periode. 

Stoff, wenn gleich nur nach seiner eigenen subjektiven Auffassung. Auch 
den Alten war diese Unterscheidung nicht entgangen, sie wählten den 
Ausdruck „historia^ für die Darstellung des Selbsterlebten. Praktisch be- 
thätigten sie diesen Gegensatz, indem sie in ihren Geschichtswerken die 
alte Zeit summarisch, die eigene dagegen ausführlich behandelten. Beson- 
ders einschneidend war hier der Vorgang Catos, der nur Sage und !Zeit- 
geschichte darstellte. Durch diese Behandlungsweise war aber die Ein- 
heitlichkeit des Werkes gestört. Es war daher ein grosser Schritt, dass 
Sempronius Asellio, der Militärtribun im numantinischen Krieg (134) 
war, sich entschloss, mit dieser Gewohnheit zu brechen, in seinem Ge- 
schichtswerk die alte Zeit ganz wegzulassen und sich auf Darstellung des 
Seibsterlebten zu beschränken (Gell. 2, 13). Sempronius ist sich seiner 
Neuerung wohl bewusst, denn er setzt seine Geschichtschreibung in den 
schärfsten Gegensatz zu dem Verfahren der Annalisten, welche sich mit 
der bekannten Aufzählung der äusseren Ereignisse begnügen ; er will auch 
den inneren Verhältnissen seine Aufmerksamkeit zuwenden ; er will ferner 
den inneren Beweggründen der Handlungen nachgehen, d. h. pragmatische 
Geschichte schreiben und endlich auch patriotisch-ethische Wirkung erzie- 
len (Gell. 5, 18, 7). Über den Umfang des Werkes, das den Titel histo- 
riae oder verum gestarum libri führte, sind bei der geringen Anzahl der 
Fragmente nur Vermutungen gestattet. Das letzte Ereignis scheint die 
Ermordung des M. Livius Drusus (91) gewesen zu sein; denn fr. 13 ist zu 
unbestimmt, um daraus Schlüsse zu ziehen. Begonnen hat das Werk wahr- 
scheinlich mit dem numantinischen Krieg. Auch die Buchzahl lässt sich 
nicht sicher bestimmen. 

Stelkens, Der röm. Geschichtschreiber Sempronius Asellio, Crefeld 1867. Hertz, 
Opusc. GeUiana p. 211 (Fleckeis. J. 101, 303). 

6. M. Aemilius Scaurus, Q. Lutatius Catulus, P. Rutilius Rufus. 

73. Die Autobiographien und die Denkschriften. Zur Zeitge- 
schichte gehört auch die Autobiographie und die Denkschrift oder 
die politische Brochüre. Als Vorläufer dieser Gattung können wir 
betrachten den griechischen Brief, den der ältere P. Conielius Scipio 
Africanus an den König Philipp von Makedonien über sein Verfahren 
im spanischen Kriege richtete (Polyb. 10, 9), und einen zweiten grie- 
chischen Brief, den P. Cornelius Scipio Nasica (Cons. 162) an irgend 
einen König über den letzten Feldzug gegen Perseus, an dem er sich 
beteiligt hatte (Plut. P. Aemil. 15), geschrieben. Die Gattung selbst be- 
gründete C. Gracchus; er hatte eine Schrift zum Schutz der gracchischen 
Politik geschrieben, die dem M. Pomponius gewidmet war, er erzählte da- 
rin von einem im Hause seines Vaters erschienenen Schlangenpaar und 
dessen merkwürdiger Deutung durch die haruspices (Cic. de div. 1, 18, 36; 
2, 29, 62), wahrscheinlich handelte er darin auch von sich selbst.*) Zur 
vollen Entfaltung gelangte aber diese Litteraturgattung erst gegen das 
Ende unserer Periode durch die Bürgerkriege. In dieser Zeit der wilden 
Parteikämpfe hatten die Handelnden nur zu oft Anlass zu Rechtfertigungs- 

') NiPPERDEY Opusc. p. 99. 



Verfasser ▼on Autobiographien und Denkschriften. 



111 



Schriften. Es treten uns drei Personen mit solchen Schriften entgegen, 
M. Aemilius Scaurus (Cons. 115, gest. um 88 v. Gh.), der aus dem Cimbern- 
krieg bekannte Q. Lutatius Catulus und endlich P. Rutilius Rufus. Der 
schlaue M. Aemilius Scaurus schrieb über sein Leben drei Bücher*), die 
dem L. Fufidius gewidmet waren (Cic. Brut. 29, 112), sie wurden später 
nicht mehr beachtet. Q. Lutatius Catulus (gest. 87) verfasste über sein 
Konsulat eine Denkschrift, welche die Form eines Sendschreibens an den 
Dichter A. Furius von Antium hatte (Cic. Brut. 35, 132); sie sollte ihm 
aller Wahrscheinlichkeit nach Material für dessen historisches Gedicht zum 
Preis des Catulus liefern. P. Rutilius Rufus, von dem wir wissen, 
dass er durch eine ungerechte Anklage in die Verbannung (zuerst in Mity- 
lene, dann in Smyrna) getrieben wurde, schrieb eine Autobiographie von 
wenigstens fünf Büchern in lateinischer Sprache (Charis. p. 139 K.). Daneben 
wird auch ein Geschichtswerk in griechischer Sprache erwähnt (Athen. 4, 
168 d). Über das Verhältnis der beiden Werke lassen sich bloss Vermu- 
tungen aufstellen. Nissen glaubt, dass die in griechischer Sprache abge- 
fasste Geschichte nur eine Bearbeitung der Autobiographie ist, Peter da- 
gegen nimmt ein selbständiges Werk an. Die letztere Ansicht halte ich 
für die richtige. 

Über die Briefform der Denkschrift des Q. Lutatius Catulus handelt nach Fronto 
p. 126 N. eingehend Jordan, Hermes 6, 75. Es werden auch communes histariae (oder 
communis historia) unter dem Namen Lutatius his zum 4. Buch (Peter fr. 7 p. 193) citiert; 
dass unter diesem Lutatius nicht der Konsul, sondern sein gelehrter, früher im Besitz 
des Tragödiendichters Accius gewesene Sklave Daphnis, den er, nachdem er ihn um eine 
hohe Summe gekauft hatte (Suet. gr. 3 ; Plin. n. h. 7, 128), bald darauf freiliess, zu verstehen 
sei, macht Peter, Fleckeis. J. 115, 751 wahrscheinlich. Den communes historiae werden 
auch die Fragmente einzureihen sein, in denen Lutatius ohne Angabe des Werks angeführt 
wird, nicht aber einem andern antiquarischen Werke, da eine Kunde von einem solchen 
fehlt. Die Fragmente weisen auf Etymologisches und Antiquarisches. Der Titel wurde 
wohl deshalb gewählt, weil in dem Buch „complurium populorum res continebantur^ , 
Eine ungelöste Schwierigkeit bietet die Stelle in Useners Commenta Bern, zu Lucan 1, 544 
(p. 35), wo es heisst sed hoc fabulosum esse inveni in lihro CatuHi, vgl. Peteb 1. c. 

Über P. Rutilius Rufus vgl. Nissen, Krit. Unters, p. 43; Peter, Fragm. 1, CCLXV. 
Er muss nach den Citaten in den Digesten zu schliessen (z. B. 7, 8, 10, 3) auch Juristisches 
geschrieben haben. 

Litteratur: Wiese, Comment. de vitarum scriptorihus Romanis, Berlin 1840; Su- 
RiNOAR, De Romanis autobiographis, Leyden 1846. 



ß) Die Redner. 

74. Die Beredsamkeit bis C. Gracchus. In der Beredsamkeit 
waren bei den Römern .alle Vorbedingungen für ein gedeihliches Wachs- 
tum gegeben. Die Senats- und Volksversammlungen, die Gerichtsverhand- 
lungen machten das lebendige Wort unentbehrlich. Es kam hiezu die Sitte, 
berühmte Verstorbene durch Leichenreden zu feiern. Von den bei diesem 
Anlass gehaltenen Reden sind manche in Buchform gebracht verbreitet 
worden, wir haben solche § 19 namhaft gemacht. Als die erete publizierte 
Rede galt die Rede, die Appius Claudius Caecus im Senat gegen die Frie- 
densvorschläge des Königs Pyrrhus hielt. Ihm folgten viele Redner; wir 
behandeln hier nur diejenigen, von denen Reden kursierten; denn erst 



^) Auch Reden kursierten von ihm. Als 
Eigenschaft derselben gibt Cicero 29, 111 



an: gravitas summa et naturalis quaedam 
auctoritas. 



112 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



dann tritt der Redner in die Litteratur ein, wenn sein Wort schriftlich 
fixiert wird. Von den Reden Catos sehen wir als bereits behandelt hier 
ab. Von dem älteren Scipio lief eine Rede um, die er in dem bekann- 
ten Prozess gegen den Volkstribunen M. Naevius gehalten haben soll. 
Gell. 4, 18 und mit Ausschmückungen Liv. 38, 50 führen eine wirksame 
Stelle daraus an; in derselben weist der Redner darauf hin, dass er am 
heutigen Tage Hannibal besiegt habe und dass es sich daher gezieme, 
statt auf die Anklage zu hören, lieber den unsterblichen Göttern Dank 
darzubringen. Allein diese Rede war apokryph, bereits Livius 38, 56 und 
Gellius 4, 18 deuten ihren Zweifel genugsam an; es kommt hinzu, dass 
Cicero (de officiis 3, 1, 4) ausdrücklich das Vorhandensein litterarischer 
Denkmäler des älteren Africanus in Abrede stellt. Ebenso unterschoben 
ist die Rede, welche der Vater der Gracchen Tiberius Sempronius Gracchus 
in dieser Angelegenheit zur Rechtfertigung seiner Interzession für die Sci- 
pionen gehalten haben soll, denn auch hier deutet Liv. 38, 56 seinen Zweifel 
an, und dieser ist vollständig berechtigt, wenn man den von Livius skiz- 
zierten Inhalt der Rede ins Auge fasst.^ Dagegen ist eine Rede, welche 
Ti. Sempronius Gracchus etwa 164 in griechischer Sprache in Rhodus 
gehalten, und die noch zu Ciceros Zeit vorhanden war (Brut. 20, 79), von 
dem Verdacht der ünechtheit frei. In dieselbe Zeit fiel die von Cicero 
(Brut. 46, 170) als noch vorhanden erwähnte Rede des L. Papirius aus 
Fregellä für seine Landsleute und die lateinischen Kolonien. Sehr berühmt 
war auch die Rede, die der Sieger über Perseus L. Aemilius Paulus Mace- 
donicus kurz nach seinem Triumphe (167) über seine Kriegsthaten sprach. 
Dem Redner waren kurz vorher zwei Söhne durch den Tod entrissen wor- 
den. Anknüpfend hieran sagte er in ergreifender Weise, er habe immer 
gebetet, falls eine Bitterkeit dem Vaterland bestimmt sei, mögen die Göt- 
ter dieselbe lieber auf sein Haus abladen. Das sei jetzt von den Göttern 
erfüllt worden, es sei besser, dass das Volk über des Aemilius Paulus Lage 
wehklage als umgekehrt. 2) 

Die Redekunst war inzwischen eine Macht geworden; kein Wunder, 
wenn die Griechen massenhaft nach Rom strömten, um hier griechische 
Rhetorik vorzutragen. Zwar regte sich, wie wir bereits S. 101 gesehen, 
die nationale Opposition, es kam im Jahre 161 ein Senatsbeschluss zu 
Stande, der dem Prätor die Vollmacht erteilte, die griechischen Rhetoren 
und Philosophen^) aus der Stadt auszuweisen. Allein die Massregel blieb 



MoMMSEN, Rom. Forsch. 2, 506 hält 
die Rede des Gracchen für eine Parteischrift 
aus dem Bürgerkrieg, die unter dieser für 
die Zeitgenossen durchsichtigen Maske Cae- 
sar angriff. ^Fast alle jene Dinge, die auf 
Scipio Africanus bezogen walire Ungeheuer- 
lichkeiten sind, lassen für Caesar sich nach- 
weisen** (504). Für Abfassung in der Zeit 
dos Augustus Niese. De annalibus Romanis 
obset-r. II, Marb. 1888 p. XIII. Für diese 
Unterschiebung von Reden sei hier noch 
ein Beispiel angeführt. F. Sulpicius Rufus 
(Volkstrib. 88) hatte keine Reden herausge- 
geben und doch waren von ihm solche in 



Umlauf. Wer sie unterschoben, berichtet 
Cicero Brut. 56, 205 : Sulpici orationes quae 
feruntury eas post mortem eius scripsisse P. 
Canutitis (ein Zeitgenosse Ciceros) putatur, 

'^) £in Dekret des Aemilius Paulus aus 
dem Jahre 189, im spanischen Feldlager er- 
lassen, wurde 1866 gefunden. Vgl. K. Hüb- 
ner, Hermes 3, 243; E. Schneider, Dial. 
it. ea^empL 1, 12. 

*) Das Dekret lautet: Suet. rhet. 1 C. 
Fannio Strabone, M. Valerio Messala cons. 
M, Pomponitts praetor senatum consuluit. 
Qiiod verba facta sunt de philosophis et rhe- 
toribuSy de ea re ita censuerunt, ut M. Pom- 



Die Redner. 



113 



ohne Erfolg. Der griechische Unterricht konnte nicht mehr zurückgedrängt 
werden; er bildete einen wesentlichen Teil in der Ausbildung der römi- 
schen Jugend. 

Nach Aemilius Paulus erscheinen als hervorragende Redner P. Cor- 
nelius Scipio Africanus minor und sein Freund Laelius. Von Scipio 
existierten mehrere Reden; aus denselben sind uns einige ausführlichere 
Stellen erhalten, welche gegen die eingerissene Sittenverderbnis eifern. 
In der Rede gegen die lex iudiciaria des Ti. Gracchus (133) beklagt er 
aufs bitterste (Macrob. 2, 10), dass die römische Jugend in verächtlichen 
Künsten, im Singen, Tanzen unterrichtet und dabei die Unzucht gefördert 
werde; in der Rede gegen P. Sulpicius Gallus (142) schildert er mit einigen 
kräftigen Strichen die Verweichlichung im Äussern und das unanständige 
Verhalten beim Mahle (Gell. 6 (7), 12). Aus der Rede gegen den Volkstribu- 
nen Ti. Claudius Asellus teilen interessante Stellen mit Gell. 6(7), 11; 2,20; 
Cic. de or. 2, 66, 268; in einer (6 [7], 11) bricht der Redner in den wirkungs- 
vollen Vorwurf aus: „Du hast auf ein Freudenmädchen eine höhere Summe 
verwendet als die Schätzung des gesamten Inventars deines sabinischen 
Landguts beträgt.* Auch sein Freund Laelius war ein geschätzter Red- 
ner; am berühmtesten war seine Rede, die sich gegen den Vorschlag des 
Volkstribunen C. Licinius Crassus richtete, bei den Priesterkollegien statt der 
Kooptation die Wahl durch das Volk eintreten zu lassen. Cicero findet 
an seinem Stile im Unterschied von Scipio etwas Altertümliches und 
Schmuckloses (Cic. Brut. 21, 83). Interessant ist auch, dass er Leichenreden 
für andere schrieb, z. B. die auf seinen Freund Scipio für Q. Aelius Tubero ^ 
(Cic. de or. 2, 84, 341) und für Q. Fabius Maximus; aus der letztern teilen 
die Ciceronischen Scholien von Bobio p. 283 0. Stellen mit. Neben Scipio 
und Laelius war ein hervorragender Redner Ser. Sulpicius Galba*) (Cons. 
144), der durch seinen schändlichen Verrat gegen die Lusitaner in der 
Geschichte bekannt ist. Cicero berichtet von ihm, dass er zuerst von den 
römischen Rednern rhetorische Kunstmittel in Anwendung brachte, d. h. 
mit klarem Bewusstsein und in reicherem Masse, so z. B. die Abschwei- 
fung, die Übertreibung, den Gemeinplatz. Allein trotzdem findet Cicero, 
dass seine Reden dürrer und altertümlicher sind als die des Scipio und 
des Laelius und sogar des Cato und dass sie daher nahezu verschollen 
seien (Brut. 21, 82). Unter seinen Reden zogen die grösste Aufmerksamkeit 
auf sich diejenigen, in denen er sich wegen seines an den Lusitanern be- 



ponius praetor animadverteret curaretqite, ut 
H ei e re p. fideque sua videretur, uti Romae 
ne essent. Unrichtig ist der Zusatz latinis 
nach rhetoribus in der Einleitung bei Gell. 15, 
11, 1. Wie bei phüasophis nur an griechi- 
sche gedacht werden kann, so auch bei rhe- 
toribus, 

^) Schüler des Panaetius. Über ihn als 
Redner siehe Cic. Brut. 31, 117 fuit constans 
civis et fortis et inprimis C, Graccho mole- 
stus, quod indicat Gracchi in eum oratio. 
Sunt etiam in Gracchum Tuberonis. Is fuit 
mediocris in dicendo, doctissimus in dispu- 

Handbuch der klaas. Altcrtumswiasenschaft. Vm. 



tando. Von seiner juristischen Kenntnis 
sprach Cicero in seinem Buch de iure cimli 
in artem redigundo rühmend : nee vero scientia 
iuris maiorihus suis Q, Aelius Tubero defuit, 
doctrina etiam superfuit (Gell.l, 22, 7). Vgl. 
NiPPEBDEY, Opusc. p. 408. 

«) Auch sein Sohn C. Galba (Quast. 120) 
war ein angesehener Redner, vgl. Cic. Brut. 
33, 127 rogatione Mamilia, Jugurthinae con- 
iurationis invidia, cum pro sese ipse dixisset, 
oppressus est. Exstat eins peroratio, qui 
epilogus dicitur; qui tanto in honore pueris 
nobis erat, ut eum etiam edisceremus. 

8 



114 Römische Litteratnrgescliichte. 1. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



gangenen Treubruchs gegen den Volkstribunen L. Scribonius Libo ver- 
teidigte (Liv. per. 49). Auch Cato hatte mit einer gewaltigen Rede hier 
eingegriffen. An M. Aemilius Lepidus Porcina (Cons. 137) will Cicero 
unter den lateinischen Rednern (Brut. 25, 95) zuer&t Glätte des Perioden- 
baus, rednerischen Rhythmus und kunstvolle Darstellung beobachtet haben. 
Q. Caecilius Metellus Macedonicus, der Besieger des Andriskus hielt in 
seiner Censur (131) eine berühmte Rede über die Volksvermehrung, welche 
durch Einschränkung der Ehelosigkeit angebahnt werden sollte.') Dieser 
Rede gehört das Bruchstück an, welches Gellius 1, 6, 1 irrtümlich dem Metel- 
lus Numidicus beilegt. In demselben kommt der Gedanke vor, dass man 
die Frau als ein notwendiges Übel ansehen muss. Diese Rede gefiel Augu- 
stus so gut, dass er, als er mit der Eheordnung (de ordinibus maritandis) 
sich beschäftigte, sie im Senat vorlesen Hess (Liv. per. 59). Auch von 
Lucius Mummius, dem Zerstörer Korinths und seinem auch dichterisch 
thätigen (Cic. Att. 13, 6, 4) Bruder Spurius Mummius waren Reden in 
Umlauf (Cic. Brut. 24, 94). Den grössten Einfluss auf die Entwicklung der 
römischen Beredsamkeit hatte die wild gärende Zeit der Gracchen. War 
schon Tiberius Gracchus*) ein ausgezeichneter Redner (Cic. Brut. 27, 104), 
so wurde er noch weit übertroflfen von seinem Bruder, mit dem eine neue 
Epoche der römischen Beredsamkeit anhebt. 

Hier mögen auch die zwei Fragmente aus einem Brief der Cornelia an ihren jün- 
geren Sohn C. Gracchus Erwähnung finden. Dieselhen sind uns überliefert durch die Hand- 
schriften des Cornelius Nepos, angeblich entnommen aus dem Abschnitt seines Werks über 
die lateinischen Historiker. Allein da der Brief nur in dem Leben des C. Gracchus gestanden 
sein kann, dieser aber lediglich als Redner seinen Ruhm erlangt hat, so ist anzunehmen, 
dass die Exzerpte aus dem Abschnitt des Vit^erks über die lateinischen Redner herrühren. 
Die Fragmente, aus denen das Ziel der Briefschreiberin hervorleuchtet, den C. Gracchus 
von der politischen Laufbahn zurückzuhalten, und die deshalb ins Jahr 124 fallen müssen, 
sind mit Unrecht verdächtigt worden. Dieselben sind ein schönes Denkmal echt weiblicher 
Seelengrösse. Man vgl. das herrliche Fragment: Dices pulchrum esse inimicos tdcisci . id neque 
maius neque pulchrius cuiquam atque mihi esse videtury sed si licecU re publica salva ea 
persequi . sed quatenus id fieri non potest, muUo tempore multisque partibus inimici nostri 
non peribunt atque, uti nunc sunt, erunt potius quam res publica profligetur atque pereat. 
(Nach Halm's Ausgabe des Nepos p. 128). Über diese Fragmente handelt meisterhaft Nip- 
PERDEY, Opusc. p. 95 — 120. Ergänzend dazu Jordan, Hermes 15, 530. 

75. Die Beredsamkeit von C. Gracchus bis M. Antonius und 
L. Crassus. Die glänzendste Erscheinung in der Oeschichte der römischen 
Beredsamkeit ist der jüngere Gracchus. Ihm gegenüber waren die übrigen 
Redner wie stammelnde Kinder (Plut. C. Gr. 1), auch Cicero hielt ihn für 
den grössten römischen Redner (p. Font. 39, Brut. 33, 125). Das Geheimnis 
seiner Redekunst beruhte auf der Fülle und Eindringlichkeit der Gedanken 
(Cic. Brut. 33, 125), dann auf der Glut und Innigkeit seines Vortrags (Tacit. 
dial. 26). Als er die Worte sprach „Wohin soll ich Unglücklicher mich 
wenden? wohin mich flüchten? Aufs Kapitel? Das trieft vom Blute meines 
Bruders -- In mein Haus? damit ich die unglückliche Mutter in Jammer und 
Elend sehe" (Cic. de or. 3, 56, 214), geschah dies mit solcher Lebhaftigkeit 
der Aktion, dass selbst die Gegner ihre Thränen nicht zurückhalten konnten. 



^) Vielleicht hatte Lucilius dieselhe in 
Beinen Satiren berücksichtigt. Vgl. Marx, Stud. 
Lucil. p. 90 ; BiRT, Zwei polit. Satiren p. 120. 

*) Unter den Gegnern des Tiberius Grac- 



chus fahre ich an T. Annkis Luscus (Cons. 
153) ; bei Festus p. 314 wird zur Erläuterung 
des Wortes satura eine Stelle aus einer ge- 
gen T. Gracchus gehaltenen Rede mitgeteilt. 



Die Eedner. 115 

Die wenigen Fragmente, die uns erhalten sind, lassen uns ahnen, 
welcher Schatz mit den Gracchischen Reden uns verloren gegangen ist. 
Sie werden mit Recht als Perlen der Beredsamkeit betrachtet. Oft wird 
hingewiesen auf die elegischen Worte, die einer Rede an das Volk ent^ 
nommen sind: „Wollte ich vor euch sprechen und das Verlangen an euch 
richten, ihr möchtet, da ich edlem Stamme entsprossen bin und euretwegen 
meinen Bruder verloren habe und von dem Heldenstamm des P. Africanus 
und Ti. Gracchus niemand mehr übrig ist als ich und ein Knabe, zur Zeit 
mich feiern lassen, damit nicht mit der Wurzel unser Stamm ausgerottet 
werde und damit noch ein Sprosse unseres Geschlechts übrig bleibe, so 
hege ich keinen Zweifel, dass ihr mir diese Bitte bereitwillig erfüllen 
werdet" (Schol. Bob. p. 365 0.). Ebenso ergreifend ist der Bericht, den er 
nach der Rückkehr aus Sardinien über seine dortige Verwaltung erstattet. 
Es kamen hier die Worte vor: „Ich habe, als ich von Rom in die Provinz 
ging, Beutel voll Geld mitgenommen; leer habe ich sie zurückgebracht — 
andere dagegen haben Amphoren voll Wein, die sie in die Provinz mit- 
führten, mit Geld gefüllt in die Heimat zurückgeleitet (Gell. 15, 12). Zwei 
Erzählungen von dem Übermut römischer Beamten wie die Geschichte eines 
Konsuls in Teanum Sidicimim und die eines Legaten ergreifen durch den 
schlichten Ton (Gell. 10, 3, 3 u. 5). Das umfangreichste Fragment bietet 
uns Gellius 11,10; es handelt von dem Egoismus und der Bestechlichkeit 
der Redner gewöhnlichen Schlages in sehr anschaulicher Weise. 

Dass die an Leidenschaften so reiche Zeit der Gracchen noch andere 
Redner hervorbringen musste, ist klar. Wir wollen uns mit der Charakteri- 
sierung von dreien begnügen, von C. Papirius Garbo, C. Fannius und 
C. Scribonius Curio. Der erstere schloss sich in der Beredsamkeit an 
M. Aemilius Lepidus an (Cic. Brut. 25, 9ö). Seine Reden waren nicht sowohl 
durch glänzende Diktion als durch die Schärfe der Gedanken hervorstechend. 
Er Hess sich die rednerischen Übungen sehr angelegen sein und war ein 
gesuchter Anwalt (Brut. 25, 104), wenngleich Cicero tiefere Rechtskenntnis 
an ihm vermisst (de or. 1,10,40). Sein Charakter war sehr zweifelhaft; 
obwohl früher Anhänger des C. Gracchus, verteidigte er doch L. Opimius, der 
die Ermordung des C. Gracchus veranlasst hatte (Cic. de or. 2, 25, 106). Ein 
Gegner des jüngeren Gracchus war der Historiker (vgl. p. 117) C. Fannius 
M. f., als Konsul hielt er im J. 122 eine Rede (de sociis et nomine latino Cic. 
Brut. 26, 99) gegen den Antrag des C. Gracchus, den Italikern das Bürgerrecht 
zu verleihen. ') An diese Rede knüpft sich ein Gerücht, als sei sie nicht 
volles Eigentum des Redners, wie ja Ähnliches auch dem C. Gracchus vor- 
geworfen wurde. Von C. Scribonius Curio (PMtor 121) war die Rede für 
Servius Fulvius wegen Incest sehr berühmt. Uns, sagt Cicero Brut. 32, 122, 
schien in unserer Jugend diese Rede von allen die beste zu sein. 

Unter den nächstfolgenden Rednern sind die bedeutendsten M. Anto- 
nius (143—87) und L. Licinius Crassus (140—91). M. Antonius gab keine 
seiner Reden heraus, angeblich damit er nicht des Widerspruchs in seinen 



*) Einen Satz aus dieser Rede überlie- 
fert Julius Victor Ars p. 224 Or. Si Latinis 
civitatetn dederitis, credo, existimatiSy vos 



ita ut nunc conauestis in contione habituros 
locum aut ludis et festis diebiis interfuturos. 
Nonne illos omnia occupaturos putatis ? 

8* 



116 Römische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 8. Periode. 



verschiedenen Reden überführt werden könne (Cic. p. Cluentio 50), in der 
That aber, weil bei ihm das geschriebene Wort merkwürdig von dem ge- 
sprochenen abstach. Sie scheinen aber von fremder Hand aufgezeichnet 
worden zu sein.^) Auch ein kleines, noch dazu unvollendetes Büchlein 
(Quint. 3, 1, 19) über die Theorie der Beredsamkeit war wider seinen Willen 
in die Öffentlichkeit gedrungen. In demselben stand sein Ausspruch, er 
habe viele Beredte, aber keinen Redner kennen gelernt (Cic. or. 5, 18). 
Von seinen Reden kennen wir zwei durch Referate und Erwähnungen ge- 
nauer, die für M*. Aquillius und die für C. Norbanus. Die erste wurde 
im J. 98 gehalten. M'. Aquillius, ein tapferer Soldat und tüchtiger Feld- 
herr, hatte durch Niederwerfung des zweiten Sklavenaufstandes in Sizilien 
(99) sich die grössten Verdienste erworben, allein zu gleicher Zeit hatte 
ihn seine Habsucht zu Erpressungen verleitet, wegen deren er von 
L. Fufius angeklagt wurde. Antonius verteidigte ihn und erlangte, trotz- 
dem an der Schuld des Angeklagten nicht zu zweifeln war, seine Frei- 
sprechung. Besonders wirksam war der Coup, dass der Redner die Toga 
des Angeschuldigten auseinanderriss und den Richtern die Wunden zeigte, 
welche sich derselbe in den Kämpfen für das Vaterland zugezogen (Liv. 
per. 70). Auch in der Rede für C. Norbanus war der Redner siegreich. 
Hier lag folgende Anklage vor. Der Volkstribun C. Norbanus hatte den 
Q. Servilius Caepio, der im Cimbernkrieg eine schmähliche Niederlage er- 
litten hatte, wegen dieser Schmach und einer begangenen Unterschlagung 
in Anklagezustand versetzt und seine Verurteilung herbeigeführt. Es war 
aber dabei die Gesetzeswidrigkeit vorgekommen, dass Norbanus die für 
Caepio intercedierenden Tribunen mit Gewalt verjagte. Er wurde deshalb 
von P. Sulpicius Rufus (94) belangt. Auch hier siegte der Redner nach dem 
Referat, das ihm Cic. de or. 2,48, 199 in den Mund legt, dadurch, dass er 
auf die Schuldfrage so wenig als möglich einging, dagegen den gegen 
Caepio bestehenden Hass möglichst ausnützte. Wenn man unbefangen das 
allgemeine Urteil Ciceros über die Beredsamkeit des Antonius betrachtet 
(Brut. 37, 139), so lag der Schwerpunkt seiner Kunst in dem Vortrag und 
in der Aktion. In Bezug auf die Darstellung legte er das Hauptgewicht 
auf wirksame Gruppierung des Materials und auf Ausschmückung der Ge- 
danken. 

Der zweite hervorragende Vertreter der Beredsamkeit ist L. Licinius 
Crassus, der Schüler des L. Coelius Antipater. Seine Reden waren nur 
zum Teil ganz veröffentlicht, manche lagen bloss in Skizzen vor (Cic. Brut. 
43, 160; 44, 164). Eine seiner Reden behandelte eine cause celibre. Ein 
römischer Bürger hatte die testamentarische Bestimmung getroffen, dass, 
falls seine Frau einen Sohn gebären und dieser vor erlangter Volljährigkeit 
sterben sollte, M'. Curius der Erbe seines Vermögens werde (Boethius in 
Cic. Topica p. 341). Nun wurde aber gar kein Sohn geboren, da die 
Voraussetzung, dass die Frau schwanger sei, eine irrige war. Infolgedessen 
trat ein Verwandter des Erblassers mit einer Klage auf, welche Q. Mucius 



^) „Antonius ipse nüllas orationes edi- 
disne irculUury sed nihil omintis et a Cicerone 
$t ab aliis velut exempla eloquentiae aaepe 



laudantur: lihrarii enim eas aut integras 
aut ex parte memoriae tradiderant" (Meyer, 
Fragm. or. Rom. p. 281). 



Die Redner. 



117 



Scaevola vertrat, und verlangte Intestaterbfolge; ihm trat M'. Curius ent- 
gegen und beanspruchte für sich die Erbschaft. Sein Anwalt war L.Crassus; 
er gewann den Prozess. Im Jahre 106 verteidigte L. Crassus das Gerichts- 
verfassungsgesetz des Q. Servilius Caepio, durch welches die Gerichte den 
Senatoren übertragen werden sollten. Aus dieser Rede lesen wir bei Cic. 
de or. 1, 52, 225 ') eine wirksame Stelle. Crassus war nach der Darlegung 
Ciceros dem Antonius überlegen ; sein Stil war durchaus korrekt und elegant, 
seine Darstellung ganz besonders durch die Kunst, alles klar zu machen, 
ausgezeichnet, es kamen ihm hiebei seine ausgezeichneten juristischen 
Kenntnisse zu statten. Unübertreflflich war sein Geschick, die Rede plötz- 
lich in den Dialog umzusetzen (Cic. Brut. 43, 159). Auch verfügte er über 
die Gabe des Witzes (38, 143), dagegen war sein Vortrag und seine Aktion 
weniger lebhaft als dies bei Antonius der Fall war. So ausgebildet uns 
die Rhetorik bei diesen Rednern entgegentritt, auch die Kehrseite fehlt 
nicht, nämlich durch die Rede die schlechte Sache zur guten zu machen. 
Merkwürdig ist, dass unter L. Licinius Crassus als Censor (92) eine Mass- 
regelung der lateinischen Rhetoren eintritt. Es wurde ein Dekret erlassen 
des Inhalts: Es wurde uns gemeldet, dass es Leute gebe, welche eine neue 
Methode des Unterrichts einführten; zu ihnen käme die Jugend in die 
Schule; diese Leute hätten sich den Namen „lateinische Rhetoren* beige- 
legt, bei ihnen sässen die Jünglinge ganze Tage. Unsere Ahnen haben 
bestimmt, was ihre Kinder lernen und welche Schulen sie besuchen sollten. 
Die vorliegende Neuerung, die gegen Sitte und Gewohnheit der Vorfahren 
verstösst, gefällt uns nicht und scheint nicht recht zu sein. Daher 
erscheint es angezeigt, sowohl denjenigen, welche solche Schulen halten, 
als denjenigen, welche sie zu besuchen pflegen, unsere Anschauung dahin 
kundzugeben, dass uns diese Dinge nicht gefallen (Suet. rhet. 1). Damit 
war die Schliessung der lateinischen Rhetorenschulen ausgesprochen. Cicero 
lässt de or. 3, 24, 93 den Crassus diese Massregel verteidigen; er hebt hervor, 
dass die lateinischen Rhetoren nichts als Dreistigkeiten lehrten, während 
die griechischen doch noch Wissensstoff mitteilten. Und in der That, wenn 
man die Schulthemata ins Auge fasst mit ihrer Ungeheuerlichkeiten und 
UnWahrscheinlichkeiten, wenn man erwägt, dass es bei diesen Übungen 
nur darauf ankam, auch der unwahrscheinlichsten Sache zum Siege zu 
verhelfen, so wird man jene Lehrinstitute als verderblich ansehen müssen. 
Allein mit dem negativen Mittel der Schliessung der Schulen war keine 
entschiedene Heilung des Übels gegeben; diese konnten nur positive Vor- 
schläge für den Unterricht herbeiführen. 

Hauptquelle ist Ciceros Brutus, welcher die Entwicklung der römischen Beredsam- 
keit bis auf seine Zeit gibt. Oratorum Romanorum fragmenta coli, atque illustr. Henr. 
Meteb. Ed. IT. Zürich 1842. Westebmanf, Geschichte der römischen Beredsamkeit. Leipz. 
1835 (ein dfirres, ungeniesshares Buch). Ellendt, Historia eloquentiae Romanae usqiie ad 
Caesar es in seiner Ausgabe von Ciceros Brutus, Königsb. 1825. Beboeb, Histoire de V^lo- 
quence latine depuis Vorigine de Rome jusqu'ä Cic^ron hsg. von V. Cücheval. 2 Bde. Paris 
1872 (1881); auch andere Zweige der litteratur sind hier beigezogen. Endeblein, De M, 
Antonio oratore, Leipz. 1882. 



*) Eripite nos ex miseriis, eripite ex 
faucibus eorum, quorum crudelUas nostro 
sanguine non polest expleri; nolite sinere 



nos cuiquam servire, nisi vobis universiSf 
quibus et possumus et debemus. 



118 Römische Litteratnrgeachichte. I. Die Zeit der Republik, 2. Periode. 



y) Die Fachgelehrten. 

1. Die Philologen (L. Aelius Stilo Praeconinus). 

76. Die Entstehung der römischen Philologie. Bei einer werdenden 
Litteratur stellt sich als erste philologische Beschäftigung ein: Regelung 
der Schrift und der Orthographie. Dies war auch in der römischen Lit- 
teratur der Fall. Wir haben oben gesehen, wie die ersten römischen 
Schriftsteller mit orthographischen Problemen beschäftigt waren. Das 
eigentliche philologische Studium kam von aussen nach Rom; es war ein 
zufälliges Ereignis, welches hier mächtig einwirkte. Der berühmte Gegner 
Aristarchs, Grates von Mallos, kam als Gesandter des pergamenischen Hofs 
ungefähr zur Zeit des Ablebens des Dichters Ennius nach Rom. Er fiel 
in eine Kloake und brach ein Bein. Da die Heilung längere Zeit in An- 
spruch nahm, hielt er zu seiner Zerstreuung fleissig Vorlesungen und Dis- 
putationen über Philologie (Suet. gramm. 2). Dadurch wurden die Römer 
mit der Philologie vertraut gemacht, wie sie sich damals durch die Studien 
und Kämpfe der Alexandriner und Pergamener herausgebildet hatte. Und 
zwar kam durch Grates die römische Philologie stark unter pergamenischen 
Einfluss.^) Zwei Seiten sind es, welche die damalige Philologie der Griechen 
zeigt; einmal die litterarische, dann die grammatische. Die litterarische 
Philologie umfasst die Aufzählung der Schriftwerke mit litterarhistorischen 
Notizen in Katalogen, die Lesbarmachung, Verbesserung, Erklärung, Wert- 
schätzung der Autoren. Die grammatische Philologie konzentriert sich 
auf den Streit zwischen Analogie und Anomalie. Wir haben jetzt darzu- 
legen, welche Früchte jene Vorlesungen des pergamenischen Philologen 
zeitigten. Vor allem wurden die römischen Autoren einer philologischen 
Behandlung unterworfen. Dieselben wurden in grösseren Kreisen vorge- 
lesen, kommentiert und wohl auch kritisch revidiert (Suet. gramm. 2). So 
beschäftigte sich G. Octavius Lampadio mit dem punischen Krieg des Naevius 
und teilte ihn in sieben Bücher. Laelius Archelaus und Vettius Philo- 
comus lasen die Satiren des Lucilius vor, Q. Vargunteius recitierte unter 
grossem Zulauf die Annalen des Ennius. Auch das litterarhistorische Ge- 
dicht, wie es Accius (vgl. § 49) und andere (vgl. § 62) pflegten, wird auf 
die pergamenische Anregung zurückgehen. Doch als den ersten Philologen 
im eigentlichen Sinn des Wortes haben wir L. Aelius Stilo Praeconinus 
aus Lanuvium anzusehen. Aus seinem Leben wissen wir, dass er ein 
eifriger Anhänger der Optimaten war; dies bewies er dadurch, dass er 
Reden für sie abfasste (Cic. Brut. 56, 206) und Q. Metellus Numidicus ins 
Exil nach Smyrna begleitete. Die Früchte seiner Studien legte er in 
Schriften dar, dann in freier Lehrthätigkeit. Zu seinen Schülern zählen 
Varro und Gicero (Gell. 16,8,2, Gic. Brut. 56,207). Der Historiker Gaelius 
Antipater hatte ihm sein Geschichtswerk gewidmet (vgl. § 71 Anm.). Seine 
Schriftstellerei anlangend, so haben wir zuerst seine interpretatorische 



^) Reiffebscheip, Rede, Breslau 1881/2. 
^Erst später hat Alexandria Einfliiss auf Rom 
ausgeüot, aber Pergamon hatte ihm den Vor- 
sprung abgewonnen und wurde niemals völlig 



durch die Gegnerin aus seinem Besitze ver- 
drängt, wenn es auch einen Teil an sie ab 
treten musste/ 



Die Philologen. 1X9 

Thätigkeit zu verzeichnen. Er kommentierte die Lieder der Salier (Festus 
141 M., Varro de 1. 1. 7, 2). Auch mit der Erklärung der zwölf Tafeln be- 
schäftigte er sich, wenigstens wird er für zwei Worte angeführt (Cic. de 
leg. 2, 23, 59, Festus 290 M.). Ob dies in einer eigenen Schrift geschehen, 
ist nicht sicher. Neben der kommentierenden Thätigkeit gewahren wir 
auch die recensierende (Fronte p. 20N., Suet. Reiflfersch. p. 138). Aber auch 
auf litterarhistorische Probleme wurde Aelius Stilo geführt; er untersuchte 
die Echtheit der unter dem Namen des Plautus verbreiteten Komödien 
und stellte 25 Stücke als echte auf (Oell. 3, 3, 1 u. 12). Seine genaue Kennt- 
nis des Altertums nach seiner äusseren und inneren Seite bezeugt Cicero 
Brut. 56,205; allein Schriften scheint er hier nicht hinterlassen zu haben 
(Cic. Acad. post. 1,2,8). Für seine sprachlichen Studien zeugen einmal die 
wahrscheinlich in einem eigenen Werk') niedergelegten zahlreichen Ety- 
mologien, die von ihm angeführt werden, dann eine ausdrücklich (Gell. 16, 
8,2) erwähnte Schrift de proloquiis (— Tisgi ä^iwfiÜTajv); wir werden die- 
selbe als eine Lehre der Satzformen im stoischen Sinn zu betrachten haben.*) 
Aber auch dem berühmten Streit zwischen Analogie und Anomalie kann 
er nicht aus dem Weg gegangen sein, zumal da Sueton bezeugt, dass 
Aelius Stilo und sein Schwiegersohn Ser. Clodius die Grammatik nach 
allen Seiten hin gepflegt haben (gramm. 2). 

NiPPEBDEY, Opusc. 315 will Tacit. dial. 23 qui rhetorum nostrorum commentarios 
fastidiunt oderunt, Calvi mirantur statt Calvi schreiben L. Äeli. Allein solche Kommentare 
werden nirgends erwähnt. Heusde, Disquisitio de L, Äelio Stilone, Utr, 1839. Mbntz, De 
L, Äelio Stihne, Leipz. 1888 (Jenaer Dissertation) ; p. 28 — 35 sind die Fragmente behandelt 



Die Altertumswissenschaft verdankt ihr Entstehen nicht der griechischen Ein- 
wirkung, sie hat ihre Wurzel im Pontifikalarchiv, femer in den Au&eichnungen der Be- 
amten (vgl. § 13). Wir finden daher dieselbe ziemlich früh in der Litteratur. M. Fulvius 
Nobilior, der Bezwinger Ätoliens (189) verfasste Fasti. Vgl. Macrob. 1, 12, 16 Fulvius Nobi- 
lior in fastis quos in aede Herculis Musarum posuit. C. Sempronius Tuditanus (Cons. 
129) schrieb, wie wir § 71, 3 sahen, libri magiatratutim. Der Freund des C. Gracchus Junius 
Gracchanus, mit dem Beckeb, Zeitschr. f. Altertumsw. 1854 Nr. 16 den als homo curiosus 
et düigens eruendae vetustcUis charakterisierten Tschol. Bob. p. 264 Or.) und von Lucilius (26, 2 M.) 
genannten Junius Congus identifizieren will, hinterliess ein dem Vater des Atticus ge- 
widmetes Werk De potestatibus (Cic. de leg. 3, 20, 48), von dem das 7. Buch citiert wird 
(Dig. 1, 13, 1 pr.). In unsere Zeit gehörte wohl auch der bei Macrob. 3, 9, 6 genannte vetustis- 
simus liber Furii, aus dem Serenus Sammonicus in 1. V. rerum reconditarum den Spruch 
mitteilt, quo di evocantur, cum oppugnatione civifas cingitur, und den, durch welchen urbes 
exercitusque dovoventur tarn numinihus evocatis. M. Hertz denkt an L. Furius Philus (Cons. 
136); vgl. Flegkeis. J. 85,54. L. Mebcklik, De Junio Gracchano, 2 Teile, Dorpat 1840, 
1841. M. Hertz, De Cinciis p. 88. 

77. Die grammatische Streitfrage: Analogie oder Anomalie. Den 
ersten Forschern trat die Sprache als Chaos entgegen. Bald bemerkte 
man aber die Wiederkehr bestimmter Erscheinungen, d. h. auf gleiche Weise 
gebildete Formen. Es musste sich daher der Gedanke aufdrängen, in der 
Sprache herrsche Regelrechtigkeit, Analogie, und Aufgabe der Forschung 
sei es, die Analogie aufzudecken. Diese Analogie fand man in der Flexion. 
Allein bald zeigten sich Schwierigkeiten. Glaubte man nämlich, ein Flexions- 
schema gefunden zu haben, so stiess man wiederum auf Fälle, welche 



*) Mektz 1. c. p. 21. 

*) Vgl. Steiitthal, Geschichte der Sprachwissensch. p. 310. 



\ 



120 Römische Litteraturgeachichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode* 

diesem Flexionsschema widersprachen. War z. B. die Akkussativendung em 
der dritten Deklination festgestellt, so widerstritten der Regel die Akkns- 
sative auf im u. s. w. Diese Ausnahmen machten ander« in dem Glauben 
an die Analogie der Sprache bedenklich und verführten zu der Annahme, 
in der Sprache herrsche nicht Analogie, Regelrechtigkeit, sondern Anomalie, 
Regellosigkeit. Dieser ihrer Ansicht von der Sprache zum Siege zu ver- 
helfen, mussten sie daher darauf bedacht sein, den Regeln d. h. den Sche- 
mata, welche die Analogisten aufstellten, die Ausnahmen gegenüberzustellen. 
Das Resultat dieses Kampfes musste so lange dauern, bis alle Regeln und 
Ausnahmen festgesetzt waren, bis die gesamte Flexion des Nomons und 
Verbums dargelegt und damit der Aufbau der formalen Grammatik voll- 
endet war. Es ist nicht denkbar, dass jemand, der sich mit der Gram- 
matik in der damaligen Zeit beschäftigte, nicht Stellung zu dieser Frage 
nahm. Auch Aelius Stilo musste daher dieser Kontroverse nahe treten. 
Allem Anschein nach war er Analogist (vgl. Chans. 129 K.). Wie sehr 
diese Frage die Geister aufregte, ersehen wir daraus, dass selbst ein Cäsar 
in diese Frage mit einer Schrift eingriff. 

2. Die Juristen. 

78. Die erste umfassende Bearbeitung des Rechts. Nachdem 
das Landrecht in den XII Tafeln kodifiziert war, ergab sich als erste Auf- 
gabe, das Verständnis des Textes zu vermitteln. Wir sehen, dass sich 
die Philologie dieser Aufgabe zuwandte. Allein auch die Juristen konnten 
sich derselben nicht entziehen. So lesen wir denn auch, dass z. B. dem 
L. Acilius, der wegen seiner Rechtskenntnis der „Weise" genannt wurde 
(Cic.Lael. 6), Zeitgenossen des M. Cato eine Worterklärung zu den XII Tafeln 
zugeschrieben wird (Cic. de leg. 2, 23, 59). Eine zweite, noch wichtigere 
Aufgabe für die Jurisprudenz war, das neue Recht mit dem geschriebenen 
durch Interpretatio im Einklang zu erhalten, für den neuen RechtsstoflF 
das Fundament im alten Gesetz nachzuweisen. Durch diese Thätigkeit 
wurde das jeweils gültige Recht festgestellt ; es geschah dies in der Regel 
durch die Form des Rechtsbescheids, des responsum. Endlich musste der 
Jurist im Einklang mit dem Gesetz Formularien für die Rechtsgeschäfte 
entwerfen und die Klageformen zusammenstellen. Das grosse Verdienst, 
diese dreifache Thätigkeit zugleich in einem Werke in Anwendung gebracht 
und damit die erste umfassende Bearbeitung des Rechts geliefert zu haben, 
gebührt dem Sex. Aelius Paetus Catus (Cons. 198). Dieses Werk betitelte 
er Tripertita (sc. commentaria) ; es enthielt in allem Anschein nach äusser- 
lich voneinander getrennten Teilen 1) den Text der XII Tafeln mit den 
nötigen Worterklärungen; 2) die juristische interpretatio, d. h. die Darlegung 
des geltenden Rechts; endlich 3) die Klagformen. Das Werk bildet einen 
Abschnitt in der Geschichte des Rechts. 

Pomponius berichtet in den Dig. 1, 2, 2, 7 im Anschluss an das ius Flarianum : Sex, 
Aelius alias actione^ composuit et librum populo dedit, qui appeVatur ius Aelianum, Da- 
gegen spricht er § 38 von einem Buch qui inscribitur Tripertita, qui über veluti cunabula 
iuris continet. Die gewöhnliche Ansicht ist, dass beide Werke identisch sind. Diese Iden- 
tität leugnet Hüschke, Zeitschr. f. g. Rechtsw. 15, 177 und Jörs stimmt ihm Rom. Rechtsw. 
1, 103, 1 bei. Allein da sicherlich das, was als Inhalt des ersten Buchs bezeichnet wird, 



Die Juristen. 121 

auch in den Tripertita stand, so wird die gewöhnliche Ansicht aufrechtzuerhalten sein. 
Vielleicht wurde aus den Tripertita die Formelsammlung noch eigens herausgehoben. Weiter 
werden § 38 noch drei Bficher erwähnt, welche seinen Namen trugen, allein ihre Echtheit 
war strittig. 

Litteratur: M. Voigt, Über das Aelius- und Sabinussystem, Abh. der s&chs. Gresellsch. 
d. W. VU, 319 (Verunglückter Versuch ein , System* des Aelius zu konstruieren). 

79. Begnlarinrisprudenz. Nach der umfassenden Bearbeitung des 
Rechts in den Tripertita warf sich die Jurisprudenz mit gesteigerter Kraft 
auf Einzelheiten des Rechts. Diese Arbeit spiegelt sich ab in der juristi- 
schen Kontroverse und hat zum Ziel die Rechtsregel. Gelegenheit 
boten dazu die Disputationen bei Erteilung der Rechtsbescheide und beim 
Rechtsunterrichte. Im Gebiete dieser Thätigkeit tritt uns der Sohn des 
Cato censorius mit einem Werke entgegen, das mindestens aus 15 Büchern 
bestand (Dig. 45, 1, 4, 1). Gellius rühmt 13, 20 (19), 19 sehr diese Leistung; 
ob „de iuris disciplina^, womit er Catos Werk bezeichnete, auch der Titel 
desselben war, ist nicht sicher. Aus dieser Schrift wird wohl die regula 
Catoniana (Dig. 34, 7, 1 pr.) stammen, die wir mit Arndt, Pandekten p. 550 
also formulieren: »Ein Legat, welches unwirksam wäre, wenn der Testator 
sofort nach Testamentsvollstreckung stürbe, bleibt ungeachtet der bis dahin 
eingetretenen Veränderung der Umstände unwirksam, wenn auch der Tod 
erst später erfolgt. " Es ist klar, dass solche Regeln für die theoretische 
Ausbildung des Rechts von der grössten Bedeutung sein mussten. An die 
Gatonen reiht Pomponius Dig. 1, 2, 2, 39 die drei Juristen P. Mucius, Brutus 
und Manilius; er spricht von ihnen als Begründern des Rechts. Wir werden 
nicht irren, wenn wir auch diesen Männern die erfolgreiche Behandlung 
juristischer Kontroversen und Auffindung juristischer Regeln zuschreiben. 
Ausdrücklich wird von Cicero de fin. 1,4,12 eine zwischen diesen drei Ju- 
risten schwebende Kontroverse, ob der partus ancillae zu den Früchten ge- 
höre, berichtet. Eine andere erwähnt Gellius 17, 7,3. Im einzelnen ist über 
ihre Schriftstellerei noch folgendes zu bemerken: P. Mucius Scaevola 
(Cons. 133), derselbe, dem wir wahrscheinlich die Redaktion der Annalen in 
Buchform verdanken, schrieb 10 Bücher juristischen Inhalts. M. Junius 
Brutus legt Cicero de or. 2, 55, 224 drei Bücher über das Civilrecht bei, 
während die Pandekten von sieben Büchern berichten. Dass aber nur 
drei Bücher echt seien, bemerkt Cicero ausdrücklich mit Berufung auf das 
Zeugnis des M. Scaevola. Diese Schrift hat noch eine ganz besondere 
litterarische Bedeutung; sie ist die erste dialogische Darstellung des Rechts 
und, soweit wir sehen können, die erste dialogische Darstellung der 
römischen Litteratur überhaupt. Aus den Mitteilungen Ciceros pro 
Cluentio 51, 141 und de or. 2, 55, 224 erkennen wir, dass jedes der drei 
Bücher einen verschiedenen Schauplatz hatte, das erste Privernum, das 
zweite Albanum, das dritte Tibur. Diese dialogische Gestaltung erkennt auch 
Quintilian 6,3,44 an. Von M*. Manilius (Cons. 149) führen die Digesten 
drei Bücher an; daneben sprechen sie von monumenta desselben. Es sind 
das Geschäftsformulare; Cic. de or. 1, 58, 246 erwähnt die Formulare für den 
Verkauf; auch Varro kennt solche Formulare, er nennt sie Manilii adiones. 

Festus citiert p. 157 0. Mülleb von Cato commentarii civiles; die Forscher sind 
nicht einig, oh dieselhen dem älteren oder jüngeren Cato angehören. Ehenso zweifelt man, 
ob Cic. de or. 2, 33, 142 video in Catonis et in Bruti libris nominatim fere referri, quid 



\ 



122 Bömisohe Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

alicui de iure viro atU mulieri reaponderit der ältere oder der jüngere Cato gemeint ist. 
Ich glaube, dass es rätlicher erscheint, in beiden Fällen an den jüngeren Cato zu denken. 
— Die Pandektenstelle über die drei folgenden Juristen lautet: Post hos (Colones) fuerunt 
Publius Mucius et Brutus et Manüius, qui fundaverunt ius civile. Ex his Publius 
Mucius etiam decem liheUos reliquit, Brutus septem, Manüius tres; et extant volumina scripta, 
Manila monumenta, 

80. Systematisches Recht. Einen grossen Einschnitt in der Ent- 
wicklung der Jurisprudenz bildet das litterarische Schaffen des Q. Mucius 
Scaevola (Cons. 95, f 82), des Sohnes des obengenannten Mucius Scaevola. 
Wir kennen denselben bereits als Redner aus dem Prozess des M'. Curius, 
in dem er sich sehr an den Buchstaben des Gesetzes anklammeii;. Noch 
in einer andern sehr berühmt gewordenen Rede trat er auf, er verteidigte 
nämlich den P. Rutilius Rufus, den er in seiner Provinz Asia als Legat 
bei sich hatte, d. h. er verteidigte seine eigene durch ihre Unbestechlich- 
keit ausgezeichnete Verwaltung. Scaevola fasste den Gedanken, den bis 
dahin in den Formelsammlungen, Rechtsbescheiden, Kontroversen, Regeln 
zerstreut vorliegenden Rechtsstoflf in ein System zu bringen und führte 
diesen Gedanken in einem 18 Bücher umfassenden Werke durch. Um an 
eine solche Aufgabe heranzutreten, ist eine tiefer gehende philosophische 
Bildung unerlässlich. Dass Scaevola eine solche besass, darauf weist eine 
zweite Schrift schon durch ihren griechischen Titel oqoi d. h. Definitionen 
hin. In dieser Monographie waren RechtsbegrifFe aufgestellt. Die hohe 
Bedeutung des Mucius erhellt daraus, dass sich an das Hauptwerk eine 
reiche Litteratur anschloss, und dass das Kompendium (oqoi) Muster für 
die späteren Rechtsbücher geworden ist. 

Pompon. Diog. 1, 2, 2, 41 ius civile primus constituit, generatim in libros XVIIl redi- 
gendo. Eine Übersicht des Systems gibt Rudorff, Rom. Rechtsgesch. 1, 161 ; Esmarch, 
Rechtsgesch.' p. 196. Die öqol werden mehrmals in den Dig. citiert z. B. 41, 1, 64. Auch 
Hörer des Mucius werden erwähnt, z. B. C. Aquilius Gallus, der mit Cicero 66 Prätor war 
und der durch seine formula de dolo malo u. a. in der Geschichte des Rechts fortlebt. 

3. Die landwirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen 

Schriftsteller. 

81. Das Werk des Karthagers Mago. Nach Cato griff ein fremdes 
Werk tief in die Entwicklung der italischen Landwirtschaft und der land- 
wirtschaftlichen Litteratur ein, das Werk des Karthagers Mago. Der 
römische Senat Hess es durch eine Kommission, an deren Spitze D. Silanus 
stand, ins Lateinische übertragen. Es ist dies das einzige Beispiel, dass 
von selten der Regierung in Rom ein litterarisches Unternehmen eingeleitet 
wurde. In diesem 28 Bücher umfassenden Werk waren wahrscheinlich 
die Grundsätze der Plantagenwirtschaft entwickelt; nach Cic. de or. 1, 58, 
249 und Columella 1,1,6 muss jene Übersetzung unter den römischen Land- 
wirten eine grosse Verbreitung gefunden haben. Auch bei den Griechen 
wurde der Karthager durch Übersetzungen eingebürgert, so dass dieses 
landwirtschaftliche Buch einen völlig internationalen Charakter erhalten 
hat. Zuerst übersetzte es Cassius Dionysius von Utica in 20 Büchern; die 
Übersetzung, zu der auch manches aus griechischen Schriftstellern hinzu- 



•) MoMMSEN, R. Gesch. 2«, 680. 



Die landwirtschaftlichen Schriftsteller. 123 

kam, war dem Prätor Sextilius gewidmet (88 v. Gh.). Diese zwanzig Bücher 
brachte in einen Auszug von 6 Büchern Diophanes und widmete denselben 
dem König Deiotarus. Zuletzt machte wiederum eine Epitome aus Dio- 
phanes in zwei Büchern Pollio von Tralles. 

Plin. n. h. 18, 22 Poenus etiam MagOj cui quidetn tantum honorem sencUus noster 
habuit Carthagine capta, tU, cum reguJis Äfricae hiblioihecas donaretj unitis eitis XXVI II 
Volumina censeret in latinam linguam transferenda, cum iam M. Cato praecepta condidisset, 
peritisque Punicae linguae dandum negotium^ in quo praecessit omni« vir clarissimae fami- 
licte D. Silanus, Varro de r. r. 1, 1, 10 hos nobilitate Jdago Carthaginiensis praeteriit, poe- 
nica lingua qui res dispersas conprendit libris XXVIIJ, quos Cassius Dionysius Uticensis 
vertu libris XX €tc graeca lingua Sextilio praetori misit : in quae volumina de graecis libris 
eorum quos dixi adiecit non pauca et de Magonis dempsit instar lihrorum VIII. hosce ipsos 
utiliter ad VI libros redegit Diophanes in Bithynia et misit Deiotaro regi, Suid. s. v. 
JltoXlfay aofpufxsvaag iv rvS/^tj inl Jlof^ntjiov tov fteydXov — syQatpey — inirof^i^y tdiy 
Jiotpdyovg yecjQyixoty iy ßißUois ß', 

82. Die einheimischen Schriftsteller. In der landwirtschaftlichen 
Schriftstellerei folgten auf Cato dieSasernae, Vater und Sohn. Ihre Lehren, 
die in einem aus mehreren Büchern bestehenden Werk de agricultura (Varro 
de r. r. 1,2,22 1,2,26) niedergelegt waren, hatten sie aus der Praxis ge- 
zogen; es war hier ein Gut im diesseitigen Oallien ins Auge gefasst 
worden (Varro de r. r. 1, 18,6). Wie Cato berührten dieselben auch Dinge, 
die mit der Landwirtschaft im entfernten Zusammenhang standen (Varro 
de r. r. 1, 2, 24). In diese Zeit fallen auch die ersten Schriftsteller über 
astronomische, geographische und naturhistorische Dinge. Als erster römi- 
scher Astronom erscheint C. Sulpicius Gallus, der die Mondfinsternis 
vom 21. Juni 168 voraussagte (Liv. 44,37). Dass er auch darüber schrieb, 
besagt Plinius n. h. 2, 53. Auch wird er unter den Quellen des zweiten 
(astronomischen) Buchs aufgeführt; eine astronomische Ansicht von ihm 
lernen wir aus Plin. 2, 83 kennen. Plinius citiert im Quellenverzeichnis 
des m. Buchs, das Geographisches behandelt, TuranniusGracilis, ebenso 
im Buch IX, in dem die Wassertiere behandelt werden. Auch Landwirt- 
schaftliches berührte er, da ihn das XVIII. Buch im Quellenverzeichnis 
aufführt. Er war, wie aus Plin. 3, 3 erhellt, ein Spanier. Ein naturhisto- 
rischer Schriftsteller war auch der Begleiter des Prokonsul von Baetica 
L. Lucullus (150), Trebius Niger. Ihn erwähnen die Quellenverzeichnisse 
des Plinius für das IX. Buch (Wassertiere) und das XXXII. (Heilmittel 
von Wassertieren). Über Vögel muss er nach Plin. 10, 40 geschrieben haben. 

Über Mago und die Sasernae handelt Reitzenstein, De scriptorum rei rusticae — libris 
deperditiSj Berlin 1884 p. 47, p. 3. Auch sind hier die Stellen, wo beide Schriftsteller citiert 
sind, gesammelt p. 57, p. 52. 

83. Bückblick. Eine bedeutsame Zeit des litterarischen Ringens 
und Strebens liegt hinter uns ; es dürfte sich daher verlohnen, die erzielten 
Resultate hier kurz zusammenzufassen. Fremdlinge waren es, welche den 
Grund zur römischen Kunstlitteratur gelegt haben, indem sie lateinische 
Übersetzungen griechischer Poesien dem römischen Volk darboten. Sie 
wurden durch praktische Bedürfnisse dazu veranlasst, durch Rücksichten 
anf den Schulunterricht, dem sie ein Lehrmittel zuführen, und durch Rück- 
sichten auf das Fest, dem sie das Festspiel spenden wollten. Von der 
Übersetzung führte der Weg zur selbständigen Schöpfung. 



1 



124 RömiBohe LitteratnrgeBchichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Überblicken wir zuerst die poetischen Leistungen unseres Zeitraums, 
so finden wir, dass das Epos und das Drama im Vordergrund stehen. 
Zwar fand auch das didaktische, besonders das litterarhistorische Oedicht 
Pflege, allein zu einer hervorragenden Schöpfung, zu einem didaktischen 
Gedicht in grossem Stil brachte es unsere Periode nicht. Die Lyrik trieb 
aber so gut wie keine Blüten. Die epische Poesie begann mit det Über- 
setzung der Odyssee durch Livius; den Weg des freien Schaffens betrat 
hier zuerst Naevius; er zeigte zugleich den Römern, woher sie den Stoff 
für ihre Epen nehmen müssten, nämlich aus ihrer glorreichen Geschichte. 
Ennius setzte diese nationale Richtung fort ; aber während Naevius in Bezug 
auf die Kunst der Komposition auch bescheidenen Ansprüchen nicht ge- 
nügte, bildete Ennius im Anschluss an Homer die epische Technik aus. 
Seine Annalen blieben das Hauptepos der Republik; als Nachahmer von 
ihm sind Hostius und Furius anzusehen. Auch in der dramatischen 
Poesie gewahren wir den Übergang von der übersetzenden zur freien Thätig- 
keit. Lange Zeit begnügte man sich in der Komödie mit Bearbeitungen 
von Stücken Menanders und anderer Dichter derselben Gattung; endlich 
nach längerer Übung versuchte man sich in gleichartigen, freien Gebilden ; 
es wurde die fabula palliata abgelöst durch die fabula togata. In der Tra- 
gödie vollzog sich derselbe Prozess; an die Stelle der übersetzten griechi- 
schen Stücke traten die fabulae praetextae, welche ihren Stoff aus dem Leben 
der römischen Könige und Feldherrn nahmen. Allein diese Spielart gedieh 
nicht zur vollen Blüte. Die römische Natur zeigte sich für die tragische 
Schönheit viel weniger empfanglich als für die komische; daher kommt 
es, dass die tragische Dichtung, welche in unserer Epoche ihren Höhepunkt 
erreicht hat, bald herabsinkt und erlischt, während noch später neue 
Sprossen an dem Zweig der Komödie hervorkeimen. Eine eigentümliche 
Gattung der Poesie lernten wir in der Buchsatura kennen. Wie es scheint, 
in Anlehnung an die alte dramatische Satura entstand durch Naevius und 
Ennius eine Buchpoesie, deren ursprüngliche Form der Dialog oder die 
Plauderei mit dem Leser, deren Ethos das der Heiterkeit war. Der Inhalt 
dieser Buchsatura war völlig frei; Lucilius gab ihr aber das Element der 
Kritik der Gegenwart. 

Später als die Poesie gestaltete sich die Kunstprosa; es ist dies ja 
eine allgemeine Erscheinung in der werdenden Litteratur. Für die Prosa 
bedurfte es nicht der Fremden; in dem Pontifikalarchiv waren die Elemente 
für eine lateinische Schriftprosa vorhanden. Nehmen wir den wichtigsten 
Zweig der Kunstprosa, die Geschichte, so war in der offiziellen Chronik 
ein Rudiment gegeben, das der Ausbildung fähig war. Freilich kostete 
es der Mühen genug, bis eine historische Kunstprosa, die diesen Namen 
verdient, sich herausarbeitete. Die ersten römischen Historiker bedienten 
sich der griechischen Sprache; durch Cato wurde die lateinische Sprache 
in die Annalistik eingeflihrt. Die Form der Geschichtschreibung war an- 
fänglich die Erzählung der Ereignisse von Gründung der Stadt an. Zwar 
hatte Cato auch hier reformierend eingegriffen und die Scheidung zwischen 
der Sagenzeit und der selbsterlebten Zeit nahegelegt; allein es währte 
doch ziemlich lange, bis an Stelle der allgemeinen Stadtchronik die histo- 



Rttckblick. 125 

rische Monographie, die Zeitgeschichte, die Autobiographie, die Denkschrift 
traten, durch welche Formen die Geschichtschreibung auf eine höhere Stufe 
der Vollendung gebracht werden konnte. Hand in Hand damit ging die 
Ausbildung der Darstellung, welche immer mehr auf Fesselung und Unter- 
haltung des Lesers hinarbeitete. Neben der Geschichte entfaltete sich die 
Beredsamkeit. Für diese Disziplin lagen die Verhältnisse in Rom ausser- 
ordentlich günstig, da das öffentliche Leben die Kunst der Rede gebiete- 
risch verlangte. Der litterarische Fortschritt musste sich hier darin zeigen, 
dass von der natürlichen Beredsamkeit immer mehr zur künstlichen über- 
gegangen wird. Die rhetorische Ausbildung war eine wesentliche Auf- 
gabe des Schulunterrichts und durch denselben konnte auch das Griechen- 
tum eingreifen. Dieses starke Betonen der Rhetorik in der Schule hat 
entschieden dazu beigetragen, der römischen Litteratur einen rhetorischen 
Charakter aufzudrücken. Auch für die Fachwissenschaften war die 
Amtsthätigkeit der Pontifices von einschneidender Bedeutung; die Jurispru- 
denz erhielt durch sie ihre erste Pflege; die enge Verbindung der Praxis 
und der Theorie erhob diesen Zweig zur glänzendsten Fachdisziplin der 
römischen Litteratur. Durch einen Zufall wurden die Römer auch mit den 
philologischen Studien, wie sie damals bei den Griechen gepflegt wurden, 
bekannt; sofort gewannen diese Studien eine feste Stätte in Rom und 
leisteten der Jurisprudenz bei der Auslegung der XU Tafeln wertvolle 
Dienste. Die landwirtschaftliche Schriftstellerei, welche die gesamte Haus- 
wirtschaft umfasste, wurde besonders durch ein punisches Werk angeregt. 
Dies sind in kurzen Zügen die Resultate des litterarischen Schaffens 
unseres Abschnitts. Der Hellenismus ist das befruchtende Element, die 
von Cato ausgehende Reaktion gegen denselben scheiterte. Erhalten sind 
uns aus der ganzen Epoche nur Werke von drei Schriftstellern, von Plautus, 
Terenz und von Cato. Sonst liegen uns lediglich zersprengte Reste vor. 



B. Vom Ausgang des Bundesgenossenkriegs bis zum 
Ende der Republik (87-30 v. Gh.). 

84. Die Latinisiening Italiens. Wir beginnen einen neuen Ab- 
schnitt der römischen Litteraturgeschichte mit dem Ende des Bundes- 
genossenkriegs. Wir glauben hiezu berechtigt zu sein, weil mit dem 
Kriege nicht bloss politische, sondern auch litterarische Interessen ent- 
schieden wurden. Unternommen wurde der Krieg von den Italikern in 
der Absicht, sich die Gleichberechtigung mit den Römern zu verschaffen; 
allein bald spitzte sich der Kampf dahin zu, dass nicht um die Gleich- 
berechtigung, sondern um die Herrschaft gefochten wurde. In diesen 
Kampf war aber zugleich das Organ der Litteratur, die Sprache, hinein- 
verflochten. Zwar waren mehrere Schwestersprachen des Lateinischen wie 
die sabellischen Idiome und das Umbrische^) gebrochen; allein das Oskische 
war noch die herrschende Sprache von Samnium und ein lebenskräftiges 
Organ. Ein Sieg der Italiker würde daher zugleich einen Sieg der oski- 
schen Sprache bedeutet haben. Hatte man doch, als man den neuen 
Bundesstaat Italia errichtete, bereits neben lateinischen Münzen auch solche 
mit oskischer Umschrift geprägt. Der Sieg entschied für die Römer; damit 
war die lateinische Sprache von einer Katastrophe gerettet, ihr Gebiet 
erweitert, für die römische Litteratur erschlossen sich neue Kräfte. Natur- 
gemäss reicht unser Abschnitt bis zum Beginn der Alleinherrschaft des 
Octavian (30 v. Gh.); denn mit der Änderung der Regierungsform musste 
auch die Litteratur neue^ Bahnen einschlagen. 

Über die Latinisiening Italiens äussert sich treffend Jordan, Krit. Beitr. p. 130: 
Die zwangsweise erfolgte Einfiihrung erst der lateinischen Sprache, dann — wie es scheint 
durch Augustus — des römischen Masses und Gewichtes und, nach dem spurlosen Ver- 
schwinden von Exemplaren italischer Kalender zu schliessen, wohl auch des römischen 
Kalenders, hatte im entgegengesetzten Sinne, wie es die Erhebung der Italiker beabsichtigte, 
die Einheit Italiens herbeigeführt. Zwar das Leben der Mundarten konnte so wenig wie 
die Sitten der Stämme durch Gesetze und Verordnungen mit einem Schlage vernichtet 
werden. Aber es vollzog sich in einem Menschenalter jener natürliche Prozess, den wir 
noch heutzutage bei aussterbenden, von einem anziehungskräftigeren oder siegreichen Staate 
aufgesogenen Nationalitäten beobachten können : Die Jugend, deren Väter noch ihre Mund- 
art gesprochen hatte, wandte sich nicht bloss in Rom, sondern auch in der Heimat fast 
mit Schamgefühl von derselben ab; auf dem Markt und an der Landstrasse verschwanden 
die urkundlichen Zeugnisse der alten Stammeseigentümlichkeit, und wenn in den engen 



^) BuoiNszKY, Die Ausbreitung der lat. Sprache p. 22, p. 26. 



■k 



L. PomponiuB nnd Novins. 127 

Kreisen des Kultes und des Hauses noch dieses und jenes sich erhielt und noch eine, ja 
mehrere Generationen hindurch die Mundarten ein stifies Dasein fortgeführt hahen mögen 
— schwerlich darf man die Abfassung der jüngsten der iguvinischen Tafeln bis in oder 
gar über die Zeit des Augustus hinabrücken — so drang doch kein Ton derselben 
mehr wie früher herüber in die Hauptstadt oder er verhallte dort, von den Gebildeten un- 
beachtet, unter der dienenden Klasse. Das stolze Wort Quintilians war lange vor ihm zur 
Wahrheit geworden : licet amnia Italica pro Romanis habeam, 

a) Die Poesie. 

1. L. Pomponius und Novius. 

85. Die Atellana (die oskische Posse). Die dramatische Poesie 
ist in unserer Periode in entschiedenem Verfall; die Tragödie treibt keine 
Blüten mehr, in der Komödie aber beherrscht jetzt die Posse das Feld 
und zwar in zwei Formen, die sich ablösen, in der fabula Atellana und im 
Mimus, Die Atellana hat ihren Namen von der oskischen Stadt Atella 
in Campanien; sie hiess auch allgemein das oskische Spiel {pscus ludus 
Cic. ep. 7, 1,3; oscum ludicrum Tac. A. 4, 14). Dieses Spiel gelangte, wohl 
nach Verlust der campanischen Selbständigkeit (211), nach Rom und wurde 
hier von der Jugend als Dilettantenposse aufgefühil;. Die Spieler trugen 
Masken und ihr Spiel brachte ihnen keinerlei bürgerlichen Makel. Die 
hervorstechendste Eigentümlichkeit dieser Posse waren feststehende Rollen, 
die sogenannten personae oscae. Es waren dies Pappus, Maccus, Bucco 
und Dossennus. Pappus ist der Alte, Maccus der Dümmling, Bucco der 
Schwätzer und Aufschneider, Dossennus der Pfiffikus, der zugleich Schma- 
rotzer *) ist. Unwillkürlich erinnert man sich an die Figuren der italieni- 
schen Komödie, den Pantalon, den Pulcinell, den Dottore. Aber auch einen 
feststehenden Schauplatz für die Handlung scheint diese Posse gehabt zu 
haben, nämlich Atella; denn die Narrheiten brauchen ein Narrenheim, eine 
Schildburg, ein Seldwyla. So mag die Posse lange Zeit die römische Jugend 
unterhalten haben; an einen geschriebenen Text wird man in den seltensten 
Fällen zu denken haben; meistens wird das Spiel das Werk der Improvi- 
sation gewesen sein. Diese Dilettantenposse musste zur Kunstposse 
werden, seit sie aus den Privatkreisen heraustrat und als Nachspiel zu 
den Tragödien auf die Bühne kam. Jetzt lag ihre Darstellung in den 
Händen von Schauspielern. Weiterhin brauchte man jetzt einen schriftlich 
ausgearbeiteten Text und damit tritt die Atellana in die Litteratur ein. 
An zwei Namen knüpft sich diese Entwicklung, an L. Pomponius aus 
Bononia und an Novius. Über die Zeit dieser Dichter sind wir nur mangel- 
haft unterrichtet. Die Blüte des Pomponius wird von Hieronymus (2, 133 Seh.) 
ums Jahr 89 gesetzt. Und in der That, wenn wir die Entwicklung des 
Dramas in Rom ins Auge fassen, werden wir die Blüte der Atellana in 
die suUanische Zeit setzen, welcher dann in der Zeit Cäsars der Mimus 
folgte. Von den Stücken des Pomponius und Novius sind uns nur Titel 
und einzelne Fragmente erhalten; wir können von keinem einzigen Stück 
den Gang der Handlung feststellen. Die Charaktermasken erscheinen öfters 
schon in den Titeln, wir finden den Pappus als Landmann (P. agricola), 

*) VaiTO de 1. 1. 7, 95 dictum mandier a mandendo, unde manducariy a quo in Atel- 
lanis Dossennum vocant Manducum. 



128 Römiacbe Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

ihn bei einer Wahl durchgefallen (P. praeteritus); ein Stück führt den 
Titel Braut des Pappus (sponsa Pappi), ein andres heisst Bruch des Pappus 
(hirnea Pappi) ^ der Maccus ist in den Titeln verbannt (M. exul), Wirt 
(M. copo), Soldat (M, miles), Jungfrau (M, virgo), Mittelsperson (M. Seque- 
ster), auch ohne Beisatz erscheint er; ein Titel führt uns zwei Macci und 
zwar als Zwillinge vor (Macci gemini). Der Bucco kommt zweimal vor, 
einmal als adoptiert (B, adoptatus), das andere Mal ist er audoratus, d. h. 
er hat sich als Fechter verdungen. Die vierte Charakterfigur gibt der 
Titel „Duo Dossenni^. In den Fragmenten lässt sich Dossennus nachweisen 
fr. 109 P. in der „Philosophia^ ; hier wird er aufgefordert, zu sagen, wer 
das Geld gestohlen, worauf er erwidert, dass er seine Vermutungen nicht 
umsonst zum besten gebe; ferner in den „Campani" (fr. 27 P.); hier soll von 
Staats wegen dem Dossennus und den Walkern Speisung zu teil werden; 
bei einer schmutzigen Handlung wird er im Maccus virgo des Pomponius 
(fr. 75) gesehen. Den Pappus treffen wir in den „Pictores^ (fr. 111 P.); 
hier wird auf seine Wohnung hingezeigt. In dem Aruspex (fr. 10 P.) wird 
Bucco angeredet; jemand sagt zu ihm, bucco, puriter fac ut rem tractes, 
worauf er das puriter absichtlich missverstehend antwortet: lavi iandudum 
manus. Die Titel der Stücke zeigen uns die mannigfaltigsten Stoffe, es 
sind behandelt Handwerker, wie die Walker (Fullones), die Maler (Pictores), 
die Fischer (Piscatores), der Küster (Aeditumus), der Augur, der Arzt 
(Medicus); grosse Aufmerksamkeit ist dem ländlichen Leben gewidmet, wie 
die Titel Landmann (Agricola), die Winzer (Vindemiatores), der Feigen- 
gärtner (Ficitor), das kranke Schwein (Verres aegrotus), das gesunde Schwein 
(Verres salvos), das Borgschwein (Maialis), das Mutterschwein (Porcetra), 
die Eselin (Asina), die Ziege (Capella) bekunden; auf Charakterbilder 
deuten hin die Boshaften (Malivoli), der Sparsame (Parcus), der Taube 
(Surdus); dass auch Volkstypen Gegenstand unserer Posse waren, besagen 
die Titel die Campaner, die Galli transalpini, die tnUites Pometinenses ; auf 
die Darstellung von Festen weisen Titel wie Kalendae Martiae, Quinquatrus, 
Nuptiae, Merkwürdig sind die Titel Mortis et vitae iudicium des Novius, 
da auch Ennius diesen Stoff in einer Satire behandelt hatte, und Satura 
des Pomponius. Durch beide Titel werden wir an die alte dramatische 
Satura erinnert. Eine eigene Erlasse der Titel bilden die mythologischen, 
wie der unterschobene Agamemnon (Agamemno suppositus), Marsya, Her- 
cules coactor, Hercules petitor, Phoenissae, Pytho Gorgonius, Mania medica; 
Stoffe, welche mit der Hilarotragoedia des Rhinthon aus Tarent vielleicht 
in Verbindung standen.») Was die Form der Titel anlangt, so sind die 
meisten lateinisch; bemerkenswert ist, dass auch die aus der Palliata be- 
kannte adjektivische Gestaltung der Titel mit Ergänzung von fabula be- 
gegnet, so z. B. Gallinaria, Lignaria, Sarcularia, Tabellaria, Togularia, 

Werfen wir noch einen Blick auf die Fragmente. In manchen er- 
kennen wir unseren Maccus, auch wenn er nicht genannt ist; so in der 
tiefsinnigen Äusserung (fr. 19 P.) „wenn du nicht schwanger bist, wirst 
du niemals gebären"; in der Drohung (fr. 79 N.) „greif zur Waffe, mit der 



') Ribbeck, Rom. Dicht. 1, 213. 



Die Mimendichtdr. 129 

Binsenkeule schlage ich dich tot* ; in der Anrede an die obere Thürsch welle, 
die dem Anredenden den Kopf zerschlagen, während die untere die Finger 
gebrochen hat (fr. 49 N.). Dramatisches Leben leuchtet noch aus manchen 
Trümmern hervor. Im fr.67P. macht einer die für ihn peinliche Entdeckung, 
dass ein vermeintliches Mädchen ein Mann ist; in fr. 57 P. wird einer auf der 
Bühne instruiert, die weibliche Stimme nachzuahmen; fr. 71 P. will der Spre- 
cher, wahrscheinlich der Soldat Maccus, für zwei Mann essen. An Obscöni- 
täten müssen die Atellanen reich gewesen sein, denn in den Fragmenten findet 
sich noch ein ziemlicher Vorrat.*) Auch die Roheit ist stark ausgeprägt; 
von den natürlichen Bedürfnissen wird ungeniert gesprochen (z. B. fr. 130 P.). 
Derbe, ungeschlachte Äusserungen stossen uns öfters auf; fr. 33 P. will 
ein Flegel seine Frau zur Thür hinauswerfen; fr. 31 P. wird es als ein 
mos hingestellt, dass jeder Mann den Tod seiner Frau herbeisehnt, endlich 
fr. 142 P. erzählt ein Unhold von einem Sohn, dass er seinen Vater eigens 
vor die Thür geführt habe, um ihm ohne Zeugen mit Behagen Maulschellen 
verabreichen zu können. Das volkstümliche Leben war jedenfalls in diesen 
Stücken, deren Verlust wir sehr zu beklagen haben, in drastischer Weise 
zum Ausdruck gekommen. 2) 

Biom. p. 489 E. tertia species est fabularum latinarum, quae a civitate Oscorum 
Atella, in qua primum coeptae, appellatae sunt Atellanae, argumentis dictisque iocularibus 
similes satyricis fabulis graecis, Liv. 7, 2, 12 quod genua ludorum (sc. ÄtelL) ah Oaeis ac- 
ceptum tenuit iitventus nee ab histrionibus pollui passa est, eo instittttum manet, ut actores 
AteUanarum nee tribu moveantur et stipendia tamquam expertes artis Judicrae faciant, Festus 
p. 217 per AteUanos qui proprie vocantur persanati, quia ius est iis non cogi in scena po- 
nere persanam, quod ceteris histrionibus pati necesse est. 

Wenn Mommben, R. Gesch. 2^, 438 behauptet «die wirkliche Heimat dieser Stücke ist 
Latium, ihr poetischer Schauplatz die latinisierte Oskerlandschaft ; mit der oskischen Nation 
haben sie nichts zu thun**, so dürfte dieser Ansicht widerstreiten, dass das Spiel ausdrück- 
lich als oskisches bezeichnet und auch die personae ausdrücklich oscae genannt werden. 
Diese Bezeichnimgen weisen auf die oskische Heimat des Spiels ; den poetischen Schauplatz 
, Atella* hatten ihm bereits die Osker gegeben. 

Muinc, De fabulis AUllanis, Leipz. 1840. Die Bruchstücke sind jetzt nachzusehen in 
Ribbecks Fragm, comic. p. 225. 

Von einem Aprissius citiert Varro de 1. 1. 6, 68 einen Vers, der durch den Anfang 
Jo Bueco auf eine Atellana zeigt, vgl. Ribbeck 1. c. p. 273. 

2. Decimus Laberius und Publilius Syrus. 

86. Der Mimiis oder das Lebensbild. Das Wesen des Mimus be- 
ruht auf scurriler Nachahmung von Personen und Situationen. Der Schwer- 
punkt liegt also hier in dem Mienen- und Oebärdenspiel. Solche lustige 
Abkonterfeiungen sind natürlich mehr oder weniger bei jedem Volk vor- 
handen. Bei verschiedenen Anlässen, besonders aber bei Mahlzeiten, finden 
wir sie als eine Quelle der Unterhaltung. Von diesen Mimen der Privat- 
kreise ist hier nicht die Rede ; uns beschäftigt nur der Theatermimus. Als 
Vorläufer oder als Spielart desselben haben wir den in der Orchestra, nicht 
auf der Bühne dargestellten lasciven Tanz zu betrachten. Er dient als 
Intermezzo (embolium) bei Theateraufführungen, Als dramatische Posse 



*) Quint. 6, 3, 47 iUa obscena, quae Atel- 
lanae more captant, 

*) Ein spezifischer Ausdruck für die 
Posse, auf welche die Atellana aufgebaut ^, 



scheint tricae gewesen zu sein; Varro fragt 
Sat. Menipp. Nr. 198 p. 182 Bücheler putas 
eos non citius tricas Atellanas quam id ea?- 
tricaturos ? 



Ean Ibuch der klMS. AltertumawiBaeiiflchAft Vin, 9 



130 Römische LitteratnrgeBohichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

in Vereinigung von Gesang, Tanz und Dialog erscheint der Mimus auf der 
Bühne und zwar entweder selbständig wie bei den Floralia oder als Nach- 
spiel (Exodium). Als solches verdrängte er die Atellana; im Jahre 46 war 
dieser Wandel, wie wir aus einem Brief Ciceros wissen, vollzogen. Die 
Anfange dieser dramatischen Posse liegen natürlich weiter zurück; bereits 
zur Zeit des Accius war sie vorhanden, wie uns ein Vorfall aus seinem 
Leben beweist. Er wurde nämlich von einem Schauspieler in einem Mimus 
mit Namen angegriffen; er strengte deshalb eine Injurienklage gegen den 
Schauspieler an, die für ihn einen siegreichen Ausgang nahm. Nicht so 
glücklich war Lucilius, der ebenfalls von einem Schauspieler und zwar 
aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls in einem Mimus angegriffen worden 
war, denn er verlor seinen Prozess (Cornif. 1, 14, 24 2, 13, 19). Der Dichter 
Atta bezieht sich in einem Fragment (fr. 1) auf einen Mimus. Zur Zeit 
Sullas begegnet uns auch schon ein Chef von Schauspielern des Mimus, 
der Archimimus Sorix (Plut. Süll. 36). Zur vollen Blüte gelangte aber der 
Mimus erst in der Zeit Cäsars durch die beiden Dichter DecimusLabe- 
rius und Publilius Syrus. 

Den Mimus als Intermezzo bezeugt Festus p. 326 : solebant — prodire mimi in orchestra, 
dum in scena actus fahulae eompanerentur, cum gestibus obscaenis. Gleich darauf ist die 
Rede von einem 211 auftretenden liiimen qui ad tibicinem sdUaret, Bezüglich des Aus- 
drucks embolinm vgl. Cic. pro Sestio 116 mit der Anmerkung Halms; die Darsteller eines 
solchen embolium heissen emboliarii und emboliariae (PI. n. h. 7, 158). Für diese Intermezzi 
diente ein eigener Vorhang, »iparium genannt (Donat. de com. p. 12 R. Siparium est mimi- 
cum velum, quod populo obsistit, dum fc^Marum actus commutantur (Cic. de prov. cons. 6, 14). 

Bezüglich der Aufführung des Mimus an den Floralien vgl. Lactant. Inst. 1, 20, 10, 
Ovid. F. 4, 945. 

Der Mimus als Exodium, Nachspiel liegt vor bei Cicero £p. 9, 16, 7 (d. J. 46) 
secundum Oenomaum Accii non, ut olim soUbatf Ätellanamy sed ut nunc fit, mimum intra- 
duxisti. 

Nicht bloss das Stück, sondern auch der Schauspieler desselben führt den Namen 
mimtis (Suet. Calig. 57); der Mimendichter heisst mimi scriptor oder mimographus. Vgl. 
WöLPFLiN, Publil. p. 5. 

Hertz, Fleckeis. J. 93, 581—583; Mommsen, R. Gesch. 3^, 590; Ribbeok, Gesch. der 
r. Dicht. 1,217; Grtsab, Der röm. Mimus, Sitzungsber. d^ Wiener Ak. Philos. bist. El. 12, 237 

87. Charakteristik des Mimus. Im Wesen ist der Mimus eine 
neue Gattung der Posse und berührt sich daher mit der Atellana. Charak- 
teristische äussere Eigenschaften desselben sind, dass der Schauspieler hier 
keine Maske trägt — das starke Hervortreten des Mienenspiels machte 
dies notwendig — und keine Theaterschuhe — daher planipes genannt — 
und dass die Frauenrollen auch von Frauen gegeben wurden. Sowohl 
durch diese Ausserlichkeiten als durch das Fehlen der personae oscae unter- 
schied er sich von der fabula Atellana. Zweck des Mimendichters war, 
durch Vorführung komischer Scenen Lachen zu erregen (Hör. Sat. 1, 10, 7); 
der Komposition wurde daher nur eine geringe Sorgfalt zugewendet und 
wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn plötzlich der Reiche zum Bettler 
wird oder wenn die Lösung einer Verwicklung sich dadurch vollzieht, dass 
eine Person die Flucht ergreift und damit den Schluss des Stücks herbei- 
führt. Die Stoflfe, in denen sich der Mimus bewegte, sind mit Vorliebe 
obscöne, besonders sind es komische Ehebruchsscenen, die den Zuschauern 
dargeboten wurden; es konnte daher Ovid zu seiner Entschuldigung fragen 
und ausrufen (Trist. 2, 497) : 



DeoimuB Laberins. 131 

Quid, si scripsisaem mimos obscena iocanteSf 

Qui 8emper ficti crimen amoris habent? 
In quibu8 asaidae cultus procedit adtUter, 

Verbaque dat stuUo callida nupta viro. 

Bei der nur lose geschürzten Handlung des Mimus musste alles Schwer- 
gewicht auf die äussere Darstellung fallen, die aus Dialog, Oesang und 
Tanz sich zusammensetzte (Gell. 1,11,12). An grobem Sinnenkitzel Hessen 
es die Schauspieler nicht fehlen, bei den Floralien kam es vor, dass sich 
die Schauspielerinnen dem Publikum nackt zeigen mussten (Val. M. 2, 10, 8). 
Die ganze Handlung konnte sich wegen der geringen Verwicklung in einem 
Hauptschauspieler konzentrieren, von dem daher „mimum egit^ gesagt 
wurde (Juv. 8, 187). Ihm standen zur Seite Nebenfiguren wie der auch in 
der Atellana vorkommende Sannio (Cic. de or. 2,61,251), der Grimassen- 
schneider, der Clown, der Spassmacher und derStupidus, der als hinter- 
gangener Ehegatte kahlköpfig auftritt (Non. 1, 9 M.). Als charakteristisches 
Kostüm des Mimus erscheint die Harlekinsjacke, der centunculus (Apul. 
apol. 13) imd der viereckige Frauenmantel, das ricinium. 

Die laxe Komposition beleuchten Cic. Phil. 2, 27, 65 in eins viri copias cum se subito 
ingurgitasset, eoculiahat persona de mimo „modo egens, repente dives*^ ; pro Cael. 27, 65 mimi 
est iam exituSy non fahulae: in quo cum clausula non invenitur, fugit aliquis e manibus^ 
deinde scabilla concrepant, aulaeum tollitur. 

Festus statuiert p. 326 als eine fast ständige Nebenperson (serundarum partium) den 
Parasiten, er denkt wohl irrig an die Palliata. Über die Aufgabe der secundae partes 
siehe Hör. ep. 1, 18, 14 (sat. 1, 9, 46) und ein drastisches Beispiel bei Suet. Calig. 57. 

Über das ricinium, nach dem auch die Stücke genannt wurden, vgl. Non. 2, 210 M. rici- 
nium — paüiolum femineum breve. Festus p. 274 recinium — esse dixerunt mr(ilis) toga(e 
simüe vestimentum quo) mulieres utebantur, praetextum clavo purpureOy unde reciniati mimi 
planipedes vgl. Teuffel, R. L. 8, 10. Nach planipes nennt Donat de com. p. 9 R. den 
mimus planipedia, 

88. Decimus Laberias. Der Mimendichter D. Laberius (geb. 105, 
gest. zu Puteoli 43) gehörte dem Ritterstand an und konnte daher, ohne 
seine bürgerliche Stellung zu schädigen, nicht die Bühne betreten. Erst 
im hohen Alter, im J. 45 (Suet. Caes. 39), wurde er von Cäsar gezwungen, 
sich mit einem improvisierten Mimus in einen Wettstreit mit Publilius 
Syrus einzulassen. Bei dieser Gelegenheit hielt er den wunderschönen 
Prolog, der uns noch erhalten ist. Seine litterarische Wirksamkeit können 
wir jetzt nur ermitteln aus den Titeln der Stücke (c. 40), den Fragmenten 
und endlich aus dem erwähnten Prolog. Die Titel zeigen uns, dass der 
Stoff für das Lebensbild den verschiedensten Sphären entnommen ist. Es 
wird uns vorgeführt das Ständebild wie der Walker (fullo), der Färber 
(colorator)f der Fischer (piscator), der Seiler (restio), die Hetäre, das Völker- 
bild (die Kreter, die Gallier, die Etruskerin, die Gätuler), das Charakter- 
bild wie der Vergessliche (Cacomnemon) , der Schmeichler (Colax), das 
Familienbild wie die Zwillinge (Gemelli), die Schwestern, die Jungfrau, 
das Festbild wie die Hochzeit, die Compitalien, die Saturnalien. Selbst 
mythologische Stoffe werden nicht verschmäht, wie dies der Titel Anna 
Perenna zeigt. Die Titel stimmen nicht selten mit solchen der Togata, 
der Atellana und sogar der Palliata überein, ein Beweis, dass alle diese 
Spielarten der Komödie auf derselben Grundlage ruhten. Die Fragmente 
lehren uns vor allem, dass Laberius ein kühner Sprachmeister war. Sie 



132 BömiBche LitteraturgeBchichtd. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

zeigen uns Obscönitäten z. B. fr. 23, fr. 139, daneben aber auch feine An- 
spielungen wie im anmutigen Fragment des Seilers (fr. 72) die eines Geiz- 
halses auf die Selbstblendung des Democritus, der nicht mehr das Glück 
der Schlechten sehen wollte, und fr. 154 die auf die Lehre des Pythagoras. 
Auch an politischen Seitenhieben fehlt es nicht. In dem „Totenorakel** 
(Necyomantia) wird fr. 63 ein angeblicher Plan Cäsars, die Bigamie einzu- 
führen wie die von ihm wirklich durchgesetzte Vermehrung der vier Adilen 
auf sechs ^) berührt. Noch deutlicher sprachen die Verse in dem Wett- 
kampf (fr. 125 u. 126): 

Parro, Quiritesf Hbertatem perdimus. 
Necesse est multos timeat quem muUi timent. 

Eine hohe Vorstellung von der Begabung des Dichters gewinnen 
wir aus dem mehrfach erwähnten Prolog, der zu den schönsten Denkmälern 
der lateinischen Poesie gehört. Der Dichter beklagt sein Schicksal, das 
ihn zwinge, auf der Bühne aufzutreten, mit Wehmut denkt er daran, dass 
er als Ritter vom Hause fortgegangen und als Mime heimkehre, er ver- 
weist auf sein Alter, das ihn verzehre wie der sich herumschlingende Epheu 
des Baumes Kraft. 

Ut hedera aerpena vires arhoreas necat, 
Ita me vetustas amplexu annorum enecat; 
Sepulcri similis nil nisi nomen retineo. 

Laberius wurde in dem Wettkampf besiegt und bei der nächsten 
Vorstellung verkündete er selbst in hochherziger Rede das Schwinden seines 
Ruhms und seine Niederlage (fr. 127). Das äussere Ungemach, das ihm 
widerfahren, suchte zwar der Diktator wieder auszugleichen, indem er ihm 
ausser einem Honorar von 500,000 Sestertien den goldenen Ring verlieh 
und ihn dadurch wieder in den vorigen Stand 'einsetzte. Allein ganz konnte 
die Makel nicht abgewischt werden; als er im Theater unter den Rittern 
seinen Platz nehmen wollte und keinen finden konnte, bemerkte Cicero 
spöttisch, ich würde dir Platz machen, wenn ich nicht selbst so eng sässe, 
was Laberius parierte, indem er verwundert fragte, wie das möglich sei, 
da doch Cicero so gern sich auf zwei Stühle setze (Macrob. 2, 3, 10). 

Das Geburtsjahr ergibt sich aus dem im Prolog erwähnten Alter von 60 Jahren (fr. 109). 
Das Todesjahr berichtet Hieron. 2, 139 Seh. — Über den Wettstreit belehrt uns Macrob. 2, 7, 2. 
Dazu E. UoFFMANN, Rh. Mus. 39, 474. — Über die Sprache des Laberius vgl. Gell. 16, 7, 
wo eine Zusammenstellung von neugebUdeten und seltenen Worten sich findet. 

Cicero schreibt im J. 53 an den Juristen Trebatius (ep. 7, 11, 2) si cito te rettuleris, sermo 
nulltis erit; si diutius frustra dbfueriSy non modo Laberium, sed etiam sodalem nostrum 
Valerium pertimesco, Mira enim persona induci potest Brittanici iureconsuUi. Danach 
ist sehr wahrscheinlich, dass, wie Laberius, auch der Jurist Valerius, an den Cicero ep. 1, 10 
hebtet und den er 3, 1, 3 dem Appius Claudius empfiehlt, Mimen geschrieben. Von Priscian 
G. L. 2, 200 wird ein Phormio eines Valerius citiert. Ribbeck hält diesen Valerius mit dem 
Juristen für identisch (Comic, fr. p. LXXXVIIIj und betrachtet demnach den Phormio als 
einen Mimus, was wenig wahrscheinlich ist. 

89. Die Sprüche des Publilius Syrus. Neben Decimus Laberius 
wird als Repräsentant des Mimus Publilius Syrus genannt. Derselbe stammte 
aus Antiochia, kam als Sklave nach Rom und wurde wegen seiner hohen 
geistigen Gaben freigelassen. Von dem Wettkampf, in dem er vor den 
Augen Cäsars Laberius besiegte, ist bereits die Rede gewesen. Angesichts 

>) Bebok, Op. 1, 409. MoMMSEN, R. G. S^ 591. 



PublilioB Syms. 



133 



dieser Thatsache ist es merkwürdig, dass in der Litteratur beide Männer 
eine ganz verschiedene Stellung einnahmen. Von Laberius konnten wir 
eine Reihe von Mimentiteln mit Fragmenten nachweisen, dagegen sind uns 
von Publilius nur zwei Titel mit je einem Fragment überliefert, dann steht 
bei Petronius ein längeres Stück „über den Luxus**, welches für eine blosse 
Nachahmung zu halten uns nichts berechtigt, endlich überliefert uns noch 
Isidor orig. 19,23 ein Fragment. Wir müssen uns über diese geringe Be- 
rücksichtigung des Publilius um -so mehr wundem, weil aus Seneca ep. 
mor. 108 hervorzugehen scheint, dass seine Mimen damals noch im Theater 
aufgeführt wurden, man also doch vollständig ausgearbeitete Exemplare 
vorauszusetzen hat. Publilius würde für den Litterarhistoriker eine schatten- 
hafte Gestalt sein, wenn nicht die kernigen Sätze und treffenden Lebens- 
wahrheiten, welche in seine Mimen eingestreut waren, die Aufmerksamkeit 
auf sich gezogen hätten. Diese wurden gesammelt *) und dadurch kam 
Publilius in die Litteratur. Also nur die Lichtstrahlen kennen wir aus 
seinen Werken, die Werke selbst und ihre Komposition sind uns fifr immer 
verschlossen. Die Sammlung der Sprüche unter dem Titel „PublilU Syri 
mimi sententiae" war alphabetisch angelegt und umfasste etwa tausend 
Verse, entweder jambische Senare oder trochäische Tetrameter. Allein 
dieselbe ist verloren gegangen, wir sind daher auf die verschiedenen Aus- 
züge aus derselben angewiesen. Die Sprüche sind nicht auf dem Boden 
eines philosophischen Systems erwachsen, sie beruhen auf der Erfahrung 
und bieten deshalb einen reichen Schatz gereifter Lebensweisheit. Manche 
bekunden eine tiefe psychologische Einsicht wie 

Atä anuU atU odit mulier, nihil est tertium. 

Über den richtigen Namen Publilius (statt Publius) vgl. Wölfflih, Philol. 22, 439, 
Ausg. p. 3. Seine Heimat u. a. bezeugen Plin. n. h. 35, 199, Macrob. 2, 7, 6. Die Testimonia 
de P. S. sind zusammengestellt in Metebs Ausg. p. 1 — 4. 

Eine Sammlung von Sprüchen des P. S. kennt Gell. 17, 14. Zur Herstellung der 
ursprünglichen Sanmilung ist besonders wichtig die Yeroneser Sammlung (0) in der 
Veroneser Handschrift nr. 168 (155), weil hier die Sprüche mit dem Namen Publius oder 
Publius S^rus oder Publius mimus eingeführt werden ; denn bisher fehlte es an einer hand- 
schriftlichen Beglaubigung der Sprüche. Weiterhin müssen wir benützen die Pfälzer 
Sammlung (il), die uns im Yatic. 239 vorliegt, die Zürcher Sammlung (Z), für die 
wir die Codices Monac. 6369 und Turic. C. 78 haben, endlich die in vielen Handschriften 
überlieferte Senecasammlung (£) d. h. die Sammlung, welche nur die Reihen des Publi- 
lius von A — N umfasste, dagegen zum Ersatz in den Reihen von N — Z prosaische Sprüche, 
zugestutzt und gekürzt, grösstenteils aus dem sog. liher de moribus des Pseudoseneca hinzu- 
fügte und daher die Aufschrift Senecae sententiae oder Senecae Proverhia trägt. In der 
Freisinger Sammlung (^, für die der Hauptkodex Monac. 6292 ist, sind die Pfälzer 
und die Senecasanmilung vereinigt. Einige Sprüche sind endlich in eine Sammlung über- 
gegangen, welche aus dem Griechischen übersetzt ist und die Wölfflin mit Unrecht dem 
Caecilius Baibus zugeschrieben (Reiffebscheid, Rh. Mus. 16, 12). Aufgabe der Kritik ist, 
diese verschiedenen Sammlungen zu einem Ganzen zu vereinigen; wie diese Aufgabe Meyeb 
gelöst, darüber gibt er in seiner Ausg. p. 13 Aufschluss. 

Die ausser den sententiae von Ribbeck p. 303 — 305 dem Sjrus zugeschriebenen Verse 
zweifelt Meteb Ausg. p 4 an. Bezüglich der Verse bei Petronius bemerkt er „differunt a 
simplici et puro genere dicendi, quod in sententiis est." Doch siehe Wölfflin Ausg. p. 13. 

Litteratur: Geschichte der Ausgaben der sententiae bei Meteb Ausg. p. 14. Ed. Wölff- 
LMf, Leipz. 1869; A. Spenoel, Berl. 1874; Ribbeck in fragm. comic. 1873 p. 309; W. Meteb, 
Leipz. 1880; Fbiedbich, Berl. 1880; Meteb, Die Spruchverse des Publilius Syrus, Leipz. 1877. 



^) Ribbeck glaubt, dass es höchst wahr- 
scheinlich ist, dass sich um den Namen Publi- 
lius auch Sprüche anderer gruppierten. Doch 



vgl. Meteb, Abb. der Münchner Akad. 17, 1 
p. 21 Anm. 



134 Römische Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 



3. Cn. Matius, Laevius, Sueius. 

90. Mimiamben. Das Organ der herben Spottpoesie des Hipponax 
und Ananius war der Choliambus, d. h. der durch den Spondeus im sechsten 
Fuss in seinem Lauf gehemmte jambische Trimeter. Dieses choliambische 
Mass wurde auch im alexandrinischen Zeitalter gebraucht. Herodas ^) ver- 
wendete dasselbe zu einer neuen Litteraturgattung, den Mimiamben, heiteren 
Bildern aus dem Leben, die wohl nicht selten auf eine praktische Lehre 
hinausliefen.*) Diese Litteraturgattung ahmte Cn. Matius, den wir wohl 
in unsere Epoche setzen müssen, nach und führte sie bei den Römern ein. 
Nur wenige Verse sind aus denselben erhalten, wir setzen einige, um ein 
Bild von der Poesie des Dichters zu geben, hieher: 

Jam iam alhicascU Phoebus et recentatur, 
Commune hominibus lumen et voluptatis, 
Quapropter edulcare convenit vUam 
Curasque acerbas sensibus gubernare. 

Auch die Ilias übersetzte Matius, wie es scheint, sehr frei. Etwa 
acht Fragmente sind uns aus dieser Übersetzung überliefert. 

£ifrig las irnsern Dichter Gellius, dem wir deshalb die meisten Fragmente verdanken ; 
auch Varro hatte ihn berücksichtigt (de 1. 1. 7, 95 u. 96). Terentianus Maurus v. 2416 ver- 
gleicht ihn mit Hipponax. Hoc mimiambos Maäius dedit metro; \ nam vatem eundem iste 
Attico thymo tinctum \ pari lepore est consecutus et metro. Die Fragmente bei L. Müller, 
Catull p. 91; Bähkens p. 281. Den Übersetzer der Dias und den Dichter der Mimiamben 
hält L. MüLLEB mit nicht durchschlagenden Gründen für verschiedene Personen. „Die 
zahlreichen Archaismen (der Übersetzung) weisen darauf, dass Matius nicht später gelebt 
hat als ums Jahr 100 und nicht identisch ist mit dem Verfasser von Mimiamben zu Ciceros 
Zeit. Dazu kommt, dass er von Varro citiert wird, der sehr selten gleichzeitige Dichter 
erwähnf* (Q. Ennius p. 279). 

Eine andere Übersetzung eines Ninnius Crassus der Ilias citiert Priscian 1, 478 H. 
Ninnius Crassus in XXIV Iliados, femer Nonius 2, 88 M., Crassus Hb, XVI Iliados, Danach 
wird wohl auch Prise. 1,502 H. statt nevius in Iliadis secundo zu lesen sein: Ninnius etc. 
Vielleicht darf man aber noch weiter gehen und auch Charis. p. 145 E. statt nevius Cypriae 
Iliadis libro I mit Scriverius lesen Ninnius etc. Es hätte dann Ninnius Crassus noch ein 
zweites Gedicht, eine Cypria Ilias geschrieben. Bähbens weist alle Fragmente diesem 
Gredicht zu, allein die Bücherzahl „24* des ersten Citats weist auf eine Übersetzung der 
homerischen Ilias hin. Wann dieser Dichter gelebt, wissen wir nicht. Vgl. L. Mülleb, 
Q. Ennius p. 279. 

91. Erotopaegnien (Liebesscherze). Der Dichter Lae vi us ist von 

seinen Zeitgenossen wahrscheinlich aus Verachtung mit Stillschweigen über- 
gangen worden; seine Zeit kann daher nur durch Kombination bestimmt 
werden. Wahrscheinlich ist er identisch mit dem von Sueton gramm. 3 
genannten Laevius Melissus, der Lutatius Daphnis, den Freigelassenen des 
Q. Lutatius Catulus, Jlavog aydnriiia nannte. Diese Verspottung setzt 
BücHELER, Rh. Mus. 41, 12 ungefähr in die Zeit von Sullas Tod. Auch 
dürfte kaum zweifelhaft sein, dass das Fragment 3 „meminens Varro corde 
rolutat" sich auf den Polyhistor Varro bezieht. Laevius ist daher Zeit- 
genosse Varros. Er schrieb Erotopaegnia ; es ist dies eine besondere Art 
der TtMyria, Gedichte in leichter, tändelnder Manier, welche nach dem 
Vorgang des Gnesippus die Dichter Philetas, Monimus, Krates und andere 



*) Die Zeit dieses Schriftstellers ist strit- 
tig, manche halten ihn für einen Zeitgenossen 
Xenophons, andere, wohl richtiger, für einen 



Zeitgenossen des Callimachus. Vgl. Berqk, 
poet. lyr. 2^ 509. 

*) Bebgk, Opusc. 2,551. 



Cn. ICatias. Laevina. Sueins. 135 

behandelt hatten.*) Von diesen Erotopaegnia werden sechs Bücher citiert 
(Char. p. 204 K.). Daneben finden wir aber auch noch Citate mit anderen 
Titeln wie Adonis, Alcestis, Centauri, Helena, Ino, Protesilaudamia, Sireno- 
circa, Phoenix. Es ist höchst wahrscheinlich, dass auch diese Gedichte in 
den Paegnia standen und dass sonach jedes Buch derselben Abteilungen 
mit eigenen Überschriften hatte. Priscian spricht auch von Polymetra des 
Laevius. Wahrscheinlich gehörten auch diese Gedichte zu den Erotopaegnien 
und bildeten ebenfalls dort eine eigene Abteilung. In denselben wurde, 
wie es scheint, das metrische Kunststück durchgeführt, aus einer bestimmten 
Anzahl von Silben Verse zu bilden. Dass sich Laevius mit solchen Spiele- 
reien abgab, zeigt der Schluss der Sammlung; dort tritt als Bote der Venus 
der Vogel Phoenix auf, aus seinen Versen wird ein Flügel gebildet. Leider 
sind die Fragmente zu wenig zahlreich, um den Gang eines Stücks zu er- 
kennen. Die Eigentümlichkeiten der Laevianischen Dichtung aber zeigen 
sie deutlich, zahlreiche Metra (mit Künsteleien), zahlreiche Wortschöpfungen 
(Gell. 19, 7), einen frivolen Zug. 

Bemerkenswerte Fragmente sind besonders 18 und 27; fr. 23 wird die lex lAcinia 
sumptuaria des J. 103 erwähnt; fr. 28 erscheint eine Geliebte des Laevius, Vatiena, Das 
Citat, das Prise. 1, 258 H. aus den Polymetria beibringt, lautet: amnes sunt denia syJUtbis 
versi, ebenfalls 10 Silben umfassend. BIhrens und Uaebeblin p. 93 halten die Polymetra 
f&r eine andere Bezeichnung der Erotopaegnia, Fragmente bei Mülleb in der Catullausg. p. 76 ; 
BAHBENSp. 287; Bücheleb, Fleckeis. J. 111, 306, Rh. Mus. 41, 553; Haebeblin, Philol. 47, 85. 

92. Das erste römische Idyll. Bekannt ist das im Corpus der 
Vergil'schen Gedichte befindliche Idyll Moretum, bekannt ist auch, dass 
Vorbild für dasselbe das Mörsergericht {fivTTwtog) des Parthenius, der im 
J. 72 als Kriegsgefangener nach Rom kam, gewesen ist. Allein es begegnet 
uns in der römischen Litteratur noch ein zweites Moretum, das Macrobius 
3,18,11 einem Dichter Sueius beilegt. Höchst wahrscheinlich ist dieser 
Sueius identisch mit dem bei Varro de 1. 1. 7, 104 citierten Dichter Sueius 
und mit dem M. Sueius, den uns Varro de r. r. 3, 2, 7 als eifrigen Züchter 
von Geflügel, Bienen, Fischen u. s. w. vorführt. Es wäre dann Sueius der 
Adilis curulis des Jahres 74 (Plin. n. h. 15,2). Zu der von Varro geschil- 
derten landwirtschaftlichen Thätigkeit des Sueius würde sehr gut ein zweites 
Idyll passen, mit dem Titel Pulli, aus dem uns Nonius (freilich mit ent- 
stelltem Namen des Autors) mehrere Fragmente mitteilt. Auf ein annali- 
stisches Werk und zwar auf ein fünftes Buch desselben führen zwei Stellen 
bei Macrobius 6, 1, 37; 6, 5, 15. 

Ein drittes IdyU Nidus will Bähbens durch Konjektur aus Charisius 103 E. gewinnen. 
Die Fragmente hei Bahbens p. 285, bei Lucian Mülleb im Lucilius p. 311. Ribbfck, Gesch. 
der r. Dicht. 1, 306. Der Name unterlag fast regelmässig der Verderbung; ihn stellte her 
L. Mülleb, Rh. Mus. 24, 553. 

4. T. Lucretius Carus. 

93. Biographisches. Über das Leben des Lucretius sind uns nur 
wenig Nachrichten überliefert und selbst diese bedürfen der Nachprüfung. 
Als Geburtsjahr des Dichters ergibt eine sorgfältige Betrachtung aller 
Zeugnisse das Jahr 97, als Todesjahr 53; er starb sonach im kräftigsten 



^) Bebnhabdy, Griech. Litteratiu-gesch. 3. Aufl. IIa p. 566. 



136 Bömische Litteratargesohiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Mannesalter, 44 Jahre alt. Hieronymus berichtet uns, dass Lucretius durch 
einen Liebestrank in Irrsinn verfiel, dass er einige Bücher seines Gedichts 
in den lichten Pausen schrieb, dass er durch eigene Hand ums Leben kam, 
endlich dass Cicero sein Werk verbesserte. Für den Wahnsinn spricht 
unzweideutig der Selbstmord des Dichters; es steht daher auch der Angabe 
nichts im Wege, dass ein Teil seines Schaffens in die Periode seines Wahn- 
sinns fiel; ist ja die Grenze, durch welche das Genie vom Wahnsinn ge- 
schieden wird, ohnehin nur eine geringe. Dagegen kann die Geschichte 
vom Liebestrank nur eine Dichtung sein, vielleicht dadurch hervorgerufen, 
dass der Dichter so sehr gegen die Liebe geeifert hatte. Die Thätigkeit 
Ciceros hat zur Voraussetzung, dass der Dichter verhindert war, seiner 
Schöpfung die letzte Feile angedeihen zu lassen, dass er sonach vor der 
Veröffentlichung starb. Der Zustand des Gedichts und zwar in seinem 
ganzen Umfang beweist die Richtigkeit dieser Annahme. Wir finden näm- 
lich eine* Anzahl von Stellen, welche sicherlich vom Dichter herrühren, die 
aber nicht in den Zusammenhang passen. Es waren ohne Zweifel neue 
Entwürfe des Dichters, die der Herausgeber da einreihte, wo es ihm passend 
erschien. Lucretius hinterliess also sein Gedicht in unfertigem Zustande; 
ein harmonisches Ganze aus den einzelnen Teilen herzustellen versagte 
ihm der Tod; der Herausgeber änderte zum Glück nicht den ursprünglichen 
Charakter des Werks. So wie uns das Gedicht jetzt vorliegt, besteht es 
aus sechs Büchern. 

Hieron. zum J. 94 (nach A und F 95) 2, 133 Seh. TUtis Lucretius poeta nascitur . 
posfea amatario poculo in furorem versus cum aliquot libros per intervaJla insaniae con- 
scripsisset quos postea Cicero emendavit, propria se manu interfecU anno aetatis XLIIIL 
Donat. vit. Yerg. bei Reiffebsch., Suetoni rel. p. 55 initia aetatis Cremonae egit (Vergilius) 
usque ad virilem togam, quam XVII anno natali suo accepit isdem iVis consulibus Herum 
duohus quibus erat natus evenitque ut eo ipso die Lucretius poeta decederet. Cod. Monac. 
14429 8. X Titus Lucretius poeta nascitur — anno XXVII ante VirgiHum, Diese drei 
Zeugnisse würdigt Woltjer, Fleckeis. J. p. 129, 1.34 — 138 also: Nach der Münchner Glosse 
wurde Lucrez 27 Jahre vor Yergil geboren, dies ergibt, da Yergils Geburtsjahr 70 ist, 70 
-f 27 = 97 als Geburtsjahr des Lucrez. Nach Donat wäre Lucrez gestorben, als Yergil 
im 17. Lebensjahr die toga virilis erhielt. Dies führt auf 70 — 17 = 53, also auf 53 als 
Todesjahr. Damit stimmt aber nicht die zweite Angabe, dass Yergil, als dieselben Konsuln, 
unter welchen er geboren war, zum zweitenmal das Konsulat inne hatten, die toga virilis 
erhalten, denn dies führt auf das Jahr 55. Da aber auch Hieronymus 2, 137 Seh. das 
Jahr 53 für die Annahme der toga virilis von Seiten Yergils bezeugt, so werden die Worte 
isdem Ulis consulibus — erat natus eine Interpolation sein. Das Jahr 53 als Todes- und 
97 als Geburtsjahr bestätigt die Angabe des Hieronymus, dass Lucretius ein Alter von 
44 Jahren erreicht habe. Sein Ansa& des Geburtsjahres des Dichters ist dagegen irrig. 
Ohne auf Woltjer Rücksicht zu nehmen, versucht Marx, Rh. Mus. 43, 136 eine andere 
Lösung der Schwierigkeiten, die aber viel komplizierter ist und gegenüber welcher Woltjers 
Yerfahren entschieden den Vorzug verdient. 

Wer unter dem von Hieron. genannten Cicero zu verstehen sei, ist eine Streitfrage. 
Lachxann hält ihn Commentar p. 63 für Quintus Cicero, Berok dagegen (Opusc. 1, 426; 
2, 726) für Marcus Cicero. Soviel ist klar, dass wir, wenn wir, wie bei Hieronymus, Cicero 
lesen, zuerst an den berühmten M. Cicero zu denken haben. Die Stelle, in der Cicero in 
einem Briefe des Jahres 54 an seinen Bruder Quintus 2, 9(11), 3 des Lucretius gedenkt, 
gibt keine Entscheidung ; sie lautet nach der Überlieferung : Lucretii poemata ut scribis ita 
sunt multis luminibus ingenii, multae tamen artis, sed cum veneriSy virum te putabo, si 
SalJustii Empedoclea legeris, hominem non putabo. Hier weist tamen auf einen Fehler hin, 
ich schiiesse mich Berok (Opusc. 1, 428) an, welcher non vor multae einsetzt; durch die 
Einschiebung des non vor multis^ welche Lachmann und Yahlen gebilligt, entsteht ein ver- 
kehrtes Urteil über die Lucretianische Dichtung, dessen wir Cicero nicht für fähig halten 
können. Die folgenden Worte dürfte Yahlen gegen Konjekturen (Berok z. B. liest cum 
ad umbiUcum reneris, vergl. neuerdings Mnemos. 17, 128 und 387) geschützt haben, sie 



• ••• 

• • • 



T. Lncretius Cams. 



137 



haben nichts mehr mit Lucretios zu thim, sondern beziehen sich bloss auf Sallust (Ind. lect. 
Berolin. 1881/2 p. 3). Wenn man aus den Worten geschlossen hat, dass sie den Tod des 
Lucretius zur Voraussetzung haben, so ist dieser Schluss unrichtig. Die Kenntnis des 
Lucretianischen Gedichtes (oder Teile desselben) konnte noch bei Lebzeiten des Dichters 
erfolgen. Die Thätigkeit Ciceros als Herausgeber war sicherlich eine ganz untergeordnete. 

94. Lucretias' Gedicht über das Wesen alles Seins (de remm 
natura). Das Gedicht de verum natura *) in Hexametern ist einem Memmius 
gewidmet; wenn es auch nicht völlig bewiesen werden kann, so werden 
wir es doch als sehr wahrscheinlich ansehen, dass dieser Memmius derselbe 
ist, der uns auch im Leben CatuUs begegnet, der Prätor Bithyniens. Selbst- 
verständlich ist es aber der gebildete Römer, an den sich Lucretius eigent- 
lich mit seinem Gedichte wendet. Die Rücksicht auf Memmius hat daher 
nur geringen Einfluss auf die Komposition des Werks gehabt; das wunder- 
volle Gebet zur Venus im Eingang des Gedichts dürfte zum Teil wenigstens 
dem Adressaten verdankt werden, denn wie Medaillen bezeugen, war Venus 
die Hausgöttin der Familie der Memmier. In seinem Gedicht ist Lucretius 
der Interpret der Lehre Epikurs. Aber nicht ein theoretisches Interesse 
ist es in erster Linie, welches ihn für diese Lehre begeistert, sondern ein 
praktisches. Das Epikureische System bringt Erlösung von den Leiden, 
welche das menschliche Geschlecht unglücklich machen, es sind dies der 
Glaube an das Eingreifen der Götter in die Schicksale der Welt und die 
Furcht vor dem Tode. Der Götterglaube bannt den Menschen in ewige 
Angst; er weiss ja nicht, was die Gottheit im nächsten Moment über ihn 
verhängt. Die Todesfurcht aber, diese stete Begleiterin des menschlichen 
Lebens, überragt noch die Angst vor dem Eingreifen der Götter; denn 
auch das jammervollste Leben erscheint noch immer besser als das Un- 
gewisse, das uns der Tod bringt. Von diesen Leiden befreit uns Epikur 
durch seine Betrachtung und Erkenntnis der Natur. Diese führt uns darauf, 
dass ein unzerstörbares Etwas vorliegt, denn es kann nicht etwas aus nichts 
werden und nicht etwas in nichts zurückfallen; sie führt uns aber auch 
darauf, dass ein Raum vorhanden sein muss, in dem sich der Stoff bewegen 
kann. Die unzerstörbaren, nicht mehr teilbaren, kleinsten Eörperindi- 
viduen, die Atome (primordia rerum) und das Leere, der Raum (inane), 
welche einander ausschliessen, welche miteinander von Ewigkeit existieren 
und unendlich sind, erklären alle Erscheinungen der Welt. Die ruhelosen 
Atome bewegen sich vermöge ihrer Schwere nach unten hin, aber durch 
eine Abweichung von der senkrechten Richtung entstehen Verwicklungen 
und indem sich die passenden Atome zusammenschliessen, die Gebilde der 
Welt. Also nicht bedarf es eines Eingreifens einer höheren Macht, von selbst 
bilden sich alle Dinge des Universums. Auf dieser Grundlage, welche im 
ersten und im zweiten Buch entwickelt wird, ruht die Lehre von dem 
Geist und der Seele im dritten Buch. Der Geist (animus), mit dem die 
Seele (anima) unzertrennlich verbunden ist (136), ist körperlich, er besteht 
aus kleinen, feinen und runden Atomen, welche, sobald der Geist aus dem 
Körper entwichen, zerfallen (437). Nur mit dem Körper hat also der Geist 



^) Unsere Aufgabe kann es nicht sein, 
das philosophische System Epikurs in allen 
seinen Einzelheiten darzulegen; fflr unsere 



litterarhistorischen Zwecke genügen die Grund- 
züge. 



\ 



138 Bömisohe Litteratnrgesohichte. I. Die Zeit der Republik. 8. Periode. 

Bestand, wie umgekehrt der Körper nicht ohne den Oeist bestehen kann; 
mit dem Körper wächst, schwindet und stirbt der Geist. Ist aber der 
Geist sterblich, so ergibt sich die wichtige praktische Folgerung (828): 

NU igitur mors est ad nos neque pertinet hilum. 

Die Todesfurcht ist dann eitel. Im vierten Buch wird die Anthro- 
pologie dargelegt; besonders sind es die Sinneswahrnehmungen, die aus- 
führlich erklärt werden. Hier stossen wir auch auf die wichtige Deduktion 
von der Untrüglichkeit der Sinne (467 — 519); der Dichter sagt: 

non modo enim ratio ruat omnis, vita quoque ipsa 
Concidat extemplo, nisi credere sensibus ausis. 

Das fünfte Buch ist der Kosmologie gewidmet und legt dar, wie 
Erde, Himmel, Meer, Gestirne und die Lebewesen entstanden sind (65). 
Eine Glanzpartie dieses Buchs ist der Abschnitt von der allmählichen Ent- 
wicklung des Menschengeschlechts und der menschlichen Kultur (922), reich 
an scharfsinnigen Beobachtungen und grossartigen Gedanken. Endlich im 
letzten Buch werden die meteorischen Erscheinungen erklärt, Donner, Blitz, 
Wolken, Regen, Erdbeben, der Feuerausbruch des Ätna, das Anschwellen 
des Nils, die aus gewissen Stellen des Bodens entstehenden Dünste (loca 
Averna), merkwürdige Eigenschaften von Quellen, z. B. der Temperatur- 
wechsel der Quelle des Ammonstempels, der Magnet, die Krankheiten. 
Eine Schilderung der athenischen Pest schliesst das Gedicht; wie uns der 
Anfang des Gedichts ein glänzendes Bild des Lebens entrollte, so wird 
am Schluss ein furchtbares Bild des Todes uns dargeboten. 

Des Dichters Aufgabe ist nun gelöst, er hat gezeigt, dass von einem 
Eingreifen der Götter in die Welt keine Rede sein kann. Zu diesem Zweck 
hat er die Naturerscheinungen, die ja besonders den Menschen mit Staunen 
und Angst erfüllen, so eingehend erörtert und gezeigt, dass dieselben auf 
natürlichen Ursachen beruhen; er hat aber auch gezeigt, dass die Seele 
sterblich ist und wir daher den Tod nicht zu fürchten brauchen. 

Das Verhältnis des Lucrez zum Memmius in dem Gedichte ist Gegenstand verschie- 
dener Hypothesen geworden. Nachdem Bockemüller in einer sehr verwickelten Entstehungs- 
geschichte des Gedichts von dem Satz ausgegangen war, dass Memmius erst später zimi 
Adressaten gemacht wurde (vgl. Brieoeb, Burs. Jahresb. 4 II p. 162), suchte Kankenoiesseb, 
Fleckeis. J. 125, 833, 131, 59 nachzuweisen, „dass der Name Memmius oder eine direkte 
Beziehung auf ihn nirgends in einem Hauptstück des Werkes vorkommt, dass vielmehr 
alle Partien, in denen entweder der Name des Memmius oder eine ganz direkte Bezie- 
hung auf ihn sich findet, entweder dem Carmen continuum sich Überhaupt nicht einreihen 
oder sich leicht loslösen und als spätere Zusätze erkennen lassen." Dass dieser Beweis 
nicht gelungen ist, zeigt BRAin>T, Fleckeis. J. 131, 601. Bruns führt dagegen in seinen 
Lucrezstudien die Ansicht durch, dass Lucretius ursprünglich sein Gedicht für Memmius 
bestimmt hatte, im Laufe des Gedichts aber statt des einzigen Adressaten das Publikum 
substituierte und, da der Zweck ein anderer geworden war, Memmius nur gelegentlich noch 
erwähnte. Ich glaube, dass von vornherein das gebildete Publikum ids der wirkliche 
Adressat zu denken ist. 

Das zweite Problem, welches uns das Gedicht des Lucrez stellt, ist das Verhältnis 
des Dichters zu Epikur. Da Lucrez mit seinem Gedicht in erster Linie praktische Zwecke, 
nicht rein theoretische, verfolgt, so ist es für ihn nicht notwendig, das epikureische System 
in allen seinen Teilen darzulegen. So ist z. B. die Ethik nicht im Zusammenhang behandelt, 
nur zerstreut finden sich über dieselbe Bemerkungen. Vgl. Martha, Le poHime de Lucrhce 
p. 173 und p. 184. Auch die Lehre von der Erkenntnis, die Kanonik, ist nicht zur Dar- 
stellung gekommen, nur der Fundamentalsatz, dass die Sinne nicht trügen, ist wiederholt 
beigezogen worden; so z. B. ausser der oben angegebenen Stelle 1, 422 und 1, 699: 



T. LnoreÜiui Garas. 139 

corpus emm per ae communis dedicat esse 
sensus; cui nisi prima fides fundata valebit, 
haut erit occuUis de rebus quo referentes 
confirmare animi quicquam ratione queamus. 

quid nobis certius ipsis 
sensibus esse potest, qui vera ac falsa notemus? 

unwahrscheinliche Ansichten Aber die Komposition und das Verhältnis des Dichters 
zu seinen Quellen stellt, besonders von der Kanonik ausgehend, Bruns, Lucrez-Studien, 
Freib. 1884 auf. 

Litteratur Über des Systems Quellen und Bearbeitung (mit Auswahl): Braun, 
Lucretii de atomis doctrina, Münster 1857. Hildebraio)?, Lucretii de primordiis doctrina, 
Magdeb. 1864. Masson, The atomic theory of Lucretius corUrasted with modern doctrines 
of atoms and evolution, London 1884. Höfer, Zur Lehre von der Sinneswahmehmung im 
4. B. des L., Progr. von Seehausen 1872 (Die Lehre vom Sehen). Schütte, Theorie der Sinnes- 
empfindungen bei Lucrez, Danzig 1888. Biiybseil, de omnis infinitate apud Lucr., Eschwege 
1870. HoERSCHELMAior, obs. Lucretianae alterae, Leipz. 1877. — Reisacker, quaesU Lueretianae, 
Bonn 1847. Epicuri de animorum natura doctrina a Lucretio tractata, Köln 1855. Der 
Todesgedanke bei den Griechen. Eine bist. Entwicklung mit bes. Rücksicht auf Epikur 
und Lucrez, Trier 1862. Hallier, L, carmina e fragmentis Empedoclis adumbrata, Jena 1875. 
Bästlein, Quid L. debtierit EmpedocH, Schleusing. 1875. Woltjer, Lucretii philosophia 
cum fontibus comparata, Groningen 1877 (wichtige Schrift). Dazu vgl. Lohmann, Quaest. 
Lucret., Braunschweig 1882 (im zweiten Kapitel quae ratio intercedat inter Lucretium et 
Epicurum). Rusch, De Posidonio Lucreti auctore, Greifsw. 1882. Eichnbr, Annotationes 
ad Lucretii Epicuri interpretis de animae natura doctrinam, Berl. 1884. 

95. Würdigung des Oedichts. Aus dem spröden Stoff, den die Lehre 
Epikurs darbot, hat der Dichter ein Gedicht von hoher Vollendung und 
nachhaltigster Wirkung geschaffen. Dies war nur dadurch möglich, dass 
ihn die glühendste Begeisterung für die Lehre Epikurs erfüllte; ihm ver- 
dankt nach seiner Überzeugung das Menschengeschlecht die Aufklärung 
über die letzten Gründe alles Seins. Der Dichter wird daher nicht müde, 
Epikur zu preisen und zu verherrlichen, er ragte, sagte er, unter allen 
Sterblichen hervor, wie die Sonne in der Sternenwelt (3, 1041), er geleitete 
unser Leben aus der tosenden Flut zur Ruhe, aus der Finsternis zum Lichte, 
ein Gott war er, ja sein Wirken stand höher als das der Geres, des Bacchus, 
des Hercules, denn er hat uns den Trost des Lebens gespendet und unsere 
Brust von Furcht und Leidenschaft befreit (5, 9); als der Mensch von der 
Wucht des Aberglaubens niedergestreckt da lag, wagte er es, diesem Wahn 
mit festem Blick entgegenzutreten, unbekümmert um Donner und Blitz, 
siegreich durchzog er mit seinem Geiste das unermessliche All (1, 62). 
Seine Worte sind daher golden und ein unvergänglicher Schatz, und wie 
die Bienen auf den blumigen Gefilden den Honig einsammeln, so müssen 
wir diese väterlichen Lehren in uns aufnehmen (3, 9). Man sieht, was 
Epikur dem Dichter war. Dass er sich so sehr für den griechischen Weisen 
begeistern konnte, begreift man, wenn man sich die von entsetzlichen 
Leidenschaften und Gräueln bewegte Zeit, in die das Leben des Dichters 
fiel, ins Gedächtnis zurückruft. In solchen schweren Zeiten sehnt sich das 
Menschenherz nach Ruhe und Frieden und weiss diese Güter höher zu 
schätzen als in den Tagen des Glücks. Die Begeisterung, welche den 
Dichter beseelt, weiss er auch auf den Leser zu übertragen; dies erreicht 
er durch die Eindringlichkeit, mit der er fort und fort auf die Hauptsätze 
zurückkommt, durch die Klarheit und Anschaulichkeit, die er überall er- 
strebt, endlich durch die prachtvollen Gleichnisse, Bilder und Schilderungen, 
die wie Perlen dem Gedichte eingefügt sind und die uns die Dichtergrösse 



i.1 



1 



140 Bömische Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Bepnblik. 8. Periode. 

des Lucretius zeigen. Wenn der Dichter uns malt die ihr Junges suchende 
Kuh (2, 355), 

at mater viridis saltus orhata peragrans 
noscit humi pedibus vestigia pressa bisulcis, 
omnia convisens oculis loca, si queat usquam 
conspicere amissum fetum, completque querellis 
frondiferum nemus adsiduis, et crehra revisit 
ad stctbtUum, desiderio perfixa iuvenci, 
nee tenerae salices atque herbae rore vigentes 
fluminnque iUa queunt summis Idbentia ripis 
oblectare animum dubiamque avertere curam 
nee vitulorum aliae species per pabula laeta 
derivare queunt animum euraque levare. 

den alles befruchtenden Regen (1, 250), das Walten der Mutter Erde 
(2, 991), den verheerenden Wind (1, 271), die phrygische Qöttermutter 
(2, 600) und die athenische Pest (6, 1136), so werden wir von der Stis- 
sigkeit dieser Poesie mit fortgerissen und vergessen die öden Stellen 
der Epikureischen Philosophie. Mit Recht kann sich daher der Dichter 
rühmen, dass er seine Lehren durch die Poesie versüsst, wie man den 
kranken Kindern die bittere Arznei durch Zusatz von Honig versüsst 
(1, 936). AUein die poetische Gestaltung eines nicht besonders dankbaren 
Stoffs ist nicht das einzige Verdienst des Dichters; er hat sicher auch zur 
Erläuterung des Systems manches beigetragen. Nicht bloss Epikur, sondern 
auch andere Quellen, wie Empedokles, Thukydides, vielleicht auch Posi- 
donius, wurden von ihm gelegentlich zu Rate gezogen. Nicht gering ist 
das Verdienst, das sich Lucretius um die Ausbildung der Sprache erworben 
hat. Ein Versuch, Epikur der römischen Welt zugänglich zu machen, 
wurde bisher nicht gemacht; der Dichter schreitet daher, wie er sich dessen 
rühmen durfte, auf Stätten der Musen einher, die noch keines Sterblichen 
Fuss betreten. Er musste daher die Sprache erst für seine Bedürfnisse 
zurecht machen, öfters entfallen ihm Klagen über die Armut des vater- 
ländischen Idioms (1, 136, 832 3, 260). Vorbild für Sprache und Versbau 
ist ihm Ennius, der zuerst den nie welkenden Lorbeerkranz vom Helicon 
herabgenommen, der weithin seinen Ruhm unter Italiens Völkern verkün- 
dete (1, 117). Aber er hat den Meister weit übertroflfen. Sein Stil bekommt 
durch die Archaismen einen feierlichen Charakter, auch sein Versbau steht 
durch den Mangel an „Anmut und Mannigfaltigkeit" *) mit dem harten StoflF 
in Einklang. 

Kein Zweifel, Lucretius und Catullus sind die grössten Dichter der 
Römer. Beide haben miteinander gemein, dass ihre Dichtung uns den 
Wellenschlag ihres Lebens spiegelt. Der eine Dichter lässt uns in ein von 
Liebe und Hass zerrissenes Herz blicken, das andere Gedicht führt uns 
ein Menschenleben vor, das, sicherlich nach manchem Sturm, im heissen 
Ringen die Wahrheit gefunden zu haben glaubt und damit die Erlösung 
von den beiden feindlichen Mächten des Lebens, von dem Oötterglauben 
und der Todesfurcht. Wer nur einmal im Leben nach dem Licht der Auf- 
klärung gerungen, wird sich zu der Hoheit des Lucrez unwillkürlich hin- 
gezogen fühlen und sich gern die Worte Virgils ins Gedächtnis zurück- 
rufen. (Georg. 2, 490): 

>) L. MüLLEB, Q. Ennius p. 291. 



Die jangrömiBclie Dichterschnle. 141 

Felix, qui potuU verum cognoacere causas 
Atque metus omni8 et inexorabile fatum 
SiänecU pedihua strepitumque AcheratUis avari. 

Viel gelesen im Altertum erstreckte Lucretius auch auf die moderne 
Zeit seine Wirkung; vom Wiederaufleben der Wissenschaften an bis zui* 
Blüte der Naturwissenschaften rankt sich das freie Denken gern an dem 
römischen Dichter empor. ^ 

Die Spuren des Lucretius bei seinen Nachfolgern sind vielfach nachgewiesen worden : 
Jessen, Ober L. und sein Verhältnis zu Catull und Späteren, Kiel 1872. Reisackeb, Hora- 
tius in seinem Verhältnis zu Lucr., Bresl. 1873. WeinoXbtnsb, de Horatio Lucretii imi- 
tatae, Halle 1874. Wöhleb, Über den Einfluss des Lucr. auf die Dichter der august. Zeit, 
I. rVergil), Greifsw. 1876, vgl. Gell. 1, 21, 7. Zinoeble, Ges. Abh. 2. Heft 1870. 

Die Oberlieferung des Lucretius beruht im wesentlichen auf zwei in Leyden befind- 
lichen Handschriften, dem Vosaianus 6blongu8 a. IX und dem Vossianms quadratus s. X, 
mit dem einige Bruchstücke (schedae Havniensea, Vindobonenses) zu verbinden sind. Vgl. 
Lachmann, Comment. p. 9: omnis vetustae lectionis memoria e Voaaianis codicibus repetenda 
est; nisi quod dblongo fidem interdum Italici abrogant, quadrati auctoritatem aliquando im- 
minuunt achedae (Woltjbb, De archetypo quodam codice Lucretiano in Fleckeis. J. 123, 769. 
Dagegen Bbiegeb, Ein vermeintlicher Archetypus des L. in Fleckeis. J. 127, 553). 

Die erste kritische Ausgabe von Lachxann; der zweite Band enthält einen kritischen 
und sprachlichen Kommentar, Berl. 1850. Einen index zum Kommentar fertigte Habdek, 
Berl. 1882. Diese Ausgabe ist eine der glänzendsten Leistungen auf dem Gebiete der 
klassischen Philologie. — Ausgabe von Munbo in englischer Sprache (Text, erklärender 
Kommentar, Obersetzung), 4. Ausg, Cambridge 1886. Teubner'sche Textausg. von Bebnays. 
Ausgabe mit deutschem Kommentar von Bockemülleb, Stade 1878. 

Zur allgemeinen Würdigung des Dichters gibt vortreffliche Winke das geistreiche 
Buch Mabtha's, Ije po^me de Lucr^ce, 2. Edit., Paris 1873. Dann Mähly, Der römische 
Dichter Lucretius im Neuen Schweiz. Mus. 5, 167. Bbieoeb, Ein Kind der Welt in der 
Zeitschr. Gegenwart 8, 169. Interessant ist auch das Kapitel über den Dichter bei Lange, 
Geschichte des Materialismus p. 36 — 59. 

Bekannt ist, dass sich der Goetheische Kreis sehr für Lucrez interessierte. Dieses 
Interesse weckte besonders die KNEBEL'sche Obersetzung (erste Ausgabe 1821, zweite 1831). 
Unter den deutschen Obersetzungen erachte ich als die gelungenste die des Prof. des 
Staatsrechts in München, Max Sbydel (Max Schlierbach), München und Leipz. 1881. 

5. Die jungrömische Dichterscbule. 

96. Charakter der neuen Bichtung. An mehreren Stellen pole- 
misiert Cicero gegen eine Dichterklasse seiner Zeit, welche er poetae novi 
oder auch veciieQoi nennt. An einer dieser Stellen setzt er diese Dichter 
in Gegensatz zu Ennius und bezeichnet sie spöttisch als Sänger des Euphorion 
(cantores Eupharionis), Die Ciceronischen Stellen lehren uns zunächst ein 
Doppeltes, einmal dass jene Dichter metrisch und prosodisch von den bis- 
herigen Normen abwichen; dann dass sie sich in den Bahnen des Euphorion 
aus Chalkis, d. h. des Alexandrinismus mit ihrer Dichtung bewegten. 
Welche Dichter waren dies? Es gab zur Zeit Ciceros einen Kreis von 
Leuten, die durch die Bande der Freundschaft und zum grossen Teil auch 
durch landsmannschaftliche Bande — viele waren Transpadaner — zu- 
sammengehalten wurden. Von diesen Leuten ging eine starke Opposition 
aus gegen die bisher übliche Form des dichterischen Schaffens, gegen den 
damals herrschenden rednerischen Stil, gegen die damaligen Machthaber 
Roms. In der Poesie zeigt sich ihre Opposition darin, dass sie das natio- 
nale Epos, das Lehrgedicht, das Drama perhorrescieren und das kleine 
Kunstgedicht der Alexandriner zum Gegenstand der Nachahmung erwählen. 
Es umfasst dies das mythologische Epyllion, das Schmähgedicht, das Epi- 



142 Bömisohe litteratargesoliiehte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

gratnm, das Liebesgedicht, die Elegie. Als eine wesentliche Eigenschaft 
des Dichters betrachteten sie die Belesenheit in den griechischen poetischen 
Werken und genaue Kenntniss der griechischen Mythen, d. h. der Dichter 
musste docius sein. Auch in der Form schlössen sie sich an die Alexan- 
driner an; es kam darauf an, feine und saubere Technik zu zeigen, es 
iBurden neue metrische Formen aus Alexandria entlehnt und strenge Regeln 
und Eigentümlichkeiten im Bau der Verse beobachtet. In der Rhetorik 
verwarfen sie die asiatischen Stilmuster, welche zu einem überladenen oder 
zerschnittenen, schlotterigen Stil führten, und proklamierten Attiker, vor 
allem Lysias, als Vorbilder, d. h. wie in der Poesie, so verlangten sie auch 
in der Rede feine, saubere und straff angezogene Darstellung. In der 
Politik endlich kehrte sich ihre Opposition gegen Pompeius und Cäsar, 
welche sie mit giftigen PfeUen verfolgten. 

Der Einfluss der jungrömischen Dichterschule auf das geistige Leben 
Roms kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Sie haben eine römische 
Lyrik geschaffen, und welche mächtige Bewegung sie in der Beredsamkeit 
hervorgerufen haben, dessen ist Cicero Zeuge, der in seinen alten Tagen 
seinen rednerischen Ruhm gefährdet sah und gegen sie als die „ Attiker '^ 
zu Felde zog. 

Cic. Tusc. 3, 19, 45 o poetam egregium! (er redet von Ennius) quamquam ab his 
cantorihus Euphorionis contemnitur; ad. Att. 7, 2, 1 Ua belle nobis „flavU ab Spiro lenissi- 
mu8 Onchesmites'* . Hunc ffnoy^uaCoyra 8% eui voles xtSv vstotigtoy pro tuo vendito. Or. 48, 
161 quin etiam, quod tarn subrusticum videtur, olim autem politius, eorum verborum, quorum 
eaedem erant poatremae duae litterae, quae sunt in „optumus", postremam litteram detra- 
hebant, nisi vocalis insequebatur. Ita non erat ea offensio in versibus, quam nunc fugiunt 
poetae novi. 

Über die neue Beredsamkeit äussert sich von seinem Standpunkt aus Cic. Tusc. 2, 1, 3 
reperiebaniur nonnulli, qui nihil laudarent, nisi quod se imitari passe confiderent quemque 
sperandi sibi, eundem bene dicendi finem proponerent et cum obruerentur copia sententiarum 
atque verborum, ieiunitatem et famem se malle quam ubertatem et copiam dicerent; unde 
erat exortum genus Atticorum, Wir werden später genauer Über diesen Streit handeln. — 
KiESSLiNG, de Helvio Cinna poeta in den Comment. Momms. p. 351. Bähreks, Proleg. zu 
Catull. p. 1—22. 

a) Valerius Cato und C. Licinius Macer Calvus. 

^1. Die Führer der neuen Bichtnng. Aus dem Kreise treten uns 
zwei Persönlichkeiten entgegen, welche wir als Führer der Opposition zu be- 
trachten haben. Es ist dies Valerius Cato und G. Licinius Calvus, jenem 
müssen wir die Führung in der Poesie, diesem die Führung in der Bered- 
samkeit zuweisen. Cato war es, der den jungen Leuten, welche nach dem 
dichterischen Lorbeer strebten, die Wege zeigte. Wie gross hier sein Ein- 
fluss war, bezeugen die Verse des Furius Bibaculus: 

Cato grammaticus, Laiina Siren, 
Qui solus legit ac facit pc^tas. 

Des C. Licinius Calvus Führerschaft auf dem Gebiete der Beredsamkeit 
bezeugen die Briefe, die Calvus (und Brutus) mit Cicero über den redneri- 
schen Stil führte, ferner die Angriffe, die Cicero in seinen rhetorischen 
Schriften gegen ihn richtete, endlich das hohe Ansehen, dessen sich Calvus 
als Redner erfreute. Ausser diesen beiden Männern zieht noch ein Grieche, 
den wir mit dem Kreis in Verbindung bringen müssen, unsere Aufmerk- 
samkeit auf sich, nämlich der Dichter Parthenius. Dieser kam im Mith- 



Valerins Cato. 143 

ridatischen Krieg, als seine Heimat Nicäa von den Römern genommen war 
(72 V. Gh.), nach Rom. Er gelangte in die Hände eines Cinna; wahrschein- 
lich war aber dieser Cinna der Vater eines Dichters unserer Gruppe, näm- 
lich des Helvius Cinna. Wir werden uns um so leichter zu dieser Annahme 
entschliessen, da wir später sehen werden, dass sich die Dichtungen des 
jungen Helvius Cinna mit denen des Parthenius berühren. Ist schon hieraus 
ein Einfluss des Parthenius auf unsern Dichterkreis sehr wahrscheinlich, 
so kommt noch hinzu, dass wir auch anderweitig des Parthenius' Einwir- 
kung auf die römische Poesie nachweisen können, wir haben bereits oben 
gesehen, dass sein Moretum von römischen Dichtern nachgeahmt wurde, 
wir wissen, dass er dem Cornelius Gallus eine noch vorhandene Sammlung 
von Geschichten unglücklicher Liebe zusammenstellte, wir kennen Beziehungen 
zwischen ihm und Vergil (Gell. 9, 9 und 13, 27). Ist es wahrscheinlich, dass 
ein solcher Dichter einem Kreise fremd bleibt, der gerade die alexandri- 
nische Dichtung auf seine Fahnen geschrieben? 

Tac. dial. 18 legistis utique et Calvi et Bruti ad Ciceronem misacis epistuUis, ex quibus 
facile est deprehendere CcUvum quidem Ciceroni visum exanguem et aridum, Brutum autetn 
otiosum atqiie diiunctum rursusque Ciceronem a Calvo quidem male audisse tanquam soliäum 
et enervem, a Bruto autem — tanquam factum atque elumhem. Sen. controv. 7, 19. 6 p. 210 Bu. 
CalvuSy qui diu cum Cicerone iniquissimam litem de principatu eloquentiae habuit, Quint. 
10, 1, 115 inveni qui Calvum praeferrent omnibus. Genaueres geben wir im Kapitel über 
die Redner. — Über Parthenius ist die Hauptstelle bei Suidas s. v. Vgl. Meineke, Anal. 
Alex. p. 255. 

98. YaleriuB Gates Dichtungen. Die Nachrichten über sein Leben 
verdanken wir Sueton. Er stammte aus Qallia und zwar ohne Zweifel aus 
Gallia cisalpina. Während seiner Minderjährigkeit verlor er in der Zeit 
der Sullanischen Wirren Hab und Gut. Seine äusseren Verhältnisse waren 
auch später dürftig; eine Villa, die er vielleicht zum Geschenk erhalten, 
musste er seinen Gläubigern abtreten. Cato war nicht bloss Lehrer, er 
war auch Schriftsteller; er verfasste über grammatische Dinge mehrere 
Schriften; auch legte er die bessernde Hand an die Satiren des Lucilius, 
wie wir aus Hör. Sat. 1, 10 erfahren; ob diese kritische Arbeit zur Voll- 
endung gedieh, können wir nicht sagen. Als Dichter fand Cato den meisten 
Anklanc? mit einer Diana und einer Lydia. Beide Gedichte wurden von 
den Genossen gepriesen; der Diana wünscht Cinna Dauer durch Jahrhun- 
derte, die Lydia wird von Ticidas als ein von den Gebildeten eifrig stu- 
diertes Werk hingestellt. Ausserdem erwähnt Sueton noch eine Schrift 
unter dem Titel „Indignatio", ohne beizufügen, ob sie ein poetisches oder 
ein prosaisches Werk sei. In derselben verteidigte sich Cato gegen die 
üblen Nachreden, welche über seine Abstammung verbreitet wurden. Am 
wahrscheinlichsten ist es, dass die „Indignatio'* eine Satire war, ebenso 
hatte Sevius Nicanor in einer Satire über seine Herkunft gehandelt. 

Sueton de granun. 11 scripsit praeter grammaticoa libelloa etiam poemnta, ex quibus 
praecipue pröbantur Lydia et Diana, Über Hör. Sat. 1, 10 vgl. Nippebdey, Opusc. p. 490. 
Mabx, Rh. Mus. 41, 553. 

99. Die Dirae und die Lydia. Unter dem Namen Yergils ist uns 
ein Gedicht mit dem Titel „Dirae** überliefert. Dass dieses Gedicht nicht 
von Vergil herrühren könne, erkannte man bald; weder Stil noch die 
Lebensverhältnisse passen auf ihn. Da nun der Autor in dem Gedichte 



144 lEtömiBche Litteratnrgeschichte. I. Die 2eit der Republik, d, Periode. 

den Verlust seines Gutes und eine von ihm geliebte Lydia erwähnte, da 
aber auch, wie wir soeben sahen, Valerius Cato sein Gut verloren und eine 
„Lydia* geschrieben, so schloss Scaliger, dass der Verfasser dieses von 
Sueton nicht erwähnten Gedichts Valerius Cato sei. Später (1792) ent- 
deckte Jacobs, dass in den Dirae zwei Gedichte zusammengeflossen seien, 
von denen das erste den Namen „Dirae" richtig führe, das zweite dagegen 
den Titel „Lydia** erhalten müsse. Gegen diese Trennung lässt sich kein 
vernünftiger Einwand erheben ; denn es sind in der That ganz verschiedene 
Situationen in den beiden Gedichten ausgeprägt. In den Dirae schleudert 
der Dichter auf das Gut, aus dem er durch einen Veteranen Lycurgus ver- 
trieben wurde und auf dem er seine Geliebte Lydia zurücklassen musste, 
allen Fluch. Misswachs, Pestilenzhauch, Verheerung durch Feuer und 
Überschwemmung soll über dasselbe kommen. Zuletzt aber wird der 
Dichter weich, er ruft ein Lebewohl dem Gute und seiner Lydia zu. Merk- 
würdig ist die Komposition des Gedichtes. Der Dichter wiederholt nur 
die Verwünschungen, welche er einst gegen sein Gut ausgesprochen. Be- 
gleitet wird er hiebei zur Rohrflöte von Battarus. Durch Schaltverse sind 
die Verwünschungen gegliedert. In der Lydia dagegen beneidet der Dichter 
die ländliche Stätte, auf die sich die Geliebte begeben, er beklagt sein 
trauriges Los der Vereinsamung, weist darauf hin, dass doch den Tieren 
die Natur das Beisammensein gestatte, dass die Götter sich ihrer Liebe 
erfreuen, dass im goldenen Zeitalter auch die Sterblichen in ihrer Liebe 
glücklich waren, und fragt zum Schluss entrüstet, warum dem gegenwär- 
tigen Zeitalter ein so hartes Los in der Liebe auferlegt sei. Man erkennt 
aus dieser Inhaltsangabe, dass beide Gedichte unvereinbar sind. Im ersten 
Gedicht ist die Lydia zurückgeblieben und der Dichter in der Ferne, im 
zweiten ist der Dichter zurückgeblieben und die Lydia fort aufs Land ge- 
gangen ; zuerst ist dem Dichter eine Gegend Gegenstand der Verwünschung, 
dann der heissesten Sehnsucht. Der vorgenommenen Teilung gemäss hat 
weiter Jacobs angenommen, dass das erste Gedicht sonach als ein von 
Sueton nicht erwähntes Gedicht „Dirae** anzusehen sei, das zweite dagegen 
als ein Teil der von Sueton angeführten Lydia. Vergleicht man aber nun 
die Lebensumstände des Valerius Cato, wie sie uns Sueton schildert, mit 
den in den Dirae vorliegenden, so ergeben sich Discrepanzen. Cato verlor 
sein Patrimonium als Minderjähriger, der Dichter der Dirae war dagegen, 
als er aus seinem Gute vertrieben wurde, im Besitz einer Geliebten, also 
ein junger Mann; bei Cato erfolgte die Beraubung allem Anschein nach 
durch Prozesschikanen, *) bei dem Dichter der Dirae durch eine Ackerver- 
teilung an Veteranen. Der minderjährige Cato hatte Hab und Gut in 
Gallia cisalpina, der Boden, den die Dirae verwünschen, lag in Sicilien. 
Sonach müssten wir Valerius Cato als Verfasser dieser Gedichte aufgeben. 
Und zu diesem Resultat sind Merkel,*) K. F. Hermann, Haupt 3) und andere 
gekommen. Trotzdem glaube ich, dass Ribbeck recht thut, wenn er die 
Autorschaft des Valerius Cato nicht aufgeben will. Einen Dichter, dem 



') Naekb, Carmina Valerü Catonis p.262. >) Opusc. 1, 119. 

*) Ovid. Ibis p. 364. 



G. liciniiis Galviui. 145 

für sein Gedicht offenbar die alexandrinischen Gattungen der Verwünschungen 
(aQai) und der Bucolica vorschweben, der also Nachahmer ist, einen Dichter, 
der seine Poesie dadurch deutlich als Reflexionspoesie kennzeichnet, dass 
er nur eine Wiederholung, eine Wiederauffrischung seiner früheren 
Verwünschungen geben will, einen solchen Dichter darf man nicht für bio- 
graphisches Detail verantwortlich machen. Ich sehe daher ganz von der 
Vertreibung durch den Veteranen hier ab, ich benütze lediglich die That- 
sache, dass in beiden Gedichten eine Lydia erscheint, dass sonach beide 
Gedichte auf einen Autor hinweisen; denn sie zu trennen und an zwei ver- 
schiedene Autoren zu verteilen, dafür liegt kein durchschlagender Grund 
vor. Der Verfasser dieser zwei Gedichte behandelt aber in dem einen allem 
Anschein nach die Ackerverteilung des Jahres 41. Um diese Zeit lebt 
aber auch Cato und von ihm ist bezeugt, dass er eine Lydia geschrieben. 
Gewiss ein eigentümliches Zusammentreffen, das uns doch dringend ermahnen 
dürfte, die Scaliger'sche Entdeckung nicht voreilig über Bord zu werfen. 

Die Scaliger'sche Hypothese hat einen scharfen Angriff durch Rothstein (Hermes 
23, 508) erfahren. Rothsteiit geht mit K. F. Hebmann davon aus, dass beide Gedichte 
verschiedenen Verfassern angehören; die Ackerverteilung der Dirae sei auf die Zeit zu 
beziehen, in der S. Pompeius auf Sicilien hauste; etwas jflnger s«)i die Lydia, denn hier 
sei in Vers 9 o fortunctti nimium muUumque beati Virgil Georg. 2. 458 o fartunatos nimium, 
8ua 8% hona^,norinty agricolas nachgeahmt. Allein es mttsste doch als ein wahres Wunder 
erscheinen, wenn so ziemlich zu gleicher Zeit drei Dichter eine Lydia besingen. 

Hauptausgabe: Carmina Valerii Catonis mit breitem Kommentar und Exkursen von 
Naeks, Bonn 1847. Femer in Ribbecks Appendix Vergiliana, Leipz. 1868 p. 167, in 
M. Haupts Vergü, Leipz. 1873 p. 576; Bähbens, Po^tae lat, min. 2, 73. — Zur Streitfrage 
Jakobs Venu. Sehr. 5, 639. K. F. Hebmann, Ges. Abb. p. 114. Ribbeok, Gesch. d. röm. 
Dicht. 1, 309. 

100. 0. Licinins Oalvus' Dichtungen. Nicht selten werden bei den 
Alten CatuUus und der Sohn des Historikers Licinius Macer, G. Licinius 
Calvus (82 — 47), zusammengenannt. Für diese Verbindung dürfte einmal 
massgebend gewesen sein die aus den Oedichten CatuUs sich ergebende 
Freundschaft beider Männer, dann aber noch mehr die Gleichheit der poeti- 
schen Richtung. Wie Catull pflegte er das Liebeslied (Ov. Trist. 2, 431), 
das Epithalamium (Prise. 1, 170 H.), das mythologische Epyllion in der Jo 
(Serv. Vergil. ecl. 6, 47. 8, 4), die Elegie in einem Gedicht auf den Tod der 
Quintilia, wahrscheinlich seiner Frau (Prep. 3, 33, 89, Catull. 96, 5), endlich 
das Epigramm (Suet. Caes. 73). Einige Citate deuten auf eine Sammlung 
seiner Gedichte, wie Charis. p. 147 K. in poemate, p. 101 K. in carminibus. 
Unter den angegriffenen Personen erscheint der aus Horaz bekannte Ge- 
sangsvirtuose Tigellius aus Sardinien, der in einem Choliambus verkauft 
wird (320, 3 Bährens); dann war Cäsar Gegenstand heftiger Befehdung; 
gegen Pompejus richtete er das beissende Epigramm (p. 322 B.) : 

Magnus^ quem metuunt omneSy digito caput uno 
Scalpit: quid credas hunc sibi veüe? virum. 

Sein Qehurtsjahr erhellt aus Plin. n. h. 7, 165. Als Cicero den Brief (ep. 15, 21, 4) 
schrieb (47 v. Ch.), war Calvus tot. Seine kleine Figur verspottet Catull 53, 5, dass er 
einen, der ein glänzendes Plaidoyer des Calvus gegen Vatinius angehört hatte, ausrufen 
lässt „Di magniy salapiUium disertum" Martial 14, 196 lesen wir ein £pigramm mit der 
Aufschrift „Calri de aqtiae frigidae usu". Wenn die Worte, die Charis. p. 81,24K. dem 
Calvus zuteilt, quorum praedulcem cibum siomachus ferre non potesty aus dieser Schrift 
entnommen waren, so war es eine prosaische. Vgl. Bähbens, Kommentar zum Catull p. 614. 

Handbuch der Um. AliertTmuwteenflchaft Vm. IQ 



146 Bömische Litteratnrgeschiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



Dagegen hat man mit Unrecht prosaische Briefe des Calvos an seine Frau angenommen; 
denn die Stelle Diom. p. 376, 1 K. ist nicht heil, vgl. die Anmerkung Keils. 

ß) M. Furius Bibaculus. 

101. Des Furius SpottpoSsie. M. Furius Bibaculus wurde zu Gre- 
mona geboren. Das Geburtsjahr 103 oder 102, welches Hieronymus an- 
gibt (2, 133 Seh.), ist irrig, er muss später geboren sein, da dies sein Ver- 
hältnis zu Cato und Orbilius bedingt. Die Schriftsteller finden seine Stärke 
in der iambischen Spottpoesie und vergleichen ihn in dieser Hinsicht mit 
CatuU und Horaz. Die drei grösseren Bruchstücke, die von seinen Ge- 
dichten uns erhalten sind, beziehen sich alle auf den Meister der Schule, 
Cato. Das erste, in dem Cato als der, welcher Dichter „macht*, gefeiert 
wird, haben wir bereits oben kennen gelernt. Das zweite nimmt den not- 
gedrungenen Verkauf der Villa desselben zum Vorwurf eines harmlosen, 
heiteren Gedichtchens; alle Fragen, scherzt der Dichter, vermag Cato zu 
lösen, nur mit dem Namen im Schuldbuch kann er nicht fertig werden. 
In dem dritten wird das genügsame Leben Catos in so anmutiger Weise 
vorgeführt, dass wir das Gedichtchen zu den Blüten der römischen Dicht- 
kunst zählen müssen. Wir lassen es hier folgen (p. 317 B.): 

81 quis forte mei domum CaUonis, 
depictas minio asstUcts, et illos 
custodis videt hortulos Priapij 
miratur, quibus ille discipUnis 
tantam sit patientiam assecutua, 
quem tres catUiculif selihra farris, 
racemi duo tegula sub una 
ad summam prope nutriant senectam. 

Aus diesen wenigen Proben ersehen wir, dass Furius Bibaculus auch andere 
Saiten als die des Spottes anzuschlagen weiss. Dagegen lehrt uns ein 
viertes nur aus einem Verse bestehendes Fragment Furius als Spötter 
kennen; er verhöhnt hier den alten Orbilius wegen seiner Vergesslichkeit ^) 
(p. 318 B.). 

Eine prosaische Schrift des Furius erwähnt Plinius praef. 24 unter 
dem scherzhaften Titel „Nachtarbeiten (lucubraüones)'^ .^) 

Tac. A. 4, 34 carmina Bibaculi et Catulli referta contumeliis Caesarum leguntur; sed 
ipse divus Julius, ipae divus Augustua et ttUere iaia et reliquere. Quint. 10, 1, 96. Man 
hat dem Furius Bibaculus auch ein Epos „über den gallischen Krieg* beilegen wollen, vgl. 
BiHBENs fr. p. 318 Comment. zum Catull p. 21, mit Unrecht, wie wir oben p. 96 dargelegt 
haben (Nippbbdet, Opusc. p. 500). 

y) C. Valerius Catullus. 

102. Gatulls Leben. C. Valerius Catullus wurde um 84 v. Ch. in 
Verona aus begüterter und mit Cäsar befreundeter Familie geboren. Seine 
dichterische Entwicklung vollzieht sich in Rom, besonders im Ki*eise gleich- 
strebender Genossen. Den in ihm schlummernden göttlichen Funken brachte 
zur reichsten Entfaltung seine Liebe zur Lesbia. Dass der Name ein er- 
dichteter ist, darf von vornherein als wahrscheinlich angenommen werden, 



*) Der Vers lautet: Orhiliua ubinam 
est, lUterarum oblivio? So kann nicht ein, 
wenn Hieronymus recht hätte, fast gleich- 



altriger Mann fragen. 

^) BlHRENs, Comment. zum CatoU p. 13. 



C. Valerins CatuUns. 147 

es wird überdies ausdrücklich von Ovid. Trist. 2, 428 bezeugt. Den wirk- 
lichen Namen Clodia hat uns Apuleius Apol. 10 überliefert. Es darf jetzt 
als ausgemacht gelten, dass diese Clodia die Schwester des bekannten 
Volkstribunen Clodius Pulcher ist. Wir kennen keine Clodia jener Zeit, 
welche der von dem Dichter geschilderten Clodia-Lesbia so gleicht wie 
diese. Um nur die Hauptähnlichkeiten hervorzuheben, die Geliebte Catulls 
war anfangs verheiratet, auch Clodia war mit Q. Caecilius Metellus Celer 
(Cons. 60) verheiratet, seit 59 war sie Witwe; um 59 — 58 bekämpft CatuU 
einen Rivalen in seiner Liebe zur Lesbia, Namens Rufus, um diese Zeit 
liebte aber Clodia den Redner Caelius Rufus; Catull berührt im 79. Ge- 
dichte unsittliche Beziehungen der Lesbia zu einem Lesbius; wenn die 
Lesbia Clodia ist, so muss ohne Zweifel Lesbius Clodius sein; von einem 
Sex. Clodius wissen wir aber (Cic. de dom. 10, 25), dass ihm gerade jene 
dort geschilderte ünsittlichkeit mit Lesbia vorgeworfen wurde ; aus Catulls 
Gedichten erhellt, dass Lesbia einen sittenlosen Wandel führte, die Rede 
Ciceros für Caelius belehrt uns, dass dasselbe von der Clodia galt und dass 
ihr Caelius deshalb den Namen „quadrantaria*^ (Quint. 8, 6, 53) gab. Die 
Geliebte Catulls war von bestechender Schönheit, Cicero erwähnt öfters 
die funkelnden Augen der Clodia (p. Cael. 20,49) und nennt sie'^HQa ßowmg 
(ad Att. 2, 9, 1). Das Liebesverhältnis zur Clodia währte etwa vier Jahre, 
von 61 — 58. Nachdem dasselbe gelöst war, schloss sich Catull im Früh- 
ling des Jahres 57 mit Helvius Cinna dem Gefolg des Propraetors C. Mem- 
mius an, der die Verwaltung der Provinz Bithynien übernahm; hier ver- 
weilte der Dichter bis zum Frühjahr 56. Auf der Heimreise besuchte er 
das Grab seines Binders in Troas. Seine Hoffnung, dort seinen Finanzen 
aufzuhelfen, war nicht in Erfüllung gegangen. Nach seiner Rückkehr 
knüpfte Catull noch das eine oder das andere Liebesverhältnis an, allein 
jene Innigkeit, wie sie in der Liebe zur Lesbia hervorbricht, gewahren 
wir nicht mehr. Mehr regte den Dichter die Politik auf, er führte einen 
Kampf gegen Cäsar, besonders aber gegen dessen Günstling Mamurra. 
Allein später trat eine Versöhnung Catulls und Cäsars ein. Ums Jahr 54 
erlöschen die Zeitanspielungen in den Gedichten; wir schliessen daraus, 
dass der Dichter nicht lange mehr nach diesem Jahre lebte. 

Hieronymus lässt Catull 87 geboren (Schoene 2, 188), 57 (58) im dreissigpsten Lebens- 
jahr gestorben sein (Schoene 2, 187). Dass das Todesjahr unrichtig ist, ergibt sich aus 
den oben erwähnten Zeitanspielungen; ist die Angabe, dass Catull im Alter von dreissig 
Jahren gestorben, nicht durch Berechnung entstanden, sondern aus Überlieferung geschöpft, 
so muss Catull etwa imis Jahr 84 geboren sein; die meisten Gelehrten nehmen aber das 
Jahr 87 als richtiges Geburtsjahr an und verwerfen das Lebensalter von 80 Jahren und 
das Sterbejahr 57 (vgl. B. Schmidt Ausg. p. LIX). Dass Catull im jugendlichen Alter ge- 
storben, steht durch Ovid. Am. 8, 9, 61 fest. 

Gegen die Identität der Lesbia-Clodia mit der Schwester des Volkstribunen Clodius 
Pulcher, welche bereits von Victorius aufgestellt wurde, äusserten Zweifel Vorlaender, De 
CatulH ad Lesbiam carminibus, Bonn 1864. Krook, quaest. Cat., Leyden 1864. Riese, 
Fleckeis. J. 105, 747. Hermes, Beitr. zu Catull, Frankf. a. 0. 1889. Die Frage wurde zum ersten- 
mal methodisch behandelt und im Sinn der Identität entschieden von Bähsens in den Analecta 
CatuU., Jena 1876 p. 1 — 21, später in den Proleg. zur Ausg. p. 31 — 85. Auf dessen Seite 
truien Schulze, Zeitschr. f. d. Gymnasialw. 28, 699. Ellis im Kommentar zum Catull p. LY. 
Magnt7S, Fleckeis. J. 118, 402. Fr. Schoell 121, 482. B. Schmidt, Proleg. zur Ausg. p. XVI. 
her des Dichters Beziehungen zu Cäsar berichtet Suet. Jul. 78: VaUrtum CatuUum, 
a quo sibi versiculis de Mamurra perpetua Stigmata imposita non dissimulaveraty satisfacien- 
tem eadem die adhibuit cenae hospitioque patris eiua, Heut consuerat, uti perseveravit. 

10* 



148 Römisohe Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

103. Die Sammlung der catullischen Gedichte. Die Gedichtsamm- 
lung CatuUs stellt sich uns dar als eine Vereinigung von drei Teilen. Im 
Anfang stehen die kleinen Oedichte in verschiedenen lyrischen Massen, in 
der Mitte die grossen und gelehrten Gedichte, am Schluss die Epigramme. 
Das Hochzeitsgedicht in lyrischem Masse (61) leitet zu dem Hochzeits- 
gedicht in Hexameter und damit zum zweiten Teil über; die Elegien des 
zweiten Teils führen hinüber zu den distichischen Epigrammen. Die Samm- 
lung ist nicht vollständig, denn wir haben Kunde von Gedichten Catulls, 
welche in dieser Sammlung sich nicht finden. Das erste Gedicht enthält 
eine Widmung an Cornelius Nepos. Dieselbe passt aber nicht auf die 
vorliegende Sammlung. In derselben redet der Dichter von einem „lepidus 
libellus^; das Corpus umfasst aber beiläufig 2300 Verse, also eine Summe 
von Versen, welche für ein einzelnes Buch von Gedichten viel zu hoch ist. 
Weiterhin bezeichnet CatuU hier seine Gedichte als „nugae", als Kleinig- 
keiten. Eine solche Bezeichnung ist aber für die grossen und gelehrten 
Gedichte durchaus nicht passend. Wir müssen demnach schliessen, dass 
sich diese Vorrede nur auf einen Teil unserer Sammlung bezog und zwar 
eine solche mit kleinen Gedichten, ferner dass dieser Teil vom Dichter 
selbst herausgegeben wurde. Martialis führt eine Sammlung von Gedichten 
Catulls mit „Passer" (4, 14; 11, 6) an. In unserer Sammlung folgt aber 
auf die Widmung das berühmte Sperlingslied. Wenn man sich nun erinnert, 
dass die Alten oft Schriftwerke so citieren, dass sie nur das erste Stück nam- 
haft machen, so wird man zu der Annahme gedrängt, dass jene Sammlung 
, Passer" wenigstens im Anfang mit der unsrigen identisch war, dass sie 
aber nicht die grossen Gedichte enthielt. Mit dem vom Dichter selbst 
herausgegebenen „Passer" wurden noch andere Gedichte Catulls verbunden. 
Diese Verbindung nahm aber nicht der Dichter selbst vor, denn unser 
Corpus nimmt so wenig Rücksicht auf den Leser und erschwert durch 
Trennung des Zusammengehörigen und durch die Störung der Zeitfolge so 
das Verständnis, dass man den Dichter unmöglich als Urheber dieser Ver- 
wirrung betrachten kann. Auch nicht durch handschriftliche Störung er- 
klärt sich dieselbe. Also hat ein anderer die Gedichte zusammengestellt. 
Woher nahm er dieselben? Die Annahme, dass Catull bloss den „Passer" 
herausgegeben und die übrigen Gedichte aus seinem Nachlass hinzukamen, 
ist unwahrscheinlich. Catull wird noch andere Ausgaben seiner Gedichte 
veranstaltet haben. Hätte der Redaktor diese einfach zusammengestellt, 
so würden wir in der Chronologie der Gedichte nicht mit den grossen 
Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die uns jetzt bedrücken. Allein da- 
durch, dass der Redaktor nach einem neuen Prinzip die Gedichte anordnete, 
musste er die vorhandenen Sammlungen zerreissen; dadurch ist aber das, 
was der Dichter zusammengestellt hatte, selten beisammengeblieben. 

Bezüglich des Passer besteht eine Differenz; manche meinen, derselbe hätte nicht 
mit einem Widmungsgedicht an Nepos beginnen können, das Sperlingslied müsse den An- 
fang machen; sie nehmen daher eine zweite Sammlung mit dem Widmungsgedicht an der 
Spitze an (Schkidt Proleg. XCIV). Allein dass das Widmungsgedicht eine Sonderstellung 
emnimmt, erhellt aus Mart. praef. zu 1. IX. 

Litte ratur: Westphal, Catulls Gedichte in ihrem geschichtl. Zusammenhange, Bresl. 
1867. Süss, Catulliana in den Acta seminar. £rlang. 1, p. 1—48, bes. p. 27. Richter, Gatul- 
Jiana, Leipz. 1881. Bbun^b, De ordine et temporibua carminum V. C, in Acta soc. scient. 



C. ValeriiiB Catallns. 



149 



Fennicae 7, 599 (bahnbrechend). Schulze, Catullforschungen (in der Festschrift des Friedr. 
Werderschen Gymn. zu Berlin), Berl. 1881 und Fleckeis. J. 1885 p. 857. Bibt, Das antike 
Buchwesen, Berl. 1882 p. 401. 

104. Gatulls grossere Gedichte. In der Beurteilung des Dichters 
wird es nötig sein, die grösseren Gedichte von den kleineren, seinen „nugae", 
zu trennen; denn in jenen ist er der Dichter der Schule, hier der Dichter 
des Lebens; dort gilt es, seine Belesenheit in der Mythologie zu zeigen 
und einen gegebenen Faden kunstvoll weiterzuspinnen, hier das, was das 
Herz bewegt, auszusprechen. Den Reigen der grossen Gedichte eröffnen 
zwei Hochzeitslieder (Epithalamien) Nr. 61 und Nr. 62. Das erste ist für 
die Hochzeit des Manlius Torquatus und der Vinia Aurunculeia bestimmt; ^) 
es ist in lyrischem Masse abgefasst und auf 2 Chöre verteilt, in der ersten 
Hälfte hören wir den Chor der Jungfrauen, dann den Chor der Jünglinge. 
Mit einer Anrufung des Hymenäus beginnt das Lied, dann wird die zag- 
hafte Braut aufgefordert, zu erscheinen und sich ins Haus des Bräutigams 
führen zu lassen. Auf dem Wege dahin ertönt nach alter Sitte Scherz 
und Spott auf den Bräutigam. Als der Zug vor dem Hause des Torquatus 
angekommen war, mahnt der Chor die Braut, ins Gemach zu treten, wo 
ihrer der liebestrunkene Bräutigam harret. Liebliche Bilder ehelichen 
Glückes malt der Chor. Man lese die zarten Verse (216): 

Torquatus volo parvulus 

matris e gremio suae 

porrigens teneras manus 
dulce ridecU ad patrem 

semhiante labello. 

Die Aufforderung, das Gemach zu schliessen, schliesst auch das Gedicht. 
Dies ist der äussere Rahmen einer ungemein zarten und innigen Schöpfung. 
Anderer Art ist das Hochzeitsgedicht 62; es stellt uns einen Wettgesang 
zweier Chöre, eines Jünglingchors und eines Jungfrauenchors, dar. Ln 
Wesen eines solchen Wechselgesangs liegt es, dass Bild und Gegenbild 
einander ablösen. So vergleichen die Jungfrauen das von dem Manne 
berührte Mädchen mit dem geknickten Blümlein des Gartens, die Jünglinge 
dagegen die dem Mann sich ergebende Jungfrau mit der Weinrebe, die 
sich an der Ulme emporrankt. Sehr interessant sowohl wegen des Stoffs 
als wegen des Yersmasses ist das Gedicht 63. Attis ist mit seinen Ge- 
nossen übers Meer nach Phrygien gekommen; dort entmannte er sich, von 
religiösem Wahn ergriffen; ihm folgen die Genossen, Attis greift nun zum 
Tjrmpanon und fordert seine Begleiter auf, mit ihm zum Hain der Göttermutter 
zu wandern, deren Kult er mit frischen Farben schildert. In wildem Rasen 
bewegt sich der Zug dahin. Angelangt überkommt die Schar Müdigkeit; 
sie sinkt in tiefen Schlaf. Als Attis erwachte, standen vor seinen Augen 
die Folgen seiner That, ihn ergreift Sehnsucht nach dem Vaterland, nach 
dem Elternhaus, nach der Palästra; er vergleicht, was er war und was er 
jetzt ist; ihn überkommt tiefe Reue. Dies hört die Göttermutter, sie löst 
einen ihrer Löwen und stachelt ihn auf zu wildem Rasen. Attis flieht in 
den Hain zurück, er bleibt fürs Leben der Gottheit Diener. Die Kunst 



^) ,In der Litteratur aller Völker gibt 
es nichts, was so sehr gesunde Sinnlichkeit, 
reines Familienleben und harmlose Festfreude 



atmet als dieses Lied" (Eyssenhardt in seiner 
Biogr. B. G. Niebuhrs p. 280). 



150 BOmisohe LitteratargeBoliichte. I. Die Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

dieses einem alexandriniscben Muster nachgebildeten Gedichts ruht nicht 
in der Schilderung des Vorgangs — hier sind sogar Lücken wahrnehmbar 
— sondern in der meisterhaften psychologischen Charakteristik. Auch die 
metrische Technik des Dichters ist bewunderungswürdig, es war ein schwie- 
riges Mass, der versus Galliambicus, hier zu bewältigen. Das ausgedehnteste 
Gedicht ist das 64., die Hochzeit des Peleus und der Thetis, ein ganz in 
alexandrinischer Manier gearbeitetes Epyllion. Der anmutige Dichter 
schildert, wann Peleus in Liebe zur Thetis entbrannte, und führt uns dann 
zum glänzenden Hochzeitshaus, wir sehen das Brautbett mit einem Teppich, 
in den die Geschichte des Theseus und der Ariadne eingewoben war. Dies 
benützt der Dichter zu einer Episode, welche die Hälfte des Gedichts ein- 
nimmt; aber selbst diese Episode schreitet nicht geradlinig fort. Erst mit 
V. 265 wird der Faden wieder aufgenommen, es kommt das Hochzeitsmahl 
und hier singen die Parzen das Hochzeitslied, in dem der künftige Sprosse 
verherrlicht wird. Mit dem Hinweis auf die glückliche Zeit, in der die 
Götter noch mit den Menschen verkehrten, klingt das Gedicht aus. Trotz 
der nicht straffen Komposition ist das Epyllion wundervoll und entzückt 
durch eine Reihe kunstvoll gearbeiteter Einzelgemälde von verschiedener 
Farbe. Während wir dieses Epyllion als eine selbständige Dichtung, wenn- 
gleich nach alexandrinischem Vorbild zu betrachten haben, liegt uns in 
Gedicht 66 die Übersetzung eines Callimacheischen Gedichtes vor, welche 
er, um seinen Schmerz über den Tod seines Bruders zu lindern, auf An- 
regung des Redners Hortensius Ortalus gemacht und ihm in dem schönen 
Gedicht 65 zugesandt hatte. Dieses CalUmacheische Gedicht ist die Locke 
der Berenike {TtXoaafiog BcQcvixrfi)^ die erzählt, wie sie Sternbild geworden 
sei. Die Königin Berenike hatte nämlich für den Fall der glücklichen 
Rückkehr ihres Gemahls aus dem Kriege ihr Haar den Göttern gelobt. 
Als dies eingetreten war, wird die Locke in einem Tempel niedergelegt, 
dort verschwindet sie, der Astronom Conen entdeckt sie aber als Sternbild 
am Himmel. Trotz der ihr widerfahrenen Auszeichnung sehnt sich doch 
die Locke nach dem Haupte ihrer Herrin zurück. Es folgt im 67. Gedicht 
ein Gespräch mit einer Thür, welche von schmutzigen Geschichten zu be- 
richten weiss. Das letzte der von uns zu behandelnden Gedichte (68) ist 
eine Elegie, welche der Dichter in Verona schrieb, als er noch sehr von 
Kummer über den Tod seines in Troas verstorbenen Bruders niedergedrückt 
war. Sie ist an M*. Allius gerichtet, den eben auch Unglück in der Liebe 
getroffen und der den Dichter bittet, ihm zum Trost Liebesgedichte zu 
übersenden. In seiner jetzigen Stimmung kann der Dichter nur ein Loblied 
auf M'. Allius geben, indem er schildert, wie ihm Allius in seiner Liebe 
behilflich gewesen. Dies gibt ihm Anlass, in anschaulichen Bildern seine 
Liebe auszumalen und die Geliebte mit der Laodamia zu vergleichen. Das 
Geschick, das dem Gatten derselben, Protesilaus, widerfahren, bringt ihn 
auf Troja und damit wiederum auf den Tod seines Bruders; er kehrt zu 
Laodamia zurück und schildert ihre Liebe durch packende Vergleiche. 
Dann erinnert er sich wieder der mit Laodamia verglichenen Geliebten. 
Zum Schluss wendet sich der Dichter an Allius und wünscht ihm alles 

*) Ich folge in der Erklärung M. Haupt. 



C. Valeriiis Gatnlliis. 151 

Gute. In diesem Gedicht ist besonders die zur reichen Anwendung ge- 
kommene Kunst der alexandrinischen Digressionen beachtenswert. Es ist 
anmutig, zu sehen, wie den Dichter die Welle der Gnmdstinmiung von 
einem Gedanken zu andern hinübergeleitet. 

Litteratur: Wbidenbach, de Catullo Callimdchi Imitatoren Leipz. 1873. Bokin, 
Unters, über das 62. Ged., Bromb. 1885. Fübst, de CatuUi carmine 62, Melk 1887. Über 
das 68. Ged. handelt Wilahowitz, Die Galliamben des Eallimachos und Catullus (Hermes 14, 194 
bis 20i). Das 66. Gedicht besprechen Couat, Im Poesie Aleopandrine, Paris 1882 p. 113; 
Vahlen, Über ein alex. Gedicht des Catullus (Sitzunxsber. der Berliner Akademie 20. Dez. 
1888 p. 1361 mit einem Nachtr. 31. Jan. 1889 p. 47). über das 67. Ged. spricht B. Schmidt in 
seiner Ausg. p. XLVII; Dbachmann, De CatuUi carmine 67 (Wochenscnr. f. klass. Philol. 
5, 538). Auf die £rklllrung des 68. Gedichts und die Frage, ob dasselbe als einheitUohes 
zu bedachten sei, beziehen sich folgende Abhandlungen: Eiessliko, Analecta CatuUiana, 
Greifsw. 1877; F. Scholl, Fleckeis. J. 1880 p. 471; M. Schmidt ebenda p. 780. BXhrbns, 
Die Laodamiasage und Catullus* 68. Ged. (Fleckeis. J. 115, 409); Habnecksb, Das 68. Ge- 
dicht des C, fViedeberg 1881 (Bbboeb «Moritz Haupt" p. 247 gibt die Hauptsache Erklärung). 

105. Gatulls kleine Gedichte. Nugae nennt Catull seine kleinen 
Gedichte, allein durch diese nugae ist er der grösste lyrische Dichter der 
Römer geworden, eine eigenartige Erscheinung in der gesamten römischen 
Litteratur. Das was der römischen Lyrik anhaftet, das Reflektierte und 
Rhetorische fehlt diesen kleinen Gedichten vollständig. Sie haben nichts 
Gemachtes, nichts Erkünsteltes; in ihnen gibt uns der Dichter, was sein 
Herz ergriffen hat, er redet darum auch zu uns in der einfachen Sprache 
des Herzens. Überall voll der tiefsten Empfindung weiss er auch dem 
Leser seine Stimmung mitzuteilen und ihn mit sich fortzureissen. Am 
meisten ziehen uns die Lesbialieder an, in denen uns der Dichter sein 
Liebesglück und sein Liebesleid schildert. Wenn es uns jetzt auch nicht 
mehr gelingen will, die chronologische Reihenfolge jener Perlen der Poesie 
herzustellen, so gewahren wir doch deutlich die Entwicklungsphasen dieser 
Herzensgeschichte. Die aufkeimende Liebe spricht sich in dem hohen 
Liede 51 aus, das einer Ode der Sappho nachgebildet ist, und in dem Ge- 
dicht auf den Sperling der Geliebten (3). Der volle Jubel des Liebesglücks 
klingt durch die Lieder 5 und 7, in denen der Dichter der Küsse nicht 
satt werden kann. Doch ist der Seligkeit keine lange Dauer; dem „Himmel- 
hochjauchzend" folgt nur zu bald das „Biszumtodebetrübt** ! Dem Dichter 
kommen Zweifel ob der Treue der Geliebten an; er rafft sich zur Entsagung 
auf, in dem schönen Gedicht 8 ruft er sich zu, was verloren, als verloren 
anzusehen und festen Sinnes auszuhalten. Allein wer wird dem Dichter 
Standhaftigkeit genug zutrauen? Es fand eine Versöhnung zwischen den 
Liebenden statt, Lesbia bot zuerst die Hand. Der Dichter segnet den Tag 
und ist der glücklichste der Sterblichen (107). Allein auch diesmal sollte 
Catull nicht lange seiner Liebe froh werden. Es wurde ihm zur bitteren 
Wahrheit, dass Lesbia seiner Liebe unwert sei. Lesbia, ruft er, die Lesbia, 
welche Catull einst so heiss geliebt, ist zur Strassendirne geworden (58). 
In einem wunderschönen Gebet fleht er zu den Göttern, ihn von der Krank- 
heit, die ihn bis ins innerste Mark getroffen, zu erlösen (76). Und sie 
erlösen ihn; voll Resignation erzählt er später, dass seine Liebe durch ihre 
Schuld dahinsank wie ein Blümlein am Wiesensaum, nachdem es die Pflug- 
schar berührt. 

Ausser den Lesbialiedern fesseln sehr durch die Linigkeit des Tones 



152 BOmiBche LHteratnrgeschiolite. I. Die Zeit der Republik. 2, Periode. 

die Gedichte auf den Tod seines Bruders. Aber auch reizende Freundes- 
lieder bietet uns das Liederbuch, wie jenes, welches die Liebe des Septi- 
mius zur Akme so traulich schildert (45), und das an Galvus gerichtete (50), 
aus welchem die Liebe zum Freunde so hell hervorleuchtet, ferner liebliche 
Landschaftsbilder wie das entzückende Lied auf die Halbinsel Sirmio (31), 
dann Schilderungen von heiteren Erlebnissen wie die ergötzliche Erzählung, 
wie ihn das lose Liebchen des Yarus aufsitzen liess (10), und die lustige 
Anekdote vom kleinen Calvus (53). Die Kehrseite zu diesen zarten Ge- 
dichten bilden die Invektiven, die Catull gegen seine Feinde und Gegner 
richtet. Da ist vor allem der Machthaber Cäsar und sein Günstling Ma- 
murra, die mit unbändigem Hass verfolgt werden, da ist der Bruder des 
Asinius Pollio, Asinius Marrucinus, der ihm eine Serviette gestohlen, da 
ist der Hungerleider Aurelius und sein Kamerad Furius, die ihm in einer 
Liebesaffaire mit dem schönen Juventius im Weg stehen. Da ist Gellius, 
der die Lesbia liebt, ihn auch in Epigrammen angegriffen, und noch viele 
andere, gegen die Catull seine giftigen Pfeile sendet. Wir staunen: dort 
ein Dichter, der die süssesten Töne anzuschlagen weiss, hier ein Dichter, 
glühend von wildem Hass, dort die Leidenschaft der Liebe, hier die Leiden- 
schaft des Hasses. Und in dieser Leidenschaftlichkeit zerreibt sich der 
Dichter, wie er selbst bekennt (85): 

Odi et amo, Quare id faciam, fortasse requiris . 
nesciOf sed fieri sentio et excrucior, 

„In einem Distichon ein ganzes Menschenleben,*" bemerkt M. Haupt. 

Litte ratur zu den kleinen Gedichten: Über die Lesbialieder vgl. zu § 102. Rettio, 
de epifframmatis in Gellium scriptis, Bern 1881. Harneckeb, Des Catullus Juventinslieder 
(Fleckeis. J. 133, 273). Über das an Cicero gerichtete Gedicht 49 vgl. Habkeckeb, Cicero 
und Catullus (Philol. 41,465), wo die übrige Litteratur verzeichnet ist. Ablt, Catulls 36. Ged., 
Wohlau 1883. Habneckeb, Zum 36. Ged. (Bayr. Gymnasialbl. 21, 556). Teijbeb, Fleckeis. J. 
137, 777. 

Allgemeine Litteratur zur Würdigung CatuUs: Ribbeck, C. Valerius Catullus, 
eine litterarhistorische Skizze, Kiel 1863. Couat, ^ude sur Catullus, Paris 1875. Nett- 
LESHiP, Catullus in Fortnightly Review, Mai 1878 und in dessen Lectures and Essays, 
Oxf. 1885. 

106. Fortleben Catulls. Das Fortleben Catulls zeigt sieh am ein- 
dringlichsten in den Spuren, welche er bei den späteren Dichtern zurück- 
gelassen hat. Vergil, Properz, Ovid zeigen vielfach Anklänge an Catull, 
so dass man sieht, dass er ein viel gelesener Autor war. Unter den nach- 
folgenden Dichtern fühlt sich besonders Martialis zu Catull hingezogen. 
Aus den Briefen des jüngeren Plinius erkennen wir, dass der Dichter auch 
damals in den Herzen der Gebildeten lebte. Die Gelehrten in der Zeit 
der Antoninen lasen ebenfalls eifrig den Dichter, wie dies aus Gellius er- 
hellt. Von da an werden die Spuren Catulls seltner; im Mittelalter ver- 
lieren sie sich. Eine genauere Kunde des Dichters bringt uns das Jahr 
965. Damals las der Bischof Rather von Verona den Catull, offenbar 
nach einer eben in Verona aufgefundenen Handschrift. Dann aber ver- 
schwand wiederum Catull, bis er im Anfang des XIV. Jahrh. (vor 1330) 
zum zweitenmal in Verona zum Vorschein kam. Dieses Wiederauferstehen 
des Dichters von den Toten wird in einem dunklen Epigramm des Ben- 
venuto de Campesanis aus Vicenza gefeiert. Wir dürfen vermuten, dass 



C. HelviuB Cixma und andere Dichter. 153 

dieser aufgefundene Kodex derselbe war, den Rather in Händen gehabt 
hatte. Jetzt werden Abschriften von dem Kodex genommen, Catull war 
damit der gebildeten Welt erhalten. Ausser diesem Yeroneser Kodex, 
dessen Spuren wir zum letztenmal 1456 verfolgen können, haben wir noch 
eine zweite Quelle der Überlieferung, aber dieselbe fliesst nur für ein 
einziges Gedicht, nämlich 62. Es ist dies eine Anthologie lateinischer 
Gedichte, welche etwa im VIII. Jahrh. gemacht wurde. 

Für das Fortleben des Dichters vgl. den Index der Stellen, wo Catall oder Verse 
von ihm erwähnt sind, in Schwabbs Ansg., Berl. 1886. Daivysz, De acriptorum rom, 8tud, 
Catull.y Breslau 1876. Pauckstadt, De Martiale CatuUi imitatare, Halle 1876 (womit zu 
vergl. die Martialausgabe FbiedlXkders). Süss in den Catulliana JNachklänge Gatullischer 
Poesie) in den Acta seminarii philol. Erlangensis 1 (1878) p. 6. Zingerle, Ovid und sein 
Verhältnis zu den Vorgängern und gleichzeitigen röm. Dichtem 1. Heft (1869) Ovid, Catull, 
Tibull, Properz. Vgl. die zusammenfassende Übersicht der Nachahmer von Magnus in 
Burs. Jahresb. H. Abt. 51 Bd. (1887) p. 239. 

Überlieferung. Da alle Catullhandschriften direkt oder indirekt auf den Veronensis 
zurttckgehen, so ist die Aufgabe der Recensio klar vorgezeichnet: „Wiederherstellung 
des verlorenen Codex Veronensis.* Führer sind hiebei der Codex Sangermanensis 
in Paris (G), 1875 in Verona geschrieben und der gleichalte oder nicht viel jüngere Oxo- 
niensis (0). Ein drittes apographon aus der Schar der übrigen aus dem 15. Jahrhundert 
stammenden Handschriften zu konstruieren, ist wegen der Interpolationen, welche dieselben 
erfahren, mit fast unübersteiglichen Schwierigkeiten verknüpft; wir können daher diese 
Quelle nur mit der grdssten Vorsicht benützen. Für das Gedicht 62 ist dagegen noch eine 
von dem Veronensis unabhängige, aber mit ihm auf denselben Ursprung zurückgehende 
Handschrift, der Thuaneus (T) in Paris ans dem Ende des IX. Jahrh. vorhanden. Stdow, 
de recensendis CkUüUi carminibus, Berl. 1881. 

Ausgaben: Erste epochemachende Ausg. von LAcmiAinf, Berl. 1829. Catall. Tibull. 
Propert. rec. M. Haupt, Leipz. 1853 (1861, 1868, die Ausg. 1879 und 1885 sind von Vahlbh 
besorgt). Wertvoll die Abhandlungen Haupts über Catull Opusc. I. Bossbagh 1854 (1860). 
L. MüLLEB (mit Tibull u. Propert. u. a.), Leipz. 1870 (1874). Schwabe, Giessen 1866 (mit 
ausführlichen Prolegomena). Ellis, Oxf. 1867 (1878). A Commentary an Catiälus, Oxf. 1876. 
Bahrens, Leipz. 1876 (mit grundlegendem Apparat, aber durch willkürliche Konjekturen 
sehr entstellt; hiezu ein latein. Kommentar, Leipz. 1885). Schwabe, Berl. 1886. B. ochmidt, 
Leipz. 1887 (auf Grundlage der Haupt'schen Ausgabe d. J. 1868). Riese, Leipz. 1884 (mit 
deutschem Kommentar). Th. Hetse 1855 (Text und gelungene deutsche Nachbildung im 
Original versmass) . 

d) C. Helvius Cinna und die übrigen Dichter der Schule. 

107. Cixmas Smyrna und Propempticon. Auch C. Helvius Cinna 
stammte, wie es scheint, aus Oberitalien; denn er erwähnt dortige Gegenden 
in seinen Gedichten (fr. 1 und 13 B.). Mit Catull war er in Bithynien 
(Cat. 10, 29);^) er brachte von dort ein Exemplar des Aratos mit, das er 
einem Freunde mit zwei Distichen übersandte (fr. 11). Das Hauptwerk 
des Cinna ist die Smyrna, ein Gedicht, an dem er, obwohl es massigen 
Umfangs war, neun Jahre arbeitete (Catull. 95). Der Stoff ist alexandri- 
nisch. Das Gedicht behandelt nämlich die unnatürliche Liebe der Smyrna 
zu ihrem Vater und die Frucht dieser Liebe, den Adonis. Die neunjährige 
Arbeit bei einem verhältnismässig kleinen Gedicht ist nur erklärlich, wenn 
auf die Technik und die Feile nach alexandrinischer Manier ein übergrosses 
Gewicht gelegt wurde. Als sein zweites Werk wird genannt ein Geleits- 
gedicht (Propempticon) für Asinius PoUio, als dieser eine Reise nach 
Griechenland antrat. Beide Gedichte waren so dunkel, dass sie kommentiert 
werden mussten. Zur Smyrna schrieb in der Zeit des Augustus L. Crassicius 
aus Tarent einen Kommentar, über den ein spöttisches Epigramm in Um- 

Haupt, Op. 1, 72. 



154 Römische Litteratnrgeschichte. L Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



lauf war (Suet. gr. 18); das Propempticon kommentierte Hyginus (Charis. 
p. 134 K.) Wie es scheint, war der Meister, dem Cinna in diesen beiden 
Gedichten nacheiferte, Parthenius von Nicaea. Auch dieser hatte ein Pro- 
pempticon^) gedichtet, ferner über den Mythos der Smyrna gehandelt. 2) 
Ja noch mehr; auch persönliche Beziehungen bestanden allem Anschein 
nach zwischen beiden Dichtern. Wie wir bereits § 97 bemerkten, ist es 
wahrscheinlich, dass der Cinna, in dessen Hände Parthenius nach Eroberung 
von Nicaea kam, der Vater unseres Dichters ist. Ausser diesen beiden 
Hauptgedichten schrieb er noch erotische Gedichte {illepida bei Gell. 19, 9, 7), 
Choliamben (fr. 2) und Epigramme (fr. 11), deren wir eines eben kurz be- 
zeichneten. 

Vergil klagt Ecl. 9, 35 neque adhuc Vario videor nee dicere Cinna digna; es scheint 
daher, dass wie Varius so Cinna damals (40 v. Ch.) noch am Lehen war. Ist dies richtig, 
so kann die Notiz Plutarchs Brut. 20, dass der „noirjnxog ayijg*' Cinna hei Cäsars Leichen- 
feier umkam, nicht richtig sein. Eiesslino, de Helvio Cinna poHa in den Commentationes 
Momms. p. 351—355. 

106. Die übrigen Dichter des Kreises. Zu der jungrömischen 
Dichterschule müssen wir noch folgende Poeten zählen: 

1. C. Memmius, den bekannten Statthalter von Bithynien 57 v. Ch. 
Schon der Umstand, dass der Prätor die jungen Dichter Helvius Cinna und 
Catull seiner Kohorte einreihte, zeigt, dass ihm die Richtung der neuen 
Schule sympathisch war. Cicero schildert ihn als enthusiastischen Verehrer 
der griechischen Litteratur (Brut. 70,247); aber er war auch Dichter; nach 
Ovid. Trist. 2, 433 schrieb er erotische Gedichte, von denen uns ein Vers 
erhalten ist (p. 326 B.). 

2. Ticida s. Ein Lob auf die Lydia des Valerius Cato zeigt uns 
die Schule, der er angehört. Er war Erotiker; seine Geliebte war Metella, 
die er unter dem Namen Perilla feierte (Apul. apol. 10). Ausser dem 
lobenden Pentameter auf die Lydia haben wir noch ein glykoneisches 
Fragment aus einem Hymenaeus (p. 325 B.). 

3. Q. Cornificius. An Cornificius ist das Gedicht 38 CatuUs ge- 
richtet, in dem derselbe um etwas Trost (maestius lacrimis Simonideis) 
gebeten wird. Ist schon daraus auf einen Dichter zu schliessen, so wird 
dies noch durch andere Zeugnisse bestätigt. Ovid führt ihn an der be- 
kannten Stelle Trist. 2, 436 unter den Erotikern auf. Auch Hieronymus 
nennt ihn einen Dichter, wie seine Schwester Cornificia, von der es aus- 
gezeichnete Epigramme gab. Dieses Zeugnis berichtet ferner, dass Corni- 
ficius, von seinen Soldaten, die er „behelmte Hasen* nannte, verlassen, im 
J. 41 fiel. Dies kann nur in Afrika gewesen sein, welche Provinz er vom 
Senat nach Cäsars Tod erhielt und welche er nach Errichtung des Trium- 
virats nicht an Octavian abtreten wollte.*) Nur zwei Fragmente sind von 
seinen Gedichten erhalten, eines aus einem Epyllion Glaukos und ein 
Hendekasyllabus (325 B.). Als Redner werden wir später Cornificius kennen 
lernen; wie als Dichter, so ist er auch als Redner Anhänger der jung- 
attischen Richtung. 



M Meikske, Anal. Alex. p. 272. 
«) MBIlfBKB 1. c. p. 279. 



') Dbumann, Gesch. Roms 2, 619. 



P. Terentios Varro. 155 

Hieronym. zum J. 41 (2, 139 Seh.) Cornificius poeta a müUibus desertus interiit, quoa 
saepe fugientes qcHeaioa lepores appeUarat. Huitis soror Cornificia, cuius insignia extant 
epigrammata. Von einem Cornificius wird noch ein etymologisches Werk üher die Grötter- 
namen (de etymis deorum Prise. 1, 257 H.; das dritte Buch citiert Maeroh. 1, 9, 11) angeführt; 
in demselben war Ciceros de natura deorum (44 vollendet) berücksichtigt. Es ist nicht 
wahrscheinlich, dass dieses Werk von unserem Dichter stammt. Für solche Dinge hatte 
wohl Cornificius damals am wenigsten Müsse. Berok, De Cornificio poeta Opusc. 1, 545 
teilt auch diese Schrift dem Dichter Cornificius zu und erblickt in demselben auch den 
obtrectator Vergilii (darüber werden wir genauer unter Vergil handeln). 

4. Cornelius Nepo 8. Erotische Gedichte von ihm erwähnt Plin. 
ep. 5, 3, 6. Das schöne Widmungsgedicht, nach dem er den „nugae^ CatuUs 
hohen Wert beimäss, wird uns den Schluss gestatten, dass er auch in 
seinen Kleinigkeiten dem von ihm bewunderten CatuU nacheiferte. 

Einen Dichter des Kreises, Caecilius aus Novum Comum, nennt CatuU im Gedicht 85; 
derselbe hatte ein Epyllion auf Cybele angefangen, ob dasselbe vollendet wurde, wissen wir 
nicht. Vielleicht dürfen wir auch, obwohl hier ein äusseres Zeugnis fehlt, Q. MuciusScae- 
vola hieher stellen, den Freund Q. Ciceros, mit dem er 59 in Asien war. Es ist uns ein 
Enigranmi auf Ciceros Gedicht ^Marius** erhalten, femer ein griechisches Epigramm in der 
Pfälzer Anthologie 9, 217 „auf ein Kunstwerk, das eine Bildsame des Pan zwischen mutwillig 
kämpfenden Ziegen abbildete''. Epigramme auf Schöpfungen der^Kunst und Litteratur waren 
nämlich bei den Alexandrinern beliebt. Vgl. Haupt Op. 1,211. 

Gar nicht näher bekannt ist L. Julius Calidus, qi*empo8t Lucretii Catullique mortem 
multo elegantissimum poetam nostram tulisse aetaiem vere videor posse contendere neque 
minus virum bonum optimisque artibus eruditum. Ihm leistete Atticus einen grossen Dienst, 
indem er ihn post proscriptionem equitum propter magnas eius Africanas posaessiones in 
proscriptorum numerum a P, Volumnio, praefecto fabrum Antonii, abaentem relatum expe- 
divU (Com. Nep. 25, 12, 4). 

6. P. Terentius Varro. 

109. Verbindung der nationalen und alezandrinischen Richtung. 

P. Terentius Varro, geb. 82, stammt aus Atax im narbonensischen Gallien. 
In diesem Dichter finden wir die nationale und alexandrinische Richtung 
vereinigt. Die nationale Richtung fand ihren Ausdruck in einem Epos über 
den Krieg Cäsars gegen die Sequaner, in dem bellum Sequanicum, aus dem 
uns Priscian 1, 497 H. einen einzigen Hexameter mitgeteilt hat, dann in 
Satiren, die wir nur aus Horaz kennen, der in den Satiren 1, 10, 46 über 
sie ein ungünstiges Urteil fällt. Alexandrinische Studien, wenngleich andere 
als die von Catull und Genossen gepflegten, dagegen bekunden die Argo- 
nauten, eine Bearbeitung des gleichnamigen Gedichts des Apollonios, mit 
dem Beinamen des Rhodiers, welches das begeisterte Lob Ovids (Am. 1,15, 28) 
erntet, dann ein geographisches Gedicht, eine Chorographie, wahrschein- 
lich nach Alexander von Ephesos, endlich eine Witterungskunde (Ephemeris) 
nach Aratos. Diese drei Gedichte waren in Hexametern abgefasst. End- 
lich schrieb er auch Elegien, von denen uns lediglich Propertius 3, 34, 85 
und Ovid Trist. 2, 439 berichten, der erste Autor nennt auch die Geliebte 
Varros, Leucadia. Es fragt sich, ob Varro diesen beiden Richtungen zu 
gleicher Zeit folgte oder ob sich dieselben zeitlich ablösten. Da Hieronymus 
erzählt, dass Varro im Alter von 35 Jahren sich mit dem grössten Eifer 
auf die griechische Litteratur geworfen, da ferner Propertius an der ange- 
gebenen Stelle die Mitteilung macht, dass Varro nach Vollendung der 
Argonautica Elegien geschrieben, so sind wir gezwungen, die alexandrini- 
schen Dichtungen in die spätere Lebenszeit des Dichters zu rücken. Nach 



156 BOmiflche Litteratargescliichta. I. Die Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

den erhaltenen Fragmenten müssen wir die Darstellungskunst Varros hoch 
stellen; vergleicht man z. B. das bekannte Fragment der Argonauten, das 
die Ruhe der Nacht schildert, mit dem Original des Apoll. 3, 749: 

ov <f(^ xvywy vXax?j et* avd ntoXvv, ov d^goog ^ey 
VXV^^^ ' ^^7^ ^^ fisXatyofiiytjy l/cv 6Q(pytjy 
desierant latrare canes urbesque silebant: 
omnia noctis eranty placida composta quiete, 

SO wird man der Nachbildung den Vorzug einräumen müssen. 

Hieronym. 2, 133 Seh. zu 82 v. Ch. P. Terentius Varro vico Ätace in provincia 
Narbonensi nascitur . qui poatea XXXV . annum cogens graecas lUteras cum aummo studio 
didicit. Prop. 3, 34, 85 haec quoque perfecto ludebctt Jasons Varro, Varro Leucadiae maxima 
flamma suae. Vgl. Ovid. Tnst. 2, 439. — Wüllnbb, De P. T, V. vita et scriptis, Münster 
1829. Die Fragmente bei Riese, Varr, sat. Menipp, p. 261 ; bei Bähbens p. 332. 

7. Die übrigen Dichter. 

110. Annalen und Lehrgedichte. Ausser den epischen Gedichten 
der Ciceronischen Brüder, die wir geeigneten Orts besprechen wollen, sind 
noch die Annalen des Volusius zu verzeichnen. Dieser Dichter ist uns nur 
durch Catull bekannt, der seiner in zwei Gedichten in nicht erfreulicher 
Weise gedenkt; im Gedicht 36 werden die „Annales Volusi, cacatu charia^ 
dem Feuer geweiht als scripta pessimi poetae; im Gedicht 95 heisst es: 

At Volusi annales Paduam morientur ad ipsam 
et laxas scombris saepe dabunt tunicas. 

Aus diesen Versen wird man auf Padua als Heimat des Dichters schliessen 
müssen.^) 

Lehrgedichte treten uns zwei entgegen, eine Darstellung der Lehre 
des Empedokles, das einem Sallust beigelegt wird. Wer dieser Sallust 
war, ob der Historiker oder Cn. Sallust, der in Ciceronischen Briefen vor- 
kommt, lässt sich nicht entscheiden. Über dieses Gedicht fällt Cicero in 
der bekannten Stelle, in der von Lucretius gesprochen wird (ad. Q. fr. 2, 9) 
ein höchst ungünstiges Urteil; es seien starke Manneskräfte, heisst es, 
nötig, um es durchlesen zu können. Das andere Lehrgedicht mit dem Titel 
de verum natura wird einem Egnatius von Macrobius 6, 5, 2 zugeschrieben. 
Zwei Fragmente sind uns daraus überliefert, von denen das zweite den 
hereinbrechenden Morgen nicht übel schildert (1. c. 6, 5, 12) : 

roscida noctivagis astris lahentibus Phoebe 
pulsa loco cessit concedens lucibus fratris. 

Vielleicht ist dieser Egnatius, wie zuerst B£rok Opusc. 1, 430 veimutet 
hat, mit dem Kelten Egnatius identisch, den uns Catull 39 als einen ewig 
lachenden und seine weissen Zähne zeigenden Menschen schildert. Da 
Lucretius sich rühmt, zuerst die Bahn auf diesem Gebiet gebrochen zu 
haben, so werden wir dieses Gedicht als eine Nachahmung des Lucretiani- 
schen Werks zu betrachten haben. 

Über die versachte Identifizierung des Volusius mit Tanusius Geminus werden wir 
bei letzterem handeln. — A. Schöke, Die Empedoklea des Sallustius in Fleckeis. J. 93,751. 
— Über Egnatius vgl. Bähbens, Analect.-Catull. p. 45, Kommentar zu Catull p. 219. 

111. Satiren. Von dichterischer Thätigkeit auf dem Gebiet der Satire 
ist in unserer Periode mehrfach die Rede. Wir hören, dass der Gram- 

1) Vgl. B. Schmidt, Gr. Ausg. p. XLIll. Anders BXhbens Kommentar p. 579. 



Q. GlandinB Quadrigariiis. 



157 



matiker SeviusNicanor eine Satire schrieb, in der er über seine Lebens- 
verhältnisse berichtete (Suet. gr . 5). Der Freigelassene des Pompeius L e n a e u s 
richtete eine Satire gegen Sallust wegen der auf seinen Herrn gemachten 
Angriffe (Suet. gr. 15). Die Indignatio des ValeriusCato kann ebenfalls 
eine Satire gewesen sein. Auch von Varro aus Atax haben wir Satiren 
kennen gelernt. Es erübrigt noch, auf L. Abuccius hinzuweisen, dessen 
libeUi Lucilianischer Charakter beigelegt wird. Doch scheinen alle diese 
Arbeiten keinen dauernden Eindruck hinterlassen zu haben. Dagegen war, 
wie es scheint, von tiefeinschneidender Wirkung eine neue Gattung von 
Satiren, die Menippeische Satura des Reatiners Varro. Über diese werden 
wir, wenn wir zu Varro kommen, eingehend handeln. 

Über L. Abuccius liegt das Zeugnis Yarros vor (de r. r. 3, 2, 17): L, Almccius, homo 
adprime doctus, cuius Luciliano charactere sunt libelli, vgl. noch 3, 6, 6. Zweifelhaft ist, 
ob Fronto p. 113 N. qui8 ignorai ut gracilia sit Lucilius, Älbucius aridus, aublimis Lucretius, 
tnediocris Pacuvius^ inaequalis Accius, Ennius müUiforfnis? zu lesen sei Abuccius oder ob 
T. Älbucius, der m den Satiren des Lucilius vorkam und den als Graecomanen Cicero 
Brut. 35, 131 auch in seinen Reden erkennt, gemeint ist, vgl. Hsbtz, Fleckeis. J. 107, 338. 



Im Anhang seien noch zwei Dichter aufgefOhrt: 1) QuintiporClaudius. Von ihm 
sagt Varro sat. Menipp. nr. 59 Buech. „cum Quintipar Clodius tot comoedias sine Ulla fecerit 
musa, ego unum lihellum non edolem, ut ait Ennius, Vgl. Nonius 1, 165 Mülleb. 2) Vo- 
lum nius. BücHELER weist einen Hendekasyllabus eines Volumnius bei Keil gr. 5, 574, 1 
nach und denkt bei diesem Volumnius an V. Eutrapelus (Cic. ad. fam. 7, 32 7, 33). BIhbbks 
rechnet ihn p. 326 zu der jungrömischen Schule. 



b) Die Prosa. 

a) Die Historiker. 

1. Q. Claudius Quadrigarius, Valerius Antias, Licinius Macer, 

Q. Aelius Tubero und andere. 

112. Die allgemeinen Stadtchroniken. Die Historiographie schleppt 
auch in dieser Zeit noch die Stadtchronik mit fort, d. h. sie beginnt mit 
den ältesten Zeiten, in der Regel mit Erbauung der Stadt. Aber man 
suchte jetzt, da das Geschichtswerk zugleich eine unterhaltende Lektüre 
sein sollte, die überlieferten dürren Notizen rhetorisch auszuschmücken. 
Das Material lieferten zumeist griechische Schriftsteller.*) 

1. Q. Claudius Quadrigarius. Einen Zeitgenossen Sisennas nennt 
ihn Velleius; sonst ist über seine Person nichts bekannt. Von seinen 
Annalen werden 23 Bücher citiert. Eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit 
zeigt dieses Werk, es beginnt erst mit der gallischen Katastrophe; 
im 5. Buch kam die Schlacht bei Cannä vor (53), im 13. Buch berichtete 
Claudius über Q. Metellus Numidicus (76), im 19. Buch war von dem Kampf 
Sullas gegen Archelaus und von dem siebenten Konsulat des Marius die 
Rede (81. 82). Höchst wahrscheinlich waren die Ereignisse bis zum Tode 
Sullas geführt. Die Fragmente hat uns grösstenteils Gellius erhalten. Zum 
Glück teilt er auch längere Auszüge mit, so dass wir über des Claudius 
Stil uns eine bestimmte Vorstellung machen können. Wir können den- 



^) Vgl. E. Zabncke, Der Einfluss der 
griechischen Litteratur auf die Entwicklung 



der römischen Prosa in den Conun. Rihheck. 
p. 269. 



158 ftOmiBche Lüteraiargesoliiciite. t. i)i« 2eit der ftepnblik. 2. Periode. 



selben den zerschnittenen nennen, da die Darstellung auf kunstvolle Perio- 
disierung verzichtend sich in meist unverbundenen Sätzen rasch vorwärts 
bewegt. Interessant ist ein in das Werk eingelegter Brief der Konsuln 
an den König Pyrrhus (41). Da sich in demselben ganz der claudianische 
Stil zeigt, so haben wir ihn als ein Kunstmittel der Oeschichtschreibung 
zu betrachten, welches für die alte Historiographie charakteristisch ist. 

Velleius 2, 9, 4 vetustior Sisenna fuit CaeliuSj aequalis Sisennae Rutilitis Claudiusque 
Quculrigarius et Valerius Äntids, Livius benutzt den Claudius vom 6. Buch an; er citiert 
ihn an 10 Stellen 6, 42 8,19 9,5 10,37 33,10; 30; 36 38,23; 41 44, 15 (wozu noch einige 
Stellen aus Orosius kommen); ausserdem spricht Livius an 2 Stellen 25, 39, 35, 6 (vgl. § 64, 5) 
von Claudius als Übersetzer und Benutzer der Acilianischen Annalen. Man hat hier einen 
andern Claudius finden wollen als den an den 10 Stellen genannten, z. B. Sioonius, andere 
wie GiESEBRECHT, MoMMSEN haheu — und dies ist das Richtige — sich für denselben 
Claudius an allen Stellen ausgesprochen. Dass aber dann dieser Claudius identisch mit 
dem von andern Schriftstellern genannten Claudius Quadrigarius ist, hat mit Unrecht 
Nissen, Krit. Unters, p. 40 geleugnet. Vgl. Mommsen, R. Forsch. 2, 426, 27. Es fragt sich 
nun weiter, wie das an den 10 Stellen aufgeführte und das an den 2 Stellen mit Acilius 
in Verbindung gebrachte Werk sich zu einander verhalten. Zwei Schriften des Q. Claudius 
Quadrigarius mit Ukoeb, Phil. Suppl. 3, 3 anzunehmen, ein selbständiges Werk und eine 
Übersetzung des Acilius ist bedenklich; vgl. Mommsen, R. Forsch. 2,427 Anm. Ebenso be- 
denklich ist es, was neuerdings Peter gethan Fleckeis. J. 1882 p. 103, im Anschluss an 
Thoubet, Fleckeis. J. Suppl. 11, 156 die Behauptung aufsustellen, dass nur ein selbständiges 
Werk, keine Übersetzimg des Acilius dem Claudius beizulegen ist, dass in diesem Werk die 
Annalen des Acilius als Quelle benützt und an jenen zwei Stellen namentlich erwähnt 
waren. Die wahrscheinlichste Lösung der Schwierigkeit besteht nach Mommsen in der An- 
nahme, dass Claudius die alten Zeiten im Anschluss an Acilius bearbeitete, wobei er aber 
die Partie bis zur gallischen Katastrophe wegliess, und dann denselben weiterführte. 

Noch eine Schwierigkeit ist mit Claudius verknüpft. Plutarch spricht Num. 1 von 
einem gewissen Clodius, der in einem iXeyxog xQoyioy behauptet habe, dass die alten Stamm- 
bäume in der gallischen Katastrophe zu Grund gegangen seien. Niebuhr hält diese Schrift 
für identisch mit den Annalen (R. G. 2, 3), Unoer erklärt sie für ein drittes Werk des 
Claudius Quadrigarius. Richtig bezieht sie Peter auf einen von Appian I p. 46 Mendels, 
oitierten Paulus Claudius. — Giesbbbecht, Q. Claudius Quadrigarius, Prenzlau 1831. 

2. Valerius Antias. Ein sehr umfangreiches Werk war die Ge- 
schichte des Valerius Antias, der ebenfalls ein Zeitgenosse Sisennas war; 
es wird das 75. Buch citiert. Sie begann mit den ältesten Zeiten und 
reichte mindestens (64) bis zum Jahr 91. Wie ausführlich die alte Zeit 
behandelt war, ersieht man daraus, dass erst im 2. Buch Numa behandelt 
war (5 und 6). Valerius wurde benützt von Dionysius, von Plutarch, wohl 
am meisten aber von Livius; denn von allen Autoren citiert ihn Livius 
am häufigsten, nämlich an 35 Stellen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass 
das Werk des Valerius Antias von Livius hauptsächlich benützt wurde ;^) 
da dieser aber noch andere Quellen zum Vergleiche heranzog, so ergaben 
sich oft Discrepanzen, so dass er gegen Antias Stellung nehmen musste. 
Besonders rügte er den Zahlenschwindel, den Antias getrieben und der 
sich in einer doppelten Weise manifestiert, einmal Zahlen anzugeben, wo 
solche unmöglich beglaubigt sein konnten, z. B. über ein Ereignis des 
Jahres 464 (3, 5), ferner bei Zahlenangaben zu offenbaren Übertreibungen 
zu greifen, dies zeigt sich besonders bei Berichten über die Zahl der ge- 



^) Gegen die Annahme einer zu grossen 
Abhängigkeit des Livius von V. A. wendet 
sich Niese 1. c. p. XVI nan rede eos existimare, 
qui a Livio saepe Vahrium Äntiatem ita ex- 
preaaum esse putant, ut nihil iUe sit nisi 



Antias paullo ornatior et urbani&r. Quodsi 
verum esset, profecto non fugisset opinor, 
hamines paullo doctiores nee tantam laudem 
adeptus esset Livius, 



Valeriiis Antias. C. Idoinins Hacer. (). Aelins ^bero. 



159 



fallenen Feinde (30, 19 33, 10 34, 15). Aber nicht bloss Übertreibungen, 
sondern auch Erdichtungen und Ausschmückungen müssen wir diesem 
Historiker zur Last legen. Ein Beispiel bietet der Scipionenprozess. 

LiBBHALDT, de Volerio Antiate, Naumb. 1840. Nissen, Krit. Untersachungen p. 43. 
NiTZSCH, Rom. Annalistik p. 349. Mommsek, Rom. Forsch. 2, 493. Fbiedrich, Biogr. des 
Barkiden Mago, ein Beitr. zur Kritik des Valerius Antias, Wien 1880. Niese, de annal. 
Rom. obs. II, Marb. 1888 (über die Stellung des V. A. zu den Scipionenprozessen). 

3. C. Licinius Macer. Der Vater des Dichters und Redners C. 
Licinius Calvus ist in der Geschichte wegen seines Tribunats vom J. 73 
V. Chr. bekannt. Eine auf die Wiederherstellung der Rechte des Volks be- 
zügliche Rede gibt Sallust in seinen Historiae. Von dem Prätor Cicero 
wegen Erpressungen angeklagt und verurteilt verübte er Selbstmord (Plut. 
Cic. 9). Seine Annalen begannen mit der Gründung Roms; citiert wird 
noch das 21. Buch. Ein besonderes Charakteristikum dieses Geschichts- 
werks war das Zurückgehen auf Urkunden. Livius berichtet an 
mehreren Stellen (4, 7 4, 20 4, 23), dass Licinius die libri lintei d. h. die 
Magistratsverzeichnisse benützte. Niebuhr bewundert ihn daher. Allein 
MoMMSEN erachtet jene Angaben als Fälschungen. Da in einem Fall eine 
solche Fälschung (Liv. 4, 7) offen vorliegt, so bleibt nur der Ausweg noch 
übrig, anzunehmen, in der Vorlage des Licinius seien bereits jene Fäl- 
schungen aus den libri lintei enthalten gewesen. Auch Vorliebe für die 
Licinier (Liv. 7, 9) und demokratischer Parteigeist wird ihm zur Last ge- 
legt. Für die Charakterisierung seines Stils muss, da der wörtlichen Frag- 
mente nur sehr wenige sind, das Urteil Ciceros (de leg. 1, 2, 7) beigezogen 
werden, allein dasselbe kann auch nur mit Vorsicht benützt werden, da 
Cicero ein Gegner des Licinius ist; überdies sind die Worte nicht unver- 
sehrt überliefert. Die Stelle enthält einen Tadel; indem sie zwischen der 
Erzählung und den eingestreuten Reden scheidet, findet sie dort Klügeleien 
und Redseligkeit, hier (nach der wahrscheinlichen Verbesserung) Überhebung 
und Unverschämtheit. 

LiEBALDT, C. Licinius Macer, Naumb. 1848. Nitzsch, Annalistik p. 351 — 355. Nie- 
BUHB, R. G. 3, 175 Anm. 276 („L. M. der einzige, welcher Urkunden untersuchte"). Mommsen, 
Rom. Ghronol. p. 88, Forsch. 1, 315. Die Stelle aus Cic. de leg. 1, 2, 7 lautet: Macrum j cuius 
loqucuHtas habet aliquid argutiarum, nee id tarnen ex illa erudita Graecorum copia, sed 
ex librariolis Latinia, in orationibus autem muHa, sed inepta elatiOj summa impudentia (die 
Überlieferung multas ineptias. elatio summam impudentiam). Die übrigen Verbesserungs- 
versuche zählt Peteb CCCXXXXm auf. 

4. Q. Aelius Tubero kämpfte in der Schlacht bei Pharsalus an Seite 
des Pompeius (Cic. p. Lig. 127). Wir wissen ferner, dass er mit einer An- 
klage gegen Ligarius (Quint. 10, 1, 23) hervortrat. Er wandte sich dann 
der Jurisprudenz zu und schrieb mehrere sehr angesehene Schriften. Auch 
historiae gab es von ihm. Sie reichten von den ältesten Zeiten wenigstens 
bis zum Beginn des Bürgerkriegs zwischen Cäsar und Pompeius*) (11). 
Citiert wird noch das 14. Buch. Sein Stil war wie in den juristischen 
Schriften (Dig. 1, 2, 2, 46), so auch im Geschichtswerk altertümelnd. 



*) Suet. Caes. 56 Feruntur et a puero 
(Caesare) et ah adulescentulo quaedam scripta. 
Da statt „et a puero et" der Codex Mem- 
nuanus ,et ait vero* hat, so schlägt Reiffer- 
SGHBiD, Ind. lect., Vratisl. 1870/71 p. 5 un- 



zweifelhaft richtig vor ,w/ ait Tubero^, Man 
wird wohl annehmen müssen, dass er in seinem 
Geschichtswerk noch den Tod Cäsars be- 
handelte und daran eine Charakteristik Cäsars 
anschloss. 



160 BömiBohe LitteratorgeBohiGhte. 1. Die Zeit der fiepnblik. 2. Periode. 

Der genannte Q. Aelius Tubero ist der Sohn des L. Aelius Tubero, der aach an 
einem Geschichtswerk arbeitete (Cic. ad Q. fr. 1, 1, 3, 10), dasselbe aber allem Anschein nach 
nicht vollendete. Q. Aelius Tubero dagegen, dem Dionysius die Schrift negl xov Sovxv^idov 
XaQttxtrjQog widmete, ist der Sohn imseres Historikers und Juristen. Nippbbdey, Opusc. 
p. 406—408. 

5. Scribonius Libo. Procilius. Von einem Libo, wahrscheinlich 
L. Scribonius Libo, dem Schwiegervater des Sex. Pompeius citiert Cicero 
(45 V. Chr.) Annalen und zwar das 14. Buch, wo die Konsuln des J. 132 
F. Popillius und P. Rupilius erwähnt werden (ad. Attic. 13, 30, 3 32, 3 
44, 3). Varro führt de 1. 1. 2, 148 eine Geschichte des Procilius an, auch 
Cicero sagt (ad Attic. 2, 2, 2) gelegentlich einer Erwähnung des Dicaearchus, 
dass man von diesem mehr lernen könne als von Procilius. Bei Plinius 
n. h. 8, 4 wird er für ein Ereignis aus dem J. 81 angeführt. Nach der 
erwähnten Varronischen Stelle behandelte er den Opfertod des M. Curtius 
(362 V. Ch.). Beide Schriftsteller sind also auf die älteren Zeiten einge- 
gangen; ihre Werke gehören daher zu den allgemeinen Stadtchroniken. 

Über Libo vgl. die sorgfältige Untersuchung von M. Hertz, De Liv. fragm. comm. 
part. n Index lectionum, Breslau 1864/5 p. 14. 

Ein Historiker, der über Hannibal schrieb, Sulpicius Blitho, wird 
lediglich von Corn. Nepos 13 für das Todesjahr Hannibals citiert; das ist 
die einzige Stelle in der römischen Litteratur, die seiner gedenkt. 

Mit Voss, de bist. p. 29 Amsterd. 1697 hält Unobr, Der sog. Com. Nep. p. 154 den 
Sulpicius Blitho für Sulpicius Galba, Grossvater des Kaisers, den Verfasser einer historia 
multiplex nee incuriosa (Suet. Galba 3). Allein diese Ansicht ist nur denkbar, wenn Nepos 
nicht der Verfasser des Feldhermbuchjs ist. Höchst wahrscheinlich benützte ihn Com. Nep. 
gar nicht direkt, sondern fand ihn im liber annalis des Atticus, den er allein an jener 
Stelle eingesehen hatte. Vgl. Rosekhaübb, Phil. Anz. 13, 746. 

2. Cornelius Sisenna und andere. 

113. Die Zeitgeschichte. In unserer Epoche sind unstreitig das 
bedeutendste Werk über die Zeitgeschichte die historiae des L. Cornelius 
Sisenna, der Prätor im J. 78 war, im Prozess gegen Verres zu dessen 
Verteidigern gehörte und im J. 67 als Legat des Pompeius im Seeräuber- 
krieg starb. Das Werk, das Sisenna. in reiferem Alter schrieb (Vell. 2, 9, 
5), umfasste mindestens 23 Bücher; die meisten Fragmente daraus sind 
uns durch Nonius erhalten; sie sind vorzugsweise den ersten Büchern ent- 
nommen. Im ersten Buch behandeln Fragmente (1 u. 2) die mythische Zeit, 
ein anderes (6) desselben Buchs bezieht sich auf den beginnenden marsi- 
schen Krieg. Diese Erscheinung findet durch die Annahme ihre Erklärung, 
dass Sisenna in einer Einleitung einen Blick auf die alte römische Ge- 
schichte geworfen. Die Fragmente reichen allem Anschein nach bis zum 
Jahre 82 (vgl. 132); allein wahrscheinlich endete das Werk mit dem 
Tod Sullas und stellte sonach die Geschichte des Bundesgenossenkriegs und 
Sullanischen Bürgerkriegs dar. Wenn unsere Annahme, dass Sempronius 
Asellio mit dem Tod des Livius Drusus (91 v. Chr.) geschlossen, richtig ist, so 
würde sich ergeben, dass Sisenna sein Werk an jenes angeschlossen wissen 
wollte. Damit hätten wir eine neue Form der Geschichtschreibung, die 
losgelöste selbständig gewordene Fortsetzung. Das Werk Sisennas 
war die Hauptquelle für die Sullanische Zeit, ausdrücklich bemerkt Sallust 



Cornelius Siaeima nnd andere. 161 

lug. 95, dass Sisenna diese Zeit am besten behandelt, wenn gleich nicht 
völlig freimütig, was sich aus seiner Zugehörigkeit zur gens Cornelia leicht 
erklärt. Den Stil anlangend, so zeigen uns die Überreste viele altertüm- 
liche, der Schriftsprache fremde Formen, ein Verlassen der chronologischen 
Aneinanderreihung zu Gunsten der künstlerischen, viele Züge der klein- 
lichen Ausmalung. Es scheint sonach, dass Sisenna bestrebt war, sein 
Geschichtsbuch zu einer fesselnden Lektüre zu gestalten; darauf wird zu 
beziehen sein, wenn Cic. de leg. 1,2,7 als Vorbild für Sisenna Clitarchus 
hinstellt, der in romanhafter Weise den Zug Alexanders beschrieb. 

Auf den schöngeistigen Zug Sisennas deatet seine Beschäftigung mit den milesischen 
Erzählungen des Aristides, welche er übersetzte. Seiner Übersetzung dieser schlüpfrigen 
Geschichten fügte er noch obscöne Spässe hinzu (Ovid. Trist. 2, 443). Die Fragmente sind 
gesammelt in BCchelebs Petronius' p. 237. Der Erklärer des Plautus Sisenna ist mit 
unserem Historiker nicht identisch, derselbe lebte nach Vergü (Chans, p. 221 E.). 

Die stürmische Zeit, die Sisenna beschrieb, regte noch andere zu 
schriftstellerischen Versuchen an. Bei Cicero Ep. 5, 12, 2 lesen wir, dass 
L. Lucceius im J. 56 eine Geschichte des Bundesgenossen- und des Bürger- 
kriegs beinahe vollendet hatte. L. Licinius Lucull'us, dem Sulla seine 
Memoiren widmete, schrieb ebenfalls eine Geschichte des Bundesgenossen- 
kriegs in griechischer Sprache (Plut. Luc. 1, Cic. ad Att. 1, 19, 10). Oben 
S. 107 lernten wir einen C. Piso kennen, der in einem Geschichtswerk über 
den Tod des Marius handelte. 

Auch Tanusius Geminus wird hier einzureihen sein. Von ihm citiert 
Suet. Caes. 9 aus einer „historia^ ein Ereignis des Jahres 66 aus dem Leben 
Cäsars. Ohne das Werk namhaft zu machen, führt Plutarch Caes. 22 ein 
Ereignis des Jahres 55 aus dem Leben Cäsars, Strabo 17, 829 einen Vor- 
fall aus dem Leben des Sertorius an. Es ist kaum zu bezweifeln, dass 
auch die zwei letzten Stellen jener historia entnommen sind. Es scheint 
also eine Geschichte der jüngsten Zeit der Republik gewesen zu sein. 
Diese Geschichte wurde nach dem Tod Cäsars geschrieben, die feindselige 
Tendenz, die den zwei Mitteilungen über Cäsar innewohnt, nötigt zu dieser 
Annahme. Sie fällt aber vor Strabo, der sie ja bereits benützte. Also gibt 
der Verfasser die Geschichte seiner Zeit.^ 

An das Geschichtswerk des Tanusius knüpfen sich einige Streitfragen. Seneca £p. 
93, 9 et paticorum versuum Über est et quidem laudandus atque utilis: annaies Tantisii »eis 
quam ponderosi aint et quid vocentur, hoc est vita quorundam longa et quod Tanusii sequitur 
annales. Identifiziert man den hier genannten Tanusius mit dem obengenannten und die 
annale« mit der historia, so ergibt sich, dass jene Geschichte weitschichtig war und zur 
Zeit Senecas mit einem verächtlichen Ausdruck bezeichnet wurde. Allein sowohl die 
Identität der beiden Werke (vgl. M. Haupt, Op. 1, 72) als sogar die Identität der beiden 
Personen (vgl. Bähbens zu Catull p. 207) wurde geleugnet, wie ich glaube, mit Unrecht. 
Man ist noch weiter gegangen. Catull spricht im 36. Gedicht von den poetischen Annalen 
eines Volusius und nennt sie „cacata charta^, Mubet sprach zweifelnd die Ansicht aus, 
dass unter dem Namen Volusius hier Tanusius verspottet werde und dass sich auf diese 
Verspottung {cacata Charta) Seneca beziehe. Diese Hypothese Mubets führt aber unbedingt 
zu der Annahme, dass zwei historische Werke dem Tanusius Geminus beizulegen sind, ein 
poetisches (anndles)^ zur Zeit Catulls erschienenes, dem allein der Spott Gatulls gilt, 
dann ein prosaisches, erst nach dem Tod Cäsars veröffentlichtes. Vgl. Schwabe, Fleckeis« 
J. 1884 p. 380. Allein ist diese Annahme schon nicht ohne Bedenken, so wachsen die> 
Schwierigkeiten, wenn man erwägt, dass es ganz unerklärbar ist, warum Catull Überhaupi 
ein Pseudonym gewählt hat und dann noch dazu den Namen eines vornehmen Geschlecht»^ 



*) Eine römische Geschichte in griechi- 
scher Sprache von Cn. Aufidius erwähnt noch 



Cic. Tusc. 5, 38, 112; von derselben wissen 
wir aber gar nichts. 



Hftndbuch der klaas. AltcrtmnswlflBeiiBchaft. VIIL 1 1 



162 Bömische LüteratnrgaBcliichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Mit Recht leugnet daher Soitnenburo, dass Volusius = Tanosius sei (histor. Untersuch, zu 
Ehren Schäfers, Bonn 1882 p. 158—165). 

Litteratur: Roth, L. Cornelii Sisennae vitOf Basel 1834. Riese, Über das Ge- 
schichtswerk des C. S., Heidelb. Festschr. 1865. Schneider, De Sisennae histariarum reli- 
quiis, Jena 1882. Niese, Über Tanusius, Rhein. Mus. 38, 600. ffier wird die bei Strabo 17, 829 
überlieferte Lesart Tayvaiog (für raßlycog) in ihre Rechte eingesetzt. 

3. L. Cornelius Sulla. 

IH. Die Autobiographien. Das bedeutendste Werk dieser Litteratur- 
gattung in unserer Epoche sind die Denkwürdigkeiten (rerum gestarum 
libri), die L. Cornelius Sulla (138 — 78), nachdem er sich von dem öffent- 
lichen Leben zurückgezogen hatte, kurz vor seinem Ende verfasste und 
dem L. Lucullus widmete. Er stand im 22. Buch, als ihn der Tod über- 
raschte. Sein Freigelassener, Cornelius Epicadus, ergänzte das Werk, 
d. h. er wird das Ende Sullas hinzugefügt haben. Die Haupttendenz dieser 
Denkschrift, welche Plutarch für die Biographien des Marius und Sulla 
stark benützte, war, alle seine Handlungen als ein Werk der Vorsehung 
hinzustellen (Plut. Sulla 6). 

Den Titel rerum gestarum libri hat Gelüus 1, 12, 16; Priscian 1, 476 H. citiert in 
vicesimo primo rerum 8uarum. Suet. gr. 12 Cornelius Epicadus, L, Cornelii Syllae dic- 
tatoris libertus — Hbrum autem, quem Sylla novissimum de rebus suis imperfectum reli- 
gueraif ipse supplevit, Plut. Sulla 37 to eixoaroy xai devregoy tcSy vno/iytjfjiaTtoy tiqo dveiy 
fjfjieQuiy tj iteXevra yqdtfiay inavaato, 

4. Voltacilius Pitholaus. 

115. Die Biographie. Von der Autobiographie führt sehr leicht der 
Weg zur Biographie, wenn eine Persönlichkeit durch einen Befreundeten 
ihre Thaten erzählen und rechtfertigen lässt. Dazu eignet sich aber vor- 
züglich der gelehrte Freigelassene, der auf die Gunst der vornehmen Welt 
angewiesen ist. Das erste Beispiel einer solchen Biographie liefert uns 
L. Voltacilius Pitholaus, überhaupt der erste Freigelassene, der 
über römische Geschichte schrieb. Er eröffnete im J. 81 v. Ch. eine 
lateinische Rhetorenschule und war der Lehrer des Cn. Pompeius Magnus in 
der Rhetorik. Er scheint dadurch in vertrauliche Beziehungen zu der 
Familie gekommen zu sein; er schrieb die Biographie des Cn. Pompeius 
und die dessen Vaters Cn. Pompeius Strabo in mehreren Büchern (Suet. 
rhet. 3). 

Den Namen Pitholaus hat zuerst festgestellt Hebtz, Rhein. Mus. 43, 312. Bei Macro- 
bius 2, 2, 13 wird ein M. Voltacilius (überliefert Votacilius) Pitholaus erwähnt, welcher 
derselben Zeit angehört. Dieser ist wahrscheinlich zu verstehen Suet. Caes. 75 Pitholai 
carminibus mahdicentissimis laceratam existimationem suam civili animo tulit und unter 
dem Namen Pitholeon Horat. sat. 1, 10, 22. 

5. T. Pomponius Atticus. 

116. Die Zeittafel (annalis) des Atticus. T. Pomponius Atticus, 
nach seiner Adoption Q. Caecilius Q. f. Pomponianus Atticus (109 — 32), 
dessen etwas überschwengliche Biographie Cornelius Nepos verfasst hat, 
war durch sein grosses Vermögen und seine feine Bildung eine der ein- 
flussreichsten Personen seiner Zeit. Von der Staatslaufbahn hatte er sich 
femgehalten, da ihm als geborenem Geschäftsmann sein Privatinteresse 



T. Pom^oniiui Attioiui. 163 

höher stand. Sein nüchternes, leidenschaftsloses Wesen hatte ihn befähigt, 
nach allen Seiten hin zu wirken. „Ohne Liebe und ohne Hass, ohne Farbe 
und Gepräge vermochte er allen alles zu sein.* >) Er stand mit den ver- 
schiedensten Persänlichkeiten in regem Verkehr, mit Hortensius, Cicero, 
dessen Briefwechsel mit ihm erhalten ist, Cornelius Nepos, M. Terentius 
Varro und anderen. In der Litteratur nimmt er eine Doppelstellung ein, 
er ist einmal Buchhändler, der durch seine Sklaven Bücher abschreiben 
liess,^) dann ist er selbst Schriftsteller. Unter seinen Schriften war die 
wichtigste seine Zeittafel, sein liber annalis. Dieser chronologische Abriss 
umfasste von Gründung der Stadt Rom (753) in runder Zahl 700 Jahre; 
es waren darin die Konsuln und andre Magistrate chronologisch verzeichnet, 
wobei zugleich durch Angabe der Vornamen der Vorfahren das genealo- 
gische Moment berücksichtigt war; dann waren auch wichtige historische 
Ereignisse erwähnt. Die römische Geschichte bildete zwar die Grundlage, 
allein auch die Geschichte anderer Nationen war nebenbei berührt. Die 
Herausgabe der Zeittafel ist zwischen 51 und 46 anzusetzen; denn die 
Anregung zu der Schrift führt Atticus auf Ciceros Schrift über den Staat, 
welche 51 herausgegeben wurde, zurück; im Brutus, der ins Jahr 46 fällt, 
wird aber des liber annalis bereits gedacht. Wahrscheinlich endete der- 
selbe mit dem Anfang des Bürgerkriegs, mit dem Jahr 49.^) Es ist eine 
richtige Beobachtung, dass zunächst auf dieser Zeittafel die kapitolinischen 
Fasten und der Chronograph des Jahres 354 beruhen. Eine Ergänzung 
zu der Zeittafel bildeten die genealogischen Monographien über verschiedene 
Geschlechter, die Junier, die Marceller u. s. w. ; dieselben kamen der gegen 
Ende der Republik aufgekommenen Richtung, den Stammbaum in die 
ältesten Zeiten zurückzuführen, entgegen. Die historische Richtung verfolgt 
auch seine Dichtkunst; er verfasste nämlich Verse, die er den Bildnissen 
berühmter Persönlichkeiten beifügte; es waren darin kurz die bekleideten 
Ämter und die ruhmvollen Thaten der betreffenden Personen geschildert. 
Ausserdem schrieb Atticus noch eine Lobschrift über das Konsulat Ciceros 
in griechischer Sprache; im Jahre 60 las dieselbe bereits Cicero (ad Att. 
2, 1, 1 ; Com. Nep. Attic. 18, 6). 

Zeugnisse über die Zeittafel: Com. Nep. Attic. 18 (antiquitatem) adeo dili^ 
genter habuit cognitam, ut eam totam in eo volumine expottuerit, quo magiatrcUus ordinavit, 
NuUa enim lex neque pax neque bellum neque res illustris est popuH Romanif quae non in 
eo suo tempore sit notata, et quod difficiUimum fuit, sie familiarum originem subtexuit, 
ut ex eo clarorum virorum propagines possimus cognoscere, Cic. orat. 34, 120 cognoscat 
(orator) etiam verum gestarum et memoriae veteris ordinem, maxime scüicet nostrae civitatis, 
sed etiam imperiosorum populorum et regum illustrium. Quem laborem nobis 
Attici nostri levavit labor, qui conservatis notatisque temporibus, nihil cum illustre praeter- 
mitteret, annorum septingentorum memoriam uno libro colligavit; vgl. noch Cic. Brut. 3, 14. 
Cic. Brut. 8, 19 lässt Cicero den Atticus sagen: ut illos de republica libros edidisti, nihil a 
te sane postea accepimus: eisque nosmet ipsi ad veterum rerum nostrarum memoriam com- 
prehendendam impulsi atque incensi sumus, — Die Ansicht, dass die Fasti capitolini zum 



*) Drukann, Gesch. Roms 5, 70. 

') Ob die Atticusausgaben, die sogen. 
'JttMiayä mit unserem Atticus zusammen- 
hängen, ist zweifelhaft. Vgl. Christ, Die 
Atticusausgabe des Demosthenes, Abb. der 
bayr. Akad. I. Kl. 16, 20. .Vielleicht erhielt 
sicn die Bücherfabrik des Atticus auch noch 



über den Tod ihres Begründers hinaus unter 
ihrem ursprünglichen Namen, so dass auch 
Werke, die unter dem Nachfolger des be- 
rühmten Atticus in jener Fabrik ediert wur- 
den, unter dem Namen Uiuxiayd in Umlauf 
gesetzt wurden.*^ 

•) ClOHORIXTS p. 257. 

11* 



1 



164 Bömiflcha Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

• 

Fundament den Über annalis des Atticus haben, sprach zuerst Stephan Pighius und dann 
Vossius de hist. lat. CXI p. 16, Amsterd. 1799 aus. Allein diese Wahrheit blieb unbeachtet, 
bis in neuester Zeit Matzat, Rom. Chronol. 1, 353 Anm. 2 und Cichobius, de fastis consu- 
laribus, Leipz. Stud. 9, 249 dieselbe wieder aufgriffen. Letzterer hat überdies eine bündige 
und überzeugende Begründung gegeben. 

Zeugnis über die genealogischen Monographien: Com. Nep. Attic. 18, 3 Fecit 
hoc idem (wie im Annalis) separatim in aliis Hbris, ut M. Bruti rogatu luniam familiam a 
stirpe ad hanc aeiatem ardine enumeraverit, notans, qui a quoque ortus quos honores quibus- 
que temporibus cepisset, pari modo Marcelli Claudii de Marcellorum, Scipionis Comelii et 
Fabii Maximi Fabiorum et Aemiliorum. 

Wenn es bei Plin. n. h. 35, 11 heisst: imaginum amorem flagrasse quondam testes 
sunt Atticus Hie Ciceronis edito de iis volumine et M. Varro, so wird die Stelle kaum 
anders zu deuten sein, als dass Atticus eine Porträtsammlung veröffentlichte, nicht aber 
mit Leo, dass Atticus eine Schrift vielleicht technischer Art verfasst habe; nach Geliius 
(3, 10, 1) war ja auch das Varronische Werk de imaginibus betitelt. 

Über die Verse unter den imagines Com. Nep. Attic. 18, 5 attigit poeticen quoque — 
nam de viris, qui honore rerumque gestarum amplitudine ceteros Romani populi prae- 
stiteruntf exposuit ita ut sub singulorum imaginibus facta magistratusque eonim non amplius 
quaternis quinisve versibus descripserit. Aus diesen Worten geht nicht mit Bestimmtheit 
hervor, dass Varro, wie Leo, Rh. M. 38, 346 will, der Porträtsammlung die erläutemden Verse 
beigegeben hat, er kann die Verse auch unter die Bilder seiner Villa in Epims gesetzt 
haben (Dbumann, Gesch. Roms 5, 87) 

Litteratur: Hullehaitn, diatribe in T, P, Ätticum, ütr. 1838. Schkeideb, de T. 
P, A, annalif Zeitschr. f. Altw. 6, nr. 5. 

6. C. Julius Caesar. 

117. Biographisches. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, ein so 
reiches Leben wie das Caesars zu schildern; ein solche Aufgabe ist der 
Geschichte zuzuweisen. An diesem Ort können nur einige Hauptdata zur 
allgemeinen Orientierung vorgeführt werden. C. Julius Caesar wurde ge- 
boren den 13. Juli 100. Seine Mutter war die geistreiche Aurelia. Seine 
erste Ausbildung erhielt er durch den Gallier M. Antonius Gnipho (Suet. 
gramm. 7). Seine verwandtschaftlichen Beziehungen wiesen auf Marius und 
damit auf die demokratische Partei. Seine Vermählung mit Cornelia, der 
Tochter Cinnas, brachte ihn in Konflikt mit Sulla. Schon hier zeigte sich 
die Energie seines Willens. Den Kriegsdienst begann er unter dem Pro- 
prätor M. Minucius Thermus in Asien. Zurückgekehrt nach Rom (78), lenkte 
er die Aufmerksamkeit auf sich durch eine Klage gegen Cn. Dolabella wegen 
Erpressung in der von diesem im J. 80 verwalteten Provinz Macedonien. 
Dann suchte er seine rednerische Ausbildung durch einen Kursus bei dem 
Redner Molo in Rhodus zum Abschluss zu bringen. Die Beamtenlaufbahn 
durchschritt er in folgender Weise: Er war Quästor 67, Ädil 65, Pontifex 
maximus 63, Prätor 62. Auf die Prätur folgte 61 die Verwaltung der 
Provinz Hispania ulterior, wo er sich bereits durch kriegerische Thaten 
auszeichnete. Es kam das erste Triumvirat (60), das, auf Anregung Caesars 
begründet, die Macht in die Hände des Pompeius, Caesar und Crassus legte 
und ein Gegengewicht gegen den Senat bildete. Das Konsulat bekleidete 
Caesar mit Bibulus im J. 59. Durch die Statthalterschaft in Gallien erhielt 
Caesar eine geeignete Stätte für seinen grossartigen Geist, hier konnte er 
zeigen, was das römische Volk von ihm erwarten durfte; hier konnte sich 
sowohl sein militärisches als sein staatsmännisches Talent in reichstem 
Hasse entfalten. Der Bruch mit Pompeius und mit der Partei des Senats 



C. Julins Caesar. 165 

führte zum Bürgerkrieg. Die Schlachten bei Pharsalus (48), bei Thapsus 
(46), bei Munda (45) entschieden den Sieg Caesars. Alleiniger Machthaber 
im Staat, endete er sein Leben unter Mörderhand am 15. März 44. — 
Caesar ist die grossartigste Erscheinung der römischen Geschichte. In ihm 
vereinigten sich alle Eigenschaften, welche für den Staatsmann notwendig 
sind, wundervolle Klarheit des Geistes, realistischer, allem Abenteuerlichen 
abgeneigter Sinn, eiserne Energie des Willens, ausdauernde Körperkraft, 
imponierende Erscheinung. 

Eine meisterhafte, glänzende Charakteristik Caesars gibt Mommsen, Rom. Gesch. 3, 
461 — 469. Wir entnehmen aus ihr folgende Schilderung (p. 463): Caesar war durchaus Realist 
und Verstandesmensch; und was er angriff und that, war von der genialen Nüchternheit 
durchdrungen und getragen, die seine innerste EigentOmlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte er 
das Vermögen, unbeirrt durch Erinnern und Erwarten energisch im Augenblick zu leben; 
ihr die Fähigkeit, in jedem Augenblick mit gesammelter &aft zu handeln und auch dem 
kleinsten und beiläufigsten Beginnen seine volle Genialität zuzuwenden; ihr die Vielseitig- 
keit, mit der er erfasste und beherrschte, was der Verstand begreifen und der Wille zwingen 
kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine Perioden fügte wie seine Feldzugspläne 
entwarf; ihr die , wunderbare Heiterkeit', die in guten und bösen Tagen ihm treu blieb; . 
ihr die vollendete Selbständigkeit, die keinem Liebling und keiner Maitresse, ja nicht einmal 
dem Freunde Gewalt über sich gestattete. 

Biographien Caesars aus dem Altertum sind von Plutarch und von Sueton erhalten. 
Von neueren Darstellungen ist Dbuhann im 3. Bande seiner Geschichte Roms grundlegend. 
Napoleon III., Uistoire de Jules Char, Paris 1865/66 (besonders wegen der Terrainstudien 
und der Karten von Wichtigkeit). 

118. Caesars Memoiren (commentarii). Die Denkschriften Caesars 
behandeln in zwei für sich dastehenden Werken den gallischen und den 
Bürgerkrieg, den ersten in sieben, den letzten in drei Büchern. Die Statt- 
halterschaft der beiden Gallien und lUyricums und damit einen Schauplatz 
für grosse Thaten erhielt Caesar im J. 59 zunächst für die Zeit von fünf 
Jahren (58 — 54); auf Antrag der Konsuln Pompeius und Crassus wurde 
im J. 55 die Statthalterschaft Cäsars auf fünf weitere Jahre verlängert 
und hätte sich demnach auch auf die Zeit von 53 — 49 erstrecken sollen. 
Allein der Ausbruch des Bürgerkriegs gestattete ihm nicht, das zehnte 
Jahr in der Provinz zu bleiben; seine Statthalterschaft währte daher nur 
von 58 — 50. Seine Memoiren behandeln aber nur sieben Jahre, nämlich 
die Zeit von 58 — 52. Es sind also die zwei letzten Jahre von Caesar 
übergangen worden. Der Stoff ist in naturgemässer Weise so gegliedert, 
dass für die Ereignisse eines Jahres ein Buch bestimmt wird ; wir erhalten 
also sieben Bücher. Die Memoiren sind aber nicht successive veröffentlicht 
worden, sondern auf einmal, denn bereits 1, 28 erscheinen die Boier den 
Häduem gleichgestellt, 7, 10 waren sie aber in der hier geschilderten 
Phase des Kriegs noch zinspflichtige Unterthanen derselben. Da die Boier 
die Gleichberechtigung mit den Häduem erst nach dem Krieg mit Vercin- 
getorix, welchen das siebente Buch behandelt, erlangt haben werden, so 
begann Caesar seine Memoiren nach dieser Zeit, d. h. offenbar nach dem 
Krieg mit Vercingetorix, nach 52. Es lässt sich die Zeit noch genauer 
bestimmen. Caesar macht 7, 6 eine Anspielung auf die infolge der milo- 
nischen Händel von Pompeius getroffenen Massregeln und zwar in lobendem 
Sinn; es war also damals noch kein offenkundiger Bruch eingetreten. Da 
dieser Bruch spätestens 29. September 51 eintrat, so ist die Abfassung der 
Memoiren mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Jahr 51 zu setzen. Bei 



166 Bömische LitteratorgeBciiichte. I. Dia Zeit der Republik. 2. Periode. 

dieser Annahme erklärt sich auf einfache Weise, dass Caesar die Ereignisse 
der Jahre 51/50 nicht mehr berücksichtigt hat. Die Memoiren wurden 
rasch abgefasst; es bezeugt dies ausdrücklich Hirtius. Die Quellen für 
seine Darstellung werden die Akten der Operationskanzlei gewesen sein. 
Spezielle Tagbücher Caesars anzunehmen, dafür liegt keine Nötigung vor. 
Die Tagbücher, welche die Schriftsteller erwähnen, sind nur ein anderer 
Name für unsere Memoiren.*) 

Die Memoiren über den Bürgerkrieg beginnen mit dem 1. Januar 49; 
da hier die vorausgehenden Ereignisse als bekannt vorausgesetzt werden, 
so ist anzunehmen, dass Caesar auch die zwischen 51 — 49 liegende Zeit 
damals behandeln wollte. In diesem Werk weicht Cäsar von der im galli- 
schen Krieg beobachteten Manier, jedem Jahr ein Buch zuzuweisen, ab; 
denn die ersten zwei Bücher erzählen uns die Ereignisse des J. 49, das 
dritte die des J. 48. Am Schluss ist noch der alexandrinische Krieg er- 
wähnt; man sieht, dass auch diesen Cäsar schildern wollte. Verfasst sind 
diese Memoiren nach dem Bürgerkrieg, es erhellt dies aus Stellen wie 
3,57,5; 3,18,5; 3,60,4. Da die Fortsetzung unterblieb, so wird die An- 
nahme nicht abzuweisen sein, dass er an der Ausführung durch den Tod 
gehindert wurde. 

Über die Zeit der Abfassung und Herausgabe der Commentarien des b. g. vgl. Sghiieideb 
in Wachlers Philomatbie 1, 184/ Eöchly-Rüstow, Einleii zu dem gall. Krieg p. 51, Mommsek, 
R. Gesch. 3*, 616 «Wer die Geschichte der Zeit aufmerksam verfolgt, wird in der Äusserung 
über die milonische Krise 7, 6 den Beweis finden, dass die Schrift vor dem Ausbruch des 
Bürgerkriegs publiziert ward; nicht weil Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar 
daselbst die Ausnahmegesetze vom J. 52 büligt. Dies konnte und musste er thun, solange 
er ein friedliches Abkommen mit Pompeius herbeizuführen suchte, nicht aber nach dem Bruch, 
wo er die auf Grund jener für ihn verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen umstiess. 
Darum ist die Veröffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das Jahr 51 gesetzt 
worden.* 

119. Charakteristik der Memoiren. Das Ziel, welches sich Caesar 
mit seinen Memoiren steckt, ist nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber es 
lässt sich aus den Zeitumständen, unter denen jene beiden Werke ent- 
standen sind, abstrahieren. Die Memoiren über den Bürgerkrieg können 
nur den Zweck gehabt haben, den Nachweis zu liefern, dass er alles ge- 
than, was in seinen Kräften stand, um den Bürgerkrieg zu vermeiden. 
Schwieriger ist das Ziel der anderen Schrift zu bestimmen. Selbstverständ- 
lich kann nicht der Endzweck derselben gewesen sein, eine Materialsamm- 
lung zu liefern. Auch wird die Tendenz der Schrift zu niedrig gesteckt, 
wenn man glaubt, Caesar habe sein Vorgehen gegen die gallischen und 
germanischen Völker als unvermeidlich rechtfertigen und damit die Angriffe 
seiner Gegner entwaffnen wollen. Allerdings sucht er überall sein Ver- 
fahren als ein notgedrungenes erscheinen zu lassen, allein der Mehrzahl 
der Römer gegenüber bedurfte es sicher keiner Rechtfertigung der Er- 
oberungen. Das letzte Ziel der Schrift kann nur gewesen sein, kurz vor 
Ausbruch des Bürgerkriegs dem Volk zu zeigen, was er für die Grösse 
des römischen Volks gethan, welche schwierige Aufgaben er gelöst und 
welche noch zu lösen er befähigt ist. Caesar schreibt nicht als Historiker, 



*) NiPPBBDBY, OpUSC. p. 5. 



C. Julius Caesar. 167 

sondern als Statthalter. Aber als seine Leser betrachtet er nicht Militärs, 
sondern das gebildete Publikum überhaupt. In den Memoiren fesselt uns 
die Klarheit, Gedrungenheit und Einfachheit der Darstellung, ferner der 
objektive Ton, in dem Caesar wie ein fremder Zuschauer von den Ereig- 
nissen spricht. Niemals ermüdet der Leser, sondern stets folgt er mit 
Spannung der Erzählung. Nur eine in sich fest geschlossene, durchweg 
bestimmte, allem Verschwommenen abgeneigte Persönlichkeit konnte eine 
solche Herrschaft über den Stoff entfalten und ein Meisterwerk schaffen, 
wie es in den Memoiren über den gallischen Krieg vorliegt. Die Sprache 
ist durchweg rein, vermeidet alle ungewohnten Ausdrücke wie archaische 
und vulgäre, verzichtet auf den Schmuck der Rede und hält sich durchweg 
knapp und einfach. Selbst dem in ganz anderen Bahnen sich bewegenden. 
Cicero hat dieser Stil Caesars ein hohes Gefühl der Bewunderung abge- 
rungen. Für die Frage nach der Glaubwürdigkeit muss man sich stets 
vor Augen halten, dass Caesar mit seinen Memoiren nicht litterarische, 
sondern politische Ziele verfolgt; er muss daher manches verschweigen 
und manches beschönigen, allein trotzdem ist die Objektivität des Schrift- 
stellers bewunderungswürdig. Besonders in den Memoiren über den galli- 
schen Krieg gibt uns der Schriftsteller im grossen Ganzen ein zuverlässiges 
Bild; etwas getrübter ist die Denkschrift über den bürgerlichen Krieg, 
da es hier für den Autor schwieriger war, sich die Unbefangenheit des 
Urteils zu wahren. 

Cic. Brut. 75, 262 nudi (commentarii) sunt, recti et venusti, omni arnatu orationis 
tamquam teste detracta, Sed dum voluit (Caesar) dlios habere parata, unde sumerent qui 
vellent scribere historiam, ineptis gratum fortasse fecit, qui volent illa calamistris inurere: 
sanos quidem homines a scribendo deterruit; nihil est enim in historia pura et iUustri 
brevitate dulcius. Hirtius bell. Gall. VIII praef. constat inter omnes nihil tarn operose ab 
aliis esse perfectum, quod non harum elegantia commentariarum superetur. Qui sunt editi, 
ne scientia tantarum rerum scriptoribus deesset, adeoque probantur omnium iudicio, ut 
praerepta, non praebita facultas scriptoribus videatur. Mommsen, R. Gesch. 3*, 616 «Die 
Tendenz der Scnrift (über den gallischen Krieg) erkennt man am deutlichsten in der be- 
ständigen, oft, am entschiedensten wohl bei der aquitam'schen Expedition 3,11, nicht glück- 
lichen Motivierung jedes einzelnen Eriegsakts als einer nach Lage der Dinge unvermeid- 
lichen Defensivmassregel. Dass die Gegner Caesars Angriffe auf die Kelten und Deutschen 
vor allem als unprovociert tadelten, ist bekannt fSuet. Caes. 24).* 

Ein hartes urteil über die Glaubwürdigkeit fällt Asinius Pollio bei Suet. Caes. 56 
Pollio Asinius parum diligenter parumque integra veritate compositos putat, cum Caesar 
pleraque et quae per alios erant gesta, temere crediderit, ei qwie per se, vel consuUo vel 
etiam memoria lapsus perperam ediderit; existimatque rescripturum et correcturum fuisse. 
Wahrscheinlich bezieht sich dasselbe doch vorzugsweise auf die Memoiren über den Bürger- 
krieg. — Pbtsch, Die bist. Glaubwürdigkeit der Comm. v. gall. Krieg, Glückst. 1885 — 1886. 

120. Nicht erhaltene Schriften Caesars. Als schriftstellerische 
Jugendversuche werden erwähnt ein »Lob des Herkules**, eine Tragödie 
Oedipus; auch hatte er sich eine Sammlung geistreicher Aussprüche {dicta 
collectanea, dnotf&byfAaTo) angelegt und sie, wie man aus Cic. ep. 9, 16, 4 
schliessen muss, noch später fortgesetzt. Die Publikation dieser Schriften 
verbot Augustus. Sie kommen also für uns nicht weiter in Betracht. 
Ausser diesen Schriften und den Commentarien gibt Suet. 56 noch folgende 
litterarische Schöpfungen an: 1) De Analogia 1. II; 2) Anticatones eben- 
falls in zwei Büchern; 3) ein Gedicht mit dem Titel »Die Reise** (Her). 
Mit der ersten, Cicero gewidmeten Schrift griff Caesar in den bekannten 
Streit über Analogie und Anomalie der Sprache ein, den wir oben § 77 kurz 



168 Bdmisohe LitteratnrgeBoliiohte. I. Die Zeit der Republik« 2. Periode. 

gekennzeichnet haben. Es handelte sich im wesentlichen darum, ob die 
Flexion der Worte auf bestimmte Regeln zurückgeführt werden könne. 
Cäsar entschied sich im grossen Ganzen für die Analogie d. h. die Regel- 
rechtigkeit der Sprache und drang darauf, dass die subjektive Willkür in 
der Handhabung der Sprache soviel als möglich beseitigt werde. Charak- 
teristisch für ihn ist der in dieser Schrift (GelL 1,10,4) ausgesprochene 
Grundsatz, ein ungebräuchliches Wort müsse man wie eine Klippe fliehen. 
Nicht minder charakteristisch ist für den umfassenden Geist Caesars, dass 
er diese Schrift schreiben konnte, als er aus dem diesseitigen Gallien über 
die Alpen zu dem Heere zurückkehrte. Es war dies wahrscheinlich ^) der 
Winter 53/2. Das zweite Werk „Anticatones** kam ebenfalls in ungewöhn- 
licher Weise zu stände; es wurde im Feldlager von Munda (45) geschrieben. 
Nach dem freiwilligen Tode Catos in Afrika hatte nämlich Cicero einen 
Panegyrikus auf Cato geschrieben und darin die republikanische Idee ver- 
herrlicht. Derselbe machte grosses Aufsehen und regte auch den Brutus und 
den M. Fadius Gallus (Cic. ep. 7,24,2) zu solchen Lobschriften an.*) Nach- 
dem Caesar zuerst Hirtius veranlasst hatte, von Spanien aus eine Gegen- 
schrift zu schreiben und dieselbe an Cicero zu richten (Cic. ad Att. 12, 40, 1), 
machte er sich selbst daran, die Lobschrift Ciceros zu entkräften. Zwar 
trat er gegen Cicero fein auf, allein um so schärfer ging er gegen Cato 
vor,^) wie aus dessen Biographie von Plutarch zu ersehen ist (36). End- 
lich das dritte der von Sueton erwähnten Werke, „Die Reise*, beschrieb 
in poetischer Form die Reise, die Caesar im Jahre 46 von Rom nach 
Spanien zur Bekämpfung der Söhne des Pompeius unternahm. Auch Samm- 
lungen von Reden Caesars gab es. Sueton erwähnt eine solche, die bereits 
unechte Produkte aufwies, wie die Rede vor den Soldaten in Spanien. 
Seiner Beredsamkeit erteilen Sachkenner das höchste Lob. Ferner waren 
von seinen Briefen Sammlungen veranstaltet; Sueton führt deren mehrere 
an, Briefe an den Senat, an Cicero, an Freunde. In den Berichten an den 
Senat führte er eine Neuerung ein, indem er das Papier nach Art einer 
Schreibtafel in mehrere Blätter faltete. Manche Briefe über vertrauliche 
Gegenstände waren in Chiffren geschrieben. 

Über die Schriften Caesars handelt Sueton in der Biographie Caesars in den Kap. 55 
und 56. Macrobius erwähnt ein astronomisches Werk Caesars (1,16,89): Julius Caesar 
siderum motus, de quibus non indoctos libros reliquit, ab aegtfptiis discipUnis hausit. Ebenso 
citiert ihn Plinius im Quellenverzeichnis zum 18. Buch und im Texte dieses Buchs, femer 
Ptolemaeus und Lydus. Höchst wahrscheinlich war dieses Werk nicht von Caesar selbst 
verfasst, sondern nur von ihm angeregt; daher das Schweigen Suetons über dasselbe. 
Ferner teilt uns Sueton in der Biographie des Terenz sechs Hexameter mit, welche über 
die Dichtungsweise des Terenz handeln. Ob daraus auf eine litterarhistorische Schrift 
Caesars zu schliessen ist oder ob wir hier nur ein Epigramm vor uns haben, ist zweifelhaft; 
ich glaube eher das letztere ; wird er doch auch von Plin. ep. 5, 3, 5 unter den Dichtem 
von Erotischem aufgezählt. Vgl. Tac. dial 21. 

Andere Zeugnisse über die von Sueton angeführten Schriften sind: Fronto p. 221 N. 
cogites G, Caesarem atrocissimo hello Gallico (Übertreibung) cum alia muUa militaria tum 
etiam duos de Änalogia libros scrupulosissimos scripsisse; inter tela volantia (!) de nominibus 
declinandiSy de verborum aspiraiionibus et rationibus inter classica et tubas. Cic. Bmt. 72, 
253 qui (Caesar) etiam in maximis occupationibus ad te ipsumy inquit in me (Cic,) in- 
tuens, de rat tone loquendi accuratissime scripserit primoque in Jibro dixerit, verborum 



KöCHLY-RüsTOW, Einl. 91, 59. 

') Auch von Munatius gab es eine Lob- 



schrift auf Cato (Plut. Cat. min. 37). 
*) GöTTLDfG, Opusc. p. 160. 



HirüaB and andere Forisetzer Cftesars. 169 

delectum origitum esse eloquentiae, — Plut. Caes. 54 eyQoipe Kix^Qtov iyxcSfiiov Kdtiavog — 
xal noXkoig 6 Xoyog rjy did anov&ijgy wg Bixog^ t^no rov deiyoTarov roiy ^ijTOQtav eig xijy 
xaXXitnijy nenoiijueyog vnod-eaiy, Tovro i^yla Kalaaga xcmjyoglay aixov yofii^oyta loy 
rov red-yrjxorog at avxoy enaiyoy: lEyQatpey ovy noXXäg tiyag xaxd rov Kdttoyog alt lag 
avyayayaiy, ro d^ ßißXloy 'Jyrixdrfoy intyiyQonxai. — Gell. 17, 9, 1 Jibri sunt epistularum 
C. Caesaris ad C, Oppium et Balbum Cornelium. Als Einlagen finden sich Briefe 
Caesars in der Atticussammlung : 9, 6, A.; 9, 7 C; 9, 13 A; 9, 16; 10, 8 6. 

Litteratur: Die Fragmente der untergegangenen Schriften sind zusammengestellt 
in NiPPEBDETS grosser Ausg. p. 747, in Düttebs Ausg. Bd. 3. Schlitte, De C, Julio Caesar e 
grammatico. HaUe 1865. Göttling, De Cic. laudatione Catonis et de Caesaris Auticatonibus, 
opusc. p. 153. 

7. Uirtius und andere Fortsetzer Caesars. 

121. Die Supplemente zu Caesars Commentarii. Die von Caesar 
Unterlassenen Schriften waren in zweifacher Hinsicht unvollständig; es 
fehlten die zwei letzten Jahre des gallischen Kriegs; somit war eine Lücke 
zwischen dem gallischen Krieg und dem Bürgerkrieg vorhanden. Weiter- 
hin fehlte eine Darstellung des alexandrinischen, afrikanischen und spani- 
schen Kriegs. Diese Lücken wurden durch vier Supplementbücher aus- 
gefüllt. Es sind folgende: 

1. Das achte Buch des Bellum Gallicum. Der Verfasser beginnt 
mit einem an Baibus gerichteten Brief, in dem er sich über seinen Plan, 
Caesars Werke zu ergänzen und fortzusetzen, des Näheren ausspricht. Das 
vorliegende Buch bespricht die Ereignisse der Jahre 51 und 50; ausdrück- 
lich wird (48, 10) motiviert, warum abweichend von der Methode Caesars 
die Geschehnisse zweier Jahre in einem Buch vereinigt sind. Die Ereignisse, 
die uns vorgeführt werden, sind nicht von besonderer Wichtigkeit. Die 
letzten Kapitel leiten zu dem Bürgerkrieg über. Am Schluss ist eine kleine 
Lücke. Zu beachten ist, dass die Geschichte des Commius, die eigentlich 
im 7. B. c.^^u. 76 hätte behandelt werden sollen, hier nachgetragen wird 
(c. 23,3, c.^Pu. c. 48, 1 — 9.). Die Darstellung ist im ganzen etwas leblos 
und monoton. 

c. 48, 10 scio Caesarem singularum annorum singtdos (dies gilt jedoch nur fOr den 
gallischen Krieg) cammentarios coufecisse; quod ego non existivnavi mihi esse faciendum, 
propterea quod insequens annus, L. Paulo, C. Marcello consulibus nullas habet magnopere 
Goiliae res gestas. Über den Stil äussert sich Nipperdey Ausg. p. 13 also: desideramus 
et elegantem illam facilUatem et vigorem atque alacritatem, — Lentitudinem enim quandam 
et mediocritatem agnoscimus sine motu ety quod maxime reprehendas, sine varietate, Nam 
immodice ea compositione usus est Hirtius, ut protasin per yCum* particulam incipientem apo- 
dosi praemitteret, coniungeret autem sententias per pranomen relatirmm, quarum rerum itta 
longa fere enuntiata efficit, utraque tardam et motu carentem orationem. Atque ut forma 
complexionum varietate caret, ita ordo quoque verborum nimium saepe idem recurrit, 

2. Das Bellum Alexandrinum. Dieses Buch behandelte zuerst 
den alexandrinischen Krieg (1 — 33), dann den Feldzug des Domitius gegen 
Phamaces (34 — 41), weiter den illjoischen Krieg (42—47), ferner die Un- 
ruhen in Spanien (48—64), endlich die Besiegung des Pharnaces durch 
Caesar (65 bis zum Schluss). Aus dieser Inhaltsangabe sieht man, dass 
der Titel nur einen Teil des Inhalts deckt. Unter den Supplementbüchern 
ist dieses das bedeutendste. 

3. Das Bellum Africanum. Aus dem vielen minutiösen Detail, 
das uns der Verfasser bietet, ersieht man, dass derselbe den Krieg mit- 
gemacht hat. Eine künstlerische Gestaltung des Stoffes fehlt in der 



170 BömiBohe Litteratargeschichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

Schrift. Der Verfasser legt die zeitliche Anordnung zu Grund, dadurch 
wird aber Zusammengehöriges öfters getrennt und sind fortwährend Rück- 
verweisungen geboten. Seine Unfähigkeit, den Stoflf zu formen, kann sta- 
tistisch nachgewiesen werden, 68mal gebraucht er interim, um die Rede 
fortzusetzen. Auch die öftere Wiederholung derselben Phrase wie non 
intermiUere und anderes lassen eine noch ungeübte Hand erkennen. Der 
politische Standpunkt des Verfassers ist der caesarianische. 

WöLFFLiN, Sitzungsbericht d. Münchner Akad., Jahrg. 1889 1, 328 , Oberst Stoffel, 
der im Auftrage Napoleons Afrika bereiste, um die Spuren Caesars zu verfolgen, bekennt, 
dass der Verfasser des bellum Afr. die Lokalitäten und Terrainverhältnisse vorzüglich 
schildere, dass er daher notwendig müsse Augenzeuge gewesen sein.* Über die sprachlichen 
Eigentümlichkeiten und das Historische der Schrift vgl. Fröhlich, das bellum Africanum, 
Brugg 1872. Köhler, de auctorum belli afr, et hiap. UUinitate Ada Erlang. 1, 377. Lakd- 
eRAF 1. c. p. 37. 

4. Das Bellum Hispaniense. Auch bei dieser Schrift, die uns in 
einem sehr verdorbenen Zustand überliefert ist, steht fest, dass ihr Ver- 
fasser den Krieg mitgemacht hatte. Wir haben es mit einem ungebildeten 
Mann zu thun; mechanisch folgt er in der Darlegung der Ereignisse der 
Zeit, ein künstlerischer Aufbau ist ihm gänzlich unbekannt. Auch die Be- 
deutung der historischen Thatsachen vermag der Autor nicht abzuschätzen; 
Wichtiges und Unwichtiges wird in gleicher Weise behandelt. Die Dar- 
stellung schreitet in abgerissenen Sätzen vorwärts ; die Sprache ist überladen 
und niedrig; sucht sie einmal sich zu erheben, so fällt sie ins Lächerliche. 
Seinem politischen Standpunkt nach ist der Verfasser Caesarianer. 

Über Sprache uud historischen Wert der Schrift handelt sehr sorgfältig Deoekhart, 
De auctoris belli Hispaniensis elocutiane et fide historica, Würzb. 1877. 

Von seiner Geschmacklosigkeit legen Citate aus Ennius in c. 23 und c. 31 oder Ver- 
gleiche wie c. 25 ut fertur Achillis Memnonisque congressus oder Übertreibungen wie c. 42 
UgioneSj quae non solum vobis obsistere, sed etiam caelum diruere possent Zeugnis ab. 

122. Die Autorschaft der Supplemente. Das einzige Zeugnis, das 
uns das Altertum über die Autoren der Supplementbücher überliefert hat, 
rührt von Sueton her, der uns 56 berichtet, dass über den Verfasser des 
alexandrinischen, afrikanischen und spanischen Kriegs Ungewissheit bestehe, 
indem die einen die Autorschaft des Oppius, die andern die des Hirtius an- 
nehmen. Sicher ist aber für Sueton, dass der Verfasser des achten Buchs 
des gallischen Kriegs Hirtius ist; und unter dessen Namen wird daher 
auch eine Stelle aus der Vorrede zu dem Buch angeführt. Mit dieser An- 
gabe Suetons stimmt auch die handschriftliche Überlieferung; denn in 
Handschriften verschiedenen Ursprungs findet sich der Name A. Hirtii am 
Schluss des achten Buchs. In der dem Supplementbuch vorausgeschickten, 
an Baibus gerichteten Vorrede gibt Hirtius von seinem Vorhaben, die Kom- 
mentare Cäsars zu ergänzen und fortzusetzen, Aufschluss. Er will einmal 
das Band zwischen den Kommentaren über den gallischen Krieg und den 
Kommentaren über den Bürgerkrieg hergestellt, dann aber auch eine Fort- 
setzung der Bürgerkriege von den alexandrinischen Unruhen bis auf den 
Tod Caesars gegeben haben. Er spricht von seiner Absicht als einer bereits 
durchgeführten und gebraucht zu dem Zweck Perfecta. Sonach müssten 
wir sämtliche Fortsetzungen, wie das eingeschobene achte Buch, als ein 
Werk des A. Hirtius ansehen. Allein diese Annahme ist unmöglich, es 



Hirüiis und andere Fortsetzer Caesars. 



171 



ist klar, dass die verschiedenen Supplemente gar nicht von einem Ver- 
fasser herrühren können, es ist zweifellos, dass z. B. das bellum Hispaniense 
nicht von dem Autor des achten Buchs geschrieben sein kann. Um sonach 
den Widerspruch, in dem die Worte der Vorrede mit den Thatsachen stehen, 
zu lösen, müssen wir annehmen, dass Hirtius den Brief an Baibus vor der 
Durchführung seiner Absicht geschrieben, an der Vollendung aber durch 
den Tod in der Schlacht bei Mutina (43) gehindert wurde. ^) Wir haben 
daher nur die Autorschaft des achten Buchs als gelöst zu erachten; für das 
bellum Alexandrinum, Africanum, Hispaniense gilt es noch, die Verfasser zu 
ermitteln. Wir können hierbei von stilistischen Kriterien ausgehen. Solche 
können wir für Hirtius, den die antike Tradition neben Oppius als Verfasser 
der drei bella bezeichnet, in Anwendung bringen, da wir in dem achten 
Buch eine Probe seiner Schriftstellerei haben. Dagegen sind sie nicht an- 
wendbar für C. Oppius. Wir wissen zwar, dass dei-selbe ein Leben Caesars 
geschrieben (Suet. Caes. 53. Plut. Pomp. 18), allein es sind uns daraus nicht 
solche Bruchteile erhalten, welche über den Stil des Oppius Aufschluss 
erteilen könnten. Hier kommen uns aber äussere Kriterien zu Hilfe. 
Sowohl der Verfasser des afrikanischen Kriegs als der Verfasser des spa- 
nischen müssen diese Kriege mitgemacht haben. Ist dies richtig, so kommt 
Oppius für keinen dieser Kriege in Frage, denn wie Nipperdby festgestellt 
hat, war Oppius bei beiden Kriegen nicht beteiligt.*) Für den afrikanischen 
Krieg kommt auch Hirtius in Wegfall, denn nach eigenem Geständnis war 
er diesem Krieg ferngeblieben. Legen wir nun den stilistischen Gesichts- 
punkt zu Grund, so ersehen wir sofort, dass das bellum Africanum nicht 
von dem Verfasser des achten Buchs herrühren kann,*) noch weniger das 
bellum Hispaniense. Dagegen stellen sich unleugbare Ähnlichkeiten zwischen 
dem achten Buch und dem bellum Alexandrinum heraus. Auf diese Ähn- 
lichkeiten gestützt hat Nipperdey den Satz ausgesprochen, dass das bellum 
Alexandrinum, wenn es auch an Lebhaftigkeit der Darstellung das achte 
Buch übertreffe,*) doch denselben Verfasser, nämlich A. Hirtius, habe. Im 
Anschluss hieran ergab sich der weitere Satz, dass das bellum Africanum 
und das bellum Hispaniense nichts mit Hirtius zu thun haben, und dass 
beide Supplemente verschiedenen Verfassern angehören. Diese Nipperdey- 
schen Sätze wurden zum Gemeingut der Wissenschaft. Allein in neuester 
Zeit erhob sich gegen dieselben von verschiedenen Seiten Opposition. Viel- 
haber, E. Fischer, Fröhlich s) glaubten solche sprachliche Verschieden- 



') Die Zeit, in der Hirtius seine Absicht 
ausführen konnte, währte sonach vom Tod 
Caesars (15. März 44) bis 27. April 43. 

'^) Ausg. p. 10 Älexandriae sane ne Op- 
pius quidem fuit cum Caesare, sed eo tem- 
pore Romae sive in Itcdia cammorabcUur (Gic. 
ep. ad Att. XI 7, 5; 8. 1; 14, 2; 17, 2; 18) 
neque in Africam Caesarem comitatua est 
(eiusd. ep. ad Farn. IX 6, 1). Itaque Oppius 
legatusy qni b. Afr, 68 commemoratur, non 
fuit hie Gaius Oppius, notus Caesaris fami-. 
liaris. Sed ne in Hispaniam quidem contra 
Pompeii liberos Oppius cum Caesare profec- 
tus est: nam Romae cum remansisse Cic. (epp. 



ad Att.Xn 29,2; 44,4; XHI 19,2; 50) de- 
monstratur, 

') Phraseolog. Verschiedenheiten stellt 
zusammen Wölfflin 1. c. p. 328. 

*) Ausg. p. 14 inter hos commentarios 
differentiam quandam intercedere confUendum 
est, sed ea in sola compositione versatur, 
Neque vero genus scribendi diversum est, sed 
cum uterque Über narrationem rerum gesta- 
rum nudam habeat atque simplicem, posterior 
(b. Afric.) venustior est magisque perpolitus. 
Eae autem res nequaquam obstant, quominus 
ab eodem scriptus sit. 

^) Realistisches und Stilistisches p. 30. 



172 Bömisohe LitteratnrgeBohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



beiten zwischen beiden Werken gefunden zu haben, dass zum mindesten 
die Identität der Verfasser zweifelhaft erscheine. Auf einen neuen Gesichts- 
punkt in der Frage machten Petebsdorfp und besonders H. Schiller auf- 
merksam, nämlich dass die sprachlichen Verschiedenheiten auch durch die 
verschiedenen Quellen in den verschiedenen Teilen der Erzählung ihre Er- 
klärung finden können. Soweit war die Frage gefördert, als Landgraf 
mit einer kühnen These in dieselbe eingriff. Der wesentliche Inhalt 
dieser These ist, dass Asinius Pollio Redakteur und Herausgeber 
des Caesar-Hirtianischen Nachlasses und dass er Verfasser des 
bellumAfricanum ist. Der Beweis für die Behauptung ist lediglich ein 
sprachlich-stilistischer, als Fundament dienen die in der Ciceronischen Brief- 
sammlung erhaltenen drei Briefe des Asinius Pollio. (Ep. 10, 31, 32, 33). 
Obwohl nun einige sprachliche Übereinstimmungen vorhanden sind, so ist 
doch der Eindruck, den die Briefe machen, ein ganz anderer als der, den 
das bellum Africanum hervorruft. Dort haben wir es mit einem der Dar- 
stellung völlig mächtigen Mann zu thun, hier mit einem, der ein grosses 
stilistisches Unvermögen an den Tag legt. Ein Mann, der 68mal interim 
gebraucht, um die Rede fortzuleiten, ist ein stilistischer Stümper, als einen 
solchen können wir uns den berühmten Kritiker, Redner und Historiker 
Asinius Pollio nicht denken und in dieser Gestalt erscheint er auch nicht 
in den Briefen. Noch von einer anderen Seite steht der These eine Schwie- 
rigkeit entgegen. Bekanntlich schrieb Asinius Pollio eine Geschichte der 
Bürgerkriege vom ersten Triumvirat an bis wohl zur Schlacht bei Philippi. 
In diesem Werk musste also der afrikanische Krieg erzählt werden wie 
der spanische erzählt war; und dass der letztere ausführlich behandelt war, 
zeigt Suet. Caes. 55. Es müsste also zwischen beiden Werken in einer 
wichtigen Partie völlige Übereinstimmung des Inhalts vorhanden sein. 
Selbst wenn der Verfasser von seinem früheren Werk, dem bellum Afri- 
canum geschwiegen hätte, was aber wenig wahrscheinlich ist, so hätte der 
Mitwelt und auch der folgenden Zeit diese Übereinstimmung nicht entgehen 
können, zumal die historiae des Asinius Pollio „bis in das zweite Jahr- 
hundert nach Chr. in hohem Ansehen gestanden**. Der Urheber der These 
bemerkt am Schluss seiner Betrachtung: „Wäre uns dieses Werk (über 
die Bürgerkriege) überliefert worden, so wäre gewiss schon längst seine 
(des Asinius Pollio) Mitwirkung auch an jenen Kommentärien entdeckt 
worden.** Ich denke, dass diese Entdeckung auch jene römischen Kritiker 
machen konnten, welche die Frage der Autorschaft der Supplemente unter- 
suchten. 2) 

Sonach können wir die LANDGRAP'sche Hypothese nicht billigen und 
müssen bei den NiPPERDEY'schen Aufstellungen stehen bleiben; nur in einem 
Punkte können und müssen dieselben modifiziert werden, nämlich dass in 
dem bellum Alexandrinum, das eine Reihe von kriegerischen Operationen 
auf ganz verschiedenen Schauplätzen darlegt, die Darstellung des Hirtius 
je nach den Vorlagen, die von ihm benützt wurden, eine verschiedene 



WöLFFLIN 1. c. p. 325. 
^) Anders liegt die Sache bei der Bio- 
graphie Caesars von Oppius; hier konnten die 



Kriege sehr kurz behandelt werden, so dass 
die Kritiker für ihr UrteU keinen festen 
Boden hatten. 



HirtinB und andere Forisetzer Caesars. 



173 



Färbung erhielt. Diese stilistischen Discrepanzen haben auch das Urteil 
über die Autorschaft lange Zeit erschwert.^) 

Es bleibt noch die Frage übrig, wie sich die verschiedenen Supple- 
mente zusammengefunden haben. Es ist möglich, dass die Supplemente 
sich im Nachlass des Hirtius befanden oder auch dass solche erst später 
hinzukamen. Für das bellum Africanum möchte ich das erstere annehmen, 
für das bellum Hispaniense das letztere. 

Suet. Gaes. 56 Älexandrini Äfricique et Hispaniensis incerttts aüctor est; aUi Oppium 
putant, alii Uirtiumy qui etiam Gallici belli novissimum imperfectumque librum auppleverit. 
Weiter fahrt Sueton unter dem Namen Hirtius die Worte adeo probantur — scimus aus 
der Vorrede an. Hirtius sagt in der Vorrede zu B. VIII: Caesaris nostri commentarios 
verum gestarum Galliae non cohaerentilnis superioribua atque insequentibiis eiua scriptis 
cotUexuiy novissimumque imperfectum ctb rebus gestis Älexandriae canfeci usque ad exitum 
non quidem civilis dissensioniSy cuius finem nullum videmus, sed vitae Cctesaris, Die Dis- 
krepanz, die zwischen beiden Stellen besteht, indem Sueton als den novissimus imperfectus- 
que liber ,|das von Caesar wohl begonnene, aber sicher nicht weit geffihrte achte Buch des 
gallischen Krieges bezeichnet, in dem Brief des Hirtius unter denselben Worten das letzte 
Buch des Bürgerkriegs gemeint ist,** beseitigt Hibschfeld, Hermes 24, 103 durch die An- 
nahme einer Lücke, die nach imperfectum etwa so auszufüllen sei imperfectum [supplevi; 
tres (?) aliosj. 

Die Abhandlungen, welche sich mit der Frage nach der Autorschaft der Supplemente 
beschäftigen, sind folgende: Fröhlich, Das Bellum Africanum sprachlich und historisch 
behandelt, Brugg 1872 (Baibus, Vf. des b. Alexandr. p. 9). Realistisches und Stilistisches zu 
Caesar und dessen Fortsetzen!, Festschr. d. philolog. Kränzchens in Zürich 1887. Viel 
HABER, Zeitschr. f. österr. Gymn. 20, 547. £d. Fischer, Das achte Buch vom gall. Kriege 
und das bell, Alex,, Passau 1880. Petersdorff, Zeitschr. f. d. Gymnasialw. 34, 215. Schiller, 
Bayr. Gymnasialbl. 16, 251. Landgraf, Untersuchungen zu Caesar und seinen Fortsetzen!, 
München 1888. 

Seine Hypothese führt Landgraf im einzelnen so durch: Von Asinius Pollio rührt 
her das bellum Africanum, welches sein Tagbuch über diesen von ihm mitgemachten 
Krieg enthält. Auch die £rzählung über die spanischen Unruhen, die Kap. 48 — 64 des b. Alex. 
bilden, gehen auf einen Bericht Pollios zui^ck, der nur von Hirtius redigiert wurde und 
an dem „nur relativ unbedeutende Änderungen** vorgenommen werden (vgl. p. 68). In dem 
achten Buch sind ausser kleineren Zusätzen von A. P. eingelegt die Kap. 23; 47; 48, 1 — 9 
und die Schlusskapitel 53; 54; 55, die zum bellum civile überleiten. Die im 8. Buch des 
b, civ, von Kap. 107 an vorhandene lückenhafte Darstellung Caesars vervollständigte A. P. 
in den Schlusskapiteln 108 — 112; auch sonst sind noch Spuren der Polüonischen Thätigkeit 
im bellum civile wahniehmbar (vgl. p. 78). Dem eigentlichen bellum Alexandrinum (1 — 33) 
liegen Aufzeichnungen Caesars zu Grund, welche von Hirtius und Pollio ergänzt und er- 
weitert wurden. Für die erste Abteilung des bellum Ponticum (34 — 41) hatte Hirtius sehr 
wenig ausgearbeitet, hier musste Pollio mit|£rgänzungen stark eingreifen; weniges blieb 
für Pollio zu thun übrig in den Abschnitten über den illyrischen Krieg (42—47) und die 
zweite Abteilung des pontischen Kriegs (65 — 76). 

Hiezu nur noch einige Bemerkungen. Dass es ganz unmöglich ist, auf Grund des 
geringen sprachlichen Materials, das zur Verfügimg steht, solche ins Einzelne gehende Schei- 
dungen des litterarischen Guts vorzunehmen, dürfte kaum bestritten werden. Eine Zusammen- 
stellung der Ähnlichkeiten, welche besonders beweisend sein sollen, findet sich p. 37. Es 
sind: pro contione dicere, nullum vestigium discedere; quonam modo, in agris et in villis, die 
Form nactus in der gleichen Verbindung mit occasio, utrobique, die Deklination des Nom, 
propr, Bogud in der Verbindung regnum Bogudis, in potestate sua tenere, die Nachstellung 
des Vornamens, der Gebrauch des Singulars legio bei Angabe mehrerer Legionen, der Ge- 
brauch der Distributiva für die Cardinalia, cupidissime = libentissime, Umschreibung mit 
facere, se ducere und subducere, depugnare, poUicitatio, Dagegen wendet R. Schneider ein 
und zeigt durch Beispiele (Berl. philolog. Wochenschr. 9 [1889] nr. 2 p. 55), „dass sämtliche 
Wörter und Wendungen, die Landgraf als specifisch pollionisch oetrachtet, auch bei 
an|dern Schriftstellern sich finden.** Bei dem bellum Africanum kann der Urheber der 
Hypothese die grossen Mängel der Komposition nicht abstreiten ; er sucht dieselben dadurch 
zu erklären, dass er die Schrift für ein , Tagebuch** erklärt, allein dass ein solches nicht 



^) Eine Ahnung hatte der vortreffliche 
NiPPERDEY auch hievon; denn er sagt p. 15 
in priore libri parte, quae est de rebus Äle- 



xandriae gestis, etiam Caesaris narrationi 
nonnihil videtur tribuendum. 



174 Römische LitteratnrgeBohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

vorliegt, erkennt man aus den eingestreuten Reden (c. 22, 35, 44, 54) und daraus, dass ja 
der Verfasser von seiner Person ganz absieht, vgl. Wölfflin 1. c. p. 342. Auch die anonyme 
Herausgabe, das völlige Schweigen des Autors über seine Person ist nicht probabel gemacht 
worden. Gegen die Hypothese erklärt sich neuerdings Eöhleb, Bayr. Gymnasialbl. 25, 516. 

Überlieferung des Corpus Caesarianum. Die Überlieferung der im Corpus 
Caesarianum vereinigten Schriften ist eine doppelte ; die acht Bücher des gallischen Kriegs 
sind durch eine ältere, reinere, aber vielfach lückenhafte Quelle überliefert; daneben geht 
einher eine jüngere, schlechtere und interpolierte Überlieferung, welche alle Denkschriften 
(Caesars wie der Fortsetzer) enthält. Vgl. Nippebdey p. 37. Während die Kommentare 
über den gallischen Krieg zu den bestüberlieferten (eine Einschränkung macht Berok, Zur 
Geschichte und Topographie der Rheinlande p. 34, der für dieselben eine durchgreifende 
Redaktion statuiert) Schriften des Altertums gehören (Nipperdey p. 49), sind die übrigen 
Kommentare ungemein verdorben (Madvio, Opusc. 1887 p. 579). Zur ersten Klasse gehören 
der Amstelodamensis oder Bongarsianus s. Ja oder X (A) und der Parisinus 5768 s. X (6), 
zur zweiten der Thuaneus oder Parisinus 5764 s. XU (T) und der Ursinianus oder Vaticanus 
3324 s. XII (ü). Eine Übersicht der Stemmata, wie sie von Nippebdey, Heller (Philol. 
17, 508), Detlefsen (Philol. 17, 653), Fbiobll, Dittekbebger (Gott. Gel. Anz. 1870 p. 14), 
DiNTEB, DüBKEB, HoLDEB aufgestellt werden, stellt übersichtlich Eüssner in Bursians 
Jahresber. 27, lat. Abt. p. 222 f. zusammen. 

Ausgaben (mit knapper Auswahl): Epochemachende Ausgabe von Nippebdet mit 
vorausgeschickten meisterhanen Quaestiones Caesarianaey Leipz. 1847 (Textausgabe Leipz. 
1847; 2. Ausg., 1857). Dübnbb, Paris 1867. Em. Hopfmann, Wien 1856, 2. Aufl. 1890. 
Fb. Kbanbb, Leipz. 1861 (B. Tauchnitz). B. Dinteb, Leipz. 1864—76 (Teubner). — Ausgaben 
des bellum Gallicum (mit dem 8. Buch) von Fbigell, Upsala 1861, von Holdeb, Freib. 
1882, von Whitte, Hanniae 1887 (unter dem Einfluss Madvios stehend). Zahllose Schul- 
ausgaben z. B. von Held, Kbaneb, Dobebenz, Waltheb u. a. C. Asinii PoUionia de hello 
Africo cammentarius. Rec. Wölfflin et Miodonski, Leipz. 1889. Landobaf, Der Bericht 
des C. Asinius Pollio über die span. Unruhen des J. 48 v. Ch. (Bell. Alex. 48 — 64), Erlang, 
und Leipz. 1890. 

Hilfsmittel: Die hervorragendsten Hilfsmittel sind die Lexika von Mebouet zu 
Caesar und seinen Fortsetzen! (Jena 1884), von Pbeuss zu den pseudocaesarischen Schriften 
(Erlangen 1884), von Menge und Pbeuss (lexicon Ccteaarianum, Leipz. 1885), von Meusel 
(lexicoH Caesarianum, Berl. 1884), dann der Index von Holdeb in seiner Ausgabe. Die 
Litteratur zu Caesar ist nahezu unabsehbar. Ein brauchbarer Führer ist Jahns, Caesars 
Kommentarien und ihre litterarische und kriegswissenschaftliche Folgewirkung, Beiheft zum 
Militärwochenblatt 1883. 

8. Cornelius Nepos. 

123. Sein Leben. Cornelius Nepos wird von dem älteren Plinius 
(n. h. 3,127) als Anwohner des Po bezeichnet; nach dem jüngeren Plinius 
4,28 war er ein Angehöriger des Municipiums, dem auch der „Insubrer* 
Titus Catius entstammte. Er ist daher den Transpadanern beizuzählen, 
welche damals in der römischen Litteratur eine hervorragende Stellung 
einnahmen. Als solcher war er befreundet mit Catull, der ihm durch die 
Widmung seiner Gedichte ein unvergängliches Denkmal setzte. Auch mit 
Atticus, mit dem er ungefähr gleichen Alters war (Com. Nep. 25, 19, 1), 
unterhielt er sehr enge Beziehungen. Dass er auch dem Cicero nahe stand, 
davon legte ein eigens publizierter Briefwechsel desselben mit ihm Zeugnis 
ab (Macrob. 2, 1, 14).*) Vom politischen Leben scheint er sich wie Atticus 
gänzlich zurückgezogen zu haben; wenigstens war er nicht Senator (Plin. 
ep. 5, 3, 6). Aus einer Stelle Frontos müssen wir schliessen, dass er wiederum 
wie sein Freund Atticus sich mit Buchhandel abgab. Cornelius Nepos er- 
reichte ein hohes Aller. 

Über das Leben des Cornelius Nepos handelt vortrefflich Nipperdey in der Einleitung 

>) Vgl. MoMMSBN, Herrn. 3, 62. 

*) In den vorhandenen Briefen wird G. N. von Cic. erwähnt ad Att. 16, 14, 4; 16, 5, 5. 



Comelins Hepos. 



175 



ZU seiner Ausgabe. Vgl. auch Unoer, Der sog. Comel. Nep. p. 8 — 12. Die lückenhafte 
Stelle Frontos Nah. 20,7 lautet: qtwrum Itbri pretiosiares habentur et summam gloriam 
retinentj si sunt a Lampadione aut Staberio aut . . , vi aut [Tirone] aut Aelio . . . auf 
Attico aut Nepote. 

124. Die Feldherrnbiographien. In Handschriften sind uns 23 Bio- 
graphien nichtrömischer Feldherrn (darunter nr. 21 eine Skizze über die 
Feldherrn, welche zugleich Könige waren) unter dem Namen des Aemilius 
Probus überliefert. Hieran schliessen sich zwei Biographien Atticus und 
Cato an, ^) welche als einem Buch des Cornelius Nepos über lateinische Histo- 
riker entnommen sich darstellen. Auf dasselbe Buch des Cornelius Nepos 
werden zwei Fragmente aus einem Brief der Cornelia, der Mutter der 
Gracchen zurückgeführt.*) Über den Aemilius Probus gibt uns lediglich 
Aufschluss ein Epigramm von sechs metrisch mehrfach fehlerhaften Disti- 
chen, in dem ein Probus einem Kaiser Theodosius ein Buch (corpus) sendet, 
an dem er, sein Vater und sein Gross vater geschrieben. Da aber aus- 
drücklich als Inhalt des Buches „Gedichte* (carmina) angegeben werden, 
so folgt, dass das dem Theodosius übersendete Buch gar nichts mit unsern 
Feldherrnbiographien zu thun hat und dass Probus weder der Schreiber 
noch der Verfasser derselben sein kann. Und selbst ein flüchtiger Blick 
genügt, um zur Überzeugung zu gelangen, dass unser Buch nicht in die 
Zeit eines Theodosius, mag es der erste (379—395) oder der zweite (408 — 450) 
sein, fallen kann. Der Name Probus ist also nur durch einen Irrtum mit 
den Feldherrnbiographien verknüpft worden. Der Hergang dürfte folgender 
gewesen sein: Zur Füllung eines leeren Baums der mit der 23. Biographie 
schliessenden Seite wurde jenes Epigramm verwendet; es muss ursprüng- 
lich die jetzt verloren gegangene Überschrift Aemilius Probus gehabt haben, 
denn diese (nicht bloss Probus) finden wir an der Spitze und am Schluss 
des Feldhermbuchs. Ein flüchtiger Leser des Epigramms machte den 
unrichtigen Schluss, dass dieser Aemilius Probus der Verfasser des Feld- 
herrnbuchs sei, und setzte an Stelle des richtigen Autors den falschen; 
vielleicht war aber auch der Name des Autors verloren gegangen. Sonach 
steht uns für die Autorschaft des Feldherrnbuchs kein brauchbares hand- 
schriftliches Zeugnis zur Verfügung; wir müssen daher den Verfasser durch 
Kombination ermitteln. Mehrere Stellen führen deutlich auf die Zeit des 
Übergangs von der Republik zur Monarchie (17, 4, 2; 18, 8, 2; 1, 6, 2), ja 
genauer betrachtet scheinen sich die zwei letzten auf das Ende des J. 36 
V. Ch. zu beziehen.^) In dieser Zeit lebte T. Pomponius Atticus und einem 
Atticus ist das Feldherrnbuch gewidmet; in dieser Zeit lebte aber auch 
Cornelius Nepos, der mit Atticus sehr befreundet war und ein Buch über 
berühmte Männer (mit verschiedenen Abteilungen) geschrieben hatte. Muss 
uns schon dieses Zusammentreffen die Annahme, dass Cornelius Nepos der 
Autor der Feldherrnbiographien sei, nahelegen, so wird diese Annahme 
zur Gewissheit, wenn wir sehen, dass zwischen den von der Überlieferung 
dem Cornelius Nepos zugeteilten Biographien des Cato und des Atticus 
und dem Feldherrnbuch in Stil, Komposition und Gedanken Übereinstim- 



*) Über diese handschriftliche Reihen- 
folge Roth, Aem. Prob. p. 149. 

*) Wir haben über dieselben § 74 ge- 



handelt. 

') Vgl. RosEKHAXJEB p. 738 Und p. 751. 



176 ROnÜBohe Lüteratnrgesohiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periede. 

mung besteht. Eine solche tritt uns aber so eindringlich entgegen, dass 
die Identität des Verfassers nicht geleugnet werden kann. Gifanius hatte 
daher 1566, als er die Feldherrnbiographien unserm Cornelius Nepos zu- 
erkannte, das Richtige gesehen. 

Die anderen Wege, die eingeschlagen wurden, den Verfasser des Feldhermbuchs zu 
bestimmen, sind verfehlt. An Aemilius Probus als Verfasser hält Rikck fest; in sehr aus- 
führlichen, Roths Ausgabe vorausgeschickten Prolegomena sucht er die These zu erweisen 
(p. XXXV): Aemilium Probum aevo Theodosiano sine fraude nomine Corn. Nepotis librutn 
de excellentibus ducibus scripsisse, niutilumque opus Cornelianum de riris iUustrihiis supple- 
vissey sicuti Hirtius eommentarios luHi Caesaris et Freinshemius Curtii historiam de Ale- 
xandro supplevit. Allein von allem andern, wie Stil, Zeitanspielungen, abgesehen, widerlegt 
diese Ansicht schon die kurze Bemerkung LACHMAiofs, Kl. Sehr. 2, 188, dass nach dem 
Epigramm Probus nicht vitasy sondern carmina an seinen Kaiser schickt. In der neuesten 
Zeit ist eine andere Hypothese an den Tag getreten : Ungeb will nämlich in einer gelehrten 
Abhandlung „Der sogenannte Cornelius Nepos (Abb. der Münchner Akad. 16. Bd. I.Abt. 
1881)** den Nachweis liefern, dass nicht Cornelius Nepos, sondern Hygin der Autor des 
Feldhermbuchs ist. Allein dass diese Hypothese sowohl in ihrem negativen als in ihrem 
positiven Teil irrig ist, hat ebenso bündig wie schlagend Rosenhauer, Philol. Anzeiger 18, 
733 — 759 nachgewiesen. Man vgl. nur z. B. die Tafel, in der die sprachlichen Überein- 
stimmungen des Feldherm- und des Historikerbuchs zusammengestellt sind, und man wird 
Rosenhauer beistimmen, „dass sich nicht leicht unter zwei verschiedenen Schriften irgend 
eines andern Autors eine solche Fülle sprachlicher Übereinstinmiung findet, wie sie uns 
hier vorliegt* (p, 758). Vgl. Lieberkühn, Vindiciae, Leipz. 1844 p. 106. Lupus, Fleckeis. 
J. 1882 p. 379 (Der Sprachgebr. des C. N., Berl. 1876). Die Ansicht, dass wir im Feld- 
hermbuch (wie im Cato) Exzerpte aus dem biographischen Werke des Cornelius Nepos 
haben (vgl. H. Haupt, de auctoris de viris illtistribus lihro p. 39 u. a.), ist niemals ein- 
gehend begründet worden. Noch ist eine Vermutung Beroks, Opusc. 2, 729 nr. 33 zu er- 
wähnen. Da das Epigramm nur einen Probus, Überschrift und Unterschrift des Feldherm- 
buchs aber den Namen Aemilius Probus aufweist, so glaubt Berok, dass Aemilius aus 
einem missverstandenen Em(endavi) Probus entstanden sei. Da aber neben dem Epigramm 
sich eine solche subscriptio schwer annehmen lässt, so ziehe ich die Deutung Lachhanns 
(1. c), dass das Epigramm ursprünglich eine jetzt verlorene Überschrift (Aemilius Probus) 
gehabt habe, vor. 

125. Die Struktur des biographischen Werks des Nepos. Das 

Werk über die berühmten Männer (de viris illustribus) umfasste mindestens 
16 Bücher, denn dieses Buch wird noch von Charisius citiert (1,220). Es 
handelt sich nun darum, den Aufbau des Werkes festzustellen. Da Nepos 
am^Schluss des Feldherrnbuchs (23,13,4), in dem griechische und andere 
ausländische Feldherrn geschildert werden, zu den römischen Feldherrn 
überzugehen verspricht, da wir ferner ein Buch über lateinische Historiker 
kennen, in dem die Biographien des Cato und des Atticus standen, und 
10,3,2 auf ein solches über griechische Historiker verwiesen wird, so 
müssen wir folgern, einmal dass die berühmten Männer nach Kategorien 
behandelt waren, dann dass in jeder Kategorie zuerst die Ausländer 
(Griechen) geschildert wurden, dann die Römer in einem zweiten. Es 
erübrigt noch festzustellen, welche Kategorien ausser den Feldherrn und 
den Historikern aufgestellt waren. Aus dem Feldherrnbuch erfahren wir 
(21,1), dass eine eigene Kategorie die „Könige" bildeten und vor den 
Feldherrn standen (10, 9, 5). Die Fragmente weisen „Dichter** (23) und 
„Grammatiker** auf (30). Wir erhalten also 5 Kategorien: Könige, Feld- 
herrn, Historiker, Dichter, Grammatiker mit 10 Büchern insgesamt. Da 
aber das Werk aus mindestens 16 Büchern bestand, so fehlen uns noch 
drei Kategorien. Wahrscheinlich wurden diese von Staatsmännern, Rednern 



') Wir eitleren dieselben nach Halk. 



ComeliiiB NepoB. 177 

und Philosophen gebildet. Die Reihenfolge der Kategorien kann nicht mit 
Sicherheit eruiert werden. Doch ist der Aufbau, wie ihn Nipperdey ent- 
worfen hat, sehr wahrscheinlich: 1) Könige, 2) Feldherrn, 3) Staatsmänner 
(Nipperdey: Juristen), ^ 4) Redner, 5) Dichter, 6) Philosophen, 7) Geschicht- 
schreiber, 8) Grammatiker. Jedes dieser Fächer umfasste zwei Bücher. 
Da die Ausländer den Inländern vorausgingen, so fallen die Bücher mit 
ungeraden Nunmiern auf die ausländischen, die mit geraden auf die römi- 
schen Berühmtheiten. Dass noch andere Klassen von Beiiihmtheiten be- 
handelt waren, lässt sich nicht erweisen. 

Dieser Anordnung stellen sich einige Schwierigkeiten entgegen. Gellius citiert näm- 
lich 11, 8, 5 das Buch über die lateinischen Historiker als XIII.; femer wird im Feldherm- 
buch 10, 3, 2 auf den liber über die griechischen Historiker in der Vergangenheit hinge- 
wiesen (exposita sunt). Die zweite Schwierigkeit löst sich durch die Annahme, dass Nepos 
nach einem fertig vorliegenden Plane schrieb und dass das Werk nicht successiv erschien ; 
die erste dagegen durch die Schreibung XHII statt XIII. Eine neue Kategorie „Künstler*^ 
wollte H. BRüim hinzufügen, Sitzungsb. der Münch. Akad. 1875 p. 311. Mit Unrecht vgl. 
Urlichs, Burs. Jahresb. 1876 H p. 18. 

Das Werk erschien in zwei Ausgaben, wie aus folgendem ersichtlich: Das Feld- 
hermbuch wendet sich in der Vorrede an Atticus, setzt also denselben als lebend voraus; 
im Leben des Hannibal dagegen findet sich c. 13 eine Äusserung (Atticus — in annali suo 
scriptum reliquU), nach welcher Atticus gestorben sein muss, vgl. Asbach, Analecta, Bonn 
1878 p. 34. Ebenso ist die Biographie des Atticus im Historikerbuch bis zum 18. Kap. bei 
Lebzeiten desselben herausgegeben worden, das übrige nach seinem Tode, der im J. 32 
eintrat. Wir haben alsc'zwei Ausgaben, die erste erschien vor dem J. 32, die andere 
nach diesem Jahre. Und zwar erschien die erste Ausgabe nicht lange vor 32, etwa 35 
oder 34, vgl. Nippebdet p. XVU, Rosenhaubb p. 739. 

Die zweite Auflage erschien zwischen 31 — 27, denn Octavian hatte bereits den Titel 
Imperator, aber nicht den Titel Augustus (25, 19, 2). Die Veränderungen der zweiten Auf- 
lage gibt Comeh'us Nepos für das Historikerbuch selbst an; er fügte die Kapitel 19,20, 
21, 22 im Leben des Atticus hinzu. Wahrscheinlich ist auch, dass in dem Vorausgehenden 
die Stellen, in denen er von den Gewohnheiten des Atticus in der Vergangenheit spricht, 
jetzt erst diese Zeit erhielten. Die erste Auflage des Feldhermbuchs schloss aller Wahr- 
scheinlichkeit nach mit der Skizze über die Könige, denn diese bilden gewissermassen einen 
Anhang zu den Feldherrenbiographien. Da nun dieser Skizze die Biographien Hamilcars und 
Hannibals nachfolgen, so scheinen dieselben mit der Stelle 21, 3, 5 erst in der zweiten 
Ausgabe hinzugekommen zu sein. Auf dieselben wurde aber bereits 13, 4, 5 hingewiesen. 

126. Die verlorenen Schriften. Auch die übrige Schriftstellerei 
des Nepos — von seinen erotischen Gedichten, deren Plin. ep. 5, 3, 6 ge- 
denkt, haben wir p. 155 gesprochen — bewegt sich auf dem Gebiete der 
antiquarisch-historischen und der verwandten geographischen Forschung. 
Das älteste Werk war eine Chronik in drei Büchern; dieselbe erwähnt 
Catull in dem Widmungsgedicht; sonach war sie nicht nach spätestens 
52 V. Chr. geschrieben. Nach den wenigen erhaltenen Fragmenten zu 
schliessen, gab hier Cornelius nicht bloss die wichtigen Daten aus der 
römischen, sondern auch aus der ausländischen Geschichte (fr. 8). Auch 
die mythischen Zeiten waren behandelt und zwar, wie fr. 3 zeigt, mit 
rationalistischer Tendenz. Eine litteraturgeschichtliche Angabe (über Ar- 
chilochus) enthält fr. 6. Muster dürfte die in Versen abgefasste Chronik 
des ApoUodor gewesen sein; ihre Benützung wenigstens zeigt fr. 5. Weiter- 
hin schrieb Nepos „Beispiele** (exempla) in mindestens 5 Büchern (Gell. 
6, 18, 11). Dieselben fallen nach 43 v. Chr., wenn das, was Sueton Aug. 77 
erzählt, in diesem Werke stand. Die erhaltenen Fragmente berühren 



^) Vgl. ROSENHAUEB, p. 740. 
BADclbuch der klaas. AltertumswiaBeuBchaft. VIIL 12 



178 RömiBche Litter atnrgeBchichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

grösstenteils Kulturhistorisches; z. B. nr. 17 über das Aufkommen der ver- 
schiedenen Purpurarten, nr. 14 über die Verwendung des Marmors, nr. 12 
über die Zeit, wann die Schindelbedachung abgekommen u. a. Von Pom- 
ponius Mela und dem älteren Plinius wird öfters Cornelius Nepos für geo- 
graphische Angaben angeführt; wir müssen daher auch ein geographisches 
Werk des Cornelius annehmen. Dasselbe war aber unkritisch, wie aus 
dem Tadel des Plinius n. h. 5, 1, 4 hervorgeht. Endlich verfasste er eine 
Monographie über den alten Cato (Com. Nep. 24, 3, 5) und eine Bio- 
graphie Ciceros (Gell. 15, 28). 

127. Charakteristik des Cornelius. Die hervorstechenden Eigen- 
tümlichkeiten der Schriftstellerei des Cornelius Nepos sind, dass sie über 
das Römische hinausgreift und auch das Ausländische beizieht, dann dass 
sie vorwiegend das biographische und kulturgeschichtliche Moment pflegt. 
Sein schriftstellerisches Talent können wir nur aus den Überresten seines 
biographischen Werks beurteilen. Das erste, was der Würdigung unter- 
stellt werden muss, ist der Aufbau desselben nach Fachwerken. Zu diesem 
Zweck war es notwendig, einmal die Fachwerke richtig auszuwählen und 
dieselben passend zu ordnen, dann für jedes Fachwerk die hervorragendsten 
Persönlichkeiten auszusuchen und die ausgesuchten in eine natürliche Reihen- 
folge zu bringen. Wie hat Nepos diese doppelte Aufgabe gelöst? Die 
erste anlangend können wir nur ein bedingtes Urteil abgeben, da hier die 
Überlieferung uns zu wenig Daten an die Hand gibt. Wenn aber Nipper- 
DEY*s Aufstellung das Richtige getroffen hat, so dürfte unser Autor keinem 
erheblichen Tadel begegnen. Nur einmal zeigt es sich, dass ihm sein Fach- 
werk Schwierigkeiten bereitet. Der Aufbau desselben beruht nämlich 
darauf, dass den Königen die Nichtkönige gegenübergestellt werden, nach 
den Fächern des Wissens und Könnens geschieden. Allein trotzdem kommt 
er in dem Feldherrnbuch auf die Könige zu sprechen, welche zugleich 
Feldherrn waren. Nur mangelhaft hat Nepos die zweite Aufgabe gelöst, 
weder ist die Auswahl der Berühmtheiten in den einzelnen Fächern durch- 
weg eine glückliche zu nennen, es fehlen auf der einen Seite hervorragende 
Personen, andererseits sind minderbedeutende aufgenommen; noch ist die 
Reihenfolge der Biographien eine naturgemässe, der Autor scheidet nicht 
scharf die zwei Klassen der ausländischen Feldherrn, Griechen und Nicht- 
griechen; ja er spricht einmal sogar unkorrekt von Griechen, obwohl er 
auch Nichtgriechen unter den ausländischen Feldherrn behandelt hatte (21, 1). 
Nachdem einmal der Autor beschlossen hatte, seine Biographien nach Fach- 
werken anzuordnen, so musste bei der Ausführung seine erste Aufgabe sein, 
in jeder Biographie die Seite in den Vordergrund zu stellen, welche auf 
das betreffende Fach hinweist. Auch dies ist nicht beachtet worden. Man 
sieht, das Fachwerk ist nur ein äusserer Rahmen, dasselbe hat nicht be- 
stimmend auf die Komposition eingewirkt. Aber auch abgesehen davon 
sind die Biographien keine Meisterwerke. C. Nepos ist nicht im stände, 
ein adäquates Lebensbild zu zeichnen; er verfährt nicht psychologisch, 
sondern äusserlich-schematisch. Das Anekdotenhafte tritt stark hervor. 
Es fehlt ihm der weite Gesichtskreis und der höhere Massstab; nur zu 
leicht lässt er sich gerade von der Persönlichkeit, die er behandelt, zu 



G. Sallastiiui Crispiui. 179 

einer Überschätzung der Bedeutung derselben hinreissen; im Zusammen- 
hang damit steht, dass er lieber das Rühmliche als das Tadelnswerte an 
seinen Helden hervorhebt, was für ein liebevolles Gemüt, aber nicht für 
einen scharfen Geist spricht. In den historischen imd geographischen Daten ^) 
ist er ungemein nachlässig, Verwechslungen, Auslassungen, Widersprüche, 
Unrichtigkeiten finden sich das ganze Buch hindurch. Quellen werden 
mehrere namentlich aufgezählt; allein es ist sehr fraglich, ob sie alle wirk- 
lich benützt wurden; wenigstens ist 7, 11, 1, wo er drei Quellen nennt, 
nachzuweisen, dass er nur eine herangezogen hat.') Der Stil ist der 
schlichte, der sich frei hält von grosser Periodologie und sich in einem sehr 
beschränkten Wortschatz bewegt. Derselbe ist aber durch das Rhetorisch- 
zugespitzte und Zierliche gehoben. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es 
der Stil der Jungattiker. 

Yorzflglich handelt über Nepos die Einleitung Nippebdets zu seiner Ausgabe; von 
ihr hat jede Betrachtung des Autors auszugehen. Zu der Quellenfrage vergleiche Wichebs, 
diaquisitio critica de fontihus et auctoritate C. N,, Groning. 1828. Ekker, de fontibua et 
auctaritate C, N, in Nova Acta soc. Rheno-Traieci. UI (1828) p. 193. Fbeudenbbbo, Quaest, 
hisL in C. N. vitas, Köln 1839, Bonn 1842. Göthe, Die Quellen des N. zur griech. Ge- 
schichte, Glogau 1878. Haehkel, Die Quellen des C. N. im Leben Hannibals, Jenaer Diss. 
1888. Hiezu kommen die Abhandlungen, welche die Quellenfrage des C. N. in Verbindung 
mit andern Autoren darlegen, z. B. Lippelt, Qwust. hiographicae, Bonn 1889. 

Überlieferung: Die Überlieferung beruht auf zwei Familien; der beste Codex, der 
Cod. Gifanii oder Danielis ist verloren; unser Repräsentant der besseren Familie ist jetzt der 
Cod. Parcensis in Löwen (s. XV). Zahlreich sind die Handschriften der zweiten, geringeren 
Familie; bestes Exemplar der Gudianus 166 in Wolfenbüttel (s. XJI/III). Über die Hand- 
schriften Roth Ausg. p. 207, Rh. Mus. 8, 626. Gemss, philol Wochenschr. IX p. 801—804. 

Ausgaben: Aus der ungeheuren Zahl hebe ich folgende heraus: Lambin, Par. 1569 
Äemilius Probus et Cornelii Nepotis quae super sunt, E. J. Roth (mit den Proleg. von 
Rinck), Bas. 1841. Ausgabe von Halx mit krit. Apparat, Leipz. 1871 (Fleokeisen 1884). 
NiPPEBDBT (Textausgabe mit Apparat), Berl. 1867. Cobet 1881. Aitdebsen, Leipz. 1884. 
A. Weidnbb, Leipz. 1887. Obtmann, Leipz. 1886 u. a. Von den erklärenden Ausgaben 
ist unstreitig die beste die von Nippbbdet, Leipz. 1849. Sie kontrolliert fortwährend die 
historischen Angaben des C. Nep. und enthält eine Fülle treffender sachlicher und sprach- 
licher Bemerkungen. Ergänzend treten hinzu die spiciltgia critica (jetzt gesammelt in den 
Opusc, Berl. 1877), welche Nippebdey als feinen Beobachter des Sprachgebrauchs und ganz 
hervorragenden Kritiker dartiiun, ao dass Halm mit Recht sagen konnte : nemo post Lam- 
binum melius de Nepote emendando meruit, 

9. C. Sallustius Crispus. 

128. Sein Leben. C. Sallustius Crispus stammt aus der sabinischen 
Stadt Amiternum. Als sein Geburtsjahr werden wir das Jahr 86 v. Ch. 
anzunehmen haben. Seine politische Laufbahn begann er mit der Quästur. 
Volkstribun wurde er im Jahre 52, als solcher sprach er sehr heftig gegen 
Milo in den bekannten Händeln. Im Jahr 50 wurde er von dem Censor 
Appius Claudius Pulcher aus dem Senat ausgestossen (Dio 40, 63). Der 
Grund war sein anstössiger Lebenswandel. Ein Faktum ist uns tiberliefert. 
Varro erzählte in einem Logistoricus „Pius de pace^, dass Sallust von 
Milo im Ehebruch mit dessen Frau (Fausta) ertappt, mit Ruthenstreichen 
gezüchtigt und gegen eine Geldentschädigung frei gegeben worden sei 
(Gell. 17, 18). Von Caesar wurde er durch Verleihung der Quästur wieder 
in den Senat aufgenonmien. Er übernahm dann mehrere militärische Kom- 

Vgl. ÜNGER p. 20 und p. 23. 

2) Göthe, Die Quellen des C. N. p. 19. 

12* 



180 Römische LitteratnrgeBohichte. I. Die Zeit der Republik: 2. Periode. 



mandos; wir finden ihn in Dlyrien, wo er mit Basilus gegen Octavins und 
Libo kämpfte, aber besiegt wurde. Dann wurde er zur Unterdrückung 
einer Meuterei der Soldaten nach Campanien geschickt (47), wo er fast 
ums Leben gekommen wäre. Im afrikanischen Krieg ist er als Prätor bei 
Operationen zur See verwendet (b. Afric. 8 und 34); er blieb dann als pro 
consule cum imperio in dem vormaligen Königreich Jubas, in Africa nova. 
Hier hatte er durch grosse Erpressungen sich so bereichert, dass er die 
Tiburtinische Villa Caesars kaufen i) und die nach ihm benannten Gärten 
(Tac. A. 13, 47; Vitruv. 3,2) auf dem Quirinal anlegen konnte. Dem politi- 
schen Leben blieb er von da an fern und beschloss sein noch übriges Leben 
der Geschichtschreibung zu widmen. Bezüglich des Todesjahrs ist die 
glaubwürdigste Angabe die, nach welcher dasselbe das Jahr 34 (oder 35) ist. 
Sein Adoptivsohn und Grossneflfe, ein vertrauter Freund des Augustus, 
wird uns von Tacitus A. 3, 30 charakterisiert und ist bekanntlich der in der 
Ode 2, 2 des Horaz Angeredete. 

Hieronymns 2, 133 Schoene f&gt zu dem Jahr 87 das Greburtsjahr des Sallust; und 
der codex Freherianus zu dem J. 86. Das Chronic. Paschale 1, 347 gibt als Geburtsjahr 
des Sallust unter Angabe der Konsuln ebenfalls 86 an. Über das Sterbjahr differieren die 
Quellen. Hieron. stellt p. 139 zu dem J. 36 die Notiz : SaUustius diem ohiit quadriennio ante 
Äctiacum bellum. Das Chronicon Paschale dagegen verlegt den Tod (wiederum unter An- 
gabe der Konsuln) ins Jahr 39. Ascon. p. 33 K. Seh. Inter primos et Q. Pompeius et C, 
Sallustius et T. Munatius Plancus tribuni plebü inimicissimcts contiones de MUone habe- 
hanty invidiosas etiam de Cicerone, quod Milonem tanto studio defenderet. Invect. in Sali. 
6, 17 Sallustius f qui in pace ne Senator quidem manserat, posteaquam res publica armis 
oppressa est, idem a victore, qui exsules reduxit, in senatum per quaesturam reductus est. 
Vgl. MoMMSEN, R. Staatsr. 2, 1, 396 Anm. Gros. 6, 15, 8 Basilus et Sallustius cum singulis 
legionibus, quibus praeerant, — adversus Octavium et Libonem profecti et vidi sunt. Dio 
Cass. 42, 52 t« di dij argatoneda ovx V^^XD ^vroy haga^ey — iy Kttfjtnayi(f d^ ol nXelovg 
avTtay (6g xai ig rrjy ^Atpgixrjy nQonXevaovueyoi rjaay * ovioi ovy roy re InXovatioy naq' 
oXiyoy dnixiHyay — xat iTieidtj xal ixBiyog diafpvytay avrovg ig xrjy 'PdSfÄtjy ngog roy 
Kaiaaga üigf4tjc6, r« yiyyofnyu ol dijXüiatay, itpeanoyro re avuf» av^yol fitjdeyog (peidofÄe- 
yoi, xai aM.ovg re rtoy iyxvxoyitay atpiai xal ßovXevxug dvo eofpa^ay. Vgl. App. b. civ. 2, 
92. Bell. Afric. 97 ex regnoque (Jubae) provincia facta atque ibi Sallustio pro consule 
cum imperio relicto ipse (Caesar) Zama egressus Uticam se recepit. 

129. Die Monographie über die catilinarische Verschwöning 
(Bellum Catilinae). Nicht die gesamte römische Geschichte nahm sich 
Sallust nach seinem Abgang aus dem politischen Leben zum Ziel, sondern 
nur einzelne Partien. Zu diesem Zweck hatte er sich von dem be- 
rühmten Philologen L. Ateius einen Abriss der römischen Oeschichte ver- 
fertigen lassen. Zuerst lenkte er seine Blicke auf ein durch die Neuheit 
der Ruchlosigkeit und des Wagnisses bemerkenswertes Ereignis (c. 4), auf 
die Catilinarische Verschwörung. Als er dieselbe schrieb, war Caesar 
bereits tot; denn den Tod Caesars setzt die schöne Schilderung voraus, 
die er von ihm entwirft (54, 1 — 4). Als Quellen konnte er benützen die 
Senatsakten, die Ciceronischen Beden, die Schriften Ciceros und Atticus' über 
des ersteren Konsulat, die an Pompeius gerichtete Denkschrift Ciceros über 
den gleichen Gegenstand, die Litteratur über den jüngeren Cato^) u. a. 
Auch aus eigenen Erinnerungen und aus Mitteilungen von Zeitgenossen 



») Invect. in Sali. 7, 19. Jordan hält 
Hermes 11, 325 ohne Grund Tiburti für ein 
Glossem und den Erwerb einer Villa des Cäsar 
und „der übrigen Besitzungen** für erfunden. 



^) DüBi, Die jüngeren Quellen der ca- 
tilinarischen Verschwörung in Fleckeis. J. 
113, 851. {De S. fontibus ac fide, Bern 1872.) 



C. Sallnstins GriBpuB. IgX 

konnte er reiches Material schöpfen. Allein eine gewissenhafte Benützung 
dieser Quellen unterliess Sallust. Ihm war es mehr darum zu thun, ein 
lebensvolles Gemälde, das den Leser packt, zu entwerfen, glänzende Cha- 
rakterschilderungen zu geben als die Ereignisse mit Sorgfalt im einzelnen 
festzustellen. Wir finden grosse chronologische Verstösse. So ist längst 
bemerkt worden, dass er die Verschworenenversammlung bei dem Senator 
M. Porcius Laeca und das Attentat auf Cicero vor dem senatus consultum 
ultimum geschehen sein lässt (27,3 — 28,3), während diese Ereignisse nach 
demselben fallen, i) Aber auch die ganze Grundlage der Erzählung ist 
durch einen chronologischen Irrtum Sallusts eine schwankende geworden. 
Der Historiker verlegt nämlich den Anfang der Verschwörung ins Jahr 64, 
also vor die Eonsularkomitien fürs Jahr 63, bei denen Catilina als Be- 
werber auftrat. Allein diese Datierung ist unrichtig, erst die Niederlage 
Catilinas bei den Eonsularkomitien für 62 war die Veranlassung der cati- 
linarischen Verschwörung; ihre Entstehung fällt also nicht in das Jahr 64 
(17,1), sondern 63. Die Folge ist, dass ein Ereignis, das sich in wenigen 
Monaten abspielt, sich jetzt durch einen Zeitraum von über ein Jahr hin- 
durchzieht.^) Eine ganze Reihe von unrichtigen und schiefen Auffassungen 
ist dadurch bedingt. Es kann also, wie bereits oben angedeutet, die Be- 
deutung der Monographie nicht in der Treue der historischen Erzählung, 
sondern in der Kunst der Darstellung gesucht werden. Die Charakteristik 
der Sempronia, die des Catilina, die Reden Caesars und Catos, das Pro- 
oemium und die Exkurse werden auf jeden Leser einen grossen Eindruck 
machen. Den politischen Standpunkt des Autors kennzeichnen seine Aus- 
falle gegen die Optimatenpartei; auch seine Vorliebe für Caesar ist be- 
sonders aus dem Schweigen über gewisse Vorgänge ersichtlich; allein die 
Monographie mit Mommsen „als politische Tendenzschrift anzusehen, welche 
sich bemüht, die demoki^atische Partei, auf welcher ja die römische Monarchie 
beruht, zu Ehren zu bringen und Caesars Andenken von dem schwärzesten 
Fleck, der darauf haftete, zu reinigen, nebenher auch den Oheim des Triumvir 
Marcus Antonius möglichst weiss zu waschen^, dürfte nicht zulässig sein. 
Die Abfassung der Schrift nach dem Tode Caesars lässt eine solche Haupt- 
tendenz nicht völlig erklärlich erscheinen. 

4,2 Statut res gestas popuU Ramatii carpttm, ut quaeque memoria digna videban- 
tury perscribere. Suet. gr. 10 L, Ateius philolögus — coluit postea familiarissime C, SaJ- 
histium et eo defuncto Asinium Pollionem, quos historiam componere aggressos aüerum 
hreviario verum amnium Romanarum, ex quibus quas velJet eligeret, instruxit, alterum prae- 
ceptis de ratione scrihendi. 

Über die Chronologie der Sallust'scheu Erzählung handelt sehr umsichtig John, Die 
Entstehungsgeschichte der catilin. Verschwörung in Fleckeis. J. 8. Suppl. p. 703, wo die 
übrige Litteratur in den Anmerk. angegeben ist. Hier ist bes. der Satz mit Nachdruck auf- 
gestellt und im Gegensatz zu Sallust erwiesen (p. 755): Die Niederlage Catilinas bei 
der Bewerbung um das Konsulat ftlr 62 war die Veranlassung der catilinari- 
schen Verschwörung. John urteilt daher ungünstig über den historischen Wert der 
Monographie (p. 811): Ober die Geschichte der Verschwörung vom Ausbruch des Bürger- 
kriegs an ist seine Erzählung eine brauchbare und besonders durch die Briefe wertvolle 
Quelle, seine Schilderung der vorangehenden Periode aber hat für den Geschichtsforscher 

') Durch Umstellung der betreffenden 1 ist unzulässig. Vgl. John 1. c. p. 704, 9, wo 

Partie, wie sie Linker in seiner Ausgabe | die Gegenschriften verzeichnet sind. 

Wien 1855 vorgenommen, zu helfen, und ! ^) John 1. c. p. 803. 

sonach eine Blaitverschiebung vorzunehmen, I 



182 Römiache Litteratorgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

nicht mehr Wert als ein historischer Roman und wirft geringere Ausbeute ab als selbst die 
kurzen Berichte der sekundären Quellen Plutarchus und namentlich Cassius Bio. 

Über Sallust. Angriffe auf die Optimatenpartei vgl. 11, 4 Sed postquam L. Stdla 
armis recepta re publica honis initiis mcUos eventus habuit, rapere omnes, trahere, domum 
aliuSf cUius agros cupere, neque modum neque modestiam victores h(ü>ere, foeda crudeliaque 
in civis facinara facere. 20, 7 postquam res publica in paucorum potentium ius atque 
dicionem concessU, setnper Ulis reges, teirarchae vectigales esse, populi, nationes stipendia 
pendere, ceteri omnes, strenui, honi, nohiles atque ignohiles, volgus fuimus sine grcUia, sine 
auctoritate, eis obnoxii, quibus, si res publica valeret, formidini essemus. Vgl. 23, 6; 
30, 4; 17, 6. 

. 130. Der jugurthinische Krieg (De bello Jugurthino). Im Ein- 
gang der Schrift gibt der Schriftsteller an, was ihn zur Wahl dieses Stoifs 
veranlasst hat; einmal die Gefährlichkeit und die grosse Bedeutung des 
mit wechselndem Erfolg geführten Kriegs (111 — 105), dann der Umstand, 
dass damals zum erstenmal der Nobilität entgegengetreten wurde. In dieser 
Monographie konnte Sallust die Kenntnis des Landes, die er sich bei seinem 
Aufenthalt als Proconsul cum imperio in der Provinz Neuafrika erworben, 
verwerten. Im übrigen war er auf seine Quellen und Zeugnisse anderer 
angewiesen; es wird dies öfters durch comperio angedeutet (45,1 67,3 
108,3 113,1). An Hilfsmitteln fehlte es nicht, es konnten benutzt werden 
die Memoiren Sullas, des M. Aemilius Scaurus wie die des P. Rutilius Bufus 
(vgl. § 114 und § 73). Dass auch punische Schriften zu Rate gezogen wurden, 
wird 17, 7 angedeutet. In dieser Monographie ist das Bestreben des 
Schriftstellers, ein abgerundetes Bild zu geben, aufs bestimmteste ausge- 
prägt. Er lässt daher die Chronologie sehr stark zurücktreten, indem er 
sich mit allgemeinen Angaben begnügt wie interim 28, 4 36, 1 40, 1 82, 2, 
interea 12, 2, paucos post annos 9, 4 u. s. w. oder solche auch ganz beiseite 
lässt. Selbst zu Verschiebungen führt ihn hie und da die Komposition. 
Der Historiker, der auf die Reihenfolge der Ereignisse schaut, wird also 
nicht selten unbefriedigt gelassen. Wie der Gatilina, so beginnt auch 
unsere Monographie mit allgemeinen Reflexionen über die Herrschaft des 
Geistes. Exkurse bietet sie drei dar, einen geographischen über Afrika 
(17.18.19), einen über das Parteileben in Rom (41.42), endlich die schöne 
Sage über den Wettlauf der philänischen Brüder (79). Reden sind mehrere 
eingestreut, am interessantesten sind die Reden des Memmius (31) und 
des Marius (85). Das Treiben der Nobilität wird oft berührt (8, 113, 5 
15,3 27,2 28,5 31,2 41,6 64,2 85,10 85,37). Die Monographie ist eine 
der schönsten Denkmäler der lateinischen Historiographie. 

c. 5 bellum scripturus sum, quod populus Romanus cum Jugurtha rege Numidarum 
gessit, primum quia magnum et atrox variaque victoria fuit, dehinc quia tunc primum super- 
biae nobilitatis obviam itum est. 

Über die Vernachlässigung der Chronologie vgl. Momksen, Rom. Gesch. 2*, 146 Arnn. ; 
Hermes 1, 427 ; Hans Wibz, Die stoffliche und zeitliche Gliederung des bellum Jug, des S. 
in der Festschrift der Eantonsschule in Zürich 1887. 

131. SallastB Historiae. Das reifste Werk Sallusts, das er bereits 
bei der Abfassung des Jugurtha ins Auge gefasst hatte, waren die Historiae 
in 5 Büchern. Dieselben umfassten einen Zeitraum von 12 Jahren. Da 
das Jahr 78, das Konsulat des M. Lepidus und Q. Catulus als Anfang des 
Werks durch ein Fragment feststeht, so muss das Ende in das Jahr 67 
fallen; und in der That führt kein Fragment über dieses Jahr hinaus. 



G. SalluBtiuB CrispuB. Ig3 

Das Werk reihte sich an das Sisennas an, der mit dem Tod Sullas ge- 
schlossen hatte. Es war also in dem Werk der Krieg gegen Sertorius 
(80—72), der Fechter- und Sklavenkrieg (73—71), der Krieg gegen die 
Seeräuber (78 --67), endlich auch noch der Krieg gegen Mithridates zum 
Teil behandelt. Mit dem Hervortreten des Pompeius in diesem Kriege 
musste das Werk geendet haben. Das Werk ist leider verloren gegangen. 
Doch sind uns Teile daraus erhalten und zwar 

a) sämtliche Reden und Briefe des Werks durch eine Samm- 
lung aller Reden und Briefe aus den historischen Schriften Sallusts. Es 
sind folgende vier Reden und folgende zwei Briefe: 

1. Die Rede des Konsuls M. Aemilius Lepidus, des Vaters des Triumvir, 
an das römische Volk aus dem J. 78, um dasselbe gegen die Sullanischen 
Einrichtungen aufzustacheln und sich als Führer zur Wiedererlangung der 
Freiheit anzubieten. 

2. Die Rede des M. Philippus im Senat gegen Lepidus, der in seinem 
revolutionären Treiben bis zum äussersten geschritten war; er stellte den 
Antrag, Lepidus für einen Feind des Vaterlands zu erklären und die nötigen 
Massregeln gegen ihn zu ergreifen (77). 

3. Die Rede des Konsuls C. Aurelius Gotta an das römische Volk 
aus dem J. 75, um eine infolge der drückenden Lage ausgebrochene Gärung 
zu beseitigen. 

4. Die Rede des Volkstribunen C. Licinius Macer, des Vaters des 
Dichters C. Licinius Calvus an das Volk (73), um dasselbe zur Wieder- 
gewinnung seiner Rechte aufzustacheln. 

5. Der Brief des Gn. Pompeius aus Spanien an den Senat, die Auf- 
forderung enthaltend, seinem Heer Unterstützung zu teil werden zu lassen. 
Der Brief ist 75 abgesendet, aber erst 74 angekommen. ^) Es ist ein von 
masslosen Lügen und Übertreibungen strotzendes Dokument. 

6. Das Schreiben des Königs Mithridates an den Partherkönig Arsaces 
aus dem J. 69 (oder Anfang 68), um ihn zur Teilnahme an dem Krieg gegen 
die Römer zu bewegen. 

b) Auch verschiedene handschriftliche Überreste sind uns von 
dem Werk erhalten; es sind folgende, aus einem Codex stammende: 

1. Das Berliner Fragment. Das Blatt wurde im Jahre 1847 von 
Heine in Toledo gefunden und Pertz übergeben. Pertz entzifferte das- 
selbe und glaubte, dass es zum 98. Buch des Livius gehöre. Bergk (Zeitschr. 
f. Altertumsw. 1848 S. 880) und Roth (Rh. Mus. 8,433) erkannten als Ver- 
fasser Sallust. 

2. Die vatikanischen Fragmente. Es sind zwei Blätter, jede Seite 
mit zwei Kolumnen, im ganzen also 8 Kolumnen; sie beziehen sich auf 
den Krieg mit Spartacus (73 v. Gh.). Die Aufmerksamkeit auf diese Frag- 
mente wurde durch Niebühr wieder wach gerufen, als er sie im J. 1817 
in der Vaticana aufgefunden hatte (H auler, Wiener Stud. 9, 140). 

3. In neuester Zeit kamen die Orleaner Fragmente hinzu. Es sind 
dies zwei Palimpsestfragmente, welche E. Haüler in dem Orleaner Codex 



^) Haüleb, Wien. Stud. 9, 46; Sitzungsber. der Wiener Ak. 113, 661. 



184 BOmiBche LitteratargOBchichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

169 aufgefunden. Das kleinere Bruchstück (fol. 20) bildete zwei Blätter 
einer Sallusthandschrift. D^s erste Blatt schliesst sich in der Kolumne I 
und IV an die fragmenta Berolinensia Kol. I und IV an und ergänzt die- 
selben. Von dem folgenden Blatt sind nur Züge von zwei Kolumnen I 
und IV übrig. Die vereinigten Berliner und Orleaner Fragmente beziehen 
sich auf das Konsulatsjahr des L. Octavius und C. Aurelius Cotta (75 v. Ch.). 
Das zweite Bruchstück (fol. 15 — 18) enthält acht vollständige und vier seit- 
lich verstümmelte Kolumnen. Davon behandeln vier Kolumnen auf fol. 15 
und fol. 18 die Angriffe der Piraten auf das Lager des P. Servilius und die 
Übergabe von Isaura nova (wahrscheinlich aus dem Jahr 75). Zwei Kolumnen 
auf fol. 16 beziehen sich auf den zwischen Sertorius und Pompeius in 
Spanien geführten Krieg. Drei Kolumnen auf fol. 16 und 17 enthalten einen 
grossen Teil des schon bekannten Briefs des Pompeius an den Senat, eine 
Kolumne handelt über die Verlesung des Schreibens im Senat und die 
Folgen. Die zwei letzten (fol. 15) Kolumnen handeln über des M. Antonius 
Creticus kriegerische Unternehmungen. 

c) Es kommen noch hinzu zahlreiche Citate aus dem Werk bei 
Schriftstellern. 

d) Es kann endlich noch benützt werden die Erzählung des ersten 
Bürgerkriegs von Julius Exuperantius (s. IV/V), welche aus Sallust 
ausgezogen ist (Bursian, JmU Exuperanti Opusc. p. VI). 

Im Jugurtha 95, 2 lesen wir quaniam nos ianti viri (SuUae) res admonuit, idonetim 
Visum est de natura cultuque eius paucis dicere; neque enim alio loco de Sullae rebus 
dieturi sumus et L. Sisenna optume et diligentissume omnium, qui eas res dixere, per- 
secutus parum mihi lihero ore locutus videtur. Es war also in den Historiae von Sulla nicht 
mehr die Rede. 

Der Anfang des Werkes ist ims erhalten: res poptdi Romani M. Lepido Q. Catulo 
consulibus ac deinde militiae et domi gestas composui (fr. 1). Die Darlegung eines Zeit- 
raums von 12 Jahren folgt aus Auson. 13, 2, 61 p. 38 Schenkl : 

ah Lepido et Cattdo iam res et tempora Romae 
orsus bis senos seriem conecto per annos. 

Litteratur: Jobdan, Die Üherlieferung der Reden und Briefe aus Sallusts Historien 
(Rh. Mus. 18, 584); De Vaticanis SaUusti historiarum l, III reliquiis (Hermes 5,396). Über 
die Orleaner Fragmente handelt Hauler, Wiener Stud. 8, 315 9, 25; über das kleinere Bruch- 
stück, Revue dephUologie 10, 113 und über das grössere Sitzungsber. der Wiener Akad. 113, 615. 

132. Charakteristik des Sallust. Die politische Richtung, welche 
Sallust verfolgt, ist die demokratische. Diese Richtung tritt in allen drei 
Schriften hervor, im Catilina durch die schonende und rechtfertigende Be- 
handlung Cäsars, im Jugurthinischen Krieg durch die Verherrlichung des 
Marius, in den Historien durch seine Angriffe auf Pompeius (Suet. gr. 15). 
Angriffe auf die Nobilität bietet sowohl Catilina als der Jugurthinische 
Krieg. In der letzten Monographie ist besonders die Geldgier und die Be- 
stechlichkeit der Nobilität mit grellen Farben geschildert. Wenn auch 
der demokratische Standpunkt des Verfassers der Wahrheit hie und da 
Eintrag gethan, so hat er sich doch nicht in der Weise geltend gemacht, 
dass dadurch die Schriften Sallusts zu Parteischriften herabsinken.*) Auf 
die Komposition legte Sallust den grössten Wert. Bei der Lektüre treten 
uns sofort als charakteristisch entgegen die langen Einleitungen und die 
eingestreuten Reden und Briefe. Die Einleitungen sind voll von Reflexionen, 

*) MoMMBBN, R. Gesch. 3*, 195 Anm. 



C. SaUuBtiuB GrispuB. 185 

die zu Gatilina und zum Jugurthinischen Krieg haben viele Gedanken- 
reihen, die miteinander korrespondieren. ^) Die Briefe und Reden sind, ab- 
gesehen von zwei Fällen, dem Briefe des Catilina an Q. Catulus (c. 35) und 
dem des Lentulus an Catilina (e. 44) von Sallust erfunden, um Personen 
und Zustände zu charakterisieren. In den beiden Eigentümlichkeiten be- 
gegnet er sich mit seinem Vorbild, dem Thukydides. Das Chronologische 
tritt in den beiden Monographien zurück und kommt nicht selten zu Schaden, 
Sallust verlässt das annalistische Schema, ihm ist es darum zu thun, die 
zersti*euten und zeitlich getrennten Einzelheiten zu einem Bilde zu vereini- 
gen. Das psychologische Moment hat er in der römischen Historiographie 
zuerst gepflegt. Der Stil Sallusts ist ein künstlich gemachter, der Schrift- 
steller will den Leser reizen und bewegen, es muss daher alles markig 
und pikant gesagt werden. Das Pathetische seines Stils erreicht der Schrift- 
steller durch archaische Wendungen, für welche ihm besonders Cato Quelle 
war, durch Gedrungenheit und Kürze, endlich durch Streben nach Wechsel 
und Aufsuchen von Dissonanzen. Wie durch den Inhalt, so wird der Leser 
auch durch die Form gepackt und mit fortgerissen. Die beiden Monogra- 
phien sind Perlen der römischen Geschichtschreibung. 

.Über die Reden und Briefe bei Sallust* handelt Schnorb von Carolsfeld, Leipzig 
1888. Zusammenfassend sagt er p. 77. «Die Analysen der einzelnen Reden haben gezeigt, 
dass hinsichtlich der Charakterisierung die verschiedenen Schriften Sallusts auf einer wesent- 
lich verschiedenen Stufe stehen, dass er aber bestrebt war, in dieser sich selbst immer 
mehr zu vervollkommnen und weiterzubilden. Charakterisierung ist im Catilina eigentlich 
nur bei Cäsar und Cato versucht, die Sallust oft genug gehört haben mag: die Situation 
ist manchmal bedenklich ausser acht gelassen. Die Reden Catilinas sind von geringem 
Werte, weder den historischen Verhältnissen noch dem Wesen des Redners angepasst. Das 
bellum Jugurth. weist nach diesen schwachen Anfängen immerhin bemerkenswerte Fort- 
schritte auf: das von Marius entworfene Bild ist ein höchst lebendiges. Freilich würde 
sich Thucydides ein Hereinziehen seiner Persönlichkeit, wie es Sallust in der Rede des 
Memmius that, niemals gestattet haben. Bedeutend höher als die beiden ersten Schriften 
stehen die Historien, hier ist es dem Historiker gelungen scharf gezeichnete und deutlich 
umrissene Persönlichkeiten ohne Verstösse gegen die historischen Verhältnisse vor Augen 
zu fahren ; die Art wie die einzelnen Redner sprechen, ist eine durchaus individuelle. Form 
und Inhalt ihren Eigentümlichkeiten angepasst. Als ein Meisterstück darf die Rede Phi- 
lipps gelten, in der Sallust die ihm eigene Sprechweise vollkonmien aufgegeben und sich 
der seines Redners assimiliert hat. 

Über die historische Kunst des S. sei noch das Urteil Madvios, Opusc. acad. Hauniae 
1887 p. 679 angeführt: Sallustii laus totius rerum imaginis explicandae arte, iudicii suh- 
(ilitate, sententiarum pondere, orationis gravitate censetur (quamquam his omnibus affectatio 
admixta est); illatn singularum rerum summam diligentiam hämo praeioriuSy eloquentiae et 
prudentis gravitatis gloriam petens, non primo loco habuit. 

Über Sallusts Sprache vgl. Jordak, Krit. Beitr. p. 351. Über die Nachahmung Catos 
haben wir das Zeugnis des Augustus (Suet. 86) verbis quae Cr. Sali, excerpsit ex Origini- 
bus Caionis; Frontos p. 62 N. M. Parcius eiusque frequens sectator Cr. Sallustius. — Brüennert, 
De ScUlustio imitatore Catonis Sisennae aliorumque veterum historicorum rom., Jena 1873. 

133. Fortleben des Sallust. Die Geschichtswerke Sallusts machten 
auf die Mit- und Nachwelt einen tiefen Eindruck. Am meisten frappierte 
der ungewöhnliche Stil und die Darstellung. Der erste Kritiker der da- 
maligen Zeit, Asinius Pollio schrieb eine Schrift, in der er den altertü- 
melnden Wortschatz tadelte (Suet. gr. 10). Man erkannte hier eine Nach- 
ahmung des alten Cato (Suet. Aug. 86), ja man sprach sogar von Dieb- 
stahl. Quintilian 8, 3, 29 teilt uns folgendes umlaufende Epigramm mit: 

') EussNER, Festgruss Würaburg 1868 p. 179. 



186 Bömiflche Litteratorgeschichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

Et verba antiqui multum furate Catonis, 
CrispCj Jugurthinae conditor historiae. 

Pompeius Trogus tÄdelte die vielen eingeschobenen direkten Reden 
(Just. 38, 3), von Livius wird ein die Darstellung betreffender Tadel mit- 
geteilt (Senee. controv. 9, 24, 14). Auch in sachlicher Beziehung erfuhren die 
Werke Angriffe. So veranlasste der antipompeianische Standpunkt des 
Historikers Lenaeus, einen Freigelassenen des Pompeius, zu einer Satire, 
in der er die grössten Schmähungen gegen Sallust vorbrachte (Suet. gr. 
15). Aber der Bewunderer waren doch beträchtlich mehr. L. Arruntius, 
erzählt uns Seneca ep. 114, 17, schrieb eine Geschichte des punischen 
Kriegs in der Manier Sallusts. Ventidius feierte seinen über die Parther 
im J. 38 errungenen Sieg durch eine aus Sallust entlehnte Rede (Fronte 
p. 123 N.). Velleius Paterculus (2, 36) nennt Sallust einen Nebenbuhler des 
Thukydides und Quintilian (10, 1, 101) scheut sich nicht, Sallust dem Thu- 
kydides geradezu an die Seite zu stellen. Martialis feiert den Historiker in 
einem Epigramm (14, 191): 

Hie erity %U perhibetU doctorum corda mrorum, 
Primus Romana Crispus in hiatoria. 

Sehr begeistert für Sallust ist Tacitus, er nennt ihn (A. 3, 30) der 
römischen Geschichte „florentissimus auctor^, Dass für die Bildung seines 
Stils Sallust ein wesentliches Moment bildet, ist durch genaue Analysen 
dargethan. Ungefähr in diese Zeit wird auch der Kommentar des Gram- 
matikers Aemilius Asper zu Sallust zu setzen sein (Gharis. p. 216, 28 K). 
Zur Zeit Hadrians übersetzte Zenobios den Sallust ins Griechische (Suidas 
s. V. Zen.). Auch für den rhetorischen Unterricht wurde Sallust nutzbar 
gemacht. Nach Granius Licinius (p. 43 Bonn.) sollte Sallust nicht als 
Historiker, sondern als Redner gelesen werden. Ein Rhetor veranstaltete 
eine Sammlung aller Reden und Briefe aus den Werken Sallusts. Erzeug- 
nisse der Rhetorenschulen sind auch einige falschlich den Namen Sallusts 
tragende Produkte, welche wir im folgenden Paragraphen besprechen wer- 
den. Zur Zeit der Frontonianer wurde Sallust wegen seines eigentüm- 
lichen Wortschatzes aufs eifrigste gelesen ; der Briefwechsel Frontos gedenkt 
unseres Autors p. 131 Naber. Nach längerem Stillstand finden wir wieder 
Nachwirkungen unseres Historikers seit dem 4. Jahrh. ; er ist z. B. benützt 
in der Geschichte des trojanischen Kriegs des sog. Diktys, in der latei- 
nischen Bearbeitung des Flavianischen jüdischen Kriegs des sog. Hegesippus. 
Auch in der Chronik des Sulpicius Severus gewahren wir auf Schritt und 
Tritt Spuren des Sallustischen Studiums. Julius Exuperantius' Erzählung 
des ersten Bürgerkriegs ist ganz nach Sallust gearbeitet. Auch im Mittel- 
alter hat Sallust auf die Historiker noch seine Wirkung ausgeübt. 

TesHmonia veter um sehet a sieh in der Teubner 'sehen S. -Ausgabe von Eussmer p. XII. 
VooEL, 'OfjioioxrjxBg Sallust. im 1. Bd. der Acta sem. Erlang, p. 316. In einer zweiten Ab- 
handlung Quaestionum Sallustianarum pars altera (Acta sem. Erlang. 2, 405) sucht Vogel 
die Spuren Sallusts zu verfolgen für die Zeit „inter Ammianum MarcelHnum et Isidoruniy 
itemque ab Isidaro usque ad Ekkehardum /F p. 406. (Bes. die Nachahm. des Hegesippus 
wird 1, 848 des Genaueren dargethan.) Pbatje, Quaest. Sallust. Götting. 1874 legt durch 
Tabellen ausführlich die Nachahmung Sallusts von Seiten des Lucius Septimius (Dictys 
Cretensis) und des Sulpicius Severus dar (p. 9 — 40). Hertz, De Ammiani Marcellini studiia 
Sallustianis, Bresl. Index lect. 1874 (p. 16 „Catilinam Sallustii, ruius et Jugurtha et hiato- 
riis usus est, non legisse vel certe non excerpsisse videtur Ammianus^), 



C. Sallastias Crispus. 



187 



134. Pseudosallustiana. Unter dem Namen des Sallust sind uns 
durch den Vatieanus 3864 zwei Suaporien an Caesar überliefert, in denen 
Vorschläge über die Neuordnung des Staatswesens gemacht werden. Die 
zweite hat die Form des Briefs*), die Form der ersteren ist unentschie- 
den, sie kann als Rede betrachtet werden. Weiterhin ist uns (aber in 
der Regel in Verbindung mit echt-sallustischen Schriften) unter dem 
Namen des Sallust eine Schmährede (invectiva oder richtiger controversia) 
auf Cicero erhalten, der zugleich die Schmähantwort Ciceros beigegeben 
ist. Die Autorschaft Sallusts ist bei den vier Produkten nicht anzu- 
nehmen. 

Die Invectiva gegen Cicero legt zwar bereits Quintilian dem Sallust 
bei, allein die Autorschaft wird schon durch den einen Umstand erschüt- 
tert, dass die Schmähantwort Ciceros allem Anschein nach von demselben 
Verfasser herrührt,*) von dem auch die Invectiva auf Cicero verfasst ist; 
zwischen beiden Produkten herrscht Gleichheit des Stils.') Sonach werden 
wir annehmen, dass in einer Rhetorenschule das Thema „Feindschaft zwi- 
schen Sallust und Cicero^ von einem der Schüler in Bild und Gegenbild 
behandelt wurde. 

Was die Suasorien anlangt, so ist vor allem zu beachten, dass 2, 
9, 2 und die Invectiva gegen Cicero 3, 5 eine Stelle fast wörtlich wieder- 
holen. Aus Gemeinsamkeit der Quelle diese Erscheinung zu erklären ist 
nicht zulässig ; es besteht vielmehr das Verhältnis von Original und Kopie. 
Die Worte stellen sich uns vollständiger in der Invectiva dar, auch sind 
sie hier ganz am Platz, während sie in der Suasoria nicht recht passen 
und zugestutzt sind. Danach wäre die Invectiva das Original, die Suaso- 
ria die Kopie. Der übermässig häufige Gebrauch alter Formen führt bei 
den Suasoriae auf die Zeit der Frontonianer. Sallust als Verfasser ist 
übrigens schon durch die innere Unwahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Ob 
die Suasorien von einem Verfasser abgefasst sind, ist zweifelhaft. Zwar 
haben sie in Sprache und Gedanken manches gemeinsam, allein es würde 
sich bei einem Verfasser kein rechter Zweck der zweimaligen Behand- 
lung des Thema absehen lassen, viel leichter erklärt sich die Sache, wenn 
wir zwei Verfasser annehmen, von denen der eine Nachahmer des anderen 
ist. Vielleicht entstammen die beiden Produkte einer und derselben Rhe- 
torenschule. Ist die Zusammengehörigkeit der Suasorien feststehend wie 
die der Invectivae, so müssen wir auf Grund der obigen Beobachtung über 
das Verhältnis der einen Invectiva zur einen Suasorie verallgemeinernd 
sagen, dass die Invectivae früher abgefasst wurden als die Suasoriae. 



') 2, 2 neque eo quae visa sunt de re- 
publica tibi scripsi 12, 1 forsitaUf im- 
perator, perlectis litteria desideres, 

^) Jobdan praef. zu Sallust. 2. Ausg. 
p. Xn : Hcis sive invectivas sive controveraias 
dixeris utramque ah eodem rhetore composi- 
las esse evincunt sententiarum ineptiae in 
utraque consimiles, eodem in detorquendis 
TuUianis verbis perversitas^ aequahüis ser- 
monis impuri habituSf in rebus tractandis 
sive potius pervertendis malitia utrobique 



ridicula eademque praeter paucissima quae- 
dam summa exüitas atque adeo error es non- 
nuUi pueriles. Vgl. Vogel, Act. Erlang. 1,327. 
«) Vogel, Acta Erlang. 1, 326 in utra- 
que aratiuncüla idem dicendi genus cognosci- 
tur y ita ut facile demonstrare possis unum 
eundemque scriptorem utramque composuisse. 
Quod optime inleUegüur ex similitudine cum 
omnis verborum copiae tum locutionum atque 
flosculorum. Vgl. eine Zusammenstellung auf 
S. 327. 



188 BOmiBche Litteraturgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Quintilian citiert folgende Stellen der Invcctiva Sallustii in Ciceronem: 4, 1, 68 
Quid ? non Sallustius directo (xd Ciceronem^ in quem ipsum dicebat, usus est principio et 
quidem protinus. y^Graviter et iniquo animo maledicta tua paterer, Marce 
TulH?'^ (= 1, 1); 9, 3, 89 apud Sallustium in Ciceronem Ramule Ärpinas (= 4, 7). 
Vgl. auch Quint. 11, 1, 24 mit der Invectiva in Cic. 3, 5—4, 7; Servius zur Aen. 6, 623 
mit 2, 2. Die zweite Invectiva citiert Diomedes p. 387 K. sed Didius ait de SaUustio ,co- 
mesto patrimonio*. Das weist auf Invect. in Sali. 7, 20 patrimonio non comesto. Statt 
Didius ist mit Jordak Herrn. 11, 312 zu lesen Tullius (Linker „Epidius**), 

Die gemeinsame Stelle in der zweiten Suas. und der ersten Invectiva lautet: Invect. 
in Tüll. 3, 5 (von Cicero) „cuius nuUa pars corporis a turpitudine vacat, lingua vana, manus 
rapacissimae, gula immensa, pedes fugaces: quae honeste nominari non possunt, inhonestis- 
sima •=■ Suas. 2, 9, 2 an L, Domiti magna vis est ? quoius ntdlum membrum a flagitio aut 
facinore vacat, lingua vana manits cruenta^ pedes fugaces; quae honeste nominari nequeunt 
inhonestissima. Dass auf den als grausam bekannten Domitius die Worte nicht recht passen 
und erst zugestutzt werden mussten, zeigt Jordan, Hermes 11, 312 (Vogel, Acta Erlang. 1, 344). 

Die Überlieferung der Suasoriae beruht lediglich auf Vaticanus 3864 s. X, für die In- 
vectivae sind massgebend ein Codex Gudianus in Wolffenbüttel 335 s. X, drei Harleiani in 
London nr. 2716 (s. IX oder X), 2682 s. XI, 3859 s. XU; es konmien noch hinzu zwei 
Monacenses 19472 (s. XI), 4611 (s. XH). 

Litteratur: Jordan; de suasoriis, Berl. 1868. Spandau, Eine Salluststudie, Bayreuth 
1869. Härtung, de Sallusti epistulis ad Caes., Halle 1874. Hellwig, de genuina SaUusti 
ad Cats. epistula etc., Leipz. 1873. 

Überlieferung der Sallustischen Bella. Grundlage der Kritik der bella bildet 
die gute, besonders durch die Lücke Jug. 103,2 necessariorum — 112,3 pacem vellet ge- 
kennzeichnete Handschriftenklasse. Für die Rekonstruktion des Archetypus muss besonders 
verwertet werden ein Parisinus der Sorbonne 500 s. X und ein zweiter rarisinus 1576 s. X. 
welche sich sehr ähnlich sind, femer die aus einer Quelle stammenden Vaticanus 3325 s. XI 
und Leidensis s. Vossianus 75 s. XI. Die Herbeiziehung der zweiten Familie ist schon zum 
Zweck der Ausfüllung der Lücke notwendig; ein Haup&epräsentant derselben ist ein Mona- 
censis 14477 s. XI. Die K«den sind uns ausserdem vollständig im Vaticanus 3864 erhalten. 
Jedoch steht diese Überlieferung der guten der hella nach. 

Sallustausgaben: Corte 1724. Havercamp, Amsterd. 1742. Kritz 3 Bde., Leipz. 
1828 — 53. DiBTSCH 2 Bde. Leipz. 1859 (Jliher levitate et negligentia insignis'' Nipperde y, 
Opusc. p. 540). H. Jordan 3. Ausg. 1887. Textausg. von Eussner (Teubner); von Scheindler 
(Freytag). Schulausgaben von Fabri, Jacobs- Wirz, Sghkalz u. a. 



135. Die römische Siadtzeitung. Für die vornehmen Römer, welche 
von Rom abwesend waren, musste sich das Bedürfnis ergeben, von den 
Vorgängen in Rom auf dem Laufenden erhalten zu werden. Dieses Be- 
dürfnis konnte zunächst durch Briefe von Freunden befriedigt werden ; in 
welcher Weise dies geschah, lernen wir aus dem Corpus der Ciceronischen 
Briefe kennen. Allein mit der Zeit nahm das Verlangen, die politischen 
Neuigkeiten zu erfahren, eine solche Ausdehnung an, dass die Privatindu- 
strie eingreifen konnte. Zu diesem Zwecke stellte ein Unternehmer die 
Nachrichten zusammen, Hess sie kopieren und dann an seine Besteller ver- 
senden. Caesar traf nun während seines Konsulats des J. 59 die Einrich- 
tung, dass er durch einen amtlich bestellten Redakteur eine Zusammen- 
stellung der wichtigsten politischen Verhandlungen und Ereignisse machen 
Hess, mit der sich dann auch Mitteilungen privater Natur wie Geburtsan- 
zeigen, Todesfälle u. dgl. verbanden. Diese acta diurna oder populi (auch 
acta urbana, acta publica u. a.) wurden jetzt wiederum von Unternehmern 
kopiert oder ausgezogen und an die Interessenten verschickt. Aufbewahrt 
wurden die acta im Staatsarchiv. Auf die Litteratur gewann die Stadt- 
zeitung, soweit wir sehen können, keinen Einfluss. 

Auch Aufzeichnung und Herausgabe der Senatsverhandlungen ordnete Caesar an; 
allein Augustus hob die Veröffentlichung derselben auf. Suet. Caes. 20 inito honore (d. h. 



(i. Hortensins Hortalo«. 189 

das Konsulat 59) primus amnium inatituit, ut tarn senatus quam populi diurna acta con- 
fierent et puhlicarentur, Suet. Aug. 36 ne acta senatus publicarentur, — Hübker, De senatus 
populique Bomani actis ^ Leipz. 1859 im 3. Supplementband von Jahns Jahrb. 

ß) Die Redner. 

1. Q. Hortensius Hortalus. 

136. Der asianische Barockstil. Eine veränderte Form gewann 
die griechische Beredsamkeit in Eleinasien. Das Einfache, Natürliche und 
Massvolle machte auf das dortige Publikum keinen Eindruck mehr, es 
waren stärkere Reizmittel notwendig, welche zur Verletzung des guten 
Geschmacks führten. Man knüpft das Aufkommen dieser asianischen Be- 
redsamkeit vorzugsweise an den Namen Hegesias von Magnesia. Sein 
Reizmittel war der sogenannte zerschnittene Stil, d. h. er geht aller Perio- 
disierung aus dem Weg und fügt lauter kurze Sätze schlottrig aneinander. 
Auch in seinen Gedanken muss er recht geschmacklos gewesen sein, denn 
Cicero sagt, wer den Hegesias kenne, wisse, was er unter einem geschmack- 
losen Menschen zu verstehen habe. Den asianischen Stil seiner Zeit cha- 
rakterisiert Cicero durch zwei Richtungen; die eine, deren Hauptvertreter 
die von ihm gehörten Brüder Hierocles und Menecles aus Alabanda waren, 
legt das Hauptgewicht auf gesuchte und abgezirkelte, auf eintönige Caden- 
zen hinauslaufende Ziererei und Worte ohne entsprechende Gedanken, die 
andere, etwas später zu Geltung gekommene bewegt sich in einer schwül- 
stigen, aufgeregten, bilderreichen, künstlichen Darstellung. Als Hauptver- 
treter dieser Richtung stellt Cicero den Aeschylus aus Gnidus und den 
Aeschines aus Milet hin. 

Über Hegesias vgl. Strabo 14 p. 648 og rjg^e (jLtiUata xov Uaiayov Xeyof^e'yov C^Xov 
TiaQatp^HQag to xaSeatijxog H&og to Jmxoy, Cic. Brut. 83, 286 isque se ita putat Aitictimy 
ut veros illos prae se paene agrestis putet, At quid est, tarn fractum, tarn minutum, tarn 
in ipsa, quam (amen cansequitur, concinnitate puerile? Orat. 67,226 numerosa comprehensio ; 
quam perverse fugiens Hegesias ^ dum ille quoque imitari Lysiam vult, alter um paene Demo- 
sthenem, saltat incidens particulas. Et is quidem non minus sententiis peccat quam vtrhit^f 
ut non quaeratf quem appellet ineptum, qui illum cognoverit. 

Über die beiden Richtungen des asianischen Stils seiner Zeit sagt Cic. Brut. 95, 325 : 
genera Asiaticae dictionis duo sunt^ unum sententiosum et argutum, sententiis non tarn gra- 
pihus et severis quam concinnis et venustis; qualis in historia TimaeuSj in dicendo autem 
pueris nobis Hierocles Alabandeus, magis etiam Menecles frater eius fuit, quorum utriusque 
orationes sunt in primis, ut Asiatico in genere, laudabiles. Aliud autem genus est non tarn 
sententiis frequentatum quam verhis volucre atque incitatumf quali est nunc Asia tota, nee 
flumine solum orationis, sed etiam exornato et facto genere verborum; in quo fuit Aeschylus 
Gnidius et meus aequalis Milesius Aeschines, In eis erat admirabilis orationis cursus, 
ornata sententiarum concinnitas non erat. Orat. 69, 230 apud alias autem et Asiaticos 
maxime numero servientes inculcata reperias inania quaedam verba quasi complementa nume- 
rorum. Sunt etiam qui illo pitio, quod ab Hegesia maxime fluxit, infringendis conciden- 
disque numeris in quoddam genus abiectum incidant versicülorum simillimum, Tertium estf 
in quo fuerunt fratres Uli Asiaticorum rhetorum principes Hierocles et Menecles j minime 
mea sententia contemnendi, Etsi enim a forma veritatis et ab Atticorum regula absunt, 
(amen hoc vidum compensant vel facultate vel copia; sed apud eos varietas non erat, quod 
omnia fere concludebantur uno modo. 

Über den asianischen Stil im allgemeinen urteilt Dionys von Halicamass (de orat. 
ant. 1): iy ydq dfj xoTg nQo ^fxtay XQoyoig tj fiiy dg^altt xai (piX60O(pog ^tjroqixtj tiqo- 
ni]hxa^of4^yrj xal deiydg vßQ€ig vnofxiyovaa xaxBXvexo, aQ^afiiyfj f4iy dno ri^g 'JM^dydQov 
Tov Mttxedoyog teXevjijg ixnyeiy xal f4ttQaiy€<r^ai xat oXlyoy, ini di x^g xad'* ijfidg i^Xixiag 
fiixQov dBrjaaaa elg x^Xog rjfpayiad'ai . h^ga di xig ini xi^y ixeiyrjg naqeX&ovaa xü^iy, 
udDOQtjxog dyaidelff &€axQixg xal dydyuyyog xai ovx€ (piX6ao(pog ovx* uXXov naidsvfÄoxog 
ovdeyog (ABXHXrjtpvia iXev&BQlov, Xa&ovaa xal na^axQovcafiiytj xrjy jüSy o^Xioy äyyotay ov 



190 Bömisohe Litteratargeschiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 



fAoyoy iy evnoQitf xai XQvtpj xal fJtoQq>^ nXeloyi r^g M^ag difjyey, aXXa xal jag rifidg xal 
rag nQocxaaiag xtav nök^my^ ag Met tfjy (piXoaofpoy BX^i^y, elg kaxnrjy aytjQjrjaaro, xai ^y 
gjoQuxtj Tig ndyv xal oxXtjQa, xal teXevrtSaa noQanXtjaiay htoirjae y$yi<rSai rijy 'EXXada taig 
Ttay düoirtoy xai xaxodaifAoytjy oixiaig, 

137. Der asianische Barockstil in Rom. Der asianische Stil ver- 
pflanzte sich auch nach Rom und fand besonders in Q. Hortensius Hör- 
talus (114 — 50) einen hervorragenden Vertreter. Nach Cicero vereinigte 
er die beiden zulezt charakterisierten Richtungen der asianischen Bered- 
samkeit, d. h. sowohl gesuchte Zierlichkeit als Redefülle. Seine Manier 
stiess zuerst auf den Widerstand der älteren Generation, dagegen die junge 
Welt und der gewöhnliche Haufe hatte an derselben grosses Gefallen. Sein 
Gedächtnis war ganz bewunderungswürdig und kam ihm bei seinem Vor- 
trag sehr zu statten. In seinen Reden traten die sorgfältigen Einteilungen 
und Rekapitulationen des von den Gegnern und ihm Vorgebrachten in 
starker Weise hervor. Seine Rede wirkte aber nur gesprochen, die ge- 
schriebene machte einen bedeutend geringeren Eindruck. Zum erstenmal 
trat er auf im Alter von 19 Jahren (95) in einer Rede für die Provinz 
Afrika (Cic. de orat. 3, 61, 229). Von den später gehaltenen Reden heben 
wir hervor seine Verteidigung des C. Verres, in der er zum Ankläger und 
Gegner bekanntlich Cicero hatte. Quintilian (10, 1, 23) hatte die bei die- 
ser Gelegenheit gehaltene Rede noch vor sich.^) Gegen Pompeius trat er 
auf, indem er gegen die lex Gabinia (67) und die lex Manilia (66) sprach. 
Oft führte er mit Cicero Verteidigungen, so für C. Rabirius (63), für Mu- 
rena (63), für Cornelius Sulla (62), für Valerius Flaccus (59), für P. Sestius 
(56), für M. Aemilius Seamans (54). Wir haben keine Satzfragmente aus 
diesen Reden. Ausser den Reden verfasste Hortensius auch eine rheto- 
rische Schrift Communes loci, welche über allgemeine rhetorische Fragen 
handelte. 

Cic. Brut. 95, 326 Hortensius utroque genere florens clamores faciehat adülescens. 
Habebat enim et Meneclium illud Studium crebrarum venustarumque sententiarum, in quibus^ 
ut in illo Graeco, sie in hoc, erant quaedam magis venustae dulcesque sententiae quam aut 
necessariae aut interdum utiles; et erat oratio cum incitata et vibrans tum etiam accurata 
et polita. Non probabantur haec senibus — sed mirabantur aduiescentes, multitudo move- 
batur. Erat exceUens iudicio vulgi et facHe primas tenebat adülescens. ibid. 88, 301 (Hor- 
tensius) memoria tanta, quantam in nullo cognovisse me arbiträr, ut, quae secum commentaius 
esset, ea sine scripto verbis eisdem redderet, quibus cogitavisset, ibid. 88, 302 attuleratque 
minime vulgare genus dicendi; duas quidem res, quas nemo alius: partitiones, quibus de 
rebus dicturus esset, et collectiones eorum quae essent dicta contra quaeque ipse dixissef. 
Cic. orat. 38, 182 dicebat melius quam scripsit Hortensius. 

Ober die rhetorische Schrift vgl. Quint. 2, 1,11 (communes loci) quibus quaestiones 
generaliter tractantur, quales sunt editi a Q. quoque Hortensio, ut Sitne parvis argumenta 
credendum ? 

Auch ein annalistisches Werk schrieb Hortensius. Vgl. Vell. 2, 16, 3; femer 
poetische Kleinigkeiten. Gell. 19, 9, 7 Laevius implicata et Hortensius invenusta et Cinna 
inlepida et Memmius dura ac deinceps omnes rudia fecerunt atque absona. Zu den Erotikem 
zählt ihn Plin. ep. 5, 3, 5 und Ovid Trist. 2, 441. 

Die Tochter des Hortensius, Hortensia, war durch eine Rede, die sie vor den Trium- 
vim 43 hielt, ab die Frauen durch eine schwere Steuer gedrückt wurden, sehr berfthmt 
geworden, da sie mit ihrer Rede Erfolg hatte. Valer. Max. 8, 3, 3 Hortensia — cum ordo 
matronarum gravi tributo a triumviris esset oneratus, nee quisquam virorum patrocinum 
eis accommodare auderet, causam feminarum apud triumviros et constanter et feliciter egit. 

') Wenn Cicero Orat. 37, 129 sagt nobis 
pro familiari reo summus orator non respon- 
dit HoiiensitiSy so wird das so aufzufassen 



sein, dass Hortensius auf die später geschrie- 
benen Reden Ciceros gegen Verres nicht 
antwortete. 



Die Atüker. 191 

Repraesentata enim patris facundia impetravit, ut maior pars imperatae pecuniae iis remit- 
ier etur vgl. Quint. 1, 1, 6. 

Anhänger des asianischen Barockstils war auch der Triumvir M. Antonius. Vgl. 
Plut. Ant. 2 BXOfjto di r^ X€tXov/4iy(a (iky 'Aaiav^ C^/Äw ttov Xoyoiv at^&ovyu fAecXuna xar 
ixBiyoy roy XQ^^^^y l/oi^i dk noXkrjy ouoiojrjta tiqos %ov ßioy avrov xofinoidtj xal (pQvay- 
f4arlay oyta xai xeyov yavQitifiatos xal g>tXoufiiag aytofAukov fdeatoy vgl. Suet. Octav. 86. 
— Schelle, De Antanii epist, I, Frankenb. 1883. 

2. Die Attiker. 

138. Beaction. Die rhodische und die attische Beredsamkeit. 

Hortensius schritt in seinem Alter nicht mehr fort, sondern wurde lässig. 
Ihm erstand bald ein Gegner, der seinen Ruhm verdunkeln sollte, es war 
dies M. Cicero. Anfangs hatte sich Cicero der asianischen Beredsamkeit 
zugewendet und dem Pathos und dem Schwulst der Rede gehuldigt. Allein 
schon körperliche Schwäche riet zur Schonung der Stimme und zur Ver- 
meidung jeder grösseren Anstrengung. Cicero reiste im J. 79 nach Grie- 
chenland und Asien und kam hier mit den bedeutendsten Rednern in Be- 
rührung. Doch erst sein Aufenthalt in Rhodos, wo er den berühmten 
Lehrer der Beredsamkeit Molo hörte, bewirkte, dass er einen massvolleren 
und ruhigeren Stil sich aneignete, was gegenüber der Hortensianischen 
Manier einen grossen Fortschritt bedeutete. Als er nach Verlauf von zwei 
Jahren zurückkehrte (77), konnte er von sich sagen, dass er „ganz umge- 
staltet*" sei. Allein im Grunde genommen war das künstliche Pathos und 
die Wortfülle in den Ciceronischen Reden noch inmier eine zu grosse. Es 
ist daher kein Wunder, wenn sich auch gegen Cicero eine Opposition er- 
hob, welche in dem Einfachen und Schlichten die wahre Beredsamkeit er- 
blickte und daher die Attiker, besonders aber Lysias als Muster erkor. 
Diese Opposition ging von den sogenannten Attikem aus. Sie war noch 
nicht erstarkt, als Cicero im J. 55 seine Schrift über den Redner schrieb ; 
denn hier geschieht dieser jungattischen Bestrebungen keine Erwähnung; 
dass das Gespräch ins Jahr 91 verlegt wird, rechtfertigt dieses Schweigen 
nicht, da in den Prooemien leicht sich eine Gelegenheit dargeboten hätte, 
jene Frage zu streifen. Dagegen haben der Brutus und der Orator, welche 
in das Jahr 46 fallen, jenen Gegensatz vorzugsweise zum Gegenstande. 

Cic. Brut. 93, 320 ia (Hortensius) post consulatum — summum iUud mmm sttidiunt 
remisitf quo a puero ftierat incensus, atqtie in omnium rerum abundantia voluit beatiuSf 
ut ipse putabat, remissius cerie vivere. 

Den Einfluss Molos auf seine rednerische Entwicklung schildert Cicero Brut 91, 316 
Is (Molo) dedit operam, si modo id consequi potuit, ut nimis redundantis nos et superßuentis 
iuvenili quadam dicendi impunitate et Hcentia reprimeret et quasi extra ripas diffluentis 
coerceret. Ita recepi me biennio post non modo exercitatiorf sed prope mutatus. Nam et 
contentio nimia vocis resederat et quasi deferverat oratio, lateribusque vires et corpori me- 
diocris Habitus accesserat. 

Über den Gregensaiz der asianischen und attischen Diktion ftussert sich Quint. 12, 10, 12 
parteiisch: (M, Tullium) — suorum hominis temporum incessere audebant ut tumidiorem et 
Asianum et redundantem et in repetitionibus nimium et in salibus frigidum et in compo- 
sitione fractum, exuHantem ac paene, quod procuJ absit, viro moUiorem, — Praedpue vero 
presserunt eum qui videri Ätticorum imitatores concupierant. Haec manus, quasi quibusdam 
sacris initiata, ut alienigenam et parum studiosum devinctumque Ulis legibus insequebatur, 
unde nunc quoque aridi et exsucci et exsangues. Hi sunt enim qui suae imbeeilliüfti sani- 
tatis appeUationem, quae est maxime contraria, obtendunt; qui, quia clariorem vim eloquentiae 
velut solem ferre non possunt, umbra magni nominis delitescunt, 12, 10, 16 Et antiqua 
quidem Ula divisio inter Atticos atque Asianos fuit, cum hi pressi et integri, contra inflati 
Uli et inanes haberentur, in his nihil superfltieret, Ulis iudicium maxime ac modus decesset. 



192 Bömisohe Litteratorgeachichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Litteratar: 0. Habnecker, Cicero und die Attiker, Fleckeis. Jahrb. 125, 601. Rohde, 
Die asianische Rhetorik und die zweite Sophistik, Rh. Mus. 41, 170. 

139. Anhänger der attischen Richtung. Es ist ein kleiner Ereis, 
welcher die neue Bahn in der Beredsamkeit einschlägt. Es sind folgende: 

1) M. Calidius, Schüler des ApoUodoros von Pergamon, Prätor 57, 
ein Caesarianer, der Gallia cisalpina verwaltete und im J. 47 starb, war 
der älteste Atticist, denn es wird von ihm eine Rede aus dem J. 64 er- 
wähnt, in der er den Q. Gallius wegen Amtserschleichung anklagte. Dass 
sein Stil der attische war, ergibt sich aus der interessanten Schilderung, 
welche Cicero im Brutus von 79, 274 an von ihm entwirft. 

Cic. Brut. 80, 276 cum a nobis paulo ante dictum sit, tria videri esse, quae orator 
efficere deheret, ut doceret, ut delectaret, ut maveret: duo summe tenuit, ut et rem Ulustraret 
disserendo et animos earum, qui audirent, devinciret voluptate. Aberat tertia illa laus, qua 
permoveret atque incitaret animos, quam plurimum pollere diximus, nee erat ulla vis atque 
contentio, sive consilio, quod eos, quorum altior oratio actioque esset ardentior, furere et 
bacchari arbitraretur, sive quod natura non esset ita factus, sive quod non consuesset sire 
quod non passet. 

2) C. Licinius Calvus. M. Calidius hatte der asianischen Redeweise 
die seinige gegenübergestellt, welche die Überschwenglichkeiten des asia- 
nischen Stils vermied; zu einem offenen Kampf war es hiebei nicht ge- 
kommen ; ein solcher wurde von C. Licinius Calvus eröffnet. Wir haben 
§101 gesehen, ^) dass Calvus in der Dichtkunst sich der neueren Richtung 
angeschlossen hatte. Wie in der Dichtkunst das Feine, Knappe ange- 
strebt wurde, so auch in der Rhetorik; und hier übernahm Calvus die 
Führerrolle. Sowohl theoretisch als praktisch wurde der Streit durchge- 
fochten ; theoretisch durch einen Briefwechsel, den Calvus und Brutus mit 
Cicero führten; praktisch durch Reden auf der Gerichtsstätte. Herausge- 
geben waren 21 Reden (Tac. dial. 21). Die berühmtesten waren die Reden 
gegen Vatinius ; sie wurden noch zu Tacitus' Zeiten mit Bewunderung ge- 
lesen (dial. 21). Auf eine dieser Vatinischen Reden bezieht sich der 
Scherz Catulls im 53sten Gedichte. Unser Urteil über die Redekunst des 
C. Licinius Calvus hängt wesentlich von den Mitteilungen Ciceros, also 
eines Gegners ab. Das Lob aus diesem Mund muss daher stärker wiegen 
als der Tadel. Wir vernehmen, dass seine Reden mit der grössten Sorg- 
falt und in der grössten Reinheit abgefasst waren, dass sie daher von 
Kennern sehr bewundert wurden, während sie dem Geschmack des grossen 
Haufens weniger entgegenkamen. Dass Cicero Kraft m seiner Darstellung 
vermisste, ist bei dem Gegensatze, der ihn von Calvus trennte, nicht zu 
verwundern. Seinen lebhaften Vortrag schildert Seneca Controv. 7, 4, 6. 

Über den theoretischen Streit vgl. Tacit. dial. 18 legistis utique et Calvi et Bruti ad 
Ciceronem missas epistolas, ex quibus facile est deprehendere, Calvum quidem Ciceroni vistim 
exsanguem ei attritum, Brutum autem otiosum atque diiunctum; rursusque Ciceronem a Calro 
quidem male audisse tanquam solutum et enervem, a Bruto autem, ut ipsius verbis utar, 
tamquam fractum atque elumbem. Diesen Briefwechsel erwähnt Cic. Ep. 15,21. 

Das Urteil Ciceros über Calvus* Beredsamkeit lautet: Cic. Brut. 82, 283 qui orator 
(Calvus) fuit cum litteris eruditior quam Curia, tum etiam accuratius quoddam dicendi et 
exquisitius afferebat genus; quod quamquam scienter eleganterque tractcAcU, nimium tarnen 
inquirens in se atque ipse sese observans metuensque ne vitiosum coUigeret, etiam verum 
sanguinem deperdebat, Itaque eius oratio nimia religione attenucUa doctis et attente audien- 

*) Einigemal mussten wir von unserer Regel, die Schriftsteller nicht an verschiedenen 
Orten zu behandeln (§ 3), abweichen. 



Die Atüker. 193 

tibus erat illustris, a müUitudine autem et a foro, cui nata eloquetUia est, devorabatur, — 
Ätticiim se Calvus noster dici orcUorem volehat: inde erat ister exilitas, quam ille de in- 
dustria consequebatur. Gegenüber dem Tadel Ciceros vgl. Quint. 10, 1, 115: inveni qui 
Calvum praeferrent omnibuSf inveni qui Ciceroni crederent, eum nimia contra se calumnia 
verum sanguinem perdidisse; sed est et saneta et gravis oratio et custodita et frequentia 
vehemens quoque. 

Über die verschiedenen Reden gegen Vatinius handeln Nippebdey, Opusc. p. 330. 
Matthibs, de Calvi in Vatinium accusationibus in den Comment. philol. Leipz. 1874 p. 99. 
Tac. dial. 23 qui rhetorum nostrorum commentarios fastidiunt et oderunt, Calvi mirantur. 
Diese Kommentare werden nur an unserer Stelle erwähnt. Es wurden daher Änderungen 
vorgeschlagen, L. Aelii von Nippebdey, Opusc. p. 318 (vgl. § 76), Valgi von Bähbeks in 
seiner Ausgabe des Dialogs. Vielleicht ist aber unter diesen commentarii jener die Frage 
des rednerischen Stils behandelnde Briefwechsel des Calvus mit Cicero zu verstehen. 

3) M. Junius Brutus. Dass dieser in die Verschwörung gegen 
Caesar verwickelte Mann in Bezug auf den rednerischen Stil im Gegensatz 
zu Cicero auf Seite der Attiker sich befand, geht daraus hervor, dass er 
in Gemeinschaft mit Calvus in einen rhetorischen Streit mit Cicero ein- 
trat (Tac. dial. 18). Auch lassen die rhetorischen Schriften Orator und 
Brutus vielfach durchblicken, dass Brutus zur Ansicht Ciceros über den 
Stil der Rede bekehrt werden soll. Dieses Ziel erreichte aber Cicero nicht; 
denn in einem Brief an Atticus (14, 20, 3) berichtet er, dass das was 
er „de optimo genere dicendi^ auf Veranlassung des Brutus geschrieben, 
dessen Beifall nicht gefunden habe. Von Brutus Reden erwähnt Cicero 
(ad Attic. 15, P, 2) die auf dem Kapitel am 17. März 44 gehaltene. Brutus 
hatte ihm dieselbe zugeschickt, damit er sie vor der Herausgabe einer 
Revision unterziehe. Das Urteil Ciceros über dieselbe lautet, dass er sie 
feuriger gestaltet hätte. Aus Quintilian erfahren wir, dass Brutus eine 
Rede über die Diktatur des Pompeius publizierte (9, 3, 95), dann dass er 
zur Übung eine Verteidigung Milos herausgab (3, 6, 93 10, 1, 23). Femer 
werden angeführt Reden für Appius Claudius (Cic. Brut. 94, 324), für den 
König Deiotarus (Cic. Brut. 5, 21). Hiezu kommen noch latidatioties, die auf 
M. Porcius Cato (Cic. ad Attic. 13,46 12,21) und die auf den gen. Appius 
Claudius (Diom. p. 376 K.). Philosophisches schrieb Brutus folgendes: 1) de 
viriute (Cic. Tusc. 5, 1; de fin. 1,3,8), Cicero gewidmet; 2) ne^l xad'ijxovTog 
(Sen. ep. 95,45); 3) de patientia (Diom. p. 383 K.). 

Cic. ad Attic. 14, 20 quin etiam, cum ipsius (Bruti) precibus paene adductus scrip- 
sissem ad eum „de optimo genere dicendi**, non modo mihi, sed etiam tibi scripsit sibi illud, 
quod mihi ptaceret, non probari. ad Attic. 15, 1**, 2 Brutus noster misit ad me orationem 
suam habitam in concione Capitolina petivitque a me, ut eam ne ambitiöse corrigerem, 
antequam ederet. Est autem oratio scripta elegantissime sententiis, verbis, ut nihil possit 
ultra; eao tarnen, si illam causam habuissem, scripsissem ardentius. 

tJher Brutus* philosophischen Standpunkt vgl. Cic. Brut. 40, 149 vestra. Brüte, vetus 
academia dixit. Quint. 10, 1, 123 egregius vero mültoque quam in orationibus praestantior Bru- 
tus, suffecit ponderi rerum: scias eum sentire quae dicit. Sehr günstig auch Cic. Ac. post. 3, 12. 

Aus den Geschichtswerken Fannius' und Antipaters machte Brutus sich Auszüge. 
Vgl. p. 108, p. 109, ebenso aus Polybios (Plut. Brut. 4 syQatpe cvyxuxxaiy iniTOfdtjy JloXvßiov). 
Auch eine Briefsammlung von ihm gab es (Quint. 9, 4, 75). 

4. Q. Cornificius. Als Dichter lernten wir Q. Cornificius § 108 
kennen; wir fanden ihn dort als einen Genossen der jungrömischen Dichter- 
schule. Cicero schickt ihm seinen Orator und deutet bei dieser Gelegenheit 
klar an, dass Cornificius einen ihm entgegengesetzten Standpunkt in der 
Rhetorik einnehme, d. h. Attiker sei. 

Cic. ep. 12, 17, 2 proxime scripsi de optimo genere dicendi, in quo saepe suspicatus 
Bftudbach der kl«M. AltcrtumswisBcnacbAft Vin. 13 



194 Bömisohe Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

8um ie a iudicio fiostro, sie sciUcet, ut doetum hominem ab non indoctOf paullum dinsidere: 
huic tu libro maxime celim ex animOf si minus , gratiae cattsa snff rager e. 

5. Vielleicht dürfen wir hieher stellen auch C. Scribonius Curio 
und M. Caelius Rufus. Die Redekunst beider wird als sehr gleich an- 
gegeben; in M. Caelius Reden wurde aber von Quint. 10,2,25 eine gewisse 
asperüas gefunden, von Tacit. dial. c. 21 „antiquitas^ , an einer andern Stelle 
des Dialogs (c. 25) spricht Tacitus von einem „amarior Caelius^. 

Vell. 2, 68 M. Caelius, vir eloquio animoqtie simillimus, sed in lUroque perfectior, 
nee minus ingeniöse nequam. Von M. Caelius Rufus sind uns 17 Briefe erhalten, welche 
er an Cicero, als dieser Cilicien 51 verwaltete, richtete; sie bilden das 8. Buch der sog. 
ep. fam. (8, 16 ist auch ad Attic. 10, 9 eingelegt.) — Wboehaupt, Das Jjeben des M. Caelius 
Ru^s, Bresl. 1878. Wieschhöweb, Das Leben des C. R., Leipz. 1886. 

Dass auch der Stil Caesars und Cornelius Nepos' mit dem attischen 
verwandt war, kann füglich nicht bezweifelt werden. 

Die Thätigkeit der Attiker währte nur kurze Zeit, meist wurden sie 
von einem frühen Tod dahingerafft. Als Cicero seine Tusculanen schrieb 
(44 V. Ch.), konnte er triumphierend ausrufen, dass die Neuattiker, vom 
Forum selbst verlacht, verstummt sind. 

3. M. Tullius Cicero. 

140. Biographisches. Was wir bei Caesar sagten, dass es nicht 
möglich ist, in einer Litteraturgeschichte ein auch nur annähernd voll- 
ständiges Bild desselben zu entwerfen, das gilt auch hier von Cicero. Wir 
können nur einige Hauptdata aus dem Leben desselben vorführen; doch 
wird im Verlauf, besonders bei den Reden noch sich Gelegenheit ergeben, 
auf das eine oder das andere biographische Ereigniss aufmerksam zu machen. 

Cicero ist geboren den 3. Januar 106 in Arpinum. Dieser Ort ist 
auch die Heimat des Marius. Dass durch dessen weithin leuchtenden Ruhm 
der Ehrgeiz des Jünglings geweckt wurde, ist zweifellos. Seinen Unter- 
richt erhielt Cicero in Rom. Er lief vorwiegend auf die Bildung zum 
Redner hinaus. Sehr fördernd war für ihn der Umgang mit den berühm- 
ten Rednern M. Antonius und L. Crassus. Auch mit dem hochbejaluten 
Dichter M. Accius (Brut. 28, 107) und mit dem griechischen Poeten Archias 
trat er in Verkehr (pro Ai-chia 1,1). Da dem Redner juristische Kennt- 
nisse unbedingt nötig waren, so suchte Cicero solche im Anschluss an den 
berühmten Rechtslehrer, den Augur Q. Mucius Scaevola und den uns aus 
§ 80 bekannten pontifex Q. Mucius Scaevola (Cons. 95) zu gewinnen. Auch 
der Philosophie blieb Cicero nicht fremd ; aber er pflegte sie doch nur, um 
die rednerische Fertigkeit dadurch zu steigern. Er fand daher an der 
epikureischen Lehre seines ersten Lehrers der Philosophie, Phaedrus, wenig 
Gefallen; er fühlte sich zu der dem Redner sehr entgegenkommenden Aka- 
demie hingezogen; diese wurde ihm zuerst vermittelt durch Philo, den 
Schüler des Clitomachus. Ausserdem war der Stoiker Diodotus in die 
Ciceronische Familie gezogen worden. Es begannen nun die schriftstel- 
lerischen Versuche Ciceros; auch trat er als Redner in mehreren Prozessen 
auf. Doch hielt er seine Bildung noch nicht für abgeschlossen; er suchte 
dieselbe durch eine Reise nach Griechenland abzurunden. Hier verweilte 
er von 79 bis 77. In Athen hörte er den Akademiker Antiochus, dann 



M. Tallins Cicero. 195 

die Epikureer Zeno und den ihm bereits von Itom her bekannten Phaedi-us; 
allein auch diesmal konnte er sich für den Epikureismus nicht erwärmen ; 
femer den Lehrer der Beredsamkeit Demetrius. Von Athen wandte er 
sich nach Asien und Rhodus. In Asien wurde er mit dem sog. asianischen 
Barockstil bekannt, in Rhodus gewann der Redner Molo auf ihn den gröss- 
ten Einfluss. Von diesem Unterricht datiert Cicero einen völligen Um- 
schwung seiner Beredsamkeit. Nach seiner Rückkehr setzte er seine red- 
nerische Thätigkeit fort; im Jahre 75 betrat er als Quästor von Sicilien 
die Beamtenlaufbahn; 69 wurde er curulischer Ädil, 66 Praetor urbanus, 
endlich 63 Konsul. In sein Konsulat fiel die catilinarische Verschwörung, 
durch deren Unterdrückung er sich unleugbare Verdienste um den römi- 
schen Staat erworben. Allein diese Verdienste wurden getrübt durch die 
masslose Eitelkeit und Überhebung, mit der er bei jeder Gelegenheit selbst 
seinen Ruhm verkündete. Übrigens führte die catilinarische Verschwörung 
verhängnisvolle Folgen für Cicero herbei. Wider Gesetz und Verfassung 
wurde vom Senat die Todesstrafe gegen die Verschwörer beschlossen und 
von Cicero als Konsul vollzogen. Da Cicero den Triumvirn unbequem 
geworden war, benützten sie jenen Verstoss gegen das Gesetz, um^ ihren 
Gegner zu beseitigen. Ihr Werkzeug, der Volkstribun Clodins Etlicher 
brachte den Gesetzesvorschlag ein, ut qui civem Romanum indemnatum in- 
teremisset, ei aqua et igni interdiceretur. Gegen wen diese Worte gerichtet 
waren, wusste alle Welt. Cicero beschloss in den Kampf nicht einzutreten 
und die Stadt zu verlassen. Jetzt kam das Verbannungsgesetz gegen ihn 
zu stände. Seine Verbannung währte von April 58 bis August 57. Ein 
Beschluss der Centuriatkomitien genehmigte seine Rückkehi*. Dieselbe er- 
folgte unter grossen Ehrungen. Von 51 — 50 war Cicero Prokonsul von 
Cilicien. Nach seiner Rückkehr fand er tiefgehende Differenzen zwischen 
Caesar und Pompeius, die bereits zu offenem Kampf geführt hatten. Die 
Notwendigkeit, Partei zu ergreifen, fiel Cicero ausserordentlich schwer. 
Nach längerem Zögern entschied er sich für Pompeius; er folgte ihm nach 
Dyrrhachium. Als der Kampf entschieden war, harrte Cicero in Brundi- 
sium der kommenden Dinge (48 — 47). Auch die folgenden 'Jahre zwangen 
ihn, zurückgezogen vom öffentlichen Leben dahinzubringen, er versenkte 
sich ganz in die litterarische Thätigkeit. Erst mit dem Tod Caesars 
(15. März 44) ward die Bahn für Cicero wieder frei. Allein dieses erneute 
Hervortreten sollte ihn dem Untergang weihen. Er trat in einen Kampf 
mit M. Antonius ein, der seine Proscription und infolgedessen seinen Tod 
(7. Dezember 43) herbeiführte. 

Die reiche Schriftstellerei Ciceros werden wir nach folgenden sechs 
Rubriken behandeln: a) Die Reden; ß) Die rhetorischen Schriften; y) Die 
Briefe; i) Die philosophischen Schriften; e) Die historischen und geogra- 
phischen Arbeiten; f) Die Gedichte. Besondere Ausführlichkeit werden wir 
in der ersten Rubrik walten lassen, da auf den Reden grösstenteils die 
litterarische Bedeutung Ciceros beruht. 

Von Platarch haben wir eine Biographie Ciceros. Verloren ist Aiticus' Lobschrift 
auf Ciceros Konsulat in griechischer Sprache, vgl. § 116, femer die von Cornelius Nepos 
yerfasste Biographie, vgl. § 126, endlich das Leben Ciceros von Tiro. 

Über das Jahr und den Tag seiner Geburt vgl. Gell. 15, 28, 3 a Q. Caepione et Q. Ser- 

13* 



196 Römisclie Litteratorgesohichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

ratio, quibus cansulibus ante diem tertium Nonas Januarii tn. M, Cicero natus est. Seinen 
Geburtstag gibt Cicero selbst an ad Att. 7, 5, 3. 

Wir geben nur die Hauptbelegstellen über den Bildungsgang Ciceros. Andere Daten 
werden bei den Reden ihre Beglaubigung finden. 

Über seinen Anschluss an die beiden Scaevola vgl. Cic. Lael. 1» 1 Ego a patre Ua 
eram deductus ad Bcaevolam (augurem) sumpta virili toga, ut, quoad possem et liceret, a 
senis totere nunquam discederem, Itaque — fieri studebam eins prudentia doctior. Quo 
mortuo me ad pontificem Scaevolam conttdi. 

Seinen ersten philosophischen Unterricht beleuchten folgende Stellen: £p. 13, 1, 2 
a PhaedrOf qui nobis, cum pueri essemus, antequam Philonem cognovimus, vcdde ut phÜo- 
sophus, postea tarnen ut vir honus et suavis et officiosus probabatur. Brut. 89, 306 cum prin- 
ceps Äcademiae cum Atheniensium optumatibus Mithridatico beUo domo profugisset Romam- 
que venisset, totum ei me tradidi admirabili quodam ad philosophiam studio concitatus. 
90, 809 Eram cum stoico DiodotOy qui cum habitatdsset apud me mecumque vixissetf nuper 
est domi meae mortuus. Ä quo cum in aliis rebus tum studiosissime in dialectica exercebar. 

Auch über seine griechische Reise wird im Brutus ausftlhrlich berichtet. 91, 315 
Cum venissem Äthenas, sex menses cum Äntiocho, veteris äcademiae nobilissimo et prüden- 
tissimo phüosopho fui studiumque philosophiae nunquam intermissum a primaque adofe- 
scentia cuUum et semper auctum hoc rursus summo auctore et doctore renovavi. De deorum 
nat. 1, 21, 57 Zenonem, quem Philo noster coryphaeum appeflare Epicureorum solebat, cum 
Athenis essem, audiebam frequenter, et quidem ipso auctore Philone. Dass er mit Atticus 
auch den Phaedrus in Athen hörte, geht hervor aus Cic. de fin. 1, 5, 16. 

Die rhetorischen Studien, die er auf der Reise gemacht, schildert Brut. 91, 315 Eodem 
tempore Athenis apud Demetrium Syrum, veterem et non ignohilem dicendi magistratum, 
studiose exerceri solebam. Post a me Asia tota peragrata est — die von ihm gehörten Redner 
waren Menippus aus Stratonicea in Earien, dann Dionysius aus Magnesia, Aeschylus aus 
Gnidus, Xenocles aus Adramytteum. Quibus non contentus Rhodum veni meque ad eundem, 
quem Romae audiveram, Molonem applicavi, cum actorem in veris causis scriptoremque prae- 
stantem tum in notandis animadvertendisque mtiis et instituendo docendoque prudentissimum. 

Litteratur: Die beste Darstellung über Cicero findet sich bei Drumank, Geschichte 
Roms; sie steht im V. und VI. Band. Auch Middleton, history of the life of Cicero, Lond. 
1741 ist ein gutes Werk. Nicht vollendet Brückner, Leben des Cicero I. Teil, Gott. 1852. 
SuRiMOAR, commentarii rerum suarum s. de vita sua, London 1854. Populär Boissibr, 
Cic^on et ses amis, Paris 1865 (deutsch von Döhler, Leipz. 1869). 

«) Ciceros Reden. 

141. Die erste Periode der ciceronischen Beredsamkeit (81—66). 
Bei den Reden sehen wir uns nach gewissen natürlichen Einschnitten um. 
Ich meine, als solche ergeben sich ungesucht das erste rednerische Eingreifen 
Ciceros in eine Staatsangelegenheit, die Rückkehr von der Verbannung, 
die Zeit nach ^er Rückkehr von Cilicien. So erhalten wir vier Perioden 
der ciceronischen Beredsamkeit. Der ersten gehören folgende Reden an: 

1. pro P. Quinctio. Diese Rede, welche die älteste der erhaltenen 
ciceronischen Reden ist, fallt in das Jahr 81 und betrifft eine Privatrechts- 
streitigkeit. Cicero verteidigt die Sache des P. Quinctius gegen Sex. Nae- 
vius vor dem Vorsitzenden C. Aquilius. Gegnerischer Anwalt war Q. Hor- 
tensius (1, 8). Der Rechtsfall war folgender: C. Quinctius, ein römischer 
Ritter, der in Gallia Narbonensis eine ausgedehnte Ökonomie betrieb, ging 
mit Sex. Naevius ein Kompaniegeschäft ein. Als C. Quinctius im J. 85 
starb, war sein Bruder P. Quinctius, der Beklagte sein Erbe. P. Quinctius 
suchte das von seinem Bruder mit Sex. Naevius eingegangene Societäts- 
verhältnis zu lösen. Allein durch die Intriguen des Sex. Naevius wollte 
die Lösung sich nicht in gütlicher Weise bewerkstelligen lassen. Ver- 
hängnisvoll für die Sache des P. Quinctius war, dass Naevius klagte, es 
sei ihm ein von Quinctius zugesichertes Vadimonxum nicht eingehalten 
worden und auf Qrund dieses Vadimonitim desertum und einer nachgewie- 



CiceroB Reden. 197 

senen Schuldforderung, die er an P. Quinctius habe, vom Prätor Burrienus 
Einweisung in die Güter des Beklagten (missio in bona P. Quinctii rei ser- 
vandae causa) verlangte (6, 25). Der Prätor gewährte diese Forderung. 
Es erhob dagegen Einspruch der Vertreter des P. Quinctius, Sex. Alfenus. 
Allein da dieser eine gesetzliche Förmlichkeit nicht beobachten wollte, so 
trat wiederum eine Verschleppung der Angelegenheit ein. Sex. Naevius 
regte nun eine neue Streitfrage an; er behauptete, er sei im Besitz der 
Güter des Beklagten nach prätorischem Edikt seit dreissig Tagen. P. 
Quinctius sei daher als infamis, als unzuverlässig, anzusehen und müsse 
für den Rechtsstreit Bürgschaft (satisdatio iudicatum solvi) leisten. Der 
Prätor Cn. Dolabella dekretierte, dass P. Quinctius entweder satisdatio leiste 
oder den Nachweis liefere, dass Sex. Naevius nicht seine (des P. Quinc- 
tius) Güter seit dreissig Tagen nach dem prätorischen Edikte besitze. Da 
P. Quinctius, um seinen Ruf nicht zu gefährden, die satisdatio verweigerte, 
so war nach der Entscheidung des Prätors ein eigenes Gerichtsverfahren 
notwendig, um die zweite Alternative zu entscheiden. Die anbefohlene 
Form war die sponsio praeiudicialis. Und auf diesen Sponsionsprozess be- 
zieht sich unsere Rede. Die Beweislast wurde dem Quinctius auferlegt; 
er wurde dadurch in die Rolle eines Klägers gedrängt (9,35); er hatte den 
Nachweis zu liefern, dass die Behauptung des Sex. Naevius, er sei dreissig 
Tage im ediktmässigen Besitz der Güter des P. Quinctius, unrichtig sei. 

Der springende Punkt der Klage erhellt aus 8, 30 a Cn, Dolabella denique praetore 
postulat, ut sihi Quinctius iudicatum solvi satis det, ex formula: QUOD AB EO PETAT, 
QÜOIÜS EX EDICTO PBAETORIS BONA DIES XXX POSSESSA SINT — Jubet 
(Dolabella) P, Quinctium sponsumem cum Sex. Naevio facere: SI BONA SUA EX EDICTO 
P. BÜRRIENI PBAETORIS DIES XXX POSSESSA NON ESSENT. Recusabant qui 
aderant tum QuinctiOf demonstrahant de re iudicium fieri oportere, ut aut uterque inter se 
aut neuter satis dar et; non necesse e^se famam alterius in iudicium venire. Clamahat porro 
ipse Quinctius sese idcirco nolle satis dare, ne videretur iudicasse bona sua ex edicto pos- 
sessa esse; sponsionem porro si istius modi faceret^ se^ id quod nunc evenit, de capite suo 
priore loco causam esse dicturum. Dolabella — iniuriam facere fortissime perseverat; atU 
satis dare aut sponsionem iubet facere y et inter ea recusantes nostros advocatos acerrime sub- 
moveri. Conturbatus sane discedit Quinctius; neque mirum, cui haec optio tam misera tamque 
iniqua daretur, ut aut ipse se capitis damnarety si satis dedisset, aut causam capitis, si 
sponsionem fedsset, priore loco diceret. Cum in altera re causae nihil esset, quin secus iudi- 
caret ipse de se, quod iudicium gramssimum est, in altera spes esset ad talem tamen virum 
iudicem veniendi, unde eo plus opis auferret, quo minus attulisset gratiae, sponsionem facere 
maluit; fecit; te iudicem, C. Aquili, sumpsit; ex sponso egit. In hoc summa iudicii causaque 
tota consistit. 

Über die Gliederung der Rede vgl. 10, 36 negamus te bona P. Quinctii, Sex. Naevi, 
possedisse ex edicto praetoris. In eo sponsio facta est. Ostendam primum causam non fuisse, 
cur a praetore postulares, ut bona P. Quinctii possideres, deinde ex edicto ft possidere non 
potuisse; postremo non possedisse. Der erste Teil ist im Grunde genommen für die Rechts- 
frage irrelevant. Im zweiten Teil 19, 60 — 27, 85 steckt der Hauptbeweis. Der dritte Teil 
ist verloren gegangen. (Nach Mommsen 1. c. p. 1099 „scheint Cicero vielmehr absichtlich 
diesen minder interessanten Teil bei der Hefausgabe weggelassen zu haben wie pro Fonteio 5, 
pro Mur.27".) 

Die Überlieferung der Rede beruht nur auf jüngeren Handschriften. Einige Para* 
graphen enthält der Palimpsestus Taurinensis (vgl. Baiter in der Notarum explicatio). 

Litteratur: Das Juristische erörtern Keller in den Semestr. ad M. T Cic. libri sex 
p. 1—198. (MoMMSEN, Ztschr. f. Altertumsw. 1845 p. 1084.) Hartmann, R. Eontumazialverf. 
p. 10. Frei, Der Rechtsstreit zwischen F. Q. und S. N., Zürich 1852. Bbnpey, Philol. 10, 126. 
Bethjiann-Hollweo, R. Civilproz. 2, 784. Oetling, Über Ciceros Quinctiana, Oldenb. 1882. 

2. pro Sex. Roscio Amerino. Es ist dies die erste Kriminal- 
klage, in der Cicero auftrat (80 v. Chr.). Sex. Roscius aus Ameria in 



198 Bömiflche Litieraturgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

ümbrien, ein sehr reicher Mann, wurde, als er abends vom Mahle heim- 
kehrte, in der Nähe der pallacinischen Bäder in Rom ermordet (7, 18). 
Obwohl das Aufhören der Proscriptionen schon angeordnet war (44, 128), 
wurde doch der Name des ermordeten Sex. Roscius auf die Proscriptions- 
listen gesetzt (8, 21); von seinen Landgütern erhielt drei ein Verwandter, 
Titus Boscius Capito, einen Teil kaufte der Günstling Sullas Chrysogonus, 
auch ein zweiter Verwandter, Titus Roscius Magnus, wusste sich seinen 
Vorteil zu sichern. Auf Anstiften dieser drei Gesellen, welche für ihren 
Raub fürchteten, wurde Erucius veranlasst, gegen Sex. Roscius, den Sohn 
des Getöteten, eine Klage wegen Vatermordes einzubringen. Die Verhand- 
lung leitete der Prätor M. Fannius. Die Verteidigung Ciceros war wegen 
des Interesses, das der mächtige Chrysogonus an der Verurteilung des 
Sex. Roscius hatte, sehr erschwert; doch gelang es seiner Beredsamkeit, 
die Freisprechung seines Klienten zu erreichen. Wenn auch Cicero sicht- 
lich bestrebt ist, Sulla zu schonen, so ist doch der Freimut, welchen die 
Rede zeigt, anerkennenswert. 

Schol. Gronov. p. 424 Orelli. Sex. Roscius adolescens parrieidii accusaius est — et 
absolutus. Über die Schwierigkeit der Verteidigung vgl. 13,35: tres sunt res, quantum ego 
existimare possutn, quae obstent hoc tempore Sex, Roscio, crimen ctdversariorum et audcuna 
ei potentia. Criminis confictionem accusator Erucius suscepü, audaeiae partes Roscii sibi 
poposcerunt, Chrysogonus autem, is qui plurimum potest, potentia pugnat, 

Überlieferung: Poggio war es, der unsere Rede nach Italien brachte. Auf dieses 
Exemplar gehen alle unsere (jungem) Codices zurück. Unter denselben ist ein Wolfen- 
buttelanus nr. 205 beachtenswert. Schon das Original hatte eine grössere Lücke 45, 132, 
in welcher der Beweis geliefert war, dass die Güter des Sex. Roscius nicht zum wirklichen 
Verkauf gelangten. Für 1, 1 — 2, 5 possem kommt auch der Vatikanische Palimpsest in Betracht. 

3. pro Q. Roscio comoedo. In dieser Rede handelt es sich um 
folgenden verwickelten Privatrechtsfall. C. Fannius Chaerea hatte eipen 
Sklaven Panurgus. Da er in demselben ein schauspielerisches Talent er- 
kannte, so übergab er ihn dem Schauspieler Roscius zur Ausbildung und 
schloss zugleich mit ihm einen Societätsvertrag, nach dem die Einkünfte 
welche Panurgus' Kunst abwerfe, zwischen ihm und Roscius geteilt werden 
sollten. Die Ausbildung des Panurgus nahm guten Fortgang; er konnte 
schon um eine hohe Summe vermietet werden (10, 28). Da wurde er 
von Q. Flavius aus Tarquinii getötet. Die beiden Societäre stellten nun 
Klage auf Schadenersatz; und zwar fungierte Fannius in der Klage als 
cognitor (Stellvertreter) des Roscius. Allein Roscius verglich sich auf pri- 
vatem Weg mit Flavius, indem er ein Landgut, welches von Fannius auf 
600,000 Sesterzien *) geschätzt wurde, von Flavius annahm. Damit war ein 
Streitobjekt gegeben. Fannius behauptete, jener Vergleich mit Flavius sei 
für die Societät geschlossen und verlangte Entschädigung. Nun hören wir 
von einem merkwürdigen Vergleich, den C. Piso vermittelte; er stellte an 
Roscius das Ansuchen, dem Fannius 100,000 Sesterzien auszuzahlen, aber 
zugleich Fannius zu verpflichten, von allem, was er von Flavius erhalte, 
dem Roscius die Hälfte zuzusichern. Auf diesen Vergleich ging Fannius 
freudig ein; Roscius zahlte die erste Hälfte, 50,000 Sesterzien; die zweite 
Hälfte von 50,000 Sesterzien weigerte er sich zu zahlen, er hatte nämlich 
in Erfahrung gebracht, dass Fannius von Flavius 100,000 Sesterzien be- 

>) MoMMSEK, Hermes 20, 317. 



GioeroB Reden. 199 

kommen hatte. Um diese zweite Rate dreht sich der Prozess, der wiederum 
vor Piso geführt wird und in dem als Vertreter des Fannius P. Saturius 
auftritt. Die Rede ist am Anfang und am Ende verstümmelt. 

11, 32 Panurgum inquit (Fannius), hunc sert^um communeiny Q, Flavius Tarquiniensis 
quidam interfecU, In hanc rem, inquit, me cognitorem dedisti. Lite contestcUa, iudicio damni 
iniuria constituto tu sine me cum Flavio decidisti, — ,HS CCCI03D (unrichtig vgl. Momicsen 
1. c.) tu abstulisti.* 12, 33 sed hanc dedsionem Rosci oratione et opinione augere licet; 
re et veritate mediocrem et tenuem esse invenietis, Accepit enim agrum temporibus iiSy cum 
iacerent pretia praediorum — qui nunc muUo pluris est quam tunc fuit, 12, 34 Huc universa 
causa deducitur, utrum Roscius cum Flavio de sua parte an de tota sodetate fecerit pac- 
tionem, 13, 37 criminatio tua quae est? Roscium cum Flavio pro societate decidisse. 

Ober den Vergleich des Piso lautet der Bericht 13,38: Tu (Piso) Q. Roscium pro 
opera ac lahore, quod cognitor fuisset, quod vadimonia obisset, rogasti, ut Fannio daret HS 
CCCIOOO hac condicione, ut, si quid iUe exegisset a Flavio, partem eius dimidiam Roscio 
dissolveret. Die Summe 100,000 Sestertien hat man fQr verdorben erachtet und durch eine 
andere ersetzt, mit Unrecht vgl. Babon 1. c. p. 126, — 17, 51 falsum subomavit testem Roscius 
Cluvium! (Einwand) Cur, cum altera pensio solvenda esset, non tum, cum prima? nam iam 
antea HS 1000 dissolverat, — 13, 39 Quid si tandem planum facio, post decisionem veterem 
Rosci, post repromissianem recentem hanc Fanni HS CCCIOOO Fannium a Q, Flavio 
Panurgi nomine abstulisse? 

Corradus setzt die Rede ins J. 70, Manutius ins J. 68, Ferratius ins J. 77, Landobaf, 
De Cic, elocut,, Würzb. 1878 p. 47 ins J. 77 oder 76; am wahrscheinlichsten ist das Jahr 68. 
Vgl. Drümann 5, 348. 

Über die Überlieferung vgl. Baiteb-Halm 2, p. UI. Die Rede stand in der von 
Poggio aufgefundenen Handschrift. Sie folgte auf die Rede pro Rabirio perdueüionis reo. 
Durch den Ausfall einiger Blätter ist der Schluss der Rede pro Rabirio und der Anfang der 
Rede pro Roscio verloren gegangen. Aber auch am Schluss der Rosciana fehlen Blätter. 
Wir sind auf jüngere apographa angewiesen. 

Litteratur: Puchta, über den der Rede p. R. C. zu Grunde liegenden Rechtsstreit 
in Civil. Schriften p. 272. Schmidt, Cic. or. pro Q. R., Leipz. 1839. Bkthmann-Hollweo, 
R. Civilproz. 2, 804. Baron, Der Prozess gegen den Schauspieler Roscius in der Zeitschr. fdr 
Rechtsgesch. Rom. Abt. 1, 117. Ruhstrat ebenda 3,34. 

4. pro M. Tullio. Von dieser Rede sind uns nur Bruchstücke durch 
einen Palimpsest in Turin und einen Palimpsest in Mailand überliefert. Die 
Rede, welche die zweite in der Angelegenheit ist (2, 4; 2, 5), hat eine 
Schadenersatzklage zum Gegenstand, welche vor recuperatores verhandelt 
wurde. Kläger ist M. Tullius, von Cicero vertreten; Beklagter ist P. Fa- 
bius, den L. Quinctius verteidigt. Der Fall ist kurz gefasst folgender: 
Fabius hatte in der Oegend von Thurii in Lucanien ein Landgut, welches 
an die Besitzung des M. Tullius angrenzte, gekauft. Zwischen beiden 
Nachbarn kam es zu einem Besitzstreit; Fabius beanspruchte nämlich für 
sich die populische Feldmark (centuria Populiana), die M. Tullius als aus 
seinem väterlichen Besitz stammend, sonach als sein Eigentum bezeichnete. 
Fabius begab sich zum Tullius und verlangte, er solle auf herkömmliche 
Weise das Eigentumsrecht absprechen oder sich absprechen lassen. Tullius 
sagte das zu und versprach sein Erscheinen vor Gericht in Rom. Allein 
in der folgenden Nacht drangen Sklaven des Fabius in das auf der popu- 
lischen Feldmark liegende Gebäude ein, richteten dort grosse Verheerungen 
an und töteten die dort befindlichen Sklaven des M. Tullius mit Ausnahme 
eines einzigen. Wegen dieses Vergehens stellte M. Tullius Klage wegen 
Schadenersatzes. 

Die Klage formuliert Cicero also 3, 7 iudicium restrum eM, recuperatores, QUANTAE 
PECVNIAE PARET DOLO MALO FAMILIAE P. FABI VI HOMINIS US ARMATIS 
COACTISVE DAMNUM DATUM ESSE M. TULLIO. Eius rei taxationem nos fecimus; 



200 Römische Litieraturgesohichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

aeMimatio vestra est; iudicium datum est in quadruplum. In der Rede handelt es sich be- 
sonders um die Interpretation des dolo malo. 

Die Zeitbestimmung hängt davon ab, wann der in der Rede (17, 39) erwähnte Metellus 
Prätor war. ,, Unter den Cäciliem war Q. Metellus Creticus 69 Konsul und sein Bruder 
Lucius 68; in demselben Zeitverhältnisse übernahmen sie die Prätur 72 und 71, deshalb 
und weil in der Rede der Vorname fehlt, ist es nicht zu verbürgen, dass die angeführte 
Stelle sich auf den jüngeren bezieht, und also die Rede in das Jahr 71 und nicht schon 
in das vorhergehende gehört." (DauiiAim 5, 258.) 

Litteratur: Saviony, Verm. Schriften 3, 228. Ph. E Huschkb in J. 6. Huschke's 
analecta Utteraria, Leipz. 1826 p. 77. Keller, Semestr. ad Ciceronem p. 539. 

5. Die im Prozess gegen Verres gehaltenen 7 Reden. C.Ver- 
res erhielt im J. 73 als Proprätor die Provinz Sicilien, welche er erst im 
J. 70 nach Eintreffen seines Nachfolgers L. Oaecilius Metellus verliess. 
In seiner Verwaltung liess sich Verres schamlose Erpressungen zu Schul- 
den kommen; als er die Provinz verlassen, erhoben die sicilischen Gemeinden 
(70) mit Ausnahme der Syracusaner und Mamertiner Klage und erwählten 
sich den ihnen von seiner sicilischen Quästur her bekannten Cicero als 
ihren Vertreter. Hauptverteidiger des Verres war Q. Hortensius. Als die 
Klage bei dem Prätor M'. Acilius Olabrio angemeldet war, suchte Q. Oae- 
cilius Niger, der Quästor des Verres war, um Gewährung der Klage nach. 
Es musste also ein Vorverfahren eintreten zur Entscheidung, wem von 
beiden die Klage zu übertragen sei. Dieses Vorverfahren vor unbeeidigten 
Richtern hiess divinatio. Die Thätigkeit der Richter bestand hier nicht 
in einem iudicarey da ja Beweismittel fehlten, sondern in einem divinarey 
im Ahnen und Vermuten, wer sich am besten zur Durchführung der Klage 
eigne. Durch seine Rede, die sog. divinatio in Caecilium setzte es Cicero 
durch, dass er die Klage stellen durfte. Nun erbat sich Cicero eine Zeit 
von 110 Tagen, um sich in Sicilien die nötigen Beweisbehelfe zu ver- 
schaffen. Da meldete sich auf Anstiften der Gegenpartei ein unbekannter 
Mann, der Verres wegen Erpressungen in Achaja belangen wollte und sich 
zu diesem Zweck eine Frist von 108 Tagen erbat (Actio pr. 2, 6). Dieses 
Vorgehen sollte bewirken, dass zuerst dieser Prozess behandelt und Ciceros 
Klage verschoben würde. Allein Cicero beendete trotz aller Schwierig- 
keiten, die ihm gemacht wurden, seine Nachforschungen viel früher, als 
in 110 Tagen, nämlich in 50 Tagen. Der unbekannte Kläger erschien 
nicht an dem festgesetzten Termin. Dagegen drohte jetzt eine andere 
Gefahr. Für das Jahr 69 war zum Prätor M. Metellus gewählt worden. 
Das Los überwies ihm auch den Vorsitz gerade in dem Gerichtshof, der 
über Erpressungen zu urteilen hatte (Actio pr. 8, 21). Dieser Metellus war 
dem Verres günstig gestimmt. Da für den Prozess eine zweite Verhand- 
lung (comperendinatio) vorgeschrieben war, so suchte die Partei des Verres 
diese zweite Verhandlung, welcher das richterliche Urteil zu folgen hatte, 
in das folgende Jahr, in dem Metellus zu amtieren hatte, hinüberzuspielen. ^) 
Diese Intrigue vereitelte Cicero dadurch, dass er bei der ersten Verhand- 
lung zur Abkürzung des Verfahrens auf eine zusammenhängende Rede 
verzichtete und nur eine kurze Einleitung vorausschickte und dann an der 
Hand der Zeugen und auf Grund der Beweismittel gleich die einzelnen 
Klagepunkte vorführte. Die von Cicero formulierte Klage lautete dahin, 

*) In welcher Weise dies möglich war, zeigt Cicero Actio pr. 10, 30 f. 



Gioerofl Beden. 201 

dass Verres widerrechtlich in Sicilien eine Summe von 40 Millionen Se- 
sterzien erpresst habe. Das Material, das Cicero vorführte, war so er- 
drückend, dass Verres während der Verhandlung sich freiwillig in die 
Verbannung begab. Es kam also gar nicht zu einer zweiten Verhandlung; 
lediglich eine Verhandlung zur Feststellung des Schadenersatzes war not- 
wendig. Nachdem die Verhandlung vorüber war, verarbeitete Cicero seinen 
reichen StofiF in 5 Büchern, behielt aber die Fiction bei, als seien diese 
Reden bei einer zweiten Verhandlung gehalten worden, während 
doch eine solche gar nicht statt hatte. Von diesen 5 Büchern behandelt 
das erste besonders die städtische Prätur des Verres vom Jahre 74 (de 
praetura urbana), gehört also eigentlich nicht zum Elaggegenstande. Die 
übrigen vier Bücher beziehen sich alle auf Verres' Verwaltung von Sicilien. 
Das zweite Buch erörtert hauptsächlich seine Jurisdiction in Kriminal- und 
Privatsachen (de praetura Siciliensi), das dritte schildert seine Verwaltung 
des Qetreidewesens (Oratio frumentaria), das vierte erzählt seine Kunst- 
räubereien (de signis), endlich das fünfte über das, was Verres für die 
Sicherheit der Provinz gethan. Da hier besonders Gewicht darauf gelegt 
wird, dass Verres über römische Bürger die schwersten Leibesstrafen ohne 
Grund verhängt, gaben die Grammatiker diesem Buch den Titel de suppli- 
ciis. Die Einleitung zu der Verhandlung, die wirklich gehalten wurde, ist 
die Actio prima, während die fünf Bücher die fingierte actio secundu dar- 
stellen. Diese fünf Bücher gehören zu den wichtigsten Quellen des römi- 
schen Altertums; für die Verwaltung der römischen Provinzen, für die 
Geschichte Siciliens, für die antike Kunst geben sie uns die wertvollsten 
Zeugnisse an die Hand. Der rhetorische Wert derselben ist dagegen viel 
geringer anzuschlagen, da schon die Fiction, auf der diese Reden beruhen, 
einen reinen Genuss nicht aufkommen lässt. 

Über die div in at io GeWiuB 2^4 cum de constUuendo accusatore quaerUur itidicium- 
que super ea re redditur, cuinam potissimum ex duobus pluribusve accusatio subscriptiove 
in reum permittaturf ea res cUque iudicum cognitio divinatio appellatur, — Gavius Bassus in 
tertio librorum, quos de origine vocahulorum composuit, divinatio, inquit, iudicium appel- 
latur, quoniam dipinet quodam modo iudex oportet, quam sententiam sese ferre par sit, 
was dann Gellius weiter ausführt 

Ober sein Vorfahren bei der ersten Verhandlung 11,33 fructum istum laudis, qui 
ex perpetua oratione percipi potuit, in alia tempora reservemus; nunc hominem tcibulis, 
testibus, privatis publicisque litteris auctoritatihusque accusemus. 17, 55 faciam hoc non 
novum, sed ab iis, qui nunc principes nostrae civitatis sunt, ante factum, ut testibus utar 
statim; Hlud a me novum, iudices, cognoscetis, quod Ua testes constituam, ut crimen totum 
explicem, ubi id argumentis atque oratione firmavero, tum\ testes ad crimen accommodem^ 
ut nihil int er illam usitatam accusatianeni atque hanc novam intersit, nisi quod in Uta tum, 
cum omnia dicta sunt, testes dantur, hie in singulas res dabuntur, ut Ulis quoque eadem 
interrogandi facultas, argumentandi dicendique sit, Si quis erit, qui perpettiam orationem 
accusationemque desideret, altera actione audiet. Vgl. noch Actio sec. 1, 10, 29. 

Das Klagobjekt lautet (17,56) Dicimus C. Verrem, cum multa Ubidinose, multa cru- 
deliter in cives Romanos atque socios, multa in deos hominesque nefarie fecerit, tum praeterea 
quadringentiens sestertium ex Sicilia contra leges abstulisse. 

In der ersten Rede der Actio secunda sagt Cicero 12, 34 quaestor Cn. Papirio con- 
sule fuisti abhinc annos quattuordecim. Ex ea die ad hanc diem quae fecisti, in iudicium 
voco; hora nulla vacua a furto, scelere, crudelitate, flagitio reperietur. Hi sunt anni consumpti 
in quaestura et legatione Asiatica et praetura urbana et praetura SicHiensi, Quare haec 
eadem erit quadripertita distributio totius accusationis meae. Die drei ersten Punkte sind 
in der ersten Rede behandelt, der vierte dagegen in der zweiten Rede. 

In der dritten Rede disponiert der Redner also : 5, 1 1 f a causa tripertita, iudices, 
erit in accusatione, primum de decumano, deinde de empto dicemus frumento, postremo de 



202 BömiBohe LitteratnrgeBchichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

aestimato (d. h. über den Fruchtzehnt vom ager pMicuSj über die Getreidelieferungen zur 
Verteilung in Rom, für die eine bestimmte Taxe gezahlt wurde; endlich von dem Getreide, 
das filr den Haushalt (in ceUnm) des Prätors bestimmt war und das entweder in natura 
entrichtet oder nach einem Normalpreis bezahlt werden konnte). 

In der Rede de signis zeigt der Redner zuerst, welche Kunstschätze Verres Privat- 
personen, dann welche er Städten und Tempeln geraubt (vgl. 32, 72). 

In der fünften Rede weist der Redner nach, dass mit Unrecht Verres den Ruhm in 
Anspruch nimmt, Sicilien von fltlchtigen Sklaven und Kriegsgefahren gerettet zu haben 
(provinciam Siciliam virtute istius et vigilaniia singulari dubiis formidolosisque temporibus, 
a fugitivis atque a belli periculis tutam esse servatam 1, 1); er schliesst seine Beweisführung 
mit den Worten nihil ex fugitivorum bello aut suspitiane belli laudis adeptus est, quod 
neque bellum eius modi neque belli periculum fuit in Sicilia neque ab isto provisum est, ne 
quod esset (17, 42). Er zeigt nun im zweiten Teil, dass Verres die Flotte sträflich vernach- 
lässigte und eine schmähliche Niederlage durch die Seeräuber verschuldete (17, 42 — 52, 136). 
Im letzten Teil endlich wird ausgeführt, dass Verres ohne Grund die schwersten Leibes- 
strafen über römische Bürger verhängt hat (causa^ quae non ad sociorum salutem, sed ad 
civium Ronmnorum, hoc est ad unius cuiusque nostrum, vitatn et sanguinem pertinet [53, 139]). 

Überlieferung: Für die Divinatio in Caecilium, actio prima und das Buch 1 der 
actio secunda sind die verlässigsten Quellen zwei Guelferbvtani, dann ein vetus codex 
Stephani und ein vetus codex Lambini, — Für die Bücher 2 und 3 ist der beste Zeuge 
der Lagomars inianus nr. 42. — Für die Bücher 4 und 5 ist die reinste Überlieferung in dem 
Parisinus Regius 7774 A s. IX. (Meusel, Berl. Progr. 1876. Nohl, Hermes 20, 56.) 

Litteratur: Brauveisex, Bemerk, über die verr. Reden, Hadersl. 1840. Deoenkolb, 
Die lex Hieronica und das Pfändungsrecht der Steuerpächter, Beitr. zur Erklärung der 
Verrinen, Berl. 1861. König, De Cic. in Verr. artis operum aestimatore, Jever 1863. Goeh- 
LiNo, De Cicerone artis aestimatore, Halle 1877. 

6. pro M. Fonteio, höchst wahrscheinlich aus dem J. 69. Die Rede 
ist uns nur in Bruchstücken erhalten durch einen Vaticanus (im Tabularium 
Basilicae Vatkanae). Hierzu kommen noch Teile aus einem Palimpsestus 
PalatinuS'Vatkanus und einer Handschrift des Nicolaus von Cues (bei Trier). 
In der Rede wird M. Fonteius wegen der Erpressungen, die er sich während 
seiner Statthalterschaft in Gallia Narbonensis zu Schulden kommen liess, 
belangt. Die Anklage erfolgte besonders auf Betreiben des Indutiomarus, des 
Häuptlings der Allobroger (21,46). Als Ankläger lernen wir M. Plaetorius 
kennen, als Subscriptor M. Fabius (15, 36). Unsere Rede bezieht sich 
auf die zweite Verhandlung (16, 37; 17, 40). Aus den Bruchstücken er- 
kennt man, dass Cicero die Anklagen nicht entkräften konnte, er verlegt 
sich daher auf Gemeinplätze, den gallischen Zeugen könne man nicht 
glauben u. dgl. 

Die Vorwürfe, die dem M. Fonteius wegen seiner Verwaltung Galliens gemacht 
werden, sind besonders drei: 5,11 hoc praetare oppressam esse aere alieno Galliam, 8,17 
obiectum est etiam quaestum M, Fonteium ex viarum munitione fecisse, ut aui ne cogeret 
munire aut idy quod munitum esset^ ne impröbaret. 9, 19 cognoscite nunc de crimine vinario, 
quod Uli invidiosissimum et maximum esse roluerunt. Vgl. 9, 20 Video^ iudices, esse crimen 
et genere ipso magnum (vectigal enim esse inpositum fructibus nostris dicitur et pecuniam 
permagnam ratione ista cogi potuisse confiteor) et inridio rel maximum. 

Die Rede fällt nach der Aurelischen Rogation, welche in einem der letzten Monate 
des J. 70 bestätigt wurde. — Der Zeitbestimmung 69 „fehlt der strenge Beweis, aber steht 
auch ihr nichts entgegen." (Drümaitn 5, 330). Für 69 entscheidet sich auch Schneider p. 28. 

Litteratur: Schneider, Quaest. in Cic. pro Fonteio, Grimma 1876 (Dispos. p. 48). 

7. pro A. Caecina,. wahrscheinlich aus dem J. 69. Es handelte 
sich um eine Besitzstörung durch bewaffnete Gewalt. Auf den Besitz 
eines Grundstücks erhob sowohl Sextus Aebutius als A. Caecina Anspruch. 
Sextus Aebutius hatte das fragliche Grundstück gekauft, nach seiner Be- 
hauptung für sich, nach der Behauptung Caecinas für Caesennia, welche 
später die Gattin Caecinas wurde. Man kam nun überein, dass dem Cae- 



Giooros Beden. 



203 



cina nach herkömmlicher Weise das Eigentumsrecht abgestritten werde, 
um dann das Prozessverfahren einleiten zu können. Es wurde ein Tag 
bestimmt, allein als Gaecina in die Nähe des Grundstücks kam, da erfuhr 
er, dass Aebutius bewaffnete Mannschaft aufgeboten habe, mit der er die 
Zugänge zu dem fraglichen Grundstück und zur Umgebung besetzte. Als 
Caecina den Versuch machte, an das Grundstück heranzukommen, liess 
Aebutius ihm durch einen Sklaven verkünden, wer das Grundstück betrete, 
werde getötet. Caecina musste vor der bewaffneten Macht fliehen. Auf 
erhobene Beschwerde Caecinas erlässt der Prätor Dolabella ein Interdict 
wegen Anwendung von Gewalt durch Bewaffnete, es soll der von dem Ort 
Vertriebene wieder in denselben eingesetzt werden. Da Aebutius sich 
dessen weigerte, so kam die Sache vor die Recuperatoren; es musste jetzt 
darüber entschieden werden, ob die Voraussetzung, auf der das Interdict 
des Prätors beruht, wirklich vorhanden sei. Die Form der Klage war die 
spon»io. Aebutius wurde von C. Piso verteidigt, die Sache des Caecina 
vertrat M. Cicero. 

Nachdem die narratio voUendet, bestimmt Cicero die Klage 8, 23 : his rebus ita gestis 
P, Dalabena praetor interdixit, ut est consuetudo, DE VI HO MINIBUS ÄBMATIS sine 
idla exceptione, tantum ut, unde deiecisset, restitueret, RestUuisse *) se dixit, Sponsio facta 
est. Hoc de sponsione vohis iudicandum est. Das Interdiktum de vi hominibus coactis arma^ 
tisve war eine Verschärfung des einfachen interdictum de vi. Die Verteidigung Pisos be- 
ruhte besonders auf dem Satz 11,31 non deieci, sed obstiti, vgl. 12,35 ita dicis et ita con- 
stituis (C, Pisojf si Ckiecina, cum in fundo esset, inde deiectus esset, tum per hoc interdictum 
eum restitui oportuisse; nunc vero deiectum nuUo modo esse inde, ubi non fuerit; hoc inter- 
dicto nihil nos adsecutos esse. Es spielet noch andere Fragen in die Streitsache herein: 
6, 17 Caesennia fundum possedit locavUque; neque ita muUopost A. Caecinae nupsit, Ut in 
pauca conferam, testamento facto mulier moritur; facit heredem ejc deunce et semunda 
Caecinam, ex duahus sexttUis M. Fulcinium, libertum superioris viri (des M. Fulcinius), 
Aebutio sextulam aspergit — Iste autem ?mc sextula se ansam retinere omnium controversiarum 
putat. lam principio ausus est dicere non posse heredem esse Caesenniae Caecinam, quod 
is deteriore iure esset quam ceteri cives propter incommodum Volaterranorum calamitatem- 
que civüem. Die Frage des Besitzes kommt nach Cicero bei dem Interdikt nicht in Be- 
tracht: 36, 104 in iudicium non venire, utrum A. Caecina possederit necne, tamen doceri 
possedisse; multo etiam minus quaeri, A. Caecinae fundus sit necne, me tamen id ipsum 
docuisse, fuftdum esse Caecinae. 

Über die Zeit der Rede (69 oder 68) vgl. Drumann 5, 337. 

Der Erfolg der Rede scheint günstig gewesen zu sein, weil Cicero Orator 29, 102 sagt: 
Tota mihi causa pro Caecina de verbis interdicti fuit . res involutas definiendo explicavimus, 
ins civile iaudavimus, verha ambigua distinximus. Die letzte Bemerkung bezieht sich be- 
sonders auf die Erklärung von unde (sowohl = ex quo loco als = a quo loco vgl. 30, 87). 

Überlieferung: Die besten Handschriften sind die Tegemseensis s. Monacensis s. XI 
18787, der Erfurtensis s. Berolinensis s. XII. (Fragmente im Palimpsestus Taurinensis.) 

Litteratur: Die Jurist. Fragen erörtern ausführlich Keller, Semestr. 1,275 — 431 
Jordan in seiner Ausgabe, Zetss, Zeitschr. für Altertumsw. 1848 p. 865, Bethxann-Hollweg, 
R. Civilproz. 2, 827. Auch Fbanckek berührt einiges Mnemos. 9 (1881) p. 245. 

142. Die zweite Periode der ciceronischen Beredsamkeit (66—59). 
1. De imperio Cnei Pompei, von Cicero im J. 66 gehalten. Es war 
seine erste Staatsrede. Der Yolkstribun C. Manilius stellte den Antrag, 
dem Pompeius den Oberbefehl in dem Kriege gegen Mithradates und Tig- 
ranes zu übertragen. Zugleich sollte er, der bereits über die Meere und 
Küsten gebot, noch die Verwaltung der Provinzen Bithynien und Kilikien 



') Über das restituisse der Antwort 
bemerkt Fbaitckek p. 254 voilebat, opinor, hoc 
(Aebutius): se neque vi deiecisse neque resti- 



tuere posse; ideoque perinde nunc rem se 
hdbere or si restituisset. 



204 Bömische Litieratnrgeflchichie. I» Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

erhalten; auch war ihm für seine Kriegsführung volles Recht, Frieden und 
Bündnisse zu schliessen, eingeräumt worden. Es ist klar, dass die Über- 
tragung einer solchen Macht an eine Person für den Bestand der Republik 
gefahrlich war. Cicero hätte daher vor allem als seine Aufgabe ansehen 
müssen, diese Bedenken, welche Q. Hortensius und Q. Gatulus anregten, 
zu beseitigen. Allein diesen Eardinalpunkt übergeht die Rede Ciceros; in 
schönen Worten sucht sie nachzuweisen, dass der Krieg gegen Mithradates 
notwendig, dass derselbe schwierig sei und dass für die Führung desselben 
Pompeius vor allem geeignet sei. Die Übertreibungen, die sich der Redner 
in Bezug auf Pompeius erlaubt, vernichten sich selbst. Das Gesetz wurde 
mit grosser Majorität angenommen. 

Über das Manilische Gesetz sind Hauptstellen: Plutarcb Pomp. 30 yQatpH yofioy aig 
xtov Sr^fÄdg/toy MdXXiog, öarjg jletxoXXog ng/ei x^^gag xai SvvdfXBtog Jlo/infjtoy naoaXaßoyra 
•näoav, nQoaXaßoyra di xai Bi&tmay, ijy l^^i rXaßQitüy, noXe/iety Mi&Qiddtn xat Tiyqdvn 
roTg ßaaiXevaiy, e^oyta xai rijy yavxixrjy dvvafxiy xat ro XQdtog trjg &aXdaaijg i<p* otg eXaßey 
i^ dQxv^* Bio Cass. 36, 42 p. 121 Bekker toy tov Ti/Qayov xai toy tov Mi&giSdtov no- 
Xsfjioy, tijy re Bi&vylay xai rijy KiXixiay afia dqxv^ avt(^ TtQooittt^By (MdXXiog), Appian. 
Mi&Q, 97 (1,537 Mendels.) BXXoyio tov ngog Mi&Qi6dtrjy noXifiov atQotfjyoy im r^j ofioiag 
i^ovaiagy avxoxQutoQa oyra, onn &äXoij üvyti&M&ai re xai noXefieTy, xai <plXovg tj noXe- 
fALovg Vtüfjiaiotg ovg doxifxdaeiB nocBt<t&at, ' argaridg re ndaijg, oarj nigay iaxi xrjg 'ItaXiagy 
ttQXBiy Mtoxay ' aneg ovdeyi nta naytdnaai, ngo rovSe ofiov ndyta ido&tj. 

Die Rede zerfällt in drei Hauptteile, der dritte Hauptteil wiederum in vier Teile. 
Diese Disposition ist gut zusammengefasst in den Worten: 16,49 cum et bellum sU ita 
necessariumy ut neglegi non possit^ ita magnumy ut accuratissime sit administrandum, et 
cum ei imperatorem praeficere possitiSf in quo sit eximia belli scientia, singularis virtus, 
clarissima auctoritas, egregia fortuna. 

Scharf, aber richtig urteilt NEUMAifN, Gesch. Roms 2, 147 über die Rede: ^Wie hohe 
Erwartungen Cicero auch durch die Einleitung erweckt, so liefert doch die Rede den über- 
zeugenden Beweis, dass in ihm keine staatsmännische Ader vorhanden war. Es findet sich 
in üir kein einziger politischer Gedanke, ja die Rede berührt nicht einmal den Kern der 
Frage, sondern gibt nur das politische Geschwätz der Spiessbürger in veredelter Ausdrucks- 
weise wieder, sie ist ja nur ein volltönendes Echo der herrschenden Tagesmeinung. ** 

Überlieferung: Dieselbe beruht in erster Linie auf dem Erfurtensis s. Berolinensis 
und dem Vaticanus 1525, dann auf dem Tegemseensis s. Monacensis 18787. In dem Tegems. 
ist aber nur der letzte Teil erhalten. Als Ersatz für denselben tritt die Kopie, der voll- 
ständige Hildeslieimensis ein. Vgl. Nohl, Hermes 21, 193. 

Litteratur: Nikl, levitatem et faUaciam argumentationis in Cic. or, ... ostendit, 
Kempten 1842. Reinhard, De aliquot locorum in Cic, . . . fide historicay Freib. 1852. 
Bauermeister, Cic. Rede de t. Cn, P, nach ihrem rhetor. Wert erläutert. Luckau 1831. 

2. pro A. Cluentio Habito (66 v. Chr.). In der Rede für Cluentius 
Habitus enthüllt sich uns ein verbrecherisches Treiben, das uns mit Ent- 
setzen erfüllt. Wir unterlassen hier eine Schilderung aller Verbrechen und 
beschränken uns auf kurze Darlegung des Prozessfalls. Die Mutter des 
A. Cluentius Habitus, Sassia, hatte Statins Albius Oppianicus zum Manne 
genommen. Im Jahre 74 belangte A. Cluentius Habitus seinen Stiefvater 
vor C. Junius, als Vorsitzendem des Gerichtshofes, gegen ihn einen Gift- 
mord versucht zu haben. Oppianicus wurde auch verurteilt; allein das 
Urteil wurde wegen der in dem Prozess vorgekommenen Bestechung der 
Richter sehr verdächtigt. Besonders der Verteidiger des Oppianicus, der 
Volkstribun L. Quinctius schlug grossen Lärm. Es fanden auch gericht- 
liche Verurteilungen statt, wie die des Vorsitzenden C. Junius und cen- 
sorische Rügen. Oppianicus starb plötzlich im Exil. Da veranlasste Sassia 
im J. 66 ihren Stiefsohn, eine Klage gegen A. Cluentius wegen Giftmordes, 
den er an seinem Stiefvater Statius Albius Oppianicus begangen, nach dem 



GiceroB Beden. 205 

cornelischen Gesetz einzureichen. Oppianicus wurde vertreten von Titus 
Actius aus Pisaurum, Cluentius dagegen von Cicero. Iudex quaestionis war 
Q. Voconius Naso. Allein noch viel mehr beschäftigt sich die Rede mit 
der Widerlegung, A. Cluentius Habitus habe durch Bestechung der Richter 
in dem Prozess des J. 74 die Verurteilung des Statins Albius Oppianicus 
herbeigeführt. 

1, 1 animadverti, iudices, omnem aceuaatoris orationetn in duas divisam esse partis, 
quarum altera mihi niti et magno opere confidere videbatur invidia iam inveterata iudicii 
Juniani, cUtera tantum modo ronsuetudinis causa Hmide et diffidenter attingere rationem 
veneficii criminum, qua de re lege est h<iec quaestio constituta, liaque mihi certum est hanc 
eandem distrihutionem invidiae et criminum sie in defensione servare, ut omnes inteüegani 
nihil me nee subterfugere voluisse reticendo nee obscurare dicendo, Sed cum considero, quo 
modo mihi in utraque re sit elaborandum, altera pars et ea quae propria est iudicii vestri 
et legitimae veneficii quaestionis, per mihi brems et non magnae in dicendo contentionis fore 
videtur, aHera autem, quae procul ab iudicio remota est, quae contionibus seditiose concitatis 
accommodatior est quam tranquillis moderatisque iudiciis, perspido, quantum in agendo 
difficultatis et quantum laboris sit habitura. 

Was nun den ersten Punkt anlangt (4, 9) „Corrupisse dicitur A, Cluentius iudicium 
peeunia, quo inimicum suum innocentem, Statium Albium, condemnaret,^ so kündigt Cicero 
an: Ostendam, iudices, primum, quoniam caput illius airocitatis atque invidiae fuit inno- 
centem pecunia drcumventum, neminem unquam maioribus criminibus gravioribus testibus 
esse in iudicium vocatum; deinde ea de eo praeiudicia esse facta ab ipsis iudicibus, a quibus 
condemnatus est, Ut non modo ah isdem, sed ne ab aliis quidem ullis ahsoivi ullo modo 
passet. Cum haec docuero, tum illud ostendam, quod maxime requiri intellego, iudicium 
illud pecunia esse temptatum non a Cluentio. sed contra Cluentium, Die Widerlegung der 
Bestechung reicht bis 58, 160. Die Anschuldigung, dass Cluentius seinen Stiefvater ver- 
giftete, sucht Cicero zu widerlegen 61, 169 bis zum Epilog. 

Streitfrage ist, ob Cluentius lediglich des Giftmordes oder des Giftmordes und der 
Richterbestechung, durch welche die Verurteilung des Oppianicus herbeigeführt wurde, an- 
geklagt war. Die Entscheidung hängt davon ab, ob durch die lex Cornelia nicht bloss 
Amtspersonen, sondern auch F^vatpersonen getroffen wurden, welche die Ursache waren, 
dass jemand widerrechtlich zu einer Kapitalstrafe verurteilt wurde. Bardt sucht den Nach- 
weis zu liefern, dass Cluentius nur wegen Giftmords angeklagt war. Der Nachweis dürfte 
nicht gelungen sein. Die Eruierung des wahren Sachverhalts wird sehr erschwert durch 
die Entstellungen, die der Redner sich zu schulden kommen lässt. Vgl. Quint. 2, 17, 21 
se tenebras offudisse iudicibus in causa Cluenti gloriatus est, 

Oberlieferung: Die besten Handschriften sind der Salisburgensis 84 s. Mona- 
censis 15784 und der Laurentianus 48, 12. Hiezu kommen einzelne Teile im Palimpsestus 
Taurinensis. 

Litteratur: Niemeyeb, Über den Prozess gegen A. Cl„ Kiel 1871. Babdt, Zu 
Ciceros Cluentiana, Neuwied 1878. (Nettleship, Lectures and Essays, London 1885 p. 67.) 

3. Es folgen nun die konsularischen Reden. Die frühesten sind die 
über das Ackergesetz, das der Volkstribun P. Servilius Rullus Ende 
64 V. Chr. beantragt hatte. Dessen Zweck war, Kolonien in Italien zu 
gründen. Es sollte daher für fünf Jahre eine Kommission von 10 Männern wie 
die pontifices von 17 erlosten Tribus erwählt werden; wählbar waren nur 
diejenigen, die sich persönlich gemeldet hatten — diese Bestimmung war 
gegen den abwesenden Pompeius gerichtet. Für die Kommission hatte ein 
Prätor die lex curiata zu beantragen; allein ein NichtZustandekommen der- 
selben sollte die Wirksamkeit der Kommission nicht hemmen. Auch mit 
richterlicher Gewalt war die Kommission bekleidet. Die derselben gestellte 
Aufgabe bestand darin, italisches und besonders ausseritalisches Staats- 
gebiet zu verkaufen, auch Steuerquellen, Beutegelder flüssig zu machen 
und mit dem gewonnenen Geld Ländereien in Italien zu kaufen, um darauf 
Kolonien zu gründen. Expropriation war hiebei ausgeschlossen. Diese 
letzte Bestimmung machte die Durchführung der lex volkswirtschaftlich 



206 Itömiflclie LitteratnrgeBchichte. t. Die 2eit der Republik, d. Periode. 

unmöglich. Gegen diese Anträge sprach Cicero in vier Reden; uns sind 
nur drei erhalten; die erste, deren Anfang verloren gegangen, hielt Cicero 
im Senat beim Antritt seines Konsulats (1. Jan. 63). Die zweite ist an 
das Volk gerichtet, sie ist für uns die Hauptrede. Eine Ergänzung hiezu 
ist die dritte kurze Rede, die gleichfalls an das Volk gehalten wurde; in 
derselben wird die Anschuldigung des Rullus zurückgewiesen, als habe 
Cicero aus Rücksicht für die Besitzer suUanischer Landanweisungen dem 
Gesetz Widerstand entgegengestellt. Cicero zeigt, dass die Sache sich ganz 
anders verhält. Ebenfalls kurz war die verloren gegangene vierte Rede, 
über deren Inhalt Näheres wir nicht wissen. 

Das ganze Gesetz war ein Versuch Caesars und der demokratischen 
Partei, dem Pompeius eine Macht gegenüberzustellen. Dieser Versuch war 
aber keineswegs geschickt eingeleitet; es war daher ein Leichtes für Cicero, 
das Gesetz ad absurdum zu führen. An grossen Übertreibungen und Prah- 
lereien fehlt es auch in diesen Reden nicht; aber geschickt weiss Cicero 
das, was geeignet war, auf die grosse Masse Eindruck zu machen, hervor- 
zuheben. Das Gesetz wurde noch vor der Abstimmung zurückgezogen 
(Plut. Cic. 12). 

Die besten Handschriften sind der Erfnrtensis s. Berolinensis und der Erlangensis 38. 
Hiezu kommen noch die Lesarten, die Pithoeus aus einer Handschrift der edit. Lamb. 1581 
beigeschrieben. Über den Lagom. 9, auf den Zumpt seine Ausgabe basiert hat, vgl. Richter, 
Fleckeis. J. 87, 251 und Schwarz I. c. p. 4; demselben wohnt kein Wert für die Kritik inne. 

Litteratur: Drumann 3, 148. Mohmsen, R. Gesch. 3*, 181. Zumpt in seiner Ausg. 
1861. Lakoe, Rom. Altert. 3, 233. Haenickb, Zu Giceros Reden de lege agraria^ Stettin 
1883; nach einer Darlegung des Inhalts wird besonders p. 12 f. das letzte Ziel des Gesetzes 
ins Auge gefasst Über einzelne Fragen handelt Schwarz, Mise. Philolog., Tüb. 1878 p. 5 — 12. 

4. pro C. Rabirio perduellionis reo. Auf Anregung Caesars wurde 
der Volkstribun T. Labienus veranlasst, eine Klage gegen den Senator C. 
Rabirius anzustellen, weil er im J. 100 bei der aufständischen Bewegung 
den Tribunen L. Appuleius Saturninus erschlagen habe. Der Zweck dieser 
Klage konnte nicht sein, eine vor vielen Jahren geschehene Blutthat zu 
sühnen, sondern er war ein politischer, es sollte dem Senat die Gefahr, 
die mit einem Eingreifen gegen revolutionäre Bewegungen verbunden sei, 
vor Augen gestellt werden; zugleich sollte die Volkssuveränität eclatanten 
Ausdruck finden. Der Kläger drang daher auf Anwendung des uralten 
Perduellionsprozesses, es wurde auch das duumvirialische Hochverratsver- 
fahren durch ein plebiscitum beschlossen, allein auf Ciceros Betreiben in 
wesentlich gemilderter Form. Babirius wurde von den Duumviri C. und 
Lucius Caesar verurteilt. Gegen dieses Urteil ergriff C. Babirius die Pro- 
vokation an das Volk, allein die Verhandlung wurde gestört und kam nicht 
zum Abschluss. T. Labienus leitete nun das Multverfahren gegen C. Ra- 
birius ein. Die Rede, die uns nur unvollständig erhalten ist — es ist 
in der Mitte ein Blatt ausgefallen, auch ist der Schluss lückenhaft — 
bezieht sich auf diesen Multprozess, nicht auf das Perduellionsverfahren. 

Über den Prozess sind die Hauptstellen Dio Cass. 37, 27 (p. 141 Bekk.) imoy^al re 
oxv taQu^toSsig xal tpiXovHxlM d<p kxatiqoty nsQl te rov dixaarr^Qiov, rtSy fxkv ontog fitj 
avya^&p, ttoy da l'ya xa&iCij^p dixMovyftoy, xal ineidtj tovto M re toy Kaiaaga xal di 
äXXovg riyds iylxfjae, negl ys trjg xqiüBtaq av^g avyißTjaay . xal ^y ytxQ avrog ixetyog uerd 
tov KalaaQog tov Aovxlov dixdCfoy (ov ytcQ d'fhag^ aiXd to diq XeyofAeyoy itBQdoveXXitoyog 
6 'Paßi^iog ixQL&tj), xaxB^fnjtplüttvro avtov, xaitoi fÄtj n^g tov dijfiov xau< td ndxQia, dXkd 



Ciceros Reden. 207 

TtQOi nviov Tov atQtariyov ovx Üoy «[Qe&eyreg . xtel itpijxc fiey 6 'Paßigiog, 7i«Vroif d' uy 
xnl naQic xt^ ^f*^ iä'Ato, ei f^ij 6 MetcXXog 6 KiXcQ oitayt^Fitjs re (oy xai atQurr^yttiy eVe- 
nodmey • ineidij yaq ovte äXXtog inBL&oyro ol, ovS'* öii naqic nl yeyofÄUJfie'ya ij xQiatg iys- 
yoysi iye&vfxovytOy «yädgafiey ig to ^layixovXoy, nQiy xai ortovy Cfpag \f/tj(fiaaa&€a, xal ro 
atjficToy ro arQantoTixdy xareaTiaasy, diatf firjd^y h* avroig i^eiytti Stayytäyai — ovrcu f^iky 
Stj tote rj tB ixxXijaia xa&aiQe&et^og tov atjfÄsiov dieXv&rj xai 6 'PaßiQiog iaui&fj * i^ijy fxky 
yag tt^ Aaßirjyta xal av&ig dixaaaa&ai, ov fiitnoi xal inoifjaey avto. Suet. Jul. 12 »ub- 
ornavit etiam (Caesar) qui Gaio Rahirio perduellianis diem diceretj quo praeciptw adiutore 
aliquot ante annos Luci Saturnini seditio»um tribunatum senatus coercuerat, ac sorte iudex 
in reum ductus tarn cupide condemnavitf ut ad populum protocanti nihil aeque ac iudicis 
acerhitas profuerit. 

Wie die Klage verlaufen, ist vielfach strittig. Besonders schwierig ist die Fest- 
stellung des Sinns der Worte 8,10 de perduellionis iudicio, quod a me suhlatum esse 
criminari soles, meum crimen est, non Rahiri, Dass unsere Rede sich auf einen Mult- 
prozess bezieht, legte zuerst Niebuhr M, T. Ciceronis orationum pro M. Fonteio et pro 
C, Rahirio fragmenta — edita a Niebuhrio, Rom 1820 p. 69 dar. Die Stelle, auf die er 
sich stützte, ist 3, 8 nam quid ego ad id longam orationem comparem, quod est in eadem 
multae irrogatione praescriptum, h unc nee suae nee alienae pudicitiae pepercisse ? Über 
den Prozess vgl. Mommsen, R. Gesch. 3®, 169. Madvio, R. Verfassung 2, 304. Die übrige 
reiche Litteratur ist zusammengestellt bei Putsche, Über das genus iudicii der Rede Ciceros 
pro C. R., Jena 1881 p. 3. (Lallier, Revue historiqne 12, 257: Wirz, Fleckeis. J. 119, 177; 
ScHifBiDRR, Der Prozess des C. R., Zflrich 1889.) 

Überlieferung: Die Textkritik ruht mit Ausnahme von Fragmenten des Schlusses, 
die wir zwei vatikanischen Palimpsesten verdanken, auf jüngeren Handschriften, z. B. dem 
Salisburgensis 34 s. Monacensis 15734. Die Worte „perduellionis reo^ in der Überschrift 
müssen, wenn die Rede eine Multklage betraf, späterer Zusatz sein. 

5. Catilinarischc Reden. Die eatilinarische Verschwörung gab 
Cicero Anlass zu vier Reden. Die erste hielt er am 8. November 63 im 
Senat. Das merkwürdige Ziel, das Cicero mit dieser Rede verfolgte, ist, 
den Catilina zu bestimmen, aus der Stadt hinauszugehen und seine An- 
hänger mitzunehmen. Das erste that Catilina und würde es wahrschein- 
lich auch ohne die Rede Ciceros gethan haben, allein das Zweite geschah 
nicht. Dem naheliegenden Einwand, dass es doch viel einfacher gewesen 
wäre, Catilina unschädlich zu machen, begegnet Cicero mit der Ausrede, 
er wolle zusehen, bis auch der grösste Bösewicht die Schuld Catilinas nicht 
mehr bezweifeln könne. Catilina verliess in der Nacht vom 8. 9. November 
die Stadt und begab sich zur Revolutionsarmee nach Etrurien. Am 9. No- 
vember zeigt dies Cicero in der zweiten Rede dem Volke an. Jetzt, führt 
er aus, sei Catilina aus seinem Hinterhalt zu offenem Vorgehen gedrängt 
worden (1, 1). Allein — nun kam die Hiobspost — die Anhänger Cati- 
linas seien in der Stadt zurückgeblieben. An diese erlässt nun Cicero 
seinen Warnungsruf ergehen, der natürlich in diesem Fall, wo nur Thaten 
der Entschlossenheit am Platz waren, nichts nützen konnte. Es trat nun 
ein anderes Ereignis ein, welches einen handgreiflichen Beweis der Ver- 
schwörung Cicero in die Hände spielte. Die Verschworenen hatten näm- 
lich mit den Gesandten der Allobroger, welche nach Rom gekommen waren, 
um sich über die Bedrückungen ihres Landes durch die Wucherer zu be- 
schweren, Verbindungen angeknüpft; sie hofften sich die Hilfsquellen dieses 
Volkes zu sichern. Die Allobroger waren anfangs schwankend, allein 
längere Überlegung hielt sie doch ab, sich in das gefahrvolle Unternehmen 
einzulassen. Sie teilten die Sache ihrem Patron mit, der schleunigst 
Cicero Nachricht gab. Um Beweismittel zu erhalten, bestimmte Cicero 
die Gesandten, sich von den Verschworenen Schriftstücke geben zu lassen, 
die sie ihrem Volke vorlegen konnten. Die Gesandten thaten dies. Es 



208 BOmiBche Litteraturgeschichie. t. Die 2eit der Republik. 2. Periode. 

wurde nun verabredet, dass die Allobroger auf der Heimreise von Regie- 
rungstruppen angehalten und ihnen bei dieser Gelegenheit die Briefschaften 
abgenommen werden sollten. Auch dies geschah. Cicero berief sofort am 
3. Dezember den Senat, es wurden die Verschworenen vorgerufen. Auf 
Grund der aufgefangenen Briefschaften wurden sie überführt und Senatoren 
zur Verwahrung übergeben. Für die glückliche Errettung aus der Gefahr 
wurde ein Dankfest beschlossen. Die Senatssitzung hatte bis zum Abend 
gedauert; sofort teilte Cicero den Verlauf der Verhandlungen in der drit- 
ten Rede dem Volke mit. Am 5. Dezember wurde über das Schicksal 
der überführten Verschworenen verhandelt. Es machten sich zwei An- 
sichten geltend, die eine drang auf Todesstrafe, die andere von Caesar 
vertretene führte aus, dass dies verfassungswidrig sei, und drang auf 
lebenslängliche Internierung der Schuldigen in den Munizipien und Ein- 
ziehung ihres Vermögens. Die Rede Caesars machte gewaltigen Eindruck, 
die Senatoren wurden schwankend. Da ergriff Cicero das Wort — es ist 
dies die vierte Rede — und obwohl er den referierenden Standpunkt 
einnahm, Hess er doch deutlich merken, dass er für die Todesstrafe sei; 
er führt daher den Gedanken aus, es sei die Macht vorhanden, den Be- 
schluss des Senats durchzuführen. Man sieht deutlich die Angst des Kon- 
suls, irgend eine Verantwortung in der Sache zu übernehmen. Dass solche 
Worte keinen Eindruck machen konnten, ist zweifellos. Erst die leiden- 
schaftliche Rede Catos hat über das Geschick der Verschworenen ent- 
schieden; die Hinrichtung ward beschlossen und von Cicero vollzogen. 

Die vier Reden wurden aus dem Stegreif gehalten. Die Aufzeichnung konnte also 
erst später erfolgt sein. Im Jahre 60 hatte sie Atticus, wie aus der p. 209 angeführten 
Stelle nervorgeht (ad Att. 2, 1,3) noch nicht gelesen; damals wurde das Corpus der konsu- 
larischen Reden zusammengestellt. Wenn nun auch Cicero noch manches von den extem- 
porierten Reden im Gedächiiiis hatte, so mussten doch die später geschriebenen Reden vielfach 
anders werden als die von der Macht des Augenblicks getragenen. Manches wurde jetzt 
gesagt, das nicht mehr völlig in die damalige Situation passte. Auch die rhetorischen Aus- 
schmückungen werden erst jetzt hinzugekommen sein. Am deutlichsten sieht man dies 
aus der vierten Rede, die für ein Referat viel zu lang ist. Vgl. Madvio, opusc. acad,, 
Eopenh. 1887 p. 680. Halm, Einl. zu den cat. Reden p. 26 Anm. 94. (John p. 653.) 

Bezüglich des Tags der ersten Rede wurden Zweifel angeregt, indem sich mehrere 
Gelehrte für den 7. Nov. aussprachen. Allein John stellt ausser Zweifel, dass die erste 
Rede am 8. Nov. (wie die zweite am 9.) gehalten wurde. Vgl. Philol. 46, 650, wo p. 650 
die übrige Litteratur verzeichnet ist. 

Merkwürdig sind die Verdächtigungen, denen diese Reden längere Zeit ausgesetzt 
waren. Den Anstoss gab F. A. Wolf, indem er bald die dritte, bald unbestimmt- aU<>r(iw 
ex mediis duabus für verdächtig erklärte. Es entstand nun ein wahrer Wettkampf, die 
catilinarischen Reden eine nach der andern für unecht zu erklären. Zuerst wurde die 
zweite von Cludius verdächtigt (1826). Dann kam die vierte an die Reihe, gegen welche 
ZiMMEBMANN (1829) Und Ahrens (1832) zu Felde zogen. Der letztere hatte im Vorbeigehen 
auch die dritte mit einem Verdammungsurteil gestreift. Alle drei auf einmal athetierte 
Orelli (1836). Es war noch die erste Rede übrig; diese erfuhr ihre Verdammung durch 
MoRSTADT (1842), dann durch die Holländer Bake und Rinkes (1856). Heutzutage bezweifelt 
niemand mehr die Echtheit jener Reden. (Madvio, Opusc, Kopenh. 1887 p. 671.) 

Überlieferung: Aus den zahlreichen Handschriften ragt hervor Mediceus 45, 2 
s. XIV „paene nulla in eo inveniuntur liceniiae corrigentis vestigia et vitia nee numero nee 
genere cum ceteris sunt comparanda,** Müller, Ausg. p. LXIV. (Lehmann, Hermes 14, 625 ) 

Litteratur: Cludius, De authentia II ar. CatiHnariae, Gumbinnen 1826, dann in 
Seebodbs Archiv 2, 47. Ahrens, ober die vierte Catilinaria, Programme, Koburg 1832 — 1837. 
Orelli, Orot, selectae p. 176. Morstadt, Ober Ciceros catilinarische Reden, Progr., 
Schaffhausen 1842 und 1844. Rinkes, Disputatio de oratione I in Catilin. a Cicerone ah- 
fudicanda, Leyden 1856. — Schutzschriften: Schnitzer, Qtutest, Ciceranianae, Progr., 



Cicero« Reden. 209 

Aarau 1836, Heilbronn 1837. Kolsteb, DisseH, qua ar, IV in Cot. non esse a Cic, ahiudi- 
eandatn demanstratur, Meldorf 1839. Orot. I in Catilinam, Rec. et a M. Cicerone male 
cUntidicari demonstravit Boot, Amsterd. 1857. Epkeica, Epistola eritica de oratione I in 
Catilinam fmatra a Cicerone abiudicata, Amsterd. 1857. Fbanke, Joh. Bakium orationem I 
in Catüin. a Cicerone male abittdicasse demonstrat, Sagan 1863. 

6) pro L. Murena. Für das Jahr 62 waren als Bewerber um das 
Konsulat aufgetreten L. Sergius Gatilina, D. Junius Silanus und Ser. Sid- 
picius Rufus. Gewählt wurden D. Silanus und L. Murena. Erbittert über 
diese Niederlage suchte Sulpicius Rufus, der berühmte Jurist, die Wahl 
Murenas zu annullieren, indem er im November 63 gegen Murena eine 
Klage wegen Amtserschleichung (ambitus) einbrachte. Seine Klage unter- 
stützten M. Porcius Cato, ferner Postumus und ein jüngerer Ser. Sulpicius 
(26, 54). Verteidigt wurde Murena von Q. Hortensius, M. Crassus und Cicero 
(4, 10). Wie gewöhnlich, wenn mehrere Redner zusanmienwirkten, sprach 
Cicero an letzter Stelle. Seine Rede gliedert er in drei Teile (5, 11); zuerst 
sucht er die Unbescholtenheit des Wandels seines Klienten darzuthun (5, 11 
bis 7,15); dann bespricht er die Würdigkeit Murenas, indem er besonders 
die Wirksamkeit Murenas und Sulpicius' miteinander vergleicht und zu 
dem Ergebnis kommt, dass die militärische Tüchtigkeit höher stehe als 
die juristische (7, 15 — 26, 54); im letzten Teil kommt er auf den eigentlichen 
Gegenstand der Klage, den ambitus. Hier bestand aber für Cicero eine 
Klippe insofern, als die Klage auf Orund einer lex, welche Ciceros Namen 
trug (Lex Tulliana de ambitu), erfolgte. Er beantwortete zuerst die An- 
klagen des Postumus und des jungen Ser. Sulpicius; allein diese Partie 
liegt in der vorliegenden Rede nicht ausgearbeitet vor; sie war lediglich 
Gegenstand der mündlichen Ausführung, wir lesen (27, 57) bloss die Worte 
De Postumi criminibus. De Servil adulescentis. Der Schluss beschäftigt sich 
mit den Anschuldigungen Catos. Hier wird besonders ein Gedanke ge- 
schickt durchgeführt, dass es in einer so gefahrvollen Zeit — Catilina hatte 
sich bereits nach Etrurien begeben — unverantwortlich sei, den einen 
militärisch erprobten Konsul zu beseitigen und die Aufregungen eines neuen 
Wahlkampfs heraufzubeschwören (39, 85). — Die Rede gehört zu den besten 
Reden Ciceros, sie leidet nicht an besonderen Übertreibungen, sie zeigt 
das rednerische Geschick ihres Verfassers und stimmt den Leser heiter 
durch die Witzeleien, die gegen die Jurisprudenz mit Rücksicht auf den 
Ankläger vorgebracht werden; interessant sind auch die Ausführungen 
gegen den Stoicismus Catos. Murena wurde freigesprochen. 

Die Disposition der Rede (GRUiatE, or. pro Mur. dispositio, Grera 1887) gibt 5, 11: 
inteUego tris totius acctisationis partis fuisse et earum unam in reprehensione vitae, alteram 
in contentione dignitatis, tertiam in criminibus amhitus esse rersatam. Über den Ausgang 
vgl. Quint. 6, 1, 34 sie habenda est auctoritatis ratio, ne sit invisa securitas. Fuit qtiondam 
inter haec omnia potentissimum, quo L. Murenam Cicero accusantibus clarissimis mris 
eripuisse praecipue videtur persuasitque nihil esse ad praesentem rerum statum utilius 
quam pridie Kalendas Januarias esse in re p, duos consules. 

Die Oberlieferung der Rede ist eine sehr schlechte, alle Handschriften gehen 
auf das Exemplar zurück, welches Poggio zu Anfang des 15. Jahrh. nach Italien brachte. 
Eine verhältnism&ssig gute Kopie ist eine Wolfenbüttler Handschrift nr. 205 s. XV. Halm, 
Die Huidschriften zu Ciceros Rede pro M., Sitzungsber. der Münchner Akad. 1861 1, 437. 
C. Fbanckbn, Mnemos. 5 (1877) p. 295. 

Das Corpus der konsularischen Reden. Im Jahre 60 schreibt Cicero an 
Atticus (2, 1, 3) fuit mihi commodum — curare, ut meae quoque essent orationes, quae con- 
BAndbucb der klau. Aliertmnswiweiiseluift Vni. 14 



210 Römische Litteraturgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

sulares nominarentur. Quarum una est in senatu Kai, Jan.; altera ad popidum de lege 
agraria; tertia de Othone; qtiaria pro Rabirio; quinta de proscriptorum filiis; sexta, cum 
provinciam in concione deposui; aeptima, cum Catilinam emisi; octava, quam hahui ad 
populum postridie, quam Catilina profugit; nona in concione, quo die ÄUobroges f invocarunt; 
deeima in senatu, Nonis Decembr, Sunt praeterea duae hreves quasi dnoanattfjidxta legis 
agrariae. Hoc totum atofiu curabo ut habeas, et quoniam te cum scripta tum res meae 
delectant, iisdem ex libris perspicies et quae gesserim^et quae dixerim: auf ne poposcisses; 
ego enim tibi me non offerebam. Es fehlt die Rede pro Murena. 

7) pro P. Cornelio Sulla. Gehalten im J. 62. In dieser Rede 
handelt es sich um die Verteidigung eines der Teilnahme an der catilina- 
rischen Verschwörung Angeschuldigten. Die Klage ging von L. Manlius 
Torquatus aus, demselben, dem Cicero in dem Werk de finibus bonorum 
et malorum bei der Darlegung der epicureischen Philosophie die Hauptrolle 
zuteilt. Unterstützt wurde er in seiner Klage von dem Sohn des Ritters 
C. Cornelius (18, 51). P. Sulla war mit ]J. Autronius Paetus zum Konsul 
für das Jahr 65 gewählt worden; aber er wurde von unserm L. Torquatus 
wegen ambüus erfolgreich angeklagt und verlor damit das Konsulat; nicht 
besser ging es dem P. Autronius (17,49). Nun hätten, behauptet die An- 
klage, beide sich mit anderen, darunter Catilina, verschworen, am 1. Jan. 
65 die beiden Konsuln und Senatoren zu ermorden. Es ist die sogenannte 
erste Verschwörung. Weiterhin legt ihm die Anklage auch Förderung der 
zweiten sog. catilinarischen Verschwörung zur Last. Die Verteidigung des 
Angeklagten führten Hortensius und Cicero und zwar teilten sie sich so 
in ihre Aufgabe, dass Hortensius die erste Verschwörung, Cicero die zweite 
behandelte. Dass es ungemein auffallen musste, dass Cicero eine solche 
Verteidigung übernahm, ist klar; und der Ankläger beutete dieses Moment 
ganz besonders aus. Cicero musste daher, wenn seine Verteidigung wirk- 
sam sein sollte, ganz besonders den Oedanken vorkehren, dass, wenn ihm 
nicht die Unschuld seines Klienten feststände, er Sulla nicht verteidigt 
haben würde, und er that dies im ersten Teil seiner Rede (1, 1 — 12, 35); im 
zweiten Teil geht er endlich zur Widerlegung der Anklagepunkte, soweit 
sie die Förderung der zweiten catilinarischen Verschwörung betreffen, über, 
allein er verfügt hier nicht über viel entlastendes Material; er sucht daher 
besonders aus einer Vergleichung des Lebens des Sulla mit dem der anderen 
Revolutionäre die Unmöglichkeit der Annahme, dass sich Sulla an der Ver- 
schwörung beteiligt, darzuthun. Sulla wurde freigesprochen. 

Die Rede hinterlässt keinen befriedigenden Eindruck beim Leser, weil 
er des Gefühls nicht los werden kann, dass eine ungerechte Sache ver- 
teidigt wird und die Verlegenheit des Redners klar hervortritt. 

Nach welcher lex die Klage erfolgte, ob nach der lex Plautia de pi v. J. 89 oder 
nach der lex Lutatia v. J. 78, ist strittig; vgl. Halm-Laubmaiw zu 33, 92. Die Anklage ist 
kurz zusammengefasst 4, 11 duae coniurationes abs te, Torquate, constituuntur, una, quae 
Lepido et Volcacio consuUbus, patre tuo consule designaio, facta esse dicitur, altera, quae 
me consule; harum in utraque SuUam dicis fuisse. Über seinen Anteil an der Verteidigung 
spricht sich der Redner 4, 13 und 5, 14 aus: mei consulatus autem tempus et crimen maxi- 
mae coniurationis a me defendetur, — Et quoniam de criminibus superioris coniurationis 
Uortensium diligenter audistis, de hoc coniuratione, quae me consule facta est, hoc primum 
attendite. Was Cicero zur Übernahme dieser seinen Ruf schädigenden Verteidigung ver- 
anlasste, lässt sich nicht mit voller Sicherheit sagen. Ein vielleicht hieher gehöriges Mo- 
ment berichtet uns Gell. 12, 12; cum (Cicero) emere vellet in PakUio domum et pecuniam 
in praesens non haberet, a P, Sulla, qui tum reus erat, mutua sestertium viciens tacite ac- 
cepit. Die Freisprechung Sullas ergibt sich aus den Notizen über sein späteres Leben. 



Cicero« Beden. 2ll 

Überlieferung: Haupthandschrifteu sind der Tegernseensis s. Monacensis 18787 
und der Palatinus-Vaticanus 1525, der aber nur die Rede bis zu 15, 48 metninisse enthält. 
Halm bevorzugt den Tegernseensis, Mt^LLEB den Vaticanus. 

8) proArchia aus dem Jahre 62. Der Dichter Archias aus Antiochia 
in Syrien kam im J. 102 nach Bom; hier kam er mit der Familie der 
Luculler in nähere Beziehungen. Er begleitete später den M. Lucullus 
nach Sicilien; auf der Rückreise erhielt er in Heraclea das Bürgerrecht, 
wohl auf Fürsprache des Lucullus hin. Durch die lex Plauiia Papiria des 
J. 89^) wurde bestimmt, dass alle Nichtitaliker, die in italischen Städten 
das Bürgerrecht erlangt hätten, zugleich des römischen Bürgerrechts teil- 
haftig werden sollten, vorausgesetzt, dass sie zur Zeit, als das Gesetz er- 
lassen wurde, in Italien sich aufhielten und innerhalb 60 Tage bei einem 
Prätor sich anmeldeten (4, 7). Auf Orund dieses Gesetzes meldete sich 
Archias, der ja schon längere Zeit in Italien gelebt hatte, beim Prätor 
Q. Metellus Pius. Dieses auf solche Weise erlangte Bürgerrecht des Ar- 
chias focht ein sonst nicht näher bekannter Gratius nach der lex Papia 
V. J. 65, welche gegen die Erschleichung des Bürgerrechts gerichtet war, 
an, besonders den Umstand benutzend, dass Archias niemals in die Gensus- 
listen eingetragen war (5, 11). Die Verteidigung des Archias übernahm 
Cicero, der Dichter war ja daran, ein Gedicht*) über sein Konsulat zu 
schreiben. Die Rede berührt die Rechtsfrage nur wenig (2,3—6,12); der 
übrige Teil der Rede enthält einen Panegyrikus auf die Poesie und die 
Wissenschaften, durch welche Archias unter allen Umständen ein Anrecht 
auf das römische Bürgerrecht erhalte. Diese Deklamationen gaben Ver- 
anlassung, die Rede für unecht zu erklären, was gänzlich unbegründet ist. 

Die Klage erfolgte vor dem Prätor Q. Cicero, dem Bruder des Redners. Vgl. schol. 
Bob. p. 354 Or. hanc causam lege Papia de civitate Romana aput Quintum Ciceronem dixit 
Archias huius M. Tullü fratrem. Die ünechtheit der Rede suchten darzuthun Sohroeter 
(M. C. B.) in seiner Ausgabe, Leipz. 1818. Bubchnbr, commentatio qua M. Tullium Cice- 
ronem orationis pro Archia auctorem non esse demonstratur, Schwerin 1839 und 1841. Treff- 
liche Gegenschrift von LAmtANN, Ciceronem orationis pro Archia revera esse auctorem 
demonstraturf Gott. 1847. Richtig urteilt Tacit. dial. 37 nee Ciceronem magnum oratorem 
P. Quintius defensus aut Lieinius Archias faciunt, 

Überlieferung: Der beste Codex ist der Gemblacensis s. Bruxellensis 5352 s. XI/XU. 

9. pro L. Flacco aus dem J. 59. L. Valerius Flaccus war Prätor 
unter dem Konsulat Ciceros; er unterstützte Cicero bei der Unterdrückung 
der catilinarischen Verschwörung und führte den verabredeten Überfall 
gegen die allobrogischen Gesandten aus. Im J. 62 verwaltete er die Pro- 
vinz Asia. -In seiner Verwaltung Hess er sich grosse Erpressungen zu 
schulden kommen. Deshalb strengten die Provinzialen eine Repetunden- 
klage gegen ihn an. Sie wurden vertreten von D. Laelius, der, um Be- 
weise gegen Flaccus zu sammeln, selbst die Provinz Asia durchreiste. 
Die Verteidigung führte Hortensius und Cicero, der nach Hortensius sprach 
(17, 41; 23, 54), Aus der Rede gewinnen wir den Eindruck, dass die An- 
klagen nicht zu widerlegen waren. Der Redner muss daher sein Haupt- 
bestreben darnach richten, die Zeugen zu verdächtigen. So stellt er die 
Griechen überhaupt als unzuverlässig hin, auch die Juden werden hart 



*) oder Ende 90; vgl. Momicren, Rom. I *) Das Gedicht wurde nicht vollendet; 

Gesch. 2«, 238 Anm. j vgl. Cic. Attic. 1, 16, 15. 

14* 



212 Ri^miflohp LitieratnrgeBoliichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

behandelt (28, 66). Nachdem die öffentlichen Erpressungen behandelt sind, 
schreitet der Redner zu der Widerlegung der von römischen Bürgern vor- 
gebrachten Beschwerden. Zum Schluss sucht er die Richter dadurch für 
seinen Klienten günstig zu stimmen, dass er auf die Folgen der Verur- 
teilung aufmerksam macht, an die Verdienste des Flaccus bei der catili- 
narischen Verschwörung erinnert u. s. w. L. Flaccus wurde freigesprochen. 

Über des Hortensius' Rede sagt Cic. ad Att. 2, 25, 1 At Hortalus, qxiam plena manu, 
quam ingenue, quam ornate nostras laudes in astra »ustulit, cum de Flacci praetura et de 
illo tempore Äüchrogum diceret! Sic habet Oy nee amantius nee hanorificentius nee capioHus 
patuisse dici. 

Für die Gliederung vgl. 12, 27 etenim iam universa istorum cognita cupiditcUe ac- 
cedam ad singulas querellas criminationesque Grraecarum, 29, 70 veniamus iam ad civium 
Romanarum querellas» 37, 94 Sed quid ego de epiatulis Falcidi aut de Androne Sextüio 
aut de Deciani censu tam diu disputOy de salute omnium nostrum, de fortunis civitatis, de 
summa re publica taceo? 

Die Freisprechung des Flaccus erhellt aus Macrob. 2, 1, 13 pro L, Flacco, quem re- 
petundarum reum ioci opportunitate de manifestissimis criminibus exemit; is iocus in ora* 
tione non extat: mihi ex libro Furii Bihacuti notus est et inter alia eius dicta celehratur. 

Überlieferung: Die Rede hat nach dem Eingang eine Lücke. Zur Ausfüllung 
derselben dienen die scholia Bob., dann das fragm. Mediolanense, das zuerst A. Mai heraus- 
gegeben. Massgebende Handschriften sind der Vaticanus (Tabularii Basiiicae) s. VIU/IX, 
welcher aber nur 17, 39 — 23, 54 enthält, dann der Salisburgensis 34 s. Monacensis 15734 
und der Bemensis 254. (Oetliko, Progr. v. Hameln 1872; Momicsen, Hermes 18, 169 über 
820, 21 Tur.) 

143. Dritte Periode der ciceronischen Beredsamkeit (57—52). 
Nachdem Cicero in die Verbannung gegangen war, dauerte es nicht lange 
und es wurden Versuche zu seiner Rtickberufung gemacht. Diese Versuche 
gewannen Aussicht auf Erfolg mit dem J. 57. Von den Konsuln dieses Jahrs 
war P. Lentulus Spinther ihm gewogen, der andere Konsul Q. Metellus 
stand wenigstens von einer Offensive ab. Von den Volkstribunen wirkten 
besonders für ihn P. Sestius und T. Annius Milo. Mehrere Versuche, 
Ciceros Verbannung aufzuheben, scheiterten, namentlich durch das gewalt- 
same Eingreifen des Clodius. Endlich am 4. August 57 kam ein Volks- 
beschluss zu stand, durch den Cicero zurückgerufen wurde. Cicero langte 
am 4. September in Rom an ; gleich am folgenden Tag hielt er eine Rede 
in dem Senat; es ist die 

1. oratio cum senatui gratias egit. In dieser Rede spricht er 
nicht bloss seinen Dank aus, sondern ergeht sich in reichlichen Schmähungen 
gegen die Konsuln Gabinius und Piso, welche in dem entscheidenden Jahr 
eine so feindselige Haltung gegen ihn angenommen hatten; auch recht- 
fertigt er sich, warum er vor Clodius freiwillig das Feld geräumt habe. 
Die Rede ist weder in Komposition noch in Gedanken ein erfreuliches 
Produkt; die Selbstverherrlichungen und die gegen die Gegner geschleu- 
derten Schmähungen stossen den Leser ab. Der Ausdruck ist stark überladen. 

Cic. ad Att. 4, 1 ante diem VI, Idus Sextiles cognovi, cum Brundisii essem, litteris 
Quinti, mirifico studio omnium aetatum atque ordinum, incredibili concursu ItaJiae legem 
comitiis centuricUis esse perlatam, Inde a Brundisinis honestissimis decretis omatus, iter 
ita feci, ut undique ad me cum gratulatione legati convenerint. Ad urhem ita veni, uf 
nemo ullius ordinis homo nomenclaiori notus fuerit, qui mihi obviam non venerit^ praeter 
eos inimicoSy quibus id ipsum, se inimicos esscy non liceret aut dissimulare aut negare. 
Cum venissem ad portam Capenamy gradus templorum ab infima plebe completi erant, a qua 
plausu maximo cum esset mihi gratukUio significata, similis et frequentia et plausus me 
nsque ad Capitolium cehbravity in foroque et in ipso Capitolio miranda multitudo fuit, 
Postridie in senatUy qui füll dies Non, Septembr., senatui gratias egimus. 



Ciceros Reden. 213 

2. Oratio cum populo gratias egit. Diese Rede hat im wesent- 
lichen denselben Inhalt wie die vorige. Auch hier haben wir wiederum 
eine unleidliche Verherrlichung seiner Rückberufung und eine Lobpreisung 
der Personen, welche für ihn thätig waren. Der Wortschwall ist nahezu 
unerträglich. 

3. De domo sua ad pontifices, gehalten am 30. Sept. 57. Ciceros 
Haus war nach seiner Verbannung niedergerissen worden. Clodius liess 
auf dem Platz einen Tempel der Ubei-tas errichten. Um Cicero die Mög- 
lichkeit zu benehmen, je wieder in den Besitz seines Hausplatzes zu ge- 
langen, liess er denselben durch den Bruder seiner Gemahlin, den jungen 
Pontifex L. Pinarius Natta konsekrieren. Durch diese Konsekration wurde 
der Platz der menschlichen Benützung entzogen. Als Cicero zurückgekehrt 
war, wollte er auch diese macula beseitigt wissen. Der Senat verwies die 
Sache an das Pontifikalkollegium, um von demselben feststellen zu lassen, 
ob die Konsekration giltig sei. Cicero sprach selbst vor dem Kollegium 
und suchte zu beweisen, dass Clodius nicht zur Konsekration befugt war, 
dann dass auch bezüglich des Objektes der Konsekration Bedenken be- 
stünden, endlich dass auch die Form der Konsekration nicht die richtige 
war. Das Kollegium entschied, wenn der Konsekrierende nicht namentlich 
zu dem Akt durch Volksbeschluss ermächtigt war, so stünden keine reli- 
giösen Rücksichten im Weg, den Hausplatz Cicero zurückzugeben. In 
diesem Sinn entschied auch der Senat. 

Cic. ep. 14,2,3 Quod de domo scribis, hoc est, de area: eyo vero tum denique mihi 
videhor restitutuSf si illa nohis erit restituta. ad Attic. 4, 2, 2 secuta est summa contentio 
de domo (nämlich im Senat am 1. Okt.): diocimus apud pontifices pridie Kai. Octobres, 
Acta res est accurate a nobis — itaque oratio iuvetUuti nostrae deheri non potest; quam 
tibif etiamsi non desideras, tarnen mittam cito. Cum pontifices decressent ita, SI NEQUE 
POPULI lUSSU NEQUE PLEB IS SCITU IS, QUI SE DEDICASSE DICERET, NOMI- 
NATIM EI REI PRAEFECTUS ESSET, NEQUE POPULI lUSSU AUT PLEBIS 
SCITU ID FACERE lUSSUS ESSET, VIDERI POSSE SINE RELIGIONE EAM 
PARTEM AREAE MIHI RESTITUI, mihi facta statim est gratutatio — nemo enim dubi- 
tabat, quin domus nobis esset adiudicata. Über die Schwierigkeiten, die Clodius und ein 
Tribun machten, gibt derselbe Brief interessante Aufschlüsse; doch tags darauf (2. Okt.) 
kam der Senatsbeschluss zu stände, durch den jene consecratio aufgehoben wurde. 

In der Rede berührt Cicero 2,1—12,31 zuerst einen Gegenstand extra causam; 
Clodius hatte nämlich Angriffe gegen Cicero gerichtet, weil dieser wesentlich mitgeholfen 
hatte, dass dem Pompeius das Getreide wesen übertragen wurde. Cicero entschuliUgt sein 
Verfahren mit den Worten 12, 32 inteUego, pontifices, me ptura extra causam dixisse quam 
aut opinio tulerit aut voluntas mea — sed hoc compensabo brevitate eius orationis, quae 
pertinet ad ipsam causam cognitionemque restram; quae cum sit in ius religionis et in ius 
reipublicae distribtäa, religionis partem, quae muUo est verbosior, praetermittam, de iure 
reipubJicae dicam. Den Gang der Rede deuten die Worte an, welche zum letzten Teil 
hin überleiten (54, 138) : ac si, pontifices, neque is, cui licuit, neque id, quod fas fuit, dedi- 
cavit, quid me attinet iam illud tertium, quod proposueram, docere, non iis institutis ac 
verbis, quibus caerimoniae postulant, dedicasse ? Dixi a principio nihil me de scientia vestra, 
nihil de sacris, nihil de apscondito pontificum iure dicturum. Quae sunt adhuc a me de iure 
dedicandi disputata, non sunt quaeMta ex occulto aliquo genere litterarum, sed sumpta de 
media, ex rebus palam per magistratus actis ad collegiumque delatis, ex senatus consuUo, 
ex lege. 

4. De haruspicum response. Im Jahre 56 unter dem Konsulat 
des Cn. Lentulus Marcellinus und L. Philippus wurde auf dem latiniensi- 
schen Feld ein Donnern der Erde vernommen. Die Haruspices wurden 
zu einem Gutachten aufgefordert. Unter anderem enthielt dieses Gutachten 
auch den Satz, dass heilige Orte entweiht wurden. Clodius beutete sofort 



214 fiömische Litteratargeschichie. I. Pie Zeit der Bepnblik. 2. Periode. 

diesen Satz zu neuen Angriffen gegen Cicero aus; er bezog nämlich diese 
Worte auf den Hausbau Ciceros, durch denselben werde ein der Liberias 
konsekrierter Platz entheiligt. Cicero widerlegte im Senat diese Interpre- 
tation und zeigte, dass sich im Gegenteil die einzelnen Passus des Gut- 
achtens der haruspices auf Clodius bezögen. Der Senat entschied offenbar 
gegen Clodius, da Cicero seinen Hausbau fortsetzte (ad Q. fr. 2,4; 2,6). 

Hauptstelle 5, 9 responsum haruspicum hoc recens de fremitu (in agro Latiniettsi 
10, 20) in contione recitavit (Clodius) j in quo cum aliis multia scriptum etiam illud est, id 
quod audistisy LOCA SACRA ET RELIGIOSA PROFANA HABERL In ea causa esse 
dixit domum meam, a religiosissimo sacerdote, P. Clodio, consecratam. 

Der älteste Zeuge fQr diese Rede ist Asconius, der p. 61 E. S. schreibt: in ea autem, 
quam post aliquot annos habuit (Cicero) de aruspicum responso und daraus eine Stelle 
(12,24) citiert. 

Die vier Reden, welche Cicero nach seiner Rückkehr hielt, wurden in Bezug auf 
ihre Echtheit verdächtigt. Die ersten Zweifel regte der Engländer Mabkland an. Sowohl 
in seinem Vaterland als auch in Deutschland wurde er bekämpft, in Deutschland wirksam 
durch M. Gessker in Göttingen. Der Streit ruhte, bis F. A. Wolf durch seine Ausgabe 
der vier Reden von neuem ein Verdammungsurteil gegen die vier Reden aussprach. Der 
Glanz seines Namens verschaffte seiner Ansicht lange Zeit fast unbestrittene Geltung. In 
neuerer Zeit ist man von dem Verdammungsurteil ziemlich allgemein zurückgekonmien. 
Bei der Rede 1, 3 und 4 machen schon die äusseren Zeugnisse der Athetese Schwierig- 
keiten; der zweiten fehlt es zwar an einem solchen, allein auch hier kann die Unechtheit 
nicht mit durchschlagenden Gründen dargethan werden. 

Litteratur: Markland, Remarks on the epistUs of Cicero to Brutus and of Brutus 
to Cicero, — With a Dissertation upon four Orations ascribed to M, Tullius Cicero, By Jer. 
Markland, London 1745. — F. A. Wolf, Ciceronis quae vulgo feruntur IV orationes, Berl. 
1801. M. Lange, De Ciceronis altera post reditum oratione, Leipz. 1875. — Schutzschriften: 
Gessneb, Comm. soc. Gott. 3, 223. Savels, disputatio de vindicandis Cic. quinque orationibus 
(unsere vier Reden und pro Marcello), Köln 1828. Dazu konmit Progr. zu der dritten 
Rede, Essen 1833. Lucas, Quaestionum Tullianarum specimen, Hirschb. 1837. Lahmeteb, 
orationis de harusp, resp. habitae originem Tüll, def., Gott. 1859. Hoffmann, de fide et 
auctoritate orationis Ciceronianae quae inscribitur de haruspicum responso, Burg 1878. 
Rück, De M. T. Ciceronis oratione de domo »uo, München 1881, wo im Eingang noch mehr 
Litteratur verzeichnet ist. 

Überlieferung der 4 Reden: Der beste Codex ist der Parisinus 7794 s. IX; nach 
ihm ist besonders der Gemblacensis s. Bruxellensis 5345 von einiger Bedeutung. (Stock, 
Genäht. Gott. p. 106.) 

5. pro P. Sestio. Unter den Tribunen, welche unter dem Konsulat 
des P. Cornelius Lentulus Spinther und des Q. Metellus Nepos im J. 57 
besonders für die Berufung Ciceros thätig waren, befand sich, wie bereits 
erwähnt, auch P. Sestius. Um die Zurückberufung zu hindern, störte Clodius 
die Versammlungen durch bewaffnete Scharen, die er angeworben hatte. 
Bei einer Verhandlung, deren Gegenstand uns nicht bekannt ist, kam es 
wieder zu einem blutigen Zusammenstoss, bei dem P. Sestius schwer ver- 
wundet wurde (37, 79). Zu seinem Schutz umgab sich jetzt auch Sestius 
mit bewaffneten Rotten, wie dies auch der Volkstribun Milo gethan hatte. 
Auch nach der Rückkehr Ciceros hörten die bewaffneten Zusammenstösse 
nicht auf. Um sich an P. Sestius für dessen Bemühungen um Zm'ück- 
berufung aus dem Exil zu rächen, stiftete Clodius im J. 56 eine Klage gegen 
ihn an de vi auf Grund der lex Plautia, Kläger war M. Tullius Albino- 
vanus, Präsident des Gerichtshofes M. Aemilius Scaurus. Die Klage lautet, 
P. Sestius habe in seinem Volkstribunat durch Anwendung bewaffneter 
Gewalt die Sicherheit des Staates gestört. P. Sestius wurde von mehreren 
Rednern verteidigt, darunter von Q. Hortensius und M. Cicero. Cicero 
hielt die Schlussrede (2, 3). Dadurch bestimmt sich der Charakter der 



CiceroB Baden. 215 

Rede. Sie legt alles Gewicht auf die Darlegung des Lebens des Sestius, 
besonders seines Tribunats. Eine Episode, in der er die Geschichte seiner 
Verbannung erzählt, schaltet er 6,15—32,70 ein. Dann wird der Lebens- 
lauf des Sestius fortgesetzt (bis 44, 96). Daran schliesst sich ein Exkurs, 
das Lob der Optimaten, auch die Geschichte seiner Rückberufung ist hier 
eingeflochten. Endlich folgt die Peroratio (69, 144). Sestius wurde frei- 
gesprochen. 

Als Verteidiger des Sestius führt das Argumentum der scholia Bobiensia p. 292 
Orelli ausser Cicero und Hortensius noch auf M. Crassus, L. Lidnius Calvus. 

Das Elageobjekt berührt kurz Cicero 36, 78 (acctisator) P. Sestium queritur cum 
muUitudine in triburuUu et cum praesidio magno fuisse und 39, 84 homines, inquU (accusator), 
emisH, coSgisti, parcisti. 

Seine R«de charakterisiert Cicero 2, 5 Sed quoniam singulis criminibus ceteri respon- 
derunt, dicam ego de omni statu P. Sesti, de genere vHae, de natura, de^moribus, de in- 
credibili amore in bonos, de studio conservandae salutis communis atque otii contendamque, 
si modo id consequi poiero, ut in hac confusa atque universa defensione nihil ab me, quod 
ad vestram quaestionem, nihil, quod ad reum, nihil, quod ad rempublicam pertineat, praeter^ 
missum esse mdeatur. 

Die erste Episode leiten die Worte ein 6, 15 Sed necesse est, antequam de tribunatu 
P. Sesti dicere incipiam, me totum superioris anni rei publicae naufragium exponere, in 
quo colligendo ac reficienda salüte communi omnia reperientur P. Sesti facta, dicta, cansilia 
versata; den Exkurs am Schluss der Rede 44, 96 Nimirum hoc iUud est, quod de me po- 
tissimum tu in accuscUione quaesisti, quae esset nostra *natio optimatium': sie enim dixisti. 
Rem quaeris praeclaram iuventuti ad discendum nee mihi difficilem ad perdocendum; de 
qua pauca, iudices, dicam: et, ut arbitror, nee ah utilitate eorum, qui audient, nee ah officio 
vestro nee ab ipsa causa P. Sesti abhorrebit oratio mea. (Gbumue, Orat. Sestianae disp,, 
Gera 1885.) 

Den Ausgang des Prozesses schreibt Cicero seinem Bruder (adQ. 2, 4, 1): Sestius 
noster absolutus est a. d. V. Idus Martias et — omnibus sententiis ahsolutus est, 

6. In Vatinium testem interrogatio. In dem Prozess gegen 
Sestius trat als Belastungszeuge P. Yatinius auf. Da die Parteien das 
Recht hatten, die gegnerischen Zeugen zu befragen, so richtete Cicero, 
nachdem Vatinius als Zeuge vernommen war, gegen denselben in der Form 
der Frage eine Flut von Schmähungen. 

Auch diese Rede hatte Erfolg. Cicero schreibt an seinen Bruder (2, 4, 1) : scito hoc 
nos in eo iudicio consecutos esse, ut omnium gratissimi iudicaremur: nam defendendo, 
moroso homini cumulatissime satisfecimtts et — id quod üle maxime cupiebat — Vatinium, 
a quo palam oppugnabatur, arbitratu nostro concidimus, dis hominihusque pfaudentibtis — 
hämo petulans et audax (Vatinius) valde perturbatus debilitatusque discessit. 

Überlieferung: Das kritische Fundament für beide Reden bildet der Parisinus 
7794. Nach 2,4 hat die Rede in Vatinium eine Lücke. 

7. pro M. Caelio, aus dem J. 56. M. Caelius Rufus, den wir als 
Redner oben p. 194 charakterisiert haben und dessen Briefwechsel mit Cicero 
das achte Buch der sog. epistolae familiäres bildet, wurde durch eine Klage 
de vi verfolgt. Der Hauptankläger war L. Sempronius Atratinus, dessen 
Vater von Caelius wegen ambüus angeklagt worden war und gegen den 
Caelius eben wieder gerichtlich vorgehen wollte. Unterstützt wurde er 
von L. Herennius Baibus. Die Anklage, die unter dem Vorsitz des Prätors 
Cn. Domitius Calvinus erfolgte, umfasste fünf Anklagepunkte, nämlich 
1) Caelius habe in Neapel einen Aufstand angezettelt; 2) er habe gewalt- 
sam die Güter der Palla in Besitz genommen; 3) er habe die Gesandten 
des Ptolemaeus misshandelt; 4) er habe sich von der Clodia Geld geben 
lassen, um einen der Gesandten, Dio, zu töten; 5) er habe Clodia zu ver- 
giften versucht. Die Verteidiger Crassus und Cicero teilten sich so in 



216 Römiflohe Litieratiirgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

ihre Aufgabe, dass Grassus zuerst die Anklagepunkte 1 — 3, dann Cicero 
die zwei übrigen, 4 und 5, zu widerlegen versuchte. Ausserdem sprach 
Caelius selbst. Die ciceronische Rede bestreitet zuerst die Anschuldigungen, 
welche sich gegen das Privatleben des Caelius richten, dann geht sie auf 
die eigentliche Klage ein; hier aber wird zuerst Clodia, die frühere Buh- 
lerin des Caelius, die aus Rache, weil er sie verlassen (65,61), die Klage 
angestiftet hatte, mit schwarzen Farben gezeichnet. Die beiden Anklagen 
sucht der Redner zurückzuweisen, indem er auf das Unwahrscheinliche 
aufmerksam macht; dies geschieht besonders durch eine Menge aufgewor- 
fener Fragen, welche Zweifel anregen sollen. Caelius wurde freigesprochen. 
Für das soziale Leben der Zeit bietet die Rede reichen Stoff. 

Das Crimen berührt Cicero am Schloss 29, 70 : De vi quaeritis (iudices), Quae lex 
ad imperiumy ad maiestaiemy ad statutn patriae, ad salutem omnium pertinet, quam legem 
Q. Catultis armata dissensione civium rei puhlicae paene extremis temporibus tulit, quaeque 
hx sedata illa flamma conmUatus mei fumantis reliquias coniuratianis extinxity hacine 
lege Caeli adulescentia non ad rei puhlicae poenas, sed ad mulieris lihidines et delicicis de- 
poscitur? Clodius war also nach der lex Lutatia angeklagt; über das Verhälims dieser lex 
zur lex Plautia bemerkt Fbakcken 1. c. p. 202 neque enim per LxUatiam abrogata erat 
antiquior (Plautia), sed in summo reip. discrimine confirmata, adiectis quibusdam de ardine 
iudicii severiore et breviore. 

Die einzelnen Anschuldigungen 10, 23 partem causae graviter et ornate a M. Crasso 
peraratam de seditionibus Neapolitanis , de Älexandrinorum pulsatione Puteolana, de bonis 
Pallae. VeUem dictum esset ab eodem etiam de Diane, Die zwei der Verteidigung Ciceros 
anheimfallenden crimina berührt die Rede 21, 51 Duo sunt crimina una in midiere sum- 
morum facinorum: auri, quod sumptum a Clodia dicitur, et veneni, quod eiusdem Clodiae 
necandae causa parasse Caelium criminantur, Äurum sumpsit, ut dicitis, quod L, Lucceii 
servis daret, per quos Alexandrinus Dio, qui tum apud Lucceium habitabat, necaretur. 

Die Zeit der Rede bestimmt Franciuen, Mnemos. 8 (1880) p. 201 auf 4. April 56. 

Überlieferung: Einzelne Teile in dem Mailänder und in dem Turiner Palimpsest. 
Dazu Parisinus 7794, Erfurtensis s. Berolinensis, Gemblacensis s. Bruxellensis 5345, Salis- 
burgensis (34) s. Monacensis 15734, Harleianus 4927. (Bahbeks, Revue de philoL 8, 33.) 

8. De provinciis consularibus, eine Senatsrede, gehalten Mai 56. 
Als es sich um Anweisung der Provinzen für die künftigen Konsuln des 
J. 55 nach der lex Sempronia handelte, suchten die Optimaten im Senat 
einen Schlag gegen Caesar zu führen. Es kamen vier Provinzen in Frage, 
die beiden Gallien, dann Macedonien und Syrien. Unter den Vorschlägen 
tauchte auch der auf, Caesar die beiden Gallien oder wenigstens eines zu 
entziehen. Allein dieser Antrag war ganz ungesetzlich, denn Caesar waren 
durch Senats- und Volksbeschluss die gallischen Provinzen bis zum Ablauf 
des J. 54 verliehen. Cicero bekämpfte diesen Vorschlag und sprach sich 
für die Zuweisung der Provinzen Syrien und Macedonien an die künftigen 
Konsuln des J. 55 aus. Dort waren Statthalter Gabinius und Piso, die 
persönlichen Feinde Ciceros, die während ihres Konsulats das meiste zu 
seiner Verbannung beigetragen hatten. Durch die Rede suchte sich Cicero 
Caesar zu nähern. Der Ausgang der Verhandlungen entsprach nicht völlig 
den Vorschlägen Ciceros. Zwar behielt Caesar seine Provinzen; allein 
auch Gabinius blieb noch in Syrien; nur Piso wurde abberufen und seine 
Provinz Macedonien dem Prätor Q. Ancharius überwiesen (55). 

In der Rede spricht Cicero zuerst für die Abberufung des Piso und Gabinius, indem 
er ihre Verwaltung als eine schreckliche darzustellen sucht; dann wendet er sich gegen 
die Abberufung Caesars vgl. 8. 18 Quodsi essent illi (Gabinius et Piso) optimi viri, tamen 
ego mea sententia C. Caesari sucredendum non putarem. Sein Verhältnis zu Caesar kommt 
besonders zur Sprache. (Müller, Einleitung zur Rede, Kattowitz 1886.) 



Ciceros Beden. 217 

Überlieferung: Zur Konstitiüerang des Textes wurden beigezogen der genannte 
Parisinus 7794, der Codex Gemblacensis s. Bruxellensis 5345 und der Codex Erfnrtensis 
s. Berolinensis. 

9. pro L. Cornelio Balbo, aus dem J. 56. L. Cornelius Baibus 
aus Gades erhielt von Cn. Pompeius das römische Bürgerrecht. Pompeius 
war hiezu befugt durch die lex des L. Gellius und Cn. Cornelius; nach ihr 
sollten alle diejenigen römische Bürger sein, denen Pompeius nach dem 
Gutachten seines Kriegsrates das Bürgerrecht verliehen. Als Baibus durch 
seine intimen Beziehungen zu Pompeius und Caesar zu grossem Einfiuss 
gelangte, suchten seine Neider ihn durch Bestreitung seines Bürgerrechts 
zu schädigen; auch wurde mit dieser Klage ein Schlag gegen Pompeius 
und Caesar geführt. Da die Klage nicht bestreiten konnte, dass Baibus 
das Bürgerrecht von Pompeius erhalten, so focht sie die Gültigkeit des- 
selben durch den Einwand an, dass hiezu die Genehmigung der Gaditaner 
als eines verbündeten Volkes notwendig war. Für Baibus trat ein Pom- 
peius, dann Crassus und Cicero. Wie gewöhnlich, so hielt Cicero die 
Schlussrede (1,4; 7,13). Baibus wurde freigesprochen. Für die Erkenntnis 
des römischen Bürgerrechts ist die Rede von grosser Wichtigkeit. 

Klar wird die Substanz der Klage formuliert 8, 19: Naaciturf iudices, causa Corneli 
ex ta lege, quam L, GelHua Cn, Cornelius ex senatus sententia tulerunt; qua lege videmus 
(unsichere Lesart) sanctuniy ut eives Ramani sifU ii, quos Cn, Pompeius de consilii sen- 
tentia singiVatim civitate donaverit. Donatum esse L, Cornelium praesens Pompeius dicity 
indicant publicae tabulaey accusator fatetur, sed negat ex foederato poptdo quemquam potnisse^ 
nisi ispoptUus fundus f actus esset, in hanc civitatem venire, (Hoche, De C, J5., Rossleb. 1882.) 

Überlieferung: Sie beruht auf dem Cod. Parisinus 7794, dem Gemblacensis s. 
Bruxellensis 5345, dem Erfurtensis s. Berolinensis und dem Wolfenbuttelanus. 

10. In Pisonem, eine am Anfang verstümmelte Senatsrede des J. 55. 
In der Rede über die konsularischen Provinzen waren von Cicero seine 
persönlichen Feinde, die Konsuln des J. 58, arg mitgenommen worden. 
Als nun Piso, von seiner Provinz zurückberufen, in Rom angekommen 
war, hielt er im Senat eine Schmährede auf Cicero. Ihm antwortete Cicero 
in der vorliegenden Rede. Auch diese Rede stellt sich als eine grobe 
Invectiva dar; sie ist eine wahre Fundgrube für Schimpf werte. Cicero 
vergleicht darin sein staatsmännisches Leben mit dem Pisos; dort findet 
er nur Licht-, hier nur Schattenseiten. Die Übertreibungen sind ausser- 
ordentlich stark. Unter den Einzelheiten dürfte zu erwähnen sein, dass 
Cicero in dieser Rede bereits den berüchtigten Vers 

cedant arma togae, concedat laurea laudi 

gegen Piso verteidigen muss. 

Über die Abfassungszeit spricht mit kritischem verständigem Urteil Asconius p. 1 E.S., 
er kommt zu dem richtigen Resultat: Haec oratio dicta est Cn. Pompeio Magno II M. 
Crasso II coss, (55 v. Ch.) ante paucos dies quam Cn, Pompeius ludos faceret, quibus thea- 
trum a se factum dedicavit. 

Gegen die Invectiva Ciceros schrieb Piso eine Schrift; der Bruder Ciceros war der 
Ansicht, dass auf dieselbe eine Entgegnung zu erfolgen habe. Cicero lehnt dies ab mit 
den Worten (3, 1, 11): Alterum est, de Calventii Marii (er meint damit Piso) oratione quod 
scribis: miror tibi placere me ad eam rescribere, praesertim cum Wam nemo lecturus sit, 
si ego nihil rescripsero, meam in illum pueri omnes tamquam dictata perdiscant. 

Überlieferung: Die vorzüglichsten Handschriften sind der Turiner Palimpsest, 
durch den wir einzelne Fragmente kennen lernen, und der Codex Yaticanus (tabularii 
Basilicae Vaticanae s. VUI), der 14, 32 tarnen — 30, 74 ratione hoc enthält. Ausserdem die 
Codices deteriores, von denen der beste ist der Cod. Salisburgensis 34 s. Monacensis 15734. 



218 BOmische Litieratargeschichte. I. Di« Zeit der Republik. 8. Periode. 

Zur Ausfüllung der Lücke am Anfang liefert einiges die Handschrift des Nicolaus Cusanus. 
Vgl. Klbin, Die Handschrift des N. Cus., Berl. 1866 p. 49. 

11. pro Cn. Plancio, aus dem J. 54. Im J. 55 bewarb sich Plancius 
um die curulische Ädilität für das J. 54. Allein die unter Crassus abge- 
haltenen Komitien^wurden nicht vollendet (20, 49). Erst im J. 54 wurden 
die Ädilen für den Rest dieses Jahres gewählt; es waren dies A. Plotius 
und Plancius. Mitbewerber war M. Juventius Laterensis, der aber durchfiel. 
Nach der Wahl klagte Laterensis den Cn. Plancius auf Grund der lex 
Licinia de sodaliciis d. J. 55 an, d. h, der Kläger behauptete, Plancius habe 
durch unrechtmässige Beihilfe von Clubs die Wahl zum Ädilis curulis 
durchgesetzt. Die Klage unterstützte L. Cassius Longinus. Um dieselbe 
zu entkräften, zeigt Cicero zuerst, dass der Durchfall bei der Wahl für 
Laterensis nichts Schimpfliches habe, das Volk folge eben seinen Neigungen ; 
dann geht er (15, 36) auf den eigentlichen Klagepunkt über; endlich wendet 
eY sich (24, 58) noch gegen L. Cassius Longinus und verteidigt sich hiebei 
gegen den Vorwurf des Laterensis, dass Cicero die Verteidigung des Plancius 
übernommen habe, und gegen sonstige persönliche AngriiSe. 

Aus Cic. ad Q. fr. 3, 1, 11 Orationes efflagitatas pro Scauro et pro Plancio absoliH ist 
zu schliessen, dass die vorliegende Rede erst später schriftlich ausgearbeitet wurde. 

Über den Klagepunkt 15, 36 sed (üiquando veniamus ad causam. In qua tu nomine 
legis LiciniaCj quae est de sodaliciis, omnis ambitus leges complexus es, 

Überlieferung: Die besten Handschriften der Planciana sind der Tegemseensis 
8. Monacensis 18787 und der Erfurtensis s. Berolinensis. 

12. pro M. Aemilio Scauro. Ln J. 54 wurde M. Aemilius Scaurus, 
der als Proprätor Sardinien (und Corsica) verwaltet hatte, wegen Erpres- 
sungen von P. Valerius Triarius und drei Subskriptoren belangt. Es ge- 
schah dies besonders deswegen, um Scaurus von der Bewerbung um das 
Konsulat zurückzuschrecken, auf Betreiben seiner Mitbewerber. Dem Ge- 
richtshof präsidierte M. Cato ; Scaurus nahm in ungewöhnlicher Weise sechs 
Verteidiger, darunter Hortensius und Cicero. Die vorliegende, nur in Frag- 
menten durch den Ambrosianischen und Turiner Palimpsest erhaltene Rede 
bezieht sich auf eine zweite Verhandlung der Sache (13, 29 14, 30). Aller 
Wahrscheinlichkeit nach sprach Cicero die Schlussrede. Er behandelte 
zuerst die dem Scaurus zugeschriebene Ermordung des Bostar bei einem 
Gastmahl, dann den Tod der Gattin des Aris (der ^später die Mutter des 
Bostar zur Frau nahm). Scaurus habe nämlich die Gattin des Aris zur 
Befriedigung seiner Lust verlangt, Aris sich dessen geweigert und die Flucht 
ergriffen, die Frau aber sich den Tod gegeben. Nachdem der Redner diese 
Anschuldigungen zurückgewiesen, geht er auf die eigentliche Sache ein 
und handelt über die Art und Weise der Anklage, über die sardischen 
Zeugen, über Scaurus; es folgte die Behandlung des crimen frumentarium , 
welche Partie nicht erhalten ist, es schliessen sich Teile der peroratio an. 
Scaurus wurde freigesprochen, allein nicht lange darauf, im J. 52 wurde 
er von demselben Triarius wegen ambitus angeklagt und, obwohl wiederum 
von Cicero verteidigt, verurteilt. 

Die Zeit der Rede ergibt sich aus der firwähnung des Konsulats des Appius Claudius 
Pulcher (13, 31). Vgl. die einleitenden Worte des Kommentars des Asconius p. 16 K.S. 



') Gaumitz p. 266. 



CiceroB Baden. 219 

hanc qtwque orationem eisdem cansulibus dixU, quibus j)ro VaiiniOf L, Domitio Ahenobarbo, 
Appio Claudio Ptdchro coss. Summus iudicii dien fnit a. d. IUI Nonas Septemb. Über 
die Subscriptores Asconius 5,17: Suhseripserunt Triario in Scaurum L. Marius L. f, M. 
et Q, Pacuvii f rat res, cognomine Claudi; als Patroni führt Asconius p. 18 folgende auf: 
P. Clodius Pulcher, M. Marcellus, M. GalidiuB, M. Cicero, M. Messala Niger, Q. Hortensius. 

Die spätere Abfassung dieser Rede wie der Planciana erhellt aus Gic. ad Q. fr. 3, 1, 11. 

Die Disposition des Teiles, der sich auf die causa bezieht, enthalten die Worte 10, 22 
Dicam primum de ipso gener e accusationis, postea de Sardis, tum etiam pauca de Scauro; 
quibus rebus explicatis tum denique ad hoc horribiJe et formidulosum frumentarium crimen 
accedam. Vgl. Gaümitz p. 268, eine übersichtliche ausführliche Disposition gibt er p. 279. 

Von der Rede waren bis 1814 nur wenige Fragmente bekannt; in diesem Jahr teilte 
Mai grössere Bruchstücke aus dem Ambrosianischen Palimpsest, und später Peyron aus 
einem Turiner Palimpsest mit; und zwar ergänzen sich beide Palimpseste; „in partibus 
Ulis quae in Taurinensi et Ämbrosiano simul sunt (§ 18 — 24, 31 — 36) paulo melior est 
Taurinensis" (Francken, Mnemos. 1883 p. 385). Das Verlorene berechnet Gauiotz p. 276 
also: Tota Scauriana si incolumis exstaret 1404 fere versus, sive 35 fere paginas editionis 
Bait, Kays, impleret, 

Litteratur: Um die Fragmente machte sich verdient Bbieb, Orot, pro Tüll, in Clod. 
p, Scauro p, Flacco, Leipz. 1825. Von ihm rühren auch die Ergänzungen her, die, wenn 
sie oft auch scharfsinnig erdacht sind, doch mit Recht Halm (Sitzungsber. d. Münch. Akad. 
1862 II p. 9) in den kntischen Ausgaben beseitigt wissen will. Gauictz, De M. Aemilii 
Scauri causa repetundarum et de Ciceronis pro Scauro oratione, Leipz. Stud. 2, 249 (treff- 
liche Abhandlung). 

13. pro C. Rabirio Postumo, aus dem J. 54. A. Gabinius, der 
bekannte Prokonsul von Syrien, wurde der Erpressungen beschuldigt. Ein 
besonderer Klagepunkt war, dass er von dem flüchtigen König von Ägypten, 
Ptolemaeus Auletes, 10,000 Talente erhalten habe, um denselben mit be- 
waffneter Macht in sein Reich zurückzuführen (8, 21). Gabinius wurde 
verurteilt; er konnte aber die Strafsumme, zu der er verurteilt wurde, 
nicht zahlen. Nun wurde auch C. Rabirius Postumus in die Sache ver- 
wickelt. C. Rabirius Postumus war der Sohn des C. Curtius, der die 
Schwester des C. Rabirius, den Cicero im J. 63 in einem Prozess wegen 
Hochverrats verteidigte, zur Frau hatte. Von diesem C. Rabirius adoptiert, 
führte der Sohn des C. Curtius, unser Rabirius Postumus, seinen Namen. 
Wie sein Vater, so gab sich auch Rabirius Postumus mit Geldgeschäften 
ab. Er lieh besonders dem König Ptolemaeus Auletes grosse Summen. 
Als Gabinius den vertriebenen König nach Alexandria zurückgeführt hatte, 
erschien auch dort Rabirius; er wurde vom König zum ersten Schatz- 
beamten gemacht; Gabinius stellte ihm Truppen zur Verfügung. Er konnte 
nun für sich und Gabinius erpressen. Er scheint dies in so schrecklicher 
Weise gethan zu haben, dass der König ihn verhaften lassen musste; 
Rabirius wurde zur Flucht gezwungen. Das julische Gesetz über Erpres- 
sungen d. J. 59 enthielt die Bestimmung, dass, wenn ein Verurteilter die 
Strafsumme nicht zahlen konnte, die beigezogen werden sollten, die auch 
von dem erpressten Geld erhalten. Da man den Rabirius als den Raub- 
genossen des Gabinius ansah, so wurde er auf Grund der erwähnten lex 
Julia belangt. Der Prozess stellt sich sonach als ein Anhang zu dem 
gegen Gabinius durchgeführten dar. Über den Ausgang des Prozesses 
fehlen uns positive Nachrichten. 

Die Prozesssache legt klar folgende Stelle 3, 8: est haec causa, QUO EA PECUNIA 
PERVENERIT, quasi quaedam appendicula causae iudiccUae atque damnatae. Sunt lita^ 
aestimatae A, Gabinio^ nee praedes daii nee ex bonis poptilo universa pecunia exacta est. 
Jubet lex Julia jyei'sequl ab iis, ad quos ea pecunia, quam is ceperit, qui damnatus sit, per- 



220 Römische LitteratnrgeBohichte. I. Die Zeit der Republik. 8. Periode. 

veneriL Weiter vgl. 11,30 ait eninif Gahinio pecuniam Postuntus cum cogeret, decumas 
imperatarum pecuniarum aibi coegisae. (Halm, Abh. der bayr. Akad. 7, 3 p. 629.) 

Überlieferung: Unsere Handschriften stammen alle aus einem Exemplar, das 
Poggio nach Italien brachte, es sind daher nur junge Handschriften uns zur Vernigung. 

14. pro Milone. Die Verteidigung des T. Annius Milo wegen Er- 
mordung des bekannten P. Clodius Pulcher fallt in das J. 52. Der That- 
bestand war folgender: Milo begab sich mit seiner Frau Fausta, einer 
Tochter des Diktators Sulla, und grossem Gefolge Anfang des J. 52 in 
seine Vaterstadt Lanuvium, um dort als Diktator von Lanuvium einen 
Flamen zu ernennen. Auf der Reise dahin begegnete ihm in der Nähe 
von Bovillae beim Heiligtum der Bona dea Clodius. Zwischen beiden be- 
stand schon längere Zeit bittere politische Feindschaft; besonders war es 
die Person Ciceros, die beide Männer trennte, indem Clodius ein heftiger 
Gegner des berühmten Redners war, Milo dagegen ein warmer Verteidiger 
desselben. Da Clodius sich mit bewaffneten Banden umgab und dieselben 
gegen seine Gegner wirken liess, so griff auch Milo zu diesem Mittel; es 
kämpfte daher die eine Bande gegen die andere. Bei jener Begegnung in 
der Nähe von Bovillae geriet zuerst das beiderseitige Gefolge aneinander. 
Bald wurde aber auch Clodius verwundet; nun kam es zu einem allge- 
meinen Kampf, in dem die Übermacht, die auf Milos Seite war, siegte. 
Den verwundeten Clodius, der in ein Wirtshaus von Bovillae gebracht 
worden war, liess Milo herausreissen und umbringen. Die Leiche wurde 
nach Rom gebracht; es wurde eine grosse Erbitterung rege; bei den tumul- 
tuarischen Vorgängen brannte die Curia Hostilia ab. Es waren ausser- 
ordentliche Massregeln geboten, um den Unruhen ein Ziel zu setzen. Pom- 
peius war es, der, zum Konsul ohne Kollegen ernannt, eingriff und das 
Prozessverfahren gegen Milo regelte. Zum Quäsitor wurde L. Domitius 
Ahenobarbus ernannt. Richter waren es 51. Da das Faktum der Tötung 
des Clodius nicht geleugnet werden konnte, so musste die Verteidigung 
Ciceros darauf gerichtet sein, dass Milo nur aus Notwehr gehandelt. Als 
Cicero zu sprechen begann, wurde er von dem Geschrei der Clodianer 
unterbrochen; er sprach daher nicht mit der gewohnten Festigkeit; Milo 
wurde mit 38 Stimmen von 51 verurteilt, er ging nach Massilia ins Exil. 
Die vorliegende Rede ist ein ganz vortreffliches Denkmal ciceronischer 
Beredsamkeit, allein sie ist nicht die wirklich gehaltene, sondern eine erst 
später aufgezeichnete. Aber auch die wirklich gehaltene Rede, von Steno- 
graphen nachgeschrieben, hatte sich längere Zeit erhalten. 

Über die Vorgänge in der Milonischen Sache handelt meisterhaft Asconius in seinem 
argumentum (p. 26 K. S.). Über das Auftreten Ciceros vgl. p. 36 Cicero cum inciperet 
dicerCy exceptus est acclamatione Clodianorumj gut se continere ne metu quidem circum- 
stantium militum potuerunt. Itaque non ea qua solUus erat constantia dixit. Mattet autem 
illa quoque excepta eius oratio: scripsit vero hanc quam legimus ita perfecte^ ut iure prima 
haberi posftit, (Über das Rhetorische Meusburger, Progr. von Ried [Österreich] 1882.) 

Über das Ziel der Verteidigung 9, 23 reliquum est. iudices^ ut nihil iam quaerere alittd 
debeatis, nisi uter utri insidias fecerit. Asconius p. 36 Cicero — Clodium MHoni fecisse 
insidias disputavit, eoque tota oratio eius spectavit. 

Über den Ausgang des Prozesses sagt Asconius p. 47 : Senator es condemnarerunt XII, 
ahsolverunt VI; equites condemnaverunt XIII, ahsolverunt IUI; trihuni aerarii condemnare- 
runt XIII, ahsolverunt IIL Cassius Dio 40, 54, 2 p. 235 Bekkeb lovxov roy Xöyoy top vvy 
ffSQofieyoy tog xal vnig tov MlXtoyog tote if/^^Kra /^o»'V* ^<*** i^^^^^QO^ *«* xatn ffxoXtjy 
(lyitf^agatjdag eyQa^pey * xal «fij xai roioydt re TiiQi avrov rtagadedojiti ' 6 MiXtoy rto Xoy^ 



Ciceros Red«n. 



221 



nefÄ<f&€yti ol vn avxov iptv^tov — ayreneuxeiXs Xeywy ort iy tv^H avrt^ dye'yeto 16 /Atj 
iav&* ovTü» xat iy r^ dixa(nfj(}it^ Ae/^^i'at • ov yaQ ay roiavrag iy tfi MaüaiXuf, iy ^ xara 
Ttjy ffvyrjy ^y, XQlyXag iad^Uiy, etnBQ ti toiovroy dnBXoytjxo. 

Haupthandschriften: der Tegemseensis s. Monacensis 18787 und der Erfurtensis s^ 
Berolinensis (für einzebie Stellen der Turiner Palimpsest). 

144. Die vierte Periode der ciceronischen Beredsamkeit (46—43). 
Nach dem J. 52 zeigt die uns vorliegende Sammlung der ciceronischen 
Reden eine längere Pause; erst mit dem J. 46 erscheinen wieder redne- 
rische Produkte Ciceros. Zwei Gruppen von Reden treten uns in diesem 
letzten Abschnitt der ciceronischen Beredsamkeit entgegen, die Oruppe der 
vor Caesar gehaltenen Reden der J. 46 und 45 (die sog. caesar.), dann die 
Gruppe der gegen M. Antonius gerichteten (philippischen) Reden von 44 und 43. 

1. pro M. Marcello. M. Claudius Marcellus, ein heftiger Gegner 
Caesars, hatte sich nach der Schlacht bei Pharsalus nach Mytilene frei- 
willig ins Exil begeben. Sein Bruder C. Marcellus erwirkte im Senat (46), 
indem er sich Caesar zu Füssen warf und die Senatoren sein Gesuch unter- 
stützten, dessen Begnadigung. Caesar erklärte nämlich, er wolle einem 
kundgegebenen Willen des Senats hierin nicht entgegentreten. Bei Dar- 
legung ihrer Meinung erging eine Reihe von Senatoren sich in Dankes- 
äusserungen gegen Caesar. Auch Cicero brach sein seit längerer Zeit beob- 
achtetes Schweigen und feiert in überschwenglicher Weise Caesars Milde 
und da Caesar Befürchtungen laut werden liess, als stelle man seinem 
Leben nach, führt er den Gedanken durch, dass Caesars Leben zu kostbar 
sei und dessen Erhaltung im Interesse aller liege, da noch zahlreiche Auf- 
gaben ihrer Lösung durch ihn harrten. 

Nach dem Vorgang des spanischen Jesuiten Juan Andrez (1782) suchte 
F. A. Wolf*) in seiner Ausgabe des J. 1802 die Rede als unecht zu er- 
weisen, allein weder die sachlichen noch sprachlichen Bedenken, die vor- 
gebracht werden, sind stichhaltig. 

über die Vorgänge, welche der Danksagung Ciceros zu Grunde liegen, berichtet er 
Ep. 4,4,3 an den berühmten Juristen Ser. Sulpicius Rufus, der mit M. Marcellus im J. «51 
Konsul war: ipse Caesar aecusata acerbitate Marcelli — repente praeter spem dixit se senatin 
roganti de Marcello ne hominis quidem causa negaturum; fecerat autern hoc senatus, uty 
cum a //. Pisone metitio esset facta de Marcello et C. Marcellus se ad Caesaris pedes 
abiecisset, cunctus consurgeret et ad Caesar em supplex accederet — ita mihi pulcher hie 
dies Visus est, ut speciem aliguam viderer videre quasi revipiscentis rei publicae. Itaque 
cum omnes ante me rogati gr alias Caesari egissent praeter Volcacium — is enim, si eo 
loco esset, negavit se facturum fuisse — ego rogatus mutavi meum consilium; nam sta- 
tueram non mehercuJe inertia, sed desiderio pristinae dignitcUis in perpetuum tacere: 
f regit hoc meum consilium et Caesaris magnitudo animi et senatus officium; itaque pluri- 
bus verbis egi Caesari gratias; meque metuo ne etiam in ceteris rebus honesta otio ptivarim, 
quod erat unum solatium in malis; sed tamen, quoniam effugi eius offensionem, qui fortasse 
arbitraretnr me hane rem publicam non putare, si perpetuo tacerem, modice hoc faciam 
aut etiam intra modum, ut et illius voluntati et meis studiis serviam. Als Marcellus im 
folgenden Jahre nach Italien zurflckkehren wollte, wurde er im Piräus von F. Magius Cilo 
ermordet und von Ser. Sulpicius Rufus in Athen begraben. (Cic. ep. 4, 12.) 

Die Verdächtigungsgründe stützen sich auf die Anschauung, dass die Rede in der 
Form, in der sie vorliege, nicht hätte gehalten werden können, da sie das Mass einer 
Danksagung überschreite, auch die Caesar Plut. Cic. 39 bei dem Prozess des Ligarius in 



*) ScHMiD, Untersuchung p. 11 hält die 
Unechtheitserklärung Wolfs „Ar eine Persi- 
flage auf die in jener Zeit herrschende Mode, 
Litteraturwerke nach oberflächlicher Betrach- 



tung den durch die Überlieferung bezeichne- 
ten Urhebern zu entziehen und Ar unterge- 
schoben zu erklären/ 



222 Römische LitteratnrgeschichU, I. Di« Zeit der Republik. 2. Periode. 

den Mund gelegten Worte ri xtoXvsL di€c XQo^ov Kixegtjyog fixovaai Xeyoyrog; eine Rede 
Ciceros vor der Ligariana unglaublich erscheinen lassen, femer auf die Anschauung, dass 
die Veröffentlichung einer solchen Rede, auch wenn sie gehalten worden wäre, weder im 
Interesse Marcellus' noch Ciceros lag, endlich auf anscheinend sachliche und sprachliche 
Verstösse, die man Cicero nicht zu&auen könne. Alle diese Einwürfe halten genauerer 
Erwägung nicht stand. Man vgl. z. B. das, was Passow über das aus di€t xQoyov herge- 
nommene Argument sagt (p. 276). Heutzutage darf es wohl als ausgemacht gelten, dass 
die Rede von Cicero herrührt. Auch die von Jacob (de oratione pro MarceVo Ciceroni vel 
dhiudicanda vel adiudicandaj Berl. 1813) begründete vermittelnde Ansicht, dass der Grund- 
stock der Rede echt, aber durch Interpolationen verwischt sei, kann nicht mehr fest- 
gehalten werden. Nur Eines darf in der Frage nicht ausser acht gelassen werden, dass 
höchstwahrscheinlich die Rede nicht von Stenographen sofort aufgenommen, sondern erst 
später von Cicero rekonstruiert wurde, also die wirklich gehaltene Rede immerhin von der 
geschriebenen merklich differieren konnte. 

Litteratur: F. A. Wolf, M. T, Ciceronis quae vtdgo fertur oratio pro MarcellOj 
Berl. 1802. Spaldino im Mus. der Altertumsw. 1 (1808), 1. Passow, Verm. Schriften p. 258. 
Hahke, orationem pro M. denuo def. (Jenaer Diss.), Braunschweig 1876. Schwanke, De 
Ciceronis aratione pro M, Marcello, Bromberg 1885 (Erlanger Diss.) verteidigen die Rede. 
ScHMiD, Untersuchung über die Frage der Echtheit der Rede pro M., Zürich 1888, der aber 
die Abhandlung von Schwanke nicht kennt, verwirft sie. Sghkid will einen Anachronismus 
entdeckt haben; „die Reformen, deren Verwirklichung 8,23 gewünscht wird, seien 1 — 3 
Monate vor der Zurückberufung des M. grösstenteils ganz neu durchgeführt, zum kleinem 
Teil aus früheren wiederholt und ergänzt worden* (p. 100). Allein selbst die Richtigkeit 
dieses Satzes zugegeben, so würde bei einer späteren Abfassung der Rede ein Anachronismus 
von 1 — 3 Monaten sicherlich bei Cicero nicht ¥nmderbar sein. 

2. pro Q. Ligario (aus dem J. 46). Q. Ligarius war im Bürgerkrieg 
auf Seiten der Pompeianer gestanden. In Adrumetum fiel er in die Hände 
Caesars, welcher ihn mit Verbannung bestrafte. Seine Brüder und andere 
Angehörige suchten bei Caesar seine Begnadigung zu erwirken, auch Cicero 
fand sich als Fürsprecher mit ein. Allein für den Augenblick konnte das 
Ziel nicht erreicht werden, wenngleich ersichtlich war, dass Caesar sich 
zur Milde herbeilassen werde. Diese Hoffnungen schienen aber völlig zu 
scheitern, als Q. Aelius Tubero Klage gegen Ligarius wegen seines ehe- 
maligen politischen Verhaltens erhob. Ihn verteidigte Cicero (mit C. Pansa); 
Ziel der Rede konnte nicht sein, den Angeklagten zu rechtfertigen, sondern 
lediglich, für Ligarius Verzeihung zu erlangen. Der Umstand, dass auch 
der Vater des Anklägers und der Ankläger auf seite der Pompeianer wie 
Ligarius standen, gibt dem Redner zu spitzigen Angriffen Anlass. Tubero 
drang mit seiner Klage nicht durch; vielleicht war die Klage sogar auf 
Anregung Caesars eingebracht, um dadurch die Begnadigung des Ligarius 
in ein helleres Licht zu rücken. 

Bell. Afric. 89 Adrumetum pervenit (Caesar), Quo cum sine mora introisset, armix, 
frumento pecuniaque considerata Q, Ligario, C. Considio filio, qui tum ihi ftierant, vitam 
concessit. Über die dem Prozess vorausgehenden Bemühungen, fUr Ligarius Begnadigung 
zu erlangen, berichtet Cicero £p. 6, 14 an Ligarius folgendes: ego — cum a. d, V, KaL 
inlercalares priores rogatu fratrum tuorum venissem mane ad Caesarem atque Ofnnem ad- 
eundi et conveniendi iUius indignitatem et molestiam pertulissem, cum fratres et propinqui 
tili iacerent ad pedes et ego essem locuius, quae causa, quae tuum tempus postuCabaty non 
solum ex oratione Caesar is, quae sane moUis et liberalis fuit, sed etiam ex oculis et vuitu, 
ex multis praeterea signis, quae facilius pei'spicere potui quam scribere, hac opinione dht- 
cessi, ut mihi tua salus dubia non esset, — Das Ziel der Rede spricht Cicero gleich an- 
fangs aus; omnis oratio ad misericordiam tuam conferenda est; um auf diese misericordia 
hinzuwirken, wird am Schluss (12, 38) der Gemeinplatz verwertet: homines ad deos nulla re 
propius accedunt quam salutem hominibus dando. — Über den Ausgang des Prozesses vgl. 
Dig. 1, 2, 2, 46 (Tubero) transU a causis agendis ad ius civÜe, maxime postquam Qu. Liga- 
rium accusavit nee obtinuit apud C. Caesarem. — Über die Verbreitung der Ligariana siehe 
Cic. ad Att. 13,12 13,20 13,44 18,19. 



CiceroB Reden. 223 

3. pro rege Deiotaro (aus dem J. 45). Der Tetrarch von Galatien, 
Deiotarus, hatte wegen seiner Verdienste um das römische Volk, besonders 
um Pompeius^ Kleinarmenien und den Königstitel erhalten. Im Bürgerkrieg 
stellte er sich auf seite des Pompeius. Es wurde ihm daher von Caesar 
ein Teil seines Besitzstandes genommen, der Königstitel aber belassen. 
Im J. 45 klagte ihn sein Enkel Castor in Rom an, er habe Caesar, als 
dieser nach dem Feldzug gegen Phamaces bei ihm verweilte, nach dem 
Leben gestrebt; als Hauptzeuge erscheint der Arzt Phidippus, ein Mit- 
glied der Gesandtschaft, welche Deiotarus nach Rom zu seiner Recht- 
fertigung gesandt hatte, ein Mann, der angeblich von Castor bestochen 
wurde. Auf Bitten der übrigen treu gebliebenen Gesandten übernahm 
Cicero die Verteidigung des Königs in der Wohnung Caesars; er sucht 
das Unwahrscheinliche der ganzen Anklage darzuthun, auch die Angabe 
zu widerlegen, Deiotarus sei Caesar gegenüber immer „auf der Lauer" 
(8,22) gestanden und habe ein grosses Heer gegen ihn ausgerüstet. Zum 
Schluss erörtert der Redner, dass Deiotarus von keiner feindseligen Ge- 
sinnung gegen Caesar beseelt sei und nicht an das denke, was er durch 
Caesar verloren, sondern an das, was er durch ihn gerettet habe. Über 
den Ausgang der Sache fehlen uns positive Nachrichten, wahrscheinlich 
verschob der Diktator die Entscheidung. Durch die bald darauf erfolgende 
Ermordung Caesars entging Deiotarus der Gefahr. 

Über diese Rede urteilt Cicero anscheinend geringschätzig, indem er an Dolabella 
schreibt (Ep. 9, 12,2): oratiuneulam pro Deiotaro, quam requirebas, habebam mecum, qtwd 
non ptUaram: itaque eam tibi miai; quam velim sie legctSy ut causam tenuem et inopem 
nee scriptione magno opere dignam; sed ego hospiti veteri et amico munusculum volni 
mittere levidense crasso filo, cuiusmodi ipsius solent esse munera. 

Es wurde die Behauptung aufgestellt, dass Cicero in den Reden pro Ligario und 
pro Deiotaro mit Rücksicht auf Caesar, an den die Reden gerichtet sind, sich des attischen 
Stils bediente. Diese Ansicht, welche zuerst von Wilamowitz, Hermes 12, 332 ausge- 
sprochen, dann von Gvttkaits in seiner Dissertation De earum quae vocantur Caesariatme 
orationum TiUUanarum genere dicendi, Greifsw. 1883 eingehend durchgeführt wurde, ist 
nicht haltbar; einmal ist die Marcelliana ebenfalls an Caesar gerichtet und doch in einem 
iumidum genus geschrieben, auch die Deiotarana ist von überladener Diktion nicht frei- 
zusprechen; am einfachsten ist die Diktion der Ligariana und doch dürfte es auch hier 
zweifelhaft sein, dass der Stil der attische ist. 

Überlieferung: In der Marcelliana sind die besten Führer der Codex Gemblacensis 
s. Bruxellensis 5345 und der Erfurtensis s. Berolinensis, in der Ligariana dieselben und 
der Codex Coloniensis Graevii, in der Rede für Deiotarus der Codex Gemblacensis s. Bru- 
xellensis 5345, der Gudianus s. Wolfenbuttelanus 2, der Erfurtensis s. Berolinensis, der 
Salisburgensis 34 s. Monacensis 15734. (Anders Nohl, Fleckeis. J. 137, 398. Dagegen 
Müller 1. c. p. 137.) 

4. Die 14 Philippischen Reden. Dieselben fallen in die Jahre 44 
und 43. Nach Caesars Ermordung riss M. Antonius alle Gewalt an sich. 
Er Hess nämlich den Senat den Beschluss fassen, dass die Mörder Caesars 
nicht gerichtlich verfolgt werden sollten, dass aber auch alles das, was 
Caesar angeordnet (acta Caesaris), durchgeführt werden sollte. Da Antonius 
den schriftlichen Nachlass Caesars in seinen Besitz brachte, so hatte er 
damit ein Mittel gewonnen, das, was er durchsetzen wollte, als eine An- 
ordnung Caesars hinzustellen. Hiebei ging ihm Caesars Schreiber Faberius 
an die Hand, indem er die nötigen Urkunden fälschte oder unterschob. 
Als Gegner seines Treibens trat unter anderen Cicero auf. Nach dem Tod 



224 Römische Litteratorgeschichie. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Caesars, als durch die Leichenfeier tumultuarische Scenen hervorgerufen 
wurden, hatte Cicero Rom verlassen. Er hielt sich auf seinen Landgütern 
auf, nach seiner Gewohnheit die Entwicklung der Dinge erwartend. Von 
Dolabella, der die Provinz Syrien erhalten, zu seinem Legaten ernannt, 
bekam er einen passenden Verwand, sich von Italien zu entfernen. Schon 
befand er sich auf der Reise, um anscheinend seinen Posten anzutreten, da 
erfuhr er, dass in Rom die Dinge sich zum Bessern gestalteten; er kehrte 
daher nach Rom zurück. Der erste Zusammenstoss zwischen ihm und 
Antonius fand aus Anlass einer Senatssitzung am 1. September 44 statt ; 
in dieser Senatssitzung hatte Antonius beantragt, es sollte bei den suppli- 
cationes ein Tag zu Ehren Caesars hinzugefügt werden. In dieser Sitzung 
war Cicero nicht erschienen, was Antonius als etwas Ungewöhnliches (2, 13), 
als eine Beleidigung ansah und mit Drohungen vergalt. Am 2. September 
erschien Cicero im Senat und hielt die 1. philippische Rede. In derselben 
legte zuerst Cicero Rechenschaft von seiner Entfernung aus Rom und 
seiner Rückkehr ab, dann wendete er sich gegen die Drohungen des An- 
tonius wegen seiner Abwesenheit von der Senatssitzung, endlich greift er 
die politischen Handlungen des Antonius an. Antonius war in der Sitzung 
nicht anwesend. Am 19. September 44 gab er in einer Senatssitzung die 
Antwort auf den Angriff Ciceros, der aber der Sitzung nicht beiwohnte; 
es war eine heftige Anklage. Cicero erwiderte in der 2. philippischen 
Rede; er weist zuerst die Anschuldigungen des Antonius zurück, dann 
(17,43) geht er zum Angriff auf seinen Gegner über. Sie beruht auf der 
Fiktion, als habe Cicero sofort im Senat auf die Schmähungen des Antonius 
geantwortet; allein sie erschien nur schriftlich und zwar nachdem Antonius 
bereits Rom verlassen hatte. Antonius forderte auf Grund eines Volks- 
beschlusses nämlich von D. Brutus die Provinz Gallia cisalpina. Da sich 
dessen D. Brutus weigerte, kam es zum Krieg, Antonius belagerte den 
D. Brutus vor Mutina. Daher stellte Cicero in der 3. Rede im Senat 
(20. Dez.) den Antrag, dass D. Brutus' Entschluss, seine Provinz gegen 
Antonius zu halten, zu billigen sei, ferner dass die Statthalter ihre Pro- 
vinzen behalten, bis ihnen Nachfolger bestimmt seien, endlich dass Caesar 
Octavian wegen seines Widerstands gegen Antonius und die Truppen, die 
sich von Antonius abgewendet, belobt werden sollen. An demselben Tage 
teilte in der 4. kurzen Rede Cicero die Senatsbeschlüsse, die in seinem 
Sinn erfolgt waren, dem Volke mit. Am 1. Januar 43 beriefen die Kon- 
suln Pansa und Hirtius den Senat und referierten über die politische Lage. 
Es machte sich in Bezug auf das Vorgehen gegen Antonius eine mildere 
Ansicht geltend, welche den Krieg vermeiden und den Weg der gütlichen 
Unterhandlung durch Absendung einer Gesandtschaft einschlagen wollte. 
Cicero vertrat in der 5. Rede den kriegerischen Standpunkt (12,30) und 
sprach eifrig für Belobung der Gegner des Antonius. Die Verhandlungen 
dauerten vier Tage. Die verschiedenen Belobungen wurden zwar beschlossen, 
aber auch zugleich, dass Gesandte an Antonius geschickt werden sollen. 
Über diese Absendung von Gesandten belehrt Cicero in der 6. Rede (4. Jan.) 
das Volk (1,3). Die Gesandten waren noch nicht zurückgekehrt, als Cicero 
neuerdings (Anf. Febr.) im Senat gegen einen Frieden mit Antonius sich 



Ciceros Reden. 



Ö25 



aussprach. Dies ist der Gegenstand der 7. RedeJ) Von den drei Ge- 
sandten, die zu Antonius geschickt wurden, Ser. Sulpicius, L. Plulippus 
und L. Piso, starb Ser. Sulpicius in Ausübung seines Berufs. Die beiden 
anderen kamen mit unannehmbaren Forderungen (8, 8, 25) des Antonius 
zurück. Es wurde nun die Anwendung von Waffengewalt beschlossen, 
allein man vermied in dem Beschluss das Wort „Krieg** (bellum), sondern 
wählte dafür „Landfriedensbruch** (tumuUus). Diese Halbheit tadelte Cicero 
aufs stärkste, indem er sich besonders gegen Q. Fufius Calenus wendet, in 
der 8. Rede (Febr.), und beantragt zugleich, wer vor dem 15. März Antonius 
verlasse, solle straflos ausgehen, und es solle niemandem gestattet sein 
(mit Ausnahme des L. Yarius), ins Lager des Antonius zu gehen. In der 
9. Rede sprach Cicero für den Antrag, dass der in Ausübung seines Be- 
rufs *) gestorbene Ser. Sulpicius durch eine Statue und ein öffentliches Be- 
gräbnis geehrt werden solle. Die 10. Rede bezieht sich auf M. Brutus. 
Von Caesar war die Provinz Macedonien dem M. Brutus, die Provinz Syrien 
dem C. Cassius zugewiesen. Nach dem Tode Caesars wurde Macedonien 
für M. Antonius, Sjnrien für Dolabella bestimmt. M. Antonius Hess aber 
seinem Bruder C. Antonius die Provinz Macedonien übertragen. Aber 
M. Brutus hatte bereits Griechenland, Macedonien, Illyricum okkupiert wie 
Cassius Syrien. Auch hatte sich M. Brutus eine grosse Militärmacht ver- 
schafft. Als daher C. Antonius von seiner Provinz Besitz nehmen wollte, 
wurde er von M. Brutus zurückgedrängt und nach Apollonia geworfen. 
Über diese Vorgänge berichtete M. Brutus an den Senat. Als darüber 
verhandelt wurde, beantragte Cicero, dass man M. Brutus im Besitz seines 
Heeres zum Schutze Macedoniens, lUyricums und Griechenlands belasse 
und dass Q. Hortensius die Provinz Macedonien weiterverwalte, bis ihm 
ein Nachfolger geschickt werde. Diese Verhandlungen fanden statt im 
Februar.^) Als Dolabella in die Provinz Syrien gehen wollte, stiess er in 
der Provinz Asien auf den Prokonsul derselben, C. Trebonius, einen 
der Caesarmörder und liess ihn hinrichten. Als dieser Frevel in Rom 
bekannt wurde, beschloss der Senat, Dolabella den Krieg zu erklären. 
Eine Ansicht ging dahin, den Konsuln Asien und Syrien und damit die 
Leitung des Krieges zu übergeben. Cicero dagegen wollte Cassius mit 
dieser Aufgabe betraut wissen. Dies führt er in der 11. Rede durch.*) 
Bald darauf regten Anhänger des Antonius von neuem Friedensverhand- 
lungen an; es wurde auch eine Gesandtschaft gewählt, in derselben befand 
sich merkwürdiger Weise auch Cicero. Allein bald bereute er seine Teil- 
nahme und lehnte dieselbe ab, wie er sich überhaupt über das Zwecklose 
der Absendung von Gesandten an Antonius aussprach (12. Rede). Es 
unterblieb die Gesandtschaft; Pansa zog mit seinen Legionen gegen Anto- 



') Die Disposition der Rede siehe 3, 9 
cur igitur pacem nofo? quia turpis est, quia 
periculosa, quia esse non potest. 

*) 9, 1, 2 cum tarn ad congressum con- 
loquiumque eius pervenisset, ad quem erat mis- 
sus, in ipsa cura ac meditatione obeundi sui 
muneris excessit e vita, 

*) Nach CoBET (p. 156) März. Cicero 

Handbuch der Uiun. AltcrtumswIaseDiichaft. VIU. 



drang durch, denn 11 Philipp. 11,26 heisst 
es: ni Brutum conligassentus in Graecia et 
eius auxilium ad Italiam vergere quam ad 
Äsiam maluissemus. 

*) Cicero drang nicht im Senat durch; 
er brachte nun die Sache mit Hilfe eines 
Tribunen vor das Volk. Allein auch dieser 
Versuch schlug fehl. Vgl. Cic. Ep. 12, 7. 

15 



226 Bömisohe Litteratnrgeschiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode, 

nius zu Feld. Einen neuen Anlass zu einer Rede (13) erhielt Cicero, als die 
Statthalter L. Plauens und M. Lepidus Schreiben an den Senat richteten, 
in denen sie zum Frieden rieten (Cic. Ep. 10, 6). Cicero führt durch Ver- 
lesung und Analyse eines Briefes des Antonius im Senate aus, dass mit 
Antonius ein Friede unmöglich sei.^ Am 15. April schlug Antonius bei 
Forum Gallorum den Konsul Pansa, welcher eben mit seinen Truppen auf 
dem Kriegsschauplatz angekommen war. Pansa erlitt eine schwere Ver- 
wundung; allein am Abend desselben Tages wurde Antonius von Uirtius 
geschlagen. Der Bericht über diese Vorgänge wurde am 22. April im 
Senat verlesen. Es war ein Dankfest beantragt. In die Verhandlungen 
darüber greift Cicero mit der 14. Rede ein. Er beantragt angesichts der 
Verdienste der Konsuln Pansa und Hirtius und des Proprätors C. Caesar 
ein Dankfest von 50 Tagen und die Errichtung eines Denkmals für die 
Gefallenen, Belohnungen für die Truppen und die Angehörigen der Ge- 
fallenen. Bald nach jenen Gefechten wurde die entscheidende Schlacht 
bei Mutina geschlagen; Antonius wurde vollständig besiegt, allein Hirtius 
fiel in der Schlacht und Pansa starb an den erhaltenen Wunden. Die 
streitenden Machthaber versöhnten sich; im Oktober schlössen M. Antonius, 
Caesar Octavianus und Lepidus ein Bündnis, das zweite Triumvirat ge- 
nannt. Die Folge dieses Bündnisses war, dass Cicero auf Betreiben des 
Antonius geächtet wurde. Die Häscher vollzogen ihr Werk am 7. Dez. 43. 

Über den Namen heisst es Cic. ad Brut. 2, 3, 4 p. 648 W. legi orationes duas tuas, 
quarum altera Kai. Jan. usus es (5. Rede), altera de Utteris meis, quae habita est abs te 
contra Calenum (10. Rede). Nunc scilicet hoc exspectas, dum eas laudem: nescio, animi an 
ingenii tut maior in his libellis laus contineatur; iam concedo^ ut vel Philippici vocentur, 
quod tu quadam epistola iocans scripsisti. ibid. 2, 4, 2 p. 649 W. de te etiam dixi tum quae 
dicenda putavi: haec ad te oratio perferetur^ quoniam te videö delectari Philippicis nostris. 
Gellius gebraucht die Bezeichnung orationes Antonianae. Vgl. Halm, Einl. p. 36. 

Aus einer 16. Rede bringt der Rhetor Arusianus Messius zwei Fragmente herbei. 
Vgl. Zürcher Ausg. p. 1410, wo noch einige Citate aus philippischen Reden angeführt sind, 
die sich nicht in ihnen finden. 

Auch an den philippischen Reden wurde ein Athetisierungsversuch unternommen; 
er betraf die 4. Rede durch Krause. 

Überlieferung: Weitaus die beste Quelle ist der Codex Vaticanus (tabularii Ba- 
sUicae Vaticanae) H. 25, der enthält p. 360 Müller — 514, 20 ad virum, 526, 27 sumus iudi- 
care — 530, 19 corpo, 534 — 538, 18 acerham. Sekundäre Quellen sind ein Bamberger, ein 
Bemer u. s. w. 

Litteratur: Cobet, ad Ciceronis Philippicasy Mnemos. 7 (1879), 113, der nicht bloss 
kritische, sondern auch historische Beiträge zu den Reden liefert. Krause, Ciceros 4. phi- 
lippische Rede (Jahns Archiv 13,297). Schuster, Vindiciae or. Phil. /F, Lüneburg 1851. 
Jentzen, Ciceros 4. phil. Rede, Lüb. 1820. Schirlitz, Cic. philippische IX, Wetzlar 1844 

liS. Verlorene Beden. Ausser den Reden, welche uns erhalten 
sind, haben wir noch Fragmente von über 17 Reden, ausserdem kennen wir 
noch die Titel von c. 30 Reden. Von den ersteren sind uns einige durcl) 
Argumente und Kommentare so bekannt, dass wir die Grundzüge derselben 
feststellen können. Es sind folgende: 

1) pro C. Cornelio de maiestate, aus dem J. 65. Der Volks- 
tribun C. Cornelius hatte im J. 67 Gesetzesvorschläge gemacht, welche den 
Interessen der Optimaten entgegenstanden. Sein Tribunat war daher ein 
sehr stürmisches. Nachdem dasselbe abgelaufen war, belangten ihn die 

*) Die Anträge des Lepidus und Plancus wurden vom Senat zurückgewiesen 
(Ep. 10, 27). 



CiceroB Reden. * 227 

Brüder Cominii (66) nach der lex Cornelia de maiestate, da er trotz der 
Interzession eines Tribunen einen Gesetzesvorschlag vorgelesen. Allein die 
Gerichtsverhandlung kam infolge von Gewaltthätigkeiten gegen die An- 
kläger nicht zu stände. Im nächsten Jahr wurde die Klage von den Cominii 
wiederholt eingebracht; Cicero verteidigte Cornelius vier Tage hindurch; 
zwei Reden gab es von ihm über diesen Prozess. Cornelius wurde mit 
grosser Majorität freigesprochen. 

Das Argument ist von Asconius; vgl. p. 50K. S. Die Bruchstflcke der Rede bei 
Müller, P. FV vol. HI p. 238. Beck, Quaestwnea in Cic. pro Cornelio orationes, Leipz. 1877. 

2. In toga Candida, aus dem J. 64. Cicero hatte bei der Be- 
werbung um das Konsulat als Mitbewerber C. Antonius und L. Catilina, 
die sich beide verbündet hatten, Ciceros Wahl zu hintertreiben. Da sie 
zu diesem Zweck die offenkundigste Bestechung ausübten, wurde im Senat 
angeregt, ein verschärftes Gesetz de ambitu zu erlassen. Allein der Volks- 
tribun Q. Mucius Orestinus interzedierte. Als Cicero bei der Verhandlung 
im Senat um seine Meinung gefragt wurde, benützte er die Gelegenheit, 
Antonius und Catilina scharf anzugreifen. Dies ist der Gegenstand der 
Rede in toga Candida. 

Bas Argument ist von Asconius; vgl. p. 73 K. S. Die Bruchstücke der Rede bei 
MüLLEB 1. c. p. 259. KoETSCHAU, De Cic. aratione in toga Candida habita, Leipz. 1880. 

3. In Clodium et Curionem. Clodius war im J. 61 wegen des 
am Feste der Bona Dea begangenen Frevels in eine Anklage verwickelt 
worden. Sein Verteidiger war C. Curio, der Vater. In dem Prozess war 
als Zeuge gegen Clodius Cicero aufgetreten, der ein von diesem vorge- 
gebenes Alibi zu schänden machte. Obzwar Clodius freigesprochen, so 
fasste er doch von dieser Zeit einen heftigen Hass gegen Cicero. Diesem 
seinem Hass gab er Ausdruck in Reden vor dem Volk und im Senat; er 
suchte hier Cicero lächerlich zu machen. In einer Senatssitzung vom 15. Mai 
sprach zuerst Cicero in zusammenhängender Rede gegen Clodius, dann kam 
es zu einem Redegefecht zwischen ihm und Clodius, von dem er in einem 
Briefe an Atticus 1, 16 eine packende Schilderung gibt. Später arbeitete 
Cicero eine Invectiva gegen Clodius und Curio aus. 

Das Argumentum gibt uns der Scholiasta Bobiensis p. 329, er sagt : aed quoniam habturant 
in senatu quandam iurgiosam decertationemf visum Ciceroni est hanc orationem conscribere 
plenam sine dubio et asperitatis et facetiaruniy quibus mores utriusque proscindit et de sin- 
gulorum ritiis quam potest acerbissime loquitur. Die erhaltenen IVagmente enthalten nur 
eine Stelle gegen Curio fr. 21. Cic. ad Attic. 1, 16, 9 Clodium praesentem fregi in senatu 
cum oratione perpetua, plenissima gravitatis tum altercatione eiusmodi. — Inwieweit die oratio 
perpetua und die altercatio zu der neuen Rede benutzt wurden, lässt sich nicht sicher fest- 
steUen. Fragmente bei Müller 1. c. p. 271. — Beck, Einl. u. Dispos. zu C. Rede in Cl. et C, 
Zwickau 1886. 

4. Für das Jahr 52 hatte sich T. Annius Milo um das Konsulat be- 
worben. Seine Bewerbung bekämpfte aufs heftigste P. Clodius Pulcher, 
der unter anderem geltend machte, dass Milo so verschuldet sei, dass er 
sein Konsulat ohne Zweifel dazu benützen würde, um sich aus seiner miss- 
lichen Lage zu befreien. Es kam zu einem Streite zwischen Clodius und 
Cicero. Auf diesen Streit bezieht sich unsere Rede d. J. 53 de aere alieno 
Milonis und zwar wählt sie wie die in Vatinium die Form der interrogatio. 

Das Argument liefern die scholia Bobiensia p. 341. Die Fragmente bei Müller 1. c. p. 276. 

15* 



228 Römische LitteratnrgeBchichte. I. Die Zeit der Repablik. 2. Periode. 

Verlorene laudationes. Auch das genus demonstraiivum pflegte Cicero. Zu 
demselben gehören die von ihm verfassten Lobreden. Am berühmtesten ist die Lobrede 
auf den jüngeren Cato nach seinem Selbstmord geworden; sie war eine Verherrlichung der 
Republik und gegen Caesar gerichtet (46). Wir haben oben p. 168 gesehen, welche Gegen 
Schriften diese laudatio hervorrief. Weiterhin verfasste er einen Paneg^ricus auf die 
verstorbene Porcia, die Schwester Catos und die Gemahlin des L. Domitius Ahenobarbus 
im J. 45 (ad Attic. 13, 37, 3 13, 48, 2). Auch Caesar wurde in einer Lobrede gefeiert (56); es 
war dies ein Bussgang, und es ist äusserst interessant zu sehen, wie Cicero (ad Attic. 4, 5) 
diese „suhturpicüla netXtyt^dia* rechtfertigt. (Eine laudatio funebris bei ad Q. fr. 3, 8, 5.) 

ScHKEiDEB, de Ciceronis Catone minore^ Zeitschrift f. d. Altertumsw. 183*/ nr. 140. 
GöTTLiNO, De Ciceronis laudatione Catonis et de Caesaris AnticatonibuSf Opusc. p. 153. 

Unechte Reden sind die Rede Pridie quam in exilium iret und die gegen Sallust 
(vgl. § 134). 

Unter dem Namen des L. Racilius schrieb Cicero eine Invectiva gegen Clodius; vgl. 
Schol. Bob. p. 268 Or. 

146. Kommentare zu den ciceronischen Beden. Schon im Altertum 
wm*den die ciceronischen Reden viel gelesen und auch kommentiert. An 
Kommentaren sind uns folgende überliefert: 

1. Der Kommentar des Q. Asconius Pedianus (3 — 88 n. Ch.). 
Derselbe ist ein ganz ausgezeichnetes Denkmal sachlicher antiker Ge- 
lehrsamkeit; soweit er erhalten ist, bezieht er sich auf fünf Reden: contra 
L. Pisonem, pro Scauro, pro Milone, pro Cornelio, in toga Candida. Da 
wir geeigneten Ortes ausführlich über diesen vortreflflichen, gewissennaften 
Gelehrten handeln werden, unterlassen wir hier weitere Bemerkungen. 

Hauptausgabe: Q. Asconii Pediani orationum Ciceronis quinque enarratio. Rec. 
A. KiESSLiNO et R. Schoell, Berl. 1875. 

2. Scholia Bobiensia. Diese Scholien, die wohl bald nach Asconius 
in christl. Zeit entstanden, beziehen sich auf die Reden pro Flacco, cum 
senatui gratias egit, cum populo gratias egit, pro Plancio, pro Milone, pro 
Sestio, in Yatinium, in Clodium et Curionem, de aere alieno Milonis, de rege 
Alexandrino, pro Archia, pro Sulla. Hierzu kommt ein Exzerpt aus dem 
Kommentar zu den Verrinen im Schol. Gronov. A. Auch diese Kommentare 
sind überwiegend sachlich gehalten und sehr wertvoll. Es ist nicht er- 
wiesen, dass Früchte der reichen Gelehrsamkeit des Asconius in diesen 
Scholien stecken. Jünger sind die Scholien in Catilin. IV, pro Marcello, 
pro Ligario, pro Deiotaro, pro Scauro. 

Gaumitz, Zu den Bobienser Ciceroscholien, Leipz. 1884. (Stanol, Rh. Mus. 39,231 u.428.) 

3. Der Kommentar zur Divinatio in Caecilium und einem 
Teil der Verrinen (Actio I, Actio II lib. I und lib. 11 [bis 14, 35]). Dieser 
Kommentar wurde früher ohne handschriftliche Gewähr ebenfalls dem 
Asconius beigelegt, allein derselbe hat, wie selbst eine oberflächliche Be- 
trachtung ergeben kann, nichts mit Asconius zu thun und besitzt nur einen 
sehi' geringen Wert. 

Der Kommentar stand in demselben jetzt verloren gegangenen Codex SGallensis, in 
dem auch der echte Asconius stand; aus zwei apographa desselben teilen Kiessling und 
Schoell eine Kollation in ihrer Ausgabe p. 87 mit. (Stangl 1. c. p. 568.) 

4. Scholiasta Gronovianus. Dieser Scholiast, der von dem ersten 
Herausgeber Jakob Gronov den Namen hat, behandelt 11 Reden, nämlich: 
Divinatio in Caecilium, actio I in Verrem, Actio II lib. I, Catilinariae (II, 
UI, IV), pro Ligario, pro Marcello, pro Deiotaro, pro Roscio Amerino, pro 
lege Manilia, pro Milone. Allein von diesen Reden sind bloss die Kom- 



Ciceros Reden. 229 

mentare zu der 3. und der 4. catilinarischen Rede vollständig, die übrigen 
mehr oder weniger verstümmelt; von der Rede pro Milone ist nur einiges 
vom Anfang erhalten. Auch diese Scholien, in denen man vier verschiedene 
Verfasser neuerdings erkennt, haben nur einen sehr geringen Wert, sie 
gleichen den pseudoasconischen Scholien. 

Diese Scholien sind uns lediglich erhalten durch eine Leydener Handschrift (Voss. 
Quart. 138 s. X). Durch Is. Vossius kam sie in die Hände des berühmten J. F. Gronovius. 
An der Herausgabe hinderte ihn der Tod; sein weit geringer begabter Sohn Jakob publi- 
zierte zum erstenmal den Kommentar in seiner Ciceroausgabe, Leyden 1672. Jakob Gronov 
erkannte auch, dass in den Verrinen zwei Kommentare stecken; einen dritten spürte in den 
Verrinen Mai in seiner Ausgabe der Scholia Bobiensia auf; in neuerer Zeit statuierte einen 
vierten für die übrigen Reden Th. Stangl. Derselbe bezeichnet die vier Scholiasten mit 
A, B, C, D; auf A fällt in Verr. act. H lib. I § 1—62 (Gronov), auf B Divinatio in Caecil. 
und in Verr. act. I § 1 — 45 (Mai), auf C in Verr. act. I § 16 — 20 (Gronov), auf D die noch 
übrigen Reden von in Catilinam II bis pro Milone (Stanol). Über schol. A vgl. nr. 2 
(Gaumitz p. 15). — Stangl, Der sog. Gronovscholiast, München 1883. 

Die Kommentare zu den ciceronischen Reden finden sich gesammelt in der zweiten 
Hälfte des V. Bandes der Zürcher Ausgabe (1833). — Madvig, de Q. Asconii Pediani et 
aliorum veterum interpretum in Cic. orcUiones Commentarüs, Kopenhagen 1828. 

147. Charakteristik der ciceronischen Beredsamkeit. Nur die 
Rede, in welcher der Redner seiner tiefen Überzeugung Ausdruck gibt, 
kann einen mächtigen Eindruck auf den Hörer oder Leser hervorrufen. Wer 
die Staatsreden des Demosthenes ') liest, wird mitfortgerissen, denn man 
erkennt, dass das, was der Redner gibt, Sache seines Herzens ist. Ganz 
anders ist der Eindruck, wenn der Leser an die Lektüre der ciceronischen 
Reden herantritt. Trotz der schönen, reichen Worte wird der Leser nur 
selten erwärmt; unter diesen Reden ist keine einzige, die uns bis in 
das Innerste erschüttert. Wie können z. B. Reden wirken, welche auf 
einer Fiktion beruhen, wie die Verrinen und die zweite phUippische Rede? 
oder Reden, die, wie das wohl gewöhnlich geschah, erst längere Zeit, 
naj[^hdem sie gehalten worden, in einer ganz anderen Stimmung und für 
eine nicht mehr lebendige Situation niedergeschrieben wurden? Es kommt 
noch anderes hinzu. Nehmen wir die Staatsreden, so stört uns die un- 
erträgliche Eitelkeit, mit der Cicero stets von sich spricht, die Lächer- 
keit, mit der er seine zweifelhaften Verdienste bis in den Himmel erhebt, 
der rohe Hass, mit dem er s^ine Gegner verfolgt, die Feigheit, die ihn 
niemals das rechte Wort zur rechten Zeit sprechen lässt, der Wankelmut, 
der ihn zu einem höchst unzuverlässigen Politiker macht. Greifen wir 
zu den Plaidoyers, so merken wir, dass wir einen Advokaten haben, der 
bereit ist, alles zu verteidigen, der heute gegen die Catilinarier wettert 
und morgen einen der catilinarischen Verschwörung Verdächtigen vertritt. 
War doch selbst einmal Catilina von ihm verteidigt worden ; Vatinius, den 
er 56 aufs gröblichste beschimpft hatte, verteidigte er zwei Jahre später. 
Auch in der Rede pro Cluentio musste er eingestehen, dass er in dieser 
Sache früher auf der gegnerischen Seite plaidierte. In den Staatsreden 
vermissen wir staatsmännische Gedanken, in den Gerichtsreden scharfe 
logische und streng juristische Argumentation. Um so reicher sind sie 



*) Näoelsbach pflegte gern (vgl. Bayr. 
Gymnasialblätter 8, 196) auf das Pfeffersche 
Epigramm hinzuweisen: 



Rief alles Volk entzückt: Kein Sterblicher 

spricht schöner! 
Entstieg ihrDemosthen, so nefen die Athener: 



Wenn Cicero von der Tribüne stieg, j Krieg gegen Philipp, Krieg! 



230 Römische Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

an Gemeinplätzen. Wenn daher mehrere Redner in einer Sache auftraten, 
so wurde in der Regel Cicero die Schlussrede zugewiesen, in der nicht 
mehr die Beweisführung, sondern Erweckung des Mitgefühls die Aufgabe 
war. Die Bewunderung, welche die ciceronischen Reden finden, verdanken 
sie der schönen und reinen Sprache und der kunstvollen Periodisierung, 
allein auch hier darf eine Schattenseite nicht übersehen werden. Es ist 
eine gewisse Wortfülle, von der sich Cicero niemals vollständig losmachen 
konnte. Wenn er auch vorgibt, er sei durch Molo von seinem Redeschwulst 
geheilt worden, so zeigt doch ein Blick in die Reden, dass der überflüs- 
sigen Worte noch immer viel zu viel sind. 

Für seinen Wankelmut führt Cicero an (pro Plancio 39, 94) : Ego vero haec didici, 
haec vidi, haec scripta legi; haec de sapientissimis et clarissimis viris et in hac re publica 
et in dliis civUatibus monimenta nobis et litterae prodiderunt, non semper easdem sententias 
ab eisdetn, sed quascumque reipMicae Status, inclinatio temparum, ratio concordiae postularet, 
esse defensas. In derselben Rede wirft ihm der Gegner vor, dass Cicero „nimium müUos** 
verteidige (84, 84). Seine Plaidoyers charakterisiert er (pro Cluentio 50, 139) : Errat vehe- 
menter, si quis in orationibus nostris, quas in iudiciis habuimus, auctoritates nostras con- 
signatas se habere arbitratur, Omnes enim illae causarum ac temporum sunt, non hominum 
ipsorum aut patronorum. Einen Fall verteidigt er (1. c. 19, 51) so: CoUegi me aliquando 
et ita constitui, fortiter esse agendum; illi aetati, qua tum eram, solere laudi dari, etiam 
si in minus firmis causis hominum perictdis non defuissem. 

Das erkünstelte Pathos spricht klar und deutlich Cic. Tusc. 4, 25, 55 aus : Oratorem vero 
irasci minime decet, simulare non dedecet. An tibi irasci tum videmur, cum quid in causis 
acrius et vehementius dicimus? Quid? cum iam rebus transactis et praeteritis orationes 
scribimus, num irati scribimus? 

Über seine Stärke im Epilog vgl. Cic. erat. 37, 130: Quid ego de miserationibus 
loquar? quibus eo sum usus pluribus, quod, etiamsi plures dicebamus, perorationem mihi 
tarnen omnes relinquebant] in quo ut viderer excellere, non ingenio, sed dolore adsequebar. 
Vgl. aber oben Tiiflc. 4, 25, 55. 

Die spätere Abfassung der Reden haben wir öfters oben angedeutet; vgl. p. 201, 208, 
218, 219, 220; 223, 224. Nicht alle Reden wurden ausgearbeitet, manche lagen bloss in 
Skizzen und Entwürfen (commentarii) vor; in der Rede pro Murena ist ein Teil nicht 
ausgearbeitet, sondern nur angedeutet. — Tiro sanmielte solche Entwürfe. Quintil. 10, 7, 81 
Ciceronis ad praesens modo tempus aptatos (commentarios) Tiro contraxU, 

Litter atur (mit knapper Auswahl): 

a) Gesamtausgaben: Manutius 3 Bde., Venedig, der Kommentar auch separat. 
Lambinus 3 Bde, Venedig 1570. Graevius (cum notis variorum) 3 Bde., Amsterd. 1695 — 1699. 
Klotz (erläutert) 3 Bde., Leipz. 1835—39. 

b) Ausgewählte Reden: a) Textausgaben: Heine (14 R.) Halle (Waisenhaus) 
1870. Madvio (12 R.), Kopenhagen 1820. Halm (18 R.) 2 Teile, Berl. 1868. Eberhard 
und Hirschfelder (19 R.), Leipz. 1874. Nohl (15 R.), Leipzig (Fl-eytag). Müller (21 R.) 
aus der Teubneriana. 

ß) Kommentierte Ausgaben: Teubner'sche von Richter-Eberhard (pro Roscio A. 
[Fleckeisen], in Q. Caecilium, Verrinae 4. und 5. B., de imperio Cn. Pompei, Catilinariae, 
pro Sulla [Landgraf], pro Milone, pro Marcello, Ligario et Deiotaro, pro Archia). Teubner'sche 
von Koch-Eberhard-Landoraf (pro Murena, pro Sestio, Philippicae I und 11). Weid- 
männische von Halh-LaüB][ann (pro Roscio A. und de imperio Cn. Pompei, contra Q. Cae- 
cilium und Verrinae 4. und 5. B., Catilinariae und pro Archia, pro Sestio, pro Milone und 
pro Ligario und pro Deiotaro, Philippicae I und U, pro Murena und pro Sulla). 

c) Ausgaben der fragmentarischen Reden: Cic. sex. orationum partes inedUae, 
Ed. A. Mai, Mailand 1817. Orationum pro M, Fonteio et C. Rabirio fragmenta. Ed. Nie- 
BUHR, Rom 1820. Orationum pro Scauro, pro TtUlio et in Clodium fragm. ined., Ed. 
A. Peyron, Stuttg. 1824. Orationum pro Ttülio, in Clodium, pro Scauro, pro Flacco 
fragm. ined.. Coli. C. Baier, Leipz. 1825. 

d) Einzelausgaben mit Kommentaren: pro Roscio Amerino: Osenbrügoen, 
Braunschw. 1844; Landgraf, Erlangen 1882 und 1884 (Schulausgabe (rotha 1882). — 
pro Roscio com.: C. Ad. Schmidt, Leipz. 1839. — Verrinae: C. G. Zümpt, Berl. 1831. — 
IV et V: Troieas, Paris 1886, 1885. — pro Caecina: Jordan, Leipz. 1847. — De imperio 
Cn. Pompei: Gossrav, Quedlinb. 1854. — pro Cluentio Habito: mit englischen Noten 
von Rajisay, Oxford 3. Ausg. 1883. — De lege agraria: A. W. Zumpt, Berl. 1861. — 



CioeroB rhetorische Schriften. 231 

Catilinariae: Bbkecke, Leipz. 1828. or. I: Boot, Amsterd. 1857. or. IV: Ahbe5s, 
Kob. 1832. — pro Murena: A. W. Zumpt, Berl. 1859. — pro Sulla: Fbotscher, Leipz. 
1831, 1832. — pro Archia: Stübrbnbübo, Leipz. 1832 (deutsch 1839); Thomas, Paris 1883. 

— pro Flacco: DuMesnil, Leipz. 1883. — post reditum: F. A. Wolf, Berl. 1801. — post 
reaitum in senatu: Sayels, Köln 1830; Wagnbb, Leipz. 1857. — pro Sestio: Müller, 
Köslin 1831. — In Vatinium: Halm, Leipz. 1846. — pro Caelio: Vollgraff, Leyden 
1887. — De provinciis cons.: Tisghsr, Berl. 1861. — pro Balbo: Reid, Cambridge 1879. 

— pro Plancio: Wunder, Leipz. 1830; Köpke (Landgraf), Leipz. 1887. — pro Milone: 
Osenbrüggen, Hamb. 1841 (Wirz 1872). — pro Marcello: F. A. Wolf, Berl. 1802; Keller 
(lat. und deutsch), Ratibor 1860 (Programm). — pro Ligario: Soldan, Hanau 1839. — 
orationes Philippicae: Wbbnsdorf 2 Bde., Leipz. 1821 und 1822. 

Hilfsmittel: Merguet, Lexikon zu den Reden Ciceros, Jena 1873 — 1884. 

ß) Ciceros rhetorische Schriften. 

148. Rhetorica. In seiner Jugend verfasste Cicero eine Lehrschrift 
über die Rhetorik, die aber nicht zur Vollendung kam ; denn sie behandelt in 
zwei Büchern nur die Lehre von derErfindung des rednerischen Stoffes. 
Das Werkchen beginnt mit einer allgemeinen Frage, ob die Beredsamkeit 
dem Menschengeschlecht mehr Nutzen oder mehr Schaden bringe. Längeres 
Nachdenken brachte ihn zu dem Satz, dass die Weisheit ohne Beredsam- 
keit den Staaten wenig nütze, dass aber die Beredsamkeit ohne Weisheit 
meistens grossen Schaden, niemals aber Nutzen stifte. Daran reiht sich 
eine Betrachtung über die Entstehung der Kultur; die Weisheit ist die 
Schöpferin derselben, aber ohile Beredsamkeit hätte dieselbe ihr Werk nicht 
vollbringen können. Es folgt dann eine Erklärung für den Missbrauch 
der Beredsamkeit; in den Händen schlechter Menschen führe sie grosse 
Nachteile herbei. Nur im Bunde mit der Weisheit vermag sie Heil und 
Segen zu stiften. Dass hier ein Philosoph spricht, ist nicht zweifelhaft. 
Es kann als ausgemacht gelten, dass es Posidonius ist, dessen Ansichten 
Cicero folgt. Nach dieser Einleitung geht der Autor auf seine Materie 
ein, allein er scheint bald die Freude daran verloren zu haben,') denn das 
genus demonstrativum ist in einem Kapitel, dem Schlusskapitel in Bezug 
auf die vorliegende Materie, behandelt. Seinen Stoflf schöpft Cicero aus 
anderen Schriften ; er spricht sich darüber mit Beiziehung eines Vergleichs 
im Eingang des zweiten Buchs aus; sein Verdienst erblickt er darin, dass 
er von allen Seiten das Beste zusammengetragen. Mehrmals wird Herma- 
goras genannt. Schwierig ist das Verhältnis der Schrift zu dem Auetor ad 
Herennium zu bestimmen. Was aber die Darlegung des Stoflfs anlangt, 
so ist zweifellos, dass Ciceros Schrift keinen Vergleich mit dem genannten 
trefflichen Lehrbuch aushalten kann; sie trägt die Spuren der Flüchtigkeit 
nur zu sehr an sich; später war die Veröffentlichung der Schrift dem 
Verfasser unbequem. Im Altertum wurde die Schrift kommentiert von 
Marius Victorinus im 4. Jahrh. und von Grillius im 4/5. Jahrh. (Orelli 5, 1, 1 ; 
Halms rhet, min, p. 153. — Excerpta ex Grillio Halm 1. c. p. 596.) 

Der Titel Rhetorica ist bezeugt durch die Würzburger Handschrift, welche die Worte 
darbietet: explicit liber rethoricae. Weidner betitelt sie in seiner Ausgabe ars rhetorica, sich 
mit Unrecht stützend auf Quint. 2, 17, 2. öfters citiert Quintilian die Schrift mit rhetorici 
Hhri oder rhetorici (3, 6, 49 3, 11, 10, 3, 11, 18 2, 15, 6), Priscian mit rhetorica (2, 81 u. s. f.). 

Über Posidonius als Quelle der Einleitung handelt Philippson, Fleckeis. J. 138, 417. 



») Vgl. Spenoel, Rh. Mus. 18, 495. 



232 Bömisohe Litteraturgeschichte. I, Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

Er fasst das Resultat seiner Untersuchung p. 422 mit den Worten zusammen: ,es kann 
als sicher gelten, dass Cicero dem Poseidomos im Prooemium gefolgt ist, wahrscheinlich 
auch in seiner Polemik gegen Hermagoras, möglicherweise in dem ganzen Abschnitt über 
die argumentatio* 

Über die Gliederung des Stoffes äussert sich Cicero zusammenfassend 2, 3, 11 primus 
liber, exposito genere huius artis et officio et fine et materia et partibwt, genera conlrover- 
siarum et inventiones continebat, deinde partes orationis et in eas omnes omnia praecepta. 
Quare cum in eo ceteris de rebus distinctius dictum sit, disperse autem de confirmatione 
et de reprehensioney nunc certos confirmandi et reprehendendi in singula causarum genera 
locos tradendos arhitramur. Et quia^ quo pacto tractari conveniret argumentationeSy in lihro 
primo non indiligenter expositum est, hie tantum ipsa inrenta unam quamque in rem ex- 
ponentur simpJiciter sine uUa exornationey ut ex hoc inventa ipsa, ex snperiore autem ex- 
politio inventorum petatur. Quare haeCy quae nunc praecipientur, ad confirmcUionis et re- 
prehensionis partes referre oportebat. 

Die Abhängigkeit von den Quellen sprechen die Worte aus 2, 2, 4 omnibus unum in 
locum coactis scriptoribus, quod quisque commodissime praecipere videbatury excerpsimus et 
ex variis ingeniis excellentissima quaeque libavimus, 

Dass der auctor ad Herennium Cicero vorgelegen, behauptet Bader, de Ciceronis 
rhetoricorum libriSy Greifsw. 1869 p. 6 u. f. yyquem Cicero tdnque ante ocuhs habuity etiam 
in iis lociSy ubi alias artis scriptores secutus est** (p. 17); seine zweite Quelle sei Herma- 
goras (p. 18); Eigenes gebe er so gut wie nicht (p. 23). Ebenso L. Spenoel, Rh. Mus. 
18, 495: „Cicero will überall streng logisch zu Werk gehen und führt viele Dinge als 
wichtig und bedeutend weitläufig aus, während der autor, den er vor sich liegen hatte 
und häufig benutzte, derartiges absichtlich übergeht, weil er es für den angehenden Redner 
nicht praktisch hält; man vgl. 2, 27 — 30 mit de inv. 1, 51 — 77, um sich zu überzeugen, 
dass zwei ganz verschiedene Personen vorliegen, von denen die letztere es immer anders 
und besser machen zu müssen glaubt, es aber gewöhnlich schlechter macht; es ist daher 
eine Gunst des Glücks, dass uns der autor erhalten ist. Es hat den Schein, als wollte 
er ein ganz neues Lehrbuch verschieden von dem seines Vorgängers geben, aber die 
äussere Form täuscht, es ist im Grunde derselbe, nur nicht so einfach und natürlich; daher 
man sich dort besser zurechtfindet und die Sache viel leichter lernt.** Weidner bestreitet 
diese Abhängigkeit von dem auctor und setzt den lezteren später an (Ausg. p. Vlll). 
Die Obereinstimmung erklärt durch eine gemeinschaftliche lat. Quelle (mit Kiesslino) 
Thiele, Quaest, de Cornificii et Cic. artibus rhetor., Greifsw. 1889. Genaueres bei Comificius. 

Für die Abfassungszeit liegt nur ein allgemeines Zeugnis vor: de or. 1,2,5 quae 
pueris aut adolescentulis nobis ex commentariolis nostris inchoata ac rudia exciderunt, 
rix videntur hac aetate digna et hoc usUy quem ex causis, quas diximusy tot tantisque consecuti 
sumus. Philippson (1. c. p. 422) setzt sie in die Zeit nach Ciceros Rückkehr aus Griechen- 
land ; allein diese Hypothese ist schwach begründet und es widerstreitet pueris aut adules- 
Centulis. 

149. De oratore. Die Schrift über den Redner verfasste Cicero im 
J. 55 und widmete sie seinem Bruder Quintus. Sie fallt sonach in seine 
reife Lebenszeit. Sie umfasst drei Bücher, von denen das erste das 
Wesen des Redners und seine Ausbildung, das zweite die Auffindung des 
Stoffs, die Anordnung und die Einprägung, das dritte rednerische Form 
und Vortrag behandelt. Cicero tritt nur in den Proömien zu den einzelnen 
Büchern hervor, zur Durchführung des Themas wählt er die Form des 
Dialogs. Er gibt uns ein Gespräch, welches angeblich auf einem Landgute 
des Crassus bei Tusculum im J. 91 an zwei aufeinander folgenden Tagen 
gehalten wurde, so zwar, dass das erste Buch allein die Unterredung des 
ersten Tags, das zweite und dritte Buch die des ganzen zweiten Tags in 
Anspruch nahm (3, 30, 121). Die Form des Dialogs ist die aristotelische, 
d. h. es findet zusammenhängende Entwicklung statt, nur hie und da durch 
Fragen und Einwürfe unterbrochen. Die Hauptpersonen des Dialogs sind 
L. Licinius Crassus und M. Antonius, die Nebenpersonen die jungen 
Männer P. Sulpicius Rufus, der sich zu Crassus hingezogen fühlte, und 



') Vgl. über die beiden Redner § 75. 



CioeroB rhetorische Schriften. 



233 



C. Aurelius Cotta, der Bewunderer des Antonius, femer am ersten Tag 
noch der Augur Q. Mucius Scaevola,') am zweiten der Sieger über die 
Cimbrer Q. Lutatius Catulus und sein Stiefbruder C. Julius Caesar Strabo. 
Die Hauptpersonen teilen sich so in den Stoff, dass sie zusammen das 
Fundament aufbauen, Antonius den Stoff des zweiten, Crassus den des 
dritten Buchs behandelt. Die Schrift ist die beste der rhetorischen Schriften 
Ciceros. Sie hält sich einmal frei von den dürren Regeln der Schule und 
behandelt die Materie vom Gesichtspunkt des Nützlichen aus, hütet sich 
aber auch, blosser Routine das Wort zu reden. Sie zeigt Begeisterung 
für den Gegenstand und hält den Blick auf das Ganze gerichtet. Nur 
das Kapitel über den Witz (2, 54) tritt so stark hervor, dass man von einem 
Exkurse reden kann. Durch die dialogische Form kommt ein anmutiger 
Wechsel in die Rede, auch können dadurch die verschiedenen Seiten der 
Betrachtung zur Geltung kommen. Dem Ausdruck ist alle Sorgfalt zu- 
gewandt. 

Im Nov. 55 schrieb Cicero an Atticus (4, 13,2): De libris oratoriis factum est a tne 
diligenter: diu muUumque in manibus fuerunt; descrihas licet, 13, 19, 4 sagt er von dieser 
Schrift: sunt etiam „de oratare** nostri tres (libri)y mihi vehementer probati: in eis quoque 
eae persanae sunty ut mihi tacendum fuerity Crassus enim loquitury Scaevola, Anlaniusy Ca- 
tulus seneXy C, Julius y f rater Catuliy Cotta, Sulpicius; puero me hie sermo inducitur, ut 
nullae esse possent partes meae, Quae autem his temparihus scripsiy 'AgiatotiXecoy morem 
hahenty in quo sermo ita inducitur ceterorumy ut penes ipsum sit principatus. Auch über 
diese Schrift gibt Spenoel treffende Bemerkungen (Rh. Mus. 18,495): «Die sprechenden 
Hauptpersonen, Crassus und Antonius, drücken nur die Überzeugung des Verfassers über 
die Rhetorik aus. Cicero, der durch die Macht der Rede seine hohe Bedeutung erlangt 
hatte, wollte sich näher aussprechen, was er für Beredsamkeit halte, was dazu gehöre, 
worin sie bestehe. Die gewöhnlichen Lehrbücher (der autor ad Herennium) galten ihm 
als zu trivial, um sie einer Beachtung wert zu halten, daher er überall dagegen eifert; und 
doch waren sie es, die ihn gross gezogen hatten, und die er noch einige Jahre später in 
der Verteidigung MUos so genau befolgte. In der Person des Antonius belehrt er uns, 
wie er seine Reden technisch ausarbeitete, aber Cicero war mehr; mit grosser Begabung 
verband er ausgebreitete Kenntnisse auf dem Gebiete der Philosophie; er hatte sich in den 
verschiedenen Schulen umgesehen, nicht als Zweck, um einer philosophischen Sekte anzu- 
hängen, sondern nur als Mittel, um seine Rhetorik über die gewöhnliche triviale Kunst zu 
erheben. Im Gegensatze zum Antonius, der sich strenge an sein Handwerk zu halten und 
nicht darüber hinauszugehen scheint, aber auch nur scheint, vertritt Crassus die Rolle 
eines philosophischen Redners, der alles umfasst, was den Redner stärken und erheben 
kann. In der Verachtung der gewöhnlichen rhetorischen Lehrbücher stimmen beide über* 
ein; beide sagen nur, was Cicero selbst will, auch da wo sie einander entgegen sind. 
Wenn Antonius den Crassus und seine philosophischen Tendenzen widerlegt, so soll damit 
nur angedeutet werden, dass man dieses philosophische Studium nicht missverstehe; nicht 
qua philosophus müsse man Philosophie kennen lernen, sondern qiia aratar, . . . Auch der 
dritte Sprecher über iocus und facetiae gibt nur Ciceros Ansichten.* 

150. Brutus de claris oratoribus. Zwischen der Schrift de oratore 
und dem Brutus liegt ein Zeitraum von nahezu zehn Jahren. Die Zeit, 
in welcher der Brutus entstand, war für Cicero eine Zeit der unfreiwilligen 
Müsse, welche ihm das siegreiche Vorgehen Caesars auferlegt hatte. Die 



') Ober den Grund des Verschwindens 
des Q. Mucius Scaevola nach dem ersten 
Gespräch spricht sich Cicero ad Attic. 4, 16, 3 
aus: Quod in iis libris y quos laudasy perso- 
nam desideras Scaevolaey non eam temere 
dimoviy sed fecit idem in noXiteiti deus ille 
noster Plato, der auch den alten Kephalos, 
um ihn nicht so lange an den Gesprächen 
festzuhalten, verschwinden Hess: multo ego 



magis hoc mihi cavendum putavi in Scaevohy 
qui et aetate et valetudine erat eay qua esse 
meministiy et iis honoribuSy ut vix satis de- 
corum videretur eumplures dies esse in Crassi 
Tusculano; et erat primi libri sermo non 
alienus a Scaevolae studiiSy reliqui libri r«/- 
yoXoyiay habenty ut scis: huic ioculatorem 
senem illum, ut noraSy interesse sane nolui. 



234 Römische Litteratnrgeschiohte. I. Die Zeit der Republik. 2. Periede. 

Schrift wurde im J. 46 verfasst. Seit dem Erscheinen des Buchs de ora- 
tore waren aber auch andere, Cicero feindliche rhetorische Bestrebungen 
zur Geltung gekommen. Die Opposition ging von den Jungattikern 
aus. Cicero hatte für seine mühsam errungene rednerische Position zu 
fürchten; er bekämpfte daher die neue Richtung durch mehrere Schriften. 
Zu denselben gehört auch der Brutus, in dem Cicero die Entwicklung der 
römischen Beredsamkeit bis auf seine Zeit gibt. Die Schrift hat die 
Form eines Gesprächs, das zwischen Cicero, M. Brutus und Atticus, ehe 
Brutus nach Gallien ging, im J. 46 stattgefunden haben sollte. Allein 
im Grunde haben wir einen Vortrag Ciceros, der hie und da von den Mit- 
anwesenden unterbrochen wird, um die Sache nach einer andern Seite hin 
zu beleuchten. Es werden ausserordentlich viele Redner vorgeführt; die 
Behandlung derselben ist eine sehr ungleiche, oft erhalten wir nur eine 
Namenreihe mit dürren Bemerkungen, dann fesseln uns wieder glänzende 
Ch3>rakteristiken wie die des Hortensius, auch die Darlegung des eigenen 
Entwicklungsgangs Ciceros flösst uns grosses Interesse ein. Dadurch, dass 
der Verfasser nicht bloss die römischen Redner aufzählt, sondern auch 
charakterisiert und kritisiert, gewinnt er zugleich die Gelegenheit, seine 
rhetorische Richtung zu verteidigen und die nach seiner Ansicht unberech- 
tigten Bestrebungen zurückzuweisen. Die Angriffe richten sich besonders 
gegen die Jungattiker. Da auch Brutus mit dieser Strömung geht (vgl. § 139), 
so verfolgt Cicero zugleich den Zweck, diesen Mann, auf den er in Bezug 
auf die Beredsamkeit die grössten Hoffnungen baut, zu seiner Richtung 
zu bekehren. Durch diese Bezugnahme wird auch „Brutus" im Titel der 
Schrift gerechtfertigt. Für die Gewinnung des Materials dient ihm als 
Leitfaden der Annalis des Atticus, auch annalistische Werke und Varro 
sind benützt. Das Werk ist eines der wichtigsten Denkmäler für die 
römische Litteraturgeschichte. 

Die angesetzte Zeit des Gesprächs des J. 46 ergibt sich aus 46,171; Brutus war 
eben im Begnff, auf die Weisung Caesars hin nach llallien cisalpina abzugehen. Als Brutus 
in Gallien war, schrieb Cicero den Orator, in dem bereits des Brutus gedacht wird (7,23). 

Das Ziel seiner Schrift spricht er klar aus 5, 20 expone nobis quod quaerimits, Quid- 
nam est id? inquam, Quod mihi nuper in Tusctdano inchoamsti de orator ibus, quando 
esse coepissenty qui etiam et quales fuissent. 69, 244 volo hoc perspici^ omnibus conquisitis 
qui in multitudine dicere atisi sint, memoria quidem dignos perpaucoSy verum qui omnino 
nomen habuerint, non ita multos fuisse. In der Aufzählung will sich Cicero auf die Leben- 
den beschränken, vgl. 65, 231 in hoc sermone nostro statui neminem eorum qui viverent 
nominarey ne vos curiosius eliceretis ex mey quid de quoque iudicaremy allein einigemal weiss 
es Cicero doch einzurichten, dass auch Lebende erwähnt werden. 

Der handschriftliche Titel ist Brutus de claris oratoribus. Diese Verbindung von 
einem Eigennamen und der Inhaltsangabe ist eine Eigentümlichkeit der Logistorici Varros. 

Über die Benützung des liber annalis des Atticus vgl. 3, 14 und 15 (Naumann, De 
fonfibus et fide Bruti Cic., Halle 1883 p. 6). Ausserdem citiert er die Annalen des Fannius 
(21,82 87,299). Jordan erachtet es für wahrscheinlich, „dass die Aufzählung der K-edner 
vor den pimischen Kriegen (14, 53 — 57) unmittelbar oder mittelbar sich anlehnt an fingierte 
Reden in einem annalistischen Werke, vielleicht des Valerius Antias** (Hermes 6, 213). 

161. Orator ad M, Brutum. Im Brutus hatte Cicero die Geschichte 
der Beredsamkeit bis zu der Stufe, die er erklommen, zur Darstellung 
gebracht. Schon in dieser Schrift leuchtet der Gedanke durch, dass Cicero 
den Höhepunkt in der römischen Beredsamkeit erreicht. Es galt nun, 
seine rednerische Richtung als die allein berechtigte hinzustellen. Dies 



GiceroB rhetorisohe Schriften. 235 

geschieht in der Weise, dass er ein Bild des vollkommenen Redners, ein 
rednerisches Ideal in der Schrift »Orator^ entwirft. Sie ist auf Aufforde- 
rung des Brutus, der damals Statthalter der Provinz Gallia cisalpina war, 
im J. 46 abgefasst (10, 34) und ihm auch gewidmet. Nach seiner An- 
schauung ist nur derjenige ein vollkommener Redner, welcher alle Töne 
anzuschlagen und für jeden Gegenstand den richtigen Ton zu finden weiss, 
also über alle Stilarten verfügen kann. Damit ist der Standpunkt der 
Jungattiker verurteilt, welche nur den schlichten Stil, das tenue genus 
dicendi, kultivierten. Sehr ausführlich spricht er sich am Schluss über 
den rednerischen Numerus aus. Es ist nicht zweifelhaft, dass er auch in 
dieser Hinsicht Angriffe abzuwehren hatte. Sonach stellt sich auch diese 
Schrift als eine Apologie seiner rhetorischen Kunst dar. Trotz der glän- 
zenden Diktion, welche diese Schrift auszeichnet, erhält der Leser doch 
keinen völlig befriedigenden Eindruck, weil die tiefgehende, prinzipielle 
Gestaltung der Gedanken fehlt. Der Verfasser hielt grosse Stücke auf 
diese Schrift, auch von Quintilian wird sie hoch geschätzt (1,6,18). 

Ep. 15, 20, 1 Oratorem meum — sie enim inscripH — Sabino tuo cammendavi. Nach 
dem Inlialt wird die Schrift einigemal (Ep. 12, 17, 2, ad Attic. 14, 20, 3) durch de optima 
genere dicendi bezeichnet. 

Sein Ziel legt der Verfasser öfters dar z. B. 14, 43 ntdla praecepta ponemus — neque 
enim id suscepimus — sed excellentis eloquerUiae speciem et formam adumhrahimus ; nee 
quibus rebus ea paretur exponemus, sed qucUis nobis esse pideatur. 

Über seinen Idealredner vgl. 21, 69 erit eloquens — is qui in foro caasisque civifibtis 
ita dicetf tU probet, ut delectet, ut flectcU. 29, 100 is est eloquens, qui et humilia subtiliter et 
magna graviter et mediocria temper ate potest dicere, 36, 123 i« erit eloquens, qui ad id, 
quodcumque decebit, poterit aeeommodare orationem. Quod eum statuerit, tum ut quidque 
erit dicendum ita dicet, nee satura ieiune nee grandia mintite nee item contra, sed erit 
rebus ipsis par et aequalis oratio. 29, 102 sucht Cicero an seinen Reden zu zeigen, dass 
er je nach der Sache auch eine verschiedene Darstellung gewählt: nütta est ullo in genere 
laus oratoris, euius in nostris orationibus non sit aliqua, si non perfectio, at eonatus tarnen 
atque adumbratio (103). 

Den Numerus behandelt er, wie er sagt, ausführlicher als irgend jemand vor ihm 
(52, 174 67,226), er disponiert (52, 174): primum origo, deinde eausa, post natura, tum ad 
extremum usus ipse explieetur orationis aptae atque numerosae. — Wuest, De clausula 
rhetoriea quae praeeepit Cieero quaUenus in Orationibus secutus sit, Strassb. 1881. Ernst 
MOllbb, De numero Cireroniano, Kieler Diss. 1886. 

Ep. 6, 18, 4 oratorem meum tanto opere a te probari vehementer gaudes; mihi quidem 
sie persuadeo, me quidquid habuerim iudicii de dicendo, in iUum librum contulisse: qui si 
est talis, qualem tibi videri scribis, ego quoque aliquid sum; sin aliter, non recuso, quin 
quantum de illo libro tantundem de mei iudiei fama detrahatur. 

152. De optimo genere oratorum. Auch diese kleine Schrift steht 
mit der Opposition gegen die Jungattiker in Verbindung. Es handelt sich 
um die Stilmuster. Die Jungattiker verehrten Lysias als ihr Ideal unter 
den attischen Rednern. Cicero sieht das als eine Einseitigkeit an, er macht 
geltend) dass auch Demosthenes zu den attischen Rednern gehöre. Dass 
hier ebenfalls echte Beredsamkeit vorliege, sollte durch eine gut lateinische, 
keineswegs streng wörtliche Übersetzung der Rede des Demosthenes für 
den Kranz und der parallelen Rede des Äschines der römischen Welt ge- 
zeigt werden. Zu dieser Übersetzung bildete das vorliegende Schriftchen 
die Einleitung. Allein von dieser Übersetzung ist uns keine Spur erhalten. 
Es ist daher überhaupt fraglich, ob Cicero sein Vorhaben wirklich ausführte 
und die Vorrede nicht zu einer Zeit gesehrieben ward, in der die Reden 



236 Römiflohe LitieratnrgeBcliiohte. I. Pie Zeit der Republik. 2. Periode. 



noch gar nicht übersetzt waren. *) Der Titel wenigstens hätte wohl anders 
lauten müssen. Über die Zeit des Schriftchens haben wir keine positive 
Angabe; allein da dasselbe eine Ergänzung zu dem Brutus und dem Orator 
bildet, wird es auch in derselben Zeit erschienen sein. 

4, 13 intellegitur, quoniam Graecorum oratorum praestantissimi sint ei qui fuerutU 
ÄtheniSf eorum autem princeps facile DemostheneSy hunc si qui imUetury eum et Ättice 
dicturum et optime. — Sed cum in eo magnus error esset, qucde esset id dicendi genus, putavi 
mihi suscipiendum laborem utilem studiosis, mihi quidem ipsi non necessarium, Converti 
enim ex Atticis duorum eloquentissimorum nobilissim€is orationes inter seque cotUrariaSf 
Aeschini et Demostheni; nee converti ut interpresy sed ut orcUor, sententiis isdem et earum 
formis tamquam figuris, verhis ad nostram consuetudinem aptis; in quibus non verhum pro 
verbo necesse habui reddere, sed genus omne verhorum vimque servavi. Non enim ea me 
adnumerare lectori putavi oporiere, sed tamquam appendere. Hie labor meus hoc adsequetur, 
tU nostri homines, quid ab iUis exigant, qui se Atticos volunt, et ad quam eos quasi formulam 
dicendi revocent, intellegant. Und am Schluss heisst es 7,23: Quorum ego orationes si ut 
spero ita expressero, virtutibus utens ülorum omnibus, id est sententiis et earum figuris et 
rerum ordine, verba persequens eatenus ut ea non abhorreant a more nostro — quae si e 
Graecis omnia conversa non erunt, tamen ut generis eiusdem sint elaboravimus — , erit 
regukiy ad quam eorum dirigantur orationes qui Attice volent dicere, — Philippson, 
Fleckeis. J. 133, 425. 

153. De partitione oratoria (Fartitiones oratoriae). Auch einen 
rhetorischen Katechismus schrieb Cicero, es ist das Schriftchen über die 
rhetorische Einteilung. Dasselbe gibt uns eine kurze Darstellung der 
rhetorischen Begriffe in der Form eines Gesprächs, das zwischen Cicero 
und seinem Sohn auf dem Land gehalten wird. Aber auch hier haben 
wir den Scheindialog, d. h. der Vater dociert, der Sohn streut hie und 
da einige Worte ein. In drei Teilen wird der Stoflf abgehandelt: 1) die 
Lehre von der rednerischen Thätigkeit (1,1 — 7,26); 2) die Lehre von der 
Rede und ihren Teilen (8,27 — 17,60); 3) endlich die Lehre vom Thema 
(18, 61 — Schluss). Die Zeit des leblosen Gesprächs lässt sich nicht sicher 
bestimmen, wahrscheinlich fällt sie in dieselbe Zeit, in der der Brutus und 
Orator geschrieben wurden. 

Die Disposition ergibt sich aus 18, 61 quoniam et de ipso orator e et de oratione 
dixisti, expone eum mihi nunc, quem ex tribus extremum proposuistiy quaestionis locum. 

Da Cicero diese Schrift nicht mehr erwähnt, wollte Angelas Decembrius dieselbe für 
unecht erklären, mit Unrecht vgl. Drumaiw 6, 293. Quintilian citiert bereits dieselbe unter 
dem Namen Ciceros (3, 3, 7). 

154. Ad C. Trebatinm Topica. Die Topik definiert Cicero als die 
Wissenschaft, die Beweise aufzufinden, indem sie uns die Tonoiy loci auf- 
zeigt, aus denen sie gewonnen werden. Es sind dies einmal loci, welche 
in der Sache selbst liegen, oder loci, welche ausserhalb der Sache liegen. 
Die ersten erfahren eine vielfache Gliederung; die Behandlung der zweiten 
ist eine ganz kurze. Mit 21, 79 beginnt eine neue Partie, welche bis zum 
Schluss reicht und mit der Topik nur schwachen Zusammenhang hat 
(vgl. 23, 87). Es ist eine Erörterung über das Thema. ^) Die Beispiele 
sind mit Vorliebe aus dem juristischen Leben entnommen, ohne Zweifel 



Bei Hirtius liegt ja derselbe Vorgang 
vor; vgl. § 122. 

2) Spenoel, Rh. Mus. 18,497: ,Mit § 78 
war erklärt und geleistet, was Trebatius 
wissen wollte; das Weitere hat mit der Topik 
nichts zu thun, sondern ist die Rhetorik und 



ihre Einteilung, die er anderswo schon ge- 
geben hatte; er hatte das Buch zugleich auch 
für das Publikum bestimmt (§ 72) und des- 
wegen für geeignet gehalten, noch anderes 
hinzuzufügen." Daher sagt er 26, 100 plura 
quam a te desiderata erant, sum complexus. 



CioeroB rhetorische Schriften. 237 

aus Rücksicht auf den Adressaten. Eigentümlich ist die Entstehung des 
Schriftchens, über die uns die Vorrede berichtet. Der Rechtsgelehrte 
C. Trebatius befand sich bei Cicero auf dessen Tusculanum; er stiess hier 
in der Bibliothek auf die Topik des Aristoteles. Er fragte Cicero nach 
dem Inhalt der Schrift und als er darüber Aufschluss erhalten, zeigte er 
Verlangen, Näheres über diese Disziplin zu erfahren. Allein von der Lek- 
türe des Buchs schreckte ihn die Dunkelheit desselben ab; ein berühmter 
Rhetor aber, an den ihn Cicero wies, wusste auch nichts von der Sache. 
Cicero machte sich nun selbst an die Bearbeitung der Materie und zwar 
geschah dies auf einer Seereise von Velia nach Rhegium im J. 44, wie 
er hinzufügt, ohne Bücher. Nach der Vorrede sollte man meinen, eine 
Bearbeitung der Aristotelischen Topik vor sich zu haben. Auch sagt er 
Ep. 7, 19 in einem Brief an Trebatius, dass er sich entschlossen habe, die 
„Topica Aristotelia" zu bearbeiten. Allein eine Vergleichung der beiden 
Schriften zeigt, dass dies nicht der Fall ist und dass die ciceronische Topik 
so gut wie nichts mit der aristotelischen gemein hat. Zur Erklärung 
dieses eigentümlichen Widerspruchs werden zwei Ansichten aufgestellt; 
nach der einen hat Cicero bei dem Worte Aristotelia in der Vorrede und 
in dem Briefe nicht auf eine Bearbeitung der aristotelischen Schrift hin- 
weisen, sondern nur ganz allgemein die Topik als eine aristotelische Er- 
findung charakterisieren wollen; nach der zweiten wäre Cicero (im ersten 
Teil) dem Akademiker Antiochus gefolgt und hätte irrtümlich dessen Lehre 
für die aristotelische gehalten. Zu den Topica schrieb Boethius einen 
Kommentar, der bis 20, 77 reicht (Orelli V 1, 269). 

Cicero schreibt Ep. 7, 19 am 28. Juli 44 von Rhegion aus ut primum Velia narigare 
coepi, institui Topica Aristotelea conscribere. — Eum librum tibi misi Rhegio, Top. 1, 5 
haee cum mecum libros non haberemy memoria repetita in ipsa navigatione conscripsi tihique 
ex itinere misi. 

Die Definition der Topik lautet 1, 2 disciplina inveniendorum argumentorumy der 
loci 2, 8 = eae quasi sedes, e quibtts argumenta promuntur. Es heisst weiter : ex eis lociSj in 
quibus argumenta incJusa sunt, alii in eo ipso, de quo agitur, haerent, alii adsumuntur 
extrinsecus. Eine zusammenfassende Übersicht der inneren argumenta erhalten wir 18, 71 
Perfecta est omnis argumentorum inveniendorum praeceptio, ut, cum profectus sis a defini- 
tione, a partitione, a notatione, a coniugatis, a genere, a forma, a similitudine, a differentia, 
a contrariis, ab adiunctis, a consequentibus, ab antecedentibus, a repugnantibus, a causis, 
ab effectis, a comparatione maiorum, minorum, partum, nülla praeterea sedes argumenti 
qwierenda sit und dann geht er auf die argumenta extrinsecus aUata über; de iis pauca 
dicamus. 

Eine Vergleichung der aristotelischen und ciceronischen Topik nimmt ELEDf, De 
fontibus Topic, Cic., Bonn 1844 (p. 25) vor und erhält das Resultat (p. 83) : multum, quod 
ad summam vel caput attinet artis dialecticae, utraque topica inter se differre nemo est, quin 
intellegat. Auch im einzelnen zeigen sich tiefgreifende Unterschiede, vgl. p. 35 — 48. Dieser 
Thatsache stehe weder die Vorrede noch Ep. 7, 19 entgegen, denn (p. 54) nequaquam per verha 
illa (Ep. 7, 19) vel in topicorum prooemio iudicavit sua topica esse compendium commenta- 
Humve Aristotelicorum librorum. Dagegen hält Wallibs, De fontibus Topicorum Ciceronis, 
Halle 1878 p. 48 fttr die Quelle des ersten Teils der Topica (bis c. 21) den Akademiker 
Antiochus, der seine Topik als aristotelisch hingestellt; auch Cicero sei dieses Glaubens 
gewesen (p. 46). Der Versuch Uaxmess, De Cic. Topicis, Landau 1879, eine grössere An- 
zahl von Stellen auf die aristotelische Topik zurückzuführen, ist nicht gelungen (p. 5 — 17). 

Von den rhetorischen Schriften Ciceros sind die wertvollsten und an- 
mutigsten die Werke de oratore, Brutus und der Orator, lauter Schöpfungen 
seines reiferen Alters. Alle diese drei Schriften sind von dem Gedanken 
getragen, dass die ciceronische Beredsamkeit die höchste Stufe der römi- 



238 Bömiflche Litieratnrgeschiolite. I. Die Zeit der Republik. 2. Periode. 

sehen repräsentiere. In der Schrift de oratore geben Antonius und 
Crassus nur die Ansichten Ciceros wieder; auch der Abschnitt über den 
Witz ist ciceronisch. Im Brutus und im Orator nimmt diese Darlegung 
seiner Beredsamkeit zugleich einen apologetischen Charakter an. Eine 
wesentliche Förderung der Theorie ist durch die rhetorische Schriftstellerei 
Ciceros nicht bewirkt worden. Wenn es sich um scharfe Begriflfsbestim- 
mung handelt, finden wir grosse Mängel. Allein in der populären Behand- 
lung, in dem Hervortreten des Persönlichen, in der schönen Sprache ruht 
die grosse Anziehungskraft dieser Schriften. 

Überlieferung der rhetorischen Schriften Ciceros: Für die Rhetorica sind 
die massgebenden Handschriften der Wirceburgensis s. IX, der Parisinus nr. 7774 A s. IX und 
der Sangallensis s. IX. Für die Schrift de partitione oratoria ist die reinste Quelle der 
Parisinus 7231 s. X (Stböbel p. 12), für die Topica die zwei Leydner 84 und 86 s. X. (das 
handschriftl. Material haben vermehrt Stanol, Ba3rr. Gynmasialbl. 18, 1 durch zwei Münchner, 
zwei Bamberger, vgl. auch Haxmeb, De Cicer, Topicis p. 30), für den Traktat de optimo 
genere oratorum der StGallener 818 s. XI. Die übrigen rhetorischen Schriften sind durch 
ein gemeinsames Schicksal miteinander verbunden. Im J. 1422 wurde in Lodi eine Hand- 
schrift aufgefunden, welche die Kenntnis der rhetorischen Schriften Ciceros bedeutend er- 
weiterte. Bis dahin hatte man die Bücher de oratore und den Orator nur in unvollständi- 
gem Zustand, den Brutus aber kannte man gar nicht. Durch diese Handschrift erhielt mau 
zum erstenmal den bis dahin unbekannten Brutus und den Orator und de oratore in voll- 
ständiger Fassung. Diese Handschrift (Codex Laudensis) ist aber wieder verloren gegangen. 
Aus einem Brief Lamolas (vgl. Wochenschr. f. klass. Philol. 1886 nr. 24) ergibt sich, dass 
nach einem apographon die drei rhetorischen Schriften verbreitet wurden. Lamola machte 
sich eine genaue Abschrift nach dem Original. Die Auffindung dieser Kopie wäre von 
grösster Bedeutung. Aus dieser Textesgeschichte ergeben sich die Grundzüge der Rezension. 
Für Brutus handelt es sich lediglich xan Wiederherstellung des Codex Laudensis; hiefÜr 
erachtet Heerdeoen, Fleckeis. J. 1885 p. 110 drei apographa desselben (im Gegensatz zu 
Stanol) als ausreichend: Ottobonianus 1592, Ottobonianus 2057 und den Florentinus J 1, 14. 
Vgl. auch Stroebel, Wochenschr. für klass. Philologie 1886 nr. 29. Für den Orator ist 
als Repräsentant der verstümmelten Überlieferung der Codex aus Avranches 238 (Abrin- 
censis A) zu betrachten ; für die Restituierung des Laudensis zieht Heerdegen herbei den 
Codex Florentinus J. 1, 14 (F), den Codex Vaticanus Palatinus 1469 (P), endlich den Codex 
Ottobonianus 2057 (0). Für die Schrift de oratore sind neben dem Abrincensis auch noch 
der Harleianus 2736 s. IX/X, den Friedrich (QuaesL in Cic, Uhr. de oratore p. 5) höher stellt 
als den erstgenannten, und der Erlangensis 848 s. X selbständige Repräsentanten der Codices 
mutili (Stroebel, De Cic, de oratore lihrorum codicibus mtUilia, Erl. 1883 p. 48), Haupt- 
repräsentanten der auf den Laudensis zurückgehenden Codices integri: Ottobonianus 2057 
und der Vaticanus-Palatinus 1469. (Sabbadini i codici deW opere rettoriche di C, Rivista 16, 97.) 

Litteratur mit Auswahl: 3f. 71 Ciceronis artis rhetoricae Hbri II, Rec. A. Wbidneb, 
Berl. 1878. (Über die alten Hdschr. Ströbel, Philol. 45, 469.) — De oratore. Ed. Ellendt, 
Königsberg 1840 (Hauptausgabe). Ausgabe von Sorof in 3 Bänden (Weidmann), von 
Piderit-Harneoker (Teubner), beide mit deutschem Kommentar. M. T. Cic. de oratore 
WUh introduction and notes by S. Wilkins lib. I, Oxford 1879, Hb. II 1881. — 
M. T. Ciceronis Brutus, Ed. Ellendt, Königsb. 1825 und 1844 mit einer succincta elo- 
quent iae Romanae usqtte ad Caesares historia, von Peter, Leipz. 1839, von Stanol, Leipz.- 
rrag 1886 (vgl. dazu Simon, Krit. Bemerk., Kaisersl. 1887). Treffliche erklärende Ausgabe 
von 0. Jahn (Eberhard) bei Weidmann. Von Piderit ebenfalls mit deutschem Kommentar 
(Teubner). — M. T. Ciceronis Orator, Ed. Peter und Weller, Leipz. 1838. Ed. Heerdegen 
(treffliche Rezension), Teubner 18^. Ed. Stangl, Leipz., Prag 1885. Gute erklärende 
Ausgabe von 0. Jahn (Eberhard) bei Weidmann ; von Piderit bei Teubner. — De par- 
titione oratoria, mit deutschem Kommentar von Piderit (Teubner). Ströbel, Zur Hand- 
Bchriftenkunde und Kritik von Cic. Partit. orat,, Zweibr. 1887. — Das Schriftchen de optimo 
genere oratorum ist von 0. Jahn hinter dem Orator herausgegeben. 

y) Ciceros Briefe. 

155. Die erhaltenen Briefsammlungen. Aus der grossen Masse 
der Briefe Ciceros sind uns zwei Gruppen erhalten, eine Qeneralkorrespon- 
denz und drei Spezialkorrespondenzen. 



CioeroB Briefe. 239 

Die Generalkorrespondenz führt gewöhnlich den Namen ad fami- 
liäres, eine Bezeichnung, die von Stephanus herrührt, früher Wessen sie 
epistolae familiäres, später epistolae ad diverses. Allein diese Titel haben 
in der massgebenden Überlieferung keine Gewähr ; dort werden die einzelnen 
Bücher nach dem ersten Adressaten bezeichnet ; ein allgemeiner Titel fehlt. 
Die Generalkorrespondenz hat 16 Bücher, welche die Zeit von 62—43 um- 
fassen. In dieser Briefsammlung finden sich neben den ciceronischen Briefen 
auch solche, die von anderen an ihn gerichtet sind. So besteht das ganze 
Vni. Buch lediglich aus Briefen des M. Caelius an Cicero; das X. Buch 
bietet uns eine stattliche Anzahl von Briefen des L. Munatius Plauens, 
das XI. eine Reihe von Briefen des D. Brutus. Auch von M. Cato, C. Gas- , 
sius, Asinius Pollio, M. Lepidus u. a. finden sich Briefe in der Sammlung. 
Wie im VIII. Buch haben wir bloss einen Adressaten im III. Buch, das nur 
Briefe an Ap. Claudius Pulcher, im XIV. Buch, das nur Briefe an die 
Terentia und die übrige ciceronische Familie, endlich im XVL, das nur 
Briefe der ciceronischen Familienglieder an Tiro (ausgenommen 16) enthält. 
Alle übrigen Bücher vereinigen Briefe verschiedener Adressaten in sich. 
Das XIII. Buch enthält lediglich ciceronische Empfehlungsbriefe. 

VonSpezialkorrespondenzen sind uns drei Sammlungen überliefert. 

1) die Briefe Ciceros an seinen Bruder Quintus in 3 Büchern. 
Man erwartet einen grösseren Briefwechsel, allein auch dem Altertum 
lagen nicht mehr Briefe vor. Sie reichen von 60 — 54. 

2) die Briefe an Atticus in 16 Büchern. Sie umfassen die 
Zeit von 68 — 43. Auch in dieser Sammlung haben wir als Beilagen oder 
Einlagen Briefe von andern Personen z. B. des L. Cornelius Baibus, des 
Cn. Pompeius Magnus und einige Briefe Ciceros an andere. 

3) Der Briefwechsel zwischen Cicero und M. Brutus aus dem 
J. 44. Derselbe erscheint in den bisherigen Ausgaben in zwei Büchern. Die 
Briefe des ersten Buchs sind uns handschriftlich überliefert ; bezüglich der 
5 (nach alter Zählung 7) Briefe des II. Buchs sind wir aber nur auf die 
Basler Ausgabe des Cratander vom Jahre 1528 als Quelle angewiesen. Als 
IL Buch hat diese Cratandrischen Briefe erst Schütz gegeben. Allein es 
steht fest, dass diese 5 Briefe früher sind als die des sogenannten ersten 
Buchs — diese schliessen sich zeitlich genau an jene 5 Briefe an — und 
dass alle diese Briefe zusammen das IX. Buch einer Briefsammlung ad 
Brut um bildeten. Die handschriftlichen Spuren eines solchen noch jene 
5 Briefe enthaltenden IX. Buchs lassen sich nachweisen. Es ist daher 
zweifellos, dass Cratander diese 5 Briefe, wie er sagt, einer Handschrift 
entnommen hat. Die Briefsammlung umfasst 15 Briefe Ciceros an M. Bru- 
tus, 7 Briefe des M. Brutus an Cicero, 1 desselben an Atticus. Mit den 
Spezialkorrespondenzen ist noch verbunden 

ein Brief Ciceros an Octavian, über dessen Unechtheit kein 
Zweifel sein kann. 

Der Briefwechsel zwischen Cicero und M. Brutus wurde angezweifelt. Zum erstenmal 
erklärte der Engländer Tuvstall im Jahre 1741 die Briefe für unecht. Von seinen Lands- 
leuten trat auf seine Seite Mabklaiyd, während Middlston opponierte. Seitdem war lange 
Zeit die Unechtheit der Sammlung fast Axiom, his K. F. Hebhantt in mehreren Abhand- 
lungen der Jahre 1844 und 1845 die Frage wieder aufnahm und den echten Ursprung der 



240 Römische LitteratnrgeBchichte. I. Die Zeit der Repablik. 2. Periode. 

Briefe verteidigte. Allein er drang nicht durch. In neuester Zeit kam besonders durch 
CoBET (1879) wieder Leben in die Streitfrage. Mit grosser Wärme verfocht er die Echtheit. 
Wahrscheinlich angeregt durch Cobets Abhandlungen, machte nochmals P. Meter den 
Versuch, in der ausführlichsten Weise das Verdammungsurt^il der Engländer zu recht- 
fertigen. Allein seine Abhandlung ffihrte den entgegengesetzten Erfolg herbei. Fast all- 
gemein wird jetzt die Echtheit der Briefe angenommen. Nur in einem Punkt herrscht 
noch Meinungsverschiedenheit. Nippebdey hatte gelegentlich (Abb. der sächs. Geselbch. 
1865 p. 71 Anm.) die Meinung ausgesprochen, alle Briefe der Sanunlung seien echt, aus- 
genommen die Briefe 1, 16 imd 1, 17. Diese Ansicht wurde dann genauer begründet von 
R. Hein^e, mit der Erweiterung, dass auch 1, 15, 3 — 11 unecht sei von Güblitt, endlich von 
0. E. Schmidt. Dass die Ausscheidung von 1, 15,3 — 11 höchst bedenklich und unnötig ist, 
hat des Näheren 0. E. Schmidt dargethan (Fleckeis. J. 129 [1884] 635). Allein auch die 
Zweifel bezüglich der Briefe 1, 15 und 1, 16 sind keineswegs gerechtfertigt. Hier hängt 
alles davon ab, ob diese Briefe auch dem Plutarch (oder vielmehr seiner Quelle), Brut. c. 22, 
Cic. 45 vorlagen oder nicht. Die Übereinstimmungen sind derart, dass dies meines Er- 
achtens nicht geleugnet werden kann. In diesem Fall aber müssen wir unsere zwei Briefe 
der Zeit des Brutus imd Cicero möglichst nahe rücken. Aber auch die anderen Briefe 
verraten eine solche Kenntnis der damaligen Zeitgeschichte, dass ihre Entstehung in die 
allernächste Zeit nach Brutus und Cicero fallen müsste. Allein damals wäre der Betrug 
schwerlich unbeachtet geblieben, selbst den Fall angenommen, dass alle echten Briefe der 
Sammlung verloren waren und der Fälscher die 9 Bücher, nicht bloss das IX. Buch unter- 
schoben hätte. Aber das Altertum weiss nichts von einem solchen Betrug, selbst die 
vielangeführte Stelle Plutarchs (Brut. 53) beruht nur auf einer Schlussfolgerung des Autors, 
nicht auf einer Thatsache. Weder sprachlich noch sachlich geben die Briefe Anlass zu 
Bedenken, die unübersteiglich wären. 

Neuere Litteratur: Standpunkt der Echtheit: C. F. Hermakn, Vindiciae Latini- 
taiis epistolorum etc., Gott. 1844; Epimetrum Gott. 1845. Zur Rechtfertigung der Echtheit 
u. s. w. 2. Abt., Gott. 1844. Cobet im VIT. Bd. (1879) der Mnemos. Ruete, Die Korrespondenz 
Ciceros 44 und 43, Marb. 1883. — Unechtheit: P. Meyeb, Untersuchungen über die Frage 
der Echtheit des Briefwechsels Cicero ad Brutum, Stuttg. 1881. Becher, de Ciceronis — 
ad Brutum epistulis, Harb. 1886. Ober die Sprache der Briefe ad Brutum Rhein. Mus. 37, 576, 
Philol. 44, 471. — Teilweise Unechtheit: R. Heine, Quaestionum de Ciceronis et Bruti 
mutuis epistulis cap, duo, Leipz. Dissert. 1875. Gublitt, Die Briefe Ciceros an M. Brutus, 
IV. Supplementb. des Philolog. p. 551. Drei Suasorien in Briefform im V. Supplementb. 
des Philolog. p. 591. Schirmer, Über die Sprache des M. Brutus, Metz 1884. Streng, de 
Cic. ad Brutum epistölarum libro II, Helsingfors 1885 (p. 8). — Die Frage der Überliefe- 
rung behandeln Gurlitt, Der Archetypus der Brutusbriefe in Fleckeis. Jahrb. 131 (1885) 
561. Wermuth, QiMestiones de Ciceronis epistularum ad M, Brutum lihris IX. Basel 1887. 
Man vgl. auch noch 0. E. Schmidt, Die hdschr. Überlief, der Atticusbriefe p. 279. 

156. EDtstehung der Briefsammlungen. Ausser den erhaltenen 
Briefsammlungen Ciceros besass das Altertum noch eine Reihe anderer; 
es werden citiert ad Axium 1. II, ad Pansam 1. III, ad Hirtium 1. IX, ad 
Caesarem u. a. Bezüglich der Entstehung der Sammlungen sind wir fast 
nur auf Vermutungen angewiesen. Wir wissen, dass Tiro nach einem 
am 9. Juli 44 an Atticus gerichteten Brief (16, 5, 5) eine Sammlung von 
etwa 70 Briefen beisammen hatte, und dass Cicero für eine spätere Publi- 
kation derselben seine Fürsorge in Aussicht stellte. Allein da Cicero am 
7. Dez. 43 ermordet wurde und die unruhige politische Lage in der Zwi- 
schenzeit ihn ganz in Anspruch nahm, so ist eine Herausgabe des Brief- 
wechsels zu seinen Lebzeiten sehr wenig wahrscheinlich. Vom Briefwechsel 
an Atticus kann gezeigt werden, dass derselbe geraume Zeit nach Ciceros 
Tod veröffentlicht wurde. Als nämlich Asconius seine Kommentare zu 
Ciceros Reden schrieb, kannte er diesen Briefwechsel nicht ; der Philosoph 
Seneca (ep. ad Luc. 97 und 118) dagegen kennt ihn. Derselbe wird also 
erst etwa 60 n. Ch. erschienen sein. Wegen der vielen Urteile über Poli- 
tik mag die Herausgabe nicht rätlich erschienen sein, sie blieben daher im 
Archiv des Atticus liegen, wo sie Cornelius Nepos mehrere Jahre vor 



Cicero« Briefe. 241 

Atticus Tod für eine Herausgabe wohlgeordnet gesehen hatte*). So werden 
auch andere Korrespondenzen Ciceros erst später von den Adressaten oder 
deren Erben aus den Hausarchiven an das Licht der Öffentlichkeit gezogen 
worden sein. Schwierig ist das Verhältnis der Generalkorrespondenz zu 
den Spezialkorrespondenzen festzustellen. Man hat die Generalkorrespondenz 
als einen Auszug — wenigstens zum grössten Teil — aus den Spezial- 
korrespondenzen hingestellt; allein dann müsste die grösste Willkür und 
der grösste Unverstand bei der Auswahl geherrscht haben. Auch lässt 
sich von manchen Briefgruppen zeigen, dass sie so gut wie keine Lücken 
zeigen. Ein anderes Verfahren, die Schwierigkeit zu lösen, besteht darin, eine 
Sammlung, welche sowohl die Generalkorrespondenz als die Spezialkorrespon- 
denzen umfasst, und einen Sammler anzunehmen ; in die Generalkorrespondenz 
sei aufgenommen worden, was nicht als Spezialkorrespondenz zu erscheinen 
geeignet war. Allein bei dieser Anschauung begreift sichs nicht, wie trotz der 
vorhandenen Spezialkorrespondenzen doch noch Briefe, die dahin gehörten, in 
der Generalkorrespondenz erscheinen konnten. So gab es eine Sammlung der 
Briefe an M. Brutus, und trotzdem finden sich in der Generalkorrespondenz 
Briefe an denselben Adressaten. Nonius citiert 1, 435 M. eine Stelle aus 
1. I ad Cassium, diese Stelle findet sich auch in der Generalkorrespon- 
denz 15, 16, 3, es finden sich aber auch noch andere Briefe an Cassius in 
der Sammlung. Am besten lösen sich die Schwierigkeiten, wenn wir die 
Generalkorrespondenz als die erste Sammlung betrachten, der dann die 
Spezialkorrespondenzen als Ergänzungen folgten. Es liegt ja in der Natur 
der Sache, dass man zunächst bestrebt war, nur einmal zu geben, was 
man an Korrespondenzen Ciceros auftreiben konnte. Wer diese erste 
Sanmilung unternommen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Man 
hat auf Tiro geraten; und dessen Autorschaft hat auch viel Wahrschein- 
lichkeit für sich, da er ja wirklich eine Sammlung Ciceronischer Briefe 
veranstaltet hatte. Immerhin ist auch mit dem Fall zu rechnen, dass 
Sammler und Herausgeber, wie bei den Briefen an Atticus, nicht zusam- 
menfallen. Die Sammlung, sowie sie uns vorliegt, ist von dem Ordner 
nicht nach einem einheitlichen Prinzip gestaltet. Überwiegend ist zwar 
der Adressat für die Anordnung bestimmend gewesen, allein für das XIIL 
Buch ist der Inhalt Norm geworden. Durch successive Entstehung der 
Sammlung erklärt sich diese Diskrepanz am leichtesten. 

Litteratur: L. Gurlitt, de Ciceronis episttdis, Götting. Diss. 1879 entscheidet sich 
nach dem Vorgang K. F. HsBMAims für eine Sammlung und einen Sammler (mit Aus- 
nahme der Briefe an Atticus), vgl. p. 4. Die Excerptentheorie für die Mehrzahl der Bücher 
ad familiäres vertritt B. Nake, historia critica Ciceronis epistularumy Bonn 1861, vgl. p. 19. 
Die Priorität der Generalkorrespondenz behauptet F. Hoffmann, Ausgew. Briefe Ciceros, 
Einleitung. Vermittelnd Leighton, historia critica Ciceronis epist. ad famiLy Leipz. Diss. 
1877. Die Publikation des Briefwechsels ad Att. nach Asconius deduziert Bücheleb, Rh. 
Mus. 34 (1879) p. 352—355 aus Asconius p. 76 K. defensus est Catilina etc. 

Gurlitt, Nonius Marcellus und die Cicerobriefe, Steglitz 1888 verwirft eine Brief- 
sammlung ad C. J. Caesarem und nimmt nur eine ad Caesarem d. i. Octavianum (vgl. aber 
L. Müller, Nonius 2, 203, 26) an; auch die Briefsanmilung ad Pompeium 1. IV erklärt er 



*) Com. Nep. 25, 16 eum (Atticum) prae- 
cipue dilexit Cicero, — Ei rei sunt indicio 
praeter eos libros in quibus de eo facit men- 
tionem, qut in vulgtis sunt editi, sedecim Vo- 



lumina epistularum ab consulatu eius usque 
ad extremum tempus ad Atticum missarum; 
quae qui legat non muUum desiderahit histo- 
riam contextam eorum temporum. 



Handbuch der klan. AlicriumswiBBenwhaft. vni. 16 



242 BömiBohe Litteratnrgeschichte. I. Die Zeit der Bepublik. 2. Periode. 

fi&r einen Irrtum; eine solche sei nie veröffentlicht worden; im obigen Citat Nonius 1, 435 M. 
tilgt er 1. 1. 

167. Charakteristik. Die Worte Goethes »Briefe gehören unter die 
wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Was 
uns freut oder schmerzt, drückt oder beschäftigt, löst sich von dem Her- 
zen los ; und als dauernde Spuren eines Daseins, eines Zustands sind solche 
Blätter für die Nachwelt immer wichtiger, je mehr dem Schreibenden nur 
der Augenblick vorschwebte, je weniger ihm eine Folgezeit in den Sinn 
kam**, geben uns den Standpunkt für die Wertschätzung der Briefe an. 
Unsere Briefsammlungen enthalten allerdings eine Menge Briefe, welche 
nicht bloss für den Adressaten, sondern auch für weitere Kreise bestimmt 
waren. Diese Briefe fesseln uns durch die feine Kunst der Berechnung 
und die hohe stilistische Vollendung. Muster dieser Gattung dürfte sein 
der Brief Catos an Cicero Ep. 15, 5 und dessen Antwort 15, 6. Der grösste 
Teil dagegen, besonders die an Atticus gerichteten, sind ohne Rücksicht 
auf die „Folgezeit** geschrieben. Diese Dokumente spiegeln daher das 
Seelenleben Ciceros mit seinen Schwächen, Schwankungen, Kleinlichkeiten 
und Eitelkeiten in einer Weise, dass die guten Seiten ausserordentlich 
zurücktreten. Man wird kaum, wenn man diese Briefe gelesen, von Cice- 
ros Persönlichkeit eine hohe Meinung festhalten können. Ausser Cicero 
lernen wir aber noch eine stattliche Schar anderer Berühmtheiten jener 
Zeit aus den Briefen kennen. In dieser Hinsicht sind uns besonders die 
Briefe sehr willkommen, welche nicht von Cicero herrühren. Die Indivi- 
dualität der Briefschreiber tritt in der Regel klar zu Tage, man lese nur 
die Briefe des leichtfertigen Caelius, den schönen Brief des Matius Ep. 1 1 , 
28, die anmutige Erzählung des Juristen Sulpicius Rufus Ep. 4, 12. Über- 
haupt sind die Briefe, welche sich vom Jahr 68 — 43, allerdings nicht un- 
unterbrochen, erstrecken, eine reiche Fundgrube für die Zeitgeschichte, 
wenn wir auch viel Kleinliches dabei in den Kauf nehmen müssen. Eben- 
so fallt auf das litterarische und soziale Treiben der damaligen römischen 
Gesellschaft durch die Briefe ein helles Licht. Endlich sind die Samm- 
lungen für die Erkenntnis des lateinischen Briefstils und der römischen 
Umgangssprache die Hauptquelle. Wir haben hier den Brief in allen 
seinen Formen vor uns; es begegnet uns das rasch hingeworfene Billet, 
die sich gehen lassende Plauderei, das abgemessene, wohlerwogene, für die 
Öflfentlichkeit bestimmte Schreiben, der in festem Geleise sich bewegende 
Empfehlungsbrief, endlich sogar die Abhandlung in Briefform. Die Um- 
gangssprache mit ihrer Beimengung griechischer Brocken zeigt uns den 
grossen Abstand von der Schriftsprache. 

Geschichte der Oberlieferung der Briefe. Die Überlieferung der General- 
korrespondenz erfolgt getrennt von der der Sjpezialkorrespondenzen. In Italien knüpft sich 
die Wiederauffindung der Ciceronischen Briete an den Namen Petrarca. Derselbe stiess 
in Verona etwa 1340 auf eine Handschrift, welche Ciceronische Briefe enthielt; nach seinen 
Citaten waren es die Spezialkorrespondenzen. Diese schwer leserliche Handschrift schrieb 
Petrarca mit eigener Hand ab. Weder Original noch Kopie ist erhalten. Etwa 1390 hatte 
der florentinische Staatssekretär Coluccio Salutato erfahren, dass der Herzog von Mailand, 
Visconti, Handschriften aus den Bibliotheken von Verona und Vercelli erhalten und dass 
unter diesen Handschriften auch die von Petrarca benützte Cicerohandschrift sich be- 
finde, femer dass eine Handschrift von Vercelli Ciceronische Briefe enthalte. Als nun 
Salutato um eine Abschrift Ciceronischer Briefe bat — er hielt die Sammlungen der beiden 



Cioeros philosophische Sehriften. 243 

Handschriften Mr identisch — und sie empfing, waren es ganz andere Briefe als die Petrarca 
bekannt gewordenen; es war die Generalkorrespondenz. Nun liess sich Salutato auch die 
Yeroneser Handschrift, d. h. die Spezialkorrespondenzen abschreiben. Beide für Salutato 
gemachten Abschriften sind uns erhalten, das apogr. des Veronensis in cod. 49, 18 der 
Lanrenidana und das apogr. des Vercellensis im cod. 49, 7. Beide hielt man bisher 
irrig für Kopien von der Hand Petrarca